Friedrich Gorissen:

 

Land am Niederrhein 

- Von den Hatwaren

 

Kleve 1949, S. 37 ff


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Der Name der Hatwaren lebt nur noch in der Hetter fort, einer Bruchlandschaft auf dem rechten Rheinufer oberhalb Emmerich. In dieser Gegend, finden wir sie ja schon in den Zeiten der römischen Herrschaft, von hier aus waren sie über den Strom gekommen. Unglückliche Quellenlage in der nachrömischen Zeit hat uns nur spärliche Nachrichten aus dem Gebiete hinterlassen, das sie nach Beendigung der Landnahme bewohnten. Aber das wenige genügt noch, diesen Raum großzügig abzustecken. Denn es werden sowohl Stirum an der unteren Ruhr wie auch der Raum um Uedem und Weeze als in ihrem Gaugebiet gelegen erwähnt. Es ist die terra Hattuariorum, die die Sachsen im Jahre 715 verwüsten, der pagus Haituariensis oder Hattuaria des 9. Jhs., und noch 1067 gebietet ein Graf Gerhard in pago Hettero.

Sieht man von ihren Kriegszügen ab, so kann von einer Wanderung der Hatwaren keine Rede sein. Gewiss mögen sie sich in einer besonderen Lage befunden haben, da sie nur den Strom, zu überschreiten brauchten, um das von den Römern verlassene Land zu besetzen. Sind aber die anderen Frankenstämme in einer wesentlich verschiedenen Lage gewesen? Niemand wird die Feldzüge der Bataver unter Civilis oder den Afrikazug der Franken unter Gallienus als Wanderung bezeichnen wollen; aber die großen Feldzüge des 5. Jhs. werden ebenso selbstverständlich als Völkerwanderung angesehen. Hingegen gelten die Normannenzüge, die unsere Heimat im 9. Jh. mit Schrecken erfüllen, als bloße Räuberunternehmungen. Je mehr sich die Forschung mit den vermeintlichen Wanderungen germanischer Völkerschaften beschäftigt, umso weiter rückt sie von der mit dem Begriff der Völkerwanderung verbundenen romantischen Vorstellung ab, die ein Volk von wehrhaften Bauern zu zeitweisen Nomaden stempeln möchte.

Das zusammenbrechende römische Reich sah sich keineswegs einer politisch geeinigten, militärisch straff geführten, gesamtfränkischen Macht gegenüber. Es waren einzelne Völkerschaften, die an verschiedenen Orten ihre verschiedenen Ziele verfolgten, einig nur in dem Verlangen, sich das Beste aus der römischen Beute zu sichern. So ist das Reich der Hatwaren, ein Königreich vielleicht, geführt von einem Heerkönig, den sich die Freien des Volkes erwählt, eines unter vielen auf altem Reichsboden. Es war nicht ohne Ruhm.

Ein angelsächsischer Dichter, Widsith, der Vielgereiste, schildert die Völker seiner Zeit und deren Könige. Er lebte und reiste, als die Angeln und Sachsen noch in ihrer festländischen Heimat an der deutschen Nordseeküste wohnten.

Theodric waltet in Franken . . .

heißt es einmal, und wenige Zeilen später

Sigeher längstens ob Seedänen waltet

Hnaef Hokinge Helm Wulfinge 

Wald Woinge Wod Thüringe 

Saeferd Sykgen Schweden Ongendtheow 

Sceafthere Amrunleute Sceafa Longbarden 

Hun Haetwere und Holm Vraesen.

Die meisten Namen dieses dunklen und spröden Gedichtes begegnen auch in dem alten Heldenlied vom Recken Beowulf. Auch hier stehen Hun, der Fürst, und die Hatwaren gleichberechtigt und gleichmächtig neben den Hugen (so werden nach den benachbarten Chauken die Franken von Sachsen und Friesen genannt). Den geschichtlichen Hintergrund des Kampfes zwischen Dänen und Friesen, in den auch die Franken und Hatwaren eingreifen, bietet der merowingische Geschichtsschreiber Gregor von Tours. Er schildert den Raubzug der Dänen unter ihrem König Chochilaichus (d. i. Hygelac), und wie sie einen Gau im Reiche des Theuderich verwüsten. Von Theuderichs Sohn Theudebert sei der König erschlagen worden, da er noch am Strande verweilte, bis die schwer beladene Flotte die hohe See gewann. Dies geschah zwischen den Jahren 512 und 520.

Ein Chronist des 7. Jhs. bringt die Geschichte schon in sagenhafter Verbrämung: Von so gewaltiger Körpergröße sei der gefallene König gewesen, dessen Gebeine noch unbestattet auf einer Rheininsel zu sehen seien, dass schon seit seinem zwölften Jahre kein Ross ihn habe tragen können.

Die Kämpfe zwischen Dänen und Friesen reichen weit zurück. So ist schon ihr Fürst Hnaef im Kampf gegen den Friesenkönig Finn gefallen. Hengist, der nach seinem Tode die Führung übernimmt, sinnt trotz Frieden und Vertrag auf Vergeltung:

. . . . Den Söhnen der Friesen

Vergelten wollt er das große Leid

Wenn er frischen Kampf entfesseln könnte.

So wies auch der Edling die Ehrung nicht ab

Als Hun ihm Lafing den leuchtenden Hieber

In den Schoß legte der Schwerter bestes.

Auf Schritt und Tritt begegnet im Epos die Erinnerung an jene Kämpfe, so als die Dänenfürstin dem Beowulf den Halsschmuck Hygelacs schenkt:

Jenen Halsschmuck trug der Herrscher der Jüten

Der edle Hyglac der Enkel Swertings

Zum letzten Male als im Land der Friesen

Unterm fliegenden Banner der Fürst seine Beute 

Trotzig verteidigte. Tot sank er hin . . .

. . . Nun deckt der Schild 

Des Helden Leib. In die Hände der Franken

Fiel die Hülle der Brust und der Halsschmuck gleichfalls 

Der Schatz des Gebieters.

Oder später

Das Leid betraf im Laufe der Jahre

Die Helden der Jüten dass Hygelac umkam

Und Heardred auch vom Hiebe des Feindes

Unterm Schild getroffen den Schwerttod starb. 

Beowulf ist selbst am Kampfe beteiligt gewesen

Nicht leichter Art

War das Handgemenge als Hygelac fiel

Der König der Jüten im Kriegsgetümmel

Der Freund des Volkes im Friesenlande

Hredels Erbe sein Herzblut ausgoss.

Vom Eisen getroffen. Durch eigne Kraft

Entrann er da der rüstige Schwimmer

Der dreiste Beowulf der dreißig Brünnen

Am Arme trug als er trat aufs Ufer.

Auch konnten die Krieger des Kampfs sich nicht rühmen

Vom Hetwarenstamm die den Helden bedrängend

Die Schilde hoben: Vom Schlachtfeld kamen

Nicht viele davon  sich zu freun der Heimat.

Dem glücklich Entronnenen bietet die Königin Hort und Herrschaft an statt des unmündigen Knaben  

Da der Knabe schwerlich 

Wider fremde Völker den Fürstensitz 

Nach Hygelacs Tod behaupten könne.

Im Kampf mit dem Drachen muss Beowulf nach langer friedlicher Herrschaft erliegen. Da bangen die Edlen, als sie die Kunde vernehmen:

Gefasst nun macht euch

Auf krieg'rische Zeit wenn die Kunde alsbald

Zu den Friesen und Franken vom Falle des Königs

Sich fernerhin verbreitet. Feindschaft besteht

Mit den Hugen schon längst seit Hygelac einstmals

Mit der Flotte verheerte der Friesen Land

Wo in heißem Kampfe die Hetwaren ihn

So arg bedrängten mit Übermacht

Dass des Lindenschilds Träger erliegen musste

Der fechtend fiel in des Fußvolks Mitte -

Verlustig gingen des goldenen Lohnes

Die Mannen diesmal - Der Merowinger

Huld ist seitdem uns verhalten worden.

Auch ist schwerlich zu trauen der Treue der Schweden

Dies ist das letzte Mal, dass die Hatwaren als selbständige Völkerschaft handelnd auftreten. Sie werden bald gleich ihren ribuarischen Nachbarn im Kölner Land der merowingischen Macht Chlodwigs erlegen sein. Denn nach Zerschlagung des letzten Romanenreiches, das der römische „König" Syagrius von Soissons aus regierte, standen dem ehemaligen König von Doornik die gewaltigen Hilfsmittel Galliens zur Verfügung, die dieser denn auch rücksichtslos einsetzte, um seinen Mitbewerbern um das römische Erbe den Rang abzulaufen.

Das Land der Hatwaren wird in Grafschaften aufgeteilt und in merowingische Verwaltung genommen. Dass auch hier wie im benachbarten Ribuarien eine Anzahl von Grafschaften unter einem Herzog zu einem Dukat zusammengefasst wurde, ist wahrscheinlich, aber nicht bestimmt überliefert. Jedenfalls decken sich die Grenzen des späteren Archidiakonates Xanten mit dem Umfang der terra Hattuariorum; hier erhebt sich auch die Frage, welches der geschichtliche Hintergrund ist für die sagenhaften Nachrichten des Nibelungenliedes, die Siegfried zu Xanten als Sohn eines Königs geboren sein lassen:

Do wuohs in Niderlanden eins edelen Küneges kint

Des vater der hiez Sigemunt sin munter Sigelint 

In einer richen bürge witen wol bekant 

Nidene bi dem Rine: diu was ze Santen genant,

Und noch ein Königskind wird in dem Lied genannt, Kriemhild, ze Wormze bi dem Rine als Tochter des Burgunderkönigs geboren. Man kann nicht gut die Existenz eines Burgunderreiches um Worms, da wir auch aus anderen Quellen davon wissen, anerkennen und das Reich „in Niderlanden", worin wir doch wohl das Hatwarenreich des Hun und seiner Vorfahren zu erkennen haben, als Erfindung der Sage leugnen. Aber wir wissen ja nicht nur von den Sängern des Widsith und des Beowulfliedes von diesem niederrheinischen Frankenreich. Welche Bedeutung die niederrheinische Königstadt in der geschichtlichen Vorstellung unserer Vorfahren gehabt hat, lehrt die Entstehung der fränkischen Trojanersage, die über ein Jahrtausend hinweg die Stadt Xanten die Mutterstadt aller Franken nennt.

Ganz merkwürdig ist die Stelle in des Tacitus Germania, „Odysseus sei auf seiner langen und sagenhaften Irrfahrt in die Nordsee verschlagen worden und habe in Germanien das Festland betreten. Er habe den Ort Asciburgium gegründet und ihm den Namen gegeben. Der Ort liegt am Rhein und ist auch heute noch bewohnt. Man nimmt sogar an, in dieser Ortschaft hätte es einen Altar gegeben, der von Odysseus geweiht worden wäre und auf dem der Name seines Vaters Laertes gestanden hätte. Im Grenzgebiet zwischen Germanien und Rätien soll es ja noch bis auf den heutigen Tag Denksteine und Gräber mit griechischen Inschriften geben."

Es ist möglich, dass diese Nachricht über die sagenhafte Gründung von Asberg (bei Moers) durch den Held des trojanischen Krieges auch den hier siedelnden Franken bekannt gewesen ist. Jedenfalls berichtet schon im 8. Jh. der Chronist Fredegar: „Die Trojaner wanderten unter Anführung ihres Königs Franco mit Weib und Kind in Europa herum. Zuletzt ließen sie sich an den Ufern des Rheines nieder. Dort versuchten sie eine Stadt zu erbauen, die sie nach ihrer Heimat nannten. Die Gründung blieb indessen unvollendet."

Es unterliegt keinem Zweifel, dass der Name der Colonia Trajana, schon in römischer Zeit gelegentlich Trojana geschrieben, Anlass zur Bildung dieser Sage gewesen ist. Aber sie war doch nur möglich, weil dieser Ort eine besondere Stellung im Frankenreiche einnahm. Nach der Zerstörung des Hatwarenreiches lebt die kirchliche Tradition fort, da Xanten Sitz eines Landbischofs (chorepiscopus), des nachmaligen Archidiakons ist, dessen Sprengel sich mit den Grenzen des Hatwarenlandes deckt. Das alte hatwarische Recht, das uns leider nicht wie die Ewa Chamavorum und die Leges der salischen und ribuarischen Franken kodifiziert überliefert ist, wirkt noch durch viele Jahrhunderte weiter, deutlich sich abhebend von den Gewohnheiten der benachbarten Rechtsgebiete. Während so das wirkliche, das politische Xanten allmählich aus dem Gedächtnis der Menschheit entschwindet, seit seine Könige aufgehört haben, in die Geschicke des Abendlandes einzugreifen, so wuchert doch die Sage von der trojanischen Herkunft der Franken üppig weiter. Als Kaiser Heinrich III. im Jahre 1047 in Xanten weilte, um von hier aus den Brabantern und Flamen entgegenzutreten, die die Pfalz zu Nymegen in Asche gelegt und Niederlothringen gegen den Kaiser aufgerufen hatten - dabei war neben den Bischöfen der Reichskirchen zu Lüttich und Utrecht auch der Graf von Kleve zum Reich gestanden und zum Dank mit Pfalz und Reich Nymegen belehnt worden -, als also der Kaiser in Xanten weilt, da datiert er eine von hier erlassene Urkunde:

Gegeben zu Troja, das auch Xanten genannt wird

und sein Bischof von Köln, Hermann, lässt in dem Orte eine Münze schlagen mit der Umschrift:

SCA. TROIA

d. i. sancta Troja mit bedeutungsvollem Doppelsinn.  

Auch Otto von Freising, der Chronist des 12. Jhs., kennt „die Stadt Troja, die jetzt Xanten heißt" und die Xantener Festantiphon auf den h. Viktor, aus derselben Zeit stammend, lässt die Thebäische Legion des h. Viktor „den Rhein hinab geradewegs zu den Gemarkungen von Troja" marschieren. Der Dichter des Annoliedes (Ende 12. Jh.), der die flüchtigen Trojaner unter ihrem Fürsten Franko

nider bi Rini 

sich niederlassen und ein

lützele Troie

erbauen lässt, weiß sogar um die Herleitung des Namens Xanten:

Den Bach hiezin si Sante 

Na demi wazzere in iri lante

Heißt doch ein Bach in der Nähe Trojas Xanthos. Nun beschäftigt sich auch die französische Ritterdichtung mit dem trojanischen Sagenstoff, nach ihrem Vorbild dichtet Herr Heinrich von Veldeke auf der Klever Burg seine Äneide (um 1150). Dies ist kein Zufall, wenn man bedenkt, dass sein Gastherr der Vogt des Xantener Stiftes ist, und dass nicht nur der Dichter des Annoliedes, sondern auch noch sein anderer Zeitgenosse, der Chronist Helinant, die Trojanersage in Xanten lokalisiert. Darum lässt auch der Jungherzog von Kleve, als er den Erzbischof von Köln endgültig aus der gemeinsam regierten Stadt verdrängt hat, im Jahre 1444 voller Stolz in Xanten jene Moneta Trojae minoris d. i. Münze von Klein-Troja schlagen, mit der Umschrift

JOANNES TROIANORVM REX

Diese Zusammenhänge sind zuletzt noch dem Fortsetzer der klevischen Chronik des Gert van der Schuren, Johan Türk, bekannt, als er von der Colonia Trajana schreibt, dass sie naderhandt van den Gallis oder Fanzoisen ruinirt, und doch als sie mit der tijt wederumb gebauwet, corrupte Trojane oder van den Frantzosen, die oere herkompst van den Trojanen deduciren wollen und . . . sich Troyanen nenneten, oder je van wegen der heiligen Martyren Sanctorum Troja und ad Sanctos Martyres, nu aver schlechtlioh Santen genoempt wirdt.

Erst den Humanisten blieb es vorbehalten, eine tausendjährige Tradition in Bausch und Bogen als pure Erfindung abzutun, wenn sie versprechen, „dass wir uns so viel möglich der ungewissen Fabulen, so von Mercomiro und anderen von den Trojanischen Prinzen und Trojen erzählet werden, entschlagen", und nun in angeblich gelehrter Ausdeutung der Quellen die Colonia Trajana in dem Dorfe Kellen bei Kleve suchen, obschon trotz jahrhundertlangem Abbruch die Ruinen der römischen Stadt vor den Toren Xantens noch zu Anfang des 18. Jhs. über 5000 Tonnen Tuff hergaben und dies, nachdem der Dom längst vollendet war. Sie haben einer sagenhaften und legendären Patina wegen, die eine tausendjährige Überlieferung notwendigerweise überzogen hat, das niederrheinische Volk um die letzte Erinnerung an ein ehemaliges niederrheinisches Reich gebracht, die noch im späten Mittelalter so lebendig gewesen ist, dass sie sogar im Hofrecht des Xantener Bischofshofes, des alten Königshofes, ihren Niederschlag gefunden hat.

zuletzt bearbeit am 16.08.2005