"1794: Die Franzosen kommen"

Am Niederrhein beginnt das große Kofferpacken der Regierungsbeamten

 

NRZ vom 25. September 1999


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Kleve, eine preußische Beamtenhauptstadt (Erhebung von 1719) Behörden und Beamte im Arrondissementhauptort Kleve (Erhebung von 1806)
Beide Pläne nach Friedrich Gorissen in Geschichte der Stadt Kleve, Kleve 1977.

 

Nach der "Schreckensherrschaft" der Jakobiner in den Jahren 1792 bis 1793 beginnt der Siegeszug der "revolutionären" französischen Armee. Die übrigens eine Armee eines völlig neuen Typs ist: Nach einer Entscheidung des Wohlfahrtsausschusses, der Kriegsregierung unter Robespierre, ist im Jahr 1793 die allgemeine Wehrpflicht eingeführt worden. Insgesamt stehen 750.000 Mann unter Waffen - eine gigantische Streitmacht für die damalige Zeit.

Im März 1794 ist abzusehen, dass Preußen dieser Übermacht nichts entgegensetzen kann und will - das Gebiet links des Rheins soll kampflos in die Arme des Feindes fallen, der das Feuer der Revolution in ganz Europa entzünden will.

Der königstreue Hof in Kleve bekommt es mit der Angst zu tun: Im Juli 1794 beginnt auf Befehl des Königs das große Kofferpacken. Nahezu der gesamte Beamtenapparat, der Adel und der Klerus, machen sich auf, die Stadt zu verlassen.

Unter den Flüchtigen finden sich der Kammerpräsident, der Freiherr von Stein nebst Gemahlin, diverse Geheimräte, Richter und Buchhalter, genauso wie etliche Kanoniker des Klever Stiftes.

Nach dem Abzug der rund neunzig Familien wirkt Kleve verwaist, jedes zehnte Haus steht leer. Doch die durch den Abzug der Oberschicht nun völlig verarmte ehemalige Residenzstadt interessiert die Franzosen zunächst nicht: Sie nehmen als erstes Goch ein - wo sie von der Bevölkerung mit offenen Armen empfangen werden. Schließlich sind die Preußen gerade bei den unteren Schichten nicht beliebt - und so regt sich auch keinerlei Widerstand, als die revolutionären Truppen am 4. Oktober 1794 den Freiheitsbaum auf dem Gocher Marktplatz errichten.

Die preußischen Truppen, die in der Stadt stationiert waren, sind schon vorher abgezogen: anlässlich eines zuvor abgehaltenen Marktes waren Bauern nach Goch gekommen, die die Königlichen Truppen der Preußen für eine Vorhut der französischen Armee hielten - und eifrigst das Weite suchten.

Am 19. Oktober "nehmen" die Republikanischen Truppen dann Kleve ein - ein nur 400 Mann starker Trupp reitet in die Stadt ein, ohne auf Widerstand zu stoßen.

Der Grundsatz der Revolutionäre "Friede den Hütten, Krieg den Palästen" lässt nun auch die letzten verbliebenen Angehörigen der Oberschicht die Flucht ergreifen. Zeitweilig liegen in diesen Tagen über 100.000 Soldaten der französischen Armee in und um Kleve.

Französisch wird Amtsprache am Niederrhein - und es bis 1815 bleiben.

 

zuletzt bearbeit am 26.11.2005