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Der
Name der Hatwaren lebt nur noch in der Hetter fort, einer
Bruchlandschaft auf dem rechten Rheinufer oberhalb Emmerich. In
dieser Gegend, finden wir sie ja schon in den Zeiten der römischen
Herrschaft, von hier aus waren sie über den Strom gekommen.
Unglückliche Quellenlage in der nachrömischen Zeit hat uns nur
spärliche Nachrichten aus dem Gebiete hinterlassen, das sie
nach Beendigung der Landnahme bewohnten. Aber das wenige genügt
noch, diesen Raum großzügig abzustecken. Denn es werden sowohl
Stirum an der unteren Ruhr wie auch der Raum um Uedem und Weeze
als in ihrem Gaugebiet gelegen erwähnt. Es ist die terra
Hattuariorum, die die Sachsen im Jahre 715 verwüsten, der pagus
Haituariensis oder Hattuaria des 9. Jhs., und noch 1067 gebietet
ein Graf Gerhard in pago Hettero.
Sieht
man von ihren Kriegszügen ab, so kann von einer Wanderung der
Hatwaren keine Rede sein. Gewiss mögen sie sich in einer
besonderen Lage befunden haben, da sie nur den Strom, zu überschreiten
brauchten, um das von den Römern verlassene Land zu besetzen.
Sind aber die anderen Frankenstämme in einer wesentlich
verschiedenen Lage gewesen? Niemand wird die Feldzüge der
Bataver unter Civilis oder den Afrikazug der Franken unter
Gallienus als Wanderung bezeichnen wollen; aber die großen
Feldzüge des 5. Jhs. werden ebenso selbstverständlich als Völkerwanderung
angesehen. Hingegen gelten die Normannenzüge, die unsere Heimat
im 9. Jh. mit Schrecken erfüllen, als bloße Räuberunternehmungen.
Je mehr sich die Forschung mit den vermeintlichen Wanderungen
germanischer Völkerschaften beschäftigt, umso weiter rückt
sie von der mit dem Begriff der Völkerwanderung verbundenen
romantischen Vorstellung ab, die ein Volk von wehrhaften Bauern
zu zeitweisen Nomaden stempeln möchte.
Das
zusammenbrechende römische Reich sah sich keineswegs einer
politisch geeinigten, militärisch straff geführten, gesamtfränkischen
Macht gegenüber. Es waren einzelne Völkerschaften, die an
verschiedenen Orten ihre verschiedenen Ziele verfolgten, einig
nur in dem Verlangen, sich das Beste aus der römischen Beute zu
sichern. So ist das Reich der Hatwaren, ein Königreich
vielleicht, geführt von einem Heerkönig, den sich die Freien
des Volkes erwählt, eines unter vielen auf altem Reichsboden.
Es war nicht ohne Ruhm.
Ein
angelsächsischer Dichter, Widsith, der Vielgereiste, schildert
die Völker seiner Zeit und deren Könige. Er lebte und reiste,
als die Angeln und Sachsen
noch in ihrer festländischen Heimat an der deutschen Nordseeküste
wohnten.
Theodric
waltet in Franken . . .
heißt es einmal, und wenige Zeilen später
Sigeher längstens ob Seedänen waltet
Hnaef
Hokinge Helm Wulfinge
Wald
Woinge Wod Thüringe
Saeferd
Sykgen Schweden Ongendtheow
Sceafthere
Amrunleute Sceafa Longbarden
Hun
Haetwere und
Holm Vraesen.
Die
meisten Namen dieses dunklen und spröden Gedichtes begegnen
auch in dem alten Heldenlied vom Recken Beowulf. Auch hier
stehen Hun, der Fürst, und die Hatwaren gleichberechtigt und
gleichmächtig neben den Hugen (so werden nach den benachbarten
Chauken die Franken von Sachsen und Friesen genannt). Den
geschichtlichen Hintergrund des Kampfes zwischen Dänen und
Friesen, in den auch die Franken
und Hatwaren eingreifen, bietet der merowingische
Geschichtsschreiber Gregor von Tours. Er schildert den Raubzug
der Dänen unter ihrem König Chochilaichus (d. i. Hygelac), und
wie sie einen Gau im Reiche des Theuderich verwüsten. Von
Theuderichs Sohn Theudebert sei der König erschlagen worden, da
er noch am Strande verweilte, bis die schwer beladene Flotte die
hohe See gewann. Dies geschah zwischen den Jahren 512 und 520.
Ein
Chronist des 7. Jhs. bringt die Geschichte schon in sagenhafter
Verbrämung: Von so gewaltiger Körpergröße sei der gefallene
König gewesen, dessen Gebeine noch unbestattet auf einer
Rheininsel zu sehen seien, dass schon seit seinem zwölften
Jahre kein Ross ihn habe tragen können.
Die
Kämpfe zwischen Dänen und Friesen reichen weit zurück. So ist
schon ihr Fürst Hnaef im Kampf gegen den Friesenkönig Finn
gefallen. Hengist, der nach seinem Tode die Führung übernimmt,
sinnt trotz Frieden und Vertrag auf Vergeltung:
.
. . . Den Söhnen der Friesen
Vergelten
wollt er das große
Leid
Wenn
er frischen Kampf entfesseln könnte.
So
wies auch der Edling die Ehrung nicht ab
Als
Hun ihm Lafing den
leuchtenden Hieber
In
den Schoß legte der Schwerter bestes.
Auf
Schritt und Tritt begegnet im Epos die Erinnerung an jene Kämpfe,
so als die Dänenfürstin dem Beowulf den Halsschmuck Hygelacs
schenkt:
Jenen
Halsschmuck trug der Herrscher der Jüten
Der
edle Hyglac der Enkel Swertings
Zum
letzten Male als im Land der Friesen
Unterm
fliegenden Banner der Fürst seine Beute
Trotzig
verteidigte. Tot sank er hin . . .
.
. . Nun deckt der Schild
Des
Helden Leib. In die Hände der Franken
Fiel
die Hülle der Brust und der Halsschmuck gleichfalls
Der
Schatz des Gebieters.
Oder
später
Das
Leid betraf im Laufe der Jahre
Die
Helden der Jüten dass Hygelac umkam
Und
Heardred auch vom Hiebe des Feindes
Unterm
Schild getroffen den
Schwerttod starb.
Beowulf
ist selbst am Kampfe beteiligt gewesen
Nicht
leichter Art
War
das Handgemenge als Hygelac fiel
Der
König der Jüten im Kriegsgetümmel
Der
Freund des Volkes im Friesenlande
Hredels
Erbe sein Herzblut ausgoss.
Vom
Eisen getroffen. Durch eigne Kraft
Entrann
er da der rüstige Schwimmer
Der
dreiste Beowulf der dreißig Brünnen
Am
Arme trug als er trat aufs Ufer.
Auch
konnten die Krieger des Kampfs sich
nicht rühmen
Vom
Hetwarenstamm die den Helden
bedrängend
Die
Schilde hoben: Vom Schlachtfeld kamen
Nicht
viele davon sich zu
freun der Heimat.
Dem
glücklich Entronnenen bietet die Königin Hort und Herrschaft
an statt des unmündigen Knaben
Da
der Knabe schwerlich
Wider
fremde Völker den Fürstensitz
Nach
Hygelacs Tod behaupten könne.
Im
Kampf mit dem Drachen muss Beowulf nach langer friedlicher
Herrschaft erliegen. Da bangen die Edlen, als sie die Kunde
vernehmen:
Gefasst
nun macht euch
Auf
krieg'rische Zeit wenn die Kunde alsbald
Zu
den Friesen und Franken vom Falle des
Königs
Sich
fernerhin verbreitet. Feindschaft besteht
Mit
den Hugen schon längst seit Hygelac einstmals
Mit
der Flotte verheerte der Friesen Land
Wo
in heißem Kampfe die Hetwaren ihn
So
arg bedrängten mit Übermacht
Dass
des Lindenschilds Träger erliegen musste
Der
fechtend fiel in des Fußvolks Mitte -
Verlustig
gingen des goldenen Lohnes
Die
Mannen diesmal - Der Merowinger
Huld
ist seitdem uns verhalten worden.
Auch
ist schwerlich zu trauen der Treue der
Schweden
Dies
ist das letzte Mal, dass die Hatwaren als selbständige Völkerschaft
handelnd auftreten. Sie werden bald gleich ihren ribuarischen
Nachbarn im Kölner Land der merowingischen Macht Chlodwigs
erlegen sein. Denn nach Zerschlagung des letzten Romanenreiches,
das der römische „König" Syagrius von Soissons aus
regierte, standen dem ehemaligen König von Doornik die
gewaltigen Hilfsmittel Galliens zur Verfügung, die dieser denn
auch rücksichtslos einsetzte, um seinen Mitbewerbern um das römische
Erbe den Rang abzulaufen.
Das
Land der Hatwaren wird in Grafschaften aufgeteilt und in
merowingische Verwaltung genommen. Dass auch hier wie im
benachbarten Ribuarien eine Anzahl von Grafschaften unter einem
Herzog zu einem Dukat zusammengefasst wurde, ist wahrscheinlich,
aber nicht bestimmt überliefert. Jedenfalls decken sich die
Grenzen des späteren Archidiakonates Xanten mit dem Umfang der
terra Hattuariorum; hier erhebt sich auch die Frage, welches der
geschichtliche Hintergrund ist für die sagenhaften Nachrichten
des Nibelungenliedes, die Siegfried zu Xanten als Sohn eines Königs
geboren sein lassen:
Do
wuohs in Niderlanden eins edelen Küneges kint
Des
vater der hiez Sigemunt sin munter Sigelint
In
einer richen bürge witen wol bekant
Nidene
bi dem Rine: diu was ze Santen genant,
Und
noch ein Königskind wird in dem Lied genannt, Kriemhild, ze
Wormze bi dem Rine als Tochter des Burgunderkönigs geboren.
Man kann nicht gut die Existenz eines Burgunderreiches um Worms,
da wir auch aus anderen Quellen davon wissen, anerkennen und das
Reich „in Niderlanden", worin wir doch wohl das
Hatwarenreich des Hun und seiner Vorfahren zu erkennen haben,
als Erfindung der Sage leugnen. Aber wir wissen ja nicht nur von
den Sängern des Widsith und des Beowulfliedes von diesem
niederrheinischen Frankenreich. Welche Bedeutung die
niederrheinische Königstadt in der geschichtlichen Vorstellung
unserer Vorfahren gehabt hat, lehrt die Entstehung der fränkischen
Trojanersage, die über ein Jahrtausend hinweg die Stadt Xanten
die Mutterstadt aller Franken nennt.
Ganz
merkwürdig ist die Stelle in des Tacitus Germania, „Odysseus
sei auf seiner langen und sagenhaften Irrfahrt in die Nordsee
verschlagen worden und habe in Germanien das Festland betreten.
Er habe den Ort Asciburgium gegründet und ihm den Namen
gegeben. Der Ort liegt am Rhein und ist auch heute noch bewohnt.
Man nimmt sogar an, in dieser Ortschaft hätte es einen Altar
gegeben, der von Odysseus geweiht worden wäre und auf dem der
Name seines Vaters
Laertes gestanden hätte. Im Grenzgebiet zwischen Germanien und
Rätien soll es ja noch bis auf den heutigen Tag Denksteine und
Gräber mit griechischen Inschriften geben."
Es
ist möglich, dass diese Nachricht über die sagenhafte Gründung
von Asberg (bei Moers) durch den Held des trojanischen Krieges
auch den hier siedelnden Franken bekannt gewesen ist. Jedenfalls
berichtet schon im 8. Jh. der Chronist Fredegar: „Die Trojaner
wanderten unter Anführung ihres Königs Franco mit Weib und
Kind in Europa herum. Zuletzt ließen sie sich an den Ufern des
Rheines nieder. Dort versuchten sie eine Stadt zu erbauen, die
sie nach ihrer Heimat nannten. Die Gründung blieb indessen
unvollendet."
Es
unterliegt keinem Zweifel, dass der Name der Colonia Trajana,
schon in römischer Zeit gelegentlich Trojana geschrieben,
Anlass zur Bildung dieser Sage gewesen ist. Aber sie war doch
nur möglich, weil dieser Ort eine besondere Stellung im
Frankenreiche einnahm. Nach der Zerstörung des Hatwarenreiches
lebt die kirchliche Tradition fort, da Xanten Sitz eines
Landbischofs (chorepiscopus), des nachmaligen Archidiakons ist,
dessen Sprengel sich mit den Grenzen des Hatwarenlandes deckt.
Das alte hatwarische Recht, das uns leider nicht wie die Ewa
Chamavorum und die Leges der salischen und ribuarischen Franken
kodifiziert überliefert ist, wirkt noch durch viele
Jahrhunderte weiter, deutlich sich abhebend von den Gewohnheiten
der benachbarten Rechtsgebiete. Während so das wirkliche, das
politische Xanten allmählich aus dem Gedächtnis der Menschheit
entschwindet, seit seine Könige aufgehört haben, in die
Geschicke des Abendlandes einzugreifen, so wuchert doch die Sage
von der trojanischen Herkunft der Franken üppig weiter. Als
Kaiser Heinrich III. im Jahre 1047 in Xanten weilte, um von hier
aus den Brabantern und Flamen entgegenzutreten, die die Pfalz zu
Nymegen in Asche gelegt und Niederlothringen gegen den Kaiser
aufgerufen hatten - dabei war neben den Bischöfen der
Reichskirchen zu Lüttich und Utrecht auch der Graf von Kleve
zum Reich gestanden und zum Dank mit Pfalz und Reich Nymegen
belehnt worden -, als also der Kaiser in Xanten weilt, da
datiert er eine von hier erlassene Urkunde:
Gegeben
zu Troja, das auch Xanten genannt wird
und
sein Bischof von Köln, Hermann, lässt in dem Orte eine Münze
schlagen mit der Umschrift:
SCA.
TROIA
d.
i. sancta Troja mit bedeutungsvollem Doppelsinn.
Auch
Otto von Freising, der Chronist des 12. Jhs., kennt „die Stadt
Troja, die jetzt Xanten heißt" und die Xantener
Festantiphon auf den h. Viktor, aus derselben Zeit stammend, lässt
die Thebäische Legion des h. Viktor „den Rhein hinab
geradewegs zu den Gemarkungen von Troja" marschieren. Der
Dichter des Annoliedes (Ende 12. Jh.), der die flüchtigen
Trojaner unter ihrem Fürsten Franko
nider
bi Rini
sich
niederlassen und ein
lützele
Troie
erbauen
lässt, weiß sogar um die Herleitung des Namens Xanten:
Den
Bach hiezin si Sante
Na
demi wazzere in iri lante
Heißt
doch ein Bach in der Nähe Trojas Xanthos. Nun beschäftigt sich
auch die französische Ritterdichtung mit dem trojanischen
Sagenstoff, nach ihrem Vorbild dichtet Herr Heinrich von Veldeke
auf der Klever Burg seine Äneide (um 1150). Dies ist kein
Zufall, wenn man bedenkt, dass sein Gastherr der Vogt des
Xantener Stiftes ist, und dass nicht nur der Dichter des
Annoliedes, sondern auch noch sein anderer Zeitgenosse, der
Chronist Helinant, die Trojanersage in Xanten lokalisiert. Darum
lässt auch der Jungherzog von Kleve, als er den Erzbischof von
Köln endgültig aus der gemeinsam regierten Stadt verdrängt
hat, im Jahre 1444 voller Stolz in Xanten jene Moneta Trojae
minoris d. i. Münze von Klein-Troja schlagen, mit der Umschrift
JOANNES
TROIANORVM REX
Diese
Zusammenhänge sind zuletzt noch dem Fortsetzer der klevischen
Chronik des Gert van der Schuren, Johan Türk, bekannt, als er
von der Colonia Trajana schreibt, dass sie naderhandt van den
Gallis oder Fanzoisen ruinirt, und doch als sie mit der tijt
wederumb gebauwet, corrupte Trojane oder van den Frantzosen, die
oere herkompst van den Trojanen deduciren wollen und . . . sich
Troyanen nenneten, oder je van wegen der heiligen Martyren
Sanctorum Troja und ad Sanctos Martyres, nu aver schlechtlioh
Santen genoempt wirdt.
Erst
den Humanisten blieb es vorbehalten, eine tausendjährige
Tradition in Bausch und Bogen als pure Erfindung abzutun, wenn
sie versprechen, „dass wir uns so viel möglich der ungewissen
Fabulen, so von Mercomiro und anderen von den Trojanischen
Prinzen und Trojen erzählet werden, entschlagen", und nun
in angeblich gelehrter Ausdeutung der Quellen die Colonia
Trajana in dem Dorfe Kellen bei Kleve suchen, obschon trotz
jahrhundertlangem Abbruch die Ruinen der römischen Stadt vor
den Toren Xantens noch zu Anfang des 18. Jhs. über 5000 Tonnen
Tuff hergaben und dies, nachdem der Dom längst vollendet war.
Sie haben einer sagenhaften und legendären Patina wegen, die
eine tausendjährige Überlieferung notwendigerweise überzogen
hat, das niederrheinische Volk um die letzte Erinnerung an ein
ehemaliges niederrheinisches Reich gebracht, die noch im späten
Mittelalter so lebendig gewesen ist, dass sie sogar im Hofrecht
des Xantener Bischofshofes, des alten Königshofes, ihren
Niederschlag gefunden hat.
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