12000 Jahre Niederrhein - 800 Jahre Kleve

Die Grafen von Kleve

 

Rutger (Graf von 1020 bis 1050)...

ist den Klosterrather Annalen (Annales Rodenses) zufolge der Stammvater der Klever Grafen. In Flandern wurden zwei Brüder von den dortigen Fürsten ihrer Herrschaften beraubt und vertrieben und haben sich in den Schutz des Kaisers begeben. Der Kaiser, dies wird wahrscheinlich Heinrich der II. gewesen sein, hat die Brüder am Niederrhein mit reichen Lehen und Gütern ausgestattet. Der eine dieser Flamenses (Flaminge), Gerhard, hat Wassenberg erhalten, der andere Rutger, hingegen Kleve. Der erste wurde so zum Stammvater der Grafen von Geldern, der zweite derer von Kleve.

Die Klever Schwanenritter- und die Gelderner Drachensage, die den Ursprung der beiden Adelshäuser beschreiben sollen, enthalten daher bestenfalls einen "wahren Kern" (Passwortgeschützter Bereich).

Wahrscheinlich ist, dass um 1020, nach dem Tod der verfeindeten Grafen Wichmann (gestorben 1016) und Balderich (gestorben 1021) ein Machtvakuum am unteren Niederrhein entstanden ist. Gerhard und Rutger konnten also mit Besitz und Rechten der alten Grafschaften des Hamalandes und des Hattuariergaues ausgestattet worden sein. Beide Brüder sind damit Nachbarn des Bischof von Utrecht und Erzbischofs von Köln geworden, die ebenfalls aus dem Erbe der verstorbenen Grafen Nutzen ziehen konnten. Die Besitzverhältnisse im Kleverland glichen daher einem Flickenteppich und die späteren Grafen von Kleve mussten sich immer wieder mit den Erzbischöfen von Köln, den Bischöfen von Utrecht und den Grafen von Geldern auseinandersetzen, um ihren Expansionswillen durchzusetzen. 

Die Bildung des Klever Territoriums nahm vom Reichswald, östlich und südlich von Nimwegen, seinen Ausgang.  Durch Rodungen und durch die Umwandlung von Überschwemmungszonen in Kulturland schuf man sich die wirtschaftlichen Grundlagen. Zur Sicherung des Reichswaldkomplexes erbaut Rutger (evtl. auch einer seiner Nachfolger) noch im 11. Jahrhundert die Burg Kleve. Die Burg entsteht an strategisch günstiger Stelle im Osten, wo der Höhenrücken am dichtesten und steilsten an die Rheinebene herantritt. Der Name der Burg, der sich von "Kliff" (= Abhang) herleitet, beschreibt die exponierte Lage. 1092 besteht die Burg bereits, da sich in diesem Jahr ein Graf erstmals nach ihr benennt. Im Schutz der Burg entwickelt sich im Laufe des 12. und 13. Jahrhunderts das gleichnamige Kirchdorf, in dem 1142 noch keinerlei städtisches Leben anzutreffen ist, das aber schon 1242 zur Stadt erhoben wird. 

Ungeklärt sind die Genealogie und Reihenfolge der Klever Grafen im 11. Jahrhundert. Quellenmäßig gesichert ist erst die Existenz des Dietrich III., der sich 1092 comes Thiedericus de Cleve nennt und bis 1120 urkundlich bezeugt ist. 

Von Rutger II. (Graf von 1051 bis 1075) ...

ist anzunehmen, dass er den Erzbischof Anno von Köln gegen den Pfalzgrafen Heinrich unterstützt hat, denn er erhielt die Burg und Herrschaft Tomburg bei Rheinbach mit dem dazugehörigen Flamersheimer Wildbann als pfalzgräfliches Lehen. Er wurde außerdem noch Vogt des von Anno gegründeten Kölner Mariengradenstiftes. 

Bis heute ist ungeklärt, ob in der Zeit von 1075 bis 1092 ein oder - was unwahrscheinlich ist - sogar zwei weitere Grafen, Dietrich I. und II., regierten. 

Dietrich III. (Graf von ca. 1092 bis 1118) ...

erweiterte die südlichen Besitztümer um das pfalzgräfliche Hauskloster Brauweiler. Der Aufstieg des Hauses Kleve vollzog sich bis zu dieser Zeit in enger Anlehnung an die Erzbischöfe von Köln.

In 1114 kam es am Niederrhein und in Westfalen zu einem erfolgreichen Aufstand unter Führung des Erzbischofs Friedrich I. von Köln gegen Heinrich den V. Die Grafen Dietrich der III. und Gerhard von Geldern standen auf Seiten des Kaisers und hatten damit auf das falsche Pferd gesetzt. Es gelang jedoch Dietrich anschließend, wieder in das Lager des Erzbischofs zurückzukehren. Seit dem Ende des Konflikts erhoben die Kölner Erzbischöfe Lehnansprüche an das Klever Haus. Den Beweis der Rechtmäßigkeit ihrer Oberansprüche konnten Sie jedoch nicht erbringen. Im 13. und 14. Jahrhundert haben die Klever Grafen dann ihre Belehnung direkt vom Kaiser und Reich eingeholt. 

Gute Kontakte zu den geistigen Würdenträgern waren notwendig, denn neben den politischen Kräften waren Klöster und Orden die tragenden Fundamente des geistigen Lebens und der gesellschaftlichen Strukturen des Mittelalters. Am Niederrhein ragten insbesondere das St. Viktorstift zu Xanten - in dem zu dieser Zeit der Kleriker Norbert von Xanten wirkte - und das 1223 gegründete Zisterzienserkloster auf dem Kamper Berg heraus.


103.74 KB


99.40 KB

"Dionysiuskapelle mit Norbertzelle vom hl. Norbert - bewohnt 1115"

fotografiert am 7. Sept. 2002 in Xanten (Torbogen zum Dom)

Die Umwandlung der niederrheinische Landschaft durch Kultivierung, Urbarmachung, Rodungen und Besiedlungen setzte sich fort. Die Mönche wirkten dabei als  "Entwicklungshelfer" für die landwirtschaftliche Bevölkerung. 

Eine beträchtliche Steigerung der Macht erreichten die Klever Grafen, indem sie schon früh die Vogtei über die reichbegüterten und angesehenen Stifte und Klöster des Niederrheins erlangten. 

Als Vögte des Stiftes Zyfflich (seit 1117) gelang es ihnen, Besitz und Rechte der Kirche zu entfremden. Auf dem ursprünglichen, zwischenzeitlich trockengelegten Kirchengut errichteten sie die Kranichenburg. Einige Jahrzehnte später wurde dann die gleichnamige Stadt (heute: Kranenburg) gegründet. 

Auch über die reichste geistliche Institution am unteren Rhein, das St. Viktorstift zu Xanten, erlangte das Haus Kleve um 1120 das Vogteiamt.

Damit ging der Machtzuwachs und steigende Einfluss der Klever Grafen vor allem zu Lasten der Klöster und Stifte des Niederrheins!

Allerdings sind das St. Clemensstift in Wissel und das Prämonstratenserinnenstift Bedburg Stiftungen der Klever Grafen. Bis 1341 dienten sie den Grafen als Grablege und Hausstift bzw. Hauskloster. Anschließend übernahm das Stift Kleve (Einblick in die Fürstengruft) diese Funktion.

In Bedburg lagen Arnold der I. (Graf von ca. 1120 bis 1147)...

und dessen Frau Ida, die Tochter des Herzogs Gottfried I. von Niederlothringen (Brabant) begraben. Idas reiche Mitgift war Wesel. Damit beherrschte das Haus Kleve das Lippemündungsgebiet. Der überregionale Straßen- und Schifffahrtsverkehr erwies sich als sehr lukrativ. Der bereits 1142 blühende Handelsplatz Wesel erhielt 1241 die Stadtrechte.

Die Heirat mit Ida von Brabant (Passwortgeschützter Bereich) bedeutete nicht nur wegen der attraktiven Mitgift einen gewaltigen Schritt vorwärts. Die Verwandtschaft mit dem einzigen Herzoghaus weit und breit wertete das Klever Grafenhaus in beträchtlichem Maße auf. Im Herzog von Brabant hatten die Klever Grafen einen mächtigen Bundesgenossen gefunden, einen, der es sogar mit dem Erzbischof von Köln aufnehmen konnte, in dessen Schatten die Grafschaft Kleve sich bis dahin nicht so recht hatte entwickeln können. 

Arnolds Sohn Dietrich der IV. (Graf von 1150 bis 1172)...

setzte den Aufstieg des Geschlechts fort. Verheiratet war er mit Adelheid von Sulzbach, einer Verwandten des Stauferkönigs Konrad III.. Es verwundert daher nicht, dass auch die Beziehung zu dessen Nachfolger, Friedrich I., den die Italiener später Barbarossa (=Rotbart) nannten, gut blieben.

Am 3. Kreuzzug unter Barbarossa und König Richard Löwenherz nahmen auch die Klever Ritter unter Führung von Dietrich dem V. teil. Dies galt auch für die folgende Kreuzzüge und ist Folge der Verwandtschaft mit dem Herzoghaus Brabant. Gottfried von Bouillon, Herzog von Brabant (Passwortgeschützter Bereich) war es, der die Heilige Stadt Jerusalem erobert hatte.

Während der Besitz südlich von Köln (Tomburg, Mariengradenstift) zunehmend an Bedeutung verlor, wuchs die Orientierung in Richtung Utrecht und Holland. Seit 1126 ist Arnold von Kleve am Utrechter Hof nachweisbar. Er verfügt seit 1150 u. a. über einen umfangreichen Lehnbesitz in der Betuwe.

Sein Sohn, Dietrich der IV., half 1159/60 zusammen mit den Grafen von Holland dem Bischof von Utrecht vor der Gefangennahme durch Aufständische. Holland und Kleve machten jahrzehntelang gemeinsame Politik vornehmlich gegen Geldern, aber auch zeitweise gegen Brabant. 

Dietrich der V. (Graf von 1173 bis 1200)...

heiratete Margaretha, die Schwester des Grafen von Holland. Der Graf von Holland wiederum vermählte sich mit der Schwester von Dietrich. Mehrmals kam es zu Fehden, in denen der kriegslustige Klever das Land des geldrischen Nachbarn verheerte. Im Mai 1189 brach Dietrich, wie zuvor erwähnt, mit Barbarossa  zum Kreuzzug ins Heilige Land auf. Er soll auch bei der Gründung des Deutschen Ritterordens in Akkon beteiligt gewesen sein. 

Vertreten wurde Dietrich der V. während seiner Abwesenheit durch den jüngeren Bruder Arnold der II.. Arnold war mit Adelheid, der Erbtochter von Heinsberg verheiratet. Der gemeinsame Sohn erbte Heinsberg und begründete die dortige klevische Seitenlinie, die sich aber in der Folgezeit nach Heinsberg nannte.

Der Klever Hof stand im 12. Jahrhundert in großem Ansehen. Kunst und Minnesang wurden gepflegt. Heinrich von Veldeke weilte auf der Klever Burg und gab einmal, als dort die Hochzeit einer Schwester des Grafen mit dem Landgrafen von Thüringen gefeiert wurde, sein berühmtes, noch unvollendetes Werk "Eneide" der Klever Gräfin zum Lesen. 

Als Dietrich der V. starb war sein Sohn und Nachfolger,

Dietrich VI. (Graf von 1208 bis 1260)...

noch minderjährig und stand daher unter der Vormundschaft seines Onkels, dem Grafen Dietrich von Holland. Die Grafschaft Kleve genoss ab diesem Zeitpunkt den Schutz der mächtigen Brabanter Herzöge. 1208 übernahm Dietrich der VI. die Regentschaft.  Seine Schwester, Margarete, heiratete den Grafen Otto II. von Geldern. Sie veranlasste den Bau des Klosters Graefenthal bei Goch-Asperden. Graefenthal war die Grabstätte des Grafengeschlechts von Geldern. Bis 1376 wurden hier 13 Grafen, Gräfinnen und Herzöge bestattet.

Er erhielt als Lehen von Brabant das Land Heusden an der unteren Maas. 1233 heiratete Dietrichs erstgeborener Sohn eine Tochter des Herzogs von Brabant. Damit einher ging ein Freundschafts- und Bündnisvertrag. Dietrich der VI. war in einer Vielzahl von Fehden involviert: Er half den Bischof von Utrecht in Kriegszügen gegen Adlige und Bauern aus Groningen und Overijssel und unterstützte den Erzbischof von Bremen gegen aufständische Bauern. Er galt als emsiger Befürworter bei der Wahl des Grafen Wilhelm von Holland zum deutschen Kaiser und führte 1253 auf der zeeländischen Insel Walcheren das holländische Heer zum Sieg über Franzosen und Flamen.

Zu Lasten des Erzbistum Kölns versuchte er - vergeblich - Kleves territoriale Machtstellung zu erweitern. Immerhin gelang es ihm den Status Quo weitgehend zu konservieren.

Die Rivalität zu Geldern war besonders ausgeprägt. So strebten beide Grafenhäuser nach Einfluss im Stift Utrecht. Zu Lasten von Kleve gelang es Geldern 1247 die wichtige Stadt Nimwegen an sich zu binden. Auch die komplizierten Besitz- und Hoheitsrechte in der Oberbetuwe führten vielfach zu Streitigkeiten zwischen den Nachbarn. Überhaupt dominiert zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts Graf Otto II. von Geldern am Niederrhein.

Die Territorialpolitik führt in dieser Zeit - nicht nur am Niederrhein, sondern überall in Mitteleuropa - zu einer Vielzahl von Städtegründungen. Die Städte wurden planvoll angelegt, befestigt und mit Stadtrechten versehen.

1600_um_stadternennungsurkunde_1242.jpg
545,29 KB

Klever Stadtrechtsprivileg, 25. April 1242 (Abschrift, um 1600)

Die Stadt Kleve erhielt ihr Stadtrecht im Jahre 1242 von Graf Dietrich (VI) von Kleve. Die Urkunde, die nur in Form einer Abschrift erhalten ist, enthält zwei 'verkehrsfördernde' Bestimmungen: 

Art. 1. Alle Kaufleute der Stadt erhalten Zollfreiheit an den gräflichen Rheinzöllen in Orsoy, Schmithausen, Huissen und Nimwegen;

Art. 5. Innerhalb der Grafschaft sind die Klever Bürger auf dem Wege zu den Jahrmärkten von der Zollabgabe befreit. 

Außerdem enthält die Urkunde u.a. Bestimmungen über die Aufnahme von Neubürgem, der eine achttägige Prüfung vorausgehen muss (Art. 6), sowie über das Recht von Neubürgern, nach Ablauf von einem Jahr und sechs Wochen frei mit ihren Gütern wegziehen zu dürfen (Art. 9).

Graf Dietrich VI. von Kleve folgte mit einer kurzen Verzögerung den Beispielen des Erzbischofs von Köln und des Grafen von Gelderns. Die klevischen Städte, die in der Folgezeit bis ins 15. Jahrhundert entstanden, bildeten eine eigen Stadtrechtsfamilie und übernahmen meist das Kleve-Kalkarer Recht. Dietrich VI. schuf die Grundlage für die spätere dichte Städtelandschaft und reiche Städtekultur am klevischen Niederrhein. Er konnte die verstreuten Besitz- und Hoheitsrechte zur Landesherrschaft konsolidieren. Seit etwa 1240 ist in den Quellen von der "terra Clevensis" die Rede. Das Territorium der Grafschaft Kleve entwickelte sich zu einer eigenständigen politischen Größe.

Die bedeutendste Vergrößerung des Territoriums der Klever Grafen gelang 1255, als Dietrich VI. eine Ehe seines Sohnes und Nachfolgers

Dietrich VII. (Graf von 1260 bis 1275)...

mit der Erbtochter Aleidis von Heinsberg vereinbaren konnte.

Dadurch geriet das Land Hülchrath zwischen Neuss und Köln sowie die Herrschaft Saffenburg an der Ahr und wahrscheinlich auch schon das Land Linn zwischen Uerdingen und Neuss in klevischen Besitz.

Der Bruder von Dietrich VII., Dietrich Luf (I.) regiert zur gleichen Zeit selbständig über Wesel und eine Reihe rechts- und linksrheinischer Außenbesitzungen. Ihm gelingt der Erwerb der Herrschaft Ringenberg und die Sicherung des Besitzes in Castrop und Strünkede.

Dietrich VII. hat die Städtepolitik des Vaters fortgesetzt. Die Orte Dinslaken, Büderich, Orsoy und evtl. Huissen wurden zu Städten erhoben. Es sind außer Dinslaken alles Zollorte. Die Städte Huissen, Orsoy und Büderich erhoben ertragreiche Flusszölle und versetzten damit die Klever Grafen in eine günstige finanzielle Situation. Denn mochte der Rhein auch noch so sehr durch territoriale Zersplitterung, Zölle und Stapelrechte, Raubrittertum und vielerlei Gefahren belastet sein: als große Verkehrsader war der naturgegebene Strom allen anderen Transportmöglichkeiten überlegen. Für die klevischen Landesherren waren die Rheinzölle die ergiebigste Einnahmequelle. Zum Ende des 15. Jahrhunderts sollen sie allein mehr als ein Viertel der landesherrlichen Einkünfte ausgemacht haben. 

Dietrich VIII. (Graf von 1275 bis 1305),...

Sohn von Dietrich VII., hat eine betont friedliche Politik betrieben. Als einziger rheinischer Herrscher konnte er sich aus den Rivalitäten, die zur Schlacht bei Worringen (1288) führten, heraushalten.

Er suchte die Nähe zu den deutschen Königen. 1290 heiratete er Margarethe von Habsburg-Kiburg, eine Verwandte des deutschen Königs Rudolf von Habsburg. Als Mitgift erhält er die Reichsstadt Duisburg verpfändet, die vom Reich nicht wieder eingelöst wird und damit in Klever Besitz übergeht.

Die Grafschaft Kleve war einerseits mit dem Herzogtum Brabant, dem Sieger der Schlacht bei Worringen, verbündet und half andererseits den geschwächten geldrischen Grafen, die auf Seiten des Verlierers, dem Erzbischof von Köln, gestanden haben. Dadurch gelang es den Klevern den Einfluss beim südlichen Nachbarn zu vergrößern.

Dietrich VIII. stand in dem sich seit 1295 anbahnenden großen Konflikt zwischen dem englischen König Eduard I. und dem französischen König Philipp dem Schönen wie die meisten niederländischen Territorialherren auf Seiten des Engländers. In Verträgen mit Brabant und Holland kann der gefährdete Außenbesitz von Heusden und Altena gesichert werden. 

Als im Sommer 1296 der holländische Graf Florenz (Floris) V. gefangengenommen und ermordet wird, versuchen die beiden klevischen Brüder Graf Dietrich VIII. und Dietrich Luf II. in Holland die Regierung zu übernehmen. Während Dietrich zeitweise sogar in Haag residiert, tritt Dietrich Luf als besonders eifriger Sachwalter des englischen Königs auf. Doch wegen des Widerstands des holländischen Adels und Volks muss sich der Graf von Kleve bald zurückziehen; und nachdem Johann von Hennegau 1299 in Holland die Regierung angetreten hat, ist es mit dem klevischen Einfluss und dem nahezu zwei Jahrhunderte bestehenden guten Verhältnis zu Holland vorbei.

Positiv entwickelten sich die guten Kontakte zum Habsburger Königshaus. Mit König Albrecht von Habsburg arbeitet Dietrich VIII. noch enger zusammen als mit dessen Vater Rudolf.

Er wird einer der treuesten Helfer und zeitweise einflussreichster Berater des Königs in rheinisch-niederländischen Angelegenheiten.

Als Lohn wird der Besitz Duisburg und Büderich anerkannt, Kranenburg zum Reichslehen erklärt und die einträglichen Rheinzölle bestätigt. Vor allem aber erhält Dietrich das Privileg, dass kein Landfriedensbewahrer oder Reichslandvogt im Territorium Kleve irgendwelche richterlichen oder hoheitlichen Rechte ausüben darf.

Nachteilig verlief die Entwicklung in den südlich gelegenen Landesteilen, die vom Bruder Dietrich Luf II. verwaltet wurden. Luf II. war in zahlreiche Kriegsunternehmen verwickelt und dadurch hoch verschuldet. Zur Entschuldung mussten das Land Linn an den Bruder Dietrich VIII. und alle südlich von Köln gelegene klevischen Besitzungen (Tomburg, Saffenburg) an den Kölner Erzbischof verkauft werden.

Dietrich VIII. gelang es beinahe Moers in das Klever Territorium einzugliedern. Unter seiner Herrschaft finden sich auch die ersten Ansätze zur modernen Verwaltung der Grafschaft durch Beamte. 

Die häufigen Rheinlaufveränderungen brachten neben Landverlusten auch Neulandbildungen mit sich. Dieses Neuland nahmen die Klever Grafen regelmäßig an sich! Dietrich VIII. siedelte die in Deichbau- und Entwässerungsangelegenheiten erfahrenen holländischen "broekers" an. Dadurch gelang es "herrenlose" Land zu kultivieren. Das Tillerbruch wurde 1294 an ein von zwei Holländern geführtes Konsortium zur Urbarmachung übertragen. Ein Jahr später erhielten wiederum Holländer ein weiteres Privileg  zur Erschließung des Uedemerbruchs. Erst der Ausbruch der Pest sowie Hungerkatastrophen und der damit einhergehende Bevölkerungsrückgang stoppten die Landerschließungsmaßnahmen.  

Die umfangreichen Wasserbauarbeiten zur Erschließung bisher unbesiedelten Landes und auch die Trockenlegung von Bruchgebieten gingen weit über die Möglichkeiten einer freiwilligen Zusammenarbeit der Ansiedler hinaus. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts wurde daher das Amt des Deichrichters mit einer eigenen, mit öffentlich-rechtlichen Befugnissen ausgestatteten Organisation eingeführt.

Dietrich IX. (Graf von 1310 bis 1347),...

Halbbruder von Otto (Graf von 1305 bis 1310), hatte sich gleich zu Beginn seiner Herrschaft gegen die Ansprüche des Kölner Erzbischofs Heinrich von Virneburg zu erwehren, der die Grafschaft Kleve als erledigtes Lehen einziehen wollte. Mit Hilfe benachbarter Grafen und des deutschen Königs Ludwig des Bayern konnte Dietrich sich behaupten; doch war eine über zwei Jahrzehnte andauernde Feindschaft zwischen Kleve und dem Erzstift die Folge.

Nach dem Tod von Dietrich Luf II. (1308) waren dessen Besitzungen nicht an die Klever Hauptlinie zurückgefallen, sondern an dessen Sohn Dietrich Luf III. gelangt. 

Als der schwache und hoch verschuldete Graf im Jahr 1332 verstarb, fiel lediglich Kervenheim zurück an das Klever Haupthaus. Der Rest des reichen Besitzes ging an Köln und Jülich. 

Auch Dietrich IX. hielt sich aus kriegerischen Verwicklungen, nach den anfänglichen heftigen Fehden mit Mark und Kurköln, heraus.  Dadurch verlor Kleve an Einfluss und die abseits vom Zentrum gelegenen Enklaven gingen verloren: Altena 1332 an Holland und Heusden 1334 an Brabant. Auch der größte Teil des Reichswaldes, der ja ältestes Gut der Grafen war, wurde damals an Geldern verkauft.

Dietrich IX. konzentrierte sich auf den Raum zwischen Kleve, Kalkar und Wesel. Die übrigen Besitzungen wie Duisburg, Linn, Orsoy, Dinslaken, Kranenburg und Malden waren verpfändet oder zur Ausstattung von jüngeren Familienmitgliedern vergeben worden.

Im Herzen der Grafschaft leitete er eine Konsolidierung ein und versuchte die noch fehlenden Rechte und Güter zu gewinnen. Auch die Binnenkolonisation wird fortgesetzt. Es entstehen weitere Bruchsiedlungen und Kolonistendörfer, die überwiegend von Einheimischen bewohnt und bewirtschaftet werden.  Neue Siedlungen legte man besonders um Kalkar, Uedem, Sonsbeck und Veen, im rechtsrheinischen bei Bislich, in der Hetter und im Ringenberger Bruch an.

Die Städte Rees und Xanten, um die man sich bemühte, blieben vorerst noch bei Köln.

Hatte Dietrich IX. zunächst auf der Monterberg bei Kalkar regiert, so machte er gegen Ende seines Lebens wieder die Klever Burg zur Residenz. Parallel dazu verlegte er das von ihm 1334 in Monterberg gegründete Stift 1341 nach Kleve. 

Der Verwaltungsapparat wurde in seiner Regierungszeit geordnet und reformiert. 

Diese Entwicklung setzte sich unter seinem Nachfolger und jüngeren Bruder Johann (Graf von 1347 bis 1368) fort. Johann war zuvor Domdechant von Köln gewesen und galt als Kenner des römischen Rechts. Er hatte große Verwaltungserfahrung und vollendete den Ausbau des Klever Territorialstaates. 

Zu einem großen Aufschwung der klevischen Städte gegen Mitte des Jahrhunderts führte die damals hier aufblühende Tuchproduktion. Wesel, Kalkar und Kleve wurden die führenden Gewerbestädte. Vorhandene Städte baute er weiter aus und legte den Grundstock für die Stadtwerdung in Griethausen und Schermbeck. Nach Griethausen verlegte er den alten Nimweger Zoll (1357). 

Johann war mit Mechthild von Geldern verheiratet. Mit dem Erzbischof Wilhelm von Gennep stellte er leidlich gute Beziehungen her. Dabei musste er allerdings geloben, auf die eng an klevischen Besitz grenzenden kölnischen Ämter Kempen, Rees und Xanten keine Absichten zu haben. 

Johann richtet seine Außenpolitik rheinabwärts nach Nordwesten aus und ist bald völlig in die geldrischen und niederländischen Wirren verstrickt, die seine Regierungszeit bis zuletzt beherrschen. 

Reinald, der erste Herzog von Geldern, wurde beerbt von dem ältesten Sohn Reinald II. Der Bruder, Eduard, wollte sich damit nicht abfinden. Johann von Kleve stellte sich auf Seiten von Reinald II. und griff auch mit Truppen in den Bürgerkrieg ein. Zunächst schien Johann Erfolg zu haben: 1355 erhielt er als Lohn das wichtige Emmerich, die Liemersch und die Einkünfte der Veluwe verpfändet. 

Alte Positionen an der Maas und Waal (Nimweger Zoll, Ressen) musste er hingegen aufgeben, da dort Eduards Partei das Sagen hatte. 

1361 kam die Wende, als Eduard bei Thiel seinen Bruder besiegte, gefangen nahm und absetzte. Auch Johann musste sich zwei Jahre später mit Eduard aussöhnen und sich völlig aus Geldern zurückziehen. 

Die geldrische Politik hatte insgesamt mit einem Fiasko geendet. Moers war in diesem Konflikt verlorengegangen. Denn der überaus geschickte Johann von Moers, ein adeliges Finanzgenie, war der entscheidende Berater des siegreichen Eduard und konnte die klevische Lehnsherrschaft für die nunmehrige Grafschaft Moers abschütteln. Dadurch wurde das klevische Linn isoliert und fiel einige Jahrzehnte später an Köln.

Johann war am Ende bei den Städten und dem Adel hoch verschuldet. In seiner Regierungszeit fielen auch viele Krisen und Katastrophen: Pest, Judenpogrom, Hungersnöte und die seit dem 13. Jahrhundert auch am Niederrhein immer wieder auftretende Lepra.

Da seine Ehe ohne Nachkommen geblieben war, übernahm Adolf von der Mark, Sohn der ältesten Tochter Dietrichs IX., bis dahin Bischof von Münster, das Erbe der Nachkommen Rutgers aus dem Geschlecht der Flaminge. 

Adolf (Graf von 1368 bis 1394)...

war der erste Graf von Kleve aus dem Hause Mark. Bis 1609 regierte es das Klever Territorium. In die Regierungszeit Adolf fällt die Gründung der ersten Narrenorganisation Europas, der "gezelschap van den ghekken".  Auch rangt sich um die jüngste Tochter unter den sechzehn Kindern eine Sage, die der Dichter Gottfried Kinkel in seinem Stück "Otto der Schütz" (Passwortgeschützter Bereich)  verewigte.

Durch Erbfolge fiel 1391 die Grafschaft Mark, zu der das westfälische Gebiet von Bochum, Hagen, Altena und Hamm gehörte, an die Grafschaft Kleve.

Nach dem Tod seines gleichnamigen Vaters trat 1394 der 21jährige, am brabantischen Hof in Brüssel erzogene Graf Adolf II. die Herrschaft in Kleve an und stieg 1417, auf dem Konzil zu Konstanz, in den Rang des Herzogs von Kleve auf.

zuletzt beabeitet am 12.09.2010