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12000
Jahre Niederrhein - 800 Jahre Kleve
Das
Herzogtum: Umbruch
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Hinweis:
Im Hintergrund hören Sie Misit
me vivens pater vom
Musiker und Komponisten Martin Peudargent (um 1510 - vor 1594),
der am jülich-klevischen Herzogshof wirkte. Erfahren Sie mehr von
Martin
Peudargent (mit
Musikbeispielen) (Passwortgeschützter
Bereich) ... |
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Herzog
Johann III.
"der
Friedliche"
(10.11.1490
- 6.2.1539, Regierungszeit:
Herzog von Jülich-Berg ab 1511 und ab 1521 von Kleve jeweils bis
1539)
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Kaum
sechs Jahre alt war Johann III. als er bereits mit der ein
Jahr jüngeren jülich - bergischen Erbtochter Maria verlobt
wurde. Diese Kinderverlobung leitete die Bildung des
bedeutendsten Länderkomplexes des deutschen Westens im
16. Jahrhundert ein. Sie fand im
Schloss
Burg im Bergischen Land
(Passwortgeschützter
Bereich)
statt.
Die
Hochzeit wurde am 1.10.1510 im bergischen Düsseldorf
gefeiert, und als 1511 Marias Vater starb, trat das junge
Paar die Nachfolge zunächst in Jülich-Berg an.
Bereits
im Jahre 1515 hatte der durch Krankheit und Gicht an das
Lager gefesselte alte Herzog Johann II. die Absicht
bekundet, die Regierungsverantwortung auch im Herzogtum
Kleve-Mark auf den Sohn zu übertragen. Die Landstände
(Passwortgeschützter
Bereich) fanden sich jedoch dazu nicht bereit,
weil der Jungherzog in den ersten Jahren seiner Regierung
in Jülich-Berg zu Üppigkeit und Verschwendung neigte und
einen derart glanzvollen und luxuriösen Hof führte, dass
zur Abdeckung von Schulden ganze Dörfer und Herrschaften
verpfändet werden mussten und das jülich - bergische
Land unter den Steuern und Abgaben schwer zu tragen hatte.
So wurde er erst Herzog von Kleve, als er die Dreißig
überschritten hatte und das jugendliche Ungestüm durch
den Vater gedämpft worden war.
Nach
dem Tode Johanns II. 1521 wurde die Vereinigung Kleve -
Marks mit Jülich - Berg - Ravensberg vollzogen. Sie fand
zwar in dem gemeinsamen Herrscher, aber noch längst nicht
in einer Hauptresidenz ihren Ausdruck. Der Ausbau des Düsseldorfer
Schlosses und die zentrale Lage Düsseldorfs wiesen zwar
schon den Weg zur dereinstigen Landeshauptstadt. Jedoch
weilte Johann noch mindestens so lange in Kleve wie in der
bergischen Hauptstadt.
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| Vereinigung
der Territorien |
Stammtafeln
der Häuser Kleve, Mark, Berg und
Jülich |
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Seine
Rolle als mächtigster Fürst im Westen des Reiches, und
dies unter den erschwerten Bedingungen der stürmischen
Reformationsjahre, versuchte Johann gerecht zu werden.
Dabei wurde er von hervorragenden Räten, unter ihnen die
gelehrten Humanisten Konrad
Heresbach und Johann van Vlatten, unterstützt. In
seiner 1534 erlassenen Hofordnung reformierte er die für
beide Doppelterritorien nach wie vor getrennten
Zentralverwaltungen in Kleve und Düsseldorf.
Johann
hielt politisch zu Karl
V., von dem er
gegebenenfalls die Zustimmung zur Erbfolge auch in Geldern
zu erlangen hoffte, das der "territoriale
Schlussstein (Petri)" seines Herrschaftsgebäudes
werden sollte. Er bekämpfte also die lutherischen
Unruhen. Andererseits erkannte er die kirchlichen Missstände
in seinen Ländern. So versuchte er, als Landesherr selbst
reformierend einzugreifen, indem er 1532/33
eine Kirchenordnung
(Passwortgeschützter
Bereich) erließ. Damit beschritt er den von Erasmus
von Rotterdam gewiesenen Weg des Ausgleichs "via
media" zwischen den aufbrechenden konfessionellen
Gegensätzen. Unerbittlich griff er allerdings gegen die
Wiedertäufer durch. |
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| Karl
von Egmond, Herzog von Geldern - Kopie
(Ausschnitt) eines verschollenen Gemäldes von
Barthel Bruyn (?), Arnheim, Gemeentemuseum |
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1523
bestimmte Johann den erasmisch gesinnten Konrad Heresbach
zum Erzieher seines achtjährigen Sohnes Wilhelm. 1527 gab
er seine Tochter
Sibylle (Passwortgeschützter
Bereich) dem lutherischen Kurprinzen Johann
Friedrich von Sachsen zur Frau und ließ anlässlich der
Verlobung im Düsseldorfer Schloss dessen Prediger Myconius
auftreten.
Als
Heinrich der VIII. von England sich um Johanns Tochter
Anna bewarb, galt
der Herzog von Kleve bereits als einer der Exponenten des
Protestantismus in Deutschland, mit dem der englische König
wegen seines Zerwürfnisses mit Papst und Kaiser aus
politischen Gründen eine Bindung herzustellen suchte,
wenngleich der Herzog formal den im Schmalkaldischen Bund
zusammengeschlossenen protestantischen Fürsten noch nicht
angehörte.
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Wenn
er sich in seinen späteren Regierungsjahren den Beinamen
"der Friedliche" erwarb, so wohl in erster Linie
wegen seiner klugen geldrischen Politik, die schließlich
zu der Eingliederung auch dieses
Herzogtums in die klevischen Lande führte. Mit dem
alten und ränkevollen Herzog von Geldern, Karl
von Egmond, gelang es im Jahre 1527 einen Friedens-
und Freundschaftsvertrag zustande zu bringen. Zur
Befestigung dieses friedlichen Verhältnisses wurde die
Heirat der Prinzessin Anna van Cleve, der nachmaligen
Gattin Heinrichs VIII. von England, mit dem Sohne des
Herzogs von Lothringen, einem Enkel Karls, verabredet.
Als
diese Heirat bis zum Jahre 1537 noch nicht
zustande gekommen war, die geldrischen Stände
aber wegen des hohen Alters Karls, der zerrütteten
Verhältnisse im Lande und der im Falle seines
Todes zu gewärtigenden Erbstreitigkeiten auf eine
Erbregelung drängten, ließ Johann auf dem
Landtag, der 1537 in Nijmegen zusammentrat, durch
eine eigens zu diesem Zwecke entsandte Abordnung
einen Unions-Vorschlag für die beiden Länder
unterbreiten, der die Heirat seines ältesten
Sohnes Wilhelm mit der Prinzessin von Lothringen,
der Enkelin Karls, zur Grundlage haben sollte. Die
Darlegung der klevischen Räte überzeugten die
Versammlung so sehr von den Vorzügen einer
Vereinigung mit Kleve, dass die geldrischen Landstände
beschlossen, die Länder Geldern und Zutphen auch
dann an Kleve kommen zu lassen, wenn die
projektierte Heirat zwischen den Häusern Kleve
und Lothringen scheitern würde. Da Herzog Karl
sich gegen Zusicherung einer Rente und Zahlung
einer Abfindung auch damit einverstanden erklärte,
dass der Herzog von Kleve zu seinen Lebzeiten
bereits die Schutzherrschaft über Geldern und
Zutphen übernehme, kam es am 27. Januar 1538 zum
Vertragsschluss, der von den beiderseitigen Ständevertretern
durch Unterschrift und Siegel bekräftigt und im
folgende Jahre nach dem Tode Karls durch die
Huldigung der geldrischen Ritterschaft und der Städte
bereits verwirklicht wurde.
Die
Erkenntnis, dass seine Kirchenpolitik auf die
Dauer die Glaubenseinheit nicht bewahren konnte,
hat ein früher Tod ihm ebenso erspart wie jenen
schweren Konflikt mit dem Kaiser, der sich aus dem
Vertrag vom 27.1.1538 mit den geldrischen Ständen
über die Erbfolge seines Sohnes Wilhelm in
Geldern und Zutphen nach dem zu erwartenden
kinderlosen Tod Herzog Karls von Egmond (1492 -
1538) entwickeln sollte. Auch erlebte er nicht
mehr das Scheitern der Ehe zwischen seiner Tochter
Anna und dem englischen König Heinrich VIII. im
Jahre 1540.
Johann
starb am 6.2.1539 unerwartet im Alter von 49
Jahren an einem Schlaganfall. Er wurde, wie sein
Vater und sein Großvater, in der Stiftskirche zu
Kleve beerdigt. |
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Herzog
Wilhelm V.
"der
Reiche"
(28.7.1516
- 5.1.1592, Regierungszeit: Herzog von Geldern von 1538 bis 1543
und von Kleve-Jülich-Berg von 1539 bis 1592)
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Wilhelm
stand zeitweise im Brennpunkt europäischer Geschichte;
das Schicksal des soeben gebildeten Großterritoriums
Geldern - Zutphen - Jülich - Berg - Ravensberg - Kleve -
Mark lag zum Zeitpunkt der schwersten Bedrohung in seiner
Hand.
Seit
seinem siebten Lebensjahr (1523) von dem hochgebildeten Humanisten
Konrad Heresbach am Klever Hof erzogen, begann Wilhelm
seine Fürstenlaufbahn 22jährig, indem er aufgrund von
Vereinbarungen mit den geldrischen Ständen und Herzog
Karl von Egmond nach dessen Tod am 30.6.1538 zunächst die
Herrschaft im Herzogtum Geldern und in der Grafschaft
Zutphen antrat. Dreiviertel Jahr später fielen ihm nach
dem plötzlichen Tod seines Vaters, des Herzogs Johann
III., am 6.2.1539 die Erblande Kleve-Mark und Jülich-Berg-Ravensberg
zu. Er gebot nun über eine fast geschlossene Ländermasse
im Stromgebiet von Rhein und Maas, die sich von oberhalb
Bonn bis tief ins Rheindelta (Zaltbommel) und an die
Zuiderzee (Harderwjk) sowie weit nach Westfalen hinein
(Bielefeld) erstreckte. Dieser Territorienverbund
(Passwortgeschützter
Bereich) war der größte in der Geschichte
Kleves und entsprach in den Ausmaßen dem heutigen Land
Nordrhein-Westfalen!
Dieses
"Land im Mittelpunkt der Mächte" zu
konsolidieren oder auch nur zu behaupten, hätte auch die
Möglichkeiten einer erfahreneren und souveräneren Persönlichkeit,
als Wilhelm es war, überfordert. In seiner Person
prallten die Interessen Karl V. (1519 König, 1530 - 1556
Kaiser), der niederländischen Regentin Maria, des
Protestantismus (Schmalkaldischen Bund), der römischen
Kurie, der erstarkenden Stände, der Könige von England
und Frankreich aufeinander. Mit welcher dieser Mächte
auch immer er die Interessen seines Hauses zu
verbinden suchte, sie ließen sich auf die Dauer nicht
behaupten.
Um
sich militärischen Rückhalt gegen Karl V., der auf den
habsburgischen Erbanspruch auf Geldern bestand, beim französischen
König
Franz I. (1515-1547)
zu verschaffen, ließ Wilhelm sich auf eine Ehe (am
14.6.1541) mit der 13jährigen Nichte des Königs, Jeanne
d`Albret (auch Johanna von Navarra), ein, doch ist es zur
Übergabe der widerstrebenden Prinzessin an Wilhelm nie
gekommen, so dass die Ehe am 12.10.1545 auf Interventionen
des französischen Königshauses durch päpstliche Bulle
für nichtig erklärt wurde.
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Anna
von Kleve auf einer englischen Briefmarke aus dem
Jahr 1997 |
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In
diesem Falle mag es ebenso, wie im Falle der zur selben
Zeit gescheiterten Ehe von Wilhelms Schwester Anna
von Kleve
(Passwortgeschützter
Bereich)
mit König Heinrich VIII. von England
(1509-1547), die Frage dahingestellt bleiben, ob die persönlichen
oder die politischen Umstände den Ausschlag gegeben
haben. Weder der englische noch der französische König,
noch die deutschen Protestanten haben Wilhelm im
geldrischen Erbfolgekrieg gegen den Kaiser nachhaltig
unterstützt. Auch Wilhelms Bemühen, zwischen den sich
immer schärfer voneinander absetzenden christlichen
Konfessionen einen dritten Weg in Form eines
Reformkatholizismus zu beschreiten, hat ihm politisch
immer wieder geschadet.
Zu
größeren kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem
Reichsheer kam es seit dem Jahre 1542, in dem der König
von Frankreich ein Heer unter dem Herzog von Longueville
in Brabant einfallen ließ, mit dem sich die
klevisch-geldrische Streitmacht unter dem Feldhauptmann
Martin van Rossum vereinigte. Diese für Kleve zunächst
günstig verlaufenden Kämpfe, von denen der Sieg Wilhelms
über die Kaiserlichen bei Sittard im Jahre 1543 den in
Paris mit einem Dankfest gefeierten Höhepunkt darstellte,
folgte die Unterwerfung des jungen klevischen Herzogs in
Venlo. |
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Ohne französische Hilfe gegen
die aus Afrika zurückgekommene Streitmacht des Kaisers Karl V.,
bestehend aus 30.000 Mann spanischer und italienischer
Elitetruppen, sah sich Herzog Wilhelm 1543 einer Übermacht
gegenüber. Der Fall Dürens - mit der zu Abschreckungszwecken
befohlenen Niedermetzelung der gesamten männlichen Bevölkerung
- verbreitete einen derartigen Schrecken, dass sich Jülich,
Roermond und die anderen jülischen Städte ohne Widerstand
ergaben.
Wilhelm
begab sich am 6.9. ins kaiserliche Feldlager vor Venlo. Er
musste Karl sein "Unrecht" eingestehen und wurde
danach wieder in Gnaden aufgenommen. Seine Niederlage
wurde im Vertrag von Venlo vom 7.9.1543 besiegelt, in dem
er endgültig auf das Herzogtum Geldern und die Grafschaft
Zutphen verzichten und sich verpflichten musste, seine Länder
bei der alten Lehre zu belassen und alle bereits
getroffenen kirchlichen Neuerungen rückgängig zu machen.
Er musste darüber hinaus dem Bündnis mit Frankreich
entsagen, was den französischen König veranlasste den
Ehevertrag mit Jeanne d`Albret aufzulösen. Kaiser
Karl V. band den gedemütigten Wilhelm danach fest an sein
Haus und seine Politik, indem er die Vermählung Wilhelms
mit Maria von Österreich, der Tochter seines Bruders, des
Königs
Ferdinand (1531 römischer König, 1558 - 1564 Kaiser),
herbeiführte. Die Hochzeit wurde am 18.7.1546 zu
Regensburg in Anwesenheit des Kaisers und vieler
Reichsfürsten gefeiert.
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Herzogin
Maria von Jülich-Kleve-Berg. Gemälde eines unbekannten
Malers, 1554. Schloss Ambras bei Innsbruck |
Herzog
Wilhelm der Reiche von Jülich-Kleve-Berg in spanischer
Hoftracht, 1591. Johann Malthain, Düsseldorf,
Stadtmuseum |
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| Damit waren die
Träume der klevischen Herzöge von einer niederrheinischen
Großmacht jäh beendet. Fortan war Kleve in der innerdeutschen
Politik als selbständiger Faktor so gut wie ausgeschaltet!
Mit
dem Schicksalsdatum von Venlo begann nicht zuletzt die -
dann später immer bedeutungsvoller gewordene - nationale
Trennung zwischen dem deutschen Rheinland und den
Niederlanden. Die bis dahin noch belanglose Grenze
zwischen Kleve und Geldern verlief durch ein Land, das von
der gemeinsamen Geschichte dieser beiden Territorien und
von ihrer gemeinsamen Sprache geprägt war. Ein Wendepunkt
war Venlo schließlich selbst für die gesamte deutsche
Geschichte: mit der Demütigung des evangelisch gewordenen
Herzogs durch die katholische Partei des Kaisers hatten
sich die Aussichten der Protestanten, den gesamten
Niederrhein für ihr Bekenntnis zu gewinnen, endgültig
zerschlagen.
In
der Folgezeit beschränkte sich Wilhelms Politik
weitgehend auf innere Reformen in seinen Ländern, sowohl
auf dem Gebiete der Verwaltung und des Rechts, wie dem der
Kirche und der Bildung. Düsseldorf wurde zur Hauptstadt
des Territoriums ausgebaut. Im Auftrag des Herzogs war u.
a. der italienische Baumeister Alessandro
Pasqualini (1493-1559) tätig. Der intensiv verfolgte
Plan, eine Landesuniversität in Duisburg zu errichten,
scheiterte nicht zuletzt daran, dass die römische Kurie
Zweifel an Wilhelms Rechtgläubigkeit nicht unterdrücken
konnte. Tatsächlich ließ Wilhelm seine vier Töchter in
lutherischem Geiste, seine beiden Söhne Karl Friedrich
und Johann Wilhelm dagegen streng katholisch erziehen.
1566
erlitt Wilhelm mehrere Schlaganfälle, die zu einer Lähmung
der Zunge und der rechten Hand führten; dazu trat eine
Wirbelsäulenverkrümmung, so dass Wilhelm in ein
jahrzehntelanges Siechtum verfiel.
Wilhelms
begabter älterer Sohn Karl Friedrich, geboren 1555,
sechzehnjährig zur Erziehung an den Wiener Hof gesandt,
starb schon am 9.2.1575, knapp zwanzigjährig, in Rom an
den Pocken und wurde in der Kirche
Santa Maria dell`Anima beigesetzt. Die letzten
Hoffnungen des Hauses Kleve ruhten nun auf dem jüngeren
Bruder Johann Wilhelm, geboren 1562.
Während
Wilhelm in immer tiefere Apathie versank, kehrte der Hof völlig
zum Katholizismus zurück. In dieser ohnehin schwierigen
Phase wurde das Klever Land zusätzlich noch mit den
Auswirkungen des Truchsessischen
Krieges konfrontiert.
Wilhelm
starb am 5.1.1592 im 75. Lebensjahre, nach 53jähriger
Regierungszeit, und wurde in
der Lamberti-Stiftskirche zu Düsseldorf bestattet
(Passwortgeschützter
Bereich).
Strukturwandel
Die
Phase der krankheitsbedingten Führungslosigkeit im Klever
Land zwischen 1566 und 1592 fiel in eine Zeit des
Strukturwandels, indem die wirtschaftlichen Grundlagen der
Vergangenheit in ihren Grundfesten erschüttert wurden.
Die
Entdeckung der großen Reichtümer jenseits der Weltmeere
hatte Rückwirkungen auf ganz Mitteleuropa. Mit ihnen
traten nun die Anrainer des Atlantik, darunter auch
Holland und England, in den Vordergrund. Amsterdam und
Antwerpen wurden zu neuen Handelsmetropolen im Westen.
Der
Zufluss des überseeischen Edelmetalls und die Vermehrung
der Edelmetallvorräte führten zur Geldentwertung. Sie
bedrohte den Wohlstand aller Bevölkerungskreise, der
Bauern ebenso wie des Bürgertums und der Ritterschaft.
Der
niederrheinische Getreideexport in die Niederlande begann
zu stagnieren, da es durch die Einführung neuer,
leistungsfähiger Schiffstypen günstiger wurde Getreide
aus dem Baltikum zu importieren.
Die
Krise in der Tuchmacherei durch den Import günstiger überseeischer
Textilien führte zur Verarmung einiger Städte (z. B.
Kalkar) im Herzogtum.
Das
wirtschaftliche Gewicht im Herzogtum verlagerte sich von
den agrarischen Gebieten am Rhein zu den nun aufstrebenden
Stätten der Eisenhämmer, der Waffenindustrie und der
Herstellung von Stahlwaren im Bergischen und im märkischen
Sauerland. Ebenso gewann der Steinkohlenbergbau an der
Ruhr zunehmend an überörtlicher Bedeutung.
Reformation
und Glaubenskriege - der Niederrhein als Schauplatz des
Niederländischen
Krieges
Die
unmittelbaren und mittelbaren Auswirkungen der Reformation
und der Glaubenskriege haben das Klever Land - trotz aller
Bemühungen um Toleranz und Neutralität - in voller Härte
getroffen.
Herzog
Wilhelm hat den vermittelnden, jede Polarisierung zwischen
den Konfessionen vermeidenden Weg seines Vaters nicht
verlassen. Soweit öffentlich eine konfessionelle
Entscheidung getroffen werden musste, fiel sie am jülich-klevischen
Hof zugunsten der alten Kirche aus. Aber nicht wenige
Mitglieder der herzoglichen Familie waren mit
protestantischen Fürsten verheiratet. Die humanistische
Gesinnung des Landesherrn eröffnete generell die Möglichkeit
der Glaubensfreiheit und die Auseinandersetzungen zwischen
Katholiken und Protestanten verliefen im Klever Land ohne
nennenswerte Spannungen.
In
den spanischen Niederlanden hingegen wurden unter der
streng katholischen Regentschaft der Habsburger die
"Ketzer" streng durch die Inquisition verfolgt.
Trotzdem breitete sich die Reformation immer weiter aus.
Ein ganzer Strom von Glaubensflüchtlingen, überwiegend
wirtschaftlich aktive und wohlhabende Menschen, verließen
ihre Heimat und flohen nicht selten in das tolerante
Herzogtum Jülich-Kleve-Berg.
Diesen
Menschen, deren Tatkraft und Know-how ist ein erneuter
wirtschaftlicher Aufschwung mit zu verdanken. Ebenso wie
in Wesel waren in Duisburg, aber auch in Kleve, Kalkar,
Rees, Xanten und Goch Weber und Tuchmacher, Goldschmiede
und Seifensieder hoch willkommen und gaben dem
Wirtschaftsleben am Niederrhein als qualifizierte
Unternehmer nachhaltig neue Impulse.
Peter
Minuit
(Passwortgeschützter
Bereich), geboren zwischen 1584
und 1589 in Wesel als Sohn calvinistischer Glaubensflüchtlinge,
gründete die Stadt Neu Amsterdam, die später von den
Engländern in New York umbenannt wurde.
Auch
der
Humanist Geradus Mercator war ein Glaubensflüchtling.
Dieser Schöpfer der ersten modernen Landkarten siedelte
1552 als Kosmograph des Herzogs Wilhelm nach Duisburg über.
Die
Aufnahme niederländischer protestantischer (häufig
calvinistisch geprägter) Flüchtlinge in klevischen Städten
trug Wilhelm dem Reichen schwere Herausforderungen Herzog
Albas ein, der 1567 bis 1572 in den spanischen
Niederlanden eine blutige Statthalterschaft führte. Alba
veranlasste, dass ein habsburgischer Gesandter am Klever
Hof für eine schärfere politische und konfessionelle
Kontrolle sorgen sollte. Dennoch konnte allein die Stadt
Wesel Zuflucht für über 8.000 wallonische, englische und
niederländische Religionsflüchtlinge bieten. Die Stadt
trägt seitdem den Ehrennamen "Vesalia
hospitalis".
Der
Kampf
der Niederländer
um ihre religiöse und staatliche Unabhängigkeit von
Spanien fand im Klever Land Sympathie und Förderung auch
durch aktive Teilnahme. Einer der
wichtigsten Mitarbeiter
von Prinz Willem von Oranien, für den er militärische
Feldzüge
vorbereitete und 1572 als Gouverneur in Nord-Holland - im
Noorderkwartier - Dienst schob, war der in Kalkar geborene
Diederik
Sonoy.
Aber
dieser 1568 begonnene Krieg leitete die Verheerung und
Leiden ein, von denen der Niederrhein im Spanisch-Holländischen
Krieg - und bis weit über den Westfälischen Frieden
hinaus - heimgesucht wurde. |
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Der
Freiheitskampf der Niederlande 1559 - 1648 |
Schenkenschanz:
Karte der Belagerung durch Johann Jacob Schort,
April 1636. Der Norden befindet sich auf der
unteren Seite. |
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| Herzog Wilhelm
hatte Herzog Alba den freien Durchzug seiner Truppen durch die
Länder des Herzogtums unter der Bedingung gestattet, dass sie
die Neutralität von Jülich, Kleve und Berg respektieren und
seine Untertanen schonten.
Aber
nun bot sich für die streitenden Mächte die Gelegenheit,
ihre Feldzüge außerhalb des eigenen Landes zu führen.
Spanier und Niederländer befestigten den Niederrhein mit
Schanzen, um strategisch wichtige Punkte zu sichern. Einer
der wichtigsten war für die Niederländer die Stromgabelung
des Rheins bei Kleve, wo zwischen den Stromarmen von Waal
und Niederrhein 1586 die Festung Schenkenschanz errichtet
wurde. Diese Stromfestung galt als uneinnehmbar.
Das
von den Niederländern besetzte Städtchen Wachtendonk wurde
von den Spaniern 1588 belagert und erobert. Bei der
Belagerung wurden erstmals Kugelbomben eingesetzt, die nach
dem Aufprall explodierten und dadurch, verglichen mit den
gebräuchlichen einfachen Kugeln, ein Vielfaches an Schaden
anrichteten.
Die
fremden Truppen zogen plündernd und brandschatzend durch
das Klever Land und die Bevölkerung litt jahrzehntelang
unter der Willkür der spanischen Besatzungstruppen.
Der
für den spanischen König verlustreiche Krieg gegen die
aufständischen Niederländer hielt bis 1609 an. Erst dann
war Spanien bereit, einen zwölfjährigen Waffenstillstand
zwischen der aufständischen calvinistischen Republik und
den königstreuen katholischen südlichen Niederlanden zu
schließen.
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Herzog
Johann Wilhelm
"der
Gute"
(28.5.1562
-25.3.1609, Regierungszeit: Herzog von Kleve-Jülich-Berg von 1592
bis 1609)
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Johann
Wilhelm, im Unterschied
zu seinem älteren Bruder Karl-Friedrich ein schwaches, körperlich
und geistig zurückgebliebenes Kind, wurde durch die
politisch-dynastischen Umstände in ein hektisches Leben ständiger
Verfrühungen und Überforderungen getrieben und verkörperte die
Tragödie des klevischen Hauses. Nach jahrelanger geistiger
Umnachtung starb er 47jährig kinderlos.
Als
nachgeborener Sohn zunächst zur geistlichen Laufbahn bestimmt,
wurde er neunjährig (am 12.11.1571) von münsterischen Domkapitel
zum Koadjutor des Bischofs gewählt, so dass sich für Jülich-Kleve-Berg
die Aussicht auf die Einverleibung des großen Fürstbistums Münsters
in seinen Machtbereich eröffnete. Kaum hatte Johann Wilhelm das
zwölfte Lebensjahr vollendet, da starb (1574) der Bischof von Münster,
und das Domkapital postulierte den Knaben (am 28.4.1574) als künftigen
Fürstbischof. Nach war kein Jahr vergangen, da machte der plötzliche
Tod des älteren Bruders den noch nicht dreizehnjährigen Johann
Wilhelm zum zukünftigen Erben der väterlichen Lande. Obwohl
damit die Verpflichtung der geistlichen Laufbahn entfallen war,
hat der heranwachsende Johann Wilhelm bis 1585 als Administrator
des bischofslosen Fürstbistums Münster amtiert.
Während
dieser Zeit wurde Johann Wilhelm gegen den Willen seines kaum noch
regierungstüchtigen Vaters durch den Kaiser
Rudolf II (1576 - 1612), den spanischen König
Philipp II. (1556 - 1598) und den Papst zu einer Ehe mit der
vier Jahre älteren, lebenslustigen Jakobe
(bzw. Jacobe, auch Jakoba) von Baden
(Passwortgeschützter
Bereich)
gedrängt. Die katholische Restauration versprach sich von ihr,
die als Waise am wittelsbacher Hof in München katholisch erzogen
worden war und deren wittelbachischer Vetter Ernst bereits über
Kurköln und die Fürstbistümer Lüttich und Hildesheim gebot,
die endgültige Gewinnung Jülich-Kleve-Bergs. Die Hochzeit wurde
am 16.6.1585 zu Düsseldorf mit größtem Prunk gefeiert. Der
Kurfürst Ernst konnte nun auch noch das Fürstbistum Münster
übernehmen.
Das
junge Paar begann, die Herrschaft in seinen Ländern an sich zu
ziehen und überwarf sich völlig mit dem alten Herzog Wilhelm. Um
die Jahreswende 1589/90 zeigten sich bei dem 27jährigen, ohnehin
reizbaren, misstrauischen, unter Verfolgungswahn leidenden Fürsten
Anzeichen von Irrsinn. Aus tiefer Depression erwachte er nur
selten und wurde dann von Tobsuchtsanfällen geplagt. Das
gab den Räten in Düsseldorf weiter freie Hand, nach eigenen Gutdünken
zu reagieren. Dabei vernachlässigten die Parteien am Hofe den
Herzog völlig. Seine Pagen liefen in zerrissenen Kleidern. Er
selbst wurde von Ungeziefer geplagt, ohne dass sich jemand um ihn
gekümmert hätte.
Die
verworrenen Regierungsverhältnisse am Klevischen Hof hatten zur
Folge, dass Spanier und Niederländer nicht nur nach Belieben
durchs Land zogen, sondern auch die Städte einnahmen und sich in
ihnen festsetzten.
Als
1592 Johann Wilhelms Vater starb, versuchte seine Frau Jakobe, das
Regiment des Landes an sich zu ziehen. Am Düsseldorfer Hof
breiteten sich Zustände aus, die der apostolische Nuntius als
"babylonisch" bezeichnete. 1595 nahmen die Landstände
die Herzogin in Haft, in der sie am 3.9.1597 ermordet wurde. Am
20.6.1599 ließ der stumpfsinnige Johann Wilhelm eine erneute
Verheiratung über sich ergehen (mit Antoinette von Lothringen).
Diese Ehe blieb, wie die erste, kinderlos.
Mit
Johann Wilhelms Tod am 25.3.1609 starb eines der angesehensten Fürstenhäuser
Europas aus. In den Staatskassen war nicht einmal mehr das Geld für
seine Beisetzung vorhanden, das Land war größtenteils von
fremden Kriegsvolk besetzt, das nach Belieben darin schaltete und
waltete und die Bevölkerung aussog. Die eigentlichen Herrscher
des Landes - und das noch auf Jahre hinaus - waren die Niederländer
und die Spanier.
Der
anstehende Erbfolgestreit trug nicht zur Verbesserung der Lage
bei.
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