Dr. Dr. Carl Müller:

"Kavariner, Kawersiner, Kawerschen"

Lombardische Kaufleute am Niederrhein

Kalender für das Klever Land - Auf das Jahr 1962, Kleve 1961, S. 52 ff

 

In 2005 wechselte der Eigentümer: nunmehr wird das Gebäude als Café & Restaurant genutzt.

Wer in Kleve durch die großen Geschäftsstraßen wandert, um in den Schaufenstern die reichhaltigen Auslagen zu prüfen, trifft in der Nähe der aus dem 15. Jahrhundert stammenden Minoritenkirche auf die Kavarinerstraße. Dieser Name erinnert an den bedeutenden Handel romanischer Kaufleute, die vom 13. bis zum 16. Jahrhundert im Klever Lande eine hervorragende Stellung einnahmen. Weil in den Landes- und Stadtarchiven nur in seltenen Fällen die Geburtsorte dieser fremden Fernhändler verzeichnet sind, war ihre Herkunft sehr umstritten. Zwar wusste man, dass französische Kaufleute aus der Champagne und vor allem aus Cahors am Lot-Flusse, der in die Garonne mündet, im 12. und 13. Jahrhundert in den Städten am Rhein nicht nur Wein- und Tuchhandel betrieben haben, sondern sich auch als Geldwechsler und Bankiers betätigt hatten. Der Name der Kawersiner = Cahorsines, Kawariner und Kawerschen, deutet darauf hin. Diese Namen scheint man im 14. Jahrhundert auf alle Kaufleute aus Südeuropa übertragen zu haben, die sich vorwiegend mit dem Geldhandel befassten. Der frühere Univ.-Professor Dr. Alois Schulte, der fast ein Leben lang die deutsche Handelsgeschichte erforscht hat, schreibt in seinen Büchern über "Geschichte des mittelalterlichen Handels- und Verkehrs zwischen Westdeutschland und Italien", Leipzig 1910, "Der Name Caorsiner, Cawirrschin, Kawerschen und wie er sonst lautet, ist schwer zu deuten. Am meisten ist die Ableitung von Cahors angenommen, wenn sich auch die korrekte lateinische Form Cadurcenses nicht hat nachweisen lassen. Es sind uns Nachrichten enthalten, welche den Wucher der Einwohner von Cahors belegen ... Ich verwende hier das Wort Kawerschen in der Einschränkung auf die im Auslande angesiedelten Italiener."

In jahrelangen Einzeluntersuchungen hat A. Schulte nachgewiesen, dass die meisten in Westdeutschland vorkommenden sogenannten Kawerschen aus der Stadt Asti bei Turin in der Lombardei stammen. Diese trieben zunächst Warenhandel mit Tuchen und Juwelen, gingen aber bald zum Geldhandel über. Auf Waren gewährten sie bei ihrer guten Kenntnis des Mobiliarpfandrechts große oder geringe Darlehen gegen hohe Zinsen, den sogenannten Lombardkredit. Den Schutz der Landesherren sicherten sie sich durch hohe Abgaben an die Hofkasse. Sie sind nomadenhaft wanderlustig, betrieben Geldgeschäfte durch mehrere Familienmitglieder, so dass dieselbe Familie nicht allein nacheinander, sondern mitunter fast gleichzeitig in benachbarten Städten auftreten konnten, wie z. B. die Montafia in Aachen, Düren, Roermond, Venlo, Goch und Arnheim, ebenso die de Rotaris in mehreren Städten des Herzogtums Jülich. Am Niederrhein scheinen sie von Anfang an auch als Geldwechsler aufgetreten zu sein. Dr. P. B. Bergrath weist in seiner Abhandlung über "das Wüllenamt in Goch" (Annalen des hist. Vereins f. d. Niederrhein, Köln, 1858) darauf hin. Sie tauschten weitreisenden Kaufleuten, welche ausländische Münzsorten mitgebracht hatten, gegen inländisches Geld um oder gaben ihnen beim Antritt einer Reise die nötigen fremden Münzen. Wenn z. B. Kaufleute aus Goch alljährlich zum Besuch der Handelsmesse in Frankfurt am Main reisten, wo sie einen festen Standplatz im Gewölbe am Markt mit dem Wappenzeichen der Mispelblüte hatten, mussten die Goch durch die Länder des Herzogs von Geldern, der Kurfürsten von Köln, Trier und Mainz, des Herzogs von Berg oder des Grafen von Katzenellenbogen reisen, in denen verschiedene Landesmünzen im Umlauf waren. Aus diesem Geldwechsel erwuchs immer mehr der Darlehenshandel, der durch Pfänder oder Bürgen gesichert war. 

Über südfranzösische und lombardische Kaufleute und Geldwechsler im Klever Lande haben wir schriftliche Nachrichten erst aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Im benachbarten Gelderland hatten sich nach den Forschungen von Friedrich Nettesheim (Geschichte der Stadt und des Amtes Geldern, 1863, I, S. 62) schon 1332 lombardische Kaufleute niedergelassen. Diesen stellte Graf Reinald II. am 13. Dezember 1332 einen Schutz- und Privilegienbrief aus. Für eine jährliche Abgabe von 80 Pfund schwarzen kleinen Tournosen gewährte er ihnen auf zehn Jahre Befreiung von sonstigen Leistungen, freies Geleit und alle Rechte der einheimischen Bürger. Wie A. Nyhoff in seinem Buch "Gedenkwaardigheden uit de Geschiedenis van Gelderland", 1830, meldet, lebten in den Jahren 1338 bis 1340 lombardische Händler in Roermond, Venlo, Goch und Arnheim, die mit den Lombarden in Flandern und Brabant in Verbindung standen. Einen besonders regen Geschäftsverkehr scheinen die lombardischen Kaufleute in Kleve und Kalkar gehabt zu haben, denn in den Stadtrechten von Kleve befindet sich ein im Jahr 1333 für die Schöffen angefertigtes Formular für Schuldverschreibungen, das einem anderen in den Stadtrechten von Kalkar ähnlich ist. ...

Wie Dr. Robert Scholten in seinem 1905 in Kleve veröffentlichten Buch "Zur Geschichte der Stadt Kleve" berichtet, begegnet man in Kleve zuerst im Jahre 1335 zwei Lombarden, Laurenz und Johannes Bartaud. Sie hatten dem Grafen von Geldern den Empfang einer Abschlagszahlung auf 4000 Pfund bescheinigt, die er an die Lombarden in Kleve zu zahlen versprochen hatte. In den Urkunden findet man 1346 eine Gesa, Witwe von Hermann Kauwersin, der kurz vorher gestorben sein muss, und 1347 wieder einem Harmann Kauwersin, wahrscheinlich ihrem Sohne. Wie mir Kreisarchivar Dr. Fr. Gorissen in dankenswerter Weise mitteilte, scheinen diese Pfandleiher und Geldwechsler in Kleve aus den Landschaften Guyenne oder Languedoc, d. h. Cahorsins = Kawersins gewesen zu sein. Der Name ist ja eher südfranzösisch als italienisch. Diese Kawersins wurden schon zu Anfang des 14. Jahrhunderts immer mehr im Geldhandel von Lombarden abgelöst. 1367 verwendet man in den Niederlanden, Z. B. in Brügge, den Ausdruck Cauwersinen für Lombarden (Giliodts van Severen, Inventaire des Archives de Bruges, Bd. 2 S. 140). Dr. Gorissen hat in seinem 1952 erschienenen Buch über "Kleve" (Niederrheinischer Städteatlas) noch festgestellt, dass Hermann Kauwersin schon 1342 und seine Witwe Gesa noch 1367 im Besitze eines hauses juxta murum fratrum minorum war, also neben dem Minoritenkloster. Das Tor am Ende dieser Straße heiß 1361 porta Lombardorum. Die Bezeichnung Kauwersin-Cahorsin war demnach Berufsbezeichnung für den Bankier und Makler. Noch im 16. Jahrhundert erinnern in den Schöffenprotokollen die Namen kauwersynsche poirt und kauwersynsche strait an die Lombarden in Kleve. ...

Allgemein waren die Kawersiner, ..., als Wucherer verrufen, da sie nicht selten jährlich 25 Prozent Zinsen für ein Darlehen nahmen. Obwohl sie bei dem bekannten Zinsverbot der Kirche im öffentlichen Leben, besonders in Predigten der Dominikaner, heftig verurteilt wurden, waren sie von den Landesfürsten bei Geldverlegenheiten ins Land gelockt worden unter Verleihung vieler Privilegien, wofür die Geldwechsler und Bankiers jährlich hohe Summen an die Hofkasse abzuliefern hatten. ...

zuletzt bearbeit am 01.10.2005