12000 Jahre Niederrhein - 800 Jahre Kleve

Johann Moritz von Nassau

In Kleve erzählt man sich, wie entrüstet der alte Fürst Johann Moritz von Nassau war, als ihm einst die folgende, von einer gewöhnlichen Gesinnung zeugende Inschrift an der Gartentür eines gewissen Lamers zu Gesicht kam:

Als de boom is groot, so is de pooter dood. 

(Ist der Baum groß, ist der Pflanzer tot.)

Er soll den Mann zu sich gebeten haben, um ihn persönlich von der Verkehrtheit dieses Spruches zu überzeugen, so dass dieser die Worte änderte in: 

Bouwen, grawen, planten laet uw niet verdrieten, soo sult gy en die naar uw komen het genieten.

(Bauen, graben, pflanzen, lasst's Euch nicht verdriessen, denn die nach Euch kommen, werden's noch genießen.)

Zweite Blüte als Gartenstadt (Übersichtskarte, 1040.00 KB)

Johann Moritz von Nassau (Statthalter von 1647 bis 1679) verwandelte das verwüstete Kleve in eine Gartenstadt mit europäischer Bedeutung. Auch heute noch profitiert Kleve von dem Glanz dieser zweiten Blüte.

Schon ein Jahr vor dem Abschluss des Friedens von Münster war Moritz von Nassau als Statthalter des Kurfürsten von Brandenburg (passwortgeschützter Bereich) in Kleve eingezogen. Obwohl auch ihm die Machtmittel fehlten, die seiner Herrschaft unterstellten Länder Kleve, Mark und Ravensberg vor der Willkür fremder Mächte zu schützen, so gelang es ihm doch, abseits des großen Geschehens die alte Residenz mit neuem Glanz zu umgeben, der die Stadt auf lange Zeit zu einer Sehenswürdigkeit vom Ruf machte und der ihr heute noch teilweise anhaftet.

Seine Gartenanlagen Prinz-Moritz-Park, Königsgarten (an dem heute nur noch eine Straßenbezeichnung erinnert), Alter Park mit den Galleien (1, 2) und nicht zuletzt der Tiergarten mit dem Amphitheater und seinen Wasserkünsten, wurden Vorbild für Berlin und Düsseldorf.

Berlin kopierte den Tiergarten mit seinem großen und kleinen "Stern". Die Gestaltung der Prachtstrasse "Unter den Linden" wurde von der Klever Nassauer Allee übernommen, die noch heute trotz ihrer teilweisen Vernichtung des alten Baumbestandes eine Zierde der Stadt ist.

An der Schwanenburg ließ Moritz die beiden Binnenhöfe mit Arkaden umgeben. Als eigene Residenz baute er das an die Kanzleigebäude der Burg anschließende Prinzenhof-Palais, von dem der letzte Gebäudeteil, der die Jahrhunderte überdauerte, am 7. Oktober 1944 vollständig zerstört worden ist. Zahlreiche Kupferstiche vermitteln jedoch noch heute ein anschauliches Bild dieses Gebäudekomplexes, der - wie alle von Moritz geschaffenen Anlagen - wirkungsvoll in die Landschaft eingefügt war.

Wie ein Weltwunder wurde die Residenzstadt in jener Zeit, aber auch noch im 18. und 19. Jahrhundert besungen, und es ist ein Ausdruck für diese Bewunderung, die man den Schönheiten des klevischen Landes zollte, wenn der Holländer Claas Bruin seine Reisebeschreibung über Kleve im Jahre 1730 mit "Kleefsche Arkadia" betitelt.

Südöstlich von Kleve errichtete Moritz sein letztes Parkensemble, das nach dem hügeligen Gelände "Bergendael (Berg und Tal)" genannt wurde. Eine weite Sicht erstreckte sich in Richtung Stadt, Prinzenhof und Schwanenburg. Von den erbauten Anlagen (u. a. strahlenförmig angelegte Gräben, ein Becken mit sieben Meter hoher Fontäne) blieb nur das Grabmal des Johann Moritz erhalten.

Es ist ein ungewöhnliches Grabmal an einem einsamen Ort und in ungeweihter Erde nach dem Vorbild antiker Herrscher- und Philosophengräber. Daher wurde es schon zu Lebzeiten des Fürsten bestaunt.  Der Wunsch Friedrich des Grossen, sein Grab (passwortgeschützter Bereich) auf der Terrasse von Sanssouci zu errichten, entstand durch dieses Vorbild.


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Jan van Call (Nimwegen 1656 - 1705 ? Den Haag): Blick aus dem Amphitheater nach Hochelten, um 1680, Gouche, 180 x 275 mm, Amsterdam, Rijsprentenkabinet

Getragen wurde die Landschaftsarchitektur von der Ausrichtung auf einen Point de Vue; hier der Blick auf Hochelten.


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Peter Schenk (Elberfeld 1660 - 1711 Leipzig) nach Jan van Call: Die neue Fontäne am Papenberg, um 1685, Kupferstich, 165 x 195 mm, Kleve, Kurhaus Museum

Der Kupferstich zeigt die "Neue Fontäne" mit einem Springstrahl belebt. Die Wasserachsen wurden vom Stecher missverstanden, sie sind als Wege wiedergegeben, ebenso das den Wasserfächer schneidende Wetering-Flüßchen.

Der Leichnam des Fürsten Johann Moritz von Nassau wurde nach seinem Tod am 20. Dezember 1679 zunächst in der Tombe beigesetzt. 

"Auch ist meine letzte Willensmeinung, dass . . . mein todter Körper, nicht wie wir am 24. November 1678 verordnet hatten, nach Siegen gebracht, sondern vorerst allhier in Bergenthal in der dazu verfertigten Tombe mit so wenig Ceremonien als immer möglich beigesetzt werden solle"

Allerdings schon nach einem halben Jahre wurde er nach Siegen gebracht und in das Grabgewölbe des Hauses Nassau-Siegen gelegt.

Das großartige Erbe ist leider nur noch rudimentär vorhanden und leider ist das Bewusstsein für die großartigen landschaftsarchitektonischen Leistungen des Statthalters nicht in allen Köpfen der lokalen Entscheidungsträger besonders ausgeprägt. Nur so ist es zu erklären, dass die verbliebenen Flächen zuweilen der Bauwut, wie z. B. beim Kreishaus, geopfert wurden.

Ein kurzer Lebenslauf

"Qua patet orbis" (Soweit der Erdkreis reicht)

Links: Das (viel zu) schlichte Johann-Moritz-Denkmal in Kleve am oberen Ende der Straße "Prinzenhof" - Herbst 2001.

Johann Moritz wurde am 18. Juni 1604 auf dem nassauischen Stammschloss Dillenburg als dreizehntes Kind Johanns des Mittleren geboren. Sein Großvater Johann von Nassau (der Ältere) war ein Bruder Wilhelms I. von Oranien. Die Familie besaß somit enge verwandtschaftliche Beziehungen zu den Niederlanden. Daher dienten viele Nassauer im Militär der Generalstaaten. 

Auch Moritz trat im Herbst 1620 - 16jährig - in den Kriegsdienst der Vereinigten Niederlande ein. Er nahm an der Belagerung der Festung Schenkenschanz während der Jahre 1635 und 1636 teil. Nach neun Monaten heftiger Kämpfe gelang es den niederländischen Truppen die strategisch wichtige Festung wieder einzunehmen. Das Land und die Stadt Kleve waren verwüstet. Bei diesen Kämpfen lernte Johann Moritz Friedrich Wilhelm von Brandenburg kennen, damals noch Kurprinz des Kurfürstentums Brandenburg.

Im August 1636 wurde Johann Moritz von der Westindischen Compagnie (WIC) zum Generalgouverneur ihrer brasilianischen Besitzungen ernannt. Er festigte die Kolonie und verteidigte sie gegen die Portugiesen. Außerdem förderte er den Anbau und den Handel mit Zuckerrohr. Während seiner siebenjährigen Regentschaft in Holländisch-Brasilien gründete Johann Moritz in unmittelbarer Nachbarschaft der Stadt Recife eine fürstliche Residenz mit Namen Mauritsstad, in der er die Schlösser Vrijburg und Boavista errichten ließ. 

Er half bei der Erforschung des Landes und brachte, nachdem er seinen Gouverneursposten wegen Unstimmigkeiten mit der WIC aufgegeben hatte, eine umfangreiche, naturhistorische und ethnographische Sammlung mit nach Europa. Diese Sammlung verwendete er zum größten Teil zum Erwerb von Waldgebieten am Stadtrand von Kleve, so dass er dort seine barocken Parkanlagen schaffen konnte. Der Erwerber, der "Große Kurfürst" Friedrich Wilhelm legte damit den Grundstock für das heutige Völkerkundemuseum in Berlin.

Nach seiner Rückkehr nahm Johann Moritz 1644 wieder den Militärdienst in den niederländischen Staaten auf. Seine Bekanntschaft mit Friedrich Wilhelm von Brandenburg scheint sich gefestigt zu haben, als der brandenburgische Kurfürst Louise Henriette, die älteste Tochter des niederländischen Statthalters Friederich Heinrich, heiratete.

1647 ernannte der Große Kurfürst den nassauischen Grafen zum Statthalter von Kleve (mit den Städten Kleve, Emmerich, Rees, Wesel, Goch, Xanten, Dinslaken und Duisburg), Mark (mit den Städten Bochum, Hagen, Iserlohn, Lüdenscheid, Lünen, Soest, Hamm und Lippstadt sowie den Vogteien über Essen und Dortmund), Ravensberg (mit den Städten Bielefeld, Herford und Vlotho) und 1658 auch von Minden (mit den Städten Minden und Lübbecke). Als niederländischer Kommandant der rechtsrheinischen Festungen und als brandenburgischer Statthalter hatte Johann Moritz somit eine Doppelfunktion inne, die ihn zu einem Garanten der Stabilität der westlichen Territorien Brandenburgs machte.

Von Anfang an widmete sich Johann Moritz der Modernisierung und Erweiterung der statthalterlichen Residenz Kleve. Seine Aufmerksamkeit galt zum einen den Schlossbauten, wie etwa dem Umbau der Schwanenburg, dem Bau der kleinen Residenz Freudenberg und dem Prinzenhof. Darüber hinaus bezog er die Stadt und ihre hügelige und waldreiche Umgebung in ein System von Allee, Schneisen, Sternbergen, Kanälen und Sichtachsen ein. Die durch seine niederländischen Truppen im Kampf gegen die Spanier verwüstete Klever Niederung schuf Johann Moritz zu einem Paradiesgarten des Friedens um. Waffen wurden umfunktioniert zu Gartenkunstwerken. Eine Kanone musste zum Postament für den Gott Amor dienen. Der Harnisch des früheren Festungskommandanten der Schenkenschanz wurde zur Siegertrophäe im Kleve Tiergarten. Dies machte auch Eindruck bei den Repräsentanten der Stadt Amsterdam. Die Stadt Amsterdam schenkte dem Prinzen eine Statue des Bildhauers Artus Quellinus für seine Gärten. Diese Statue stellt Pallas Athene dar, die Göttin der Wahrheit.

Obwohl Prinz Johann Moritz sich wegen dieser Aufgaben fortan hauptsächlich in Kleve aufhielt, wohnte er doch zuweilen in seinem Haager Stadtschloss, dem Mauritshaus, das heute Meisterwerke der niederländischen Maler aus dem 15. bis zum 18. Jahrhundert beherbergt. Er tat das insbesondere dann, wenn er im Auftrag des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm, in Den Haag und in Amsterdam niederländische Künstler anwarb. Diese bekamen den Auftrag, die brandenburgischen Residenzen Berlin und Potsdam nach dem künstlerischen Geschmack ihrer Zeit zu gestalten. Dabei verhalf er dem holländischen Klassizismus zum Durchbruch.

Von der niederländischen Kultur geprägt, ließ Johann Moritz seine Bauten und Gartenanlagen am Niederrhein, im Siegerland und in der brandenburgischen Neumark von den führenden niederländischen Architekten Jacob van Campen, Pieter Post und dessen Sohn Maurits entwerfen. Selbst Handwerker rekrutierte der Fürst in den Niederlanden. 

Auch Maler und Bildhauer wählte Johann Moritz bevorzugt aus den Niederlanden. Jan de Baen, Govert Flinck und Pieter Nason porträtierten ihn als Klever Statthalter und Herrenmeister des Johanniterordens. 

Der Kurfürst betrachtete Johann Moritz als seinen Mentor, insbesondere in Fragen der Kunst und der Wissenschaft. Er verließ sich dabei ganz auf ihn und ließ ihm freie Hand in der Auswahl der Künstler. Viele von ihnen mussten erst eine Probe ihres Könnens in Kleve ablegen. Auf diese Weise erhielt die Residenzstadt Kleve eine Brückenfunktion zwischen Den Haag und Berlin. 

Wie sehr den Holländern in Amsterdam und Den Haag dieser durch Johann Moritz von Nassau nach Berlin und Potsdam vermittelte Einfluss der niederländischen Künstler, Architekten und Gärtner damals bekannt war, zeigt ein um 1690 in Amsterdam herausgegebenes Buch mit dem Titel: Conspectus Berolini et Cliviae (Ansichten von Berlin und Kleve)

Seine diplomatischen Fähigkeiten und die guten Kontakte zu den Niederlanden prädestinierten ihn für hochrangige Missionen. 1657/58 reiste er als brandenburgischer Delegierter zur Kaiserwahl nach Frankfurt am Main und 1661 als kurfürstlicher Unterhändler nach England. Bereits 1652 erhob ihn Kaiser Ferdinand II. in den Reichsfürstenstand.

Im gleichen Jahr, am 15. Juni 1652, wurde Johann Moritz auf Antrag des Großen Kurfürsten zum Meister des Johanniterordens der Ballei Brandenburg ernannt. Es gelang ihm auch hier, das im Dreißigjährigen Krieg verwüstete Ordensgebiet wirtschaftlich und kulturell zu entwickeln.

Als Johann Moritz am 20. Dezember 1679 in Bergendael bei Kleve starb, hatte der Fürst, dessen Motto bereits in jungen Jahren "Qua patet orbis" lautete, dank seiner geographisch weit gestreuten Ämter von Brasilien bis Brandenburg Residenzen und Landschaften gestaltet. 

Der Gartenkunst und mehr noch einer großräumigen Landschaftsgestaltung galt seine besondere Leidenschaft. Stets verband er Lust- und Nutzgarten durch den Anbau von Obstbäumen oder Futterpflanzen, die Anlage von Fischteichen, Vogelhäusern und Tiergärten. Höhepunkt seiner Landeskultivierung ist das Gebiet um die Stadt Kleve, wo Alleen und Kanäle noch heute weite Sichtachsen öffnen und Gärten, Aussichtspunkte und Residenzen miteinander verknüpfen. 

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Der Arbeitskreis "Kermisdahl - Wetering" bemüht sich seit 2003 / 2004 um die Wiederherstellung der Gartenanlagen des Johann Moritz von Nassau.

zuletzt bearbeit am 16.06.2008