Günther Elbin:

Herzog Johann l. - Schöpfer der Artillerie
Kleve und die Soester Fehden

Kalender für das Klever Land - Auf das Jahr 1978, Kleve 1977, S. 96 ff

Den nachstehenden Auszug entnahmen wir dem Buch über die Lande zwischen Rhein und Maas, das Günther Elbin gegenwärtig für den Prestel Verlag, München, schreibt.

Seinen ältesten Sohn, Erbprinz Johann, hatte Herzog Adolf II. von Kleve In Brüssel bei den Verwandten seiner Frau erziehen lassen, am burgundischen Hof, der damals in Fragen höfischer Lebensart und der Mode, aber desgleichen des Kriegswesens, der Wissenschaften und Künste in Europa tonangebend war. Auch die Literatur stand dort in hohem Ansehen, insbesondere die Historiographie, so dass der Marquis de Beaucourt, der Geschichtsschreiber Karls VII. von Frankreich, sagen konnte: »L'histoire c'est faite bourguignonne.« Helmut Dornke hat hervorgehoben, dass vielleicht mit Ausnahme des stets anderweitig, zumeist mit dem Kriegführen beschäftigten Jean sans Peur (Johann ohne Furcht) die Burgunderherzöge und ihre Frauen samt und sonders leidenschaftliche Büchersammler und Leser waren, wobei ihre besondere Zuneigung den illuminierten Handschriften aus den berühmten Schreibwerkstätten Brügges, Brüssels, Gents und Oudenaardes galt. Das große Interesse dieses Hofes an den Wissenschaften führte 1426 zur Gründung der Universität Löwen.
Außerdem schätzte man die Malerei, so dass sich im Umkreis des Brüsseler Hofs eine Schule von spezifischer flämischer Eigenart etablieren konnte, der neben anderen Rogier van der Weyden, Jan van Eyck und Hans Memling angehörten.

Indessen war für die Augen schlichterer Zeitgenossen sicherlich weitaus bemerkenswerter als derartige kulturelle Neigungen der modische Aufwand in der Kleidung, den man am burgundischen Hof trieb - ein unerhörter Luxus, der landauf, landab mit Staunen vermerkt wurde. Und so musste es sich der in Brüssel zu einem modebewussten jungen Herrn erzogene Erbprinz Johann von Kleve nach seiner Rückkehr an den Niederrhein gefallen lassen, dass ihn die gaffenden Leute daheim wegen seiner auf der Schwanenburg offenbar völlig unüblichen Eleganz »dat Kind van Vlanderen« nannten. Selbst sein Vater nannte ihn wegen seiner nach letztem burgundischen Modeschrei über und über mit Glöckchen benähten Gewänder nur noch »Hanneken met de bellen« - auf Hochdeutschi: Hänschen mit den Schellen. 

Johann aber hatte aus Brüssel nicht allein Sinn für modisches Äußere mitgebracht, auch nicht bloß solide Kenntnisse in den Wissenschaften, Geschmack an der Kunst und eine große Leselust, sondern hatte dort auch unter der Aufsicht seines Onkels, Herzog Philipps des Guten, eine gründliche militärische Ausbildung genossen, wie sich schon bald nach seiner Rückkehr nach Kleve zeigen sollte. Denn 1444 - der Erbprinz war gerade fünfundzwanzig Jahre alt - brach jener bereits erwähnte fünfjährige Krieg aus, den die Geschichtsbücher als Soester Fehde bezeichnen. Weil sich aber Adolf II. für die Strapazen eines Feldzugs zu alt fühlte, betraute er Hanneken met de bellen mit dem Oberbefehl über die klevischen Truppen.

Soest, zum Erzbistum Köln gehörend, war um 1440 der bedeutendste Handelsort Westfalens und zählte, was heute kaum glaubhaft erscheint, zu den größten Städten Deutschlands. Die später nicht zuletzt durch die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges zu einem unbedeutenden ländlichen Nest hinabgesunkene »grüne Stadt« - so genannt wegen ihrer aus dem grünlichen Sandstein des nahen Haarstranggebirges aufgeführten mittelalterlichen Bauten - war im 14. und 15. Jahrhundert durch den Bier-, Wolle- und Tuchhandel mit England) Skandinavien und Russland zu Reichtum gelangt. Als aber derwegen seiner maßlosen Prachtentfaltung und seiner ständigen Kriege in permanenter Geldnot sich befindende Kölner Erzbischof Dietrich von Moers die altverbrieften Privilegien der Stadt Soest anzutasten und sie durch Sondersteuern zu schröpfen versuchte, rebellierten die Bürger, wandten sich eingedenk der kölnisch-klevischen Erbfeindschaft um Hilfe an den Herzog von Kleve und schickten dem Kölner Kirchenfürsten im Sommer 1444 ein kühnes Schreiben, in dem sie ihm unverblümt mitteilten, sie hätten den Herzog »viel lieber « und würden nun ihn als ihren Landesherrn betrachten. Adolf ließ sich von den Soestern nicht vergeblich um Schutz bitten, sondern schickte seinen Sohn Johann mit 2400 Fußsoldaten und 800 Reitern nach Soest. Unterwegs nahm Johann dem Erzbischof die kölnische Hälfte der immer noch zweigeteilten Stadt Xanten in schnellem Handstreich weg, setzte bei Wesel über den Rhein und erreichte nach einem Eilmarsch durch die klevische Grafschaft Mark die an deren Ostgrenze gelegene Stadt Soest, wo ihn die Bürger freudig empfingen und er ihnen den Treueid auf seinen Vater abnahm. 

Damit war jedoch die Fehde, die sich wie es in Soester Annalen heißt, noch zu einem Krieg ausweiten sollte, der Westfalen, freilich nicht nur Westfalen, sondern auch Teile der klevischen und kölnischen Lande »auf das Schrecklichste verwüstetes, noch lange nicht zu Ende. Sie nahm im Gegenteil immer größere Ausmaße an - desgleichen das Elend in den betroffenen Gegenden, wo Dörfer in Flammen aufgingen, Städte berannt, erobert, eingeäschert oder erfolgreich verteidigt wurden, wo Plünderungen, Mord und Totschlag so sicher waren wie das Amen in der Kirche und Armut, Hungersnot und Pestilenz sich als Folgen aller Kriegsgräuel einstellten. Schließlich standen sich auf der einen Seite das Herzogtum Kleve mit dem verbündeten Burgund) den Grafschaften Hoya, Hohenstein und Lippe sowie den von Köln abgefallenen Städten Münster, Osnabrück, Paderborn und Lippstadt und auf der anderen Seite Köln mit Bayern, Sachsen, Nassau und Brandenburg gegenüber, wodurch die Fehde, die mit dem Marsch der 2400 klevischen Fußsoldaten und 800 Reiter beinahe harmlos begonnen hatte, zu einem großen Orlog geworden war, in dem zeitweise über einhunderttausend Mann im Felde standen - eine für damalige Verhältnisse riesige Zahl! Denn 1447 hatte der Erzbischof von Köln auch noch ein in Sachsen beschäftigungslos herumlungerndes böhmisches Söldnerheer angeworben. Es stürmte schon im Sommer dieses Jahres vergeblich Lippstadt, dessen Verteidigung Johann von Kleve persönlich leitete, und stürmte kurz darauf ebenso vergeblich Soest, das wiederum vom Erbprinzen verteidigt wurde, wobei der böhmische Angriff jedes Mal im massierten Feuer der klevischen Geschütze zusammenbrach. Doch als der Erzbischof den Böhmen nach diesen blutigen Bataillon auch noch den versprochenen Sold schuldig blieb und heimlich aus ihrem Lager vor Soest entwischte, knüpfte Johann Verhandlungen mit ihnen an und überredete sie zum Ausscheiden aus dem Krieg und zum Abzug aus dem Kriegsgebiet. Was er ihnen dafür zahlte, weiß man nicht; fest steht, dass es nicht wenig war. Vor ihrem Abmarsch begehrten sie jedoch den "Löwen von Lippstadt und Soest" mit eigenen Augen zu sehen, und eskortiert von zweitausend geharnischten klevischen Reitern ritt Johann in das böhmische Lager, wo er "mit allen Beweisen der Achtung und Ehrfurcht begrüßt wurde".

Der am 19. September 1448 auf der Klever Burg verstorbene Herzog Adolf II. erlebte das Ende der Soester Fehde nicht mehr - jenes Krieges, dessen signifikantestes Merkmal es nach der Ansicht mancher Historiker ist, dass in ihm die neuen Feuerwaffen erstmals konsequent, massiert und somit kriegsentscheidend eingesetzt wurden.

Neunundvierzig Geschütze soll der Erbprinz auf den Wällen und Schanzen von Lippstadt und zweiundsechzig in Soest zur Verfügung gehabt haben. Doch nicht weniger groß als die Verluste, die die Stein- und Eisenkugeln in den Sturmreihen der Böhmen verursachten war die moralische Wirkung, wenn die brennenden Lunten an die Zündlöcher der Geschütze gehalten wurden und sich sodann vor den entsetzten Augen der Angreifer mit einem gewaltigen Donnerschlag eine Wand aus Blitzen, Feuer und Qualm aufwarf. Der französische Festungsbaumeister Vauban, der preußische General von Clausewitz und der ebenfalls preußische Militärschriftsteller Paul von Schmidt nannten den im Geschützfeuer liegengebliebenen Sturm der Böhmen auf Lippstadt und Soest sogar die Geburtsstunde der Artillerie als eigenständiger Waffengattung; sollte das richtig sein, müsste man Johann von Kleve als den ersten Truppenführer ansehen, der die junge Waffe richtig im Militärjargon von heute ausgedrückt: klotzend, nicht kleckernd einzusetzen verstand. Seit dem Ende des Jahres 1447 aber kam es zu keinen nennenswerten Kampfhandlungen mehr. Deshalb konnte Johann nach dem Tod seines Vaters im darauffolgenden Jahr sein Heer guten Gewissens verlassen und die Weiterführung des militärisch bereits zugunsten Kleves entschiedenen Krieges seinen Feldhauptleuten anvertrauen. Zuerst begab er sich in seine Lande, um sich als neuem Herzog huldigen zu lassen. Danach unternahm er eine Pilgerreise ins Heilige Land, von der er erst 1451 zurückkehrte. Während jedoch die Reise nach Jerusalem über Venedig geführt hatte, besuchte er auf dem Rückweg Rom, um sich bei Papst Nikolaus V. zu bedanken. Denn inzwischen war im Frühjahr 1449 die Soester Fehde auf einem von Herzog Philipp dem Guten von Burgund einberufenen Friedenskongress mit dem Beschluss beigelegt worden, die Entscheidung über den künftigen Besitz der Stadt Soest dem Papst zu überlassen. Nikolaus sprach daraufhin die Stadt dem Herzog von Kleve zu, und auch Kaiser Friedrich III. gab der päpstlichen Entscheidung seine Zustimmung.

zuletzt bearbeit am 04.10.2005