Hermann Hinz:

Steinzeitfunde aus Frasselt und Pfalzdorf

Kalender für das Klever Land - Auf das Jahr 1962, Kleve 1961, S. 47 ff

Streitaxt aus Felsgestein von Frasselt

Unterseite und Seitenansicht

 

Wenn man von archäologischen Funden spricht, denkt man am Niederrhein in den meisten Fällen an Gegenstände aus der römischen Zeit. Diese fallen zwar durch ihre große Anzahl und den hohen Stand der Technik auf und überwiegen bei unseren Bodenfunden, doch ist es eine Aufgabe der Archäologie auch die älteren Zeitabschnitte vor der römischen Periode zu erforschen. Da sind im verflossenen Jahr aus dem Kreisgebiet in Frasselt und Pfalzdorf zwei Pfunde bekannt geworden, die interessante Einblicke in die geschichtlichen Zusammenhänge geben, in die unser Kreis am Ende der jüngeren Steinzeit, vor etwa 4000 Jahren, gestellt war.

Auf einem erst nach dem Kriege gerodeten Acker im Bereich des alten Reichswaldes sammelte der Landwirt Leenders aus Wyler einen blank polierten und elegant geformten Felsstein auf, der bei näherem Zusehen als Steinbeil identifiziert werden konnte. Die Skizze (oben) zeigt uns ein sehr sauber bearbeitetes Gerät, in dessen Mitte ein Schaftloch für einen Holzstiel eingebohrt worden ist. Die Scheide ist elegant geschwungen und am Gegenende der »Backen« ein wenig wurstartig verdickt. Legt man das Seil auf die Oberseite, so wirkt es im Umriss fast wie ein kleines Kanu oder ein Boot und daher hat man in der Forschung diese Art von Streitäxten auch als Bootäxte bezeichnet. Sie wurden am Ende der jüngeren Steinzeit angefertigt. 

Diese Waffe ist ein so ausgeprägter Typ, dass man ihn nicht überall herstellte. Sie wurde vielmehr aus älteren Formen im Bereich einer Kultur entwickelt, die in Jütland und Schleswig-Holstein ihr Zentrum hatte. Dort nennt man sie nach der kennzeichnenden Bestattungsform auch die »Einzelgrabkultur«. Trägt man die bisher in Norddeutschland gefundenen Streitäxte der Frasselter Art auf eine Karte, so ergibt sich, dass von dem nördlichen Zentrum aus, eine ganze Reihe solcher Äxte an der Küste und im Hinterland entlang in Nordwestdeutschland und in den Niederlanden gefunden worden sind. Die Axt von Frasselt gehört nun dazu und zeigt, dass Wanderer aus den nördlichen Landen auch bis in den Kreis Kleve gekommen sind und hier siedelten.

Nun waren natürlich auch in der Vorzeit die Gerättypen und sonstigen Kulturgüter nicht streng nach Völkern geordnet. Es hat immer Vermischungen mit anderen Holzteilen und deren Erzeugnissen gegeben. So ging es auch den Einzelgrableuten im Rheinland. Die endende Jungsteinzeit war eine Zeit, in der zahlreiche Wanderungen von Stämmen und Völkerschaften stattgefunden haben müssen. So kamen aus Westeuropa Leute, die u. a. ihre glockenförmigen Tonbecher in einer bestimmten Weise mit horizontalen Zierbändern versahen. Dieser Töpferstil und die Gewohnheiten der Einzelgrableute vermischten sich bei der Töpferei und es entstanden besondere rheinische Gefäße. Einen solchen Topf hat nun Bauer Papen in Pfalzdorf in seiner Sandgrube gefunden. Als er dort unweit der Asperder Mühle Mühle am Niersufer arbeitete, fielen einige Scherben zusammen mit dem Sand den Hang der Grube hinab. Über die Amtsverwaltung in Pfalzdorf erhielt das Landesmuseum in Bonn davon Kenntnis und dort wurden in der Werkstatt die Tonscherben, die etwa ein Drittel des ehemaligen Gefäßes ausmachten, wieder zusammengesetzt und schließlich nach diesem Vorbild der ganze Topf ergänzt.

Scherben und danach ergänztes Gefäß aus Pfalzdorf

Er besitzt die schon erwähnte Aufteilung in waagerechte Bänder mit Einstichen und Linien, die alle, wie auch das ganze Gefäß, freihändig geformt sind. An dem Topf sind nun Eigenarten der beiden genannten Kulturen, der Glockenbecher- und der Einzelgrableute, vermischt. Man hat solche Becher häufiger in der benachbarten Veluwe gefunden und nennt sie daher auch Veluwe - Becher. Wahrscheinlich hatte der Becher in einem Grab als Beigabe gestanden, vielleicht mit einem Beil aus Feuerstein oder Fels zusammen. Bei einer Nachschürfung am Sandgrubenrand wurde jedoch nichts mehr gefunden. 

Die beiden Funde sind nicht die einzigen ihrer Art im Kreise. Allein Topfscherben aus dem Ende der jüngeren Steinzeit kennt man aus Kellen, Donsbrüggen, Keppeln, Pfalzdorf und neuerdings auch vom Südhang des Monterberges bei Kalkar. Dazu kommt noch eine größere Anzahl von Geräten aus Feuerstein und Felsgestein. Die beiden Neufunde sind aber besonders aufschlussreich. Sie verraten zudem ein hohes technisches Können ihrer Hersteller und bezeugen, dass diese mit feinem Gefühl für schöne und zweckmäßige Formen ihre Geräte und Waffen anfertigten. Zugleich vermitteln sie uns auch einen Einblick in die politischen Verhältnisse jener Zeit, in der sich am Niederrhein norddeutsch - dänische und spanisch - westeuropäische Einflüsse kreuzten.

 

zuletzt bearbeit am 05.08.2005