"Eine Quelle gegen die Rezession"

18. Jahrhundert: "Wer nichts kann, der soll nach Kleve"

NRZ vom 25. September 1999

 

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts ist von der Größe des ehemaligen Herzogtums Kleve nicht mehr viel übrig geblieben. Nachdem Kleve an Brandenburg gefallen und der herrschaftliche Hof gen Osten gezogen ist, beginnt der wirtschaftliche und politische Niedergang. Da Kleves Reichtum in den vergangenen Jahrhunderten vor allem auf der Größe des herzoglichen Hofes beruhte, der von der umliegenden Bevölkerung versorgt wurde, und die Stadt keine spezifische Infrastruktur hat, verarmt sie schnell. Und die wenigen Beamten, die auf der Schwanenburg verbleiben, stellen nicht unbedingt die Elite des preußisch-brandenburgischen Beamtentums dar. Friedrich der Große drückt es drastisch aus: "Taugt er was, soll er in Berlin eingesetzt werden, kann er nichts, soll er nach Kleve."

Die Rezession verläuft so dramatisch, dass sich in zeitgenössischen Schriften häufig Klagen über die aggressive Bettelei im Klever Raum finden - und im Volk wächst der Unmut über diese Zustände. Neue Bauten entstehen in dieser Zeit kaum in der ehemaligen Herzogstadt - es fehlt einfach der Anreiz, sich in Kleve niederzulassen. Den an den Niederrhein "strafversetzten" Beamten gefällt es im idyllischen Kleve mit seinen schönen Parkanlagen aber anscheinend trotz allem gut. Besonders nachdem an der Stelle, wo Jahrhunderte später die Statue der Minerva stehen soll, eine angebliche "Heilquelle" gefunden wird.

Die Ausführungen des Klever Arztes Johann Heinrich Schütte über die Wunderkräfte dieser Quelle ermöglichen es der Stadt, die Idee eines "Bad Cleve" zu realisieren. Schon 1742 findet hier die erste Kursaison statt. Die betuchten Gäste, die sich an der vermeintlich heilsamen Quelle laben, stammen zumeist aus den benachbarten Niederlanden.

Bis ins nachfolgende Jahrhundert wird die Stadt den Status eines Heilbades genießen - der Bau des Kurhauses zeugt noch bis heut von dieser Vergangenheit. Die Quelle selber versiegt alsbald - ihre "Heilkraft" ist bis heute umstritten. Im Zusammenhang mit "Bad Cleve" werden im 18. Jahrhundert in Kleve die über die Landesgrenzen hinaus bekannten Parkanlagen ausgebaut, um den Gästen die Möglichkeit des entspannten Lustwandelns zu ermöglichen. 

Anders geht es den historischen Bauten: So wird die Schwanenburg Stück für Stück demontiert, der Erhalt ist dem preußischen Fiskus einfach zu teuer. Dem Rotstift fallen zwei Türme der Burg zum Opfer, der Palast und das Kanzleigebäude - vor dieser Demontage ist die Schwanenburg gut doppelt so groß gewesen.

Positiv aber wird in zeitgenössischen Quellen die Toleranz und Offenheit erwähnt, die am Klever Hof herrscht - die es sogar zulässt, dass hier ein so revolutionäres Blatt wie der "Courier de Bas-Rhin" erscheinen kann.

 

zuletzt bearbeit am 25.11.2005