Joseph Bullmann

Licht und Schatten

Chronik von St. Willibrord in Kellen

1933 - 1945

Ein Tagebuch von Pastor Bullmann

Ehrendechant

 

 

Herausgeber: Cellina (Heimatverein), vermutlich 1990

Hinweis in eigener Sache: 

Ich habe mich erfolglos bemüht evtl. Rechte Dritter an diesem Bericht zu ermitteln. Eine Anfrage an Cellina blieb unbeantwortet. Andererseits sind die Ausführungen von Pastor Bullmann ein herausragendes Zeitzeugnis für das Leben und Denken in unserer Region während des Nationalsozialismus. Es ist m. E. im Interesse von Bullmann, dass dieser Bericht über das Internet einer breiten Leserschaft zur Verfügung steht.  

Ich bitte um Mitteilung an 

Rainer.Hoymann@niederrheinlande.de

wenn ich mit der Veröffentlichung irgendwelche Rechte verletze. Ich werde den Artikel sofort aus dem Angebot nehmen. 

Hinweis zur Bucherscheinung von Wolfgang Dahms am 27.08.2010.

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eMail von Herrn Johannes Stinner vom 29.11.2007:

... Die mir vorliegende Ausgabe (aus "Familienbesitz") besitzt auch einen grauen Einband (Paperback, 117 S.) mit einer graphischen Gestaltung in Schwarz und Rot (verfremdet zu lesen: Licht + Schatten). Nach dem Erscheinungsbild möchte ich mutmaßen: Ende 50er bis Anfang 60er Jahre. Ein Impressum ist vorhanden, aber kein Hinweis auf Cellina: "Den Umschlag fertigte Bildhauer und Kunstmaler Waldemar Kuhn, Emmerich. Alle Rechte vorbehalten. Druck Carl Lenders, Kellen". Kein Erscheinungsjahr! Wenn Cellina diese Ausgabe neu herausgeben hat, versteht es sich, dass der Verein daran kein Copyright haben kann. Ich sende einen Scan des Umschlags (das Foto können Sie ggf. gerne in Ihre Seite aufnehmen).

Vielen Dank, Herr Stinner!

 

1. Teil: 1933 - 1942 (den 2. Teil finden Sie hier)

 

Vorwort zu „Licht und Schatten" von Wilhelm Haas

Immer konturschärfer, überzeugender und beängstigender wächst der Menschheit die Erkenntnis zu, dass der II. Weltkrieg - von Deutschland verursacht - eine, wenn nicht die furchtbarste Katastrophe der bisherigen Menschheitsgeschichte gewesen ist, unter deren Folgen wir heute noch leiden. Diese Tatsache zwingt viele Menschen zum Nachdenken und Studium der Ursachen, Motive und Impulse, die zu dieser Weltkatastrophe führten. In Deutschland fehlt es bislang weitgehend an „Schuldliteratur" der Verursacher, der Mitläufer und vieler irgendwie daran Beteiligter. Auch im niederrheinischen Raum fehlt es aus der Zeit 1933-1945 weithin an Originalliteratur. Trotz Chronikpflicht der Pfarrer und Schulleiter ist die historisch-literarische Hinterlassenschaft insgesamt mager. Viele Chroniken wurden Opfer des Krieges, der Bomben und Granaten oder auch der Ängstlichkeit bzw. der Verantwortungslosigkeit. Sie wurden vernichtet oder „entnazifiziert", d.h. neu geschrieben. 

Nicht so die Pfarrchronik von St. Willibrord Kellen - geschrieben von Dechant Bullmann. Er wagte „in schwerer Zeit" eine umfangreiche Chronik zu schreiben und sie später (z.T. gekürzt) als „Tagebuch" bzw. als „Biographie einer Gemeinde" herauszugeben. Ein mutiges Wagnis und großes Verdienst! Die Chronik ist nach 45 Jahren zu einem wichtigen Zeitdokument geworden. In ihr (und nur in ihr) ist beispielsweise dokumentiert, dass auch Bürger aus Kellen Opfer der Euthanasieaktion Hitlers wurden. Für manch' andere historische Tatsache dieser apokalyptischen Zeit ist und bleibt diese Chronik wichtiges und oft nur einziges Dokument. Anschaulich spiegelt sich in ihr die Alltäglichkeit der „Weltkatastrophe'' in einem niederrheinischen Dorf, das seit Willibrords Zeiten (+ 739) „viel Geschichte" erlebt hat. 

Der Verfasser hofft, dass die oft nur flüchtig hingeworfenen Skizzen dem Leser etwas von dem „Sinn aller Geschichte" - auch der jüngsten - aufleuchten lassen. Die Zeit 1934 -1945 erlebt ein wacher niederrheinischer Pfarrer so dramatisch-apokalyptisch, dass er für sich und seine Gemeinde die Sinnfrage der Geschichte stellt. Wahrhaft, für diese Zeit eine notwendige Frage, ein notwendiges Tun! Cellina glaubt, dass die Weltkatastrophe II. Weltkrieg - erlebt in einem niederrheinischen Dorf - dargestellt von einem wachen, kritischen den Sinn aller Geschichte erwägenden Geist - es rechtfertigt, neu herausgegeben zu werden, aber auch deshalb, weil die Vergegenwärtigung der Vergangenheit aus vielerlei Gründen heute notwendig ist.

DIE ANSAGE

Es sind Dokumente der Zeit von 1934-1945, die wir auf Drängen guter Freunde preisgeben. Wer von Seite zu Seite behutsam blättert, und zwischen den Zeilen zu lesen versteht, dürfte sich immer wieder aufs Neue in dem Bewusstsein gestärkt fühlen, dass auch selbst nach dem Erlöschen des Friedens eine geistige fruchtbare Spannung innerhalb der Pfarre und der Gemeinde trotz fast täglicher Hemmung und Schwierigkeit verblieb. 

Wievieler Improvisation und Erfindung bedurfte es damals, das Ganze und Auseinanderstrebende in der Gemeinschaft zusammenzuhalten. Durch diesen, seltsam vom Widerstreit und Einklang gefüllten, im letzten unausschöpflichen Bereich, bewegt sich der Strom, der über die Blätter unserer umfangreichen Pfarrchronik dahinfließt. Oft nur, „um es los zu werden", um das Herz auszuschütten und sich zu befreien;  manchmal auch, um geistige Ordnung und Übersicht in der Wirrnis der turbulenten Tage zu behalten, zuweilen gar nur aus Lust am Fabulieren! So wuchs Einzelnes zum Ganzen, wovon aus besonders gefüllter Zeit eine Auswahl aufgetischt sei. 

Ein schmucklos Gehäus, das seinen Wert einzig dadurch, ausweist, dass es ganz aufgeht sinnvoll in den Dienst der Wahrheit und des Lebens. Vielleicht grüßen manche Gestalten und Schemen aus den Zeilen wie alte Bekannte, die eines schweren Weges Genossen waren. Aus dem Rembrandt'schen Hell-Dunkel einer halbvergessenen jungen Vergangenheit steigt vor dem Leser auf eine wirkliche, irgendwie miterlebte Zeitspanne, in der die inneren Überzeugungen hart miteinander rangen, Gesinnung oft wie ein Rock gewechselt wurde, und Enttäuschungen und die Nöte der Herzen unsere Besten im Volke zerquälten.

Wir haben rein Persönliches beiseite gelassen und manche Namen gestrichen. Warum verharschte Wunden bluten lassen und Sentiments wecken! Die hier dargebotene Chronik umfasst etwa 10 Jahre und spannt einen Bogen von der Zeit beginnend, da wir fast noch ein Dorf waren, bis dahin, da wir, (wie manche sich etwas herablassend ausdrücken), beinahe über Nacht und wider Willen Vorstadt geworden waren.

DAS SPIEL

1933

1934

27. Juni 1934

Pfarrer Peter van de Locht starb am 24. April 1934. Neun Jahre war er Pastor an St. Willibrord. Man rühmte ihm nach verschwenderische Mildtätigkeit, Eifer ohne Maß, Geschick im Umgang mit Menschen. Da ich ihn nie gesehen, noch gehört, muß ich sein Bild wie ein Mosaik, aus vielen kleinen Berichten, zusammensetzen: 

Als Priester, glühend und gläubig, von eigenwilliger und tapferer Prägung! Niederrheiner, im Denken, Fabulieren und Gehaben! Dabei Idealist vom reinsten Wasser: er zieht als Missionar in die rauhe Rhön, wird Erbauer der ersten modernen Kirche, den Widersachern zum Trotz. Seine Originalität überdeckt und überwindet alles Banausentum. Vielseitig und nicht unbewandert auf den Wegen der Heimatgeschichte, von gutem künstlerischem Geschmack und Urteil, entwickelt er sich zum beachtlichen Historiker und füllt als Sammler die weiten Räume des Pastoratums mit erlesenen Stücken. Eine Münzsammlung, mehrere Gemälde von Wert, römische Keramiken und schöne Fayencen machen die verwunschene Behausung zu einem wahren Museum.

Ein liebevoller Mensch! Aufgetan für alles Gute, wuchs er zu einer eigenartigen einmaligen priesterlichen Persönlichkeit, dessen Leidenschaft für das Bedürftige, Schwache, ja Defekte helfend entbrannte und dessen Frömmigkeit und bis zum letzten Atemzuge sich verzehrende Arbeitskraft alles durchglühte. Seine Nächstenliebe ist über jedes normale Maß gegangen; er brannte, die Welt mit Liebe zu erobern. 

Seit dem Bau von Kirche und St. Willibrordhaus überangestrengt, gab er sich ohne Schonung den Aufgaben und Lasten des täglichen Werkes hin und arbeitete bis an sein Ende mit der müden Beharrlichkeit, die für Erschöpfte charakteristisch sein kann. Er verausgabte sich im letzten Jahr in einer unerhörten Fruchtbarkeit und Fülle. 

Da er starb, ließ er das Fenster nach Süden öffnen und umfasste mit letztem liebendem Blick die alte Kirche und den Baum davor, der zum ersten Male in Goldregen prangte.

Am 26. Juni wurde ich sein Nachfolger.

Der neue Pastor wurde eingeführt!

29. Juni 1934

Einige Tage nach der kirchlichen Einführung fand im Saale Tenhaaf, am Abend von Peter und Paul, eine allgemeine Begrüßung und Feier statt. Der Saal fasste nicht die Menschen. Es wurden viele Reden gehalten und gesprochen von hohen Schulden, die Kirche und Willibrordhaus bedrückten; was für den neuen Pastor zwar nicht sehr erbaulich zu hören war. Fast alle Reden schlössen mit dem frommen Wunsch: „Das walte Gott." Dazwischen spielte ein Orchester und sangen, geführt vom Dirigenten van Brakel, die Sänger und Sängerinnen des Cäcilienchores den Wiener Walzer von Johann Strauß: „Rosen aus dem Süden". Sogar auf Wunsch von Kaplan Spielmanns ein zweites Mal!

So stieg ich ein in mein Pfarramt, mit bescheidenem Flügelschlag und ohne überschäumende Entwürfe, mich und mein Tun der Vorsehung anheim stellend.

1934

Am freien Abend habe ich in der großen Pfarrbibliothek erste Entdeckungsreisen gemacht. So kam es, daß ich lange zwischen den Büchern in der schmalen Stube blieb. Ich entdeckte einen wertvollen Frühdruck von 1510 und eine etwas spätere Heiligenlegende, die der Herr Baron von Nesselrode seinen lieben, ehrwürdigen Töchtern, Nonnen zu Marienbaum, zu geistlichem Nutzen zu lesen und betrachten empfahl und vieles anderes, was das Herz eines Bücherfreundes warm machen konnte. Zuletzt fand ich noch die alten Kirchenbücher, schmale in Pergament gebundene Verzeichnisse von rund 1650 an über alle Taufen, Hochzeiten und Toten, sorglich von den Pfarrern eingetragen. Und alles, was die Pfarre und die Finanzierung der Kirche betrifft, das stand in alten Kirchenrechnungen; die Grenzen, die Pachtländer, die Zahlungen für Wachs und Öl. Es war, als sprächen Jahrhunderte zu mir, und stünden die Toten wieder auf aus ihren Grabhügeln.

Juni 1934

Mein erster Kranker war der alte Ehrenbürgermeister Robert Hortmann. Er wohnte am Damm in seinem fast schlossähnlichen weißen Gebäu auf dem durch beste Weiden ausgezeichneten Hof tom Berge. Schon am Tage meiner Einführung brachte man die Kunde von seinem Fieber, und so habe ich mich bald aufgemacht. Ein großer Mann mit modischem, gewaltigem Schnurrbart (a la Wilhelm II.), mit klugen Augen, fing er an, vom Krankenbett aus den Vorhang der Vergangenheit zu lüften und mir Rezepte für Gegenwart und Zukunft freundlich zuzustecken. 

Dann haben wir aber auch die ewigen Dinge gründlich miteinander besorgt. Bald darauf ist er in Frieden gestorben. 

Der zweite Kranke wohnte in unmittelbarer Nähe der alten Kirche, der Urvater eines ganzen Volkes, Stephan Verheyen. Er hatte die eiserne Hochzeit gefeiert, und mein Vorgänger, Pastor van de Locht, hatte sich die Mühe gemacht, seinen Stammbaum aus den Kirchenbüchern rückwärts bis um 1650 mit Stamm, Ästen und Zweigen zusammenzusetzen.

Nun aber sollte er sterben. Er nahm sich aber viel Zeit dazu, und oftmals habe ich ihn noch viele Monate lang in Treuen versehen.

1. Juli 1934 

Es scheint in diesen Tagen das Rad der Geschichte um ein wesentlich Stück gedreht zu sein. Die Schüsse, die viel braves Menschenleben freventlich auslöschten, (die Presse spricht von „Röhmputsch"), sind weithin vernehmbare Zeichen der Sinnlosigkeit und Brutalität, die das neue Regime, das „Dritte Reich" einleiten. 

Gott ist unsere Hoffnung in den kleinen und großen Untergängen, die wir aus der Nähe und aus persönlicher Verbundenheit mit den Opfern schmerzlich erleben oder wie in Visionen schauen!

Jetzt müssen wir den Weg vom ersten Akt bis zum fertigen Schauspiel gehen! Wir selbst sind es, die den Vorhang hochzogen und viele aus uns haben im voraus reichlich Beifall geklatscht. „Am Ende ist immer das Fällige, was einem Volke auch zufällt." —

29. Juli 1934

Allgemeine Kollekte für die Hungersnot in Russland — oftmaliger Appell an die Opferfreudigkeit der Gemeinde zur Minderung der Bauschuld. Auf der Kirche lasten 80.000 M Bauschulden. Die Lage des Willibrordhauses ist ungeklärt, da die Zivilgemeinde trotz Zinsgarantievertrages Schwierigkeiten wegen weiterer Zahlung der Zinsen erhebt. Der verwegene und lächerliche Vorschlag des Bürgermeisters, das Haus der Zivilgemeinde abzutreten, wird vom Pfarrer strikte abgelehnt.

Juli 1934

Ich habe schon Streifzüge durch die neue Pfarre gemacht. Am Sonntagnachmittag führte mein Weg zum erstenmal über den Banndeich. Die Landschaft, die sich da vor meinen Blicken auftat, stieß wahrhaftig an den Himmel. Ich kann mir denken, dass sie den Menschen dieser unendlichen Fernen auf die letzten, die religiösen Maßstäbe verweist.

Der blaue Himmel wölbt sich gewaltig; die Sonnenscheibe, ein wenig in Dunst gehüllt, zittert in ihrem Kranz. So schlicht und demütig liegt das menschenleere Land. Ein schlafend, grünes Meer, in dem die schwarzen, langgestreckten Gehöfte mit ihren weiten, flachen Scheunen wie träumende Barken erscheinen. Und in all dem Konkreten und Wirklichen die kleinen Kirchen mit gotischen, spitzen Türmen, wie Wegweiser und Zeugen der anderen Welt, die durch die hiesige Welt der Weite und Ferne vorgebildet ist.

Ich steige den breiten Weg hinab in die Wiesen. In der gelben Pracht des Lichtes stellen sie sich wie schlafend; darüber segeln weiß und von Winden aufgebauscht lustige Wolkenfregatten. Eine herrliche Sommerlandschaft in reicher und zufriedener Gelassenheit! Nur vereinzelte Weidenbäume breiten ihre Zweige aus, um den erhitzten Tieren Schatten zu schenken. Hier herrscht friedlich buntes Leben; schwarzweiße Kühe, sanftmütig, wiederkäuend und friedlich, dazwischen Fohlen, zutraulich das sammetweiche Maul in die gestreckte Hand des Wanderers legend. Mit vollen Zügen genießt die Herde ihren Frieden in der unberührten Abgeschiedenheit und Schönheit der Natur. Plötzlich, wie auf ein heimlich durchgegebenes Kommando zieht der ganze Tross langsam von dannen, der Durst macht sich bemerkbar und das kühle Nass des in der Weide stehenden Kolkes lockt.

September 1934

Warum ging es in der Seelsorge? 

Es kam uns vor, als ob wir einen übermächtigen Ruf vernommen und ihm mit allen Fibern des Herzens antworten müßten. 

Wir haben in unseren Ansprachen oft unsere Gläubigen verwiesen auf Christus und versucht, die Mauer der hemmenden Vorurteile zu durchstoßen. Unser in-Christus-Sein und unser ohne-Ihn-nichts-Können, darum ging es Kaplänen und Pastor in der Seelsorge und darum haben sie gerungen.

1935

17. September 1935

Kellen, so klein es war, hatte in seiner Weise auch Teil an der großen Geschichte. Etwas von der frühen römischen Vorzeit vermochte man in dem Teil, den man Alt-Kellen nennt noch nachspüren. Und für die angelsächsische Missionierung im 7. Jahrhundert stand St. Willibrord mit seiner alten Kirche noch als Zeuge. 

Das Leben in einer kleinen Gemeinde hat seine besonderen Vorteile, man lebt hier schneller ein und entdeckt bald die Gemeinschaft. Da sind die Ärzte, Lehrer, die paar Schankwirte, die Arbeiter im blauen Kittel, die Bauern und die beiden Barbiere, die in den Wartezeiten für Unterhaltung sorgen, alle des höchsten Interesses wert. Aber die Mächte, die im Geiste immer mit zugegen sind, kommen aus den Jahrhunderten und aus aller Geschichte herbei. Ja, wer könnte die Geschichte eines Dorfes schreiben, ohne dass es eine großartige Geschichtsmonographie würde.

22. September 1935

Seit unvordenklichen Zeiten zieht wiederum eine Pfarrprozession nach Kevelaer. Der Hinweg von der Kirche zum Bahnhof und umgekehrt wird von der Polizei verboten. Es weht schon überall „ein neuer Wind", ein „scharfer Duft". 550 Fahrkarten!

1936

24. August 1936

Seelenamt für die in Spanien Gemordeten; auch ein Zeichen der Zeit. 

6. September 1936

Viktorstracht in Xanten. Große Glaubenskundgebung. Bischöfe von Münster und Mecheln sind erschienen! Klemens August hält eine ergreifende Predigt. Viele Gläubige auch unserer Gemeinde sind bei der Feier. Ein Sonderzug von Kleve aus fährt am 6. und beim Abschluß am 11. Oktober.

3. September 1936 

Die Priestersamstage als Opfer- und Gebetstage werden betont; zunächst wird im Mütterverein besonders geworben und im allgemeinen von der Kanzel. Bei den Haussammlungen stoßen wir auf Schwierigkeit bei der Partei.

20. September 1936

Heute und am nächsten Sonntag sind Rekrutenexerzitien. Sie finden künftig öfter noch statt, in Freudenberg und später im Kapuzinerkloster.

4. Oktober 1936

Erntedank! In der neuen Kirche hängt der Erntekranz! Auf dem Opfertisch liegen Brot, Trauben, Wachs, Linnen, auch ein neues Messgewand. Opfergang ist in einer hl. Messe. Appell an die Gläubigen, außerhalb des Gotteshauses in Maß und Zucht zu feiern.

Draußen herrscht die Parole: „Trinkt deutschen Wein"! 3 Fuder liegen auf dem Sportplatz in der Sonne bereit, eine ganze Gemeinde in Rebensaft zu ertränken. Umzug der Bauern und Melker und dann Tanz in allen Sälen um Blut und Boden bis zum Hahnenschrei.

20. Dezember 1936

Als Widerhall der quälenden, sogenannten „Sittlichkeitsprozesse" wird zur Steuer der Wahrheit in der Kirche verteilt ein Broschürchen: „Ärgernis in der Kirche?"

1937

21. Februar 1937

Ein Hirten-Wort des Bischofs zur Bekenntnisschule! Die Angriffe dagegen werden häufiger und massiver.

7. März 1937

Ein Heftchen über die katholische Schule wird an der Kirche verteilt. „Die Entscheidung kann, wie anderenorts, durch Abstimmung plötzlich gefordert werden. Unterschreibet nichts, was den rechtsgültigen Abmachungen mit dem hl. Vater im Konkordat widerspräche!"

14. März 1937

Unser Kirchenblatt ist in ganzer Auflage beschlagnahmt worden: wegen Ablehnung einer für uns untragbaren Zumutung. 

Kirchenbesucher: am Sonntag: 2594

27. Juni 1937

Die Fronleichnams-Prozession zieht noch wie sonst. Jedoch wird verboten: Fahnen zu hissen. Den Lehrern und Lehrerinnen wird die Aufsicht über die Kinder verboten. Freiwillige Helfer und Helferinnen springen ein und übernehmen die Ordnung. Die Lage wird schwieriger ! Die Schrauben werden spürbar angedreht.

3. Juli 1937

Firmung durch den hochwürdigsten Herrn Weihbischof Heinrich Roleff! Die Schulen erhalten Befreiung vom Unterricht — noch. Es darf in kirchlichen Farben geflaggt werden. Triumphbögen werden zum Empfang errichtet: Ecke Emmericher Straße Hermann-Göring-Straße und an der alten Kirche bei Diedenhoven und Henseler. Noch während der kirchlichen Feier der Firmung müssen an der Emmericher Straße die Fahnen eingezogen werden. Die Anlieger der alten Kirche, die der Bischof erst gegen Mittag besucht, weigern sich, die Flaggen und Bögen vor 3 Uhr nachmittags zu entfernen. Mit Erfolg! 

Radfahrer und Reiter holen den Bischof in Kleve ab beim Dechanten. Landrat und Bürgermeister von Kleve verbieten: das Einreiten in Kleve. Der Bauernführer von Kellen, Gregor Dahmen, Voßhof, setzt sich ein für alte Kellener Bauern-Rechte. Daraufhin wird das Verbot zurückgezogen. Willibrord Maasakkers, seit Jahrzehnten Rittmeister bei kirchlichen Reiterzügen, reitet zum letzten Male! Die freundliche populäre Art des Weihbischofs findet überall Begeisterung und laute Zustimmung.

18. Juli 1937

Nächsten Sonntag großer Caritas-Sonntag. Die Sammlung ist nur in der Kirche erlaubt. Der Erfolg ist sehr gut. Opferbeutelchen werden von Priestern eingesammelt. In der ersten Messe ist Opfergang der Gemeinde zum Altare.

22. August 1937

Nach einer amtlichen Mitteilung wird der gesamte lehrplanmäßige Religionsunterricht an der Volksschule mit Wirkung vom 31. August nicht mehr durch Geistliche, sondern durch Lehrer und Lehrerinnen erteilt werden. „Für die bisherige Erteilung durch die Geistlichen spricht der Herr Regierungspräsident den Pfarrgeistlichen seinen Dank aus"! 

Ein Schreiben des Hochwürdigsten Bischofs dazu!

Eine tief einschneidende, für die religiöse Erziehung der Jugend noch nicht abmeßbare Entscheidung. Praktisch ein Dokument der weiter fortschreitenden Entchristlichung des öffentlichen Lebens. Annullierung des Reichskonkordates! Wo bleibt die katholische Schule ?

31. Oktober 1937

Wir geben von den Kanzeln bekannt: Die Jungmännervereine sind („als staatsgefährliche Organisationen") von der geheimen Staatspolizei aufgehoben. Kasse bei Kaplan Ortner wurde beschlagnahmt. (40 Pfennig Bestand). Hausuntersuchung bei Jan van Rooy, dem Kreisjugendführer! Seine gute Bücherei wird beschlagnahmt. Das Pfarrheim wird polizeilich geschlossen und versiegelt; desgleichen darin Schrank, Klavier, Tische und 24 Stühle.

28. November 1937

Die Zivilgemeinde fordert uns auf, den Raum für die Borromäusbibliothek (auf der Empore der Turnhalle der Willibrordschule), ehestens zu räumen. Wir mieten zwei geeignete Räume, Emmericher Straße. Zeichen der Zeit! Was wird noch kommen ?

15. Dezember 1937

Im Stil eines sonst fast ausgestorbenen Typus amtierte als Küster, Organist und Kantor zu unserer Zeit noch Heinrich Kr.

Gestützt auf die Erfahrung und den vertrauten Umgang mit 3 Pfarrern wandelte er seinen apostolischen Weg sicher, in freimütiger Selbsteigenheit und Kühnheit. Viel schwere Erlebnisse und Schicksalsschläge hatten ihm das Lachen verlernen lassen. So liebte er tiefgründige Gespräche, vorzüglich solche, die an die Grenze von diesseitiger Wirklichkeit und Ewigkeit führten.

Oft grübelte und bohrte er hinein mit krausen Gedankengängen in die Rätsel und Geheimnisse des Lebens und wurde nie ganz fertig mit dem Sinn und scheinbaren Unsinn der Geschichte. Er hätte am liebsten selbst einmal Vorsehung gespielt und das Durcheinander wie er meinte — geordnet.

Eigentlich passte er in diese Welt schlecht hinein und litt an einem Pessimismus, der keinem Wesen ein gutes Ende zutraute. Er kleidete sich in dunklem Anzug, hielt auf Kontinuität in Riten und kirchlichen Gewohnheiten und es hätte schon des einhelligen Beschlusses eines römischen Konzils bedurft, an der bisher von ihm festgesetzten Zahl der Kerzen auf dem Altar wesentliches zu ändern. Im Staub der Orgelbühne vergilbten Texte und Notenbücher, bibliophile Raritäten, die als willkommene Unterlagen zum Sitzen eher denn zum Singen benutzt wurden.

Die Jahreszeiten kamen und gingen, brachten Blüte und Frucht, Sturm und Schnee über die alte Kirche. Sie zerfiel und wurde fast zur Ruine. In all dem marschierte er 30 Jahre tapfer mit. Nichts änderte seinen Schritt und er trug den Anteil und die Last der Verantwortung — zwischen Pastor und Lehrer — als dritter Vater der Gemeinde in Würde und Klugheit.

Wissenshungrig hat er sogar über manchem Buch gesessen und trug das Gelesene mit sich im Herzen und versponnenen Sinnes durch seinen kleinen Tag auf den von ihm bevorzugten Feldwegen und schmalen Wiesenpfaden. Er simulierte über alles in seiner Weise nach und legte sich einen Vorrat und Bestand an von frommem Wissen, ohne deshalb ein lästiger Eiferer oder Rechthaber zu sein. 

In seinem Orgelspiel bevorzugte er eigene Zutaten und versah die Kirchenlieder mit musikalischen Schlusskadenzen, barockem Geschnörkel und Rankenwerk. Er war ein echtes Original, ein Organist und Küster eigenen Geistes, ausgerüstet mit der Gabe der Erfindung und musikalischer Improvisation bescheiden dörfischen Ausmaßes. 

Seinem einzigen Sohn vererbte er viel von seinem Wesen und das Beste, was er hatte, sein musikalisches Ingenium!

1938

26. April 1938

Die Kommunionkinder erhalten zum ersten Male keine Befreiung von den ersten Schulstunden am Tage nach dem Weißen Sonntag. Sie gehen schon 7 Uhr zur hl. Messe und zur hl. Kommunion und werden vor Schulbeginn von den Schwestern des Willibrordhauses mit Milchschokolade und Kuchen festlich bewirtet.

8. Mai 1938

Einkehrtag der Bauern in Freudenberg für die Dekanate Kleve—Goch. Glänzender Besuch und Verlauf. Die Bauern sind noch auf dem Posten!

9. Mai 1938

Den Kindern wird zu den Religionsstunden der Schule durch die Lehrer, die in einigen Klassen hapern, zunächst eine zusätzliche Religionsstunde der Geistlichen gegeben. Der Besuch ist anfangs gut, zeigt aber Schwierigkeiten an den auf freien Nachmittagen liegenden Stunden.

Den Eltern wird an den Kirchtüren die ausgezeichnete Schrift ausgehändigt: „Wie erziehe ich meine Kinder im christlichen Glauben?" Die Kollekte ist erstmalig für Kinder- und Jugendseelsorge!

9. Juni 1938

Die Fronleichnamsprozession zieht auf den alten Wegen wie bisher. Fahnen und Fähnchen in Kirchenfarben sind nun auch verboten. Man schmückt sinnig mit Kränzen am Haus. Sprüche nach Entwürfen von Elly Brösch-Bonn, von unserem Paramentenverein gefertigt, tauchen überall auf. 

24. Juli 1938

Caritassonntag.

11,5 feierliches Levitenamt zum Abschied von Herrn Kaplan Ortner, der nach St. Ludger-Duisburg versetzt ist.

Abends 8 Uhr ist zum Abschied eine feine Priesterfeierstunde bei Braam. Der große Saal ist überfüllt. Alle Vereine wirken mit und lassen ein gutes, liebes Dankeswort sagen. Die Polizei hat nach langen Verhandlungen die Festversammlung gestattet und ist dem Wirt hinterher unfreundlich draufgesessen!

21. August 1938

Der Bischof hat uns zwei neue tüchtige Kapläne auf einmal geschenkt: Josef Ranneberg, bisher in Heeshen-Hamm und Heinrich Schillmöller. Neupriester und musikalischer Mann dazu. Er wird auch den Kirchenchor übernehmen. Der bisherige Dirigent, Herr van Brackel, unter Druck gesetzt, glaubt als Beamter auf dem Bürgermeisteramt, zurücktreten zu müssen. In der Zwischenzeit hilft ein fixer Presbyter von Freudenberg aus. Wie auch sonst oft, ist Freudenberg Helfer und Retter in der Not! Ein vergelt's Gott den braven Herz-Jesu-Priestern!

23. Oktober 1938

Rekruteneinkehrtag in Freudenberg wird gehalten von einem Kriegsteilnehmer als Exercitienmeister. Persönlicher Besuch der Jungmänner durch Pfarrgeistliche zu Hause. Ein letzter Abend der Eingezogenen beim Kaplan R., zusammen mit den übrigen Geistlichen. —

Aufruf an die Eltern zu besserem Besuch ihrer Kinder am Religionsunterricht.

Bitte um Opfer für die Pfarrbücherei: „Werdet Mitglieder!" Die Bücherei wird gut geleitet vom buchkundigen und belesenen Kaplan Schillmöller, während Kaplan Ranneberg die Jugend und die Führung der Kinder beim Gebet und Gesang während der Gottesdienste opfervoll übernimmt.

16. November 1938

Maria Opferung als Büß- und Bettag ist noch immer arbeitsfrei. Unser Kirchweihtag! Levitenamt mit mehrstimmigem Chor. Kollekte für die Peter-van-de-Locht-Stiftung.

Seit dem Jahre 1935 setzt die Bemühung des Pfarrers ein für die Restaurierung der alten Kirche. Der Herr Provinzialkonservator wird auf den kunstgeschichtlichen Wert des seltenen frühromanischen Bauwerks aufmerksam gemacht und auf die Gefahr des Zerfalls. Der Pfarrer bemüht sich zunächst um die Hauptsache, die Herstellung der Dächer. Besuche des Provinzial-Konservators Graf Wolff-Metternich und der Herren Bauräte Wildemann, Dr. Schorn, Dr. Neuhaus und Assistent Dr. Pfitzner. Klassische Reiseberichte des Herrn Wildemann in den Akten! Herr Baurat Pfeiffer, (vom Kreis) unterstützt wesentlich die Angelegenheit, desgleichen Bürgermeister Marx, Kellen. 

Die bischöfliche Behörde fördert das Werk. 

In 3 Abschnitten soll die vollständige Herstellung der gesamten Kirche erfolgen.

1. Dächer
2. äußere Wiederherstellung
3. innere Wiederherstellung.

Für die Dachherstellung übernimmt freudig Baurat Pfeiffer die Leitung. Der von der Denkmalspflege zugelassene Dachdeckermeister Hemmers, Goch, wird mit der Ausführung beauftragt.

Die Finanzierung:
1000,00 M  Provinz
1000,00 M  Kreis
500,00 M  Zivilgemeinde
1000,00 M  Generalvikariat

Der Rest wird aus kirchlichen Sammlungen bestritten. Im Jahre 1937 bis zum Herbst hinein wird die gesamte Bedachung bis auf das südliche Schiff erneuert. Da das Holz sehr schadhaft geworden, sind auch umfangreiche Zimmermannarbeiten nötig. Ausgeführt durch Oenings und Companie. Gesamtkosten 7000,— M. Die Bedachung in alter deutscher Deckung, lebendig ohne Langweile findet Beifall des Provinzialkonservators. Inzwischen laufen ununterbrochen schon die Bemühungen für äußere Restaurierung. Dr. Schorn, der Emmerichs St. Martin gesichert und hergestellt, bemüht sich persönlich sehr.

Die Herstellung der alten kleinen Fenster wird bewilligt, aber zunächst noch vertagt. Während der Arbeiten macht Dr. Bader, der in Bonn und Xanten die Krypten hergestellt, sich einen Tag lang Mühe um letzte Erkenntnisse. Er bestimmt das Alter des Schiffes in Analogie mit St. Georg und zum Teil Maria im Kapitol, (in Köln) auf 1040.

Das Jahr 1938 bringt viel Mühe um weitere Zuschüsse. Sie werden bewilligt: Bischof 1000 RM, Provinz: 1000 RM. Antrag an den preußischen Staat, vorbereitet von Dr. Pfitzner-Bonn. Es wird 1939: ohne entscheidende Zusagen. Herr Pfeiffer am Landratsamt ist versetzt ; leider fehlt es nun dort an Sachverständigen. 

Um das Jahr 1939 nicht müßig zu vertun, wird die Mauer um den Friedhof gebaut. Günstig ist: die staatliche Sammlung von Eisenstanketten zur Verschrottung „für das Vaterland." Wir bieten 100 m Eisenschrott an und stellen gleichzeitig Antrag an den Kreis um Zuschuss von 700 M für denkmalpflegerische neue Mauer. Ober-Regierungsrat Schüller und unser lieber Freund Architekt Heinrich Sauren, beide beim Preußischen Staatshochbauamt Kleve, leihen ihre Unterstützung. 700 M werden nach anfänglichem Sträuben bewilligt. 

Ein schönes Mäuerchen unter Aufsicht der Herren vom Staatshochbauamt, wird gebaut. Die Kosten erhöhen sich auf 892,81 RM. Maurerarbeiten: von Jansen & Cie. Kellen.

Die am 24. April 1939 vom Minister für kirchliche Angelegenheiten bewilligten 2000 RM können 1939 nicht verbaut werden. Westwall und Arbeitermangel hindern den Beginn. Außerdem ein äußerer Grund: der Pfarrer erkrankt und muss sich einer Operation im Juli 1939 unterziehen, im Antonius-Hospital, die ihn bis in den Herbst behindert.

Inzwischen haben sich die Baumittel angesammelt.
2000 RM vom Staat
1000 RM von Provinz
1000 RM vom Bischof
1000 RM von Zivilgemeinde
1000 RM von Kirchengemeinde
6000 RM
Weitere Anträge laufen!

Eines der alten romanischen Fensterlein wird freigelegt und durchbrochen. Regierungs-Baurat Wildemann besichtigt voll Freude und Begeisterung den interessanten Bestand und widmet ihm einen Reisebericht. In der Tat ein ungewöhnlicher Befund! Spärliche verschwammte Holzrahmenteile aus dem II. Jahrhundert; die Falz, in denen der Rahmen gesessen hat, ist noch genau zu erkennen. 13. Juni 1939. 

Die Werksteine zur Wiederherstellung der alten Fenster und Auffüllung der ausgebrochenen späteren Fensterhölen werden bestellt am 28. September 1939 in Mayen. (Firma Bender).

8. Dezember 1938

Fest Maria Empfängnis ist jetzt Arbeitstag, Schultag. „Steuert der Verweltlichung unserer Feste und haltet, soweit möglich: Arbeitsruhe! Macht euch frei für eine hl. Messe! Für die Arbeitsverpflichteten, abends 6 Uhr." 

Wir sammeln in der Kirche für eine Krippe.

Heute starb Willibrord Maasakkers, der „letzte Reiter", ein aufrechter Bauer und ganzer Christ. R. i. p.

25. Dezember 1938

Weihnacht, noch in gewohnter Pracht. 

Die neue Krippe aus Lindenholz, leicht koloriert, hat Meister Johannes Wehrenberg, Münster i. W„ geschnitten. Sie findet ungeteilten Beifall. Kosten 500 RM.

1939

1. Januar 1939

„Gott allein weiß, was der Sinn unserer Sorgen ist. In seine Hände legen wir unsere Schläfen!"

Einwohner 5070 apostolisch 16
Katholiken 4632 gottgläubig 25
evangelisch 375 glaubenslos 1
neuapostolisch 21
Aus der Kirche traten aus und nennen sich gottgläubig 9
getauft wurden 105 Kommunionen 70500
getraut wurden 33 (die Mission)
es starben 41
Vom alten Jahr ins neue geht die brennende Sorge um die religiöse Erziehung der Jugend.

6. Januar 1939

Dreikönige: Arbeitstag, Schultag. Die hl. Messen werden entsprechend umgelegt. Die Profanierung des öffentlichen Lebens wird bewusst von der Partei erstrebt.

22. Januar 1939

Die Eltern der Schulentlassungsknaben (7. und 8. Jahrgang) erscheinen auf freundliche Einladung hin im Willibrordhause. Besprechung der Lage und herzliche Bitte um Mithilfe in der Erziehung der Kinder.

Für die Schulentlassenen bemüht sich sehr Herr Kaplan R. in Bibelabenden im Heim, die später diskret in die Kaplanei verlegt werden. „Heim" ist ein Raum unter der neuen Kirche, der auch zu Unterrichtszwecken neben der Nähstube und dem Flur des Willibrordhauses, benutzt wurde.

5. Februar 1939

Lichtbildervortrag für Männer: „Marienleben". Der Arbeiterverein, der bisherige Hauptmännerverein hat wenig Nachwuchs, da die Doppelmitgliedschaft mit der Arbeitsfront verboten ist. Zur Arbeitsfront muß jeder auf einem Industriewerk Beschäftigte sich melden: obligatorisch. Die Sterbekasse des Arbeiter-Vereins hält aber immerhin noch 70—90 Mitglieder zusammen. Nachwuchs von jüngeren Leuten hat aufgehört. Darum auch wohl ist der Verein nicht aufgehoben worden. Kaplan Ranneberg müht sich um die Reste, um sein „Fähnlein der Getreuen".

1939

Die alte Kirche! Immer mehr stößt das alte Gebäu die Schale des hässlichen Verputzes ab. Überreste der verflossenen Jahrhunderte sprechen den Kirchenbesucher an aus Narben, Runzeln und Fugen des Gemäuers, die unverschönert belassen wurden, so wie sie ihr unverhülltes Altersgesicht nach Entfernung des Zements zeigten. Die Außenseite ist durch den Rhythmus der sieben Arkaden zusammengehalten; ein kostbar Gefäß, das einem grazilen Baldachin gleicht, durch vorgespannte, schmale Säulchen getragen ist und fast unglaublich zart aus anderer Welt mitten in einen irdischen Paradiesgarten hereingesetzt wurde. In unserer von Strömungen erschütterten Welt bleibt der grundsätzliche Wert solcher lebendigen Ausstellungen an der Straße des Lebens. Sie geben Lebendigkeit und Fruchtbarkeit weiter an den schlichten Beter, den frommen Beschauer und auch an den Kunstfreund. Man sollte überlegen, welche sinnvollen, vorsichtigen Ergänzungen die fernere Restaurierung finden könnte und sollte.

26. Mai 1939

Fronleichnamsprozession! Eine polizeiliche Verordnung verbietet, die Emmericher Straße zu benutzen. Die Prozession biegt also auf der Adolf-Hitler-Allee an der Kurzen Straße ein. Der zweite Altar ist verlegt in die Ecke der Wiese des alten Kreuzhofes. (Von Peter Kammann seit Jahren aufgebaut). Der dritte Altar steht noch auf dem Vorplatz der neuen Kirche vor dem Portal. Am Morgen sind daran alle hl. Messen im Freien. Oben thront die silberne Willibrordbüste. 

Von der neuen Kirche zieht die Prozession über die Willibrordstraße zum letzten Altar unter der alten Linde beim Kellenshof. 

Fahnen und Fähnchen in gelbweiß, den päpstlichen und rotgelbrot, den bischöflichen Farben, werden streng durch Polizei verboten. Am Morgen fallen sogar violette Papierstreifen auch noch einer Razzia der Polizei zum Opfer. Es sind nur noch weiße Papierstreifen gestattet. Man hilft sich mit Kränzen, Altärchen, Blumen und Spruchbehängen. Die Prozession verläuft aber noch trotz allem in alter Pracht und großer Beteiligung auch der Männer. 

Nach alter Tradition helfen mit: Pfarrer Hellraeth von der Unterstadt und 2 Kapläne der Oberstadt in unverbrüchlicher Treue!

26. Februar 1939

Kirchenbesucher 2109. Viel Abwanderung (zu Arbeitsdienst, Militär, Westwall und Industrie) macht sich bemerkbar. In allen hl. Messen ist öffentliche Abstimmung für die christliche Schule! Alle bekunden den klaren Willen, des Gewissens und der Vernunft Stimme zu folgen. Ob es nützt? Wir zweifeln!

24. April 1939

Jahrgedächtnis für Pfarrer Peter van de Locht. Die Gläubigen folgen, Gott Dank, unserer Aufforderung zu Opfer und Opfermahl. Mögen sie es auch tun, wenn für seinen Nachfolger das Requiem gefeiert wird. 

Am folgenden Tag ist Markus-Prozession in gewohnter, noch großer Beteiligung, — nicht unbeobachtet von der Polizei. In der gleichen Woche feiern wir, mehr betont als bisher, den Todestag des Heiligen Petrus Canisius von Nymegen, des Patrones unseres (so schwierigen) Religionsunterrichtes und unseres heiligen niederdeutschen Landsmannes.

18. Mai 1939

Caritassonntag. Opfergang 7 1/2 Uhr.

Aufforderung, dem „Muttertag" stärkeren religiösen Sinn zu geben, durch Gebet und hl. Kommunion aller großen und kleinen Kinder, für Mutter und auch für Vater.

Während des Pfarrers Abwesenheit verkaufte der Polizeimeister (im Auftrag der Gestapo) die Möbel im Heim, „die Eigentum des aufgehobenen Jungmännervereins seien." 24 Stühle, 1 Tisch kaufte ein Wirt. „Er wolle sie wieder zurückgeben, wenn. . . ." Das Klavier, dessen Eigentumsrecht erwiesen wurde, ward verkauft an einen Möbelhändler.

27. August 1939

Noch einmal Kirmes! Kirmes-Kollekte für den neuen Taufstein! Der Krieg gegen Polen ist entbrannt! Plakate: Mobilmachung!

„Der Ernst der Tage, die wir durchleben, sind ein Mahnruf Gottes, unser Christentum zu erfüllen!"

Wir mahnen mehr noch wie bisher, mit der Sonntagsmesse die hl. Kommunion zu verbinden; an den Werktagen zur hl. Messe zu kommen; die Eltern zusammen mit den Kindern zu Hause zu beten!

29. August 1939

Die Ferien werden auf unbestimmte Zeit verlängert! Der Westwall wird längs der holländischen Grenze bis zum Meer ausgebaut.

Unsere Gemeinde wird überflutet von einem Strom von Westwallmännern, die in allen Schulen, Sälen und in Privatquartieren untergebracht werden. Das Antlitz der Gemeinde ist verändert! Meist Sachsen aus dem Erzgebirge, nur wenig Katholiken aus Westfalen und woanders her.

Aufruf an die Eltern, der religiösen Verwilderung der Kinder in dieser Zeit zu steuern! Wir sammeln mit Mühe die Kinder zum Unterricht! Benutzt die Einrichtungen des Willibrordshauses: Kinderhort und -garten, und Nähschule! Beide Einrichtungen sind gut besucht.

Die Unsicherheit an den Abenden nimmt zu. Westwall!

Die Verdunkelung erschwert die abendlichen Religionsstunden für Jungfrauen und Jungmänner! Gelegentliche, aber noch seltene Flieger aus England! Flugblätter sind ihre ersten Gastgeschenke! Sie werden eifrig von der Polizei und von Parteimännern gesammelt und den Blicken „unbefugter" Leser entzogen! Der Religionsunterricht wird zunächst mit dem Gottesdienst an den Werktagen um 8 Uhr verbunden. Außerdem machen wir wiederum mühsame Versuche, zu Religions- und Singestunden die Kinder zu sammeln. Ernstere Mahnungen und persönliche Besuche der Eltern!

24. September 1939

Erntedank! Die Parole draußen: „Blut und Boden"! Die Familien geben uns die Adressen der Söhne im Felde. Bald wird das verboten! Wir schicken alle viertel Jahre Rundbriefe und Zigaretten, bis zum strengen Verbot der Korrespondenz der „Zivilgeistlichen" mit Soldaten. Dann suchen und finden wir andere Wege! 

Wir halten am Abend große Michaelsfeier nach eigenen Texten mit Predigt. Die Rosenkranzandacht im Oktober muss „aus Gründen des starken Verkehrs" (Westwall) und der Verdunkelung in die Frühmesse verlegt werden. Betet zu Hause wiederum den Rosenkranz wie zu Vaters Zeiten!

8. Dezember 1939

Der Mariä-Empfängnistag ist in der Öffentlichkeit als Feiertag abgeschafft. Er ist Pflichtarbeitstag und Pflichtschultag. In der Kirche sind die hl. Messen aber wie am Sonntag. Wie sich doch die Zeiten wandeln!

25. Dezember 1939

Hl. Weihnacht: Mette ist um 5 Uhr (statt 4 Uhr)

Die Kirche ist — wie ganz Deutschland — total dunkel, ohne Licht. Die Räume unter der Kirche sind als Luftschutzkeller eingerichtet. Eine Mannschaft von Luftschutzhelfern ist von dem „Betrieb Katholische Kirche" eingerichtet. Sandsäcke werden vor den Kellerfenstern unter der Sakristei und dem Chor gelegt.

1. Januar 1940

Einwohner 5249 getauft 111
Katholiken (4632) 4655 getraut 53
evangelisch (375) 353 beerdigt 62
gottgläubig 62

Kommunion

60000
sonstige 29  

ausgetreten (und jetzt "gottgläubig")

5
 

1940

„Es ist nur einer ewig und an allen Enden, und wir in Seinen Händen.

6. Januar 1940

Das Fest der Erscheinung des Herrn ist in der Öffentlichkeit ganz verweltlicht: Strenger Arbeitstag! Die Kinder haben — Gott Dank — noch Ferien! Den Winter über kommt in Kellen (wie in anderen Orten Westdeutschlands), nach Abzug der Westwallarbeiter ununterbrochen militärische Einquartierung! Sowohl in den Schulen als auch in fast allen Privatwohnungen liegen Soldaten. Manche, vor allem Westfalen und Rheinländer, betätigen sich praktisch religiös durch regelmäßigen Besuch unserer Gottesdienste. Die Gläubigen werden ermahnt, christliche Gastfreundschaft an den Quartiergästen zu üben und sie, zur Teilnahme an unseren Gottesdiensten freundlich einzuladen. Auch das Pastorat ist fast ununterbrochen mit Gästen beglückt. Es ist wohl nicht zu abwegig, des guten Burschen unseres Hauptmanns Arndt aus Berlin zu gedenken, und ein Lied der Treue ihm zu singen: Miethke aus Ströbitz-Kottbus, seinem Hauptmann ergeben, mit den Quartiergebern verbunden ohne Falsch. Vor Pfingsten wird er als überaltert von seinem Hauptmann zu Weib und Tochter entlassen. (Das schreckliche Ende des Krieges in Polen hat er hinterher mitgemacht). Nun hat sich eine herzliche Korrespondenz, ein hin und her von lieben Erinnerungen und Berichten fast familiärer Art daraus entwickelt. Nach dem Krieg wird er, nach feierlichen Versicherungen, mit seiner Familie in dem ratenweis abgezahlten, längst bestellten Volkswagen die Stätten seiner niederrheinischen Quartiere heimsuchen. Wir freuen uns schon darauf!

11. Februar 1940

Fastenzeit! Aufruf! „Machet Ernst in der gnadenreichen Fastenzeit, mit dem Christentum durch Wandel, durch Gebet und Vereinigung, in der hl. Kommunion, einen Frieden der Gerechtigkeit zu verdienen." Gebete für die Kriegszeit nach der hl. Messe! 

Fastenprediger ist Kaplan Schillmöller; er spricht ein an die Herzen pochende Kündigung.

7. April 1940

Da der Unterricht an den Schulen noch recht unregelmäßig ist, wegen teilweiser Belegung der Schulräume und Verlegung der Knabenschule nach Schmithausen, muss der gesamte Religionsunterricht auf die Nachmittage gelegt werden. Die allgemeine Unordnung und starke Lösung der Disziplin macht sich leider auch in unserem Unterricht sehr bemerkbar. Unsere Stundenpläne werden ständig umgeworfen. Aufruf an die Eltern!

28. April 1940

Die Flurprozessionen am Markustag und an den Bittagen sind noch unbehindert auf den alten Wegen gezogen. Das mit Blumen geschmückte Silberkreuz voran! Vexilla Regis prodeunt!

5. Mai 1940

Caritassonntag.

Heute ist Beginn einer religiösen Woche. Die Morgenpredigt ist im Anschluss an die 8-Uhr-Messe; Abendpredigt ist abends 8 Uhr. Sie wird gehalten von Pater Gundislav Drees, Dominikaner von Berlin-Moabit. Alles läuft gut an. 

Reger Besuch, — bis am Donnerstagabend der Krieg alles wegfegt. Donnerstagnachmittag: allgemeiner Großer Alarm und Aufbruch aller Soldaten. Die Westfront kommt in Bewegung und wird in Marsch gesetzt. Die Abendpredigt wird nur noch bei schwachem Besuch gehalten. Freitag Morgen 6 1/2 Uhr der erste Kanonenschuss. An die 1000 Flugzeuge fliegen über uns nach Holland. Das Böllern an der Grenze erschüttert Ohren und Herzen. In der Gemeinde Kellen wohnen seit Jahrzehnten an 250 holländische Familien, deren Söhne z. T. auf der „anderen Seite" kämpfen. Fast alle Familien haben Verwandte, Freunde drüben; Sorgen um das Schicksal der Lieben erfüllt die Gemüter überall. Auf den Straßen Truppentransporte; die Eisenbahn rollt bei Tag und Nacht; die Elektrische steht im Dienst des Krieges. Die Luft wird erfüllt vom Surren der Propeller und dem Donnern der nicht fernen Front. 

12. Mai 1940

Hl. Pfingsten — Kriegspfingsten! Furchtbare, einzigartige Pfingsten in der Geschichte der Pfarre. Am Vorabend Befehl: beide Kirchen müssen geschlossen werden. 

Die Leute strömen sorgenbeschwert am Morgen zur Kirche. Sie finden die Türen geschlossen. Einige Gläubige finden noch Gelegenheit einer Festmesse in Kleve, wo die Polizei erst am folgenden Sonntag die Kirchen schließt. „Man befürchte Angriffe feindlicher Flieger am Tage". Die Kirchen bleiben geschlossen: am Dreifaltigkeitssonntag, Fronleichnam und folgendem Sonntag. Dann gestattet der Landrat Neven „eine nicht schlechtere Behandlung wie die Kinos", die uneingeschränkt ihre Pforten geöffnet halten durften. Die einzelnen hl. Messen dürfen soviel Gläubige „umfassen, als Raum im Luftschutzkeller ist", was aber zahlenmäßig schwerlich genau durchgeführt werden kann. 

Am Pfingstmontag eröffnen wir — (ohne Erlaubnis und stillschweigend wohl übersehen —), den allgemeinen Gottesdienst im Willibrordhause. Die Gläubigen füllen die Kapelle und alle Flure, selbst die Treppen. Wir 3 Priester dürfen je 3 hl. Messen, zusammen 9 hl. Messen hintereinander feiern, um möglichst viel gutgesinnten Gläubigen den Trost des hl. Opfers und hl. Kommunion zu bieten. Es strömen unsere Leute in Massen hin und verteilen sich, so gut es geht. Wir zählten 1000-1500 Besucher. 

Die neun hl. Messen werden zunächst auch nach Wiederöffnung der Kirche beibehalten. Predigten müssen noch ausfallen. Kurze Ansprachen! Pfingstmontag ist erfüllt bis gegen Mittag ununterbrochen vom dröhnenden Hall der Geschütze. Flugzeuge fliegen hin und zurück. Der Bahnhof ist noch mit Geschützen bepackt. So geht es die Woche hindurch. Einquartierung, die abends 10 Uhr eintreffen sollte, schellt auf dem Pastorat 2 Uhr an; Leutnant und Bursche werden todmüde, (seit 36 Stunden keinen Schlaf) in unsere eigenen Betten gepackt; um 6 Uhr wieder Aufbruch für die Armen! Noch 2 Einquartierungen (Leutnants); und dann ist der Krieg mit Holland an sein bitteres Ende gekommen. Dafür fliegen fast in jeder Nacht die Engländer bei uns ein. Bomben fallen auf Kleve, am Bahnhof und in der Sackstraße, (mehrere Tote!), Briener Straße, in Warbeyen, am weißen Tor, Huisberden. Dann das Bombardement Emmerichs eine ganze Nacht hindurch. Noch am folgenden Tag ziehen die schwarzen Schwaden einer brennenden Straße und einiger Industriegebäude am Himmel hin. Fast in jeder Nacht das Heulen der Sirenen! 

12. Mai 1940

Wir haben zu den Holländern und zu ihrem tragischen Geschick ein besonderes Herzensverhältnis. Sind wir nicht eines Stammes, blutsverwandt? So leiden wir unter der Ungerechtigkeit, die durch unsere Schuld über das friedvolle, jedem Krieg abholde Nachbarvolk gekommen.

2. Juni 1940

Der erste im Kampfe Gefallene: ist unser lieber Theo Keyzers, Robertstraße. Aufruf an die Gemeinde zu ernsthaftem Gebet!

29. Juni 1940

Obwohl durch Hochwürdigsten Herrn Bischof von Arbeitsruhe dispensiert wurde, feiern wir in der Kirche 9 hl. Messen am Feste Peter und Paul. Weil morgens Predigten ausfallen, werden Standesvorträge gehalten für Mütter, Jungmänner und Jungfrauen. Kaplan Larsen ist freigestellt als Jugendseelsorger für das Dekanat. Übungsstunden der Schulkinder für Kirchenlieder an Nachmittagen durch Kaplan Schillmöller! Es regt sich wieder überall Leben!

25. August 1940

Keine Kirmes! In der Kirche statt dessen: Ewiges Gebet!

29. September 1940

Große Michaelsfeier nach besonderen Gemeinschaftstexten um 1/2 5 Uhr. Die Veranstaltungen für Jungmänner und Jungfrauen müssen wegen Verdunklung auf Sonntagsnachmittag verlegt werden.

Kaplan Larsen ist verhaftet worden; durch anderthalb Monat seiner Freiheit beraubt in Gefängnissen, wird er der Diözese verwiesen. Seine Arbeit nimmt als ernannter Dekanatsjugendpfleger wieder auf: unser eifriger Kaplan Ranneberg.

27. Oktober 1940

Große Christkönigsfeier. Besondere Gemeinschaftstexte! 

An Allerheiligen ist nachmittags: übliche gutbesuchte Allerseelenandacht mit Predigt und anschließender Prozession. Wegen Fliegergefahr ist das Anzünden von Kerzen auf den Gräbern verboten.

20. Oktober 1940

Der früher arbeitsfreie „Büß- und Bettag" ist kein Feiertag mehr. Der darauf fallende Weihetag der neuen Kirche wird auf den folgenden Sonntag verlegt. 10 Jahre neue Kirche!

1. Dezember 1940

Der Einkehrtag der Jungfrauen im Willibrordhaus, gehalten von P. Volmerich, ist gut besetzt.

15. Dezember 1940

Auch der Einkehrtag der Mütter wird von P. Volmerich gehalten. Der Besuch musste wegen zu großen Andrangs eingeschränkt werden.

22. Dezember 1940

Unsere Pfarrbücherei musste alle Bücher erzählender und unterhaltender Art, innerhalb weniger Tage in Kisten verpacken und beim Dechant in Kleve in sicherem Verwahr unterstellen. Sie verliert die Hälfte der Bücher. Die Zivilgemeinde macht eine eigene neue Bücherei auf und bringt sie in der Willibrordschule unter als „die Volksbücherei." 

Wie lange wird uns noch der langweilige Rest von Büchern verbleiben?

25. Dezember 1940

Weihnachtsmette um 6 Uhr. Eine von Gebet und Lied erfüllte, liturgische Frühfeier! Die mehr barocke, ehemalige Darbietung mit Orchester und vielstimmigem Chor ist aus der Not der Zeit überwunden und in eine bessere, sinngemäßere Vergegenwärtigung der Ankunft Christi gewandelt.

1941

23. März 1941
Das Materborner Wegekreuz, eines von den wenigen Kreuzen in der Landschaft des linken Niederrheins, ist von Frevlerhand zerstört worden. Schon im vorigen Jahr war ein Bubenstreich auf dies hochgeschätzte Bildnis der Erlösung erfolgt. Nun ist es ganz zerschlagen, vom Balken abgerissen, die Trümmer hinter eine Hecke geworfen.

Da die Polizei bei der Fahndung des sehr wahrscheinlich nicht einheimischen Täters total versagt, nicht einmal eine Berichterstattung in der heimischen Presse zulässt, darf man annehmen, dass die Täterschaft an dem Frevel verhüllt bleiben soll.

Die Gemeinde Materborn veranstaltet eine Sühneandacht. In den anderen Gemeinden des Dekanates Kleve wurde ein Schreiben des Hochwürdigsten Herrn Bischofs verlesen, in dem seine Entrüstung über den im katholischen Rheinland unerhörten Frevel an dem Symbol unseres Glaubens zum Ausdruck kam. 

So weit sind wir also gekommen! Die in Wort und Schrift ausgestreute Saat geht auf und trägt Frucht! 

13. April 1941

Hl. Ostern.

6 Uhr Auferstehungsfeier und Umgang um die Kirche. Die hl. Messe ist aus liturgisch geformtem Gebet und Volksgesang österlich festlich gestaltet.

Um 1/2 8 Uhr holen wir unsere Erstkommunionkinder des 2. Schuljahres zur Kirche. In üblicher Weise: Taufgelübde und Erstkommunionfeier. Die Verlegung vom Weißen Sonntag auf Ostern hat ungeteilten Beifall gefunden. Gründe: „Weißer Sonntag ist Geburtstag des Führers", die Schule beginnt vor Weißen Sonntag (Donnerstag) ; Ostern ist die Möglichkeit eines Urlaubs des Vaters und anderer Angehörigen leichter zu erreichen. Zuletzt die Lebensmittelverknappung: ein Festtisch für zwei Festtage ist zu schwer zu bestellen. 

Ein liturgischer Grund: Die so entleerte, früher von Fest- und Gnadenspende übervolle Ostern sollte doch wieder liturgisch aufgefüllt werden. Im Grunde hat der Weiße Sonntag liturgisch mit der l. hl. Kommunion weniger Zusammenhänge als Ostern. Unsere Gemeinde war übrigens die einzige Pfarre, die die Neuerung beschloss und durchführte im Dekanat Kleve.

4. Mai 1941

Eine einschneidende Verordnung des Führers: Wenn nach 24 Uhr Fliegeralarm gegeben, darf jeglicher Gottesdienst nicht vor 10 Uhr beginnen, nicht einmal vor 10 Uhr die Kirche geöffnet werden. 

Das passiert am 4. Mai 1941 erstmalig am Sonntag. 

Die 10-Uhr-Messe überfüllt (1500 Menschen drängen sich), die anderen Messen sind bis 12 Uhr einschließlich, fast alle halbe Stunden. 5 Uhr (auch an den entsprechenden Werktagen): Spätmesse! Trotz Erlaubnis, etwas flüssiges zu genießen am Morgen, kommen nach 10 Uhr wenig zur hl. Kommunion. Wir halten 5 Uhr eine Predigt. Auch 5 Uhr kommen nur wenig zum Tisch des Herrn. „Warum das alles?" fragen die guten Leute, die doch nicht bis 10 Uhr schlafen. Zudem ist heute auch noch Caritassonntag!

18. Mai 1941

Spätmessen wegen Alarm! Wiederum!

Abends 8 Uhr: Marienfeier nach gedruckten Gemeinschaftstexten. Vorher werden noch die Jungmädchen in die Congregation aufgenommen. Predigt! Viele Mädchen sind schon im Pflichtjahr auswärts. Aber immerhin noch 28 Aufnahmen! Der Feiertag Christi Himmelfahrt wird noch eingeleitet durch die 3 Bittage mit alter Flurprozession. Wir sind noch nicht behindert, wohl aber polizeilich beobachtet und gezählt worden.

Am Tage vor Christi Himmelfahrt wieder ein Schlag! Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten verordnet sofort für Himmelfahrt und Fronleichnam: die kirchlichen Veranstaltungen sind auf den Umfang der Veranstaltungen an gewöhnlichen Werktagen zu beschränken. Aufforderungen zum Ungehorsam oder Zuwiderhandlungen werden, wenn nicht mit schweren anderen Strafen, mit Geldstrafen in unbeschränkter Höhe zu treffen. So beugen wir uns und haben hl. Messen 6, 7.10, 8 Uhr. Abends 8 Uhr ist Maiandacht.

Aufruf von der Kanzel: „Aus allem können wir ersehen, dass unser kirchliches Leben in großer Bedrängnis ist. Alle, die guten Willens sind, bitten wir, um so treuer zur Kirche und den noch vorhandenen eingeschränkten Möglichkeiten zu stehen und selbst unter persönlichen Opfern reichen Gebrauch davon zu machen."

Unser Kirchenblatt und alle religiösen Blätter werden durch eine Reichsverfügung aufgehoben. Jetzt ist das religiöse Schrifttum radikal bis auf das letzte Blättchen ausgelöscht. Ein unübersehbarer Schaden für das katholische Leben! Kleinschriften sind nicht mehr zu haben. Wir fordern die Gläubigen auf, sich irgendwie eine religiöse Hausbibliothek zuzulegen und dafür keine Opfer zu scheuen. Schenket anderen Bücher, und laßt euch Bücher schenken! Beratung im Büchereinkauf durch die Geistlichen!

Wir scheiden schweren Herzens vom Kirchenblatt, das in 620 Familien wöchentlich einkehrte und trotz seines zuletzt geringen Umfanges von nur 4 Seiten immerhin religiöses Gedankengut noch brachte. Die unter „der Pfarre Kellen" untergebrachten heimatgeschichtlichen Plaudereien des Pfarrers erfreuten sich besonderer Beliebtheit und fanden weitgehendes Interesse. In dem Rankenwerk barg sich immerhin noch religiöse Frucht!

1. Juli 1941

Der kirchliche Bauverein wird durch das Sammelgesetz bedroht und löst sich freiwillig auf. Er hat durch seine Mitgliederbeiträge, die von sehr treuen Bezirksvorstehern aufgeholt wurden, die Finanzen der Kirche in Zeiten schwerster Schuldennot vor dem Zusammenbruch gerettet. Den bis zuletzt treuen Mitgliedern und den eifrigen Bezirksvorstehern ein herzliches „Vergelt's Gott" Die Namen der letzten Bezirksvorsteher die z. T. unter 3 Pfarrern ihres Amtes zur Ehre Gottes walteten, mögen hier einen Ehrenplatz erhalten und der Vergessenheit enthoben werden: Johann Jansen, ältester und getreuester, z. Zt. noch im rüstigen 89. Lebensjahr, auch persönlicher Wohltäter der Kirche, überall bekannt als Opa Jansen (Adolf-Hitlerallee 46); van Wickeren, Mühlenstr.; Hrch. Kehren, Kreuzhofstr.; Franz van Benthum, Emmericher Str.; Christof Hansen, Olmer Str.; Hrch. Abelius senior und junior, Robertstraße; Anton Willmsen, Gartenstraße; Peter Steinfeitz, Steinstraße; H. Broekmann, Briener Str.; Joh. Spanbroek, Robertstr.; Peter Sarzie, Luisenplatz; Hrch. Diedenhofen, Adolf-Hitlerallee; H. Roelofsen, Hoher Weg; Gerhards als Nachfolger vom guten + Peter Linsen, am Damm; „Alte Garde" allesamt!

Die Auflösung des Bauvereins bringt dem Zinsendienst neue Schwierigkeiten. Es muss nun auch anders gehen! Wir hoffen durch Kirchenkollekten einen Ersatz zu schaffen!

8. Juni 1941

Dreifaltigkeitssonntag: Bekenntnistag der Pfarrjugend. 1/2 8 Uhr Gemeinschaftsmesse und hl. Kommunion. Trotz Antretens der H. J. und der B. D. M. um 8 Uhr auf dem Kellener Sportplatz Kreuzhofstr., ist die Beteiligung der Jungfrauen und Jungmädchen noch recht gut. Während die Sammlung der männlichen Jugend durch diese H. J. Veranstaltung und durch Einberufungen stark beeinträchtigt ist. Abends 6 Uhr ist in der Stiftskirche Kleve noch Feierstunde. Wenigstens 1500 (meist weibliche) Jugendliche! Kaplan Ranneberg, Dekanatsjugendpfleger, predigt über das Gebet! Eine Parallelveranstaltung ist für den anderen Teil des Dekanates in Kranenburg, wo Kaplan Stegermann als Prediger vorgesehen ist.

12. Juni 1941

Fronleichnam ist laut Verfügung (18. Mai 1941) als Werktag kirchlich zu begehen. Die Feierlichkeiten sind auf den folgenden Sonntag zu verlegen. Zum Unglück ist in der Nacht vorher noch Fliegeralarm und starker Einflug der Engländer, so daß wir den ganzen Gottesdienst am hl. Festtag auf eine hl. Messe 10 Uhr und eine Spätmesse 5 Uhr nachmittags (gemäß einer anderen Verfügung vom 4. Mai 1941) beschränken müssen. Diese beiden Messen sind wie an Sonntagen stark besucht. Alle Gutgesinnten in der Gemeinde leiden mit uns um die Abschaffung der Festtage und um viele andere Einschränkungen. Außerdem bringt jede Woche Kunde von der Beschlagnahme irgendeiner Abtei oder eines Klosters. So ist die mit unserer Gemeinde besonders verbundene Abtei St. Matthias Trier vor 14 Tagen („wegen Beziehung zu den Feindmächten") kurzerhand aufgelöst, und die Mönche sind vertrieben worden. St. Wendel (Steyl) wird Hitlerschule, St. Gabriel-Wien (Steyl) ist aufgelöst und viele andere Häuser der Genossenschaft verfallen dem gleichen Geschick. Da die Zeitungen von den Dingen selten berichten, erfahren wir nur gelegentlich von dem Wandel, der — mitten im Krieg — sich vollzieht.

15. Juni 1941

Sonntag in der Oktav von Fronleichnam: die Prozession zieht um die Kirche, nur „auf dem kircheneigenen Boden." Vor der Kirche ist im Portal ein Altar, der früher an der Ecke Emmericher Straße — Adolf-Hitler-Straße stand, aufgebaut durch den furchtlosen Herrn Kammann. Es trifft sich unglücklich, dass in der Nacht vorher Fliegeralarm ist, also der Gottesdienst erst 10 Uhr beginnen darf. Die Kirche ist bei der Festmesse überfüllt. Wenigstens 1500 Besucher, obwohl es den ganzen Morgen hindurch regnet.

Bei der Enge des Kirchplatzes stellen sich die Teilnehmer auf dem Platz vor dem Altar und ziehen mit dem hl. Sakrament einmal um die Kirche, begleitet von Bräutchen, Messdienern und Kirchenvorstand. Währenddessen singt (unter Regenschirmen), gestützt vom Kirchenchor, die große Menge der getreuen Gläubigen sakramentale Lieder. Am Altar unter dem Portal wird der Segen gegeben in der Ordnung des Rituale (für den l. Altar). Nach Einzug in die Kirche nochmals Segen mit Tantum ergo. Es ist 1/2 12 Uhr geworden. Es folgen noch 2 hl. Messen.

Nachmittags um 5 Uhr eine Spätmesse mit Predigt, belebt durch Volksgesang, liturgischen Volksgebeten und mehrstimmigen Einlagen des Kirchenchores. Eine recht „erfrischende" Messfeier, die außerordentlich gut besucht war. Die Kinderandacht und die Abendandacht war ausgefallen. „Trotz allem" ist die Feier des Tages noch würdig und für die Gläubigen erbauend gestaltet worden.

6. Juli 1941

Die hellen Sommernächte bringen fast regelmäßig Einflüge englischer Bomber. Fast ohne Ausnahme: jede Nacht Alarm!

Sonntag, den 6. Juli (Visitatio B. M. V.) kommt zur Verlesung das Hirtenschreiben sämtl. deutschen Bischöfe und Vertreter der von Bischöfen vakanten Bistümer: Bewegte Sorge um die leiblichen und geistigen Nöte unseres katholischen Volkes findet offene Sprache. Verantwortung der Familien in der Jugenderziehung (nach Wegfall allen religiösen Schrifttums, der vielfachen Aufhebung von Klöstern, der katholischen Kinderhorte usw.) wird eingeschärft!

Jetzt ist der Augenblick gekommen, ein Nein zu sagen, wenn die Aufforderung des Kirchenaustrittes an irgend jemanden gestellt wird. — „Steht fest im Glauben!"

Den Seelsorgern ist durch allerhöchste Verfügung verboten worden, die Kranken in den Hospitälern zu besuchen, wenn nicht der Wunsch nach Besuch ausdrücklich bekannt gegeben würde.

Da unsere Kranken fast ausnahmslos Besuch dringend wünschen, ist die Verfügung für uns zunächst ohne besonders üble Auswirkung.

27. Juli 1941

Die Beschöfe sprechen wiederum ein offenes Wort über die Einengung der Gottesdienste, die Aufhebung von Klöstern und auch schon einzelner Kindergärten.

27. Juli 1941

Ein Bischofswort über die Bombenschäden in Münster und Kollekte für die zu Schaden gekommenen Münsteraner!

2. August 1941

Besuch unseres Kinderhortes und -gartens durch den Kreisleiter der NSV, und seines Adjutanten. Sie ziehen nach sehr kurzer Besichtigung ab. Ist das der Anfang vom Ende? Der NSV-Kinderhort ist fertig gestellt.

3. August 1941

Welch ein Segen: kein nächtlicher Alarm, somit geordneter Gottesdienst von 1/2 7— 1/2 11 Uhr alle Stunden: hl. Messe! (IX. Sonntag nach Pfingsten). Wir lesen in allen hl. Messen die Predigt unseres Bischofs, die er in der Überwasserkirche am 27. Juli gehalten hat. In markanter Form, Hammerschlägen gleich, rechnet der Bischof mit den Klosterstürmern und den unritterlichen Vertretern der Gestapo ab, „die durch ihr ungerechtes Vorgehen die Volksgemeinschaft mit den gläubigen Christen und allen rechtlich denkenden Deutschen, zerschlagen haben, während der Krieg tobt im Osten, und die Nöte des Krieges überall deutlicher spürbar werden." 

Ein erlösendes Wort, eine mutige Antwort auf den unerträglichen Raub unserer Klöster und anderer Quälereien! 

Die Predigt war auch als Lesung von der Kanzel von erschütternder Wirkung, da sie freimütig nichts verhüllte, sondern alle Hintergründe des Kirchenhasses aufdeckte und ans Licht stellte. Es geht viel Kraft aus von unseres Bischofs Tun und Wort auf seine Herde. Die Schäflein wissen sich in der Verfolgungszeit vom Hirten nicht verlassen.

5. August 1941

Nachdem man durch Beschlagnahme des Mutterhauses Hiltrup der Kongregation des H'sten Herzens Jesu das Haupt abgeschlagen, nimmt man auch den letzten Gliedern das Leben. So ist heute durch eine Abordnung von SS-Leuten Freudenberg aufgehoben und beschlagnamt worden. Die Insassen müssen innerhalb zweier Stunden das Haus verlassen. Ein trauriger Zug vertriebener Patres zieht mit wenig Habe aus. Wozu das, zumal die Nöte des Krieges in der steigenden Zahl Gefallener sinnfällig in die Erscheinung tritt!

Heute wird unser 13. und 14. Gefallener gemeldet: Kurt Klothmann, Theodor Bartjes!

10. August 1941

Heute ist in der National-Zeitung zu lesen: Der NSV.-Kindergarten in Kellen wird eröffnet. Er steht vor der Vollendung: Einzelheiten werden noch veröffentlicht. Desgl. im Volksfreund vom 12. 8. 1941. Geflissentlich wird das Gerücht verbreitet, dass die NSV. auch unseren Schwestern-Kindergarten gemietet habe oder zu mieten und übernehmen gedenke, obwohl niemand irgendwie mit Anträgen dieser oder ähnlicher Art an den Kirchenvorstand herangetreten ist. Sollte gewaltsame Besetzung geplant sein ? Wir weichen nur der Gewalt! Wir vermieten nicht, noch lösen wir unseren Kindergarten freiwillig auf! Die Empörung über solche Pläne ist allgemein in der ganzen Gemeinde. Unruhe hat alle erfasst.

24. August 1941

XII. Sonntag nach Pfingsten!

Für unsere Pfarre ist Feier des Ewigen Gebetes. Da heut nacht kein Alarm war, verläuft der Gottesdienst von 6 Uhr morgens bis zur gut besuchten Schlussandacht um 7 Uhr festlich, unter recht guter Beteiligung der Gläubigen. 

In allen hl. Messen wird verlesen die Predigt des Bischofs Clemens August vom Sonntag, dem 3. August 1941 (Lambertikirche) : In klarer und scharfer Form rechnet er ab mit der furchtbaren Praxis der Tötung „unwerten Lebens": Viele Geisteskranke sind seit Ausbruch des Krieges abtransportiert, nach kurzer Zeit an irgendeiner Krankheit verstorben gemeldet, verbrannt und die Asche den Angehörigen auf Verlangen und gegen Postgebühr zugeschickt. Die Klarstellung des wirklichen Tatbestandes und die Auffassung der Kirche vom Recht auf Leben und Leib ist Inhalt des mutigen Bischofswortes gegen die Beseitigung armer, kranker Volksgenossen.

 „Oh, dass du es doch erkanntest, an diesem deinen Tage!" 

Die Gemeinde wird durch das Bischofswort stark erschüttert, zumal die Erfahrungen um Bedburg dem Volk längst auf dem Gewissen brennen! Aus unserer Gemeinde wurde eine Ehefrau im Winter 1939/1940 von Bedburg mit vielen Geisteskranken zur Heilanstalt Neu-Brandenburg an der Havel verschickt. Nach wenigen Wochen starb sie nach Anstaltsberichten an „Lungenentzündung". „Wegen Ansteckungsgefahr wurde die Leiche verbrannt." Da der Gatte und ihr Sohn im Felde auf ein christliches Begräbnis drängten, ist das Aschenpaket ungeöffnet (erst) am 29.4.1940 christlich in Kellen beerdigt. Der Tod soll am 4.4.1940 nach Bericht schon eingetreten sein. Erst nach mehrfacher Mahnung wurde die Asche geschickt.

15. September 1941

Fest von den Sieben Schmerzen Mariens. Vor der hl. Messe 7.10 Uhr weihen wir unser neues Bild der schmerzhaften Mutter. Es ist von Bildhauer W. Schlüter, Münster aus Ton geformt und in den Keramischen Werkstätten Margarethenhöhe-Essen gebrannt worden. Eine recht feine Arbeit, die auch einen guten Platz in der neuen Kirche gefunden hat. Ein Bild des Trostes und der Kraft inmitten schwerer Kriegszeit! 

Das Vesperbild ist ein Geschenk des Bildhauers an den Pastor zu seinem 25jährigen Priesterjubiläum.

16. September 1941

Unter dem Schlagwort: „Mit Verleumdern wird bestimmt abgeredinet" fand eine Großkundgebung der NSDAP im Saale Braam statt. Gauredner ist Pg. Knaden - Essen. In Verkennung und Verbiegung der Absichten unseres Bischofs in seinen Predigten „geißelt er schwer die ungeheueren Verleumdungen, die von gewisser Seite ins Volk in die Front getragen würden, um Unsicherheit hervorzurufen; seine Abrechnung mit diesen Leuten werde bestimmt erfolgen." (So die NS-Presse)

Wie bei uns in Kellen, wurden an allen Orten des Kreises ähnliche Kundgebungen mit viel Leidenschaft und Verhetzung abgehalten. In Kleve am 21. d. M. Sonntag 11 Uhr im Burgtheater.

21. September 1941

Sonntag ohne Alarm. Die Pfarrgeistlichen des Dekanates geben von der Kanzel bekannt: „In den letzten Tagen ist in mehreren Versammlungen und Zeitungsberichten mit Bezug auf die Predigten unseres Bischofs von Volks- und Landesverrat und politischem Katholizismus gesprochen worden. 

Wir weisen solche ungerechten und beleidigenden Vorwürfe entschieden zurück!

Der Einspruch des Bischofs gegen Aufhebung der Klöster, seine Stellungnahme zum Schutz des 5. Gebotes und zu anderen rein religiösen Fragen gehören zu den Pflichten seines Hirtenamtes und entspringen seiner tiefen Sorge um Kirche, Volk und Vaterland.

Wir wissen, dass solche Anschuldigungen bei allen anständigen Menschen, die unseren Bischof kennen, keinen Glauben finden. Dennoch halten wir es im Interesse der Sauberkeit des öffentlichen Lebens für notwendig, dass die Urheber und Verbreiter solcher Verleumdungen festgestellt und zur Verantwortung gezogen werden. Wir fordern daher alle, bei denen ehrenrührige Anschuldigungen gegen den hochwürdigsten Herrn Bischof oder auch gegen die ausgewiesenen Ordensleute erhoben werden, auf, die Namen und Adressen derjenigen, die solches aussprechen, festzustellen. Ebenso sind dabei die anwesenden Zeugen anzugeben. Diese Namen sind dann nebst dem genauen Wortlaut der Anschuldigungen schriftlich und unterschrieben, oder auch mündlich zu Protokoll dem Pfarrer mitzuteilen, damit die gerichtliche Klarstellung des Tatbestandes erfolgen kann."

28. September 1941

Ein Hirtenschreiben des Bischofs anlässlich des Rosenkranzmonates spricht von den Gefahren des Bolschewismus. Es warnt vor der Lehre des Naturalismus auch in unserem Volk und weist hin auf manche Erscheinungen in unserem Volkstum, die dieser Lehre erwuchsen.

23. Oktober 1941

Der Kindergarten der NSV wird in den trotz der Nöte der Zeit üppig ausgestatteten Räumen des neuen Heimes eröffnet. Der Kindergarten und -hort unserer Schwestern bleibt (zunächst) unangetastet. So schmerzlich der Wechsel mancher Kinder von unserem Hort hinüber zu dem weltanschaulichen und erzieherisch christus- und gottfremden Kinderheim für uns ist, — zunächst haben die meisten Eltern uns die Treue bewahrt. Bei einigen Eltern erlebten wir allerdings eine große Enttäuschung. Man sagt, dass ungefähr 70 Kinder zum NSV-Garten gehen. Der Hort unserer Schwestern hat z. Zt. noch 110 Kinder.

26. Oktober 1941

Eine wirkungsvolle Christkönig-Feier um 5 Uhr. Nach Texten von Kaplan Ranneberg mit besonderer Note für „die Kernscharen katholischer Jungmänner und Jungfrauen", mit dem Sprechchor der Kirchensänger und dem zweiten Sprechchor der Jungmänner und Jungfrauen. Sprechchöre sind Zeichen der Zeit!

26. Oktober 1941

Das bischöfliche General-Vikariat teilt mir mit, dass der Hochwürdigste Herr Bischof (neben anderem) auch eine Strafanzeige erstattet hat gegen den Gauredner Knaden wegen seiner Ausführungen in einer Parteiversammlung (Mitte September 1941) in Kellen und wegen Abdruckes seiner Beleidigungen gegen den verantwortlichen Schriftleiter der Klever Nationalzeitung Nr. 258.

1. November 1941

Auf den alten Friedhof sind wir Allerseelen segnend über die von Totenhügeln bucklige Erde geschritten. 

Ein Bild dessen, was einst war,

Was heute ist und einmal sein wird.

Diese Folge von Geschehnissen, von Geschlechtern der Menschen, von Schicksalen, die aus dem Dunkel der Vergangenheit auftaucht und den Weg in die Undurchdringlichkeit und Zukunft nimmt. Das alles wäre nur unbeseelter gestaltloser Stoff, wenn es nicht den Glauben an eine Unsterblichkeit gäbe, wenn es nicht gäbe auch den Geist der Geschichte, der sich gern herbeirufen lässt, um den Erdenweg zu deuten. 

Irdischen Wesens sein, heißt Bewusstsein haben von dem Ablauf der begrenzten Zeit. Auch die Geschichte kann dieses Dahineilen nicht aufhalten. Aber sie kann uns helfen zu begreifen, dass alles, was geschieht, enden muss, um neuem Geschehen Platz zu machen, ohne dass es jemals wirklich Anfang und Ende gäbe.

So kann der Anblick des Vergehens unserem Leben heilsam und notwendig sein; denn nur er versöhnt die Trauer des ewigen Welkens mit dem Trost des Fortlebens und der ewigen Wiederkehr.

1. November 1941

Der Kinderhort der NSV ist von Vertretern der Partei, Staat und Wehrmacht eröffnet worden. Unser Kinderhort betreut 90 Kinder noch. Manche sind abgewandert.

7. November 1941

Am Willibrordfeste habe ich in der alten Kirche eine Legende erzählt: „Mehr als 1000 Jahre liegt es zurück, da hatten die Leute in dieser Gegend nichts über sich als nur den freien Himmel gehabt, um darunter zu beten.

Da fühlte der Bauer, der hier mit den zahlreichen Beisassen auf dem wasserfreien Landfleck mitsamt den Familien, Frauen und viel Kindern gesessen, den Auftrag, eine Kirche zu bauen. Es wird erzählt, dass sie alle in Einmütigkeit fast 2 volle Jahre lang, Holz geschlagen, gesägt und gezimmert hätten. Das Werk wäre auch gut gewachsen. Aus dem benachbarten römischen Quadriburgium (dem heutigen Qualburg) hätten sie für viel gespendetes Geld heidnische Tuffsteine gekauft und daheim schön aufeinandergelegt. Und nun waren sie soweit die Balken von gesundem Fichten- und Eichenholz darauf zu legen nach Art und Weise der großen Festhalle auf dem benachbarten Gutshof. Da, scheint nun, wie sie schon bald das Richtfest feiern konnten, etwas geschehen zu sein, nicht gar so schlimm wie beim Turmbau zu Babel, aber schlimm genug. All ihre bisherige Mühe erwies sich als vergeblich, weil der Bauer, ihr Richter, Bürgermeister und Amtmann zugleich in einer Person und das ihm helfende Dorf der Gemeinde, den langen Königsbalken, der von Ost nach West das Ganze zusammenfügt, nicht ins Lot zu bringen vermochten. Als guter Rat teuer war, so berichtet die Legende, ist ein unbekannter, hoheitsvoller, blasser Mönch mit schwarzer Tonsur, wie Christi Dornenkrone, der plötzlich unter ihnen war, eingesprungen und - wie im Handumdrehen ist die Schwierigkeit gemeistert. Gefragt, wie er das vermöge, gibt der Unbekannte zur Antwort: „Ich war ein Zimmermeister." Und er habe geheimnisvoll mit erhobenem Finger hinzugefügt: „Missgeschick ist der Punkt, wo die Straße sich gabelt."

Manche haben gesagt, es sei St. Willibrord selbsteigen und leibhaftig von Rindern her auf dem Bauplatz fast wundersam ihnen erschienen, um durch ein Exempel zu lehren, nie zu verzweifeln, und einen Fingerzeig zu geben, im Leid die Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch zu verstärken.

Der Königsbalken ist bis zur Stunde noch zu sehen. Viele Risse haben ihn von oben bis unten gespalten. Sie sind wie schmale Lippen, die von dem Vertrauen und dem Bund einer alten christlichen Gemeinschaft mit Gott noch heute künden.

28. November 1941

Kirchweih und Willibrordfest. Um 5 Uhr große Festfeier nach den gemeinschaftlichen Texten von 1939 mit Predigt, Prozession mit Willibrordreliquiar. Guter und prächtiger Verlauf! Die Feier musste auf den Sonntag verlegt werden, da der alte Büß- und Bettag (Totemgedächtnistag) abgeschafft wurde.

8. Dezember 1941

Das Fest Maria Empfängnis ist kirchlich wie ein Werktag zu begehen. Zum Unglück ist nachts von 4—5 Uhr auch noch Alarm, so dass nach dem bekannten Erlass die Kirche vor 10 Uhr nicht geöffnet werden darf. 10 Uhr ist 1. hl. Messe, um 17 Uhr II. 2. Messe. Da voller Arbeitstag für alle Betriebe (auch für die Schulen) einzuhalten ist, ist der Kirchenbesuch herabgemindert. Immerhin sind die beiden hl. Messen je mit 300 — 400 Besuchern (nur halb) gefüllt.

25. Dezember 1941

Heilige Weihnacht! Mitten im Krieg! Während die harten Kämpfe vor Moskau und Petersburg und das Fernsein fast aller irgendwie wehrfähiger Männer und Jungmänner die äußere Weihnachtsfreude wesentlich dämpfen! Aber: „Weihnacht ist ein Fest der Seele". Die Mette (Beginn 6 Uhr) ist über den verfügbaren Raum überfüllt bis auf den letzten Stehplatz. Die Gläubigen gehen fast alle zur hl. Kommunion. In diesem Jahr wird ein lateinisch mehrstimmiges Hochamt gesungen, die Orgel ist verstärkt durch 3 Streichinstrumente, durch deutsche Kirchenlieder sparsam unterbrochen. Wir freuen uns, Gott danken zu können, für ein so schön gefeiertes Weihnachten. Mit den Kindern der Nähstuben, den Eltern unserer treuen Kleinen im Kinderhort, mit dem Rest des Arbeitervereins konnten wir im Willibrordhaus noch eine Feier mit Bescherung veranstalten, die besonderen Inhalt durch ein in Form und Vortrag wertvolles Krippenspiel erhielt.

1942

„Inmitten der Gefahren, in die wir, im Dienste Gottes stehend, fallen könnten, ist das Übel, an Seinem Erbarmen und Seiner Allmacht zu zweifeln, weit größer als die Pein, die uns alle Feinde Gottes zufügen könnten." 

(aus einem Briefe des hl. Franz Xavier 1552).

1. Januar 1942

 

Statistik: Nach dem Stand vom 31. Dezember 1941 zählen wir an:
Einwohner 5192 Kommunionen 50000 (54000)
davon katholisch 4703 Beerdigungen 39 (35)
evangelisch 346 Ehen 27 (47)
gottgläubig 109

Taufen

101 (107)
sonstige 34 zurückgekehrt (heimlich) sind 2
ausgetreten 10

In Anbetracht der vielen Störungen durch die Regierungserlasse über späten Beginn der hl. Messen nach Alarm und die Profanierung alter Feiertage, können wir doch eine relative Zunahme der hl. Kommunionen feststellen. 

Das kirchliche Leben war recht zufriedenstellend. Die Gemeinde hat den Ernst der Zeit wohl begriffen, 25 Glieder unserer Pfarre sind im Kriege gefallen.

Da uns seltsamerweise verboten ist, vervielfältigte Rundschreiben den Soldaten zu schicken, haben wir uns der Mühe unterzogen, möglichst vielen besonders zu Weihnacht persönlich einen Brief zu schicken.

Einmal konnten wir ein schönes 6-seitiges Broschürchen den Angehörigen von Soldaten zur Verfügung stellen, das von ihnen mit einem Gruß der Pfarrgeistlichen weitergeleitet wurde und nach Ausweis der dankbaren Rückschreiben offenbar mit Freuden entgegengenommen wurde. 

Im Apostolat des guten Buches konnten wir noch zu Weihnacht vielen (50) Familien die große Handpostille und andere gute Bücher vermitteln, obwohl wertvolles katholisches Schrifttum trotz größter Mühe kaum zu beschaffen ist. Wir stehen buchstäblich vor dem Nichts. Diese kurze Bemerkung mag erhellen die totale Verarmung auf dem geistigen Sektor unseres Schrifttums.

6. Januar 1942

„Erscheinung des Herrn". Die Feier des Gottesdienstes darf (unter Androhung hoher Strafen) die Werktagsordnung nicht überschreiten. Da auf 1/2 10 Uhr ein feierliches Brautamt liegt, erhalten wir — Gott Dank — eine 4. hl. Messe, die von 500 Gläubigen besucht wird.

28. Januar 1942

Die Winterkälte ist bis auf 20 Grad Minus gesunken. Der Rhein ist zugefroren. Vom 24. zum 25. Januar setzt Schneefall ein in einer Fülle, wie er selten hie erlebt wurde, (nach Radio nicht mehr seit 125 Jahren). Am Sonntag, dem 25. Januar, leidet der Kirchenbesuch darunter sehr. Fast die Hälfte der Kirchenbesucher weniger! Unsere Gedanken und Sorgen sind aber im Osten bei unseren Soldaten, die gegen Feind und schlimmste Kälte ihren Mann stehen. In dieser Woche müssen wir wiederum den Tod dreier braver Jungmänner im Osten melden: Willy Olfen, Ernst Meyer, Joseph van de Laak wurden fern im Osten irgendwo begraben. Gott gebe ihnen den ewigen Frieden. Auch Hrch. Hübbers, ein junger Ehemann, an der Spoy, hinterlässt in Betrübnis Gattin und Eltern.

4. März 1942

Die Glocken, die schon durch Anordnung des Beauftragten für den Vierjahresplan vom 15. 3. 40 beschlagnahmt wurden, werden vom 2. März bis zum 4. März 1942 ausgebaut und weggeschafft. Ein kurzes Abschiedswort von der Kanzel am 22. Februar! Eine vom Staatshochbauamt, Provinzialkonservator Bonn und vom Bürgermeister Marx, Kellen unterstützte Aktion zur Erhaltung der kunstgeschichtlich wertvollen alten Glocken, ist ergebnislos. 

Es wurden von der Baufirma Köster heruntergeholt: 

„Glocke Maria"; Durchmesser 94 cm, 775 kg, Gussjahr 1404. Die (einzig in niederdeutscher Fassung) lautende Inschrift:

„Maria is min naem dat si got bequaem Sunthe Wilbroert. Int jaer ons heren MCCCCIIII."

Wahrscheinlich gegossen von Johann de Hintem.

2.) Glocke "Catarina", Durchmesser 82, 450 kg, Gußjahr 1438. Inschrift:

"Catarina vocor. Anno domine MCCCCXXXVIII." (leicht gesprungen)

3.) Glocke der neuen Kirche, Durchmesser 55,97,5 kg, 1930 gegossen von Petit und Edelbrock. Auch die Erhaltung des kleinen Glöckchens wurde versagt.

Es verbleibt der Pfarrgemeinde als einzige Glocke „Sanetus Willibrordus" von 1438. Wir verzichten darauf, eine Elegie zu schreiben über den verklungenen, jahrhundertalten Glockenschlag. Viel größer sind für uns alle: die Opfer an Blut und Leben, die unsere Gemeinde in herzlichem Miterleiden fast jede Woche bringen muss. „Nach solchen Opfern hohen, heiligen, was nützen unsere Lieder Dir"! (Uhland)

4. März 1942

Der Rhein, seit Mitte Januar zugefroren, wird — wohl zum ersten Male — durch Eisbrecher aufgebrochen. Der Winter dauert bis heute mit unvermindert starkem Frost an. Wie mögen unsere Söhne frieren! 

8. März 1942

Wir können den Kirchenbesuchern wiederum für die Angehörigen im Felde ein kleines Schriftchen „Gottesnot, ein Feldpostbrief für die Passionszeit" von Ludwig A. Winterswyl, kostenlos zur Verfügung stellen. In unserer Zeit ohne jegliches katholisches Schrifttum, immerhin erwähnenswert!

Am Passionssonntag bieten wir den Angehörigen der Soldaten für ihre Feldpostbriefe an: „Christ ist erstanden" vom gleichen Verfasser, (600 St.) Ein Ostergruß der Pfarre!

19. März 1942

Der Rhein ist über die Ufer getreten. Bis zum Damm steht (wie in den letzten 4 Jahren) das Wasser. Warbeyen und Huisberden sind „eingelaufen".

20. März 1942

In der „Villa Kellinghaus" sind der kranke Pfarr-Rektor Hochw. Herr Fix mit kranker Schwester eingezogen. 

In Haus Ranzow hat er 14 Jahre verlebt. Da das Materborner Haus mit kranken und verwundeten Soldaten belegt wurde, mussten die Zivilkranken anderwärts untergebracht werden. Zunächst zelebriert der geistliche Herr mit großer körperlicher Anstrengung einmal in der Woche um 10 Uhr im Willibrordhaus. In dem anspruchslosen, leidenden Priester haben wir einen großen Beter und stillen Mann des sühnenden Opfers für unsere Pfarrgemeinde geschenkt erhalten.

29. März 1942

Alarm über Alarm!

Palmsonntag können wir deshalb um 10 Uhr erst beginnen. Die feierliche Palmweihe wird auf den Hauptgottesdienst 5 Uhr nachmittags verlegt.

Mittwoch vor Gründonnerstag: fünfmal Alarm! Die Feier am Gründonnerstag kann erst 10 Uhr beginnen. Karsamstag kein Alarm, so dass um 7 Uhr die liturgische Feier pünktlich anfängt.

Mittwoch in der Karwoche erhält Kaplan Schillmöller seinen Gestellungsbefehl. Letzter Versuch: Karsamstag fährt Kaplan Ranneberg, (da Auto nicht zu beschaffen), mit der Bahn nach Münster, kommt nur bis Wesel. Die 3 Stunden Aufenthalt benutzt er zu einem Telephongespräch mit Herrn Domkapitular Franken, der sein möglichstes verspricht. Spät abends kommt er abgehetzt heim. Am Abend vor Ostern. Was brüderliche Liebe nicht alles fertig bringt!

5. April 1942

Hl. Ostern! Da wir Kinderkommunion haben, erhalten wir vom Landrat Dispens von „Alarmverfügung". Auferstehungsfeier 6 Uhr mit gewohnter Prozession um die Kirche. 1/2 7 und 1/2 8 Uhr hl. Messe.

7 3/4 Uhr Abholung der Kinder vom Willibrordhaus. Da in diesem Jahre wiederum der 2. Jahrgang vorbereitet wurde, haben wir 120 Erstkommunionkinder. Die Feier dauert von 8—10 Uhr. Gott Dank ist alles gut verlaufen. Außerdem feiern wir 40 stündiges Gebet, so dass die 3 Ostertage wahre Gebetstage für die ganze Gemeinde wurden. Abends Schluss mit deutscher Komplet.

Zum ersten Male hatten die Mütter (nach Vorbereitung) den Beichtunterricht (Gewissenserforschung und „Herzens''-vorbereitung) ergänzend übernommen. Ein erfolgreicher erster Versuch! Die Mütter tragen selbst den größten religiösen Gewinn heim.

Leider ist Kaplan Schillmöller Osterdienstag (7. 5. 1942) nicht mehr zurückgekehrt. Ihm war es noch in den letzten Ostertagen gelungen, ein neues Kirchenlied zum hl. Willibrord für Kellen zu vermitteln. Die Dichtung (Text) ist von Franz Johannes Weinrich, Breisach am Rhein. Die ansprechende Melodie ist von Adolf Lohmann, z. Zt. Soldat in Freren bei Suttrup (Hannover).

Der Text lautet:

Lied zum heiligen Willibrord
Sterne sind die heiligen Namen,
Denn sie leuchten in der Nacht.
Rufet, singt sie und sie flammen
Und erweisen ihre Macht.
Durch des Herren Diener dringen
Wir bis hin zum höchsten Hort.
Laßt uns einen Namen singen:
Heiliger Bischof Willibrord.

8. April 1942

Ohne unseren Kaplan Schillmöller!

Wir beiden Zurückgebliebenen des gestörten „Dreibundes", sind den ganzen Tag, von früh bis spät, unterwegs, müssen täglich binieren, um die dringenden Ämter, Begräbnisse, Hochzeiten zu bewältigen. Auf der Orgel sitzt und opfert sich in durchschnittlich 4 Ämtern täglich stets bereit Thea Lamers, (bis ihr Chef protestiert). Gott halte uns gesund und bei Kräften! Kaplan Sch. ist zunächst zum Bodenpersonal der Flieger nach Dortmund gekommen. „Er schickt sich gut" und wird sicherlich auch dort priesterlich wirken. Wir vermissen ihn sehr!

13. Mai 1942

Auch die Bittprozessionen vor Christi Himmelfahrt ziehen bei schönem Wetter — noch ungehindert — durch die grünen blühenden Straßen. Die Zahl der Teilnehmer wächst von Tag zu Tag. Besonders der Umzug um die alte Kirche am 3. Morgen und von dort zur neuen Kirche, vereint große Scharen von Betern. Dass Jungfrauen und Frauen an Zahl überwiegen, wen wundert's, da Kriegsdienst und Arbeitsverpflichtung vor allem die Männer erfasst hat.

14. Mai 1942

Das Hochfest Christi Himmelfahrt. In den vier Werktagsmessen am Morgen und in der 8 Uhr-Abendmesse vereinen sich die Gläubigen in großer Anzahl. Besonders ist die Abendmesse gut besucht. Wenn auch die staatliche Verfügung den hohen Feiertag stark profaniert hat, — selbst die Kinder haben Schulpflicht —, so können wir im großen zufrieden sein!

14. Mai 1942

Vorigen Sonntag war Bekenntnistag der katholischen Jugend. Sehr gute Beteiligung der männlichen und weiblichen Pfarrjugend in Gemeinschaftsmesse und Kommunion und am Abend in der Stiftskirche bei der Bekenntnisfeier!

31. Mai 1942

Am Dreifaltigkeitssonntag konnte wegen Alarm der Gottesdienst erst 10 Uhr beginnen, Abends 8 Uhr nochmals Gottesdienst! Während einer kurzen Verlesung in der hl. Messe: Alarm. Trotz der Aufforderung, still heimwärts zu gehen, blieben alle Leute bis zum Ende. 7 Minuten später wurde der Alarm abgeblasen, was wir leider in der Kirche wegen einsetzenden kräftigen Gesanges nicht hören konnten und beim Verlassen der Kirche zu unserem Staunen feststellten.

Auch in der folgenden Montagnacht vielleicht der stärkste bisherige Einflug englischer Flieger (nach Köln), am Dienstag auch tagsüber morgens gegen 10 Uhr und nachmittags zweimal, Mittwochnacht, so dass seit Sonntag bis Fronleichnam jeden Tag erst 10 Uhr die hl. Messe beginnen konnte. Der Abendgottesdienst (gegen 8 Uhr) wurde besonders am Fronleichnamstag sehr gut besucht.

20. Juni 1942

Eine Polizeiverordnung verbietet uns, bei den Gefallenen die Gesamtzahl von der Kanzel zu sagen, desgleichen alle Namen der Gefallenen vorzulesen. 

Desgleichen dürfen „aus Papiermangel" keine Totenzettel mehr gedruckt werden, Wir haben jetzt 45 Gefallene.

23. Juni 1942

Keine Woche — ohne Alarm. — Wir sind schon glücklich, wenn die Sonntage gelegentlich ungestört verlaufen!

1. Juli 1942

Der Sonntag, dem 28. Juni und Montag, Peter und Paul und Mittwoch und Herz-Jesu-Freitag sind durch Alarm empfindlich in ihrem ruhigen Verlauf gestört worden.

August 1942

In der alten Kirche wird trotz allem weiterrestauriert. Das alte Tabernakel aus der gotischen Bauperiode an der Evangelienwandseite konnte wiederentdeckt und aufgebrochen werden. Die Umrahmung, die offenbar, ursprünglich aus Sandstein mit einer Stirnverzierung bestand, ist bei der Vermauerung früher zerstört worden und ist nicht mehr festzustellen.

Da der neugotische Altar ohne jeden künstlerischen Wert ist und in der neuen sachlichen Chorlösung nunmehr wie verloren dasteht, soll er entfernt und an seiner Stelle ein einfacher, den liturgischen Bedürfnissen entsprechender, neuer Altar hingestellt werden. Als Vorbild haben wir Form und Maße des Altares der Michaelskapelle zu Xanten als geeignet gefunden. Das hl. Sakrament soll wieder im alten, neuentdeckten Tabernakel gehütet werden, der eine Sandsteinfassung erhalten soll.

Das Innere des Turmes wird von der Verputzschicht aus Zement und aus Kalk befreit, die schönen Steine (meist Tuff) sichtbar gemacht und mit Trass neu gefugt.

August 1942

Es dürfen wieder Totenzettel gedruckt werden, jedoch mit der Einschränkung, dass der Text zuvor der Kreisparteileitung vorgelegt und von ihr genehmigt werde.

14. August 1942

Seit 14 Tagen haben wir mit Ausnahme von 3 Nächten in jeder Nacht Alarm. Des Tages haben wir durchschnittlich 2 mal, manchmal 4 mal Alarm. Unsere hl. Messen müssen leider täglich 10 Uhr und 20 Uhr gefeiert werden. Daß der Besuch der hl. Messen und die Teilnahme an der hl. Kommunion besonders unter der Verordnung des Spätbeginnes leidet, brauchen wir nicht zu erwähnen. Die Abendmessen werden noch am besten besucht und weisen oft 90 Gläubige auf. Etwa 15 bis 20 Teilnehmer empfangen durchweg die hl. Kommunion. Kinder kommen am Abend in nur geringer Zahl. Gestern waren 54 Kinder und 80 Erwachsene in der Spätmesse.

15. August 1942

Beim Abbruch des neugotischen Altares durch Steinmetz Philippus Lehnert von der Dombauhütte in Xanten kam ein Kistchen zutage mit vielen Reliquien. Das Holz des Behältnisses ist ganz auseinandergefallen. Die Umkleidungen der hl. Reliquien sind vermodert. Einzelne schriftliche Zutaten von Pfarrer Krebs bedürfen noch der Entzifferung. Der ganze Fund wird bis dahin möglichst unberührt aufbewahrt. Wir kommen noch darauf zurück!

15. August 1942

Der 51. Soldat aus unserer Gemeinde — Emil Arping — Kreuzhofstraße ist in Nordafrika (EI-Alamein) gefallen. R.i.P.

28. August 1942

Heute morgen werden in St. Aldegundis zu Emmerich die feierlichen Exequien gehalten für Gerhard Storm, zuletzt Kaplan an Aldegundis. Das Ende seines Lebensweges glich der Passionswoche des Herrn. Er starb — so berichtet die Todesanzeige — zu Dachau (Bayern) am 20. August 1942 im 55. Lebensjahre, im 29. Jahre seines Priestertums! Have pia anima!

26. Oktober 1942

Inzwischen sind die Blocks aus römischem Travertin mit großen Transportschwierigkeiten für unsere neue Kanzel eingetroffen. „Wer wird uns den 30 Zentner schweren Stein von der Türe der neuen Kirche wegwälzen", und wer wird ihn bebauen mit dem Bilde des göttlichen Sämanns ?

27. Oktober 1942

An der Rückseite unserer neuen Kirche sind starke Zementmauern zum Luftschutz angebracht.

25. Dezember 1942

4. Kriegsweihnacht. Obwohl am Heilig-Abend 8 Uhr noch kurzer Alarm war, blieb nach Mitternacht — Gott Dank — alles ruhig, so dass wir ungestört in die hl. Weihnacht kamen. Wegen Abdunkelung der Gemeinde, war auch in diesem Jahr Beginn der Christmette um 6 Uhr. Die erste hl. Festmesse war nach den Vorschlägen Domvikars Leiwering, Münster gestaltet als ein liturgisch betontes Amt. Gloria, Credo wurden vom Priester lateinisch intoniert, dann deutsch vom gesamten Volk gesprochen. Desgleichen wurden die Kirchengebete deutsch gebetet. Am Anfang und Schluss: deutsche Weihnachtslieder, wie auch in der zweiten und dritten hl. Messe die Kirchenlieder, vom Volk und mehrstimmig vom Chor gesungen zu Recht kamen. Kaplan Schillmöller, der 3 Tage von Langelau in Urlaub gekommen, bediente meisterhaft die schwache Orgel. Die von Tannenbäumen durch Herrn Kammann geschmückte Kirche war schön.

Die Kirche war bis auf den letzten Stehplatz gefüllt. Alle Gänge waren auch außer den Bänken gedrängt besetzt. In der II. hl. Messe teilten Kaplan Ranneberg und Pater Wolmering an die 1000 Kommunionen aus. Auch in der alten Kirche war eine hl. Messe 1/2 10 Uhr. Am Nachmittag 1/2 5 Uhr Festandacht mit ausgewählten Gebet- und Liedtexten. Die Lieder wurden z. T. begleitet von unserem Blockflötengrüpplein. An den 3 Feiertagen wurden über 3000 hl. Kommunionen ausgeteilt, ein gewiss ermutigender Erfolg.

25. Dezember 1942

In der Woche vor Weihnacht wurde die neue Kanzel aus römischem Travertinstein aufgestellt. Eine gewaltige Arbeit, die vom Bildhauer Geisel aus Zeil am Main mit einem Lehrjungen geleistet wurde. Das Modell des „göttlichen Sämanns", wurde von Wilhelm Schlüter Nienborg entworfen. Der Bildhauer kehrte zu Weihnacht in die Heimat zurück und kam nicht wieder.

hier geht es weiter zum 2. Teil  "1943 - 1945"

zuletzt bearbeit am 25.09.2004