Dr. Heinz Will:

Philipp von Kleve, Herr zu Ravenstein

Eine bedeutende Persönlichkeit europäischer Geschichte

 

Kalender für das Klever Land - Auf das Jahr 1978, Kleve 1977, S. 136 ff

Herzog Adolfs von Kleve Enkel Philipp, der einzige Nachkomme seines zweiten Sohnes Adolf und der Beatrix von Portugal, wurde im Jahre 1456 geboren, zu Le Quesnoy in der Grafschaft Hennegau - so sagt Philipp selbst in seiner biografischen »Proposicion« - zu Brüssel - so wird berichtet in einer Chronik von Brabant und Flandern. Das genaue Datum steht nicht fest, jedoch muss die Geburt vor dem 11. November 1456 gewesen sein, weil Beatrix von Portugal an diesem Tage nachweislich beim Empfang des Dauphin Ludwig in Brüssel zugegen war.

Philipp wuchs am burgundischen Hofe zusammen mit der fast gleichaltrigen Maria von Burgund, der Tochter Karl's des Kühnen, auf. Bei der nahen Verwandtschaft zum Hause Burgund und der Stellung seines Vaters Adolf von Kleve-Ravenstein in der burgundischen Staatshierarchie schien ihm eine geruhsame Laufbahn vorbestimmt zu sein. Der unerwartete Tod Karl's des Kühnen vor Nancy schuf jedoch mit einem Schlage eine gänzlich veränderte Situation in Europa. Die einzige Erbin der burgundischen Länder bestellte den im 6. Grade verwandten »Vetter« nebst seinem Vater Adolf von Kleve zum Generalstatthalter des burgundischen Reiches, das sich von der Nordsee bis an die Rhone erstreckte und eines starken Arms bedurfte. Philipp fiel damit die Aufgabe zu, der mit dem Tode Karl's ausgebrochenen kriegerischen Wirren Herr zu werden, die darauf abzielten, Teile der Länder aus diesem Reich loszulösen und sie Frankreich einzuverleiben.

Obgleich Philipp insgeheim damit gerechnet hatte, Maria von Burgund als Gattin heimführen zu können, entledigte er sich auch nach der Verehelichung Maria's mit Maximilian von Österreich, dem Sohne des deutschen Kaisers Friedrich III. dieser Aufgabe gegenüber dem Ehegemahl Maria's in aller Loyalität. Als die flandrischen Städte gegenüber Maximilian aufbegehrten und Brügge ihn sogar gefangen hielt, stellte Philipp sich den Städten sogar als Geisel zur Verfügung und erreichte dadurch, dass Maximilian auf freien Fuß gesetzt wurde. 

Den zum Generalkapitän von Flandern ernannten Philipp brachte Maximilian von Österreich in einen schweren Gewissenskonflikt, als er nach seiner Befreiung aus der Haft den gegenüber den flandrischen Städten abgelegten Eid brach und gegen Brügge und Gent zu Felde zog.

Aus Loyalität gegenüber den flandrischen Städten, denen er bei der Freilassung Maximilians sein Wort verpfändet hatte, glaubte Philipp sich den flandrischen Bürgern in dem ihnen aufgezwungenen Kampfe zur Verfügung stellen zu müssen. Das brachte ihm den kaiserlichen Bann ein, weil die Städte französische Hilfe in Anspruch genommen hatten.

Der Kampf führte zunächst zu einem vollen Erfolg für Philipp, der während dreier Jahre mit seiner inzwischen angetrauten Gattin Francoise von Luxemburg in Brüssel residieren konnte. Philipp musste Brüssel im Jahre 1489 jedoch überstürzt verlassen, als der deutsche Kaiser Friedrich III. mit starken Kräften heranrückte, um die aufständischen Städte wieder unter die Botmäßigkeit seines Sohnes Maximilian zu bringen. Eine Amnestie, die ihm von Maximilian angeboten wurde, schlug er jedoch aus. Er zog sich in das stark befestigte Sluis zurück, das als Zitadelle von Brügge galt, und verteidigte sich hartnäckig drei Jahre lang, bis er im Jahre 1492 vor der Obermacht der Kaiserlichen kapitulieren musste.

In dem Gefühl, dass sein Platz nach diesen Misserfolgen nicht länger in Burgund sein konnte, wo alle Parteien ihm mit Misstrauen begegneten, begab er sich an den Hof seines Vetters Ludwig von Orleans, der im Jahre 1498 überraschend als Ludwig XII. den französischen Thron (Passwortgeschützter Bereich) bestiegen hatte. Als Ludwig XII. im Jahre 1499 auszog, um die Pläne seines Vorgängers Karl VIII. in Italien und im Orient weiterzuverfolgen, stellte Philipp sich seinem Vetter zur Verfügung und begleitete ihn zusammen mit dem Vetter aus Nevers, Engelbert von Kleve, nach Italien. Nach der erfolgreichen Besetzung des Herzogtums Mailand und Genuas wurde Philipp von Ludwig XII. zum Vizekönig ernannt mit Residenz in Genua.

Bald setzte der französische König ihn jedoch bei der Verwirklichung seiner weiterreichenden Pläne ein. Philipp wurde mit dem Titel eines Admirals von Genua an die Spitze einer Flotte gestellt, die den siegreichen Sultan Bajazet II. zur Rechenschaft ziehen sollte, der gerade eine venezianische Flotte vernichtet hatte. Er eroberte zunächst Neapel und segelte dann weiter zum Orient. Auf der Insel Lesbos gelandet belagerte er Mitylene, musste diese Belagerung aber nach zwei fruchtlosen Eroberungsversuchen aufgeben, weil das verbündete Venedig und die Spanier es an der notwendigen Unterstützung fehlen ließen.

Auf dem Rückweg nach Italien erlitt das Schiff Philipps vor der Insel Kythera Schiffbruch. Philipp konnte sich mit nur wenigen Gefährten retten und war genötigt, einen Monat lang zwischen halbwilden Schafhirten zu verbringen, bis ihn eine venezianische Galeere, die zufällig auf der Insel landete, nach Tarent brachte.

Wenn die Expedition Philipps auch nicht das gesteckte Ziel verwirklichen konnte, so hatte sie doch den Türken zum Bewusstsein gebracht, dass sie bei weiteren Angriffen auf Italien damit rechnen mussten, im eigenen Lande angegriffen zu werden. Der Papst Alexander VI. erwies Philipp von Kleve daher, als er auf dem Wege nach Genua den Vatikan besuchte, die höchsten Ehrungen.

Obgleich Philipp in Genua großes Ansehen genoss, kehrte er nach einigen Jahren des Vizekönigtums in seine flandrische Heimat zurück. Seines Bleibens in Ravenstein und den übrigen Besitzungen war jedoch nicht lange, weil während seiner Abwesenheit in Genua ernste Unruhen ausgebrochen waren. Auf den erneuten Appell Ludwigs VII., ihm mit seinen politischen und militärischen Erfahrungen zu Diensten zu sein, kehrte Philipp am 15. August 1505 nach Italien zurück. Er zog mit königlichem Gepränge in Genua ein, legte sein Amt jedoch im Oktober desselben Jahres nieder, weil er zu der Überzeugung gekommen war, dass die französische Herrschaft über die unruhige Stadt nur noch mit Gewalt aufrecht zu erhalten gewesen wäre.

Da Philipp sich unterdessen dem 50. Lebensjahre näherte, zog er sich nach einem vorübergehenden Aufenthalt am Hofe seines Vetters Ludwig von Frankreich in Blois endgültig in die Heimat zurück. Er wurde am burgundischen Hofe, an dem Margarete von Österreich während der Minderjährigkeit des späteren Karl's V. regierte, wenn auch vielleicht nicht in Gunst, so doch in Gnaden aufgenommen. Sein langgehegter heißer Wunsch, Ritter des Ordens vom Goldenen Vlies zu werden, dem schon sein Vater Adolf von Kleve und sein Onkel Johann von Kleve angehört hatten, ging jedoch nicht in Erfüllung. Auf dem Ordenskapitel vom 25. Oktober 1516 verweigerte der Rat Philipp die Aufnahme, weil man ihm nachtrug, mit den flandrischen Städten gegen Maximilian gekämpft und Frankreich favorisiert zu haben.

Philipp lebte hinfort abseits der großen Politik auf seinen Schlössern Wynendale und Ravenstein, war aber ebenso häufig in den von seiner Frau ererbten Stadtpalais von Brügge und Gent anzutreffen. In Brüssel diente ihm das von seinem Vater geplante und von ihm selbst vollendete prunkvolle Hotel Ravenstein als Residenz, das heute noch als das einzige mittelalterliche Adelspalais - in Brüssel - in seiner ganzen Ausdehnung erhalten ist. Zu seinen Liebhabereien zählten das Sammeln von Gemälden, Skulpturen, Tapisserien und wertvolle Möbeln. Die Nachlassinventare veranschaulichen den ungeheuren Reichtum seiner Sammlungen, zu denen auch eine ausgedehnte Bibliothek gehörte. Einer der Hauptschätze dieser Bibliothek, das mit kostbaren Miniaturen ausgestattete »Stundenbuch des Philipp von Kleve«, wird seit einigen Jahren wieder in Brüssel aufbewahrt, nachdem es im Laufe der Jahrhunderte seinen Besitzer wiederholt gewechselt hatte und schließlich aus Amerika zurückgekauft werden musste. Zu den Gemäldesammlungen müssen auch die Porträts von Philipps Vater, Adolf von Ravenstein, die heute in London und Altena (Leihgabe der Sammlung Preußischer Kulturbesitz) aufbewahrt werden, und das wundervolle Ölporträt Philipps gehört haben, das sich im Museum Conde von Chantilly befindet.

Philipp sollte aus seiner Zurückgezogenheit noch einmal ins Rampenlicht der Öffentlichkeit treten, als der fünfzehnjährige - nachmalige deutsche Kaiser - Karl von Österreich das Erbe seines Vaters als Herzog von Burgund und König von Kastilien antrat und Philipp wieder an den burgundischen Hof berief. Schon vor diesem Zeitpunkt dürfte die Abhandlung Philipps über die Kriegsführung zu Lande und zur See mit dem Titel »lnstructions de toutes manières de guerroyer tant par terre que par mer« entstanden sein, die er Karl V. mit den Worten widmete: 

»données a Charle Roi de Castille par Philippe Duc de Clèves, Comte de la Marcke Seigneur de Ravenstein«.

Die letzten fünf Jahre seines Lebens brachte Philipp hauptsächlich auf Schloss Wynendale zu, das seine Großmutter Maria von Burgund bei ihrer Verheiratung mit Herzog Adolf von Kleve als Mitgift in die Ehe eingebracht hatte und das seinem Vater bei der Erbteilung mit seinem Bruder Johann l. im Jahre 1449 zugewiesen worden war. Auf Schloss Wynendale war es auch, wo ihn im Alter von wahrscheinlich 71 Jahren (wegen des fehlenden Geburtsdatums lässt sich nicht feststellen, ob Philipp das 72. Jahr bereits erreicht hatte) der Tod mitten aus dem Leben abberief. Es war am 28. Januar 1528 gegen 8 Uhr abends, als Philipp sich in heiterer Stimmung seinen Gästen widmete, die er auf Schloss Wynendale eingeladen hatte. Er hatte eben zu seiner Umgebung scherzhaft gesagt: »Mir scheint, dass ich niemals sterbe«, als ihn der Schlag traf. Eine Stunde später tat er den letzten Atemzug.

Philipp hatte, da seine Ehe kinderlos geblieben war, den zweiten Sohn seines Vetters Herzog Johann II. von Kleve namens Adolf adoptiert und mit Wynendale belehnt. Da Adolf im Jahre 1525 unverehelicht in Spanien starb, setzte er für einen Teil seines Vermögens, darunter die Herrlichkeit Ravenstein, Wilhelm von Kleve, den Sohn Herzog Johanns III. von Kleve, zu seinem Erben ein. Welche Hindernisse seitens des Hauses Burgund zu überwinden waren, bis Wilhelm das Erbe antreten konnte, schildert ausführlich der klevische Chronist Johannes Turck. Es dauerte volle fünf Jahre, bevor im Mai 1533 der »afscheid« erfolgen konnte, »dat hertog Wilhelmen dat schlot stadt und herlicheit Ravenstein sampt alle tohoir solde ingedain werden, dieselve to gebruiken als her Philips van Ravenstein letzt overleden, und seine vorsaten die gebruickt hadden«.

Wilhelm erbte aber auch die Häuser in Gent und Brügge sowie das Brüsseler Hotel Ravenstein, deren wertvolle Möbel von Turck besonders hervorgehoben werden. Im Brüsseler Hotel Ravenstein unterbrach Anna von Kleve ihre Reise, als sie auf dem Wege nach England war, um sich mit Heinrich VIII. zu vermählen.

zuletzt bearbeit am 25.09.2005