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Wer
in Kleve durch die großen Geschäftsstraßen wandert, um in den Schaufenstern
die reichhaltigen Auslagen zu prüfen, trifft in der Nähe der aus dem 15.
Jahrhundert stammenden Minoritenkirche auf die Kavarinerstraße.
Dieser Name erinnert an den bedeutenden Handel romanischer Kaufleute, die vom
13. bis zum 16. Jahrhundert im Klever Lande eine hervorragende Stellung
einnahmen. Weil in den Landes- und Stadtarchiven nur in seltenen Fällen die
Geburtsorte dieser fremden Fernhändler verzeichnet sind, war ihre Herkunft
sehr umstritten. Zwar wusste man, dass französische Kaufleute aus der
Champagne und vor allem aus Cahors am Lot-Flusse, der in die Garonne mündet,
im 12. und 13. Jahrhundert in den Städten am Rhein nicht nur Wein- und
Tuchhandel betrieben haben, sondern sich auch als Geldwechsler und Bankiers
betätigt hatten. Der Name der Kawersiner = Cahorsines, Kawariner und
Kawerschen, deutet darauf hin. Diese Namen scheint man im 14. Jahrhundert auf
alle Kaufleute aus Südeuropa übertragen zu haben, die sich vorwiegend mit
dem Geldhandel befassten. Der frühere Univ.-Professor Dr. Alois Schulte, der
fast ein Leben lang die deutsche Handelsgeschichte erforscht hat, schreibt in
seinen Büchern über "Geschichte des mittelalterlichen Handels- und
Verkehrs zwischen Westdeutschland und Italien", Leipzig 1910, "Der
Name Caorsiner, Cawirrschin, Kawerschen und wie er sonst lautet, ist schwer zu
deuten. Am meisten ist die Ableitung von Cahors angenommen, wenn sich auch die
korrekte lateinische Form Cadurcenses nicht hat nachweisen lassen. Es sind uns
Nachrichten enthalten, welche den Wucher der Einwohner von Cahors belegen ...
Ich verwende hier das Wort Kawerschen in der Einschränkung auf die im
Auslande angesiedelten Italiener."
In
jahrelangen Einzeluntersuchungen hat A. Schulte nachgewiesen, dass die meisten
in Westdeutschland vorkommenden sogenannten Kawerschen aus der Stadt Asti bei
Turin in der Lombardei stammen. Diese trieben zunächst Warenhandel mit Tuchen
und Juwelen, gingen aber bald zum Geldhandel über. Auf Waren gewährten sie
bei ihrer guten Kenntnis des Mobiliarpfandrechts große oder geringe Darlehen
gegen hohe Zinsen, den sogenannten Lombardkredit. Den Schutz der Landesherren
sicherten sie sich durch hohe Abgaben an die Hofkasse. Sie sind nomadenhaft
wanderlustig, betrieben Geldgeschäfte durch mehrere Familienmitglieder, so
dass dieselbe Familie nicht allein nacheinander, sondern mitunter fast
gleichzeitig in benachbarten Städten auftreten konnten, wie z. B. die
Montafia in Aachen, Düren, Roermond, Venlo, Goch und Arnheim, ebenso die de
Rotaris in mehreren Städten des Herzogtums Jülich. Am Niederrhein scheinen
sie von Anfang an auch als Geldwechsler aufgetreten zu sein. Dr. P. B.
Bergrath weist in seiner Abhandlung über "das Wüllenamt in Goch"
(Annalen des hist. Vereins f. d. Niederrhein, Köln, 1858) darauf hin. Sie
tauschten weitreisenden Kaufleuten, welche ausländische Münzsorten
mitgebracht hatten, gegen inländisches Geld um oder gaben ihnen beim Antritt
einer Reise die nötigen fremden Münzen. Wenn z. B. Kaufleute aus Goch alljährlich
zum Besuch der Handelsmesse in Frankfurt am Main reisten, wo sie einen festen
Standplatz im Gewölbe am Markt mit dem Wappenzeichen der Mispelblüte hatten,
mussten die Goch durch die Länder des Herzogs von Geldern, der Kurfürsten
von Köln, Trier und Mainz, des Herzogs von Berg oder des Grafen von
Katzenellenbogen reisen, in denen verschiedene Landesmünzen im Umlauf waren.
Aus diesem Geldwechsel erwuchs immer mehr der Darlehenshandel, der durch Pfänder
oder Bürgen gesichert war.
Über
südfranzösische und lombardische Kaufleute und Geldwechsler im Klever Lande
haben wir schriftliche Nachrichten erst aus der ersten Hälfte des 14.
Jahrhunderts. Im benachbarten Gelderland hatten sich nach den Forschungen von
Friedrich Nettesheim (Geschichte der Stadt und des Amtes Geldern, 1863, I, S.
62) schon 1332 lombardische Kaufleute niedergelassen. Diesen stellte Graf
Reinald II. am 13. Dezember 1332 einen Schutz- und Privilegienbrief aus. Für
eine jährliche Abgabe von 80 Pfund schwarzen kleinen Tournosen gewährte er
ihnen auf zehn Jahre Befreiung von sonstigen Leistungen, freies Geleit und
alle Rechte der einheimischen Bürger. Wie A. Nyhoff in seinem Buch "Gedenkwaardigheden
uit de Geschiedenis van Gelderland", 1830, meldet, lebten in den Jahren
1338 bis 1340 lombardische Händler in Roermond, Venlo, Goch und Arnheim, die
mit den Lombarden in Flandern und Brabant in Verbindung standen. Einen
besonders regen Geschäftsverkehr scheinen die lombardischen Kaufleute in
Kleve und Kalkar gehabt zu haben, denn in den Stadtrechten von Kleve befindet
sich ein im Jahr 1333 für die Schöffen angefertigtes Formular für
Schuldverschreibungen, das einem anderen in den Stadtrechten von Kalkar ähnlich
ist. ...
Wie
Dr. Robert Scholten in seinem 1905 in Kleve veröffentlichten Buch "Zur
Geschichte der Stadt Kleve" berichtet, begegnet man in Kleve zuerst im
Jahre 1335 zwei Lombarden, Laurenz und Johannes Bartaud. Sie hatten dem Grafen
von Geldern den Empfang einer Abschlagszahlung auf 4000 Pfund bescheinigt, die
er an die Lombarden in Kleve zu zahlen versprochen hatte. In den Urkunden
findet man 1346 eine Gesa, Witwe von Hermann Kauwersin, der kurz vorher
gestorben sein muss, und 1347 wieder einem Harmann Kauwersin, wahrscheinlich
ihrem Sohne. Wie mir Kreisarchivar Dr. Fr. Gorissen in dankenswerter Weise
mitteilte, scheinen diese Pfandleiher und Geldwechsler in Kleve aus den
Landschaften Guyenne oder Languedoc, d. h. Cahorsins = Kawersins gewesen zu
sein. Der Name ist ja eher südfranzösisch als italienisch. Diese Kawersins
wurden schon zu Anfang des 14. Jahrhunderts immer mehr im Geldhandel von
Lombarden abgelöst. 1367 verwendet man in den Niederlanden, Z. B. in Brügge,
den Ausdruck Cauwersinen für Lombarden (Giliodts van Severen, Inventaire des
Archives de Bruges, Bd. 2 S. 140). Dr. Gorissen hat in seinem 1952
erschienenen Buch über "Kleve" (Niederrheinischer Städteatlas)
noch festgestellt, dass Hermann Kauwersin schon 1342 und seine Witwe Gesa noch
1367 im Besitze eines hauses juxta murum fratrum minorum war, also neben dem
Minoritenkloster. Das Tor am Ende dieser Straße heiß 1361 porta Lombardorum.
Die Bezeichnung Kauwersin-Cahorsin war demnach Berufsbezeichnung für den
Bankier und Makler. Noch im 16. Jahrhundert erinnern in den Schöffenprotokollen
die Namen kauwersynsche poirt und kauwersynsche strait an die Lombarden in
Kleve. ...
Allgemein
waren die Kawersiner, ..., als Wucherer verrufen, da sie nicht selten jährlich
25 Prozent Zinsen für ein Darlehen nahmen. Obwohl sie bei dem bekannten
Zinsverbot der Kirche im öffentlichen Leben, besonders in Predigten der
Dominikaner, heftig verurteilt wurden, waren sie von den Landesfürsten bei
Geldverlegenheiten ins Land gelockt worden unter Verleihung vieler
Privilegien, wofür die Geldwechsler und Bankiers jährlich hohe Summen an die
Hofkasse abzuliefern hatten. ...
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