12000 Jahre Niederrhein - 800 Jahre Kleve

Das Herzogtum: Umbruch

 

Hinweis: Im Hintergrund hören Sie Misit me vivens pater vom Musiker und Komponisten Martin Peudargent (um 1510 - vor 1594), der am jülich-klevischen Herzogshof wirkte. Erfahren Sie mehr von Martin Peudargent (mit Musikbeispielen) (Passwortgeschützter Bereich) ...

Herzog Johann III.

"der Friedliche"

(10.11.1490 - 6.2.1539, Regierungszeit: Herzog von Jülich-Berg ab 1511 und ab 1521 von Kleve jeweils bis 1539)

 

Kaum sechs Jahre alt war Johann III. als er bereits mit der ein Jahr jüngeren jülich - bergischen Erbtochter Maria verlobt wurde. Diese Kinderverlobung leitete die Bildung des bedeutendsten Länderkomplexes des deutschen Westens im 16. Jahrhundert ein. Sie fand im Schloss Burg im Bergischen Land (Passwortgeschützter Bereich) statt.

Die Hochzeit wurde am 1.10.1510 im bergischen Düsseldorf gefeiert, und als 1511 Marias Vater starb, trat das junge Paar die Nachfolge zunächst in Jülich-Berg an.

Bereits im Jahre 1515 hatte der durch Krankheit und Gicht an das Lager gefesselte alte Herzog Johann II. die Absicht bekundet, die Regierungsverantwortung auch im Herzogtum Kleve-Mark auf den Sohn zu übertragen. Die Landstände (Passwortgeschützter Bereich) fanden sich jedoch dazu nicht bereit, weil der Jungherzog in den ersten Jahren seiner Regierung in Jülich-Berg zu Üppigkeit und Verschwendung neigte und einen derart glanzvollen und luxuriösen Hof führte, dass zur Abdeckung von Schulden ganze Dörfer und Herrschaften verpfändet werden mussten und das jülich - bergische Land unter den Steuern und Abgaben schwer zu tragen hatte. So wurde er erst Herzog von Kleve, als er die Dreißig überschritten hatte und das jugendliche Ungestüm durch den Vater gedämpft worden war. 

Nach dem Tode Johanns II. 1521 wurde die Vereinigung Kleve - Marks mit Jülich - Berg - Ravensberg vollzogen. Sie fand zwar in dem gemeinsamen Herrscher, aber noch längst nicht in einer Hauptresidenz ihren Ausdruck. Der Ausbau des Düsseldorfer Schlosses und die zentrale Lage Düsseldorfs wiesen zwar schon den Weg zur dereinstigen Landeshauptstadt. Jedoch weilte Johann noch mindestens so lange in Kleve wie in der bergischen Hauptstadt.


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Vereinigung der Territorien Stammtafeln der Häuser Kleve, Mark, Berg und Jülich

Seine Rolle als mächtigster Fürst im Westen des Reiches, und dies unter den erschwerten Bedingungen der stürmischen Reformationsjahre, versuchte Johann gerecht zu werden. Dabei wurde er von hervorragenden Räten, unter ihnen die gelehrten Humanisten Konrad Heresbach und Johann van Vlatten, unterstützt. In seiner 1534 erlassenen Hofordnung reformierte er die für beide Doppelterritorien nach wie vor getrennten Zentralverwaltungen in Kleve und Düsseldorf.

Johann hielt politisch zu Karl V., von dem er gegebenenfalls die Zustimmung zur Erbfolge auch in Geldern zu erlangen hoffte, das der "territoriale Schlussstein (Petri)" seines Herrschaftsgebäudes werden sollte. Er bekämpfte also die lutherischen Unruhen. Andererseits erkannte er die kirchlichen Missstände in seinen Ländern. So versuchte er, als Landesherr selbst reformierend einzugreifen, indem er 1532/33 eine Kirchenordnung (Passwortgeschützter Bereich) erließ. Damit beschritt er den von Erasmus von Rotterdam gewiesenen Weg des Ausgleichs "via media" zwischen den aufbrechenden konfessionellen Gegensätzen. Unerbittlich griff er allerdings gegen die Wiedertäufer durch.

Karl von Egmond, Herzog von Geldern - Kopie (Ausschnitt) eines verschollenen Gemäldes von Barthel Bruyn (?), Arnheim, Gemeentemuseum

1523 bestimmte Johann den erasmisch gesinnten Konrad Heresbach zum Erzieher seines achtjährigen Sohnes Wilhelm. 1527 gab er seine Tochter Sibylle (Passwortgeschützter Bereich) dem lutherischen Kurprinzen Johann Friedrich von Sachsen zur Frau und ließ anlässlich der Verlobung im Düsseldorfer Schloss dessen Prediger Myconius auftreten.

Als Heinrich der VIII. von England sich um Johanns Tochter Anna bewarb, galt der Herzog von Kleve bereits als einer der Exponenten des Protestantismus in Deutschland, mit dem der englische König wegen seines Zerwürfnisses mit Papst und Kaiser aus politischen Gründen eine Bindung herzustellen suchte, wenngleich der Herzog formal den im Schmalkaldischen Bund  zusammengeschlossenen protestantischen Fürsten noch nicht angehörte.

Wenn er sich in seinen späteren Regierungsjahren den Beinamen "der Friedliche" erwarb, so wohl in erster Linie wegen seiner klugen geldrischen Politik, die schließlich zu der Eingliederung auch dieses Herzogtums in die klevischen Lande führte. Mit dem alten und ränkevollen Herzog von Geldern, Karl von Egmond, gelang es im Jahre 1527 einen Friedens- und Freundschaftsvertrag zustande zu bringen. Zur Befestigung dieses friedlichen Verhältnisses wurde die Heirat der Prinzessin Anna van Cleve, der nachmaligen Gattin Heinrichs VIII. von England, mit dem Sohne des Herzogs von Lothringen, einem Enkel Karls, verabredet.

Als diese Heirat bis zum Jahre 1537 noch nicht zustande gekommen war, die geldrischen Stände aber wegen des hohen Alters Karls, der zerrütteten Verhältnisse im Lande und der im Falle seines Todes zu gewärtigenden Erbstreitigkeiten auf eine Erbregelung drängten, ließ Johann auf dem Landtag, der 1537 in Nijmegen zusammentrat, durch eine eigens zu diesem Zwecke entsandte Abordnung einen Unions-Vorschlag für die beiden Länder unterbreiten, der die Heirat seines ältesten Sohnes Wilhelm mit der Prinzessin von Lothringen, der Enkelin Karls, zur Grundlage haben sollte. Die Darlegung der klevischen Räte überzeugten die Versammlung so sehr von den Vorzügen einer Vereinigung mit Kleve, dass die geldrischen Landstände beschlossen, die Länder Geldern und Zutphen auch dann an Kleve kommen zu lassen, wenn die projektierte Heirat zwischen den Häusern Kleve und Lothringen scheitern würde. Da Herzog Karl sich gegen Zusicherung einer Rente und Zahlung einer Abfindung auch damit einverstanden erklärte, dass der Herzog von Kleve zu seinen Lebzeiten bereits die Schutzherrschaft über Geldern und Zutphen übernehme, kam es am 27. Januar 1538 zum Vertragsschluss, der von den beiderseitigen Ständevertretern durch Unterschrift und Siegel bekräftigt und im folgende Jahre nach dem Tode Karls durch die Huldigung der geldrischen Ritterschaft und der Städte bereits verwirklicht wurde. 

Die Erkenntnis, dass seine Kirchenpolitik auf die Dauer die Glaubenseinheit nicht bewahren konnte, hat ein früher Tod ihm ebenso erspart wie jenen schweren Konflikt mit dem Kaiser, der sich aus dem Vertrag vom 27.1.1538 mit den geldrischen Ständen über die Erbfolge seines Sohnes Wilhelm in Geldern und Zutphen nach dem zu erwartenden kinderlosen Tod Herzog Karls von Egmond (1492 - 1538) entwickeln sollte. Auch erlebte er nicht mehr das Scheitern der Ehe zwischen seiner Tochter Anna und dem englischen König Heinrich VIII. im Jahre 1540. 

Johann starb am 6.2.1539 unerwartet im Alter von 49 Jahren an einem Schlaganfall. Er wurde, wie sein Vater und sein Großvater, in der Stiftskirche zu Kleve beerdigt.

Herzog Wilhelm V.

"der Reiche"

(28.7.1516 - 5.1.1592, Regierungszeit: Herzog von Geldern von 1538 bis 1543 und von Kleve-Jülich-Berg von 1539 bis 1592)


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Wilhelm stand zeitweise im Brennpunkt europäischer Geschichte; das Schicksal des soeben gebildeten Großterritoriums Geldern - Zutphen - Jülich - Berg - Ravensberg - Kleve - Mark lag zum Zeitpunkt der schwersten Bedrohung in seiner Hand.

Seit seinem siebten Lebensjahr (1523) von dem hochgebildeten Humanisten Konrad Heresbach am Klever Hof erzogen, begann Wilhelm seine Fürstenlaufbahn 22jährig, indem er aufgrund von Vereinbarungen mit den geldrischen Ständen und Herzog Karl von Egmond nach dessen Tod am 30.6.1538 zunächst die Herrschaft im Herzogtum Geldern und in der Grafschaft Zutphen antrat. Dreiviertel Jahr später fielen ihm nach dem plötzlichen Tod seines Vaters, des Herzogs Johann III., am 6.2.1539 die Erblande Kleve-Mark und Jülich-Berg-Ravensberg zu. Er gebot nun über eine fast geschlossene Ländermasse im Stromgebiet von Rhein und Maas, die sich von oberhalb Bonn bis tief ins Rheindelta (Zaltbommel) und an die Zuiderzee (Harderwjk) sowie weit nach Westfalen hinein (Bielefeld) erstreckte. Dieser Territorienverbund (Passwortgeschützter Bereich) war der größte in der Geschichte Kleves und entsprach in den Ausmaßen dem heutigen Land Nordrhein-Westfalen!

Dieses "Land im Mittelpunkt der Mächte" zu konsolidieren oder auch nur zu behaupten, hätte auch die Möglichkeiten einer erfahreneren und souveräneren Persönlichkeit, als Wilhelm es war, überfordert. In seiner Person prallten die Interessen Karl V. (1519 König, 1530 - 1556 Kaiser), der niederländischen Regentin Maria, des Protestantismus (Schmalkaldischen Bund), der römischen Kurie, der erstarkenden Stände, der Könige von England und Frankreich aufeinander. Mit welcher dieser Mächte auch immer er die Interessen seines Hauses zu verbinden suchte, sie ließen sich auf die Dauer nicht behaupten.

Um sich militärischen Rückhalt gegen Karl V., der auf den habsburgischen Erbanspruch auf Geldern bestand, beim französischen König Franz I. (1515-1547) zu verschaffen, ließ Wilhelm sich auf eine Ehe (am 14.6.1541) mit der 13jährigen Nichte des Königs, Jeanne d`Albret (auch Johanna von Navarra), ein, doch ist es zur Übergabe der widerstrebenden Prinzessin an Wilhelm nie gekommen, so dass die Ehe am 12.10.1545 auf Interventionen des französischen Königshauses durch päpstliche Bulle für nichtig erklärt wurde.

 

Anna von Kleve auf einer englischen Briefmarke aus dem Jahr 1997

In diesem Falle mag es ebenso, wie im Falle der zur selben Zeit gescheiterten Ehe von Wilhelms Schwester Anna von Kleve (Passwortgeschützter Bereich) mit König Heinrich VIII. von England (1509-1547), die Frage dahingestellt bleiben, ob die persönlichen oder die politischen Umstände den Ausschlag gegeben haben. Weder der englische noch der französische König, noch die deutschen Protestanten haben Wilhelm im geldrischen Erbfolgekrieg gegen den Kaiser nachhaltig unterstützt. Auch Wilhelms Bemühen, zwischen den sich immer schärfer voneinander absetzenden christlichen Konfessionen einen dritten Weg in Form eines Reformkatholizismus zu beschreiten, hat ihm politisch immer wieder geschadet.

Zu größeren kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Reichsheer kam es seit dem Jahre 1542, in dem der König von Frankreich ein Heer unter dem Herzog von Longueville in Brabant einfallen ließ, mit dem sich die klevisch-geldrische Streitmacht unter dem Feldhauptmann Martin van Rossum vereinigte. Diese für Kleve zunächst günstig verlaufenden Kämpfe, von denen der Sieg Wilhelms über die Kaiserlichen bei Sittard im Jahre 1543 den in Paris mit einem Dankfest gefeierten Höhepunkt darstellte, folgte die Unterwerfung des jungen klevischen Herzogs in Venlo. 

 

Ohne französische Hilfe gegen die aus Afrika zurückgekommene Streitmacht des Kaisers Karl V., bestehend aus 30.000 Mann spanischer und italienischer Elitetruppen, sah sich Herzog Wilhelm 1543 einer Übermacht gegenüber. Der Fall Dürens - mit der zu Abschreckungszwecken befohlenen Niedermetzelung der gesamten männlichen Bevölkerung - verbreitete einen derartigen Schrecken, dass sich Jülich, Roermond und die anderen jülischen Städte ohne Widerstand ergaben.

Wilhelm begab sich am 6.9. ins kaiserliche Feldlager vor Venlo. Er musste Karl sein "Unrecht" eingestehen und wurde danach wieder in Gnaden aufgenommen. Seine Niederlage wurde im Vertrag von Venlo vom 7.9.1543 besiegelt, in dem er endgültig auf das Herzogtum Geldern und die Grafschaft Zutphen verzichten und sich verpflichten musste, seine Länder bei der alten Lehre zu belassen und alle bereits getroffenen kirchlichen Neuerungen rückgängig zu machen. Er musste darüber hinaus dem Bündnis mit Frankreich entsagen, was den französischen König veranlasste den Ehevertrag mit Jeanne d`Albret aufzulösen. Kaiser Karl V. band den gedemütigten Wilhelm danach fest an sein Haus und seine Politik, indem er die Vermählung Wilhelms mit Maria von Österreich, der Tochter seines Bruders, des Königs Ferdinand (1531 römischer König, 1558 - 1564 Kaiser), herbeiführte. Die Hochzeit wurde am 18.7.1546 zu Regensburg in Anwesenheit des Kaisers und vieler Reichsfürsten gefeiert.

Herzogin Maria von Jülich-Kleve-Berg. Gemälde eines unbekannten Malers, 1554. Schloss Ambras bei Innsbruck

Herzog Wilhelm der Reiche von Jülich-Kleve-Berg in spanischer Hoftracht, 1591. Johann Malthain, Düsseldorf, Stadtmuseum

Damit waren die Träume der klevischen Herzöge von einer niederrheinischen Großmacht jäh beendet. Fortan war Kleve in der innerdeutschen Politik als selbständiger Faktor so gut wie ausgeschaltet!

Mit dem Schicksalsdatum von Venlo begann nicht zuletzt die - dann später immer bedeutungsvoller gewordene - nationale Trennung zwischen dem deutschen Rheinland und den Niederlanden. Die bis dahin noch belanglose Grenze zwischen Kleve und Geldern verlief durch ein Land, das von der gemeinsamen Geschichte dieser beiden Territorien und von ihrer gemeinsamen Sprache geprägt war. Ein Wendepunkt war Venlo schließlich selbst für die gesamte deutsche Geschichte: mit der Demütigung des evangelisch gewordenen Herzogs durch die katholische Partei des Kaisers hatten sich die Aussichten der Protestanten, den gesamten Niederrhein für ihr Bekenntnis zu gewinnen, endgültig zerschlagen. 

In der Folgezeit beschränkte sich Wilhelms Politik weitgehend auf innere Reformen in seinen Ländern, sowohl auf dem Gebiete der Verwaltung und des Rechts, wie dem der Kirche und der Bildung. Düsseldorf wurde zur Hauptstadt des Territoriums ausgebaut. Im Auftrag des Herzogs war u. a. der italienische Baumeister Alessandro Pasqualini (1493-1559) tätig. Der intensiv verfolgte Plan, eine Landesuniversität in Duisburg zu errichten, scheiterte nicht zuletzt daran, dass die römische Kurie Zweifel an Wilhelms Rechtgläubigkeit nicht unterdrücken konnte. Tatsächlich ließ Wilhelm seine vier Töchter in lutherischem Geiste, seine beiden Söhne Karl Friedrich und Johann Wilhelm dagegen streng katholisch erziehen.

1566 erlitt Wilhelm mehrere Schlaganfälle, die zu einer Lähmung der Zunge und der rechten Hand führten; dazu trat eine Wirbelsäulenverkrümmung, so dass Wilhelm in ein jahrzehntelanges Siechtum verfiel. 

Wilhelms begabter älterer Sohn Karl Friedrich, geboren 1555, sechzehnjährig zur Erziehung an den Wiener Hof gesandt, starb schon am 9.2.1575, knapp zwanzigjährig, in Rom an den Pocken und wurde in der Kirche Santa Maria dell`Anima beigesetzt. Die letzten Hoffnungen des Hauses Kleve ruhten nun auf dem jüngeren Bruder Johann Wilhelm, geboren 1562. 

Während Wilhelm in immer tiefere Apathie versank, kehrte der Hof völlig zum Katholizismus zurück. In dieser ohnehin schwierigen Phase wurde das Klever Land zusätzlich noch mit den Auswirkungen des Truchsessischen Krieges konfrontiert.

Wilhelm starb am 5.1.1592 im 75. Lebensjahre, nach 53jähriger Regierungszeit, und wurde in der Lamberti-Stiftskirche zu Düsseldorf bestattet (Passwortgeschützter Bereich).

Strukturwandel

Die Phase der krankheitsbedingten Führungslosigkeit im Klever Land zwischen 1566 und 1592 fiel in eine Zeit des Strukturwandels, indem die wirtschaftlichen Grundlagen der Vergangenheit in ihren Grundfesten erschüttert wurden. 

Die Entdeckung der großen Reichtümer jenseits der Weltmeere hatte Rückwirkungen auf ganz Mitteleuropa. Mit ihnen traten nun die Anrainer des Atlantik, darunter auch Holland und England, in den Vordergrund. Amsterdam und Antwerpen wurden zu neuen Handelsmetropolen im Westen. 

Der Zufluss des überseeischen Edelmetalls und die Vermehrung der Edelmetallvorräte führten zur Geldentwertung. Sie bedrohte den Wohlstand aller Bevölkerungskreise, der Bauern ebenso wie des Bürgertums und der Ritterschaft.

Der niederrheinische Getreideexport in die Niederlande begann zu stagnieren, da es durch die Einführung neuer, leistungsfähiger Schiffstypen günstiger wurde Getreide aus dem Baltikum zu importieren. 

Die Krise in der Tuchmacherei durch den Import günstiger überseeischer Textilien führte zur Verarmung einiger Städte (z. B. Kalkar) im Herzogtum.

Das wirtschaftliche Gewicht im Herzogtum verlagerte sich von den agrarischen Gebieten am Rhein zu den nun aufstrebenden Stätten der Eisenhämmer, der Waffenindustrie und der Herstellung von Stahlwaren im Bergischen und im märkischen Sauerland. Ebenso gewann der Steinkohlenbergbau an der Ruhr zunehmend an überörtlicher Bedeutung.

Reformation und Glaubenskriege - der Niederrhein als Schauplatz des Niederländischen Krieges

Die unmittelbaren und mittelbaren Auswirkungen der Reformation und der Glaubenskriege haben das Klever Land - trotz aller Bemühungen um Toleranz und Neutralität - in voller Härte getroffen.

Herzog Wilhelm hat den vermittelnden, jede Polarisierung zwischen den Konfessionen vermeidenden Weg seines Vaters nicht verlassen. Soweit öffentlich eine konfessionelle Entscheidung getroffen werden musste, fiel sie am jülich-klevischen Hof zugunsten der alten Kirche aus. Aber nicht wenige Mitglieder der herzoglichen Familie waren mit protestantischen Fürsten verheiratet. Die humanistische Gesinnung des Landesherrn eröffnete generell die Möglichkeit der Glaubensfreiheit und die Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten verliefen im Klever Land ohne nennenswerte Spannungen. 

In den spanischen Niederlanden hingegen wurden unter der streng katholischen Regentschaft der Habsburger die "Ketzer" streng durch die Inquisition verfolgt. Trotzdem breitete sich die Reformation immer weiter aus. Ein ganzer Strom von Glaubensflüchtlingen, überwiegend wirtschaftlich aktive und wohlhabende Menschen, verließen ihre Heimat und flohen nicht selten in das tolerante Herzogtum Jülich-Kleve-Berg.

Diesen Menschen, deren Tatkraft und Know-how ist ein erneuter wirtschaftlicher Aufschwung mit zu verdanken. Ebenso wie in Wesel waren in Duisburg, aber auch in Kleve, Kalkar, Rees, Xanten und Goch Weber und Tuchmacher, Goldschmiede und Seifensieder hoch willkommen und gaben dem Wirtschaftsleben am Niederrhein als qualifizierte Unternehmer nachhaltig neue Impulse.  

Peter Minuit (Passwortgeschützter Bereich), geboren zwischen 1584 und 1589 in Wesel als Sohn calvinistischer Glaubensflüchtlinge, gründete die Stadt Neu Amsterdam, die später von den Engländern in New York umbenannt wurde.

Auch der Humanist Geradus Mercator war ein Glaubensflüchtling. Dieser Schöpfer der ersten modernen Landkarten siedelte 1552 als Kosmograph des Herzogs Wilhelm nach Duisburg über.

Die Aufnahme niederländischer protestantischer (häufig calvinistisch geprägter) Flüchtlinge in klevischen Städten trug Wilhelm dem Reichen schwere Herausforderungen Herzog Albas ein, der 1567 bis 1572 in den spanischen Niederlanden eine blutige Statthalterschaft führte. Alba veranlasste, dass ein habsburgischer Gesandter am Klever Hof für eine schärfere politische und konfessionelle Kontrolle sorgen sollte. Dennoch konnte allein die Stadt Wesel Zuflucht für über 8.000 wallonische, englische und niederländische Religionsflüchtlinge bieten. Die Stadt trägt seitdem den Ehrennamen "Vesalia hospitalis".

Der Kampf der Niederländer um ihre religiöse und staatliche Unabhängigkeit von Spanien fand im Klever Land Sympathie und Förderung auch durch aktive Teilnahme. Einer der wichtigsten Mitarbeiter von Prinz Willem von Oranien, für den er militärische Feldzüge vorbereitete und 1572 als Gouverneur in Nord-Holland - im Noorderkwartier - Dienst schob, war der in Kalkar geborene Diederik Sonoy.

Aber dieser 1568 begonnene Krieg leitete die Verheerung und Leiden ein, von denen der Niederrhein im Spanisch-Holländischen Krieg - und bis weit über den Westfälischen Frieden hinaus - heimgesucht wurde.


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Der Freiheitskampf der Niederlande 1559 - 1648

Schenkenschanz: Karte der Belagerung durch Johann Jacob Schort, April 1636. Der Norden befindet sich auf der unteren Seite.

Herzog Wilhelm hatte Herzog Alba den freien Durchzug seiner Truppen durch die Länder des Herzogtums unter der Bedingung gestattet, dass sie die Neutralität von Jülich, Kleve und Berg respektieren und seine Untertanen schonten. 

Aber nun bot sich für die streitenden Mächte die Gelegenheit, ihre Feldzüge außerhalb des eigenen Landes zu führen. Spanier und Niederländer befestigten den Niederrhein mit Schanzen, um strategisch wichtige Punkte zu sichern. Einer der wichtigsten war für die Niederländer die Stromgabelung des Rheins bei Kleve, wo zwischen den Stromarmen von Waal und Niederrhein 1586 die Festung Schenkenschanz errichtet wurde. Diese Stromfestung galt als uneinnehmbar.

Das von den Niederländern besetzte Städtchen Wachtendonk wurde von den Spaniern 1588 belagert und erobert. Bei der Belagerung wurden erstmals Kugelbomben eingesetzt, die nach dem Aufprall explodierten und dadurch, verglichen mit den gebräuchlichen einfachen Kugeln, ein Vielfaches an Schaden anrichteten.

Die fremden Truppen zogen plündernd und brandschatzend durch das Klever Land und die Bevölkerung litt jahrzehntelang unter der Willkür der spanischen Besatzungstruppen.

Der für den spanischen König verlustreiche Krieg gegen die aufständischen Niederländer hielt bis 1609 an. Erst dann war Spanien bereit, einen zwölfjährigen Waffenstillstand zwischen der aufständischen calvinistischen Republik und den königstreuen katholischen südlichen Niederlanden zu schließen. 

Herzog Johann Wilhelm

"der Gute"

 

(28.5.1562 -25.3.1609, Regierungszeit: Herzog von Kleve-Jülich-Berg von 1592 bis 1609)

 

Johann Wilhelm, im Unterschied zu seinem älteren Bruder Karl-Friedrich ein schwaches, körperlich und geistig zurückgebliebenes Kind, wurde durch die politisch-dynastischen Umstände in ein hektisches Leben ständiger Verfrühungen und Überforderungen getrieben und verkörperte die Tragödie des klevischen Hauses. Nach jahrelanger geistiger Umnachtung starb er 47jährig kinderlos.

Als nachgeborener Sohn zunächst zur geistlichen Laufbahn bestimmt, wurde er neunjährig (am 12.11.1571) von münsterischen Domkapitel zum Koadjutor des Bischofs gewählt, so dass sich für Jülich-Kleve-Berg die Aussicht auf die Einverleibung des großen Fürstbistums Münsters in seinen Machtbereich eröffnete. Kaum hatte Johann Wilhelm das zwölfte Lebensjahr vollendet, da starb (1574) der Bischof von Münster, und das Domkapital postulierte den Knaben (am 28.4.1574) als künftigen Fürstbischof. Nach war kein Jahr vergangen, da machte der plötzliche Tod des älteren Bruders den noch nicht dreizehnjährigen Johann Wilhelm zum zukünftigen Erben der väterlichen Lande. Obwohl damit die Verpflichtung der geistlichen Laufbahn entfallen war, hat der heranwachsende Johann Wilhelm bis 1585 als Administrator des bischofslosen Fürstbistums Münster amtiert.

Während dieser Zeit wurde Johann Wilhelm gegen den Willen seines kaum noch regierungstüchtigen Vaters durch den Kaiser Rudolf II (1576 - 1612), den spanischen König Philipp II. (1556 - 1598) und den Papst zu einer Ehe mit der vier Jahre älteren, lebenslustigen Jakobe (bzw. Jacobe, auch Jakoba) von Baden (Passwortgeschützter Bereich) gedrängt. Die katholische Restauration versprach sich von ihr, die als Waise am wittelsbacher Hof in München katholisch erzogen worden war und deren wittelbachischer Vetter Ernst bereits über Kurköln und die Fürstbistümer Lüttich und Hildesheim gebot, die endgültige Gewinnung Jülich-Kleve-Bergs. Die Hochzeit wurde am 16.6.1585 zu Düsseldorf mit größtem Prunk gefeiert. Der Kurfürst Ernst konnte nun auch noch das Fürstbistum Münster übernehmen. 

Das junge Paar begann, die Herrschaft in seinen Ländern an sich zu ziehen und überwarf sich völlig mit dem alten Herzog Wilhelm. Um die Jahreswende 1589/90 zeigten sich bei dem 27jährigen, ohnehin reizbaren, misstrauischen, unter Verfolgungswahn leidenden Fürsten Anzeichen von Irrsinn. Aus tiefer Depression erwachte er nur selten und wurde dann von Tobsuchtsanfällen geplagt.  Das gab den Räten in Düsseldorf weiter freie Hand, nach eigenen Gutdünken zu reagieren. Dabei vernachlässigten die Parteien am Hofe den Herzog völlig. Seine Pagen liefen in zerrissenen Kleidern. Er selbst wurde von Ungeziefer geplagt, ohne dass sich jemand um ihn gekümmert hätte.

Die verworrenen Regierungsverhältnisse am Klevischen Hof hatten zur Folge, dass Spanier und Niederländer nicht nur nach Belieben durchs Land zogen, sondern auch die Städte einnahmen und sich in ihnen festsetzten.

Als 1592 Johann Wilhelms Vater starb, versuchte seine Frau Jakobe, das Regiment des Landes an sich zu ziehen. Am Düsseldorfer Hof breiteten sich Zustände aus, die der apostolische Nuntius als "babylonisch" bezeichnete. 1595 nahmen die Landstände die Herzogin in Haft, in der sie am 3.9.1597 ermordet wurde. Am 20.6.1599 ließ der stumpfsinnige Johann Wilhelm eine erneute Verheiratung über sich ergehen (mit Antoinette von Lothringen). Diese Ehe blieb, wie die erste, kinderlos.

Mit Johann Wilhelms Tod am 25.3.1609 starb eines der angesehensten Fürstenhäuser Europas aus. In den Staatskassen war nicht einmal mehr das Geld für seine Beisetzung vorhanden, das Land war größtenteils von fremden Kriegsvolk besetzt, das nach Belieben darin schaltete und waltete und die Bevölkerung aussog. Die eigentlichen Herrscher des Landes - und das noch auf Jahre hinaus - waren die Niederländer und die Spanier.

Der anstehende Erbfolgestreit trug nicht zur Verbesserung der Lage bei.

zuletzt bearbeit am 25.10.2005