|
1408
stirbt Heinrich Egher von Kalkar. Er hinterlässt eine Lehre,
die die europäische Geistesgeschichte nachhaltig beeinflussen
wird und den Niederrhein zu einem kulturell-pädagogischen
Zentrum des Kontinents machen soll: die "devotio moderna".
Die
Anhänger dieser Bewegung, die als Wegbereiter von Reformation
und Humanismus gilt, sahen sich selber keineswegs als Protestler
oder gar Revoluzzer - im Gegenteil, ihnen ging es darum, ihren
Glauben durch intensives Studium der heiligen Schriften zu
konkretisieren. Ihre Hingabe ("devotio") an den
Glauben in der Stille und Abgeschiedenheit des heimischen Kämmerleins
bewahrte die Anhänger dieser Bewegung vor der Verfolgung durch
die Amtskirche, sie schienen in den Augen der geistlichen Würdenträger
keine Gefahr für deren Autorität.
Tausende
schlossen sich der neuen Lehre im Gebiet zwischen Kempen und
Zwolle an, Zentren der Bewegung waren Kalkar, Uedem, Goch und
Gnadenthal das durch die "devotio moderna" überregionale
Bedeutung erlangte. Die Konzentration auf das Lesen geistlicher
Texte hatte einen weiteren Effekt - das Schulwesen am
Niederrhein blühte auf.
Am
meisten profitierte Emmerich von dieser Entwicklung. Das
Gymnasium der Stadt wurde zum Anziehungspunkt für Schüler aus
dem gesamten rheinischen Raum, sogar von der Mosel stammten
einige der 15- bis 18jährigen Gymnasiasten. Rund 2000 Schüler
studierten dort Geistes- und Naturwissenschaften, ähnlich wie
heutzutage an den Universitäten.
Im
16. Jahrhundert erwies sich der Klever Hof in Folge der "devotio
moderna" als ein Zentrum der Toleranz und Aufgeklärtheit.
Während im restlichen Europa Reformationen und Gegenreformation
tobten und der Hexenwahn seine blutigen Spuren hinterließ,
hielt auf der Schwanenburg unter Herzog Johann III. der
Humanismus Einzug - Klever Beamte gelten als erste deutsche
Humanisten.
Einer
der bekanntesten Vertreter der neuen Geistesrichtung, Erasmus
von Rotterdam, schrieb
viel im Auftrag Johanns.
Unter
anderem stammt von ihm eine Schrift über moderne Pädagogik,
die er dem Sohn Johanns, Prinz Wilhelm, dem späteren Wilhelm
V., widmete.
Diese
enthält für damalige Zeiten revolutionäre Sätze wie:
"Viel leichter ist das für die Kinder zu lernen, was auf
spielende Weise zu erlernen ist" - Montessori nahm diesen
Gedanken Jahrhunderte später wieder auf. Auch als 1517 die
Reformation ihren Anfang nahm (Anschlag der Lutherischen Thesen
an die Pforten der Wartburg), reagierte der klevische Hof anders
als das restliche Europa - 1532 entstand, ebenfalls im Auftrage
Johanns, die erste ökumenische Kirchenverfassung Europas.
Massive Kritik des Papstes, aber auch von Luther, lösten Sätze
wie dieser aus: "Geistliche der alten und neuen Lehre (oder
wie immer das genannt sein möge) haben sich des Scheltens
untereinander zu enthalten."
Dem
inquisitatorischen Hexenwahn, dem europaweit rund zwei Millionen
Menschen zum Opfer fielen, wurde durch die Humanisten am Klever
Hof etwas entgegengesetzt: der Leibarzt des Herzogs, Johann
Weyer, wandte sich als erster öffentlich gegen die mörderische
Verfolgung, der auch die Anhänger der Reformation frönten. Sätze
wie folgenden schrieb er mit ausdrücklicher Unterstützung
seines Dienstgebers: "Da habe ich es nun unternommen,
(mich) an diese schwere Sache, die unser Christentum schändet,
heranzuwagen, da niemand sonst die Hand zum Heilen dieser tödlichen
Wunde hebt, arme, alte, verwirrte Weiber zu schweren Strafen
heranzuziehen."
So
kam es dazu, dass während der Herrschaft des Klever
Herzoghauses keine einzige Frau als Hexe verbrannt wurde - was
sich änderte, als das Herzoghaus an Brandenburg fiel.
Auch
ansonsten war Johann Weyer ein überaus aufgeklärter Geist. So
meinte er, dass es nur Gott zustünde, über Ketzer und Ketzerei
zu urteilen. Es gelte, so Weyer "gottlose Dogmen" zu
bekämpfen - den Menschen aber gelte es zu schonen, da dieser über
allen Dogmen stünde. Sein Kampf gegen den Reliquienglauben ging
in die Geschichte ein - profanen Gegenständen wie Kerzen und
Glocken sollte die Weihe verweigert werden."
|