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Seinen
ältesten Sohn, Erbprinz Johann, hatte Herzog Adolf II. von Kleve
In Brüssel bei den Verwandten seiner Frau erziehen lassen, am
burgundischen Hof, der damals in Fragen höfischer Lebensart und
der Mode, aber desgleichen des Kriegswesens, der Wissenschaften
und Künste in Europa tonangebend war. Auch die Literatur stand
dort in hohem Ansehen, insbesondere die Historiographie, so dass
der Marquis de Beaucourt, der Geschichtsschreiber Karls VII. von
Frankreich, sagen konnte: »L'histoire c'est faite bourguignonne.«
Helmut Dornke hat hervorgehoben, dass vielleicht mit Ausnahme des
stets anderweitig, zumeist mit dem Kriegführen beschäftigten
Jean sans Peur (Johann ohne Furcht) die Burgunderherzöge und ihre
Frauen samt und sonders leidenschaftliche Büchersammler und Leser
waren, wobei ihre besondere Zuneigung den illuminierten
Handschriften aus den berühmten Schreibwerkstätten Brügges, Brüssels,
Gents und Oudenaardes galt. Das große Interesse dieses Hofes an
den Wissenschaften führte 1426 zur Gründung der Universität Löwen.
Außerdem schätzte man die Malerei, so dass sich im Umkreis des
Brüsseler Hofs eine Schule von spezifischer flämischer Eigenart
etablieren konnte, der neben anderen Rogier van der Weyden, Jan
van Eyck und Hans Memling angehörten.
Indessen
war für die Augen schlichterer Zeitgenossen sicherlich weitaus
bemerkenswerter als derartige kulturelle Neigungen der modische
Aufwand in der Kleidung, den man am burgundischen Hof trieb - ein
unerhörter Luxus, der landauf, landab mit Staunen vermerkt wurde.
Und so musste es sich der in Brüssel zu einem modebewussten
jungen Herrn erzogene Erbprinz Johann von Kleve nach seiner Rückkehr
an den Niederrhein gefallen lassen, dass ihn die gaffenden Leute daheim wegen seiner auf der
Schwanenburg offenbar völlig unüblichen Eleganz »dat Kind van
Vlanderen« nannten. Selbst sein Vater nannte ihn wegen seiner
nach letztem burgundischen Modeschrei über und über mit Glöckchen
benähten Gewänder nur noch »Hanneken met de bellen« - auf
Hochdeutschi: Hänschen mit den Schellen.
Johann
aber hatte aus Brüssel nicht allein Sinn für modisches Äußere
mitgebracht, auch nicht bloß solide Kenntnisse in den
Wissenschaften, Geschmack an der Kunst und eine große Leselust,
sondern hatte dort auch unter der Aufsicht seines Onkels, Herzog
Philipps des Guten, eine gründliche militärische Ausbildung
genossen, wie sich schon bald nach seiner Rückkehr nach Kleve
zeigen sollte. Denn 1444 - der Erbprinz war gerade fünfundzwanzig
Jahre alt - brach jener bereits erwähnte fünfjährige Krieg aus,
den die Geschichtsbücher als Soester Fehde bezeichnen. Weil sich
aber Adolf II. für die Strapazen eines Feldzugs zu alt fühlte,
betraute er Hanneken met de bellen mit dem Oberbefehl über die
klevischen Truppen.
Soest,
zum Erzbistum Köln gehörend, war um 1440 der bedeutendste
Handelsort Westfalens und zählte, was heute kaum glaubhaft
erscheint, zu den größten Städten Deutschlands. Die später
nicht zuletzt durch die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges
zu einem unbedeutenden ländlichen Nest hinabgesunkene »grüne
Stadt« - so genannt wegen ihrer aus dem grünlichen Sandstein des
nahen Haarstranggebirges aufgeführten mittelalterlichen Bauten -
war im 14. und 15. Jahrhundert durch den Bier-, Wolle- und
Tuchhandel mit England) Skandinavien und Russland zu Reichtum
gelangt. Als aber derwegen seiner maßlosen Prachtentfaltung und
seiner ständigen Kriege in permanenter Geldnot sich befindende Kölner
Erzbischof Dietrich von Moers die altverbrieften Privilegien der
Stadt Soest anzutasten und sie durch Sondersteuern zu schröpfen
versuchte, rebellierten die Bürger, wandten sich eingedenk der kölnisch-klevischen
Erbfeindschaft um Hilfe an den Herzog von Kleve und schickten dem
Kölner Kirchenfürsten im Sommer 1444 ein kühnes Schreiben, in
dem sie ihm unverblümt mitteilten, sie hätten den Herzog »viel
lieber « und würden nun ihn als ihren Landesherrn betrachten.
Adolf ließ sich von den Soestern nicht vergeblich um Schutz
bitten, sondern schickte seinen Sohn Johann mit 2400 Fußsoldaten
und 800 Reitern nach Soest. Unterwegs nahm Johann dem Erzbischof
die kölnische Hälfte der immer noch zweigeteilten Stadt Xanten
in schnellem Handstreich weg, setzte bei Wesel über den Rhein und
erreichte nach einem Eilmarsch durch die klevische Grafschaft Mark
die an deren Ostgrenze gelegene Stadt Soest, wo ihn die Bürger
freudig empfingen und er ihnen den Treueid auf seinen Vater
abnahm.
Damit
war jedoch die Fehde, die sich wie es in Soester Annalen heißt,
noch zu einem Krieg ausweiten sollte, der Westfalen, freilich
nicht nur Westfalen, sondern auch Teile der klevischen und kölnischen
Lande »auf das Schrecklichste verwüstetes, noch lange nicht zu
Ende. Sie nahm im Gegenteil immer größere Ausmaße an -
desgleichen das Elend in den betroffenen Gegenden, wo Dörfer in
Flammen aufgingen, Städte berannt, erobert, eingeäschert oder
erfolgreich verteidigt wurden, wo Plünderungen, Mord und
Totschlag so sicher waren wie das Amen in der Kirche und Armut,
Hungersnot und Pestilenz sich als Folgen aller Kriegsgräuel
einstellten. Schließlich standen sich auf der einen Seite das
Herzogtum Kleve mit dem verbündeten Burgund) den Grafschaften
Hoya, Hohenstein und Lippe sowie den von Köln abgefallenen Städten
Münster, Osnabrück, Paderborn und Lippstadt und auf der anderen
Seite Köln mit Bayern, Sachsen, Nassau und Brandenburg gegenüber,
wodurch die Fehde, die mit dem Marsch der 2400 klevischen Fußsoldaten
und 800 Reiter beinahe harmlos begonnen hatte, zu einem großen
Orlog geworden war, in dem zeitweise über einhunderttausend Mann
im Felde standen - eine für damalige Verhältnisse riesige Zahl!
Denn 1447 hatte der Erzbischof von Köln auch noch ein in Sachsen
beschäftigungslos herumlungerndes böhmisches Söldnerheer
angeworben. Es stürmte schon im Sommer dieses Jahres vergeblich
Lippstadt, dessen Verteidigung Johann von Kleve persönlich
leitete, und stürmte kurz darauf ebenso vergeblich Soest, das
wiederum vom Erbprinzen verteidigt wurde, wobei der böhmische
Angriff jedes Mal im massierten Feuer der klevischen Geschütze
zusammenbrach. Doch als der Erzbischof den Böhmen nach diesen
blutigen Bataillon auch noch den versprochenen Sold schuldig blieb
und heimlich aus ihrem Lager vor Soest entwischte, knüpfte Johann
Verhandlungen mit ihnen an und überredete sie zum Ausscheiden aus
dem Krieg und zum Abzug aus dem Kriegsgebiet. Was er ihnen dafür
zahlte, weiß man nicht; fest steht, dass es nicht wenig war. Vor
ihrem Abmarsch begehrten sie jedoch den "Löwen von Lippstadt
und Soest" mit eigenen Augen zu sehen, und eskortiert von
zweitausend geharnischten klevischen Reitern ritt Johann in das böhmische
Lager, wo er "mit allen Beweisen der Achtung und Ehrfurcht
begrüßt wurde".
Der
am 19. September 1448 auf der Klever Burg verstorbene Herzog Adolf
II. erlebte das Ende der Soester Fehde nicht mehr - jenes Krieges,
dessen signifikantestes Merkmal es nach der Ansicht mancher
Historiker ist, dass in ihm die neuen Feuerwaffen erstmals
konsequent, massiert und somit kriegsentscheidend eingesetzt
wurden.
Neunundvierzig
Geschütze soll der Erbprinz auf den Wällen und Schanzen von
Lippstadt und zweiundsechzig in Soest zur Verfügung gehabt haben.
Doch nicht weniger groß als die Verluste, die die Stein- und
Eisenkugeln in den Sturmreihen der Böhmen verursachten war die
moralische Wirkung, wenn die brennenden Lunten an die Zündlöcher
der Geschütze gehalten wurden und sich sodann vor den entsetzten
Augen der Angreifer mit einem gewaltigen Donnerschlag eine Wand
aus Blitzen, Feuer und Qualm aufwarf. Der französische
Festungsbaumeister Vauban, der preußische General von Clausewitz
und der ebenfalls preußische Militärschriftsteller Paul von
Schmidt nannten den im Geschützfeuer liegengebliebenen Sturm der
Böhmen auf Lippstadt und Soest sogar die Geburtsstunde der
Artillerie als eigenständiger Waffengattung; sollte das richtig
sein, müsste man Johann von Kleve als den ersten Truppenführer
ansehen, der die junge Waffe richtig im Militärjargon von heute
ausgedrückt: klotzend, nicht kleckernd einzusetzen verstand. Seit
dem Ende des Jahres 1447 aber kam es zu keinen nennenswerten
Kampfhandlungen mehr. Deshalb konnte Johann nach dem Tod seines
Vaters im darauffolgenden Jahr sein Heer guten Gewissens verlassen
und die Weiterführung des militärisch bereits zugunsten Kleves
entschiedenen Krieges seinen Feldhauptleuten anvertrauen. Zuerst
begab er sich in seine Lande, um sich als neuem Herzog huldigen zu
lassen. Danach unternahm er eine Pilgerreise ins Heilige Land, von
der er erst 1451 zurückkehrte. Während jedoch die Reise nach
Jerusalem über Venedig geführt hatte, besuchte er auf dem Rückweg
Rom, um sich bei Papst Nikolaus V. zu bedanken. Denn inzwischen
war im Frühjahr 1449 die Soester Fehde auf einem von Herzog
Philipp dem Guten von Burgund einberufenen Friedenskongress mit
dem Beschluss beigelegt worden, die Entscheidung über den künftigen
Besitz der Stadt Soest dem Papst zu überlassen. Nikolaus sprach
daraufhin die Stadt dem Herzog von Kleve zu, und auch Kaiser
Friedrich III. gab der päpstlichen Entscheidung seine Zustimmung.
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