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Joseph Bullmann |
Licht und
Schatten
Chronik von St.
Willibrord in Kellen
1933 - 1945
Ein Tagebuch von
Pastor Bullmann
Ehrendechant
Herausgeber:
Cellina (Heimatverein), vermutlich 1990
Hinweis
in eigener Sache:
Ich
habe mich erfolglos bemüht evtl. Rechte Dritter an diesem Bericht
zu ermitteln. Eine Anfrage an Cellina blieb unbeantwortet.
Andererseits sind die Ausführungen von Pastor Bullmann ein
herausragendes Zeitzeugnis für das Leben und Denken in unserer
Region während des Nationalsozialismus. Es ist m. E. im Interesse
von Bullmann, dass dieser Bericht über das Internet einer breiten
Leserschaft zur Verfügung steht.
Ich
bitte um Mitteilung an
Rainer.Hoymann@niederrheinlande.de
wenn
ich mit der Veröffentlichung irgendwelche Rechte verletze. Ich
werde den Artikel sofort aus dem Angebot nehmen.
Hinweis
zur Bucherscheinung von Wolfgang Dahms am 27.08.2010.
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eMail von Herrn
Johannes Stinner vom 29.11.2007:
... Die mir
vorliegende Ausgabe (aus "Familienbesitz") besitzt auch
einen grauen Einband (Paperback, 117 S.) mit einer graphischen
Gestaltung in Schwarz und Rot (verfremdet zu lesen: Licht +
Schatten). Nach dem Erscheinungsbild möchte ich mutmaßen: Ende
50er bis Anfang 60er Jahre. Ein Impressum ist vorhanden, aber kein
Hinweis auf Cellina: "Den Umschlag fertigte Bildhauer und
Kunstmaler Waldemar Kuhn, Emmerich. Alle Rechte vorbehalten. Druck
Carl Lenders, Kellen". Kein Erscheinungsjahr! Wenn Cellina
diese Ausgabe neu herausgeben hat, versteht es sich, dass der
Verein daran kein Copyright haben kann. Ich sende einen Scan des
Umschlags (das Foto können Sie ggf. gerne in Ihre Seite
aufnehmen).
Vielen Dank,
Herr Stinner!
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1. Teil: 1933 - 1942 (den
2. Teil finden Sie hier)
Vorwort zu „Licht und Schatten"
von Wilhelm Haas
Immer konturschärfer, überzeugender und
beängstigender wächst der Menschheit die Erkenntnis zu, dass der II.
Weltkrieg - von Deutschland verursacht - eine, wenn nicht die furchtbarste
Katastrophe der bisherigen Menschheitsgeschichte gewesen ist, unter deren
Folgen wir heute noch leiden. Diese Tatsache zwingt viele Menschen zum
Nachdenken und Studium der Ursachen, Motive und Impulse, die zu dieser
Weltkatastrophe führten. In Deutschland fehlt es bislang weitgehend an
„Schuldliteratur" der Verursacher, der Mitläufer und vieler
irgendwie daran Beteiligter. Auch im niederrheinischen Raum fehlt es aus
der Zeit 1933-1945 weithin an Originalliteratur. Trotz Chronikpflicht der
Pfarrer und Schulleiter ist die historisch-literarische Hinterlassenschaft
insgesamt mager. Viele Chroniken wurden Opfer des Krieges, der Bomben und
Granaten oder auch der Ängstlichkeit bzw. der Verantwortungslosigkeit.
Sie wurden vernichtet oder „entnazifiziert", d.h. neu geschrieben.
Nicht so die Pfarrchronik von St.
Willibrord Kellen - geschrieben von Dechant Bullmann. Er wagte „in
schwerer Zeit" eine umfangreiche Chronik zu schreiben und sie später
(z.T. gekürzt) als „Tagebuch" bzw. als „Biographie einer
Gemeinde" herauszugeben. Ein mutiges Wagnis und großes Verdienst!
Die Chronik ist nach 45 Jahren zu einem wichtigen Zeitdokument geworden.
In ihr (und nur in ihr) ist beispielsweise dokumentiert, dass auch Bürger
aus Kellen Opfer der Euthanasieaktion Hitlers wurden. Für manch' andere
historische Tatsache dieser apokalyptischen Zeit ist und bleibt diese
Chronik wichtiges und oft nur einziges Dokument. Anschaulich spiegelt sich
in ihr die Alltäglichkeit der „Weltkatastrophe'' in einem
niederrheinischen Dorf, das seit Willibrords Zeiten (+ 739) „viel
Geschichte" erlebt hat.
Der Verfasser hofft, dass die oft nur flüchtig
hingeworfenen Skizzen dem Leser etwas von dem „Sinn aller
Geschichte" - auch der jüngsten - aufleuchten lassen. Die Zeit 1934
-1945 erlebt ein wacher niederrheinischer Pfarrer so
dramatisch-apokalyptisch, dass er für sich und seine Gemeinde die
Sinnfrage der Geschichte stellt. Wahrhaft, für diese Zeit eine notwendige
Frage, ein notwendiges Tun! Cellina glaubt, dass die Weltkatastrophe II.
Weltkrieg - erlebt in einem niederrheinischen Dorf - dargestellt von einem
wachen, kritischen den Sinn aller Geschichte erwägenden Geist - es
rechtfertigt, neu herausgegeben zu werden, aber auch deshalb, weil die
Vergegenwärtigung der Vergangenheit aus vielerlei Gründen heute
notwendig ist.
DIE ANSAGE
Es sind Dokumente der Zeit von 1934-1945,
die wir auf Drängen guter Freunde preisgeben. Wer von Seite zu Seite
behutsam blättert, und zwischen den Zeilen zu lesen versteht, dürfte
sich immer wieder aufs Neue in dem Bewusstsein gestärkt fühlen, dass
auch selbst nach dem Erlöschen des Friedens eine geistige fruchtbare
Spannung innerhalb der Pfarre und der Gemeinde trotz fast täglicher
Hemmung und Schwierigkeit verblieb.
Wievieler Improvisation und Erfindung
bedurfte es damals, das Ganze und Auseinanderstrebende in der Gemeinschaft
zusammenzuhalten. Durch diesen, seltsam vom Widerstreit und Einklang gefüllten,
im letzten unausschöpflichen Bereich, bewegt sich der Strom, der über
die Blätter unserer umfangreichen Pfarrchronik dahinfließt. Oft nur,
„um es los zu werden", um das Herz auszuschütten und sich zu
befreien; manchmal auch, um geistige Ordnung und Übersicht in der
Wirrnis der turbulenten Tage zu behalten, zuweilen gar nur aus Lust am
Fabulieren! So wuchs Einzelnes zum Ganzen, wovon aus besonders gefüllter
Zeit eine Auswahl aufgetischt sei.
Ein schmucklos Gehäus, das seinen Wert
einzig dadurch, ausweist, dass es ganz aufgeht sinnvoll in den Dienst der
Wahrheit und des Lebens. Vielleicht grüßen manche Gestalten und Schemen
aus den Zeilen wie alte Bekannte, die eines schweren Weges Genossen waren.
Aus dem Rembrandt'schen Hell-Dunkel einer halbvergessenen jungen
Vergangenheit steigt vor dem Leser auf eine wirkliche, irgendwie
miterlebte Zeitspanne, in der die inneren Überzeugungen hart miteinander
rangen, Gesinnung oft wie ein Rock gewechselt wurde, und Enttäuschungen
und die Nöte der Herzen unsere Besten im Volke zerquälten.
Wir haben rein Persönliches beiseite
gelassen und manche Namen gestrichen. Warum verharschte Wunden bluten
lassen und Sentiments wecken! Die hier dargebotene Chronik umfasst etwa 10
Jahre und spannt einen Bogen von der Zeit beginnend, da wir fast noch ein
Dorf waren, bis dahin, da wir, (wie manche sich etwas herablassend ausdrücken),
beinahe über Nacht und wider Willen Vorstadt geworden waren.
DAS SPIEL
1933
1934
27. Juni 1934
Pfarrer Peter van de Locht starb am 24.
April 1934. Neun Jahre war er Pastor an St. Willibrord. Man rühmte ihm
nach verschwenderische Mildtätigkeit, Eifer ohne Maß, Geschick im Umgang
mit Menschen. Da ich ihn nie gesehen, noch gehört, muß ich sein Bild wie
ein Mosaik, aus vielen kleinen Berichten, zusammensetzen:
Als Priester, glühend und gläubig, von
eigenwilliger und tapferer Prägung! Niederrheiner, im Denken, Fabulieren
und Gehaben! Dabei Idealist vom reinsten Wasser: er zieht als Missionar in
die rauhe Rhön, wird Erbauer der ersten modernen Kirche, den Widersachern
zum Trotz. Seine Originalität überdeckt und überwindet alles
Banausentum. Vielseitig und nicht unbewandert auf den Wegen der
Heimatgeschichte, von gutem künstlerischem Geschmack und Urteil,
entwickelt er sich zum beachtlichen Historiker und füllt als Sammler die
weiten Räume des Pastoratums mit erlesenen Stücken. Eine Münzsammlung,
mehrere Gemälde von Wert, römische Keramiken und schöne Fayencen machen
die verwunschene Behausung zu einem wahren Museum.
Ein liebevoller Mensch! Aufgetan für
alles Gute, wuchs er zu einer eigenartigen einmaligen priesterlichen Persönlichkeit,
dessen Leidenschaft für das Bedürftige, Schwache, ja Defekte helfend
entbrannte und dessen Frömmigkeit und bis zum letzten Atemzuge sich
verzehrende Arbeitskraft alles durchglühte. Seine Nächstenliebe ist über
jedes normale Maß gegangen; er brannte, die Welt mit Liebe zu erobern.
Seit dem Bau von Kirche und St.
Willibrordhaus überangestrengt, gab er sich ohne Schonung den Aufgaben
und Lasten des täglichen Werkes hin und arbeitete bis an sein Ende mit
der müden Beharrlichkeit, die für Erschöpfte charakteristisch sein
kann. Er verausgabte sich im letzten Jahr in einer unerhörten
Fruchtbarkeit und Fülle.
Da er starb, ließ er das Fenster nach Süden
öffnen und umfasste mit letztem liebendem Blick die alte Kirche und den
Baum davor, der zum ersten Male in Goldregen prangte.
Am 26. Juni wurde ich sein Nachfolger.
Der neue Pastor wurde eingeführt!
29. Juni 1934
Einige Tage nach der kirchlichen Einführung
fand im Saale Tenhaaf, am Abend von Peter und Paul, eine allgemeine Begrüßung
und Feier statt. Der Saal fasste nicht die Menschen. Es wurden viele Reden
gehalten und gesprochen von hohen Schulden, die Kirche und Willibrordhaus
bedrückten; was für den neuen Pastor zwar nicht sehr erbaulich zu hören
war. Fast alle Reden schlössen mit dem frommen Wunsch: „Das walte
Gott." Dazwischen spielte ein Orchester und sangen, geführt vom
Dirigenten van Brakel, die Sänger und Sängerinnen des Cäcilienchores
den Wiener Walzer von Johann Strauß: „Rosen aus dem Süden". Sogar
auf Wunsch von Kaplan Spielmanns ein zweites Mal!
So stieg ich ein in mein Pfarramt, mit
bescheidenem Flügelschlag und ohne überschäumende Entwürfe, mich und
mein Tun der Vorsehung anheim stellend.
1934
Am freien Abend habe ich in der großen
Pfarrbibliothek erste Entdeckungsreisen gemacht. So kam es, daß ich lange
zwischen den Büchern in der schmalen Stube blieb. Ich entdeckte einen
wertvollen Frühdruck von 1510 und eine etwas spätere Heiligenlegende,
die der Herr Baron von Nesselrode seinen lieben, ehrwürdigen Töchtern,
Nonnen zu Marienbaum, zu geistlichem Nutzen zu lesen und betrachten
empfahl und vieles anderes, was das Herz eines Bücherfreundes warm machen
konnte. Zuletzt fand ich noch die alten Kirchenbücher, schmale in
Pergament gebundene Verzeichnisse von rund 1650 an über alle Taufen,
Hochzeiten und Toten, sorglich von den Pfarrern eingetragen. Und alles,
was die Pfarre und die Finanzierung der Kirche betrifft, das stand in
alten Kirchenrechnungen; die Grenzen, die Pachtländer, die Zahlungen für
Wachs und Öl. Es war, als sprächen Jahrhunderte zu mir, und stünden die
Toten wieder auf aus ihren Grabhügeln.
Juni 1934
Mein erster Kranker war der alte Ehrenbürgermeister
Robert Hortmann. Er wohnte am Damm in seinem fast schlossähnlichen weißen
Gebäu auf dem durch beste Weiden ausgezeichneten Hof tom Berge. Schon am
Tage meiner Einführung brachte man die Kunde von seinem Fieber, und so
habe ich mich bald aufgemacht. Ein großer Mann mit modischem, gewaltigem
Schnurrbart (a la Wilhelm II.), mit klugen Augen, fing er an, vom
Krankenbett aus den Vorhang der Vergangenheit zu lüften und mir Rezepte für
Gegenwart und Zukunft freundlich zuzustecken.
Dann haben wir aber auch die ewigen Dinge
gründlich miteinander besorgt. Bald darauf ist er in Frieden gestorben.
Der zweite Kranke wohnte in unmittelbarer
Nähe der alten Kirche, der Urvater eines ganzen Volkes, Stephan Verheyen.
Er hatte die eiserne Hochzeit gefeiert, und mein Vorgänger, Pastor van de
Locht, hatte sich die Mühe gemacht, seinen Stammbaum aus den Kirchenbüchern
rückwärts bis um 1650 mit Stamm, Ästen und Zweigen zusammenzusetzen.
Nun aber sollte er sterben. Er nahm sich
aber viel Zeit dazu, und oftmals habe ich ihn noch viele Monate lang in
Treuen versehen.
1. Juli 1934
Es scheint in diesen Tagen das Rad der
Geschichte um ein wesentlich Stück gedreht zu sein. Die Schüsse, die
viel braves Menschenleben freventlich auslöschten, (die Presse spricht
von „Röhmputsch"),
sind weithin vernehmbare Zeichen der Sinnlosigkeit und Brutalität, die
das neue Regime, das „Dritte Reich" einleiten.
Gott ist unsere Hoffnung in den kleinen
und großen Untergängen, die wir aus der Nähe und aus persönlicher
Verbundenheit mit den Opfern schmerzlich erleben oder wie in Visionen
schauen!
Jetzt müssen wir den Weg vom ersten Akt
bis zum fertigen Schauspiel gehen! Wir selbst sind es, die den Vorhang
hochzogen und viele aus uns haben im voraus reichlich Beifall geklatscht.
„Am Ende ist immer das Fällige, was einem Volke auch zufällt."
—
29. Juli 1934
Allgemeine Kollekte für die Hungersnot
in Russland — oftmaliger Appell an die Opferfreudigkeit der Gemeinde zur
Minderung der Bauschuld. Auf der Kirche lasten 80.000 M Bauschulden. Die
Lage des Willibrordhauses ist ungeklärt, da die Zivilgemeinde trotz
Zinsgarantievertrages Schwierigkeiten wegen weiterer Zahlung der Zinsen
erhebt. Der verwegene und lächerliche Vorschlag des Bürgermeisters, das
Haus der Zivilgemeinde abzutreten, wird vom Pfarrer strikte abgelehnt.
Juli 1934
Ich habe schon Streifzüge durch die neue
Pfarre gemacht. Am Sonntagnachmittag führte mein Weg zum erstenmal über
den Banndeich. Die Landschaft, die sich da vor meinen Blicken auftat, stieß
wahrhaftig an den Himmel. Ich kann mir denken, dass sie den Menschen
dieser unendlichen Fernen auf die letzten, die religiösen Maßstäbe
verweist.
Der blaue Himmel wölbt sich gewaltig;
die Sonnenscheibe, ein wenig in Dunst gehüllt, zittert in ihrem Kranz. So
schlicht und demütig liegt das menschenleere Land. Ein schlafend, grünes
Meer, in dem die schwarzen, langgestreckten Gehöfte mit ihren weiten,
flachen Scheunen wie träumende Barken erscheinen. Und in all dem
Konkreten und Wirklichen die kleinen Kirchen mit gotischen, spitzen Türmen,
wie Wegweiser und Zeugen der anderen Welt, die durch die hiesige Welt der
Weite und Ferne vorgebildet ist.
Ich steige den breiten Weg hinab in die
Wiesen. In der gelben Pracht des Lichtes stellen sie sich wie schlafend;
darüber segeln weiß und von Winden aufgebauscht lustige Wolkenfregatten.
Eine herrliche Sommerlandschaft in reicher und zufriedener Gelassenheit!
Nur vereinzelte Weidenbäume breiten ihre Zweige aus, um den erhitzten
Tieren Schatten zu schenken. Hier herrscht friedlich buntes Leben;
schwarzweiße Kühe, sanftmütig, wiederkäuend und friedlich, dazwischen
Fohlen, zutraulich das sammetweiche Maul in die gestreckte Hand des
Wanderers legend. Mit vollen Zügen genießt die Herde ihren Frieden in
der unberührten Abgeschiedenheit und Schönheit der Natur. Plötzlich,
wie auf ein heimlich durchgegebenes Kommando zieht der ganze Tross langsam
von dannen, der Durst macht sich bemerkbar und das kühle Nass des in der
Weide stehenden Kolkes lockt.
September 1934
Warum ging es in der Seelsorge?
Es kam uns vor, als ob wir einen übermächtigen
Ruf vernommen und ihm mit allen Fibern des Herzens antworten müßten.
Wir haben in unseren Ansprachen oft
unsere Gläubigen verwiesen auf Christus und versucht, die Mauer der
hemmenden Vorurteile zu durchstoßen. Unser in-Christus-Sein und unser
ohne-Ihn-nichts-Können, darum ging es Kaplänen und Pastor in der
Seelsorge und darum haben sie gerungen.
1935
17. September 1935
Kellen, so klein es war, hatte in seiner
Weise auch Teil an der großen Geschichte. Etwas von der frühen römischen
Vorzeit vermochte man in dem Teil, den man Alt-Kellen nennt noch nachspüren.
Und für die angelsächsische Missionierung im 7. Jahrhundert stand St.
Willibrord mit seiner alten Kirche noch als Zeuge.
Das Leben in einer kleinen Gemeinde hat
seine besonderen Vorteile, man lebt hier schneller ein und entdeckt bald
die Gemeinschaft. Da sind die Ärzte, Lehrer, die paar Schankwirte, die
Arbeiter im blauen Kittel, die Bauern und die beiden Barbiere, die in den
Wartezeiten für Unterhaltung sorgen, alle des höchsten Interesses wert.
Aber die Mächte, die im Geiste immer mit zugegen sind, kommen aus den
Jahrhunderten und aus aller Geschichte herbei. Ja, wer könnte die
Geschichte eines Dorfes schreiben, ohne dass es eine großartige
Geschichtsmonographie würde.
22. September 1935
Seit unvordenklichen Zeiten zieht
wiederum eine Pfarrprozession nach Kevelaer. Der Hinweg von der Kirche zum
Bahnhof und umgekehrt wird von der Polizei verboten. Es weht schon überall
„ein neuer Wind", ein „scharfer Duft". 550 Fahrkarten!
1936
24. August 1936
Seelenamt für die in Spanien Gemordeten;
auch ein Zeichen der Zeit.
6. September 1936
Viktorstracht in Xanten. Große
Glaubenskundgebung. Bischöfe von Münster und Mecheln sind erschienen!
Klemens August hält eine ergreifende Predigt. Viele Gläubige auch
unserer Gemeinde sind bei der Feier. Ein Sonderzug von Kleve aus fährt am
6. und beim Abschluß am 11. Oktober.
3. September 1936
Die Priestersamstage als Opfer- und
Gebetstage werden betont; zunächst wird im Mütterverein besonders
geworben und im allgemeinen von der Kanzel. Bei den Haussammlungen stoßen
wir auf Schwierigkeit bei der Partei.
20. September 1936
Heute und am nächsten Sonntag sind
Rekrutenexerzitien. Sie finden künftig öfter noch statt, in Freudenberg
und später im Kapuzinerkloster.
4. Oktober 1936
Erntedank! In der neuen Kirche hängt der
Erntekranz! Auf dem Opfertisch liegen Brot, Trauben, Wachs, Linnen, auch
ein neues Messgewand. Opfergang ist in einer hl. Messe. Appell an die Gläubigen,
außerhalb des Gotteshauses in Maß und Zucht zu feiern.
Draußen herrscht die Parole: „Trinkt
deutschen Wein"! 3 Fuder liegen auf dem Sportplatz in der Sonne
bereit, eine
ganze Gemeinde in Rebensaft zu ertränken.
Umzug der Bauern und Melker und dann Tanz in allen Sälen um Blut und
Boden bis zum Hahnenschrei.
20. Dezember 1936
Als Widerhall der quälenden, sogenannten
„Sittlichkeitsprozesse" wird zur Steuer der Wahrheit in der Kirche
verteilt ein Broschürchen: „Ärgernis in der Kirche?"
1937
21. Februar 1937
Ein Hirten-Wort des Bischofs zur
Bekenntnisschule! Die Angriffe dagegen werden häufiger und massiver.
7. März 1937
Ein Heftchen über die katholische Schule
wird an der Kirche verteilt. „Die Entscheidung kann, wie anderenorts,
durch Abstimmung plötzlich gefordert werden. Unterschreibet nichts, was
den rechtsgültigen Abmachungen mit dem hl. Vater im Konkordat widerspräche!"
14. März 1937
Unser Kirchenblatt ist in ganzer Auflage
beschlagnahmt worden: wegen Ablehnung einer für uns untragbaren Zumutung.
Kirchenbesucher: am Sonntag: 2594
27. Juni 1937
Die Fronleichnams-Prozession zieht noch
wie sonst. Jedoch wird verboten: Fahnen zu hissen. Den Lehrern und
Lehrerinnen wird die Aufsicht über die Kinder verboten. Freiwillige
Helfer und Helferinnen springen ein und übernehmen die Ordnung. Die Lage
wird schwieriger ! Die Schrauben werden spürbar angedreht.
3. Juli 1937
Firmung durch den hochwürdigsten Herrn
Weihbischof Heinrich Roleff! Die Schulen erhalten Befreiung vom Unterricht
— noch. Es darf in kirchlichen Farben geflaggt werden. Triumphbögen
werden zum Empfang errichtet: Ecke Emmericher Straße Hermann-Göring-Straße
und an der alten Kirche bei Diedenhoven und Henseler. Noch während der
kirchlichen Feier der Firmung müssen an der Emmericher Straße die Fahnen
eingezogen werden. Die Anlieger der alten Kirche, die der Bischof erst
gegen Mittag besucht, weigern sich, die Flaggen und Bögen vor 3 Uhr
nachmittags zu entfernen. Mit Erfolg!
Radfahrer und Reiter holen den Bischof in
Kleve ab beim Dechanten. Landrat und Bürgermeister von Kleve verbieten:
das Einreiten in Kleve. Der Bauernführer von Kellen, Gregor Dahmen, Voßhof,
setzt sich ein für alte Kellener Bauern-Rechte. Daraufhin wird das Verbot
zurückgezogen. Willibrord Maasakkers, seit Jahrzehnten Rittmeister bei
kirchlichen Reiterzügen, reitet zum letzten Male! Die freundliche populäre
Art des Weihbischofs findet überall Begeisterung und laute Zustimmung.
18. Juli 1937
Nächsten Sonntag großer
Caritas-Sonntag. Die Sammlung ist nur in der Kirche erlaubt. Der Erfolg
ist sehr gut. Opferbeutelchen werden von Priestern eingesammelt. In der
ersten Messe ist Opfergang der Gemeinde zum Altare.
22. August 1937
Nach einer amtlichen Mitteilung wird der
gesamte lehrplanmäßige Religionsunterricht an der Volksschule mit
Wirkung vom 31. August nicht mehr durch Geistliche, sondern durch Lehrer
und Lehrerinnen erteilt werden. „Für die bisherige Erteilung durch die
Geistlichen spricht der Herr Regierungspräsident den Pfarrgeistlichen
seinen Dank aus"!
Ein Schreiben des Hochwürdigsten
Bischofs dazu!
Eine tief einschneidende, für die religiöse
Erziehung der Jugend noch nicht abmeßbare Entscheidung. Praktisch ein
Dokument der weiter fortschreitenden Entchristlichung des öffentlichen
Lebens. Annullierung des Reichskonkordates! Wo bleibt die katholische
Schule ?
31. Oktober 1937
Wir geben von den Kanzeln bekannt: Die
Jungmännervereine sind („als staatsgefährliche Organisationen")
von der geheimen Staatspolizei aufgehoben. Kasse bei Kaplan Ortner wurde
beschlagnahmt. (40 Pfennig Bestand). Hausuntersuchung bei Jan van Rooy,
dem Kreisjugendführer! Seine gute Bücherei wird beschlagnahmt. Das
Pfarrheim wird polizeilich geschlossen und versiegelt; desgleichen darin
Schrank, Klavier, Tische und 24 Stühle.
28. November 1937
Die Zivilgemeinde fordert uns auf, den
Raum für die Borromäusbibliothek (auf der Empore der Turnhalle der
Willibrordschule), ehestens zu räumen. Wir mieten zwei geeignete Räume,
Emmericher Straße. Zeichen der Zeit! Was wird noch kommen ?
15. Dezember 1937
Im Stil eines sonst fast ausgestorbenen
Typus amtierte als Küster, Organist und Kantor zu unserer Zeit noch
Heinrich Kr.
Gestützt auf die Erfahrung und den
vertrauten Umgang mit 3 Pfarrern wandelte er seinen apostolischen Weg
sicher, in freimütiger Selbsteigenheit und Kühnheit. Viel schwere
Erlebnisse und Schicksalsschläge hatten ihm das Lachen verlernen lassen.
So liebte er tiefgründige Gespräche, vorzüglich solche, die an die
Grenze von diesseitiger Wirklichkeit und Ewigkeit führten.
Oft grübelte und bohrte er hinein mit
krausen Gedankengängen in die Rätsel und Geheimnisse des Lebens und
wurde nie ganz fertig mit dem Sinn und scheinbaren Unsinn der Geschichte.
Er hätte am liebsten selbst einmal Vorsehung gespielt und das
Durcheinander wie er meinte — geordnet.
Eigentlich passte er in diese Welt
schlecht hinein und litt an einem Pessimismus, der keinem Wesen ein gutes
Ende zutraute. Er kleidete sich in dunklem Anzug, hielt auf Kontinuität
in Riten und kirchlichen Gewohnheiten und es hätte schon des einhelligen
Beschlusses eines römischen Konzils bedurft, an der bisher von ihm
festgesetzten Zahl der Kerzen auf dem Altar wesentliches zu ändern. Im
Staub der Orgelbühne vergilbten Texte und Notenbücher, bibliophile Raritäten,
die als willkommene Unterlagen zum Sitzen eher denn zum Singen benutzt
wurden.
Die Jahreszeiten kamen und gingen,
brachten Blüte und Frucht, Sturm und Schnee über die alte Kirche. Sie
zerfiel und wurde fast zur Ruine. In all dem marschierte er 30 Jahre
tapfer mit. Nichts änderte seinen Schritt und er trug den Anteil und die
Last der Verantwortung — zwischen Pastor und Lehrer — als dritter
Vater der Gemeinde in Würde und Klugheit.
Wissenshungrig hat er sogar über manchem
Buch gesessen und trug das Gelesene mit sich im Herzen und versponnenen
Sinnes durch seinen kleinen Tag auf den von ihm bevorzugten Feldwegen und
schmalen Wiesenpfaden. Er simulierte über alles in seiner Weise nach und
legte sich einen Vorrat und Bestand an von frommem Wissen, ohne deshalb
ein lästiger Eiferer oder Rechthaber zu sein.
In seinem Orgelspiel bevorzugte er eigene
Zutaten und versah die Kirchenlieder mit musikalischen Schlusskadenzen,
barockem Geschnörkel und Rankenwerk. Er war ein echtes Original, ein
Organist und Küster eigenen Geistes, ausgerüstet mit der Gabe der
Erfindung und musikalischer Improvisation bescheiden dörfischen Ausmaßes.
Seinem einzigen Sohn vererbte er viel von
seinem Wesen und das Beste, was er hatte, sein musikalisches Ingenium!
1938
26. April 1938
Die Kommunionkinder erhalten zum ersten
Male keine Befreiung von den ersten Schulstunden am Tage nach dem Weißen
Sonntag. Sie gehen schon 7 Uhr zur hl. Messe und zur hl. Kommunion und
werden vor Schulbeginn von den Schwestern des Willibrordhauses mit
Milchschokolade und Kuchen festlich bewirtet.
8. Mai 1938
Einkehrtag der Bauern in Freudenberg für
die Dekanate Kleve—Goch. Glänzender Besuch und Verlauf. Die Bauern sind
noch auf dem Posten!
9. Mai 1938
Den Kindern wird zu den Religionsstunden
der Schule durch die Lehrer, die in einigen Klassen hapern, zunächst eine
zusätzliche Religionsstunde der Geistlichen gegeben. Der Besuch ist
anfangs gut, zeigt aber Schwierigkeiten an den auf freien Nachmittagen
liegenden Stunden.
Den Eltern wird an den Kirchtüren die
ausgezeichnete Schrift ausgehändigt: „Wie erziehe ich meine Kinder im
christlichen Glauben?" Die Kollekte ist erstmalig für Kinder- und
Jugendseelsorge!
9. Juni 1938
Die Fronleichnamsprozession zieht auf den
alten Wegen wie bisher. Fahnen und Fähnchen in Kirchenfarben sind nun
auch verboten. Man schmückt sinnig mit Kränzen am Haus. Sprüche nach
Entwürfen von Elly Brösch-Bonn, von unserem Paramentenverein gefertigt,
tauchen überall auf.
24. Juli 1938
Caritassonntag.
11,5 feierliches Levitenamt zum Abschied
von Herrn Kaplan Ortner, der nach St. Ludger-Duisburg versetzt ist.
Abends 8 Uhr ist zum Abschied eine feine
Priesterfeierstunde bei Braam. Der große Saal ist überfüllt. Alle
Vereine wirken mit und lassen ein gutes, liebes Dankeswort sagen. Die
Polizei hat nach langen Verhandlungen die Festversammlung gestattet und
ist dem Wirt hinterher unfreundlich draufgesessen!
21. August 1938
Der Bischof hat uns zwei neue tüchtige
Kapläne auf einmal geschenkt: Josef Ranneberg, bisher in Heeshen-Hamm und
Heinrich Schillmöller. Neupriester und musikalischer Mann dazu. Er wird
auch den Kirchenchor übernehmen. Der bisherige Dirigent, Herr van
Brackel, unter Druck gesetzt, glaubt als Beamter auf dem Bürgermeisteramt,
zurücktreten zu müssen. In der Zwischenzeit hilft ein fixer Presbyter
von Freudenberg aus. Wie auch sonst oft, ist Freudenberg Helfer und Retter
in der Not! Ein vergelt's Gott den braven Herz-Jesu-Priestern!
23. Oktober 1938
Rekruteneinkehrtag in Freudenberg wird
gehalten von einem Kriegsteilnehmer als Exercitienmeister. Persönlicher
Besuch der Jungmänner durch Pfarrgeistliche zu Hause. Ein letzter Abend
der Eingezogenen beim Kaplan R., zusammen mit den übrigen Geistlichen.
—
Aufruf an die Eltern zu besserem Besuch
ihrer Kinder am Religionsunterricht.
Bitte um Opfer für die Pfarrbücherei:
„Werdet Mitglieder!" Die Bücherei wird gut geleitet vom
buchkundigen und belesenen Kaplan Schillmöller, während Kaplan Ranneberg
die Jugend und die Führung der Kinder beim Gebet und Gesang während der
Gottesdienste opfervoll übernimmt.
16. November 1938
Maria Opferung als Büß- und Bettag ist
noch immer arbeitsfrei. Unser Kirchweihtag! Levitenamt mit mehrstimmigem
Chor. Kollekte für die Peter-van-de-Locht-Stiftung.
Seit dem Jahre 1935 setzt die Bemühung
des Pfarrers ein für die Restaurierung der alten Kirche. Der Herr
Provinzialkonservator wird auf den kunstgeschichtlichen Wert des seltenen
frühromanischen Bauwerks aufmerksam gemacht und auf die Gefahr des
Zerfalls. Der Pfarrer bemüht sich zunächst um die Hauptsache, die
Herstellung der Dächer. Besuche des Provinzial-Konservators Graf
Wolff-Metternich und der Herren Bauräte Wildemann, Dr. Schorn, Dr.
Neuhaus und Assistent Dr. Pfitzner. Klassische Reiseberichte des Herrn
Wildemann in den Akten! Herr Baurat Pfeiffer, (vom Kreis) unterstützt
wesentlich die Angelegenheit, desgleichen Bürgermeister Marx, Kellen.
Die bischöfliche Behörde fördert das
Werk.
In 3 Abschnitten soll die vollständige
Herstellung der gesamten Kirche erfolgen.
1. Dächer
2. äußere Wiederherstellung
3. innere Wiederherstellung.
Für die Dachherstellung übernimmt
freudig Baurat Pfeiffer die Leitung. Der von der Denkmalspflege
zugelassene Dachdeckermeister Hemmers, Goch, wird mit der Ausführung
beauftragt.
|
| Die
Finanzierung: |
|
| 1000,00
M |
Provinz |
| 1000,00
M |
Kreis |
| 500,00
M |
Zivilgemeinde |
| 1000,00
M |
Generalvikariat |
|
|
Der Rest wird aus kirchlichen Sammlungen
bestritten. Im Jahre 1937 bis zum Herbst hinein wird die gesamte Bedachung
bis auf das südliche Schiff erneuert. Da das Holz sehr schadhaft
geworden, sind auch umfangreiche Zimmermannarbeiten nötig. Ausgeführt
durch Oenings und Companie. Gesamtkosten 7000,— M. Die Bedachung in
alter deutscher Deckung, lebendig ohne Langweile findet Beifall des
Provinzialkonservators. Inzwischen laufen ununterbrochen schon die Bemühungen
für äußere Restaurierung. Dr. Schorn, der Emmerichs St. Martin
gesichert und hergestellt, bemüht sich persönlich sehr.
Die Herstellung der alten kleinen Fenster
wird bewilligt, aber zunächst noch vertagt. Während der Arbeiten macht
Dr. Bader, der in Bonn und Xanten die Krypten hergestellt, sich einen Tag
lang Mühe um letzte Erkenntnisse. Er bestimmt das Alter des Schiffes in
Analogie mit St. Georg und zum Teil Maria im Kapitol, (in Köln) auf 1040.
Das Jahr 1938 bringt viel Mühe um
weitere Zuschüsse. Sie werden bewilligt: Bischof 1000 RM, Provinz: 1000
RM. Antrag an den preußischen Staat, vorbereitet von Dr. Pfitzner-Bonn.
Es wird 1939: ohne entscheidende Zusagen. Herr Pfeiffer am Landratsamt ist
versetzt ; leider fehlt es nun dort an Sachverständigen.
Um das Jahr 1939 nicht müßig zu vertun,
wird die Mauer um den Friedhof gebaut. Günstig ist: die staatliche
Sammlung von Eisenstanketten zur Verschrottung „für das
Vaterland." Wir bieten 100 m Eisenschrott an und stellen gleichzeitig
Antrag an den Kreis um Zuschuss von 700 M für denkmalpflegerische neue
Mauer. Ober-Regierungsrat Schüller und unser lieber Freund Architekt
Heinrich Sauren, beide beim Preußischen Staatshochbauamt Kleve, leihen
ihre Unterstützung. 700 M werden nach anfänglichem Sträuben bewilligt.
Ein schönes Mäuerchen unter Aufsicht
der Herren vom Staatshochbauamt, wird gebaut. Die Kosten erhöhen sich auf
892,81 RM. Maurerarbeiten: von Jansen & Cie. Kellen.
Die am 24. April 1939 vom Minister für
kirchliche Angelegenheiten bewilligten 2000 RM können 1939 nicht verbaut
werden. Westwall
und Arbeitermangel hindern den
Beginn. Außerdem ein äußerer Grund: der Pfarrer erkrankt und muss sich
einer Operation im Juli 1939 unterziehen, im Antonius-Hospital, die ihn
bis in den Herbst behindert.
|
| Inzwischen
haben sich die Baumittel angesammelt. |
| 2000 RM |
vom Staat |
| 1000 RM |
von Provinz |
| 1000 RM |
vom Bischof |
| 1000 RM |
von Zivilgemeinde |
| 1000 RM |
von Kirchengemeinde |
| 6000 RM |
|
|
| Weitere
Anträge laufen!
Eines der alten romanischen Fensterlein
wird freigelegt und durchbrochen. Regierungs-Baurat Wildemann besichtigt
voll Freude und Begeisterung den interessanten Bestand und widmet ihm
einen Reisebericht. In der Tat ein ungewöhnlicher Befund! Spärliche
verschwammte Holzrahmenteile aus dem II. Jahrhundert; die Falz, in denen
der Rahmen gesessen hat, ist noch genau zu erkennen. 13. Juni 1939.
Die Werksteine zur Wiederherstellung der
alten Fenster und Auffüllung der ausgebrochenen späteren Fensterhölen
werden bestellt am 28. September 1939 in Mayen. (Firma Bender).
8. Dezember 1938
Fest Maria Empfängnis ist jetzt
Arbeitstag, Schultag. „Steuert der Verweltlichung unserer Feste und
haltet, soweit möglich: Arbeitsruhe! Macht euch frei für eine hl. Messe!
Für die Arbeitsverpflichteten, abends 6 Uhr."
Wir sammeln in der Kirche für eine
Krippe.
Heute starb Willibrord Maasakkers, der
„letzte Reiter", ein aufrechter Bauer und ganzer Christ. R. i. p.
25. Dezember 1938
Weihnacht, noch in gewohnter Pracht.
Die neue Krippe aus Lindenholz, leicht
koloriert, hat Meister Johannes Wehrenberg, Münster i. W„ geschnitten.
Sie findet ungeteilten Beifall. Kosten 500 RM.
1939
1. Januar 1939
„Gott allein weiß, was der Sinn
unserer Sorgen ist. In seine Hände legen wir unsere Schläfen!"
|
| Einwohner |
5070 |
|
apostolisch |
16 |
| Katholiken |
4632 |
|
gottgläubig |
25 |
| evangelisch |
375 |
|
glaubenslos |
1 |
| neuapostolisch |
21 |
|
|
|
| Aus der Kirche traten
aus und nennen sich gottgläubig |
9 |
| getauft wurden |
105 |
|
Kommunionen |
70500 |
| getraut wurden |
33 |
|
(die Mission) |
|
| es starben |
41 |
|
|
|
|
| Vom
alten Jahr ins neue geht die brennende Sorge um die religiöse Erziehung
der Jugend.
6. Januar 1939
Dreikönige: Arbeitstag, Schultag. Die
hl. Messen werden entsprechend umgelegt. Die Profanierung des öffentlichen
Lebens wird bewusst von der Partei erstrebt.
22. Januar 1939
Die Eltern der Schulentlassungsknaben (7.
und 8. Jahrgang) erscheinen auf freundliche Einladung hin im
Willibrordhause. Besprechung der Lage und herzliche Bitte um Mithilfe in
der Erziehung der Kinder.
Für die Schulentlassenen bemüht sich
sehr Herr Kaplan R. in Bibelabenden im Heim, die später diskret in die
Kaplanei verlegt werden. „Heim" ist ein Raum unter der neuen
Kirche, der auch zu Unterrichtszwecken neben der Nähstube und dem Flur
des Willibrordhauses, benutzt wurde.
5. Februar 1939
Lichtbildervortrag für Männer:
„Marienleben". Der Arbeiterverein, der bisherige Hauptmännerverein
hat wenig Nachwuchs, da die Doppelmitgliedschaft mit der Arbeitsfront
verboten ist. Zur Arbeitsfront muß jeder auf einem Industriewerk Beschäftigte
sich melden: obligatorisch. Die Sterbekasse des Arbeiter-Vereins hält
aber immerhin noch 70—90 Mitglieder zusammen. Nachwuchs von jüngeren
Leuten hat aufgehört. Darum auch wohl ist der Verein nicht aufgehoben
worden. Kaplan Ranneberg müht sich um die Reste, um sein „Fähnlein der
Getreuen".
1939
Die alte Kirche! Immer mehr stößt das
alte Gebäu die Schale des hässlichen Verputzes ab. Überreste der
verflossenen Jahrhunderte sprechen den Kirchenbesucher an aus Narben,
Runzeln und Fugen des Gemäuers, die unverschönert belassen wurden, so
wie sie ihr unverhülltes Altersgesicht nach Entfernung des Zements
zeigten. Die Außenseite ist durch den Rhythmus der sieben Arkaden
zusammengehalten; ein kostbar Gefäß, das einem grazilen Baldachin
gleicht, durch vorgespannte, schmale Säulchen getragen ist und fast
unglaublich zart aus anderer Welt mitten in einen irdischen Paradiesgarten
hereingesetzt wurde. In unserer von Strömungen erschütterten Welt bleibt
der grundsätzliche Wert solcher lebendigen Ausstellungen an der Straße
des Lebens. Sie geben Lebendigkeit und Fruchtbarkeit weiter an den
schlichten Beter, den frommen Beschauer und auch an den Kunstfreund. Man
sollte überlegen, welche sinnvollen, vorsichtigen Ergänzungen die
fernere Restaurierung finden könnte und sollte.
26. Mai 1939
Fronleichnamsprozession! Eine
polizeiliche Verordnung verbietet, die Emmericher Straße zu benutzen. Die
Prozession biegt also auf der Adolf-Hitler-Allee an der Kurzen Straße
ein. Der zweite Altar ist verlegt in die Ecke der Wiese des alten
Kreuzhofes. (Von Peter Kammann seit Jahren aufgebaut). Der dritte Altar
steht noch auf dem Vorplatz der neuen Kirche vor dem Portal. Am Morgen
sind daran alle hl. Messen im Freien. Oben thront die silberne Willibrordbüste.
Von der neuen Kirche zieht die Prozession
über die Willibrordstraße zum letzten Altar unter der alten Linde beim
Kellenshof.
Fahnen und Fähnchen in gelbweiß, den päpstlichen
und rotgelbrot, den bischöflichen Farben, werden streng durch Polizei
verboten. Am Morgen fallen sogar violette Papierstreifen auch noch einer
Razzia der Polizei zum Opfer. Es sind nur noch weiße Papierstreifen
gestattet. Man hilft sich mit Kränzen, Altärchen, Blumen und Spruchbehängen.
Die Prozession verläuft aber noch trotz allem in alter Pracht und großer
Beteiligung auch der Männer.
Nach alter Tradition helfen mit: Pfarrer
Hellraeth von der Unterstadt und 2 Kapläne der Oberstadt in unverbrüchlicher
Treue!
26. Februar 1939
Kirchenbesucher 2109. Viel Abwanderung
(zu Arbeitsdienst, Militär, Westwall und Industrie) macht sich bemerkbar.
In allen hl. Messen ist öffentliche Abstimmung für die christliche
Schule! Alle bekunden den klaren Willen, des Gewissens und der Vernunft
Stimme zu folgen. Ob es nützt? Wir zweifeln!
24. April 1939
Jahrgedächtnis für Pfarrer Peter van de
Locht. Die Gläubigen folgen, Gott Dank, unserer Aufforderung zu Opfer und
Opfermahl. Mögen sie es auch tun, wenn für seinen Nachfolger das Requiem
gefeiert wird.
Am folgenden Tag ist Markus-Prozession in
gewohnter, noch großer Beteiligung, — nicht unbeobachtet von der
Polizei. In der gleichen Woche feiern wir, mehr betont als bisher, den
Todestag des Heiligen Petrus Canisius von Nymegen, des Patrones unseres
(so schwierigen) Religionsunterrichtes und unseres heiligen
niederdeutschen Landsmannes.
18. Mai 1939
Caritassonntag. Opfergang 7 1/2 Uhr.
Aufforderung, dem „Muttertag" stärkeren
religiösen Sinn zu geben, durch Gebet und hl. Kommunion aller großen und
kleinen Kinder, für Mutter und auch für Vater.
Während des Pfarrers Abwesenheit
verkaufte der Polizeimeister (im Auftrag der Gestapo) die Möbel im Heim,
„die Eigentum des aufgehobenen Jungmännervereins seien." 24 Stühle,
1 Tisch kaufte ein Wirt. „Er wolle sie wieder zurückgeben, wenn. . .
." Das Klavier, dessen Eigentumsrecht erwiesen wurde, ward verkauft
an einen Möbelhändler.
27. August 1939
Noch einmal Kirmes! Kirmes-Kollekte für
den neuen Taufstein! Der Krieg
gegen Polen ist entbrannt! Plakate: Mobilmachung!
„Der Ernst der Tage, die wir
durchleben, sind ein Mahnruf Gottes, unser Christentum zu erfüllen!"
Wir mahnen mehr noch wie bisher, mit der
Sonntagsmesse die hl. Kommunion zu verbinden; an den Werktagen zur hl.
Messe zu kommen; die Eltern zusammen mit den Kindern zu Hause zu beten!
29. August 1939
Die Ferien werden auf unbestimmte Zeit
verlängert! Der Westwall wird längs der holländischen Grenze bis zum
Meer ausgebaut.
Unsere Gemeinde wird überflutet von
einem Strom von Westwallmännern, die in allen Schulen, Sälen und in
Privatquartieren untergebracht werden. Das Antlitz der Gemeinde ist verändert!
Meist Sachsen aus dem Erzgebirge, nur wenig Katholiken aus Westfalen und
woanders her.
Aufruf an die Eltern, der religiösen
Verwilderung der Kinder in dieser Zeit zu steuern! Wir sammeln mit Mühe
die Kinder zum Unterricht! Benutzt die Einrichtungen des Willibrordshauses:
Kinderhort und -garten, und Nähschule! Beide Einrichtungen sind gut
besucht.
Die Unsicherheit an den Abenden nimmt zu.
Westwall!
Die Verdunkelung erschwert die
abendlichen Religionsstunden für Jungfrauen und Jungmänner!
Gelegentliche, aber noch seltene Flieger aus England! Flugblätter sind
ihre ersten Gastgeschenke! Sie werden eifrig von der Polizei und von
Parteimännern gesammelt und den Blicken „unbefugter" Leser
entzogen! Der Religionsunterricht wird zunächst mit dem Gottesdienst an
den Werktagen um 8 Uhr verbunden. Außerdem machen wir wiederum mühsame
Versuche, zu Religions- und Singestunden die Kinder zu sammeln. Ernstere
Mahnungen und persönliche Besuche der Eltern!
24. September 1939
Erntedank! Die Parole draußen: „Blut
und Boden"! Die Familien geben uns die Adressen der Söhne im Felde.
Bald wird das verboten! Wir schicken alle viertel Jahre Rundbriefe und
Zigaretten, bis zum strengen Verbot der Korrespondenz der
„Zivilgeistlichen" mit Soldaten. Dann suchen und finden wir andere
Wege!
Wir halten am Abend große Michaelsfeier
nach eigenen Texten mit Predigt. Die Rosenkranzandacht im Oktober muss
„aus Gründen des starken Verkehrs" (Westwall) und der Verdunkelung
in die Frühmesse verlegt werden. Betet zu Hause wiederum den Rosenkranz
wie zu Vaters Zeiten!
8. Dezember 1939
Der Mariä-Empfängnistag ist in der Öffentlichkeit
als Feiertag abgeschafft. Er ist Pflichtarbeitstag und Pflichtschultag. In
der Kirche sind die hl. Messen aber wie am Sonntag. Wie sich doch die
Zeiten wandeln!
25. Dezember 1939
Hl. Weihnacht: Mette ist um 5 Uhr (statt
4 Uhr)
Die Kirche ist — wie ganz Deutschland
— total dunkel, ohne Licht. Die Räume unter der Kirche sind als Luftschutzkeller
eingerichtet. Eine Mannschaft von Luftschutzhelfern ist von dem „Betrieb
Katholische Kirche" eingerichtet. Sandsäcke werden vor den
Kellerfenstern unter der Sakristei und dem Chor gelegt.
1. Januar 1940
|
| Einwohner |
5249 |
|
getauft |
111 |
| Katholiken (4632) |
4655 |
|
getraut |
53 |
| evangelisch (375) |
353 |
|
beerdigt |
62 |
| gottgläubig |
62 |
|
Kommunion
|
60000 |
| sonstige |
29 |
|
|
|
|
ausgetreten (und
jetzt "gottgläubig")
|
5 |
|
|
1940
„Es ist nur einer ewig und an allen
Enden, und wir in Seinen Händen.
6. Januar 1940
Das Fest der Erscheinung des Herrn ist in
der Öffentlichkeit ganz verweltlicht: Strenger Arbeitstag! Die Kinder
haben — Gott Dank — noch Ferien! Den Winter über kommt in Kellen (wie
in anderen Orten Westdeutschlands), nach Abzug der Westwallarbeiter
ununterbrochen militärische Einquartierung! Sowohl in den Schulen als
auch in fast allen Privatwohnungen liegen Soldaten. Manche, vor allem
Westfalen und Rheinländer, betätigen sich praktisch religiös durch
regelmäßigen Besuch unserer Gottesdienste. Die Gläubigen werden
ermahnt, christliche Gastfreundschaft an den Quartiergästen zu üben und
sie, zur Teilnahme an unseren Gottesdiensten freundlich einzuladen. Auch
das Pastorat ist fast ununterbrochen mit Gästen beglückt. Es ist wohl
nicht zu abwegig, des guten Burschen unseres Hauptmanns Arndt aus Berlin
zu gedenken, und ein Lied der Treue ihm zu singen: Miethke aus
Ströbitz-Kottbus,
seinem Hauptmann ergeben, mit den Quartiergebern verbunden ohne Falsch.
Vor Pfingsten wird er als überaltert von seinem Hauptmann zu Weib und
Tochter entlassen. (Das schreckliche Ende des Krieges in Polen hat er
hinterher mitgemacht). Nun hat sich eine herzliche Korrespondenz, ein hin
und her von lieben Erinnerungen und Berichten fast familiärer Art daraus
entwickelt. Nach dem Krieg wird er, nach feierlichen Versicherungen, mit
seiner Familie in dem ratenweis abgezahlten, längst bestellten Volkswagen
die Stätten seiner niederrheinischen Quartiere heimsuchen. Wir freuen uns
schon darauf!
11. Februar 1940
Fastenzeit! Aufruf! „Machet Ernst in
der gnadenreichen Fastenzeit, mit dem Christentum durch Wandel, durch
Gebet und Vereinigung, in der hl. Kommunion, einen Frieden der
Gerechtigkeit zu verdienen." Gebete für die Kriegszeit nach der hl.
Messe!
Fastenprediger ist Kaplan Schillmöller;
er spricht ein an die Herzen pochende Kündigung.
7. April 1940
Da der Unterricht an den Schulen noch
recht unregelmäßig ist, wegen teilweiser Belegung der Schulräume und
Verlegung der Knabenschule nach Schmithausen, muss der gesamte
Religionsunterricht auf die Nachmittage gelegt werden. Die allgemeine
Unordnung und starke Lösung der Disziplin macht sich leider auch in
unserem Unterricht sehr bemerkbar. Unsere Stundenpläne werden ständig
umgeworfen. Aufruf an die Eltern!
28. April 1940
Die Flurprozessionen am Markustag und an
den Bittagen sind noch unbehindert auf den alten Wegen gezogen. Das mit
Blumen geschmückte Silberkreuz voran! Vexilla Regis prodeunt!
5. Mai 1940
Caritassonntag.
Heute ist Beginn einer religiösen Woche.
Die Morgenpredigt ist im Anschluss an die 8-Uhr-Messe; Abendpredigt ist
abends 8 Uhr. Sie wird gehalten von Pater Gundislav Drees, Dominikaner von
Berlin-Moabit. Alles läuft gut an.
Reger Besuch, — bis am Donnerstagabend
der Krieg alles wegfegt. Donnerstagnachmittag: allgemeiner Großer Alarm
und Aufbruch aller Soldaten. Die
Westfront kommt in Bewegung und wird in Marsch gesetzt.
Die Abendpredigt wird nur noch bei schwachem Besuch gehalten. Freitag
Morgen 6 1/2 Uhr der erste Kanonenschuss. An die 1000 Flugzeuge fliegen über
uns nach Holland. Das Böllern an der Grenze erschüttert Ohren und
Herzen. In der Gemeinde Kellen wohnen seit Jahrzehnten an 250 holländische
Familien, deren Söhne z. T. auf der „anderen Seite" kämpfen. Fast
alle Familien haben Verwandte, Freunde drüben; Sorgen um das Schicksal
der Lieben erfüllt die Gemüter überall. Auf den Straßen
Truppentransporte; die Eisenbahn rollt bei Tag und Nacht; die Elektrische
steht im Dienst des Krieges. Die Luft wird erfüllt vom Surren der
Propeller und dem Donnern der nicht fernen Front.
12. Mai 1940
Hl. Pfingsten — Kriegspfingsten!
Furchtbare, einzigartige Pfingsten in der Geschichte der Pfarre. Am
Vorabend Befehl: beide Kirchen müssen geschlossen werden.
Die Leute strömen sorgenbeschwert am
Morgen zur Kirche. Sie finden die Türen geschlossen. Einige Gläubige
finden noch Gelegenheit einer Festmesse in Kleve, wo die Polizei erst am
folgenden Sonntag die Kirchen schließt. „Man befürchte Angriffe
feindlicher Flieger am Tage". Die Kirchen bleiben geschlossen: am
Dreifaltigkeitssonntag, Fronleichnam und folgendem Sonntag. Dann gestattet
der Landrat Neven „eine nicht schlechtere Behandlung wie die
Kinos", die uneingeschränkt ihre Pforten geöffnet halten durften.
Die einzelnen hl. Messen dürfen soviel Gläubige „umfassen, als Raum im
Luftschutzkeller ist", was aber zahlenmäßig schwerlich genau
durchgeführt werden kann.
Am Pfingstmontag eröffnen wir — (ohne
Erlaubnis und stillschweigend wohl übersehen —), den allgemeinen
Gottesdienst im Willibrordhause. Die Gläubigen füllen die Kapelle und
alle Flure, selbst die Treppen. Wir 3 Priester dürfen je 3 hl. Messen,
zusammen 9 hl. Messen hintereinander feiern, um möglichst viel
gutgesinnten Gläubigen den Trost des hl. Opfers und hl. Kommunion zu
bieten. Es strömen unsere Leute in Massen hin und verteilen sich, so gut
es geht. Wir zählten 1000-1500 Besucher.
Die neun hl. Messen werden zunächst auch
nach Wiederöffnung der Kirche beibehalten. Predigten müssen noch
ausfallen. Kurze Ansprachen! Pfingstmontag ist erfüllt bis gegen Mittag
ununterbrochen vom dröhnenden Hall der Geschütze. Flugzeuge fliegen hin
und zurück. Der Bahnhof ist noch mit Geschützen bepackt. So geht es die
Woche hindurch. Einquartierung, die abends 10 Uhr eintreffen sollte,
schellt auf dem Pastorat 2 Uhr an; Leutnant und Bursche werden todmüde,
(seit 36 Stunden keinen Schlaf) in unsere eigenen Betten gepackt; um 6 Uhr
wieder Aufbruch für die Armen! Noch 2 Einquartierungen (Leutnants); und
dann ist der Krieg mit Holland an sein bitteres Ende gekommen. Dafür
fliegen fast in jeder Nacht die Engländer bei uns ein. Bomben fallen auf
Kleve, am Bahnhof und in der Sackstraße, (mehrere Tote!), Briener Straße,
in Warbeyen, am weißen Tor, Huisberden. Dann das Bombardement Emmerichs
eine ganze Nacht hindurch. Noch am folgenden Tag ziehen die schwarzen
Schwaden einer brennenden Straße und einiger Industriegebäude am Himmel
hin. Fast in jeder Nacht das Heulen der Sirenen!
12. Mai 1940
Wir haben zu den Holländern und zu ihrem
tragischen Geschick ein besonderes Herzensverhältnis. Sind wir nicht
eines Stammes, blutsverwandt? So leiden wir unter der Ungerechtigkeit, die
durch unsere Schuld über das friedvolle, jedem Krieg abholde Nachbarvolk
gekommen.
2. Juni 1940
Der erste im Kampfe Gefallene: ist unser
lieber Theo Keyzers, Robertstraße. Aufruf an die Gemeinde zu ernsthaftem
Gebet!
29. Juni 1940
Obwohl durch Hochwürdigsten Herrn
Bischof von Arbeitsruhe dispensiert wurde, feiern wir in der Kirche 9 hl.
Messen am Feste Peter und Paul. Weil morgens Predigten ausfallen, werden
Standesvorträge gehalten für Mütter, Jungmänner und Jungfrauen. Kaplan
Larsen ist freigestellt als Jugendseelsorger für das Dekanat. Übungsstunden
der Schulkinder für Kirchenlieder an Nachmittagen durch Kaplan Schillmöller!
Es regt sich wieder überall Leben!
25. August 1940
Keine Kirmes! In der Kirche statt dessen:
Ewiges Gebet!
29. September 1940
Große Michaelsfeier nach besonderen
Gemeinschaftstexten um 1/2 5 Uhr. Die Veranstaltungen für Jungmänner und
Jungfrauen müssen wegen Verdunklung auf Sonntagsnachmittag verlegt
werden.
Kaplan Larsen ist verhaftet worden; durch
anderthalb Monat seiner Freiheit beraubt in Gefängnissen, wird er der Diözese
verwiesen. Seine Arbeit nimmt als ernannter Dekanatsjugendpfleger wieder
auf: unser eifriger Kaplan Ranneberg.
27. Oktober 1940
Große Christkönigsfeier. Besondere
Gemeinschaftstexte!
An Allerheiligen ist nachmittags: übliche
gutbesuchte Allerseelenandacht mit Predigt und anschließender Prozession.
Wegen Fliegergefahr ist das Anzünden von Kerzen auf den Gräbern
verboten.
20. Oktober 1940
Der früher arbeitsfreie „Büß- und
Bettag" ist kein Feiertag mehr. Der darauf fallende Weihetag der
neuen Kirche wird auf den folgenden Sonntag verlegt. 10 Jahre neue Kirche!
1. Dezember 1940
Der Einkehrtag der Jungfrauen im
Willibrordhaus, gehalten von P. Volmerich, ist gut besetzt.
15. Dezember 1940
Auch der Einkehrtag der Mütter wird von
P. Volmerich gehalten. Der Besuch musste wegen zu großen Andrangs
eingeschränkt werden.
22. Dezember 1940
Unsere Pfarrbücherei musste alle Bücher
erzählender und unterhaltender Art, innerhalb weniger Tage in Kisten
verpacken und beim Dechant in Kleve in sicherem Verwahr unterstellen. Sie
verliert die Hälfte der Bücher. Die Zivilgemeinde macht eine eigene neue
Bücherei auf und bringt sie in der Willibrordschule unter als „die
Volksbücherei."
Wie lange wird uns noch der langweilige
Rest von Büchern verbleiben?
25. Dezember 1940
Weihnachtsmette um 6 Uhr. Eine von Gebet
und Lied erfüllte, liturgische Frühfeier! Die mehr barocke, ehemalige
Darbietung mit Orchester und vielstimmigem Chor ist aus der Not der Zeit
überwunden und in eine bessere, sinngemäßere Vergegenwärtigung der
Ankunft Christi gewandelt.
1941
23. März 1941
Das Materborner Wegekreuz, eines von den wenigen Kreuzen in der Landschaft
des linken Niederrheins, ist von Frevlerhand zerstört worden. Schon im
vorigen Jahr war ein Bubenstreich auf dies hochgeschätzte Bildnis der Erlösung
erfolgt. Nun ist es ganz zerschlagen, vom Balken abgerissen, die Trümmer
hinter eine Hecke geworfen.
Da die Polizei bei der Fahndung des sehr
wahrscheinlich nicht einheimischen Täters total versagt, nicht einmal
eine Berichterstattung in der heimischen Presse zulässt, darf man
annehmen, dass die Täterschaft an dem Frevel verhüllt bleiben soll.
Die Gemeinde Materborn veranstaltet eine
Sühneandacht. In den anderen Gemeinden des Dekanates Kleve wurde ein
Schreiben des Hochwürdigsten Herrn Bischofs verlesen, in dem seine Entrüstung
über den im katholischen Rheinland unerhörten Frevel an dem Symbol
unseres Glaubens zum Ausdruck kam.
So weit sind wir also gekommen! Die in
Wort und Schrift ausgestreute Saat geht auf und trägt Frucht!
13. April 1941
Hl. Ostern.
6 Uhr Auferstehungsfeier und Umgang um
die Kirche. Die hl. Messe ist aus liturgisch geformtem Gebet und
Volksgesang österlich festlich gestaltet.
Um 1/2 8 Uhr holen wir unsere
Erstkommunionkinder des 2. Schuljahres zur Kirche. In üblicher Weise:
Taufgelübde und Erstkommunionfeier. Die Verlegung vom Weißen Sonntag auf
Ostern hat ungeteilten Beifall gefunden. Gründe: „Weißer Sonntag ist
Geburtstag des Führers", die Schule beginnt vor Weißen Sonntag
(Donnerstag) ; Ostern ist die Möglichkeit eines Urlaubs des Vaters und
anderer Angehörigen leichter zu erreichen. Zuletzt die
Lebensmittelverknappung: ein Festtisch für zwei Festtage ist zu schwer zu
bestellen.
Ein liturgischer Grund: Die so entleerte,
früher von Fest- und Gnadenspende übervolle Ostern sollte doch wieder
liturgisch aufgefüllt werden. Im Grunde hat der Weiße Sonntag liturgisch
mit der l. hl. Kommunion weniger Zusammenhänge als Ostern. Unsere
Gemeinde war übrigens die einzige Pfarre, die die Neuerung beschloss und
durchführte im Dekanat Kleve.
4. Mai 1941
Eine einschneidende Verordnung des Führers:
Wenn nach 24 Uhr Fliegeralarm gegeben, darf jeglicher Gottesdienst nicht
vor 10 Uhr beginnen, nicht einmal vor 10 Uhr die Kirche geöffnet werden.
Das passiert am 4. Mai 1941 erstmalig am
Sonntag.
Die 10-Uhr-Messe überfüllt (1500
Menschen drängen sich), die anderen Messen sind bis 12 Uhr einschließlich,
fast alle halbe Stunden. 5 Uhr (auch an den entsprechenden Werktagen): Spätmesse!
Trotz Erlaubnis, etwas flüssiges zu genießen am Morgen, kommen nach 10
Uhr wenig zur hl. Kommunion. Wir halten 5 Uhr eine Predigt. Auch 5 Uhr
kommen nur wenig zum Tisch des Herrn. „Warum das alles?" fragen die
guten Leute, die doch nicht bis 10 Uhr schlafen. Zudem ist heute auch noch
Caritassonntag!
18. Mai 1941
Spätmessen wegen Alarm! Wiederum!
Abends 8 Uhr: Marienfeier nach gedruckten
Gemeinschaftstexten. Vorher werden noch die Jungmädchen in die
Congregation aufgenommen. Predigt! Viele Mädchen sind schon im
Pflichtjahr auswärts. Aber immerhin noch 28 Aufnahmen! Der Feiertag
Christi Himmelfahrt wird noch eingeleitet durch die 3 Bittage mit alter
Flurprozession. Wir sind noch nicht behindert, wohl aber polizeilich
beobachtet und gezählt worden.
Am Tage vor Christi Himmelfahrt wieder
ein Schlag! Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten verordnet
sofort für Himmelfahrt und Fronleichnam: die kirchlichen Veranstaltungen
sind auf den Umfang der Veranstaltungen an gewöhnlichen Werktagen zu
beschränken. Aufforderungen zum Ungehorsam oder Zuwiderhandlungen werden,
wenn nicht mit schweren anderen Strafen, mit Geldstrafen in unbeschränkter
Höhe zu treffen. So beugen wir uns und haben hl. Messen 6, 7.10, 8 Uhr.
Abends 8 Uhr ist Maiandacht.
Aufruf von der Kanzel: „Aus allem können
wir ersehen, dass unser kirchliches Leben in großer Bedrängnis ist.
Alle, die guten Willens sind, bitten wir, um so treuer zur Kirche und den
noch vorhandenen eingeschränkten Möglichkeiten zu stehen und selbst
unter persönlichen Opfern reichen Gebrauch davon zu machen."
Unser Kirchenblatt und alle religiösen
Blätter werden durch eine Reichsverfügung aufgehoben. Jetzt ist das
religiöse Schrifttum radikal bis auf das letzte Blättchen ausgelöscht.
Ein unübersehbarer Schaden für das katholische Leben! Kleinschriften
sind nicht mehr zu haben. Wir fordern die Gläubigen auf, sich irgendwie
eine religiöse Hausbibliothek zuzulegen und dafür keine Opfer zu
scheuen. Schenket anderen Bücher, und laßt euch Bücher schenken!
Beratung im Büchereinkauf durch die Geistlichen!
Wir scheiden schweren Herzens vom
Kirchenblatt, das in 620 Familien wöchentlich einkehrte und trotz seines
zuletzt geringen Umfanges von nur 4 Seiten immerhin religiöses
Gedankengut noch brachte. Die unter „der Pfarre Kellen"
untergebrachten heimatgeschichtlichen Plaudereien des Pfarrers erfreuten
sich besonderer Beliebtheit und fanden weitgehendes Interesse. In dem
Rankenwerk barg sich immerhin noch religiöse Frucht!
1. Juli 1941
Der kirchliche Bauverein wird durch das
Sammelgesetz bedroht und löst sich freiwillig auf. Er hat durch seine
Mitgliederbeiträge, die von sehr treuen Bezirksvorstehern aufgeholt
wurden, die Finanzen der Kirche in Zeiten schwerster Schuldennot vor dem
Zusammenbruch gerettet. Den bis zuletzt treuen Mitgliedern und den
eifrigen Bezirksvorstehern ein herzliches „Vergelt's Gott" Die
Namen der letzten Bezirksvorsteher die z. T. unter 3 Pfarrern ihres Amtes
zur Ehre Gottes walteten, mögen hier einen Ehrenplatz erhalten und der
Vergessenheit enthoben werden: Johann Jansen, ältester und getreuester,
z. Zt. noch im rüstigen 89. Lebensjahr, auch persönlicher Wohltäter der
Kirche, überall bekannt als Opa Jansen (Adolf-Hitlerallee 46); van
Wickeren, Mühlenstr.; Hrch. Kehren, Kreuzhofstr.; Franz van Benthum,
Emmericher Str.; Christof Hansen, Olmer Str.; Hrch. Abelius senior und
junior, Robertstraße; Anton Willmsen, Gartenstraße; Peter Steinfeitz,
Steinstraße; H. Broekmann, Briener Str.; Joh. Spanbroek, Robertstr.;
Peter Sarzie, Luisenplatz; Hrch. Diedenhofen, Adolf-Hitlerallee; H.
Roelofsen, Hoher Weg; Gerhards als Nachfolger vom guten + Peter Linsen, am
Damm; „Alte Garde" allesamt!
Die Auflösung des Bauvereins bringt dem
Zinsendienst neue Schwierigkeiten. Es muss nun auch anders gehen! Wir
hoffen durch Kirchenkollekten einen Ersatz zu schaffen!
8. Juni 1941
Dreifaltigkeitssonntag: Bekenntnistag der
Pfarrjugend. 1/2 8 Uhr Gemeinschaftsmesse und hl. Kommunion. Trotz
Antretens der
H.
J. und der B. D. M. um 8 Uhr auf
dem Kellener Sportplatz Kreuzhofstr., ist die Beteiligung der Jungfrauen
und Jungmädchen noch recht gut. Während die Sammlung der männlichen
Jugend durch diese H. J. Veranstaltung und durch Einberufungen stark
beeinträchtigt ist. Abends 6 Uhr ist in der Stiftskirche Kleve noch
Feierstunde. Wenigstens 1500 (meist weibliche) Jugendliche! Kaplan
Ranneberg, Dekanatsjugendpfleger, predigt über das Gebet! Eine
Parallelveranstaltung ist für den anderen Teil des Dekanates in
Kranenburg, wo Kaplan Stegermann als Prediger vorgesehen ist.
12. Juni 1941
Fronleichnam ist laut Verfügung (18. Mai
1941) als Werktag kirchlich zu begehen. Die Feierlichkeiten sind auf den
folgenden Sonntag zu verlegen. Zum Unglück ist in der Nacht vorher noch
Fliegeralarm und starker Einflug der Engländer, so daß wir den ganzen
Gottesdienst am hl. Festtag auf eine hl. Messe 10 Uhr und eine Spätmesse
5 Uhr nachmittags (gemäß einer anderen Verfügung vom 4. Mai 1941)
beschränken müssen. Diese beiden Messen sind wie an Sonntagen stark
besucht. Alle Gutgesinnten in der Gemeinde leiden mit uns um die
Abschaffung der Festtage und um viele andere Einschränkungen. Außerdem
bringt jede Woche Kunde von der Beschlagnahme irgendeiner Abtei oder eines
Klosters. So ist die mit unserer Gemeinde besonders verbundene Abtei St.
Matthias Trier vor 14 Tagen („wegen Beziehung zu den Feindmächten")
kurzerhand aufgelöst, und die Mönche sind vertrieben worden. St. Wendel
(Steyl) wird Hitlerschule, St. Gabriel-Wien (Steyl) ist aufgelöst und
viele andere Häuser der Genossenschaft verfallen dem gleichen Geschick.
Da die Zeitungen von den Dingen selten berichten, erfahren wir nur
gelegentlich von dem Wandel, der — mitten im Krieg — sich vollzieht.
15. Juni 1941
Sonntag in der Oktav von Fronleichnam:
die Prozession zieht um die Kirche, nur „auf dem kircheneigenen
Boden." Vor der Kirche ist im Portal ein Altar, der früher an der
Ecke Emmericher Straße — Adolf-Hitler-Straße stand, aufgebaut durch
den furchtlosen Herrn Kammann. Es trifft sich unglücklich, dass in der
Nacht vorher Fliegeralarm ist, also der Gottesdienst erst 10 Uhr beginnen
darf. Die Kirche ist bei der Festmesse überfüllt. Wenigstens 1500
Besucher, obwohl es den ganzen Morgen hindurch regnet.
Bei der Enge des Kirchplatzes stellen
sich die Teilnehmer auf dem Platz vor dem Altar und ziehen mit dem hl.
Sakrament einmal um die Kirche, begleitet von Bräutchen, Messdienern und
Kirchenvorstand. Währenddessen singt (unter Regenschirmen), gestützt vom
Kirchenchor, die große Menge der getreuen Gläubigen sakramentale Lieder.
Am Altar unter dem Portal wird der Segen gegeben in der Ordnung des
Rituale (für den l. Altar). Nach Einzug in die Kirche nochmals Segen mit
Tantum ergo. Es ist 1/2 12 Uhr geworden. Es folgen noch 2 hl. Messen.
Nachmittags um 5 Uhr eine Spätmesse mit
Predigt, belebt durch Volksgesang, liturgischen Volksgebeten und
mehrstimmigen Einlagen des Kirchenchores. Eine recht „erfrischende"
Messfeier, die außerordentlich gut besucht war. Die Kinderandacht und die
Abendandacht war ausgefallen. „Trotz allem" ist die Feier des Tages
noch würdig und für die Gläubigen erbauend gestaltet worden.
6. Juli 1941
Die hellen Sommernächte bringen fast
regelmäßig Einflüge englischer Bomber. Fast ohne Ausnahme: jede Nacht
Alarm!
Sonntag, den 6. Juli (Visitatio B. M. V.)
kommt zur Verlesung das Hirtenschreiben sämtl. deutschen Bischöfe und
Vertreter der von Bischöfen vakanten Bistümer: Bewegte Sorge um die
leiblichen und geistigen Nöte unseres katholischen Volkes findet offene
Sprache. Verantwortung der Familien in der Jugenderziehung (nach Wegfall
allen religiösen Schrifttums, der vielfachen Aufhebung von Klöstern, der
katholischen Kinderhorte usw.) wird eingeschärft!
Jetzt ist der Augenblick gekommen, ein
Nein zu sagen, wenn die Aufforderung des Kirchenaustrittes an irgend
jemanden gestellt wird. — „Steht fest im Glauben!"
Den Seelsorgern ist durch allerhöchste
Verfügung verboten worden, die Kranken in den Hospitälern zu besuchen,
wenn nicht der Wunsch nach Besuch ausdrücklich bekannt gegeben würde.
Da unsere Kranken fast ausnahmslos Besuch
dringend wünschen, ist die Verfügung für uns zunächst ohne besonders
üble Auswirkung.
27. Juli 1941
Die Beschöfe sprechen wiederum ein
offenes Wort über die Einengung der Gottesdienste, die Aufhebung von Klöstern
und auch schon einzelner Kindergärten.
27. Juli 1941
Ein Bischofswort über die Bombenschäden
in Münster und Kollekte für die zu Schaden gekommenen Münsteraner!
2. August 1941
Besuch unseres Kinderhortes und -gartens
durch den Kreisleiter der NSV,
und seines Adjutanten. Sie ziehen nach sehr kurzer Besichtigung ab. Ist
das der Anfang vom Ende? Der NSV-Kinderhort ist fertig gestellt.
3. August 1941
Welch ein Segen: kein nächtlicher Alarm,
somit geordneter Gottesdienst von 1/2 7— 1/2 11 Uhr alle Stunden: hl.
Messe! (IX. Sonntag nach Pfingsten). Wir lesen in allen hl. Messen die
Predigt unseres Bischofs, die er in der Überwasserkirche am 27. Juli
gehalten hat. In markanter Form, Hammerschlägen gleich, rechnet der
Bischof mit den Klosterstürmern und den unritterlichen Vertretern der
Gestapo ab, „die durch ihr ungerechtes Vorgehen die Volksgemeinschaft
mit den gläubigen Christen und allen rechtlich denkenden Deutschen,
zerschlagen haben, während der Krieg tobt im Osten, und die Nöte des
Krieges überall deutlicher spürbar werden."
Ein erlösendes Wort, eine mutige Antwort
auf den unerträglichen Raub unserer Klöster und anderer Quälereien!
Die Predigt war auch als Lesung von der
Kanzel von erschütternder Wirkung, da sie freimütig nichts verhüllte,
sondern alle Hintergründe des Kirchenhasses aufdeckte und ans Licht
stellte. Es geht viel Kraft aus von unseres Bischofs Tun und Wort auf
seine Herde. Die Schäflein wissen sich in der Verfolgungszeit vom Hirten
nicht verlassen.
5. August 1941
Nachdem man durch Beschlagnahme des
Mutterhauses Hiltrup der Kongregation des H'sten Herzens Jesu das Haupt
abgeschlagen, nimmt man auch den letzten Gliedern das Leben. So ist heute
durch eine Abordnung von SS-Leuten Freudenberg aufgehoben und beschlagnamt
worden. Die Insassen müssen innerhalb zweier Stunden das Haus verlassen.
Ein trauriger Zug vertriebener Patres zieht mit wenig Habe aus. Wozu das,
zumal die Nöte des Krieges in der steigenden Zahl Gefallener sinnfällig
in die Erscheinung tritt!
Heute wird unser 13. und 14. Gefallener
gemeldet: Kurt Klothmann, Theodor Bartjes!
10. August 1941
Heute ist in der National-Zeitung zu
lesen: Der NSV.-Kindergarten in Kellen wird eröffnet. Er steht vor der
Vollendung: Einzelheiten werden noch veröffentlicht. Desgl. im
Volksfreund vom 12. 8. 1941. Geflissentlich wird das Gerücht verbreitet,
dass die NSV. auch unseren Schwestern-Kindergarten gemietet habe oder zu
mieten und übernehmen gedenke, obwohl niemand irgendwie mit Anträgen
dieser oder ähnlicher Art an den Kirchenvorstand herangetreten ist.
Sollte gewaltsame Besetzung geplant sein ? Wir weichen nur der Gewalt! Wir
vermieten nicht, noch lösen wir unseren Kindergarten freiwillig auf! Die
Empörung über solche Pläne ist allgemein in der ganzen Gemeinde. Unruhe
hat alle erfasst.
24. August 1941
XII. Sonntag nach Pfingsten!
Für unsere Pfarre ist Feier des Ewigen
Gebetes. Da heut nacht kein Alarm war, verläuft der Gottesdienst von 6
Uhr morgens bis zur gut besuchten Schlussandacht um 7 Uhr festlich, unter
recht guter Beteiligung der Gläubigen.
In allen hl. Messen wird verlesen die Predigt
des Bischofs Clemens August vom
Sonntag, dem 3. August 1941 (Lambertikirche) : In klarer und scharfer Form
rechnet er ab mit der furchtbaren Praxis der Tötung „unwerten
Lebens": Viele Geisteskranke sind seit Ausbruch des Krieges
abtransportiert, nach kurzer Zeit an irgendeiner Krankheit verstorben
gemeldet, verbrannt und die Asche den Angehörigen auf Verlangen und gegen
Postgebühr zugeschickt. Die Klarstellung des wirklichen Tatbestandes und
die Auffassung der Kirche vom Recht auf Leben und Leib ist Inhalt des
mutigen Bischofswortes gegen die Beseitigung armer, kranker Volksgenossen.
„Oh, dass du es doch erkanntest,
an diesem deinen Tage!"
Die Gemeinde wird durch das Bischofswort
stark erschüttert, zumal die Erfahrungen um Bedburg dem Volk längst auf
dem Gewissen brennen! Aus unserer Gemeinde wurde eine Ehefrau im Winter
1939/1940 von Bedburg mit vielen Geisteskranken zur Heilanstalt
Neu-Brandenburg an der Havel verschickt. Nach wenigen Wochen starb sie
nach Anstaltsberichten an „Lungenentzündung". „Wegen
Ansteckungsgefahr wurde die Leiche verbrannt." Da der Gatte und ihr
Sohn im Felde auf ein christliches Begräbnis drängten, ist das
Aschenpaket ungeöffnet (erst) am 29.4.1940 christlich in Kellen beerdigt.
Der Tod soll am 4.4.1940 nach Bericht schon eingetreten sein. Erst nach
mehrfacher Mahnung wurde die Asche geschickt.
15. September 1941
Fest von den Sieben Schmerzen Mariens.
Vor der hl. Messe 7.10 Uhr weihen wir unser neues Bild der schmerzhaften
Mutter. Es ist von Bildhauer W. Schlüter, Münster aus Ton geformt und in
den Keramischen Werkstätten Margarethenhöhe-Essen gebrannt worden. Eine
recht feine Arbeit, die auch einen guten Platz in der neuen Kirche
gefunden hat. Ein Bild des Trostes und der Kraft inmitten schwerer
Kriegszeit!
Das Vesperbild ist ein Geschenk des
Bildhauers an den Pastor zu seinem 25jährigen Priesterjubiläum.
16. September 1941
Unter dem Schlagwort: „Mit Verleumdern
wird bestimmt abgeredinet" fand eine Großkundgebung der NSDAP im
Saale Braam statt. Gauredner ist Pg. Knaden - Essen. In Verkennung und
Verbiegung der Absichten unseres Bischofs in seinen Predigten „geißelt
er schwer die ungeheueren Verleumdungen, die von gewisser Seite ins Volk
in die Front getragen würden, um Unsicherheit hervorzurufen; seine
Abrechnung mit diesen Leuten werde bestimmt erfolgen." (So die
NS-Presse)
Wie bei uns in Kellen, wurden an allen
Orten des Kreises ähnliche Kundgebungen mit viel Leidenschaft und
Verhetzung abgehalten. In Kleve am 21. d. M. Sonntag 11 Uhr im
Burgtheater.
21. September 1941
Sonntag ohne Alarm. Die Pfarrgeistlichen
des Dekanates geben von der Kanzel bekannt: „In den letzten Tagen ist in
mehreren Versammlungen und Zeitungsberichten mit Bezug auf die Predigten
unseres Bischofs von Volks- und Landesverrat und politischem Katholizismus
gesprochen worden.
Wir weisen solche ungerechten und
beleidigenden Vorwürfe entschieden zurück!
Der Einspruch des Bischofs gegen
Aufhebung der Klöster, seine Stellungnahme zum Schutz des 5. Gebotes und
zu anderen rein religiösen Fragen gehören zu den Pflichten seines
Hirtenamtes und entspringen seiner tiefen Sorge um Kirche, Volk und
Vaterland.
Wir wissen, dass solche Anschuldigungen
bei allen anständigen Menschen, die unseren Bischof kennen, keinen
Glauben finden. Dennoch halten wir es im Interesse der Sauberkeit des öffentlichen
Lebens für notwendig, dass die Urheber und Verbreiter solcher
Verleumdungen festgestellt und zur Verantwortung gezogen werden. Wir
fordern daher alle, bei denen ehrenrührige Anschuldigungen gegen den
hochwürdigsten Herrn Bischof oder auch gegen die ausgewiesenen
Ordensleute erhoben werden, auf, die Namen und Adressen derjenigen, die
solches aussprechen, festzustellen. Ebenso sind dabei die anwesenden
Zeugen anzugeben. Diese Namen sind dann nebst dem genauen Wortlaut der
Anschuldigungen schriftlich und unterschrieben, oder auch mündlich zu
Protokoll dem Pfarrer mitzuteilen, damit die gerichtliche Klarstellung des
Tatbestandes erfolgen kann."
28. September 1941
Ein Hirtenschreiben des Bischofs anlässlich
des Rosenkranzmonates spricht von den Gefahren des Bolschewismus. Es warnt
vor der Lehre des Naturalismus auch in unserem Volk und weist hin auf
manche Erscheinungen in unserem Volkstum, die dieser Lehre erwuchsen.
23. Oktober 1941
Der Kindergarten der NSV wird in den
trotz der Nöte der Zeit üppig ausgestatteten Räumen des neuen Heimes eröffnet.
Der Kindergarten und -hort unserer Schwestern bleibt (zunächst)
unangetastet. So schmerzlich der Wechsel mancher Kinder von unserem Hort
hinüber zu dem weltanschaulichen und erzieherisch christus- und
gottfremden Kinderheim für uns ist, — zunächst haben die meisten
Eltern uns die Treue bewahrt. Bei einigen Eltern erlebten wir allerdings
eine große Enttäuschung. Man sagt, dass ungefähr 70 Kinder zum
NSV-Garten gehen. Der Hort unserer Schwestern hat z. Zt. noch 110 Kinder.
26. Oktober 1941
Eine wirkungsvolle Christkönig-Feier um
5 Uhr. Nach Texten von Kaplan Ranneberg mit besonderer Note für „die
Kernscharen katholischer Jungmänner und Jungfrauen", mit dem
Sprechchor der Kirchensänger und dem zweiten Sprechchor der Jungmänner
und Jungfrauen. Sprechchöre sind Zeichen der Zeit!
26. Oktober 1941
Das bischöfliche General-Vikariat teilt
mir mit, dass der Hochwürdigste Herr Bischof (neben anderem) auch eine
Strafanzeige erstattet hat gegen den Gauredner Knaden wegen seiner Ausführungen
in einer Parteiversammlung (Mitte September 1941) in Kellen und wegen
Abdruckes seiner Beleidigungen gegen den verantwortlichen Schriftleiter
der Klever Nationalzeitung Nr. 258.
1. November 1941
Auf den alten Friedhof sind wir
Allerseelen segnend über die von Totenhügeln bucklige Erde geschritten.
Ein Bild dessen, was einst war,
Was heute ist und einmal sein wird.
Diese Folge von Geschehnissen, von
Geschlechtern der Menschen, von Schicksalen, die aus dem Dunkel der
Vergangenheit auftaucht und den Weg in die Undurchdringlichkeit und
Zukunft nimmt. Das alles wäre nur unbeseelter gestaltloser Stoff, wenn es
nicht den Glauben an eine Unsterblichkeit gäbe, wenn es nicht gäbe auch
den Geist der Geschichte, der sich gern herbeirufen lässt, um den
Erdenweg zu deuten.
Irdischen Wesens sein, heißt Bewusstsein
haben von dem Ablauf der begrenzten Zeit. Auch die Geschichte kann dieses
Dahineilen nicht aufhalten. Aber sie kann uns helfen zu begreifen, dass
alles, was geschieht, enden muss, um neuem Geschehen Platz zu machen, ohne
dass es jemals wirklich Anfang und Ende gäbe.
So kann der Anblick des Vergehens unserem
Leben heilsam und notwendig sein; denn nur er versöhnt die Trauer des
ewigen Welkens mit dem Trost des Fortlebens und der ewigen Wiederkehr.
1. November 1941
Der Kinderhort der NSV ist von Vertretern
der Partei, Staat und Wehrmacht eröffnet worden. Unser Kinderhort betreut
90 Kinder noch. Manche sind abgewandert.
7. November 1941
Am Willibrordfeste habe ich in der alten
Kirche eine Legende erzählt: „Mehr als 1000 Jahre liegt es zurück, da
hatten die Leute in dieser Gegend nichts über sich als nur den freien
Himmel gehabt, um darunter zu beten.
Da fühlte der Bauer, der hier mit den
zahlreichen Beisassen auf dem wasserfreien Landfleck mitsamt den Familien,
Frauen und viel Kindern gesessen, den Auftrag, eine Kirche zu bauen. Es
wird erzählt, dass sie alle in Einmütigkeit fast 2 volle Jahre lang,
Holz geschlagen, gesägt und gezimmert hätten. Das Werk wäre auch gut
gewachsen. Aus dem benachbarten römischen Quadriburgium (dem heutigen
Qualburg) hätten sie für viel gespendetes Geld heidnische Tuffsteine
gekauft und daheim schön aufeinandergelegt. Und nun waren sie soweit die
Balken von gesundem Fichten- und Eichenholz darauf zu legen nach Art und
Weise der großen Festhalle auf dem benachbarten Gutshof. Da, scheint nun,
wie sie schon bald das Richtfest feiern konnten, etwas geschehen zu sein,
nicht gar so schlimm wie beim Turmbau zu Babel, aber schlimm genug. All
ihre bisherige Mühe erwies sich als vergeblich, weil der Bauer, ihr
Richter, Bürgermeister und Amtmann zugleich in einer Person und das ihm
helfende Dorf der Gemeinde, den langen Königsbalken, der von Ost nach
West das Ganze zusammenfügt, nicht ins Lot zu bringen vermochten. Als
guter Rat teuer war, so berichtet die Legende, ist ein unbekannter,
hoheitsvoller, blasser Mönch mit schwarzer Tonsur, wie Christi
Dornenkrone, der plötzlich unter ihnen war, eingesprungen und - wie im
Handumdrehen ist die Schwierigkeit gemeistert. Gefragt, wie er das vermöge,
gibt der Unbekannte zur Antwort: „Ich war ein Zimmermeister." Und
er habe geheimnisvoll mit erhobenem Finger hinzugefügt: „Missgeschick
ist der Punkt, wo die Straße sich gabelt."
Manche haben gesagt, es sei St.
Willibrord selbsteigen und leibhaftig von Rindern her auf dem Bauplatz
fast wundersam ihnen erschienen, um durch ein Exempel zu lehren, nie zu
verzweifeln, und einen Fingerzeig zu geben, im Leid die Gemeinschaft
zwischen Gott und Mensch zu verstärken.
Der Königsbalken ist bis zur Stunde noch
zu sehen. Viele Risse haben ihn von oben bis unten gespalten. Sie sind wie
schmale Lippen, die von dem Vertrauen und dem Bund einer alten
christlichen Gemeinschaft mit Gott noch heute künden.
28. November 1941
Kirchweih und Willibrordfest. Um 5 Uhr
große Festfeier nach den gemeinschaftlichen Texten von 1939 mit Predigt,
Prozession mit Willibrordreliquiar. Guter und prächtiger Verlauf! Die
Feier musste auf den Sonntag verlegt werden, da der alte Büß- und Bettag
(Totemgedächtnistag) abgeschafft wurde.
8. Dezember 1941
Das Fest Maria Empfängnis ist kirchlich
wie ein Werktag zu begehen. Zum Unglück ist nachts von 4—5 Uhr auch
noch Alarm, so dass nach dem bekannten Erlass die Kirche vor 10 Uhr nicht
geöffnet werden darf. 10 Uhr ist 1. hl. Messe, um 17 Uhr II. 2. Messe. Da
voller Arbeitstag für alle Betriebe (auch für die Schulen) einzuhalten
ist, ist der Kirchenbesuch herabgemindert. Immerhin sind die beiden hl.
Messen je mit 300 — 400 Besuchern (nur halb) gefüllt.
25. Dezember 1941
Heilige Weihnacht! Mitten im Krieg! Während
die harten Kämpfe
vor Moskau und Petersburg und das
Fernsein fast aller irgendwie wehrfähiger Männer und Jungmänner die äußere
Weihnachtsfreude wesentlich dämpfen! Aber: „Weihnacht ist ein Fest der
Seele". Die Mette (Beginn 6 Uhr) ist über den verfügbaren Raum überfüllt
bis auf den letzten Stehplatz. Die Gläubigen gehen fast alle zur hl.
Kommunion. In diesem Jahr wird ein lateinisch mehrstimmiges Hochamt
gesungen, die Orgel ist verstärkt durch 3 Streichinstrumente, durch
deutsche Kirchenlieder sparsam unterbrochen. Wir freuen uns, Gott danken
zu können, für ein so schön gefeiertes Weihnachten. Mit den Kindern der
Nähstuben, den Eltern unserer treuen Kleinen im Kinderhort, mit dem Rest
des Arbeitervereins konnten wir im Willibrordhaus noch eine Feier mit
Bescherung veranstalten, die besonderen Inhalt durch ein in Form und
Vortrag wertvolles Krippenspiel erhielt.
1942
„Inmitten der Gefahren, in die wir,
im Dienste Gottes stehend, fallen könnten, ist das Übel, an Seinem
Erbarmen und Seiner Allmacht zu zweifeln, weit größer als die Pein, die
uns alle Feinde Gottes zufügen könnten."
(aus einem Briefe des hl. Franz Xavier
1552).
1. Januar 1942
|
| Statistik:
Nach dem Stand vom 31. Dezember 1941 zählen wir an: |
| Einwohner |
5192 |
|
Kommunionen |
50000
(54000) |
| davon
katholisch |
4703 |
|
Beerdigungen |
39
(35) |
| evangelisch |
346 |
|
Ehen |
27
(47) |
| gottgläubig |
109 |
|
Taufen
|
101
(107) |
| sonstige |
34 |
|
zurückgekehrt
(heimlich) sind |
2 |
| ausgetreten |
10 |
|
|
|
|
|
In Anbetracht der vielen Störungen
durch die Regierungserlasse über späten Beginn der hl. Messen
nach Alarm und die Profanierung alter Feiertage, können wir
doch eine relative Zunahme der hl. Kommunionen feststellen.
Das kirchliche Leben war recht
zufriedenstellend. Die Gemeinde hat den Ernst der Zeit wohl
begriffen, 25 Glieder unserer Pfarre sind im Kriege gefallen.
Da uns seltsamerweise verboten
ist, vervielfältigte Rundschreiben den Soldaten zu schicken,
haben wir uns der Mühe unterzogen, möglichst vielen besonders
zu Weihnacht persönlich einen Brief zu schicken.
Einmal konnten wir ein schönes
6-seitiges Broschürchen den Angehörigen von Soldaten zur Verfügung
stellen, das von ihnen mit einem Gruß der Pfarrgeistlichen
weitergeleitet wurde und nach Ausweis der dankbaren Rückschreiben
offenbar mit Freuden entgegengenommen wurde.
Im Apostolat des guten Buches
konnten wir noch zu Weihnacht vielen (50) Familien die große
Handpostille und andere gute Bücher vermitteln, obwohl
wertvolles katholisches Schrifttum trotz größter Mühe kaum zu
beschaffen ist. Wir stehen buchstäblich vor dem Nichts. Diese
kurze Bemerkung mag erhellen die totale Verarmung auf dem
geistigen Sektor unseres Schrifttums.
6. Januar 1942
„Erscheinung des Herrn".
Die Feier des Gottesdienstes darf (unter Androhung hoher
Strafen) die Werktagsordnung nicht überschreiten. Da auf 1/2 10
Uhr ein feierliches Brautamt liegt, erhalten wir — Gott Dank
— eine 4. hl. Messe, die von 500 Gläubigen besucht wird.
28. Januar 1942
Die Winterkälte ist bis auf 20
Grad Minus gesunken. Der Rhein ist zugefroren. Vom 24. zum 25.
Januar setzt Schneefall ein in einer Fülle, wie er selten hie
erlebt wurde, (nach Radio nicht mehr seit 125 Jahren). Am
Sonntag, dem 25. Januar, leidet der Kirchenbesuch darunter sehr.
Fast die Hälfte der Kirchenbesucher weniger! Unsere Gedanken
und Sorgen sind aber im Osten bei unseren Soldaten, die gegen
Feind und schlimmste Kälte ihren Mann stehen. In dieser Woche müssen
wir wiederum den Tod dreier braver Jungmänner im Osten melden:
Willy Olfen, Ernst Meyer, Joseph van de Laak wurden fern im
Osten irgendwo begraben. Gott gebe ihnen den ewigen Frieden.
Auch Hrch. Hübbers, ein junger Ehemann, an der Spoy, hinterlässt
in Betrübnis Gattin und Eltern.
4. März 1942
Die Glocken, die schon durch
Anordnung des Beauftragten für den Vierjahresplan vom 15. 3. 40
beschlagnahmt wurden, werden vom 2. März bis zum 4. März 1942
ausgebaut und weggeschafft. Ein kurzes Abschiedswort von der
Kanzel am 22. Februar! Eine vom Staatshochbauamt,
Provinzialkonservator Bonn und vom Bürgermeister Marx, Kellen
unterstützte Aktion zur Erhaltung der kunstgeschichtlich
wertvollen alten Glocken, ist ergebnislos.
Es wurden von der Baufirma Köster
heruntergeholt:
„Glocke Maria";
Durchmesser 94 cm, 775 kg, Gussjahr 1404. Die (einzig in
niederdeutscher Fassung) lautende Inschrift:
„Maria is min naem dat si got
bequaem Sunthe Wilbroert. Int jaer ons heren MCCCCIIII."
Wahrscheinlich gegossen von
Johann de Hintem.
2.) Glocke
"Catarina", Durchmesser 82, 450 kg, Gußjahr 1438.
Inschrift:
"Catarina vocor. Anno
domine MCCCCXXXVIII." (leicht gesprungen)
3.) Glocke der neuen Kirche,
Durchmesser 55,97,5 kg, 1930 gegossen von Petit und Edelbrock.
Auch die Erhaltung des kleinen Glöckchens wurde versagt.
Es verbleibt der Pfarrgemeinde
als einzige Glocke „Sanetus Willibrordus" von 1438. Wir
verzichten darauf, eine Elegie zu schreiben über den
verklungenen, jahrhundertalten Glockenschlag. Viel größer sind
für uns alle: die Opfer an Blut und Leben, die unsere Gemeinde
in herzlichem Miterleiden fast jede Woche bringen muss. „Nach
solchen Opfern hohen, heiligen, was nützen unsere Lieder
Dir"! (Uhland)
4. März 1942
Der Rhein, seit Mitte Januar
zugefroren, wird — wohl zum ersten Male — durch Eisbrecher
aufgebrochen. Der Winter dauert bis heute mit unvermindert
starkem Frost an. Wie mögen unsere Söhne frieren!
8. März 1942
Wir können den
Kirchenbesuchern wiederum für die Angehörigen im Felde ein
kleines Schriftchen „Gottesnot, ein Feldpostbrief für die
Passionszeit" von Ludwig A. Winterswyl, kostenlos zur Verfügung
stellen. In unserer Zeit ohne jegliches katholisches Schrifttum,
immerhin erwähnenswert!
Am Passionssonntag bieten wir
den Angehörigen der Soldaten für ihre Feldpostbriefe an:
„Christ ist erstanden" vom gleichen Verfasser, (600 St.)
Ein Ostergruß der Pfarre!
19. März 1942
Der Rhein ist über die Ufer
getreten. Bis zum Damm steht (wie in den letzten 4 Jahren) das
Wasser. Warbeyen und Huisberden sind „eingelaufen".
20. März 1942
In der „Villa Kellinghaus"
sind der kranke Pfarr-Rektor Hochw. Herr Fix mit kranker
Schwester eingezogen.
In Haus Ranzow hat er 14 Jahre
verlebt. Da das Materborner Haus mit kranken und verwundeten
Soldaten belegt wurde, mussten die Zivilkranken anderwärts
untergebracht werden. Zunächst zelebriert der geistliche Herr
mit großer körperlicher Anstrengung einmal in der Woche um 10
Uhr im Willibrordhaus. In dem anspruchslosen, leidenden Priester
haben wir einen großen Beter und stillen Mann des sühnenden
Opfers für unsere Pfarrgemeinde geschenkt erhalten.
29. März 1942
Alarm über Alarm!
Palmsonntag können wir deshalb
um 10 Uhr erst beginnen. Die feierliche Palmweihe wird auf den
Hauptgottesdienst 5 Uhr nachmittags verlegt.
Mittwoch vor Gründonnerstag: fünfmal
Alarm! Die Feier am Gründonnerstag kann erst 10 Uhr beginnen.
Karsamstag kein Alarm, so dass um 7 Uhr die liturgische Feier pünktlich
anfängt.
Mittwoch in der Karwoche erhält
Kaplan Schillmöller seinen Gestellungsbefehl. Letzter Versuch:
Karsamstag fährt Kaplan Ranneberg, (da Auto nicht zu
beschaffen), mit der Bahn nach Münster, kommt nur bis Wesel.
Die 3 Stunden Aufenthalt benutzt er zu einem Telephongespräch
mit Herrn Domkapitular Franken, der sein möglichstes
verspricht. Spät abends kommt er abgehetzt heim. Am Abend vor
Ostern. Was brüderliche Liebe nicht alles fertig bringt!
5. April 1942
Hl. Ostern! Da wir
Kinderkommunion haben, erhalten wir vom Landrat Dispens von
„Alarmverfügung". Auferstehungsfeier 6 Uhr mit gewohnter
Prozession um die Kirche. 1/2 7 und 1/2 8 Uhr hl. Messe.
7 3/4 Uhr Abholung der Kinder
vom Willibrordhaus. Da in diesem Jahre wiederum der 2. Jahrgang
vorbereitet wurde, haben wir 120 Erstkommunionkinder. Die Feier
dauert von 8—10 Uhr. Gott Dank ist alles gut verlaufen. Außerdem
feiern wir 40 stündiges Gebet, so dass die 3 Ostertage wahre
Gebetstage für die ganze Gemeinde wurden. Abends Schluss mit
deutscher Komplet.
Zum ersten Male hatten die Mütter
(nach Vorbereitung) den Beichtunterricht (Gewissenserforschung
und „Herzens''-vorbereitung) ergänzend übernommen. Ein
erfolgreicher erster Versuch! Die Mütter tragen selbst den größten
religiösen Gewinn heim.
Leider ist Kaplan Schillmöller
Osterdienstag (7. 5. 1942) nicht mehr zurückgekehrt. Ihm war es
noch in den letzten Ostertagen gelungen, ein neues Kirchenlied
zum hl. Willibrord für Kellen zu vermitteln. Die Dichtung
(Text) ist von Franz Johannes Weinrich, Breisach am Rhein. Die
ansprechende Melodie ist von Adolf Lohmann, z. Zt. Soldat in
Freren bei Suttrup (Hannover).
Der Text lautet:
Lied zum heiligen Willibrord
Sterne sind die heiligen Namen,
Denn sie leuchten in der Nacht.
Rufet, singt sie und sie flammen
Und erweisen ihre Macht.
Durch des Herren Diener dringen
Wir bis hin zum höchsten Hort.
Laßt uns einen Namen singen:
Heiliger Bischof Willibrord.
8. April 1942
Ohne unseren Kaplan Schillmöller!
Wir beiden Zurückgebliebenen
des gestörten „Dreibundes", sind den ganzen Tag, von früh
bis spät, unterwegs, müssen täglich binieren, um die
dringenden Ämter, Begräbnisse, Hochzeiten zu bewältigen. Auf
der Orgel sitzt und opfert sich in durchschnittlich 4 Ämtern täglich
stets bereit Thea Lamers, (bis ihr Chef protestiert). Gott halte
uns gesund und bei Kräften! Kaplan Sch. ist zunächst zum
Bodenpersonal der Flieger nach Dortmund gekommen. „Er schickt
sich gut" und wird sicherlich auch dort priesterlich
wirken. Wir vermissen ihn sehr!
13. Mai 1942
Auch die Bittprozessionen vor
Christi Himmelfahrt ziehen bei schönem Wetter — noch
ungehindert — durch die grünen blühenden Straßen. Die Zahl
der Teilnehmer wächst von Tag zu Tag. Besonders der Umzug um
die alte Kirche am 3. Morgen und von dort zur neuen Kirche,
vereint große Scharen von Betern. Dass Jungfrauen und Frauen an
Zahl überwiegen, wen wundert's, da Kriegsdienst und
Arbeitsverpflichtung vor allem die Männer erfasst hat.
14. Mai 1942
Das Hochfest Christi
Himmelfahrt. In den vier Werktagsmessen am Morgen und in der 8
Uhr-Abendmesse vereinen sich die Gläubigen in großer Anzahl.
Besonders ist die Abendmesse gut besucht. Wenn auch die
staatliche Verfügung den hohen Feiertag stark profaniert hat,
— selbst die Kinder haben Schulpflicht —, so können wir im
großen zufrieden sein!
14. Mai 1942
Vorigen Sonntag war
Bekenntnistag der katholischen Jugend. Sehr gute Beteiligung der
männlichen und weiblichen Pfarrjugend in Gemeinschaftsmesse und
Kommunion und am Abend in der Stiftskirche bei der
Bekenntnisfeier!
31. Mai 1942
Am Dreifaltigkeitssonntag
konnte wegen Alarm der Gottesdienst erst 10 Uhr beginnen, Abends
8 Uhr nochmals Gottesdienst! Während einer kurzen Verlesung in
der hl. Messe: Alarm. Trotz der Aufforderung, still heimwärts
zu gehen, blieben alle Leute bis zum Ende. 7 Minuten später
wurde der Alarm abgeblasen, was wir leider in der Kirche wegen
einsetzenden kräftigen Gesanges nicht hören konnten und beim
Verlassen der Kirche zu unserem Staunen feststellten.
Auch in der folgenden
Montagnacht vielleicht der stärkste bisherige Einflug
englischer Flieger (nach Köln), am Dienstag auch tagsüber
morgens gegen 10 Uhr und nachmittags zweimal, Mittwochnacht, so
dass seit Sonntag bis Fronleichnam jeden Tag erst 10 Uhr die hl.
Messe beginnen konnte. Der Abendgottesdienst (gegen 8 Uhr) wurde
besonders am Fronleichnamstag sehr gut besucht.
20. Juni 1942
Eine Polizeiverordnung
verbietet uns, bei den Gefallenen die Gesamtzahl von der Kanzel
zu sagen, desgleichen alle Namen der Gefallenen vorzulesen.
Desgleichen dürfen „aus
Papiermangel" keine Totenzettel mehr gedruckt werden, Wir
haben jetzt 45 Gefallene.
23. Juni 1942
Keine Woche — ohne Alarm. —
Wir sind schon glücklich, wenn die Sonntage gelegentlich ungestört
verlaufen!
1. Juli 1942
Der Sonntag, dem 28. Juni und
Montag, Peter und Paul und Mittwoch und Herz-Jesu-Freitag sind
durch Alarm empfindlich in ihrem ruhigen Verlauf gestört
worden.
August 1942
In der alten Kirche wird trotz
allem weiterrestauriert. Das alte Tabernakel aus der gotischen
Bauperiode an der Evangelienwandseite konnte wiederentdeckt und
aufgebrochen werden. Die Umrahmung, die offenbar, ursprünglich
aus Sandstein mit einer Stirnverzierung bestand, ist bei der
Vermauerung früher zerstört worden und ist nicht mehr
festzustellen.
Da der neugotische Altar ohne
jeden künstlerischen Wert ist und in der neuen sachlichen Chorlösung
nunmehr wie verloren dasteht, soll er entfernt und an seiner
Stelle ein einfacher, den liturgischen Bedürfnissen
entsprechender, neuer Altar hingestellt werden. Als Vorbild
haben wir Form und Maße des Altares der Michaelskapelle zu
Xanten als geeignet gefunden. Das hl. Sakrament soll wieder im
alten, neuentdeckten Tabernakel gehütet werden, der eine
Sandsteinfassung erhalten soll.
Das Innere des Turmes wird von
der Verputzschicht aus Zement und aus Kalk befreit, die schönen
Steine (meist Tuff) sichtbar gemacht und mit Trass neu gefugt.
August 1942
Es dürfen wieder Totenzettel
gedruckt werden, jedoch mit der Einschränkung, dass der Text
zuvor der Kreisparteileitung vorgelegt und von ihr genehmigt
werde.
14. August 1942
Seit 14 Tagen haben wir mit
Ausnahme von 3 Nächten in jeder Nacht Alarm. Des Tages haben
wir durchschnittlich 2 mal, manchmal 4 mal Alarm. Unsere hl.
Messen müssen leider täglich 10 Uhr und 20 Uhr gefeiert
werden. Daß der Besuch der hl. Messen und die Teilnahme an der
hl. Kommunion besonders unter der Verordnung des Spätbeginnes
leidet, brauchen wir nicht zu erwähnen. Die Abendmessen werden
noch am besten besucht und weisen oft 90 Gläubige auf. Etwa 15
bis 20 Teilnehmer empfangen durchweg die hl. Kommunion. Kinder
kommen am Abend in nur geringer Zahl. Gestern waren 54 Kinder
und 80 Erwachsene in der Spätmesse.
15. August 1942
Beim Abbruch des neugotischen
Altares durch Steinmetz Philippus Lehnert von der Dombauhütte
in Xanten kam ein Kistchen zutage mit vielen Reliquien. Das Holz
des Behältnisses ist ganz auseinandergefallen. Die Umkleidungen
der hl. Reliquien sind vermodert. Einzelne schriftliche Zutaten
von Pfarrer Krebs bedürfen noch der Entzifferung. Der ganze
Fund wird bis dahin möglichst unberührt aufbewahrt. Wir kommen
noch darauf zurück!
15. August 1942
Der 51. Soldat aus unserer
Gemeinde — Emil Arping — Kreuzhofstraße ist in Nordafrika
(EI-Alamein) gefallen.
R.i.P.
28. August 1942
Heute morgen werden in St.
Aldegundis zu Emmerich die feierlichen Exequien gehalten für
Gerhard Storm, zuletzt Kaplan an Aldegundis. Das Ende seines
Lebensweges glich der Passionswoche des Herrn. Er starb — so
berichtet die Todesanzeige — zu Dachau (Bayern) am 20. August
1942 im 55. Lebensjahre, im 29. Jahre seines Priestertums! Have
pia anima!
26. Oktober 1942
Inzwischen sind die Blocks aus
römischem Travertin mit großen Transportschwierigkeiten für
unsere neue Kanzel eingetroffen. „Wer wird uns den 30 Zentner
schweren Stein von der Türe der neuen Kirche wegwälzen",
und wer wird ihn bebauen mit dem Bilde des göttlichen Sämanns
?
27. Oktober 1942
An der Rückseite unserer neuen
Kirche sind starke Zementmauern zum Luftschutz angebracht.
25. Dezember 1942
4. Kriegsweihnacht. Obwohl am
Heilig-Abend 8 Uhr noch kurzer Alarm war, blieb nach Mitternacht
— Gott Dank — alles ruhig, so dass wir ungestört in die hl.
Weihnacht kamen. Wegen Abdunkelung der Gemeinde, war auch in
diesem Jahr Beginn der Christmette um 6 Uhr. Die erste hl.
Festmesse war nach den Vorschlägen Domvikars Leiwering, Münster
gestaltet als ein liturgisch betontes Amt. Gloria, Credo wurden
vom Priester lateinisch intoniert, dann deutsch vom gesamten
Volk gesprochen. Desgleichen wurden die Kirchengebete deutsch
gebetet. Am Anfang und Schluss: deutsche Weihnachtslieder, wie
auch in der zweiten und dritten hl. Messe die Kirchenlieder, vom
Volk und mehrstimmig vom Chor gesungen zu Recht kamen. Kaplan
Schillmöller, der 3 Tage von Langelau in Urlaub gekommen,
bediente meisterhaft die schwache Orgel. Die von Tannenbäumen
durch Herrn Kammann geschmückte Kirche war schön.
Die Kirche war bis auf den
letzten Stehplatz gefüllt. Alle Gänge waren auch außer den Bänken
gedrängt besetzt. In der II. hl. Messe teilten Kaplan Ranneberg
und Pater Wolmering an die 1000 Kommunionen aus. Auch in der
alten Kirche war eine hl. Messe 1/2 10 Uhr. Am Nachmittag 1/2 5
Uhr Festandacht mit ausgewählten Gebet- und Liedtexten. Die
Lieder wurden z. T. begleitet von unserem Blockflötengrüpplein.
An den 3 Feiertagen wurden über 3000 hl. Kommunionen
ausgeteilt, ein gewiss ermutigender Erfolg.
25. Dezember 1942
In der Woche vor Weihnacht
wurde die neue Kanzel aus römischem Travertinstein aufgestellt.
Eine gewaltige Arbeit, die vom Bildhauer Geisel aus Zeil am Main
mit einem Lehrjungen geleistet wurde. Das Modell des „göttlichen
Sämanns", wurde von Wilhelm Schlüter Nienborg entworfen.
Der Bildhauer kehrte zu Weihnacht in die Heimat zurück und kam
nicht wieder.
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Teil "1943 - 1945"
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