Licht und Schatten

Chronik von St. Willibrord in Kellen

1933 - 1945

 

den 1. Teil: 1933 - 1942 finden Sie hier 

BullmannKellen.jpg
423,26 KB
Grabmal des Kellener Ehrenbürgers Bullmann auf dem Kellener Friedhof an der Peiterstraße. Das Grabmal wurde von Waldemar Kuhn geschaffen.

Foto: Wiltrud Schnütgen, 2010

1943

Er möge euch nach dem Reichtum Seiner Herrlichkeit verleihen, dass ihr durch Seinen Geist dem inneren Menschen nach kräftig erstarket, dass Christus durch, den Glauben in euren Herzen wohne und ihr selbst in der Liebe festgewurzelt und gegründet seid. (Eph. 3.)

1. Januar 1943

Statistisches als Widerschein des Lebens:

Einwohner 5147 ausgetreten 3
katholisch 4648 getauft 69
protestantisch 336 getraut 48
gottgläubig 120 gestorben 41
sonstige 42

Die Zahl der Gefallenen hat sich erhöht auf 58.

Die Zahl der hl. Kommunionen hat sich auf 58000 gemehrt. Im Vorjahr waren es 50000. Obwohl an die 1000 Männer, Frauen und Jungmänner draußen sind, obwohl die Gottesdienste durch Alarm und durch „zeitweilige" Abschaffung hoher Feiertage fühlbare Störung erlitten, ist das religiöse Leben erfreulich rege gewesen im verflossenen Jahr. Der Ernst des langen Krieges hat die Gläubigen stärker noch auf Gott ausgerichtet. Wir können einen guten Besuch der hl. Messen, auch an den Werktagen, feststellen. — Der Rückgang der Geburten ist beklagenswert — (im Vorjahre noch 101), und eine Folge des Krieges.

Die geschlossenen Ehen, an Zahl wiederum gestiegen, sind zum großen Teil „Kriegsheiraten"; der Gatte geht nach der Trauung zur Front zurück ; kein Ideal aber zeitbedingt! Drei der vor kurzem getrauten Ehemänner fielen im alten Jahr noch vor dem Feind. Die aus der Kirche ausgetretenen sind zum Teil junge Menschen, die der Agitation in jugendlicher Unreife erlagen. Ältere Frontkämpfer bezeugen anlässlich ihres Urlaubs durchweg eine Zunahme und ein starkes Wachstum religiöser Gottverbundenheit in täglicher Begegnung mit dem Tod. 

Kaplan Schillmöller, der Weihnacht in einem Urlaub von 5 Tagen bei uns weilte, ist immer noch in Langlau (O. Franken) in verhältnismäßig erträglichem Dienste. Die Zurückgebliebenen: Kaplan Ranneberg und Pastor suchen durch Mehrarbeit die Seelsorge und das Gefüge der Pfarre zu retten.

6. Januar 1943

Erscheinung des Herrn! Da nur Werktagsgottesdienst gestattet ist, sind am Morgen 3 hl. Messen und eine Spätmesse abends 8 Uhr. Alle Gottesdienste sind gut besucht. 

Durch englische Einflüge und nächtlichen Alarm ist die Ordnung in der letzten Woche oft gestört.

Januar 1943

Es fuhr gestern ein Extrabus „Kraft durch Freude" von hier ab. Ein Vergnügungswagen für wenige „Verdiente". Südwärts, es wurde gemunkelt: nach Wien. Es wimmelte bei der geräuschvollen Abfahrt von lustigen, unbeschwerten Fahrgästen, meist weiblichen Geschlechtes; mit Blumen an den Hüten, Plaketten (selbst goldene) am linken Mantelaufschlag, neuen Liederbüchern in den Taschen, Futterkörben und allem, was sonst zu solchem Ausflug aus dem Alltag heraus gehört: ich hätte für meine Stimmung in kein schlimmeres Getümmel hereingeraten können. So ist die Welt: die einen bluten, andere schunkeln.

12. Februar 1943

Die Glockengießerei Petit und Gebr. Edelbrock, Gescher, hat Wort gehalten und schickt uns ein kleines Ersatzglöckchen für die neue Kirche. Es ist aus Zinklegierung gegossen, misst einen Durchmesser von 57 cm und hat ein Gewicht von 102,5 kg. Einschließlich der Anbringung der noch vorhandenen Armaturteile kostet es 261 RM. Die Meister Bernhard Jansen und Schmiedemeister Megens teilen sich freudig in der Arbeit bei seiner Unterbringung im Glockentürmchen.

Ist des Glöckchens Klang auch dünn, dringt es auch nicht bis in die Wolken und bis an die Grenzen des Pfarrbezirkes, es tut, was es kann und damit wollen wir uns bescheiden. Am 11. Februar hat es probeweis zuerst geklungen nach geziemender Segnung!

22. April 1943

Gründonnerstagnacht war Alarm. Erst 10 Uhr durfte gemäß der bekannten Verordnung die Kirche geöffnet werden, so dass die große liturgische Messopferfeier sehr darunter litt.

25. April 1943

Heilige Ostern am 25. April! Wann wird die Christenheit wieder echte nächtliche Ostern feiern können! In diesem Jahrhundert nicht mehr?

In St. Willibrord ist an den 3 Ostertagen die 40-stündige Anbetung. Außerdem die Feier der Erstkinderkommunion. Für den Fall nächtlichen Alarms hatte die Polizei auf Antrag den Beginn der kirchlichen Kommunionfeier auf 8 Uhr gestattet. Und wirklich - oh' Schrecken - war gegen 1 Uhr nachts Alarm. Die Auferstehungsfeier musste ausfallen. Wir haben gegen 1/2 8 Uhr eine schlichte Auferstehungsfeier gehalten und „Christi Grab geöffnet".

1/4 8 Uhr holten wir die 99 kleinen Kommunionkinder vom Willibrordhause ab. Da die 8-Uhr-Messe, die erste Ostermesse war, war die Kirche bis auf den letzten Stehplatz gefüllt. Dennoch verlief die Feier recht erbauend. Der Andrang zur Kommunionbank war allerdings fast allzu groß. Doch konnte der Andrang - da auch Kaplan Schillmöller in Urlaub war - bewältigt werden.

Nachmittags 5 Uhr feierliches Hochamt mit mehrstimmigem Chorgesang. Als Osterkommunion-Bildchen wird verteilt das neue Willibrordlied von Weinrich-Lohmann, von Alfred Riedel - Freiburg auf die Metallplatte gezeichnet und vom Herder-Druck in Matern großzügig zur Verfügung gestellt.

1. Juni 1943

Wir stehen und gehen in der mondlosen Nacht unter den dahinfliegenden tödlichen Bombern im Dunkel des Gartens. Man spürt etwas Ungeheures, das unterwegs ist und auf uns zukommt. Eine Unruhe, über die man nicht klar wird.

Wenn die Erde von einer Katastrophe bedroht ist, wird man wie durch geheime Regungen gewarnt. Man hat Furcht, wittert wie ein naturhaftes Wesen, man lauscht in die schwarze Nacht, man verweilt, die Augen auf den Himmel gerichtet ohne zu wissen, was man hat, was ist, und was geschehen wird.

5. Juni 1943

Diese Zeilen sind geschrieben hinter verdunkelten Fenstern beim Schein einer nächtlich stillen Kerze, die nur einen winzigen Ausschnitt des Zimmers beleuchtet. Bald kommt ein neuer Tag; was wird er bringen? Gestern sind wieder Ukrainer durchgekommen. Sie schaufeln Schützengräben und Einmannlöcher, arme heimatverschleppte Menschen, Vögel vom Sturm gepeitscht, der im Osten vernichtend wütet.

19. Juni 1943

Die heiligen Pfingsten, Nacht um Nacht, vorher und nachher: Alarme. Die außergewöhnlichen Gottesdienste (10 Uhr und 20 Uhr) sind so sehr normal geworden und die guten Leute so sehr an die gestörten Ordnungen gewöhnt, dass nach einer seltenen ungestörten Nacht sie sich so rasch nicht der alten halbvergessenen Ordnung entsinnen können und zunächst die Ordnung als Unordnung empfinden. 

Wir wissen allzu sehr, dass viele liebe und arme Gemeinden in unserem Vaterland — ja in nächster Nähe —, unsäglich mehr auf den Trümmern leiden und harren. — Wenn wir unsere wesentlich geringeren Leiden registrieren, so tun wir es in Demut und um der Ordnung des Zeitberichtes willen.

15. September 1943

Im Saale der Wirtschaft Braam Emmericher Straße wird ein Lazarett für etwa 150 verwundete Soldaten eingerichtet. Die Pflege liegt in Händen von weltlichen Pflegerinnen. Die Seelsorge darf nur vom Lazarettpfarrer Kaplan Heystrüvers ausgeübt werden. Der leitende Arzt ist Dr. Neuer.

Herbst 1943

Vor dem Klever Bahnhof huscht ein etwa 12jähriges jüdisches Mädchen in das Dunkel der Sträucher. Es trägt auf dem linken Arm seines fadenscheinigen Mäntelchens den Davidsstern. Die Furcht hetzt das scheue Wesen wie ein verfolgtes Tier in das Dickicht, obwohl ich ihm freundlich zurufe. Es fürchtet alles, was Menschenantlitz hat und flieht wie Freiwild vor dem Tod. Wie ist das möglich ?!

Während die Kriegsereignisse wie Wetterwolken über uns dahinziehen, warnen unsere Untaten vor dem Kommenden. Wenn die Völker in dieser Erdenzeit ihre Schuld bezahlen müssen, mein Gott, wie groß ist unser Schuldkapital, wie viel ist im Buch unseres Volkes eingetragen? Die Strafliste wird mit jedem Tag größer! Wie der Verschwender durch seine ständig wachsende Schuldenlast zugrunde gerichtet wird, so wartet eine fortwährend zunehmende Additionsreihe von Sünde und Verbrechen auf viel Sühne und Strafe. Ein schwarzes Register! Am Ende wird es wider uns zeugen: nichts geht verloren, alles ist aufgeschrieben, und der Ausblick ist dunkel!

11. Oktober 1943

Am 10. Oktober, Sonntagnachmittag überfliegen uns bei hellstem Sonnenschein amerikanische Bomber. Gegen 3 Uhr Generalangriff auf Münster. Nach Bericht des Hochwürdigsten Herrn Bischofs sind der Dom und die Kirchen Liebfrauen, St. Lamberti, St. Martini, St. Clemens, St. Antonius, St. Peter und die Magdalenenkapelle schwer beschädigt und für lange Zeit unbrauchbar. Von den caritativen Anstalten wurden vernichtet: Clemens-Hospital, Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern, Hedwigs- und Raphaelsklinik, der gute Hirte, Marianum, Liebfrauenstift, Studentinnenburse. Völlig zerstört wurden das Bischöfliche Palais, die Kurien des Weihbischofs, des Dompropstes, des Generalvikars, der Domkapitulare Emmerich und Vorwerk. 

Von den etwa 200 im Mutterhaus der Clemensschwestern gegenwärtigen Oberinnen Rheinlands und Westfalens kommen etwa 50 zu Tode, desgleichen die Ehrwürdige Mutter Bona, ihre engsten Mitarbeiterinnen sämtlich. Unsere Oberin Aventine vom Willibrordhaus wird — Gott Dank — gerettet. Aus unserem Bezirk starben in Münster: die Privinzialoberin von Emmaus Kleve, Schwester Agnes; die Oberinnen von Sonsbeck und Kranenburg.

8 Tage später haben wir unter großer Beteiligung der gesamten Gemeinde ein feierliches Requiem für die verstorbenen Schwestern in der St. Willibrord-Pfarrkirche gehalten.

25. Dezember 1943

Wir haben äußerlich in gewohnter Weise die hl. Weihnacht gefeiert. Die beseligende Froheit unter unseren Gläubigen war überschattet durch das Leid, das der Krieg in fast alle Familien getragen hat. 6 Uhr — ohne Alarm — Beginn der l. hl. Messe. (Choral-Amt) Da wir trotz eifrigsten Bemühens bei dem schon herrschenden Priestermangel keine Aushilfe erhielten, hatten wir, Pastor und Kaplan Ranneberg, reichlich zu tun, allein schon 1500 Gläubigen die hl. Kommunion zu reichen. Aber wir sind durchgekommen.

Kaplan Schillmöller, Sanitäts-Gefreiter (er ist schon was geworden und höher reicht's wohl kaum) ist immer noch in Langlau. Er erhielt keinen Weihnachtsurlaub.

Am Tage vor Weihnacht holte Fuhrunternehmer Gerd Heeck unsere 2 Glocken der alten Kirche wieder zurück. Sie wurden von der Metallhütte Kali in der Eifel im letzten Augenblick gerettet, dem lsaak gleich, über dessen Leben das Opfermesser schon gezückt.

Herr Schlüter hat für die alte Kirche eine Krippe in Ochtruper Ton geformt. Noch ungebrannt brachte der Künstler wenige Tage vor dem Fest die fast noch nassen Figürchen nach Kellen. Sie sollen später in Ochtrup fest gebrannt werden. Es sind recht gute, andächtige Gestalten, die Herr Schlüter geformt hat. In der rechten Nische fanden sie einen angemessenen Platz. Unsere frommen Leute, die kleinen und großen, erfreuen sich der schönen Krippe. 

Von besonderem Brauchtum in der hl. Weihnacht erzählte mir der Altbauer Gregor Daamen, Voßhof, Kreuzhofstraße aus seiner noch rechtgläubigen Jugendzeit. Es sei auf seinem elterlichen Hof in den Kleien bei Kranenburg in Zyfflich Sitte gewesen, in der hl. Nacht draußen einen Korb, angefüllt mit Heu, Rüben und Brot, hinzustellen. In der Hl. Nacht segne Christus alles Kreatürliche. Der geweihte Inhalt des Weihnachtskorbes sei am Morgen den Tieren als die Gabe dessen gereicht, der im Stall unter Tieren zur Welt kam. Wenn am Heilig-Abend Menschen und Tiere zum Schlafe sich niederlegten, wurde ehedem in der Küche, dem Wohnraum für die Menschen, eine Kerze angezündet. In der Nacht, die uns Christus den Herrn gebracht, müsste die Finsternis im Haus gebannt sein durch den Schein einer geweihten Kerze. Heilige Erwartung! Wenn in der Frühe alle Leute das Bauernhaus verließen, um in der Dorfkirche die Gnadenankunft Christi zu erwarten, löschte der Hausvater das Licht. (Vielleicht noch ein Rest von dem Wachbleiben bis zur Mette oder noch mehr). 

Die Mutter — so sagte der Bauer — habe ihm, dem heranwachsenden jungen Mann, erzählt, dass auch die Tiere von dem weihnachtlichen Wunder ergriffen und berührt würden: „Um Mitternacht liegen die Tiere nicht auf der frischen Spreu, sondern stehen wachend allesamt an ihren Krippen"!

„Sie waren in der ersten Weihnacht Zeugen des größten Wunders und sind seitdem von einer wundersamen Unruhe in jeder Weihnacht von neuem erfüllt." Der Bauer versicherte mir, dass er auf das Wort seiner Mutter um Mitternacht in die dunkle Deele gegangen sei, voll heiliger Schauern und siehe da: Kühe und Pferde hätten allesamt stumm an den Krippen gestanden. Keines hätte darniedergelegen und geschlafen. Beiläufig (auch der Erinnerung versunkener Bräuche wegen) füge ich hier an den Brauch zum Feste Johannes des Täufers zur Sommersonnenwende, über der Haustüre draußen einen Nußzweig (Walnuß) anzubringen. Ich entsinne mich, dass in meiner Jugendzeit die Häuser meiner Heimat noch fast alle mit dem seltsamen Bruch geschmückt wurden. „Um Brand abzuwehren", glaubten manche. Bekanntlich geht der Brauch zurück auf heidnische Vorstellungen von der Kraft der Abwehr gewisser Bäume und Pflanzen (s. Grimms Götter ect. III Bd.), die dann vom Christentum mit neuem christlichem Gehalt gefüllt und umgetauft als „Johanneszweig" weiter durch die Jahrhunderte wanderten.

1944

Das fünfte Kriegsjahr! Wie eine dunkle Wolke liegt Leid und Sorge über dem Jahresanfang. Laute Freude ist gebannt! Die Menschen unserer Pfarre sind innerlicher geworden; ihr Leid hat sie näher zu Gott geführt. Die Begegnung mit dem Tod, der Zerfall der spürbar fragwürdigen Welt, hat unsere besinnlichen Gläubigen noch religiöser werden lassen. Der Gang durch die Wüste hat den Durst nach den lebensspendenden Wassern geweckt und gesteigert.

Der Wille Gottes lenkt die Zeiten! Wenn wir den Gedanken der Vorsehung nicht entleeren wollen, müssen wir beherzt und gläubig Gegenwart und Zukunft des neuen Jahres Seiner Herrschaft unterstellen. Die Wege Gottes sind geheimnisvoll, sind aber immer sinnvoll! Sein Wille geschehe! Die Einwohnerzahl der bürgerlichen Gemeinde beträgt:

Einwohner 5237 sonstige (russisch orthodox u. ä.) 67
katholisch 4670 getauft 94 (69)
protestantisch 402 getraut 46 (48)
gottgläubig 130 gestorben 47 (41)
glaubenslos 1
als gefallen sind bis zum 1.1.1944 gemeldet: 92 (ohne Vermißte)

Die Zahl der hl. Kommunionen betrugen 59.000 (58.000)

An 109 Tagen wurde die Gottesdienstordnung durch die „Alarmordnung" gestört. Begreiflicherweise wurde die 1O-Uhr-Werktagsmesse, weil ungünstig gelegen, nicht gut besucht. Der Besuch der Abendmesse20 Uhr war recht zufriedenstellend. Die hl Kommunion wurde am Abend durchschnittlich von 15—20 Gläubigen empfangen. Wegen frühen Eintritts der Dunkelheit haben wir von Oktober an die Abendmessen früher begonnen, zuletzt 1/2 5 Uhr, zumal spätere Messen meist durch Alarme gestört wurden. Besonders lästig wurden die Nachtalarme mit ihren polizeilichen Auswirkungen an manchen Sonntagen und sehr vielen Herz-Jesu-Freitagen empfunden.

15. Januar 1944

Heute Samstagnachmittag haben unsere 2 heimgekehrten alten Glocken, Maria und Katharina, wieder mit der verbliebenen, dem Willibrord zusammen um 5 Uhr den Sonntag (II. nach Erscheinung) eingeläutet. Seit Donnerstag hat sich der schon so oft bewährte Bernhard Jansen, Baumeister, bemüht, die Heimkehrer hinaufzuwinden. Die Eisenarmierung und die gerechte Fügung des Klöppels hat Meister Geenen hinzugeschafft. Und dann — oh' Wunder — unter Zulauf vieler Nachbarn und viel jungen Volkes klangen sie durch den dicken Nebel ringsum wie seit 500 Jahren. Den braven Läutern :Anton Willmsen, Martin Geurtz und Anstreichermeister Winhuysen, der wie Simon von Cyrene genötigt wurde, mit Hand anzulegen und zuzupacken — sollen die Tränen der Ergriffenheit dabei aufgestiegen sein. Am folgen Sonntag hat dann der Pastor während der hl, Messe eine Glockenpredigt gehalten; und ihnen zu Ehren hat am Schluss der hl. Messe ganz Alt-Kellen Großer Gott gesungen, so rauschend, wie es uns in den bitteren Zeitläufen fast abhanden gekommen; und wer Arme hatte, hat sich zur gleichen Zeit an die Seile gehängt, und die 3 Wiedervereinten im Turm haben geklungen (Maria zwar heiser), wie seit Jahrhunderten, dass das ganze Land aufhorchte und in vielen Herzen die Sehnsucht aufstieg: „Dass es doch Friedensgeläute wäre!" 

Januar 1944

Es ist die Zeit des Sterbens überall! Tausende und Abertausende im Abend- und Morgenlande, im Norden und Süden, in Ost und West, zu Wasser und zu Lande, scheiden mit jeder Stunde aus dem Leben. Sie gehen hinüber in die Ewigkeit! Gott sei allen gnädig! Und möge Er uns den verdienten Tod schenken zu der Zeit und auf die Weise, die zu seiner Verherrlichung und uns zum Heile gereicht! 

Es wird eine fromme Übung der kleinen Gemeinde St. Willibrord, die zurückblieb, die Generalabsolution ergriffenen und erschütterten Herzens zu empfangen nach jeder Sonntagsmesse. Auch die oft beklagenswerte Trägheit in der Mitfeier der Gottesdienste am Sonntag wird hinweggefegt von einem gläubig vertrauenden Optimismus! „Ein ständiges, unablässiges Gebet ist notwendig, damit der Herr den Tag unseres Friedens beschleunige . . ." Aber noch ist das Maß des Leidens nicht voll. In viele Kampfhandlungen sind unsere Väter, Söhne einbezogen. Und daheim ist der freie Gedanke gefesselt, die freie Sprache hat ihr Recht verloren. Doch bis heute ist es unmöglich gewesen, die Liebe zur Gemeinde, zur Freiheit, zu Gott aus dem Herzen dieses Volkes zu reißen. Es erweist sich eine Verwurzelung mit Vater und Mutter und dem christlichen Erbtum als feste Klammer.

Fronleichnam 1944

Während im Westen die „Invasion" losgebrochen, und die Gemüter in Sorgen und Spannung hält, feiern wir gemäß staatlicher Verfügung auch dieses Mal das hohe Fest in „Werktagsordnung". Zudem haben wir auch noch Fliegeralarm die Nacht zuvor, so daß wir uns auf eine hl. Messe am Morgen (10 Uhr) und eine am Abend (8 Uhr) beschränken müssen. Zum Trost: bei beiden hl. Messen, vor allem der Abendmesse, ist die Kirche gefüllt. Die Prozession (durch die Kirche) holen wir am nächsten Sonntag abends 8 Uhr nach. 

Seit einigen Monaten ist auch in der Melkerschule ein Lazarett für unsere verwundeten Soldaten eingerichtet. Da es durchweg — wie bei Braam, meist Schwerverwundete sind, können nur wenige — auch bei gutem Willen — an unseren Sonntagsgottesdiensten teilnehmen. Immerhin sind einige regelmäßig in der alten oder neuen Kirche.

1. Juni 1944

Eine Reichsstelle hat nunmehr den Druck von Totenzetteln für die verstorbenen Laien verboten. — Für gefallene oder gestorbene Soldaten soll der Druck noch gestattet werden. Den letzten Zettel haben wir drucken lassen für Frau Ww. Wilhelm Weyers, Kreuzhofstraße.—

Beiläufig: Der Brauch eines Totenzettels lässt sich von uns für den Niederrhein bis in die Zeit um 1770 nachweisen, ist vielleicht aber noch älter. Nicht nur ein Stück Familiengeschichte, auch ein Schimmer der Zeitgeschichte ist in diesen bescheidenen „Doenbriefkes" eingefangen in Text und Bild und Druckverzierung. Anklänge an den Geist der Aufklärung, auch einer religiösen leichten Verflachung werden in den ersten Dezennien des neunzehnten Jahrhunderts nicht ganz unterdrückt. Ein betontes christliches Symbol findet sich selten in der Frühzeit des 19. und am Ende des 18. Jahrhunderts: oft kehrte der hohle Totenschädel mit gekreuztem Gebein wieder; oder eine Tumba; der geflügelte Sensenmann mit der verrinnenden Sanduhr; der weinende Genius, die verhüllte Urne schließend. Reminiscenzen an die Franzosenzeit fehlen nicht. Die älteren Totenzettel sind von beträchtlicher Größe, entsprechend einem größeren Format des Gebetbuches; sind immer im Bild geschmackvoll und erfreuen sich eines Textes von epischer Breite, während dem Ende des 19. Jahrhunderts zu die Gedenkzettel knapper, nüchterner und stereotyper werden. Eine strengere religiöse Auffassung in Anlehnung an Liturgie und Hl. Schrift erstrebte die neueste Zeit an im Text und Bildwerk.

11. Juni 1944

Die alte Kirche ist bereichert worden durch ein Muttergottesbild. In lebendigem Wirbel von Linie und Farbe leuchtet von der dunklen Wand auf das hl. Bild. Der schöne schmiedeeiserne Leuchter deutet auf seinen Sinn als Andachtsbild. Es wurde in Mosaiktechnik von Kunstmaler Bernhard Krampe, Münster, in den Werkstätten Heinrich Derix zu Kevelaer gefertigt.

„Kommt, die Mutter, des Lichtes lasst
mit der Hymnen lautem Schalle
alle uns preisen.
Denn sie empfing unsere Rettung.
Und das „Freude Dir" lasst uns
ihr bringen als der, die alleine gebar
den uranfänglichen Gott aller
vor den Aeonen.
Freude Dir, die Du geboren,
der neue gebildet die Eva.
Freude Dir, makellose,
bräutliche Jungfrau".  

Theophanes Graptos + 845

1. Juli 1944

Trotz allem, wie bezaubernd sind die heißen Sommertage, wie zart und erfüllt von hellem Licht. Der alte Kirchhof, ein verwilderter Park, ist so schön wie nie zuvor; voll drängen sich die Rhododendronsträucher, die wilden Büsche vor den verwitterten Monumenten der Toten. Die alte Kastanie gibt dichten Schatten, und die vielhundertjährigen Riesenbuketts indischen Flieders ragen wie duftige Wedel über die Mauer des Pfarrgartens in das ruhige Licht. Am schönsten aber sind die weißen und roten Rosenbeete, die das alte Kirchgemäuer üppig schmücken; die Gärtner haben zwar gefeiert, sie pflücken blutige Rosen im Osten; doch der Friedhof ist besser gehalten und schöner denn je.

27. August 1944

In einer nach liturgischen Texten gestalteten marianischen Feier in der alten Kirche weiht der Pastor das neue Bild. Am Abend 8 Uhr hat sich das Kirchlein von aufgeschlossenen Jungmädchen und Jungmännern angefüllt. 

Die Feier verläuft würdig, der Pastor versucht das Bild zu interpretieren als Symbol der Mutter der Gnaden. 

Als Ersatz der z. Z. nicht mehr klingenden Orgel begleiten die Blockflöten unserer Spielgruppe unter Leitung von Frau Abt marianische Lieder.

3. September 1944

Im benachbarten Holland bollern die Geschütze. Sind die Engländer schon eingezogen? Man spricht von Breda und Maastricht! Sprengungen (oder anderes) durch Deutsche erschüttern auch unsere Häuser Tag und Nacht. Die Schulen sind geschlossen. Männer und Jungmänner werden aus Schulen, Werkstätten und Ämtern herausgezogen zum Schanzen an einer Auffangstellung in der Nähe der Reichsgrenze bei Wyler-Kranenburg.

4. September 1944

Über die Emmericher Straße ziehen Tag und Nacht die phantastisch gefleckten Motorwagen eines aus dem Räume Antwerpen und Paris zurückflutenden Heeres. Die Schnellsten sind die Motorisierten. Es folgen im langsamen Trott ungezählte Fuhrwerke. Woher überall? Wohin ? Über den Rhein in die Stammgarnisonen, wo neue Divisionen für neue Abwehr gebildet werden sollen? Die Stimmung im Volke ist sehr gedrückt, zumal Frauen und Kinder aus Holland zurückfluten in die deutsche Heimat und Bahnhöfe und Züge überfüllen. Dazu kommt die Beunruhigung bei Tage und Nacht durch Flugzeuge, die immer „dreister" werden, da keine deutschen Nachtjäger mehr fliegen!

4. September 1944

Heute stieg der Abend auf unser Dorf in seltsamen Farben, in Rot und Blau, herab. Die bröckeligen Mauern der alten Kirche schimmern rosa, die Dächer hart blau. Die Ziegelwände des Turmes, die im scheidenden Licht glutig und unwirklich hervorbrechen, fügen sich nachher verklärt in die wieder beruhigte Landschaft.

5. September 1944

Viel Alarm bei Tage und Nacht! Nervöse Menschen kommen überhaupt nicht mehr zu Schlaf! Dazu die Sorgen um die Angehörigen an der Front, z. T. in den umkämpften Seefestungen im Westen Frankreichs. Viel Geknatter durch die Bordwaffen der schnellen englischen Flieger!

Gestern sind unsere Lazarette: Braam und Melkerschule plötzlich geleert und die Insassen nach Rheine transportiert worden. Zu unserem Bedauern, da sich ein angenehmes persönliches Verhältnis zum Pastorat durch kleine Gaben von Blumen und Obst und gelegentlich freundlichen Zuspruch herausgebildet hatte. Ob man die nun leeren Lazarette für Feldlazarette reservieren will?

17. September 1944

Der Hochwürdigste Herr Bischof hat durch ein Schreiben die Gläubigen aufgefordert, den heutigen Sonntag als „Bet- und Sühnetag" durch Kommunionempfang und Stundengebet vor dem allerheiligsten Sakrament zu halten. Der Andrang zu den Beichtstühlen schon am Samstag war sehr stark, außergewöhnlich und recht verheißend. Leider wurde der ganze Sonntag und damit auch unsere Sühneveranstaltung durch ununterbrochenen Alarm gestört. Nach 12 Uhr nachts 2 mal Alarm; so dass zunächst um 10 Uhr der Gottesdienst (die erste hl. Messe) beginnen sollte. Aber um 10 Uhr wiederum Großalarm, so dass der Beginn bis nach 1/2 11 Uhr aufgeschoben werden musste. Während der hl. Messe wiederum Alarm, In der neuen Kirche, von Besuchern überfüllt, wird die hl. Messe (Pater Benedict 0. C.) abgebrochen. Die Besucher der alten Kirche, blieben durch den energischen Zuspruch von einigen sachverständigen Soldaten im Turm, im wesentlichen beruhigt, allesamt in der Kirche bis zum Schluss. Die hl. Messe wurde in der neuen Kirche erst gegen 1/2 12 (in einer Pause von großen Alarmen) zu glücklichem Ende gebracht. Unser Plan, um 2 Uhr wieder eine hl. Messe zu feiern, musste durch erneute Alarme aufgegeben werden. Das hl. Sakrament haben wir um 4 Uhr reponiert, 4 Uhr und 5 Uhr noch eine hl. Messe gewagt. Dann aber um 5 Uhr, als einige englische Flieger im Tiefflug niedergingen, die wenigen guten Leute heimgeschickt. 

Der ganze Tag war voller Aufregung. Gegen Mittag stiegen englische Fallschirmjäger — wie man sagt — bei Kranenburg und bei Emmerich ab. Ein Strom zurückflutender Westwallschipper! Die armen Männer und zumeist Jungmänner! H. J. Was an Soldaten bei uns und in Kleve lag — (auch unsere Knabenschule, Aula der Willibrordschule und Hitlerheim an der alten Kirche sind belegt), — rückt aus, „die Fallschirmjäger anzugreifen"? Bis in die Nacht hinein Flieger! Was ist los?

20. September 1944

Das Dröhnen der Artillerie bricht nicht mehr ab. Der Möschenberg bei Wyler wird von den englischen Fallschirmspringern gehalten. Was wird der gute Pastor in Wyler machen ? Nach dem Heeresbericht sind weitere Luftlandungen in Holland erfolgt. Die kleinen Jungens von der H. J. sind alarmiert, zwischen Kleve und Emmerich Gräben und Einmannlöcher zu graben.

22. September 1944

Nymegen und Arnheim werden noch von den englisch-amerikanischen Truppen gehalten. Von Eindhoven ist die englische Verbindung mit Nymegen hergestellt. Die verflossene Nacht durchböllerte bis in die Morgenstunden unsere Schlaflosigkeit. Unsere Verbindung mit den Kirchengemeinden Frasselt, Kranenburg, Zyfflich und Wyler ist abgeschnitten. — 

Es überstürzen sich die Berichte über Kämpfe an der Grenze. Es scheint aber der Engländer seine bis in den Raum Kranenburg-Wyler vorgesteckten Nester zurückgezogen zu haben.

24. September 1944

Der heutige Sonntag sieht seinem Vorgänger nicht unähnlich. Gestern Samstag seit 4 Uhr Alarm und kein leerer Alarm, Fliegerkampf über uns! Gegen Abend schossen die feindlichen Flieger einen mit Munition beladenen Zug in der Nähe des Klever Bahnhofs in Brand; Freitag fielen einige Bomben auf das Stadthaus Kleve, auf Badeanstalt, Tiergartenstraße und Emmericher Straße. Leider wiederum einige Tote und mehrere Verwundete!

Hoffnungsvoll haben wir heute 2 hl. Messen 1/2 7 und 1/2 8 Uhr gefeiert, da setzte wiederum Alarm ein. Bordkanonen und Bomben über dem Klever- und Bedburger-Bahnhof. Die alte Kirche hat keine hl. Messe gehabt. Nach Abblasen des Alarmes holten wir hl. Messen nach um 12 Uhr und um 5 Uhr. Nach den Ereignissen der verflossenen Woche kommen die Gläubigen auch bei Voralarm nicht mehr zur Kirche. Mit Recht; da die Lebensgefahr allzu groß geworden.

27. September 1944

Gestern, 26. 9. fielen an die 100 Bomben nachmittags gegen 5 1/2 Uhr vor allem auf die Unterstadt Kleve. Die Bomber hatten es offenbar auf den Bahnhof und vielleicht auf die Spoybrücke abgesehen. Der Bahnhof ist auch arg mitgenommen. Aller Zugverkehr ist eingestellt. Große Teile der Margarinewerke standen bis in die späte Nacht in Flammen. Die Häuser der Unterstadt sind sehr beschädigt. Viele Todesopfer sind zu beklagen. 

In Kellen traf eine Bombe das Wohnhaus unseres treuen Schmiedemeisters Megens in der Reeser Straße und zerstörte es vollständig. Frau Maria Megens, ihre aus Kranenburg hierhin geflüchtete Schwester und ein Töchterchen sind im Keller zu Tode gekommen. Die Tochter Megens ist schwer verletzt worden. 

In einem Splittergraben hinter dem Haus wurden Änneken Derksen, das Töchterchen von Metzger Derksen, Emmericher Straße und ihr Spielgefährte aus Kranenburg, der mit seiner Mutter, Frau Trappmann, hierhin geflüchtet, getötet.

Am Bahnhof fand der Eisenbahnarbeiter Kloesters aus der de Witt-Straße den Tod. Das ist nun der 4. Eisenbahner, der aus unserer Gemeinde durch „Feindeinwirkung" um das Leben kam. — Ein Strom von Flüchtlingen zieht mit einigen Habseligkeiten, in Koffern und Kopfkissen verpackt, unter den kreisenden englisch-amerikanischen Fliegern dahin auf das Land, z. T. über den Rhein. Es heißt, dass das St. Antonius-Krankenhaus ganz geräumt werden soll, weil eine Wiederholung der Angriffe befürchtet wird. Strom- und Wasserzufuhr sind unterbrochen.

29. September 1944

Das St. Antonius-Krankenhaus ist arg zerstört. Die letzten Schwestern hausen im Keller in relativer Sicherheit. Die Schäden und die Opfer der Unterstadt und eines Teiles unserer Gemeinde sind größer an Menschen und Dingen als wir zunächst vermuten.

3. Oktober 1944

Das Donnern der nahen Front hört bei Tag und Nacht nicht auf. Gestern berichteten die aus Frasselt geflüchteten Pirlo, dass ihr Gehöft an der Kirche von den Ferngeschützen bedroht sei. Einschläge ringsum! Viel Vieh auf den Weiden durch Treffer zu Schaden gekommen.Samstag, den 30. September haben wir nachmittags — trotz Großalarm —: 7, und am Morgen: 2 Opfer des Fliegerangriffes beerdigt. Anschließend haben wir für alle gemeinsam ein Amt in der neuen Kirche zunächst gehalten.

5. Oktober 1944

Heute wurde ein großer Teil der Leute, die durch Alter und Krankheit im Gehen behindert sind, in Sanitäts-Autos auf Veranlassung der Partei weggeschafft. Es spielen sich traurige Szenen ab. Viele Angehörige weigern sich, die Eltern oder Großeltern preiszugeben. Man sagt, dass der Landbezirk Halle diese Ärmsten der Evakuierten aufnehmen soll. Auch einige kinderreiche Familien, deren Väter meist im Kriegsdienst sind, haben sich den allgemeinen Transporten angeschlossen, einem dunklen Geschick entgegen. Ob wir sie wieder zurückerhalten und wiedersehen werden ? Gott segne ihren Ausgang!

8. Oktober 1944

Der gestrige Samstag, der 7. Oktober 1944, wird als der dunkelste Tag in der Geschichte Kleves und auch der Gemeinde Kellen bleiben. Nachmittags 2 Uhr brach das furchtbare Gewitter eines Fliegerangriffes im schrecklichsten Ausmaß los. Wohl an die 1000 viermotorige Maschinen warfen 45 Minuten lang ununterbrochen ihre Todeslast über die arme Stadt, die sich noch nicht erholt hatte von den Schrecken des 26. Septembers. 

Ganz Kleve liegt in Trümmern. Die stolzen Türme der Stiftskirche liegen am Boden. Der Schwanenturm ist getroffen. Die Christ-König-Kirche ganz vernichtet. Viele Hunderte noch zurückgebliebene Einwohner sind erschlagen unter der zusammengesunkenen Stadt. Der gute Dechant unter den Trümmern seines Hauses begraben, sein Kaplan Wyskirchen schwer verletzt. —

Kleve hat keine Kirche mehr.

Zur selben Stunde wurde unser Emmerich dem Erboden gleichgemacht. St. Martini und St. Adelgund sind gewesen. Alles ist hin! In Kellen ist besonders getroffen Reeser Straße, Emmericher Straße, Riswicker Straße. Die großen Trichter gähnen auf Schwedlers Land vor der neuen Kirche und dem Willibrordhaus. Freitag morgen beerdigen wir wieder 9 Opfer. Wie viel sind in Kleve zu beerdigen?

10. Oktober 1944

Die Zahl der zu Grabe versenkten Opfer des großen Unglückstages hat sich für Kellen auf 32 erhöht. Auf Bitten des Standortältesten: Hauptmann Willeke aus Münster beerdigte der Pastor 3 unbekannte deutsche Flieger, die über unserem Niederrhein von feindlichen Jägern abgeschossen wurden. Die übrigen hier verstorbenen Soldaten, wurden - ohne dass wir zur Beerdigung zugelassen wurden — formlos der Erde übergeben. Trotz Bitten des Pastors wurde das Begräbnis ohne Segen des Priesters gemacht!

15. Oktober 1944

Am 13. Oktober (in der Nacht zum 14. Oktober der Sicherheit wegen) verläßt Kaplan Ranneberg die Pfarrei. Seine Kräfte sind durch die Ereignisse der letzten Wochen so sehr verbraucht, daß eine Erholung in der Heimat erwünscht erscheint. Übrigens hat jetzt ein großes allgemeines Wandern eingesetzt.

Die Partei hat die vollständige Räumung befohlen und drängt zunächst die alten Leute, die Mütter und Kinder in den Bezirk Magdeburg hinein. Die Ängstlichen und Nervösen gehen den schweren Weg in die Fremde, während die Stärkeren zunächst passiven Widerstand allen Lockungen der Partei entgegensetzen.

Oktober 1944

An der Spoy bei Schennings durfte ich im Haus Zwillinge taufen. Der Vater, ein Holländer aus Rotterdam, wagte „wegen der ewigen Jabos" die winzigen Wesen nicht mehr zur Kirche zu tragen. An unserem Taufbrunnen habe ich ein Medizinfläschchen (ich besaß kein anderes) mit heiligem Wasser gefüllt und bin damit hinausgeradelt. 

In dem halbdunklen Keller saß auf dem Steinrand der Bühne (das ist ein erhöhter Platz für Winterfrüchte), die junge Mutter mit den Kindern auf dem Schoß. Sie trug ein hellblaues, lockeres Kleid und hatte vor Kälte einen roten Schal um Hals und Haupt gewunden; das gelbe Haar floss aufgelöst voll und üppig über die Schultern.

Es kam mir vor, als sei ich in die Grotte von Bethlehem hinabgestiegen! Der Gatte, ein stummer und frommer Friese, hielt die Mütze demütig wie ein Hirte in den Händen und wusste nicht, ob er stehen oder knien sollte und vollendete so das lebende Krippenbild. Nur, dass die Jagdbomber während der heiligen Handlung durch die Stille brummend unaufhaltsam ihre Kreise zogen! Übrigens, das Haus war mir damals schon bekannt und in seltsamer Erinnerung: weißgekalkt, anderthalbstöckig, mit einem Teerstreifen ringsum an der Erde und dem niederrheinischen Walmdach. Hier hatte ich vor einiger Zeit die Großmutter der Täuflinge in langem Siechtum oft besucht und in der oberen Kammer, die sie Schlafkabinett nannten, „mit allem versehen". Wie ich das erste Mal an ihr Krankenbett trat, bin ich beim Anblick dieses Greisinnenantlitzes schier erschrocken ob seiner Ähnlichkeit mit Albrecht Dürers Mutter Barbara, so wie er in einer Kohlezeichnung am 19. März im Jahre 1514, wenige Tage vor ihrem seligen Verscheiden, sie konterfeit und verewigt hat.

Und ein drittes Merkwürdiges war, — allerdings vor meiner Zeit schon, — etwa um 1932 oder 1933 dort passiert. Man sollte es nicht glauben, wenn nicht mein Kaplan dafür als Kronzeuge einstände. Von ihm habe ich es gehört; er hat es mir erzählt: in unserem vor Unglauben und Aberglauben so seltsam verlaufenen Jahrhundert hat es dort noch am Kanal bei Schennings nach sonst längst verschwundener Hexenart und -manier richtig gespukt. Erst mußte sich die Nacht ankünden, der Abendstern aufleuchten. Dann ist bekanntlich die Natur voller Versprechungen und heimlicher Stimmen. In dem befremdlichen Licht der eben versunkenen Sonnenscheibe scheinen die Wände der Häuser fast bunt getüncht und stehen da ein bisschen verlegen, unsicher und unwirklich. Wenn so alle Lichter gesetzt waren, da konnte der Geistervorhang hochgehen. Und an manchen Abenden — so hat Herr Kaplan gesagt —, hörten die Schennings, die wohl das Zeug zu Spökenkiekers in sich hatten und „begnadet" waren, wie die Nachbarn sagten — gerade dann, wenn ihnen fast die Augen vor Müdigkeit zufielen und die Lampe verlosch — seltsame Geräusche, wie Kettenrasseln. Auf ihre Notschreie seien nicht nur Nachbarn in christlicher Liebe hingeeilt, nein zuletzt habe ein regelrechtes Pilgern aus weiterem Umkreis aus Neugier und Wissensdrang angesetzt. Aber keinem der Fremden sei irgend etwas Geheimnisvolles zu Ohren, noch sei ihm trotz Gebrauches von Fernrohr und geliehenem Opernglas Verdächtiges zu Gesicht gekommen. Zuletzt habe die Polizei, die eine Ansammlung von vielen Menschen damals wie heut nicht wünschenswert und der bürgerlichen Ordnung einträglich erachtete, die Leute nach Haus und die Schennings ins Bett geschickt. Und das war vernünftig so. Der Spuk fand ein Ende. Ob die Nachbarn aus Schabernack einen Streich gespielt haben?

22. Oktober 1944

Es sind immerhin noch die Hälfte der Bewohner zurückgeblieben. Der Besuch auch der Werktagsmessen ist sehr gut. Alle Kirchenbesucher gehen zum Tisch des Herrn. Das, was als Ziel der Seelsorge vor einem Jahrzehnt aufgestellt wurde, ist aus der Not der Zeit zunächst und vorläufig verwirklicht: alle Kirchenbesucher feiern die hl. Messe in Opferung und Wandlung und hl. Kommunion. Am Christkönigsfest konnte Kaplan Bausch aushelfen. 2 hl. Messen in der neuen Kirche, 1 hl. Messe in alter Kirche. Andachten fallen wegen Fliegergefahr weg!

23. Oktober 1944

Die Leiche unseres Herrn Dechanten Jakob Küppers hat man nach 14-tägigen Mühen geborgen und recht schlicht zu Grabe gebracht. Sein Totenzettel rühmt ihm mit Recht nach: eine nur der Nachfolge des guten Hirten gewidmete und auf das Heil der Seelen bedachte Lebenseinstellung, makellose Gesinnung, kernige Frömmigkeit und gewinnende Herzensgüte, Bescheidenheit, Sanftmut, Leutseligkeit, Liebe zur Armut und den Armen, Sorge für die Kranken und für die Kinder und in durch vier Jahrzehnte gefestigtes Vertrautsein mit allen Familien seiner Gemeinde. Er ging mit seiner Stadt und seiner Kirche in der gleichen Stunde unter; Gott ersparte ihm, den Ruin seiner geliebten Gemeinde zu schauen. Kleve ist eine tote Stadt — ohne Bewohner, ohne Kirchen und Priester — ein Grab, das so viel Glück eines an sich frohen Völkchens unter Trümmern birgt. 

Die Leiche Kaplans Smets ist immer noch nicht aufgefunden. 

Pfarrer Hellrath soll mit all seinem Weh nach Wardt bei Xanten gezogen sein. 

Kaplan Bausch hat sich als einzig zurückgebliebener Priester sehr verdient gemacht um die Bergung der Kunstschätze der Mariä-Empfängniskirche. Die Rettung des Chorgestühls ist sein Werk. Unter unsäglichen Mühen gelang es ihm, das Gestühl zu sichern.

Pfarrer Kochen, Materborn, hat seit 14 Tagen seine Pfarrei verlassen müssen. Sie liegt unter Beschuss der englischen Artillerie. Auch Rindern ist geräumt. Pfarrer Rack ist in seine Heimat im Münsterland gezogen. Im Leeg ist nur noch der „Propst von Bimmen" unentwegt auf dem Posten und seiner, zwar sehr geminderten Gemeinde, treu. Desgleichen sind (trotz Räumung) die Pfarrer von Griethausen und Warbeyen bei den Resten der Herde — echte Hirten — verblieben.

Das Antonius-Krankenhaus hat zwei Häuser in der Anstalt Bedburg für seine Kranken übernommen. Ob das Verbleiben unserer Schwestern dort lange sein wird?

Wir Kellener hoffen, dass die Entwicklung der Dinge, eine Evakuierung überflüssig oder unmöglich macht. Lieber auf bescheidenstem Raum, selbst unter großer persönlicher Lebensgefahr daheim, als das Brot der Fremde irgendwo rechts des Rheines essen müssen. Was Anhänglichkeit an unsere geliebte linksrheinische Heimat bedeutet, kann man täglich feststellen. 

In den Häusern stehen die Koffer mit Wäsche gepackt für den Fall, dass ein plötzlicher Aufbruch kommen könnte. Einige wertvolle Kirchensachen, die Barockmonstranz, Ciborien, Kelche und Messgewänder sind in dem nach Warendorf in das dortige Sophienstift verlegte Mutterhaus der Clemensschwestern durch einen gelegentlichen Transport gesichert. Die 2 Monstranzen, einige Paramente sind Herrn Schulte Mattler überlassen; er hat sich verpflichtet, im Ernstfall sie mit der Karawane unseres Bauers Gregor Daamen in die Sicherheit des Münsterlandes zu retten.

Die Front ist heute (am Tage Christkönig) ziemlich ruhig. Das diesige Wetter hindert den sonst ununterbrochen kreisenden „Jabos" (Jagdbomber) die Einsicht in unsere Etappe und den überall in der Erde grabenden Schanzern. Soldaten überall in den Schulen, Bauernhäusern und Privatwohnungen! Die Artillerie ist augenblicklich ruhig, nachdem an den Vortagen und in den Nächten die Fenster nicht schlecht rappelten! Herbstruhe oder Ruhe vor dem Sturm?

Allerheiligen, Allerseelen. 

Wir sind schon glücklich, die großen Tage noch in der Heimat verbringen zu können. Die Teilnahme am Gottesdienst ist erbauend. Die übliche Andacht Allerheiligen nachmittags muss wegen der Flieger ausfallen. Der Pastor geht aber 3 Uhr mit seinen Messdienern und Kaplan Bausch zu den Friedhöfen und segnet — wie in früheren Jahren die Gräber — aber ohne Gemeinde —.

Allerseelen 1. November 1944

Der nahe, erst schreckende, dann aber in unserer Zeit immer vertrauter werdende Tod verwandelte bei vielen die bisherigen Auffassungen vom Leben, das ja in immer enger werdende Grenzen gesteckt wurde. Das Leben, von dem keiner eine unbegrenzte und sichere Länge mehr vor sich wusste, bekam in der Tat eine bisher nicht bekannte wachsende Tiefe und Innerlichkeit. 

In dem gesuchten Gespräch mit Gott —, (es wurde nie so herzlich gebetet) — und im eigenen Mühen um ein geordnetes Tun machte die Todesbereitschaft vielfach den Christen aufgeschlossen für die Erkenntnis und Übung selbstloser und absichtloser Nächstenliebe.

Bei manchem geschah eine Verwandlung des Herzens und reifte das Erlebnis einer wahren Liebe, deren er bisher unerfahren gewesen. Und dies reine und umwandelbare Geschenk einer befreienden, religiösen, schlackenfreien Hingabe an Gott und den Nächsten blühte auf dem Boden des großen Leids unserer Tage.

Man erfuhr zuweilen aus dem Munde einfacher Menschen Gedanken, die eigentlich ihr Denken überstiegen, die Gott ihnen anvertraut und eingegeben und die von solcher Eindringlichkeit und Schönheit waren, dass sie zu empfangen und aufzunehmen ein wahrer Genuss und eine echte Erbauung wurden!

7. November 1944

St. Willibrord-Fest.

Das silberne Bild St. Willibrords ist aus dem Versteck herausgeholt, zwischen einige Blumen gestellt; „verschwenderisch" 6 Kerzen ringsum entflammt. Aus der Bedrängnis unserer Tage und auf das ermunternde Wort des Pastors kommen die Schützlinge des Heiligen in diesem Jahr noch wesentlich eifriger zum hl. Opfer an seinen Altar. Den ganzen Nachmittag bis zur Dunkelheit wird die Kirche nicht leer von Betern; leid- und sorgenbeschwert hat neues Vertrauen zum altbewährten Patron alle erfüllt. Es ist erfrischend festzustellen, wie frei von Konvention und Gewohnheit Gottes Geist weht.

19. November 1944

Pater S. V. D. Dr. Burgmann, geboren in Dinslaken, seit drei Jahren Kaplan in Wyler, wird von der Welle der kriegerischen Ereignisse an das Gestade unserer noch immer von der Evakuierung freien Pfarrgemeinde gespült. Er hat in der Wohnung des Kaplans Ranneberg, Willibrordstraße seinen Haushalt eingerichtet. Möge sein Wirken von Segen und von langer Dauer sein! Ein lieber willkommener Konfrater!

20. November 1944

Die grüne SS-Polizei nimmt in unserer Gemeinde Quartier!

21. November 1944

Maria Opferung. Wir feiern den Tag der Weihe unserer neuen Kirche. Wenn auch eigentlich der 19. November der dies festus ist, so halten wir die Festfeier jedoch auf Maria Opferung (dem „Buß- und Bettag). Die Kirche ist noch mit Blumen auch in diesem Jahr geschmückt. Die Zahl der Kirchenbesucher recht erfreuend. Wir sind bescheiden geworden !

24. November 1944

Es geht wieder stark um: das Gerede von der Räumung. Der passive Widerstand dagegen ist am Wachsen. „We blieve"! ? — Aus dem Magdeburger Gau und aus anderen Fluchtgebieten treffen viel Briefe ein. Sie sind durchweg auf den gleichen Ton gestimmt: „Oh' könnten wir doch wieder heim"! „Wir kämen zu Fuß"!

27. November 1944

Wir sammeln die Küchlein, unsere Schulkinder, zum Religions-Unterricht. Zu unserer Überraschung finden sich über 200 Kinder zur 8-Uhr-Messe und Unterweisung.

27. November 1944

Die Partei schickt durch die Familien schriftliche Aufforderungen zur Räumung. Rote Plakate fordern unter Drohung von „Todesstrafe und Konfiskation der Güter" auf, die Heimat zu verlassen bis zum 5. Dezember. Wie gering geachtet die Partei und ihre Verfügungen sind, wird erhellt durch die Tatsache, dass am folgenden Morgen die roten Plakate zerrissen sind. Ihre Autorität wird verachtet und die Drohungen werden nicht für ernst genommen.

1944

Der Aufenthalt in der drohenden Todesgefahr brachte viele unserer Gläubigen in eine ganz neue Spannung und neue innere Verfassung. Erst im Leiden und in der Todesnähe wurden vielen Menschen das sittliche Gesetz und seine absolute Forderung bewusst. So kamen manche, die sich bisher für Gläubige hielten, zur Besinnung wahrer Selbsterkenntnis und echter religiöser Erneuerung, zu einer Konversion.

27. November 1944

Gestern ist das Hochwasser bei Schmithausen so sehr gestiegen, dass die Landstraße weithin überschwemmt wurde. Wie verlautbart, sei Huisberden am Einlaufen. Eine sinnvolle Kombination von Kraftwagen und Schiffchen vermittelt bei Schmithausen den militärisch notwendigen Verkehr auf die andere Seite.

Der 82. jährige Vater Ebbing stirbt in Huisberden. Seine Leiche wird im Kahn über die große Flut gebracht. Ein braver Bauer am Damm findet sich bereit, auf der Karre den Toten zum Leichenhäuschen auf den Kirchhof zu fahren.

Wie primitiv ist das Leben geworden! Dinge, die zu anderer Zeit einen Schimmer von Romantik eingebracht hätten, werden aus der Not der Zeit als Qual und Last empfunden. Ein Sarg ist kaum noch zu beschaffen. Die nächste Apotheke hat sich in Bedburg aufgetan. Die meisten Medikamente fehlen übrigens! Der nächste Zahnarzt wohnt in Kalkar, wohin man nicht mehr mit der Eisenbahn fahren kann. Alle Wege sind zerfahren. Welch eine Auflösung in allen Bezirken des Lebens.

1. Dezember 1944

Wir sind einsam geworden. Die meisten Einwohner sind evakuiert. Es ist an manchen Tagen, als ob die Zeit stille stände. Da die früher ausgeklügelte Tageseinteilung zerschlagen ist, pendelt sie noch ein wenig, dreht sich aber nicht mehr rund. Vieles verrinnt achtlos. Die Stunden halten ihre leeren Hände hin und niemand füllt sie. Wie seltsam träge und langsam der Tag vergeht.

Doch immer noch steht die Sonne am Himmel, immer noch putzen sich die Finken und Sperlinge an der warmen Wand der alten Kirche im Sandbade.

2. Dezember 1944

Nachdem nun auch Warbeyen „eingelaufen", nimmt die Flut allmählich ab. Von gestern auf heute früh ist das Wasser um 30 cm gesackt.

3. Dezember 1944

1. Advent. Die Kirche ist noch ganz im verhaltenen Schmuck: Johannesbehang, sogar Adventskranz! Zum ersten Male wiederum 3 hl. Messen (statt 2). In der alten Kirche wie üblich 1 hl. Messe 1/2 1O Uhr. Zum letzten Male eine große, erschütterte Gemeinde.

Die Zahlung der Kirchenbesucher: 

1. Messe = 285
2. Messe = 520
3. Messe = 277
alte Kirche = 401

In diese Fülle und Blüte der Willibrordgemeinde schlägt ein, wie ein vernichtendes Gewitter, die verschärft und herb durchgeführte Totalräumung.

Jetzt wird es ernst! Denn: Transport in unseren Aufnahme-Gau Magdeburg, der schon überfüllt, bedeutet Elend. Tränen und Jammer allüberall. Menschen, die um 4 Uhr nachmittags sich mit ihren Bündeln gesammelt haben, werden nachts 1 Uhr erst verladen in Großautobusse; Mühsal! Dazu Hagelböen und grausam nasskaltes Wetter! Werden sie, werden wir, die Heimat, mit Kirchen, unseren Häusern und alldem, was darin zurückblieb, wiedersehen? Man bringt fast keine Hoffnung für eine schönere Zukunft auf. Graue Trostlosigkeit, Nervosität lagern über unseren Pfarrkindern.

6. und 7. Dezember 1944

Die Polizeitruppe wird auf Befehl der Partei immer rigoroser. Die Werktagskirchgängerinnen werden unfreundlich angefahren und aufgefordert, in kürzester Frist Kellen zu verlassen. Vor der hl. Messe stellten sich 6 Polizeisoldaten vor der Kirche auf und fahren alle Besucher an. Alle sollen einen Zettel unterschreiben und sich von der NSV. befördern lassen.

Ein Feldwebel kommt zur Sakristei: „Der Herr Polizeileutnant befiehlt, der Pfarrer habe bekannt zu geben: Die Frauen müssen Kellen verlassen." Nachdem der Pfarrer betont, dass der Herr Leutnant ihm nichts zu befehlen habe, gab der Kurier das zu. Die Unterredung endete mit dem Ergebnis: Der Pfarrer wird in der Kirche nicht den Wunsch des Herrn Leutnant erfüllen.

Die wenigen Frauen, die sich, (wenn sie ängstlich sind), hinter den herabgelassenen Blenden ihrer Verstecke unsichtbar halten und die Klingel überhören, können vorerst nicht mehr zur Kirche kommen.

Sie beten in ihrer nicht geringen Not, zerquält bei allem Leid in den Kellern verborgen. Die Kinder sind fast alle verschickt!

Polizei und der Parteivorsteher erscheinen täglich im Willibrordhaus und erklären: Die Schwestern müssen das Haus räumen!

Die Oberin Aventine erbittet den Herrn Leutnant zu einer Aussprache ins Willibrordhaus. Er erscheint nicht!

Saget hat vor den Schwestern erklärt, auch der Pastor müsse weg. Er habe sich auf seine Bitte geweigert, von der Kanzel die Bevölkerung zur Abfahrt nach Magdeburg aufzufordern. Seine Gegenwart und Tätigkeit sei das größte Hindernis für die Partei in der Räumungsaktion. Er sprach die Wahrheit: Die Kanzel ist nicht für Dinge hingestellt, die in einer anderen Ebene liegen. Ein schlechter Hirte, der seine Schafe in die Wüste triebe. Leiden und Warten, was das Morgen bringt! Aber in Ruhe! Welch ein Bild: Deutsche treiben Deutsche von Haus und Hof. Mitten in furchtbarem Wetter! Kalter Regen schlägt gegen die Fenster. Wie lange wird die warme Stube uns noch bergen? Wie ein einziger Wehschrei, so steigt es aus den Herzen meiner gehetzten Schäflein („Schlachtschafe")

Nur nach der Unterschrift, dass man Kellen sofort verlasse, erhält man Lebensmittelkarten. Wir verzichten darauf! Wir wollen nicht unterschreiben. Es muss auch „ohne" gehen.

Die deutschen Pioniere haben die Dämme bei Arnheim gesprengt und die „Alliierten" aus dem Leeg auf die Höhen gedrängt, wo sie nach dem Heeresbericht unter Artilleriebeschuß leiden sollen. (?)

Dezember 1944

Bei Raadts an der alten Kirche im Luftschutzkeller sind schon die Kartoffeln für den Winter fein säuberlich hinter Bretterverschlägen gestapelt. Mitten dazwischen hat unser lieber Alphons Verhorst, bis vor wenigen Jahren noch ein geschätzter Kunst- und Buchhändler in der Glaspassage bei Schmitz zu Köln, sein Krankenlager aufgeschlagen. Der Todkranke liegt hier in relativer Sicherheit, betreut von seinen beiden besorgten Schwestern.

Er wird hier unten sterben; so wie er gewünscht, — in der Heimat. Vor seinen Blicken: über den Bergen von Kartoffeln ein Bild von Hans Thoma mit der bezaubernden Welt des Südschwarzwaldes. Den Bettpfosten umschlingt der Rosenkranz.

Der Kranke philosophiert in seine letzten Tage so hinein: „Der Mensch ist zwar klein, weil er es einmal ist; dauern wird nur seine Größe, denn die Größe ist ewig! Es kommt nur darauf an, sein Zeitliches, Vergangenes und Ewiges in Einklang zu bringen. Da nützt nicht Gewalt und Krieg, sondern nur das, was die Blumen zum Blühen bringt und die Früchte reifen lässt". Er stirbt in Frieden!

8. Dezember 1944

Maria Empfängnis. Trauriger Festtag! Nur noch kleine Grüppchen von Gläubigen in den 2 hl. Messen. Aus Angst vor der grünen Polizei sind die Frauen fast alle fern geblieben. 

Heute vor 25 Jahren wurde die Jungfrauen Kongregation gegründet. Man hätte der segensreichen Einrichtung einen besseren Jubiläumstag gewünscht.

Die Schwestern des Willibrordhauses sind durch die Bedrohungen so eingeschüchtert, dass auch sie fahren wollen. Seit 24 Stunden packen sie nervös, weil eine Fahrgelegenheit sich auftut. Den Wünschen des Pastors, zu bleiben, wollen sie nicht mehr entsprechen. Sie haben die Nerven verloren!

10. Dezember 1944

Vom 8. zum 9. Dezember fahren in die dunklen Morgenstunden hinein die Schwestern des Willibrordhauses mit Kraftlastwagen und großem Anhänger. Das kranke Traudchen van de Locht, ganz gelähmt, wird mit aufgeladen. Auch andere Reisende mit vielem Gepäck haben um ein Plätzchen gebeten, was ihnen auch gerne gewährt wurde. Ziel: Martinistift bei Appelhülsen in der Höhe von Dülmen.

Wer kann unser Staunen schildern! Samstag abend kommt der ganze Treck mit Schwestern und Mitfahrern und dem vielen Gepäck (auch Kirchengut ist darunter) unausgeladen nach Kellen zurück. Die Fahrt mit all der Mühe ist vergeblich gewesen. Das Martinistift kann weder Menschen noch Dinge aufnehmen. Bis unter dem Dach ist es belegt. Es hat auch noch zum Überfließen Militär aufnehmen müssen. Es blieb den Schwestern nichts anders übrig, als zurückzukehren.

Nun sind sie wieder da, nicht ganz glücklich, aber auch nicht unfroh; in bänglicher Sorge um die Zukunft. Nur Schwester Wigbertine bleibt, durch die Ereignisse nervös etwas mitgenommen, in Dülmen zurück.
. Auch der alte Herr Rektor Schillmöller und seine Hilfe, Fräulein Elisabeth, benutzten eine Fahrgelegenheit bis Osnabrück, um sich von dort aus ins Oldenburgische zu den elterlichen Höfen durchzuschlagen.

11. Dezember 1944

Die verflossene Woche mit den zerquälenden „Besuchen" der grünen Polizei war die schwärzeste Woche für unsere Gemeinde. Sie brachte die totale Auflösung. Sehr viele Familien (ohne Väter und Männer: nur Frauen und Kinder) haben sich vor der Polizei nicht mehr retten können in den Verstecken, sich zuletzt ergeben und das „libellum", den Schein, geholt und sich verladen lassen nach Magdeburg.

Trotz allem halten sich auch heute noch einzelne Ehefrauen und starke Jungfrauen, zumeist versteckt. Auf der Straße wird alles, was Frauenkleider trägt, heute angehalten. Wer flieht, wird eingeholt. Es sind deutsche Frauen von den Rädern „gezogen" worden. „Leiden und Warten!" „Liewer dod, als van Hüs weg". Es ist zu manchen denkwürdigen Szenen gekommen. P. Mueser und Frau haben nach 6-maligem Besuch an einem Tag der grünen Polizei gesagt: „Wir bleiben, wo 200 Jahre unsere Väter und Mütter lebten. Alle unsere Söhne sind an der Front, zwei davon noch halbe Kinder, jetzt ist's genug. Wir gehen nicht!" Zu erwähnen ist die tapfere Haltung von Fräulein Gertrud Voß und ihrer Haushälterin Frl. Spickermann, der ganzen Familie Schwedler, Fräulein Kellinghaus und Frl. Maria van Heumen und anderer, deren Namen ins Heldenbuch der Gemeinde eingetragen werden dürften.

Wie sehr die Kirchengemeinde aufgelöst ist, erhellt der wiederum gezählte Kirchenbesuch.

1. hl. Messe 1/2 7 Uhr: Männer 39, Frauen 26
2. hl. Messe 1/2 8 Uhr: Männer 82, Frauen 25
3. hl. Messe 1/2 9 Uhr: Männer 54, Frauen 8
4. hl. Messe alte Kirche 1/2 10 Uhr: Männer 67, Frauen 26
Zusammen 327 Kirchenbesucher. Männer 242, Frauen 85.

Wenn wir vergleichen die Zahl des Sonntags zuvor; 1483, so haben wir durch die scharfe Räumung über 1000 Seelen der Diaspora ausgeliefert. liefert, zwei Wochen vor der hl. Weihnacht! Alle guten Schutzengel mögen die Auswanderer bewahren und sie zurückführen unbeschadet an Leib und Seele.

Pfarrer und Pater sind entschlossen, zu bleiben, trotz aller Schwierigkeiten ! Gott gebe uns die Tugend christlichen Starkmutes!

Übrigens haben wir noch mehr Frauen hier, als aus obigen Zahlen ersichtlich ist. Wir hatten geraten, wenn es praktisch erschiene, zu Hause zu bleiben und dort still zu beten. Wir befürchteten mit Recht Belästigungen wie in der verflossenen Woche!

Dezember 1944

Und über den Bauer Swartkopp, der in schneeweißer Winterszeit in Fiebern ringt, kommt auf seinem alten Gehöft am Banndeich fast der Geist mystischer Schau. Er sieht mit ekstatischen, in die Feme gerichteten Augen, wie eng das diesseitige und das jenseitige Leben verwoben sind; wie ein Hellseher wird er inne, dass trotz seiner Vergänglichkeit und Schwäche er durch Einswerden mit Gott in die ewige Dauer hineinragt, die ihm Ruhe ohne Erstarrung, eine Kontinuität ohne Verfließen geben wird.

Unter Donner und Blitz der abrollenden Weltgeschichte wird er fast zum Seher. „Es steckt im Menschen oft mehr, als er weiß und am Ende kommt es auf das Tun des Herzens an, nicht auf sein Lassen." Ja, die Menschen dieses weiten Landes, berühmt oder unberühmt, sind nicht so leicht zu ergründen und oft weiser, als es zuweilen den Anschein hat. Ihr Lachen ist hörbar; aber ihr Schweigen auch. In ihrer Person und in ihrem Werk spiegelt sich oft die Mischung von Eigenschaften, die den Menschen dieser Landschaft auch heute noch hie und da auszeichnet. Und das sind wohl: nüchterner Tatsachensinn; dazu aber ein guter Schuss von Melancholie und die Gabe, zu träumen offenen Auges und in die Wolken zu schauen; zärtlicher Humor und ein Hang zur Spekulation; wortkarge Duldsamkeit und einfache, unpathetische Freude an der Natur; Zähigkeit und eine Zuneigung zur Bescheidung, die zuweilen von anderen geringschätzig als bäuerisch, und beschränkt verkannt wird.

Überall wo der hiesige Mensch dem heimatlichen Boden, seiner Vätersitte und -Religion echt noch eingewurzelt ist, zeigt er auch diese Anfänglichkeit an die kleinen Dinge und den genügsamen Lebensgenus. Viel solcher Stillen im Lande habe ich kennengelernt und kenne noch manch einen. Sie glauben alle an das Wunder und stehen zu der Altersweisheit Lessings: „Das Wort Zufall ist Gotteslästerung."

Ein Kuriosum: Pastor und Kaplan besorgen persönlich den Einkauf der Lebensmittel wie viele andere Männer, die ihre weiblichen Hausgenossen „eingekerkert" haben. Ihre gefüllten Taschen, die sie heimtragen, zeugen von nicht schlechtem Geschick und von der weitherzigen Liebe und Güte der wenigen noch zurückgebliebenen Geschäftsinhaber.

12. Dezember 1944

Die Grünen sind noch da, aber in wesentlich geringerer Zahl. Der größere Teil soll nach Kalkar abgezogen sein.

Schon werden Evas Töchter wieder mutiger; vor allem die jüngeren tauchen hie und da auf, aber immer eilfertig, scheu und flüchtig, wie die Gazellen des Hohenliedes in der menschenarmen Verlassenheit unseres Dorfbildes.

Heute nacht und heut morgen bewegtes militärisches Treiben! Es sollen 1700 Fallschirmjäger eingezogen sein (von Arnheim), Im Willibrordhause wird eine Revierstube eingerichtet. Gestern habe ich dem Hochwürdigsten Herrn Bischof einen II. Bericht über unsere Situation nach Sendenhorst gesandt.

Meine Hausgenossen leben immer noch ein Leben der Verborgenheit. Unser Pflegling Heinz hat es besonders schwer. Er vermisst die Bewegung in frischer Luft, die ihm nur zwischen Hell und Dunkel, gestattet werden kann hinter den schützenden Wänden und Hecken des Pfarrgartens. Wie weiland Moses im Binsenkörbchen, so strampelt und lehnt sich sein innerer Mensch gegen die Enge des rettenden Verlieses auf.

Wie sehr werden unsere guten Schaflein zerquält! Heute ein Schimmer rettender Hoffnung, morgen von Sorgen fast zermalmt. Ich stelle fest, das verderblichste für die Nerven ist das Auf und Nieder. Oft innerhalb 24 Stunden wechseln, wie Ebbe und Flut in den großen Naturgezeiten, die entgegengesetzten Stimmungen, durch irgendwelche Erlebnisse oder Gespräche veranlaßt.

13. Dezember 1944

Es scheint etwas ruhiger zu werden. Zwar sind noch Polizeiposten und -streifen da, aber das öffentliche Bild wird von den neuzugekommenen Arnheimern Fallschirmjägern und anderen Truppen bestimmt. Wie sehr und plötzlich die Dinge sich ändern können: Vor 4 Tagen zogen die Schwestern mit Sack und Pack ab, versuchten es wenigstens. Heute wissen sie fast nicht mehr die Last der Arbeit zu bewältigen: 2 Revierstuben, 3 Ärzte mit ihrem Anhang haben sich eingerichtet.

15. Dezember 1944

Noch immer spült der Rhein gegen die alten Dämme! Hochwasser! Wenn auch auf der höher gelegenen Straße die Karren mit besonders frommen Rösslein bespannt, den Verkehr hinüber vermitteln. Der alte Fluß erinnert sich immer wieder des schon vor Jahrhunderten verlassenen Bettes, um im Herbst und meist im Frühjahr nach der Schneeschmelze für kurze Wochen darin zurückzukehren.

15. Dezember 1944

Gestern sollte ein Militärauto unsere Kirchenschätze und einige Bücherkisten ins Rechtsrheinische, nach Telgte (Westf.), hinüberschaffen. Aus der Reise ist nichts geworden, da über das Kraftfahrzeug anders verfügt wurde. Vielleicht war es gut so und höhere Fügung, da tagsüber der Nebel sich so verdickte, dass eine Fahrt nicht ohne große Gefahr gewesen wäre. Wie so oft warten wir auf künftige Möglichkeiten.

17. Dezember 1944

Sonntag: Gaudete. Ewiges Gebet!

Was ist davon übriggeblieben? Aussetzung des hl. Sakramentes (in der noch nicht verpackten neu-gotischen Monstranz) in den 2 hl. Messen 1/2 7 und 1/2 8 Uhr in der neuen Kirche! Dann Schluss! Wir wecken nicht mehr Erinnerungen an schönere verflossene Zeit! Die Zählung der Kirchenbesucher: 

Frauen und Männer
1. hl. Messe 54 52
2. hl. Messe 75 94
alte Kirche 36 104 am Sonntag
165 250 zuvor

85

 bzw. 240.

Die Frauen haben sich wieder mutiger aus ihren Verstecken gewagt!
 

18. Dezember 1944

Pater Dr. Burgmann versucht (trotz Abmahnens des Pastors) beim Kreisleiter eine Aufenthaltserlaubnis (einen roten Schein) zu erbitten. Das Ergebnis: eine totale schroffe Abfuhr! Man bringt an der höchsten Kreisparteistelle auch nicht einen blassen Schimmer von Verständnis für die Seelsorge an den zurückgebliebenen Männern auf. So müssen wir „illegal" unsere Seelsorgepflicht an unseren verbliebenen Gläubigen weiter zu erfüllen uns mühen.

21. Dezember 1944

Gestern und heute strenge Straßenkontrolle! Keine Frau darf sich draußen sehen lassen, wenn sie nicht Gefahr laufen will, zum NSV-Büro abgeführt zu werden. Die Patrouillen setzen sich zusammen aus grüner Polizei und je einem Mann der Stadtwache, d. s. Zivilisten mit weißer Armbinde und Gewehr!

24. Dezember 1944

In den drei hl. Messen: Frauen Männer
63 36
48 77
8 80
119  (165) 193 (250)
Um 11 Uhr hielt ein evangelischer Divisions-Pfarrer in der alten Kirche einen Wehrmachtsgottesdienst. Das Kirchlein war fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Pfarrer war von Gummersbach.

Pastor Dr. Wesemann von Griethausen hat am Freitag seine Pfarre verlassen müssen. Der Druck und die Unfreundlichkeiten der grünen Polizei haben auch ihn zuletzt zu diesem schmerzlichen Schritt gedrängt. 

Inzwischen ist die Front total verändert. Der Engländer hat seine schwere Artillerie unter den veränderten Kriegsverhältnissen (deutscher Durchbruch im Saargebiet und an der Maas) zurückgezogen ( ?) Seit 3 Tagen keine Jabos, kein Kanonendonner! Nur wogt die Straße auf und nieder: durchziehendes deutsches Militär. Hat unsere Räumung nun noch einen Sinn ?

25. Dezember 1944

Diese Weihnacht — einzigartig in der Geschichte der St. Willibrordpfarre — ist überschattet von Kriegsnot und Leid. Wir haben nicht minder wie sonst die große und kleine Kirche mit Tannen, die Herr Schulte-Mattler aus seinem Park am Haus zur Verfügung gestellt, recht geziemend weihnachtlich geschmückt. Auch die Krippe ist aufgestellt mit den frommen Figuren von Bildhauer Wehrenberg. Der Stall ist beim Angriff der englischen Flieger allerdings in dem Schuppen von Schreiner Kleinmanns untergegangen.

Die Mette um 6 Uhr ist gut besucht. Seltsam: es sind mehr Frauen, die im Schutz der Dunkelheit die l. hl. Messe bevorzugen. Auch die anderen hl. Messen bis einschließlich 8 Uhr und das gregorianische Hochamt in der alten Kirche 1/2 10 Uhr, sammeln noch viele fromme Beter und Sänger. Gott Dank ist ein Soldat, im Zivilstand Organist in St. Joseph zu Oberhausen, bereit, in allen hl. Messen die Lieder und den Choral auf unserer schwachen Orgel zu begleiten.

Es verläuft alles noch besser, als befürchtet. Wenn auch die Herzen schwer und die Gedanken der meisten bei den Lieben in fernen Gauen sind, trotz allem kommt noch mit Allgewalt frohe Weihnachtsstimmung auf. Zwar donnert es von der Front in des Festes Frieden hinein (schwere Artillerie). Jabos ziehen brummend Kondenzstreifen an den frostklaren Winterhimmel und die Flak, uns nachbarlich aufgestellt, verscheucht allzu kühne Moskitos. Viele Soldaten, die bei uns und im nachbarlichen Griethausen einquartiert sind, geben unseren Gottesdiensten eine militante graue Note. Heute nachmittag wird in Salmorth Pater Burgmann in dem großen, festlich hergerichteten Sälchen eines Bauernhofes den dort versammelten Frauen eine hl. Messe feiern.

Ende 1944

Die Bauernfamilie Jaspers aus Grafwegen, eine von unzähligen anderen, findet bei den braven Zillichs auf dem Gute Schmithausen mit Menschen und Tieren Zuflucht und Bleibe. Die drei Pferde stehen bis an die Knie in guter Streu. Sie mahlen behaglich den Hafer. Über ihre warmen, dampfenden Leiber führt eine Holzstiege in das Obergemach. Dort haust auf engem Raum die Menschenfamilie mit Kindern, Katz und Hund. In dem großen Bauernbett, zugepackt in Wolle und heißen Umschlägen ringt der Vater mit einer schweren Lungenentzündung auf Leben und Tod. Auf dem Herd singt der Teekessel, es brutscheln die Kartoffeln im eisernen Topf. Oft und gern bin ich zu dem Kranken und zu den Gesunden hinausgeradelt, und noch heute glaube ich in der Nase das seltsame Gemisch zu spüren von tierischem Stallgeruch, süßlichen Koch-, Medizin- und Teedüften. 

Unaufhaltsam schwinden auf unserer fortschrittlichen Erde die einfachen gnadenvollen Dinge. Die Brunnen versiegen, die alten Nussbäume werden zu Gewehrkolben missbraucht, die Gerichtslinde an der Alten Kirche stirbt, von Asphalt erstickt, Rossställe werden zu Autogaragen. „Wo man zu schnell ist mit den Füßen, da tut man sich Schaden und die Torheit der Menschen verleitet seinen Weg". (Salomos Sprüche 19.2) Was uns nicht abhält, eine bequeme Limousine dem rostigen Fahrrad auch bei den vielen Krankenbesuchen vorzuziehen.

1945

1. Januar 1945

Von den 5237 Einwohnern Kellens am 1. Jan. 1944 sind etwa 400-500 nur geblieben. Wie viel Herzeleid dieser Wandel umfasst, weiß nur Gott allein. Die zahlreichen Briefe unserer Auswanderer aus dem Gau Magdeburg sind alle auf den gleichen Ton gestimmt: Heimweh in Elend. Und noch scheint der Jammer kein Ende zu haben und soll auch noch die Unentwegten, Zurückgebliebenen erfassen. Wenigstens besteht auch jetzt noch der Druck der grünen Polizei und der Partei. 

Die Zahlung der Kirchenbesucher am Neujahrstag:

Frauen: Männer:
1. hl. Messe 57 28
2. hl. Messe 51 54
3. hl. Messe 36 136
144 218 zusammen: 362
Viele Frauen wagten wegen der Nachstellungen durch die grüne Polizei nicht, zur Kirche zu kommen.

3. Januar 1945

Ein trauriger Zug evakuierter Holländer zieht über unsere Emmericher Straße durch den winterlichen Frost. Die notwendigste Habe auf Fahrrädern in Säcken, auf Schubkarren und Kinderwagen; ein ganzes Dorf auf Wanderschaft! Vereinzelte Pferdekarren, worauf zwischen Säcken noch Alte und Kranke, halbverfroren, den Weg ins Elend über den Rhein fahren. In Treuen im Zuge: der weißhaarige Pastor und eine Krankenschwester. Es sind die Bewohner des holländischen Dorfes Siebengewald über Gaesdonck, die unter „dem Schutze und unter Bedeckung" der grünen Polizei ihre Heimat verlassen müssen. Das Ganze ein ,Pieter Breughelsches Bild' und noch mehr.

5. Januar 1945

Es erscheint nachmittags gegen 5 Uhr ein Parteimann auf dem Pastorat. Er tut seinen Mund auf und verkündet: „Im Auftrage des Kreisleiters hat der Pastor heute noch die rote Zone zu verlassen, weil er nicht von der Kanzel aus die Frauen aufgefordert habe, Kellen zu verlassen. Ich bitte dies dem Pastor mitzuteilen." Sprach's und verlässt das Pastorat. Der Pastor wird sich um den Befehl nicht kümmern! Wir erfahren beiläufig, dass der Pastor von Kevelaer verhaftet wurde, wahrscheinlich im ursächlichen Zusammenhang mit der dort drastisch verlaufenen Räumungsaktion.

In Kellen hat man uns heute die Lebensmittelscheine genommen und sogar die Ausgabe der an uns adressierten Briefe auf der Post verweigert. Die Briefsperre wurde am gleichen Tag für die „Renitenten" wieder aufgehoben; wir hoffen, etwa nächste Woche dennoch Lebensmittelkarten zu erhalten. Selbst der Hebamme versagt man den „roten Schein", so dass auch diese in der nächsten Woche nach Magdeburg verschwindet.

9. Januar 1945

Gestern fiel dichter Schnee! Durch die Winterlandschaft zieht wiederum ein Zug holländischer Evakuierter aus Afferden! Bis an die Knie durch den Schnee watend, inmitten seiner armen heimgesuchten Herde: der alte Pastor, den Hirtenstab mit dem Wanderbündel auf der Schulter. Ihm zur Seite ein Bauer, der durch einen vorgehaltenen Schirm den Heerohme in langer Sutane ein wenig vor dem schneidenden, peitschenden Wind zu schützen sucht. Ave pastor bonus! Wir erübrigen noch Brot für die Heimatvertriebenen. Für einen späteren Zug Evakuierter richten wir die Keller unter der Kirche und selbst die neue Kirche für ein Nachtlager ein; wir sorgen schon für volle Kübel warmen Tees. Die Evakuierten treffen aber nicht ein. Man hat es wohl nicht mehr gewagt, die Armen durch den inzwischen fußhoch gewirbelten Schnee mit Ross und Wagen hindurchzutreiben.

10. Januar 1945

Die Holländer werden inzwischen in der Spyckschule für die Nächte untergebracht. Unsere angebotenen Kirchenräume wurden bis jetzt nicht benutzt. Die Schwestern vom hl. Franziskus (Spyckstraße) haben viel christliche Caritas verschenkt an die darbenden Auswanderer. So nimmt auch heute wieder ein Zug viel Tausender durch den Schnee den Weg über den Rhein nach s 'Heerenberg in das Auffanglager, von wo er nach angeblich Holl. Frieslandverteilt werden soll.

14. Januar 1945

Der Pastor erhält eine Aufforderung zur Musterung in den Volkssturm. Er erscheint Sonntag, den 14.1. an der Willibrordschule und wartet in der großen Schar der übrigen Geladenen. Da tritt der Ortsgruppenleiter auf ihn zu und erklärt, er dürfte heimkehren! Schade!

In geziemender Entfernung von den Übrigen, teilt er dem Pastor mit, dass er als besonderer Kurier vor gut 8 Tagen den Ausweisungsbefehl auf dem Pastorat mitgeteilt habe (s. 5. Jan.). Der Pastor antwortet etwa: „Er habe den Befehl zur Kenntnis genommen. Er weigere sich, ihn auszuführen und bleibe, solange so viel Männer noch hier seien und seine Seelsorge mit Recht .beanspruchten". Zudem habe ihn das Militär beauftragt, anstelle des gefallenen Standort-Pfarrers Smets, die Militärbegräbnisse zu vollziehen. Kein Offizier verlasse seine Mannschaft, kein Hirte seine Herde". — Der Ortsgruppenleiter sagte, dass er ja nur den Befehl seiner vorgesetzten Stelle habe ausführen wollen ohne persönliche Stellungnahme in dieser Angelegenheit. Er habe für die kirchliche Segnung der Gräber volles Verständnis.

19. Januar 1945

Heute morgen rücken bei Hagelgestöber unsere 80 Volkssturmmänner ab nach Heidhausen, einem Gut bei Goch-Pfalzdorf.

Gestern habe ich einen III. Bericht an den hochwürdigsten Herrn Bischof über die Lage entsandt.

Es trifft ein persönliches Handschreiben des hochwürdigsten Herrn Bischofs voll tröstlichen Inhaltes an den Pastor hier ein.

Der Brief des Bischofs

Sendenhorst, den 3. Januar 1945

Westtor 360

Hochwürdiger Herr Pfarrer!

Ihr 2. Bericht vom 11.12.1944 ist gestern hier angekommen. Den 1.Bericht, den Sie erwähnen, habe ich nicht erhalten. Wohl hat Kaplan Ranneberg vor einiger Zeit von Lette aus geschrieben, und sich erboten, nach einer Erholungszeit zu Ihren Evakuierten in die Diaspora zu gehen. Ich nehme an, dass er schon dorthin abgereist ist. Gott gebe ihm Kraft und Klugheit für die nicht leichte Arbeit!

Ihre Mitteilungen haben mich aufs neue mit innigster Teilnahme erfüllt, für Sie und für Ihre Pfarrkinder. Ich danke Ihnen, daß Sie tapfer ausharren, solange es geht. Gott wird es Ihnen lohnen. Nur das Vertrauen auf die weisen Ratschlüsse und die liebevolle Führung des Vaters im Himmel und das Bewusstsein, als Glieder Christi durch Geduld und Leiden an seinem Erlösungswerk teilnehmen zu dürfen, sind für uns Trost und Stärke in dieser schweren Zeit. Und ich meine, es ist auch tröstlich, sich so ganz und ausschließlich in der Hand der göttlichen Vorsehung zu wissen, und bei dem eigenen Unvermögen, für die Zukunft zu sorgen, sich ganz ihrer Führung anheim zu geben, „quia ipsi cura est de vobis!"

Gott schütze, stärke und segne Sie und alle Ihnen Anvertrauten!

+ Clemens August.
Bischof von Münster

21. Januar 1945

Nach der Zahlung am III. Sonntag nach Epiphanie besuchten die hl. Messen 

Frauen: Männer:
64 42
67 64
33 96
164 202 Summe: 366
Das Bild hat sich durch den Abmarsch der Volkssturmmänner zugunsten der Frauen verschoben. Und es sollten doch unter Androhung der Todesstrafe des Erschießens die Frauen längst unsere rote Zone verlassen haben! Welche „Heldinnen!"

22. Januar 1945

Auf dem Pastorat erscheint ein Leutnant und Feldwebel der grünen Polizei. Sie verkünden im Auftrage ihres Oberleutnants: die beiden Kirchen sind zu schließen; der Pfarrer, weil ohne roten Ausweis, hat die Pfarre zu verlassen. Zunächst weigert der Pfarrer das erste und andere. Da die mündliche Auseinandersetzung zuletzt in der Erklärung der Grünen gipfelt: wir sind nur gesandt, einen Befehl auszurichten, und haben keine Gewalt, etwas daran zu ändern, macht sich der Pfarrer nach Abschied der beiden auf zu einem Besuch des Oberleutnants in Rütters Ziegelei, in seinem Hauptquartier.

Er stappt schweren Herzens durch den Schnee und wird am letzten Ende in einem Pferdeschlitten von Heinrich Langes hingeleitet in das Quartier des Oberleutnants. Dort sitzt aber der höchste Befehlshaber der gesamten Polizei, eben im Auto eingetroffen: Oberstleutnant Martin. Freundlich und von verbindlicher Form bittet er den Pfarrer um Darlegung seines Anliegens, und sehr bald kommen beide überein: Für die Männer, die nicht unter die Räumung fallen, soviel Gottesdienst, wie gewünscht; aber die Frauen, die schon längst nicht mehr in Kellen sein dürften, unter keinen Umständen eine Sonntagsmesse. Wenn der Pfarrer die Frauen vom Gottesdienst fernhalte, stände nichts zur freien Ausübung der Seelsorge im Wege. So wird die Schließung unserer Kirchen wiederaufgehoben und die Öffnung ihrer Pforten erkauft um das Opfer und den Preis unserer getreuen und frommen Frauen. So schwer der Preis ist, er hat das Schlimmste abgewehrt. Die Kirchen sind zunächst wieder offen dem Gottesdienst; die Pfarrgemeinschaft besteht weiter.

29. Januar 1945

Sonntag Septuagesima, der l. Sonntag der neuen „Ordnung" ohne Frauen.

In den 3 hl. Messen waren 219 Männer und 11 Frauen, die Schwestern mitgerechnet und unsichtbar in der Sakristei. Die Einberufung vieler Männer zum Volkssturm und zum Schanzen, die radikale Aufhebung jeglicher Sonntagsruhe haben die Zahl auch der männlichen Kirchenbesucher stark gemindert.

In unseren Luftschutzkellern unter der neuen Kirche nistet sich eine Gruppe Pioniere ein. Sie richten sich dort häuslich ein. Ein durch das Fensterchen in das Freie gestreckter Arm einer Ofenröhre kündet von der wärmenden Feuerstelle unter dem Chor.

Januar 1945

Das Zusammenstehen ist leichter in Stunden der Gefahr, schwerer aber in Zeiten des Friedens, weil dann, da man sich in Sicherheit glaubt, das Pflichtbewusstsein und die Erkenntnis der Grundsätze nachlassen. Hüten wir uns zu verlieren unseren kritischen Sinn und von unbegründetem Optimismus uns forttragen zu lassen.

1. Februar 1945

Das Drama ist beinahe schon bis zum letzten Akt angekommen. Schon löst sich alles auf wie gegen Schluß eines Stückes, wo jeder seinen Rang verläßt, die Bank umwirft und aus aller Illusion in die helle Wirklichkeit, zum Licht und in die frische Luft sich stürzt.

8. Februar 1945

Gestern abend Großangriff englischer Bomber auf Kellener und Klever Gebiet um 10 Uhr. 30 furchtbarste Minuten! Auf dem Terrain des neuen Friedhofes, der Ackerstraße sind flüchtende Frauen und Männer verletzt. Frau Hermann Jansen, Hindenburgstraße ist zu Tode getroffen. Die ganze Familie von Eeck in den Galleien (8 Menschen) sind im eigenen Keller getötet. Ein jeder rechnete mit der Todesmöglichkeit. Am folgenden Morgen von 5 Uhr bis zum folgenden Tag gegen 9 Uhr: Trommelfeuer der Engländer!

9. Februar 1945

Die Engländer sind nach Artillerie-Vorbereitung zum Angriff angetreten. Bis zum Abend sollen sie bis zum Kleverberg vorgedrungen sein. Bresserberg und Materborn seien in englischer Hand. Das Leeg bis zur Höhe von Düffelward sei im Besitz der Alliierten.

10. Februar 1945 (Samstag)

Gott behüte und bewahre uns! Mitten im Kampfgebiet! In unserer Gemeinde: deutsche Artillerie hinter dem Gehöft Daamen und am schwarzen Weg in der Höhe des Postdeiches. Während ich dies schreibe, ist furchtbares Artillerie-Duell und Kampf um Kleve(?) Die Häuser Kreuzhofstraße-Mühlenstraße sind fast ganz zerstört. Was werden die nächsten Tage uns bringen?

Am Abend gegen 7 Uhr sausen die ersten Granaten in Kellen hinein. Sie suchen offenbar die gut getarnte Artillerie auf der Kreuzhofstraße. Von dem Luftdruck werden nun die Fenster der neuen Kirche und das mittlere Chorfenster der alten Kirche zerstört.

Alle Behörden, Bürgermeisteramt, Polizei schließen ihre Pforten; von der Partei ganz zu schweigen. Auch noch viele bisher mutige Familien, verlassen die Heimat.

Die Geschäfte verkaufen ihre letzten Vorräte und schließen dann die Türen. So vergehen die Tage und schlaflosen Nächte mit all ihrer Lebensnot, Indessen geht die Schlacht weiter. Zersprengte Truppen, übermüdet, mit Lehm und Schmutz bedeckt, manche lahm und notverbunden, gehen den Weg, den einzig freigebliebenen, nach Till-MoyIand längs des Dammes.

Samstag, gegen Spätnachmittag, ist nach Aussage von einzelnen flüchtigen Soldaten Freudenberg in Händen der Engländer; desgleichen der Oberteil der Stadt Kleve, Materborn und Hau.

Februar 1945

Ringsum am Abendhimmel sind plötzlich die Strahlenbündel der alliierten Armee da; wie Blitze, wie glühende Finger tasten sie die vor ihnen liegenden Landstraßen ab, wie Flammenzungen an den Fenstern eines innen brennenden Hauses. Wir werden aus allen Zeichen nicht klug und wissen die Dinge nicht zu deuten.

11. Februar (Sonntag)

Bis zum Abend wird in den Ruinen Kleves hart gekämpft. Am Morgen fliegt die Pionierbrücke an der Hermannstraße in die Luft mit gewaltigem Feuerschein.

Wir erwarten schon die ersten Engländer den ganzen Nachmittag. Nichts wird sichtbar. Die letzten deutschen Truppen nehmen noch kurze Zeit — um die alte Kirche bis Offenberg hin — eine abwehrende Haltung an. Sie wollen die englischen Panzer mit Panzerfaust und anderen Waffen erwarten. Doch bald folgen auch sie dem allgemeinen Strom der Flüchtenden. Morgens 1/2 8 Uhr und 1/2 10 Uhr hat der Pastor vor einer kleinen Gemeinde das hl. Opfer in der alten Kirche noch gefeiert. Fast alle Kirchenbesucher sind bis zu Tränen ergriffen. Werden die Kirchen, werden wir selbst bleiben, oder wird alles im Wirbel hinweggefegt? Herr Kaplan celebriert in Souterrain des Willibrordhauses. Dort sind Null. Arzt und Verwundete Samstag mittag abgereist. In manus tuas, Domine!

12. Februar 1945 (Montag)

Kein deutscher Soldat ist mehr sichtbar. Die zurückgebliebenen Zivilisten halten sich hinter Türen und verschlossenen Fensterläden und warten. Bis zum Mittag bleibt alles in Ruhe. Nur die Luft ist angefüllt vom Böllern der Einschläge.

1/4 12 Uhr fahren die ersten englischen Tanks an dem Pastorat vorbei zur Kreuzhofstraße hinauf.

13. Februar 1945

Die Besatzungsmacht, zunächst Kriegsfronttruppen, legen starke Posten in alle Straßeneckhäuser. Durchweg sind die Kanadier — denn solche sind es — korrekt, manche sogar freundlich. Da viele katholisch sind, findet sich rasch ein recht erträgliches Verhältnis.

14. Februar 1945

Aschermittwoch! Der Pastor schickt sich an, in der alten Kirche hl. Messe zu feiern und das Aschenkreuz zu spenden: da wiederum ein neues Ereignis: die Dämme sind von der deutschen Truppe durchschnitten. Wasserflächen bilden sich rasch im ganzen Land. Die alte Kirche und ihre Umgebung liegt wie eine grüne Insel des Friedens in der allgemeinen Flut.

Hl. Messe und Aschenkreuz müssen ausfallen, da alle Zurückgebliebenen die Vorräte in den Kellern sicherstellen müssen.

Gegen 12 Uhr furchtbare deutsche Artillerieeinschläge auf der Emmericher Straße und dem Vorgelände von Kleve. Offenbar deutscher Gegenstoß! Werden wir diese Tage überstehen? Ein größerer Splitter schlägt durchs Küchenfenster des Pastorats und bleibt in der Türe stecken. Gott Dank, wir sind mit der Einräumung Schulte-Mattlerschen-Gutes beschäftigt, da bis 12 Uhr der Hof für eine Kommandantur der Besatzung eingerichtet werden soll. So rettet vielleicht ein geringer Dienst am Nächsten uns das Leben. Wir haben Schulte-Mattler unsere obere Etage zur Wohnung dargeboten und schleppen unter Granaten-Einschlag die notwendigsten Dinge zu uns herüber.

Wir sind in Feuer und Wasser gekommen, Du aber hast uns herausgeführt zum Heile. Psalm 66,2

14. Februar 1945

Die Spitze unseres Altersheimes St. Willibrord ist: Oberin Schwester Aventine, Von kleiner Statur, doch rege und munter wie die Ameise. Fast zur gleichen Zeit im Garten und Haus! Immer strahlenden Blickes voll Hilfsbereitschaft! Dabei rationell und klaren Sinnes. Sie überlegt gleich der tapferklugen Frau der Schrift und verdoppelt den Bestand an vierbeinigem und geflügeltem Vieh. So braucht niemand zu hungern. Ja, das Haus kann zuletzt 30 Familien mit Sack und Pack, wie Noes Arche, hinzu aufnehmen, als die Wasser gefährlich anstiegen.

Am Ende baut Schwester Oberin noch einen Splittergraben. Sie steigt beim ersten der nicht seltenen Anlässe ein, zerbricht den Fußknöchel und hat zum Schmerz auch noch den sanften Spott zu tragen, wenn sie auf einen Stock gestützt ihres Dienstes waltet. Weiteren Schaden (oder auch nennenswerten Nutzen) konnte der Graben nicht mehr verursachen, da er sehr bald durch das steigende Grundwasser nur noch für unsere Enten begehrenswert und interessant blieb.

15. Februar 1945

Das Wasser hat zugenommen, die Flut ist gestiegen. Wir sind nun von fast allen Nachbarn abgeschnitten. Die Front ist heute stiller geworden, da die Wassernot beide Kampfgruppen vor neue Aufgaben stellt. Unsere Stimmung ist die des Introitus der heutigen Tagesmesse (Tag nach Aschermittwoch). Heute wird zwischen 1 - 3 Uhr (der den Zivilisten konzedierten Freizeit) der Pastor versuchen, zum Willibrordhaus zu fahren, um die Schwestern in ihrer Bedrängnis zu besuchen:

Arnold Gubbels hat die Karre von Raadts angespannt und lädt Pastor und Genossen auf. Das treue Pferdchen zieht uns vorsichtig durch die große Flut. Gegenüber Diedenhofen ist noch ein grüner Placken; von dort endloser See bis nach Kleve hin. Der Friedhof bietet ein trostloses Bild! Die neue Kirche rings, wie Noes Arche, schwimmend in der Flut! Die Insassen des Willibrordhauses haben unsere Anfahrt gesichtet und winken uns von weitem zu. An der Seite des Kindergartens an der großen Treppe legen wir an. Welch eine Seligkeit, uns wiederzusehen. Da ihnen Milch und Butter ganz ausgegangen, versprechen wir, morgen wiederzukommen und möglichst abzuhelfen.

Auf der Karre fuhr auch der sakramentale Christus mit, der in der Kapelle des Willibrordhauses besser geborgen uns scheint als auf dem Pastorat. Dort feiert Herr Kaplan auch der kleinen Opfergemeinde die hl. Geheimnisse, die der Pastor noch entbehren muß.

16. Februar 1945

Das Wasser ist noch weiter gestiegen. Heute brütet darüber dicker Nebel. Die Nacht war nicht ruhig. Viel Artilleriebeschuß und Gebelle anderer Waffen. In den hellen Morgen hinein! ,,Herr, bewahre uns, da wir wachen".

Die große Flut wird uns zu einem Symbol des Schicksals unserer Heimat und unseres Landes, auch unseres persönlichen Abgeschlossenseins von aller Welt. Keine Nachricht, kein Brief, keine Zeitung, nicht Radio : keine Brücke in die Welt; verbannt auf die kleine Insel unseres Wohnhauses; ohne Licht; ohne Trinkwasser.

17. Februar 1945

Die Nacht ist immer noch von ununterbrochenem Trommelfeuer durchhallt — wie uns scheint — von der Front im Reichswald.

Inzwischen ist auch Warbeyen von den alliierten Truppen besetzt. Das Wasser hat noch zugenommen. Wie im übrigen die Fronten stehen, ist uns, den vom Leben Abgeschnittenen, gänzlich unbekannt. Wir hoffen auf die eigentlichen Besatzungstruppen und auf eine Regelung unserer zivilen Belange. Zunächst haben wir aus unseren Vorräten noch zu leben!

Die Truppen sind durchaus nicht unfreundlich. Die Unkenntnis der Sprache erschwert jedoch den notwendigen Verkehr. Im allgemeinen respektieren sie die noch bewohnten Häuser, so dass wir bis heute nicht belästigt worden sind. Manche, Nachfahren französischer Einwanderer in Kanada, zeigen gelegentlich Rosenkranz und Medaillon.

18. Februar 1945

1. Fastensonntag: ohne Gottesdienst. Gegen Mittag fahren wir auf der Karre die Wyler Kirchenschätze und eine Auswahl Paramente aus der Unsicherheit durch die Flut zum Schwesternheim.

Bis jetzt konnten wir noch jeden Mittag: Kommisbrote, eine große Kanne Milch (von Raadts und Langes) und Trinkwasser den im Willibrordhaus Eingeschlossenen bringen.

Das Hochwasser ist fast unmerklich um wenige Zentimeter gesunken!

20. Februar 1945

Gestern Abend schoss wiederum die deutsche Artillerie zu unserer Beunruhigung einige Granaten zu uns herüber. Übrigens war den ganzen Tag heftiger Kampf im Reichswald. Viel Artilleriebeschuss, fast Trommelfeuer! Gegen Mittag stieg eine gewaltige Rauchwolke über dem Wald auf. Auch die ganze Nacht hindurch raubte der Beschuss uns den so notwendigen Schlaf. Wir wissen nicht die Gegenwart zu deuten!

21. Februar 1945

Die Häuser derer, die Kellen verlassen haben, werden von den Besatzungstruppen in zweiter und dritter Welle furchtbar durchsucht. Die Laden werden herausgezogen, der Inhalt zerstreut. Die Betten, Keilkissen herausgeholt, das Unterste zuoberst gesetzt und zum Teil furchtbar demoliert! Wo Leute vereinzelt noch wohnen, geht der Würgengel fast immer vorüber.

24. Februar 1945

Sitzung im Willibrordhaus! Besprechung dreier englischer Offiziere, der Geistlichen, Doktor Roidl und Peter Mueser. Ergebnis: P. Mueser wird Bürgermeister; Kellen ist bis zur Ferdinandstraße bis 10 Uhr am Abend zu räumen. Bauern dürfen wegen ihres Viehes bleiben. Pastor an der alten Kirche darf bleiben als Bauernpfarrer. Alle Bewohner müssen bis Sonntag 10 Uhr im Willibrordhaus sich melden zur Eintragung in die Listen. Alle kirchlichen Gottesdienste müssen ausfallen.

10. März 1945

Fast vier Wochen haben wir Kriegsbesatzung. Raubüberfälle auf sämtlichen Bauernhöfen! Raub der goldenen und silbernen Gegenstände. Samstag, den 4. März, dringen 3 schwerbewaffnete Soldaten abends 9 Uhr in das Pastorat ein. Durch den Hinweis auf den schwarzen Rock beruhigen wir endlich die Räuber. Sie ziehen zuletzt mit Händedruck ab! Überhaupt haben wir immer wieder Gelegenheit, festzustellen, dass Titel und Rock des „römisch-katholischen Priesters" Sicherung bedeutet und respektiert wird. Auch die Kaplanei, die durch Kreidevermerk an der Tür als Wohnung des Geistlichen gekennzeichnet ist, blieb bis heute verschont. Die „Sisters", unsere Barmherzigen Schwestern, erfreuen sich allgemeiner Achtung. Antiklerikale Ressentiments haben wir — im Gegensatz zu deutschen Soldaten — bei den Alliierten nicht feststellen können.

Leider setzt die Räumung nun auch in den Gebieten am Rhein ein. Man sagt, von Köln bis Nymegen werde eine 6 km breite freie Zone geschaffen. Die Bevölkerung sei zusammengepreßt in Bedburg. Auch die Gemeinde Kellen werde — wie man sagt — 500 aufnehmen. Das Klösterchen im Spyck hat viel Hunderten aus dem Leeg Obdach gegeben. 

Wir haben noch keinen Gottesdienst, außer im Schwesternhause. Kaplan Burgmann hat nun auch die 8 Toten van Eeck mit Hilfe des guten Nachbars Theodor Voss geborgen und ihnen ein christliches Grab im Hausgarten gegraben. 

Gestern haben wir ein Brautpaar: Antonius van Rooy und Antonie van Bentum, Wilhelmstraße, eingesegnet und getraut im Willibrordhaus, was als curiosum hier vermerkt werde, „ohne Papiere" und nach langer Pause wiederum.

Das Hochwasser ist nun gänzlich versickert. Damit wir nicht ohne Ängste und Sorgen seien, schießt die deutsche Arie von der rechten Rheinseite her in die Emmericher Straße und auf die Straßenkreuzung an der großen Linde vor Kellenshof. Die Splitter vieler im Umkreis des Pastorats gelandeter Granaten haben unsere Fensterscheiben (Gott Dank nur) zum Opfer genommen, auch unsere Herzen und Nerven nicht weniger erschüttert.

15. März 1945

5 Wochen Besatzung. Das ganze Leeg ist geräumt. Pastor Antonetti aus Warbeyen und seine Schwester Antje klopfen an das Pastorat in Kellen um Unterkunft an. Wir bringen beide, körperlich zusammengebrochen, wunschgemäß im Willibrordhaus unter, weil das Pastorat zu sehr unter Beschuss vom Eltenberg liegt. 

Die Bewohner von Warbeyen, Huisberden werden in Bedburg interniert.

Wir selbst schlafen in Kleidern, sprungbereit.

Leider finden wir die Sakristeien in unserer alten und neuen Kirche aufgebrochen und demoliert. Auch das (leere) Tabernakel der alten Kirche und die armseligen Opferkästen sind gesprengt. Wie lange noch müssen wir den Weg des Leids wandeln ? Noch immer kein Gottesdienst!

Der gute Pastor von Huisberden liegt todkrank zu Hause. Pastor von Griethausen soll am Altar im Klösterchen zu Uedem schwer verletzt sein.

16. März 1945

Der dunkelste Tag der Willibrordgemeinde! Befehl der Militärregierung: bis 12 Uhr muss die ganze Gemeinde räumen. Mit dem notwendigsten Bettzeug, Kleidern und Wäsche versehen, wandern auch wir zum Schwesternhaus, wo kanadische Autos bereitstehen, uns nach Bedburg zu entführen.

Wer kann unseren Schreck nachfühlen, als die vielen Wagen mit todbetrübten Leuten vor einem auf freien Ackerfeld hergerichteten Zeltlager beim Gutshof l. halten. Das Wetter ist außerdem trübe und kalt. Jedes einzelne Zelt fasst 8 —12 Menschen. Man holt sich von den umliegenden Höfen in Hau und Hasselt Stroh und richtet sich in den Zelten, so gut es geht, ein Nachtquartier ein. Da Pastor an Asthma leidet, verweist man ihn des Zeltlagers. Nach langer Herbergssuche übernachtet er in einem Büroraum auf dem harten Boden. Nach einigen Tagen siedelt der Pastor zum Caritasheim — Schneppenbaum versuchsweise über und kommt vom Regen in die Traufe. „Ein Bett zu Dreien"! dann lieber zurück wieder ins alte Quartier. Inzwischen haben sich meine Genossen von mir getrennt, sie wurden jetzt im Pflegerdorf, in einem von Artilleriebeschuss sehr beschädigten, dachlosen Haus, in einem armseligen Zimmer ohne Fenster, ohne jedes Möbel aufgenommen, während der Pastor noch im alten Unterschlupf verharrt, bis er — inzwischen durch einen geliehenen Gartenstuhl bereichert — sich wieder zur alten Kumpanei begibt. Unser Kaplan ist dem Zelt treu verblieben und hat sich dort als Helfer und Tröster erwiesen.

In einem größeren Lagerzelt, das über 200 Stehplätze verfügt, feiern die Pfarrgeistlichen jeden Morgen abwechselnd die hl. Messe. Der Pfarrer von Warbeyen, auch mit seinen Schäflein in unserem Lager, schließt sich dem Turnus an. Die Zahl der Internierten ist in Bedburg inzwischen auf 25.000 angewachsen. Was das bedeutet, kann nur ermessen, wer das Elend in den Kellern und überirdischen Unterkünften gesehen und erlebt hat. In unserem Zeltlager bildet sich allmählich eine „Musterordnung" heraus mit Kinderbetreuung durch herangewachsene Mädchen unter der Leitung von Frl. Kellinghaus, die von der Frühe bis zur Nacht, (d. h. 19 Uhr) unterwegs ist. Die Verpflegung der 25.000 — fast ein Wunder der Organisation — wird ursprünglich von der einen Anstaltsküche bewältigt, und besteht am Morgen aus 2 Stücken Brot, mit einem geschmacklosen Pflanzenfett gut bestrichen, am Abend aus Brot und der berühmt gewordenen Lagersuppe. Da manche Internierte noch Vorräte an Speck u. a. mit genommen, findet „der Tisch" willkommene Ergänzung. Je länger das Lagerleben dauert, desto ungeduldiger und gereizter werden die Gemüter. Die Sorge um unsere verlassenen Heime zerquält uns. Wo ist das Vieh geblieben, so sorgen sich die Bauern? Was ist aus unserem Hausrat geworden? So die Bauern und Bürger! Und mit Recht, unsere Erlebnisse bei unserer Rückkehr bestätigen die schlimmsten Befürchtungen. Das z. T. schlechte Wetter bringt uns auch noch Lagerkrankheiten." Am Ostermorgen muss Kaplan Burgmann die hl. Messe unterbrechen und wohnt (liegt) von da an bis zum Schluss in der Abteilung „Infektion".

Manche unserer alten Leute sterben und werden in Bedburg begraben: Sch. Mattler, Gertr. v. d. Locht, Frau Remy-Hamm, Frau Ww. Heinr. Reintjes, Julius Arping, Wilh. Aperdanier, Küppers-Postdeich u. a. Die Krankenhäuser sind überfüllt. Zwei Kranke in einem schmalen Bett illustrieren das Elend, dem auch der beste Wille der wenigen Ärzte und Schwestern nicht steuern können. Ein Großteil der Anstaltshäuser ist von der Besatzung belegt. Die Kirchen sind von Flüchtlingen beansprucht. Der Friedhof nimmt reichliche Saat auf. Zeitweilig werden in Massengräbern täglich 15—20 Gestorbene beerdigt.

Allen Geretteten bleibt Bedburg eine lebenslange, traurige Erinnerung als ein Höhepunkt körperlicher und seelischer Leiden und Opfer. Viel Nächstenliebe wurde geweckt; aber auch mancherlei Unkraut — vor allem die Mißachtung vor fremdem Eigentum — schoß auf im Lager und erst recht später nach der Heimkehr. 

Inzwischen ward der ganze Niederrhein von den Alliierten eingenebelt und viel tausend englische Tanks und Wagen bahnten sich den Weg über den Rhein. Je weiter der Krieg rechtsrheinisch voranschritt, desto größer wurde unsere Hoffnung auf Heimkehr, bis endlich nach 30-tägiger Verbannung die Erlösung kam. 

Sie kam. Am ersten Abend saßen die Heimkehrer auf den demolierten — wenn noch verbliebenen — Möbeln und weinten. Alle Betten, aller Hausrat waren weg; die Öfen, auch zum großen Teil die Kochherde geraubt, mannshoch der Schutt und Schmutz in den so ersehnten lieben Kammern. Nichts von dem dringend Notwendigen zum Leben ist geblieben. Nach Tagen unsäglich schmerzlicher Arbeit und unerquicklichen Mühens, bauen wir uns aus verschleppten, vergrabenen und wiedergefundenen Resten eine notdürftige Wohnstätte auf und schlafen nicht weniger primitiv als in Bedburg. Aber wir sind wenigstens wieder zu Hause.

Die Kirchen blieben, — beschützt von unserem so innig angeflehten Patron St. Willibrord, - erhalten. 

Sie stehen fest und unbeschädigt, wenn wir von der Zerstörung des „Tresors" und der Fenster — kaum nennenswert — absehen. —

Der Pastor zog nicht mit seinen Leuten heim, sondern verblieb, von schwerem Herzleiden gequält, noch drei Wochen im Krankenhause, in M 11. Inzwischen ordnete Kaplan Dr. Burgmann die Anfänge der kirchlichen Seelsorge und den Gottesdienst, voll Diensteifer und Geschick; viel Klever Familien fanden Zuflucht in unserer Gemeinde. Nun läuten wieder die Glocken, und der Angelus ruft wieder dreimal zum Gebet. Die Flurprozessionen und auch die Fronleichnamsprozession ziehen durch unsere zerstörten Häuserreihen; frei darf sich unser kirchliches Leben entfalten und zeigen; die Fesseln eines gottfeindlichen Nationalsozialismus sind gefallen. Die Freiheit ist zwar schwer erkauft. Sie ist aber höchsten Preises wert.

Zur Zeit (Ende Mai) liegen einige tausend polnische Soldaten in der Willibrordstraße und dem oberen Teil der Emmericher Straße. Korrekte Soldaten, allesamt katholisch, die am Morgen und Abend antreten zum Gebet. Der Pfarrer von Griethausen, der in Uedem bei einem Fliegerangriff verwundet und noch von einem deutschen Auto nach Rheinberg-Budberg geschafft wurde und nun wahrscheinlich in Haus Kann zurechtgekommen ist, konnte noch nicht heimkehren. Von Kellen aus wird notdürftig die Pfarre versehen. Jeden Sonntag eine Nachmittagsmesse zunächst!

Die Rückwanderung aus dem Sauerland hat begonnen. Jeden Tag treffen einzelne Familien nach mühevoller Fahrt über die Rheinhausener Brücke ein. Auch aus dem Magdeburger, fernen Bezirk, kehrten die Ersten zurück: Als  Holländer bevorzugt, die Familie van Heumen! Bald sollen andere nachkommen! Wie viel Freude und zugleich Enttäuschung bringt die Heimkehr! Die ersten brieflichen Nachrichten von Kaplan Ranneberg, der in Osterode-Friedrichsbrunn pastorierte, treffen ein. Es geht ihm scheinbar gut.

Von Kaplan Schillmöller, der wohl in Gefangenschaft geriet, fehlt uns bis heute (Tag vor Fronleichnam) jede Kunde. Gott gebe ihm glückliche Heimkehr.

Bedburg 1945

Das Schlimmste war nicht das, was wir dringlich vor uns sahen, und worüber wir klar denken konnten, sondern das, was irgendwo neben uns vorüberstrich wie der berühmte graue Hund des heiligen Don Bosco. Wie ein geisterhaft nebliges Gespenst! Kein klarer Gedanke etwa, sondern das Ende klaren, hoffnungsvollen Überlegens.

„Wer warf uns in die Grube?" (Franz v. Assisi) Was hatte Gott mit uns vor ? Darum ging es! Zuletzt stellten wir die Frage nicht so deutlich, denn wir standen noch fest im Glauben und in der Wahrheit. Aber wir rangen mit uns in einer wahren Qual, um die Zweifelsfrage nicht zu stellen. Vielleicht war es das Schwerste, was viele im Leben innerlich durchmachen mussten.

Bitter war die Einsamkeit in diesen Wochen, weil sie unfruchtbar und leer blieb. Wenn man doch nur zu einem Menschen, einem einzigen Menschen, von der Not hätte sprechen können, es wäre — so meinte man wenigstens — leichter geworden. Jeder hatte mit sich allein genug zu tun und mit seinen primitiven Dingen.

Wie sehr auch bei den vielen tausend entwurzelten Menschen äußerlich alles ähnlich schien, so ging im Laufe der leeren Tage innerlich und fast unmerklich doch eine Wandlung vor. Das Wichtige wurde unwichtig ; das Große wurde klein wie in einem Hohlspiegel. Das Fragwürdige der Dinge wurde vielen offenbar.

Bedburg 1945 

Petrus Delikat aus Groningen, ein katholischer Jungmann, ist mit den Alliierten von Dachau her in Bedburg angeschwemmt. Er sucht einen Priester! Dr. v. R. führt ihn mir zu. 

Auf dem Rand einer Badewanne sitzend muss ich mit dem etwa 18-jährigen Nervenbündel, das die SS auf dem Gewissen hat, parfümierte englische Zigaretten brüderlich schmauchen und mir den Magen an seiner bergweis geschenkten Schokolade verderben. Dann erst kramt er aus: von seiner Gefangennahme als Mitglied einer katholischen Schülervereinigung, bis zur Stunde der Rettung durch die Tommys. Es wurde eine richtige Beichte daraus, eine Generalbeichte!

Ob du mein lieber armer Petrus mit dem schönen Zunamen, deine weite Heimat in der Drente wiedersähest? 

Welch Schicksal und Schuld! Es kommt mir ein Wort von Hofmannsthal in voller Bedeutung in den Sinn: „Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt und viel zu grauenvoll, als dass man darüber klage."

Bedburg 1945

Aus den Zelten klingt seltsam und monoton in den frühen Abend gemeinsames Beten. Es kommt vielen zum Bewusstsein, wie immer auch der Vorsehung Pläne mit uns sein mögen, dass es allein unsere Schuld ist, wenn wir nicht in Gottes Buch eingeschrieben sind.

Die Weltkinder beten wieder den Rosenkranz! Sie überlegen: Wenn Gott seine Mutter Maria uns zur Mutter gegeben hat, dürfen wir dann nicht mit Vertrauen trotz unserer Verworfenheit auch etwas von unserer großen Familiensorge bei ihr sichern und unterstellen.

Es wird zum Beten zu spät sein, wenn das Leben vorbei ist. Im Grab gibt es kein Gebet! Wie wenig Schritte uns von der Grube trennen, erleben wir täglich. Heute morgen wurden 24 Tote, nackt und bloß der Erde zurückgegeben. Wie viel werden es morgen sein?

Inmitten fremder Soldaten und oft unbekannter Nachbarn und Gefährten sind wir hilflos und ausgeliefert vieler Bedrängnis. „Gott gab uns aber viel Trost, auf dass wir noch andere zu trösten vermochten." Gestern habe ich Frau Heinrich Reintjes im Zelte versehen. Fast auf allen Vieren bin ich zur Kranken gekrochen.

Bedburg am Abend vor Ostern 1945

Die Schwestern vom hl. Franziskus aus dem Spyck haben mich zu hl. Messe und Osteransprache eingeladen. Sie haben in ihrer Krankenabteilung eine Kapelle notdürftig eingerichtet: Ein Stück englischen Weißbrotes, eine Tasse Kaffees, (beides weiß Gott woher organisiert) dazu für eine Nacht ein richtiges Bett mit Drahtmatte — all das macht meinen Entschluss leicht. Wie bedeutungsvoll sind die kleinen Dinge geworden.

Ohne moralische Bedenken habe ich, halbverhungert und krank, mit außerordentlichem Appetit vor dem Schlafen die üppige Mahlzeit einverleibt.

Am 15. Mai 1945

kehrte der Pfarrer heim. Er freute sich wie ein Gefangener, der aus dem Gefängnis in die Freiheit entflohen ist: er atmete wieder die frische Luft im Garten und auf dem alten Friedhof, hörte den Gesang der Vögel und war im Atmen und Zuhören unersättlich. Seine Gesundheit flackerte bald sichtbar auf.

2. Juni 1945

Pfarrer Bullmann wird in Abwesenheit des H. Pfarrers Dr. D. Wesemann, Griethausen, zum Vicarius-substitutus für die dortige Pfarrei ernannt. Die Ernennung erfolgt durch Vollmacht des vom 15. September 1944 vom Hochwürdigsten Herrn Bischof ernannten „Generalvikars für den Niederrhein", Dechant Holtmann, Kevelaer.

2. Juni 1945

Nun haben wir unseren treuen Peter Kammann, den verdienten Vorsitzenden des Gartenbauvereins, der in Marienbaum bei einem Luftangriff am 27. 2. 1945 den Tod gefunden, in heimischer Erde gebettet. Er hat den Pfarrern in selbstloser Hingabe in allen Fragen der Gestaltung der Friedhöfe und des kirchlichen Festschmuckes mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Was auf dem alten Friedhofe, im Pfarrgarten wächst, blüht und Frucht bringt, ist seine Pflanzung und kündet das Lob des Sämanns. Ein Blümlein dankbaren Gebetes auf seinem Hügel!

1. Juli 1945

Am Fronleichnamstag zog unsere Willibrordgemeinde — nach der Unterbrechung weniger Jahre — wiederum in Prozession. Diesmal über Ferdinandstraße, am Sportplatz, Schulstraße, Kreuzhofstraße, Lindenallee, Kurze Straße, Overbergstraße. Wenn auch auf äußeres Gepränge verzichtet wurde, — aller ehemaliger Schmuck ist zerstört —, so schlugen die Herzen um so wärmer und froher. Auf der Kirche wiederum die gelb-rote Fahne; an der Bannerstange des ehemaligen NSV-Kindergartens: ein blau-weißes Fahnentuch.

Wie sehr hat das Rad der Geschichte rund gedreht, und wie trügerisch sind Menschenherzen! Die vor ganz kurzer Zeit es für ordnungsgemäß hielten, mit dem sogenannten deutschen Gruß uns zu begegnen, haben seht bald gelernt, den Hut zu lüften und guten Tag zu wünschen.

Fronleichnam zogen übrigens nach uns die Heerscharen der polnischen Einquartierung, nach feierlicher hl. Messe auf dem Sportplatz, zu eigenen 4 Altärchen.

Juli 1945

Täglich fast treffen neue Heimkehrer ein aus dem Magdeburgischen, z. T. in wochenlangen Märschen auf den ausgefahrenen Heerstraßen, auf zerschlissenen Sohlen von unwiderstehlicher Liebe zum heimatlichen Niederrhein getrieben. Zugvögeln gleich, die des dunklen Dranges des Heimfluges sich nicht erwehren können.

Glücklichere fahren stückweis mit Kraftwagen, einige mit pferdebespannten Bauernwagen und kommen abgemagert und übermüdet oft in herzerbarmendem Aufzug mit Kind und Habe am Ziele ihrer Sehnsucht an. Und was finden sie? Meist: ein total geleertes Haus, ohne Herd, ohne Betten. Wenn viel erübrigt, einige zerschlagene Möbel, einiges weniges zerbeultes Hausgerät! Das erste: Tränen! Dann aber, etwa nach wenigen Wochen siegt die gesunde Menschennatur, der erfinderische Geist, der christliche Humor über alle Schläge und Nöten des Lebens. Es bleibt dann noch genug Schweres zu tragen. Und es ist ein hartes Los, auf selbstgenähten Strohsäcken, die Fensterhöhlen notdürftig mit Papier und Brettern verschlossen, die trüben Tage und die noch dunkleren Nächte, auf den Fußboden hingestreckt: zu beten, zu weinen und — zu hoffen.

Es fehlt unseren armen Leuten nicht nur an Dingen, die das Leben verschönen; es mangelt an Lebensnotwendigstem. Dazu tritt die ärgste Wohnungsnot. In Abwesenheit wurden ihre Häuser von Obdachlosen, schon früher Heimgekehrten, mit Genehmigung der Klever Behörde beschlagnahmt und belegt. Außerdem sind ganze Viertel und einzelne große Häuser von der englischen Besatzung requiriert, so die Willibrordstraße, einschließlich der Willibrordschule und Teile der Emmericher Straße.

Die Nahrungsnot hat schon alle erfasst, die nicht über ein Gärtlein verfügen, da nur unregelmäßig Kartoffeln ausgegeben werden. Alles übrige Notwendigste: Brot, Fette und Fleisch werden nur schwer erkauft. Kohlen fehlen ganz, desgleichen elektrischer Strom. Die Wasserleitung spendet wieder seit den letzten Julitagen, wenigstens vom späten Morgen bis zum frühen Abend. 

Die Pfarrgemeinde hat neu aufgebaut: Sie beginnt mit einem Caritasverein und lässt durch geeignete Frauen die Bezirke besuchen, um dem Ärgsten zu steuern. In unseren überfüllten hl. Messen an den Sonntagen und wieder zu Ehren erhobenen Feiertagen suchen wir immer wieder in Kraft und Geist nach einem erfrischenden Wort in die Zeit. Der an geistlicher Eloquenz begabte Dr. Burgmann ist mir auf Kanzel und auf anderen Seelsorgerpfaden ein lieber, treuer Helfer und Mitbruder.

Kaplan Ranneberg kommt von Friedrichsbrunn zurück! Für die ersten Augusttage dürfen wir sein Eintreffen erwarten. Willkommen, Herr Kaplan!

Von Kaplan Schillmöller fehlt bis heute leider jede Spur. Gebe Gott ihm Heimkehr in Gesundheit! Es vergeht kein Tag, dass nicht aus den Kriegsgefangenenlagern langersehnte brave Jungen und Männer heimfinden, Sie sehen aus wie der verlorene Krieg. Vielfach „Haut und Knochen", wie Mulatten hinter den Stacheldrähten, oft Monate lang dem Wind und Wetter preisgegeben und sonnengebräunt, die Kleider zerrissen. Aus den hohlen Augenhöhlen glänzt dennoch auf der stumme Jubel: endlich daheim! 

Seitdem seit Ende Juli die Post wieder zugelassen, treffen erste Berichte ein; auch das Hochwürdigste Generalvikariat findet den Weg zurück zu den so lange getrennten Pfarreien.

Eine Zeitung, zuerst als „Mitteilungen" schon zur Zeit unserer Internierung sporadisch erscheinend, hat nunmehr an Umfang und Fülle des Inhaltes gewonnen. Wir hungern nach geistiger Nahrung und greifen nach jedem Fetzen bedruckten Papiers, das uns zufliegt.

Juli 1945

Viel unserer Soldaten kehren heim! Von den Schlachtfeldern, aus brutalen, mörderischen Lagern der Gefangenschaft hinter verwünschten Stacheldrähten kommen sie. Nach unsäglicher Todesangst und Pein, vergrämt, abgemagert, verdürstet und verhungert. Unter der oft fremdländischen Schirmmütze schauen über knochigen Wangen traurige, wässerige Augen fragend in die ihnen fremd gewordene Welt der Heimat. Sie gleichen erstarrten Vögeln, die ihre Reise zum Süden verpaßten und unter Stechdornenblättern anfangen, aufzutauen, zu hoffen und leise zu singen.

Noch ist nicht alles verloren! Bald wird die unverwüstliche Menschennatur zurückfinden, wenn erst wieder fest die Füße unter Mutters Tisch stehen, die warme Sonne durch die Nebelhüllen bricht, die Kastanien an der alten Kirche ihre Kerzen aufstecken, die süßen Linden duften, die Bienen summen und die Amseln auf den grauen Grabsteinen um die Wette mit den frommen Angelusglocken den Abend besingen. Wohl dem, der eine Heimat hat!

19. August 1945

Auf Umwegen über ein evangelisches Pfarrhaus trifft die Nachricht ein. daß Kaplan Heinrich Schillmöller gesund und unverwundet als Sanitäts-Soldat irgendwo im Süden seines Amtes in der Gefangenschaft waltet. Gott Dank! 

Heute feierten wir seit langem wieder einmal recht festlich — Maria Himmelfahrt. Mehrstimmiges Levitenamt: es assistierten H. P. Guardian Erhard, Spyck und der englische O'Neil "Padre", der Feldkaplan
(eine echt priesterliche, sympathische Gestalt.) Am Abend 8 Uhr eine marianische Marienfeier unter glänzender Beteiligung nach besonderen gedruckten Texten mit kurzer Predigt des Pastors. Kaplan Burgmann hat sich viele Mühe gemacht um den Chor — nicht ohne Erfolg.

20. August 1945

Nach Entlassung aus fast 5jähriger Qual im K. Z.-Lager Dachau starb in einem süddeutschen Sanatorium Karl Leisner aus Kleve. Durch den Bischof von Clermont wurde er im Lager zum Priester geweiht. Seine Leiche wurde vom Spyckkloster zum Heimatfriedhof gebracht unter großer Anteilnahme der vielen, die ihn und seine Familie kannten und schätzten. R. i. p.

21. August 1945

Die Lebensmittelknappheit darf nicht schlimmer werden. 62 Gramm Fett, 100 Gramm Fleisch (vorige Woche nur 50 Gramm), 2 Pfund Schwarzbrot, keine Kartoffeln sind ausgegeben. Gemüse und Obst sind kaum käuflich. Der apokalyptische Reiter mit der Waage reitet durch das Land.

21. August 1945

Für die Männer und reifen Jungmänner haben wir Aussprache-Abende versucht, zunächst jeden Monat, und zwar im „neuen Heim", 20 Uhr. Pastor hielt bisher den Vortrag. Eine nicht unfruchtbare „Diskussion" schloss sich an. Worüber wurde gesprochen? Bisher: über „Caritas" und über „Das christliche Gewissen" u. a.

Da es an Kohlen gänzlich fehlt, hat die Forstverwaltung großzügig erlaubt, die Abfälle der von der Besatzungstruppe geschlagenen Bäume zu sammeln. So ziehen denn ganze Reihen von Karren vor allem aus dem baumarmen Leeg täglich zum Wald, um schwerbeladen heimzukommen.

Ein Zeichen von Entwicklung zu normalen Verhältnissen: Der Kreistag (nicht gewählt) hat getagt. Die Zusammensetzung ist zur einen Hälfte auf christliche Demokratie, zur anderen auf Sozialismus (Marxismus und Kommunismus) aufgeteilt. Als Landrat wurde ernannt von der Besatzungsbehörde Dr. Dr. Jansen, ehemaliger von den Nazis abgesetzter Bürgermeister von Heinsberg, zuletzt Einkaufs-Direktor im Kaufhof, der Typ eines Franken; dunkelhaarig, feinnervig, beweglich und vielseitig.

Die Dachziegelei Rütter beginnt mit ihrem z. Zt. wichtigen und dringenden Geschäft. 

Die meisten Handwerker sind, wenn auch in viel zu geringer Anzahl, heimgekehrt.

Das seit dem 7. Februar erloschene Licht leuchtet wieder in der Pastorat — ein Zeichen des Fortschrittes. Der Strom wird noch aus Bedburg gelenkt. Auch wird dreimal am Tage durch Sirenen-Zeichen die Zeit angekündigt; bei dem totalen Mangel an Uhren ein dringend Bedürfnis. Auch die neue Kirche ist schon, ebenso das Willibrordhaus und die Kaplanei, dem Stromkreis als besonders „Bevorzugte" — welch Wechsel der Dinge — angeschlossen!

Die Post arbeitet wieder mit gewissen Einschränkungen. Postkarten und Geschäftsbriefe werden befördert. Desgleichen läuft der amtliche Geldverkehr. Poststelle ist einzig in Kleve, im Hotel Kock.

Die Geistlichen aus der Verbannung kehrten heim, so dass im großen die kirchliche Ordnung wieder hergestellt ist. In Kellen warten wir auf die schon längst angekündigte, zum 1. August versprochene, Heimkehr von Kaplan Ranneberg. Bis 23. August 1945 vergebens!

Die Besatzungstruppen halten sich freundlich in den von ihnen selbst gezogenen Grenzen friedlich bürgerlichen Umganges.

22. September 1945

Heute weilte inmitten des Klevischen Dekanats-Klerus der Hochwürdigste H. Bischof eine gute Stunde lang im Kapuziner-Klösterchen Spyck. Eine Rundfahrt von Kevelaer aus durch die besonders hart vom Kriege mitgenommenen niederrheinischen Gemeinden hatte ihn erschüttert. Eine zwanglose Unterhaltung brachte eine gewisse Klärung in Fragen der katholischen Organisationen, Presse, Parteien und konfessionellen Schulen. 

Daß Kaplan Ortner (Duisburg Ludgeri), ehemals Kaplan von Kellen, zum Pfarrer an der Stiftskirche zu Kleve erhoben sei, wurde mit Freuden aufgenommen.

26. September 1945

Um 8 Uhr feiern wir ein Requiem zum Gedächtnis der am 26. September 1944 zu Tode gekommenen Klever und Kellener.

28. Oktober 1945

Christkönigsfest: Wie ganz anders als in den Jahren zuvor. Großer Andrang zu den hl. Messen und vor allem zu dem Bekenntnis der katholischen Jugend des Dekanates in der einzig erhaltenen großen Kirche in unserer Gemeinde. 15 Banner marschieren auf! Kaplan Burgmann deutet: Christi Sendung und unsere Sendung. Die Kirche, selbst der Mittelgang ist von Teilnehmern angefüllt!

28. Oktober 1945

Durch Verfügung des Hochwürdigsten Herrn Bischofs wurde Pastor Joseph Bullmann zum Dechant des Dekanates Kleve ernannt.

28. Oktober 1945

Immer mehr kommen zurück aus dem Magdeburgischen, Männer und Frauen, Kinder und Greise, manche zerlumpt von den langen Tag- und Nachtmärschen, die Lippen verstummt durch den Schlag des Entsetzens; verfolgt von schauerlichen Bildern, von Bränden und Blut, mit glühender Nadel ins Gedächtnis gebrannt, mit Rauch und Flammen auf die Leinwand der Erinnerung gemalt. Im Geiste und im Traume sehen sie sich noch oft umzingelt von Wölfen der Steppe, bettelarm, barfuss, das Kreuz auf dem Rücken.

25. Dezember 1945

Hochheilige Weihnacht! Milde Natur fast wie um Ostern! Die Tiere weiden — wie auf Betlehems Flur. 

5 Uhr Christmette. Unsere neue Kirche ist überfüllt. Selbst draußen stehen die Menschen, die nicht mehr Einlass fanden. Levitenhochamt unter Herrn Kaplan Schillmöllers bewährter Chorleitung. Alles verläuft den Weg der Ordnung! Auch die Tausende, die nur mit Mühen den Weg zur Kommunionbank sich bahnen.

NACHWORT

Ein bescheidener Versuch, die Tatsachen wiederzugeben; in sofern kann man dies Büchlein als Biographie einer Gemeinde ansprechen. Ein Stück Novelle ist es zugleich, wenn das Bestreben, diese Tatsachen zu deuten und ihnen Leben zu geben, novellistisch ist. Der es geschrieben, hofft jedenfalls, dass die oft nur flüchtig hingezeichneten Skizzen dem Leser etwas von dem Sinn aller Geschichte — auch der jüngsten — aufleuchten lassen. 

Wenn beim Lesen hie und da unsere Seele es anstürmt, wie ein Schatten sich auf sie senkt, oder gar unser Gewissen sich meldet, dann wird es gut und gar tröstend sein, sich zu erinnern, dass die Kraft der Gnade in der Schwäche sich vollendet, und alles Leid in unserem menschlichen Leben — so unverständlich es meist erscheint. — immer wertvoller ist als jedes andere scheinbar glücklichere und unbeschwerte Los. Was die kleine Gemeinde in fast beispielhafter Anstrengung getan, seine Existenz zu retten, zusammenzubleiben und neu wieder anzufangen, steht auf diesen Seiten. Trotz nicht geringer Schwierigkeit blieb sie fest in ihrer überkommenen Glaubens- und Lebenseinheit.

Die Bürger der Gemeinde Kellen werden die Vergangenheit nicht rasch vergessen. An stillen Abenden werden sie, die daheim litten oder in der Fremde oft noch weit Schlimmeres erduldeten, plötzlich, wie ein Stein aus langer Ruhe durch geringen Anstoß ins Rollen kommt, zu erzählen anheben. Jeder wird das Seine auskramen und das Bild ergänzen mit dem, was er gesehen und gehört, was er getan, was er geraten und was für Begebnisse und Gefahren er erlebt hat.

Und vielleicht wird er schweigen und es vorziehen, nur die Ohren aufzutun, und still bedenken, wie manches er anders, besser und tapferer hätte machen können und sollen. 

Besonders das Ereignis von Bedburg hat einen tiefen Einschnitt in die Geschichte der Gemeinde St. Willibrord gemacht. Der Aufenthalt in den Zelten und Notwohnungen wird noch lange den Stoff zu Gesprächen geben; man wird nach Jahren davon reden. Auch die kommende Generation sollte noch davon wissen und den grausen Spuk der Vergangenheit nicht einfach als peinliche Erinnerung in den Wind schlagen. Wenn diese anspruchslose Chronik, ursprünglich ohne Willen, sie jemals einer größeren Gemeinde von Lesern preiszugeben, geschrieben wurde, so wuchs sie dem Schreiber unter der Hand doch zu einem Stück Zeitgeschichte unserer kleinen Gemeinde. Und da es dem Chronisten hinterher köstlich vorkam, gleichsam durch den schmalen Türrahmen eines Pastoratums und später durch den Schlitz seines Lagerzeltes in die Welt zu blicken, hat er den Mut aufgebracht, einiges vielleicht Interessante davon zu veröffentlichen.

Herr, lass diese Gemeinde
in Ewigkeit auch Deine Gemeinde sein,
liebe auch Du sie!

Franz von Assisi

zuletzt bearbeitet am 14.01.2012