Jan Jessen

 

"Wider dem Hexenwahn - der humanistische Hof"

In Kleve wird Toleranz und Aufgeklärtheit gepredigt.

 

NRZ vom 3. Juli 1999 

Der Leibarzt des Herzogs, Johann Weyer, prangte erstmals öffentlich die Hexenverfolgung an.

 

1408 stirbt Heinrich Egher von Kalkar. Er hinterlässt eine Lehre, die die europäische Geistesgeschichte nachhaltig beeinflussen wird und den Niederrhein zu einem kulturell-pädagogischen Zentrum des Kontinents machen soll: die "devotio moderna".

Die Anhänger dieser Bewegung, die als Wegbereiter von Reformation und Humanismus gilt, sahen sich selber keineswegs als Protestler oder gar Revoluzzer - im Gegenteil, ihnen ging es darum, ihren Glauben durch intensives Studium der heiligen Schriften zu konkretisieren. Ihre Hingabe ("devotio") an den Glauben in der Stille und Abgeschiedenheit des heimischen Kämmerleins bewahrte die Anhänger dieser Bewegung vor der Verfolgung durch die Amtskirche, sie schienen in den Augen der geistlichen Würdenträger keine Gefahr für deren Autorität.

Tausende schlossen sich der neuen Lehre im Gebiet zwischen Kempen und Zwolle an, Zentren der Bewegung waren Kalkar, Uedem, Goch und Gnadenthal das durch die "devotio moderna" überregionale Bedeutung erlangte. Die Konzentration auf das Lesen geistlicher Texte hatte einen weiteren Effekt - das Schulwesen am Niederrhein blühte auf.

Am meisten profitierte Emmerich von dieser Entwicklung. Das Gymnasium der Stadt wurde zum Anziehungspunkt für Schüler aus dem gesamten rheinischen Raum, sogar von der Mosel stammten einige der 15- bis 18jährigen Gymnasiasten. Rund 2000 Schüler studierten dort Geistes- und Naturwissenschaften, ähnlich wie heutzutage an den Universitäten. 

Im 16. Jahrhundert erwies sich der Klever Hof in Folge der "devotio moderna" als ein Zentrum der Toleranz und Aufgeklärtheit. Während im restlichen Europa Reformationen und Gegenreformation tobten und der Hexenwahn seine blutigen Spuren hinterließ, hielt auf der Schwanenburg unter Herzog Johann III. der Humanismus Einzug - Klever Beamte gelten als erste deutsche Humanisten.

Einer der bekanntesten Vertreter der neuen Geistesrichtung, Erasmus von Rotterdam, schrieb viel im Auftrag Johanns.

Unter anderem stammt von ihm eine Schrift über moderne Pädagogik, die er dem Sohn Johanns, Prinz Wilhelm, dem späteren Wilhelm V., widmete.

Diese enthält für damalige Zeiten revolutionäre Sätze wie: "Viel leichter ist das für die Kinder zu lernen, was auf spielende Weise zu erlernen ist" - Montessori nahm diesen Gedanken Jahrhunderte später wieder auf. Auch als 1517 die Reformation ihren Anfang nahm (Anschlag der Lutherischen Thesen an die Pforten der Wartburg), reagierte der klevische Hof anders als das restliche Europa - 1532 entstand, ebenfalls im Auftrage Johanns, die erste ökumenische Kirchenverfassung Europas. Massive Kritik des Papstes, aber auch von Luther, lösten Sätze wie dieser aus: "Geistliche der alten und neuen Lehre (oder wie immer das genannt sein möge) haben sich des Scheltens untereinander zu enthalten."

Dem inquisitatorischen Hexenwahn, dem europaweit rund zwei Millionen Menschen zum Opfer fielen, wurde durch die Humanisten am Klever Hof etwas entgegengesetzt: der Leibarzt des Herzogs, Johann Weyer, wandte sich als erster öffentlich gegen die mörderische Verfolgung, der auch die Anhänger der Reformation frönten. Sätze wie folgenden schrieb er mit ausdrücklicher Unterstützung seines Dienstgebers: "Da habe ich es nun unternommen, (mich) an diese schwere Sache, die unser Christentum schändet, heranzuwagen, da niemand sonst die Hand zum Heilen dieser tödlichen Wunde hebt, arme, alte, verwirrte Weiber zu schweren Strafen heranzuziehen."

So kam es dazu, dass während der Herrschaft des Klever Herzoghauses keine einzige Frau als Hexe verbrannt wurde - was sich änderte, als das Herzoghaus an Brandenburg fiel.

Auch ansonsten war Johann Weyer ein überaus aufgeklärter Geist. So meinte er, dass es nur Gott zustünde, über Ketzer und Ketzerei zu urteilen. Es gelte, so Weyer "gottlose Dogmen" zu bekämpfen - den Menschen aber gelte es zu schonen, da dieser über allen Dogmen stünde. Sein Kampf gegen den Reliquienglauben ging in die Geschichte ein - profanen Gegenständen wie Kerzen und Glocken sollte die Weihe verweigert werden."

 

zuletzt aktualisiert am 04.10.2005