12000 Jahre Niederrhein - 800 Jahre Kleve

Arrondissement Cleve

 

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Preußen zog es nach der Kanonade von Valmy vor, in der Auseinandersetzung der deutschen Länder mit Frankreich neutral zu bleiben, und gab in dem Friedensvertrag von Basel (1795) seine linksrheinischen Besitzungen unbedenklich preis. Ihre Sanktion von Seiten des deutschen Reiches erhielt diese Aufgabe durch den Rastatter Kongress von 1798 und den Vertrag von Lunéville im Jahre 1801, der das gesamte linke Rheinufer im Namen des deutschen Reiches der vollen Souveränität der französischen Republik überwies.

Die ganze Republik wurde eingeteilt in Departements oder Bezirke. Kleve gehörte zum Departement de la Roer (Passwortgeschützter Bereich), Hauptort war Aachen.

Das Roerdepartement war in vier Arrondissements oder Kreise eingeteilt: Aachen, Köln, Krefeld und Kleve. Der Kreis Kleve umfasste die Kantone Kleve, Geldern, Goch, Horst, Kalkar, Kranenburg, Wankum und Xanten. An der Spitze des Kreises stand der Unterpräfekt.

Der erste Unterpräfekt war der am 22. Juni 1800 ernannte A. J. Dorsch, katholischer Theologe, Professor der Philosophie und Moral.

Seinen Nachfolger bestimmte Napoleon am 2. Oktober 1804: Den Landedelmann C. L. G. J. v. Keverberg. Er gründete in Kleve den ersten Landwirtschaftlichen Verein, die "Sociéte d`Emulation et d`Agriculture" oder "Ämulations- und Ackerbaugesellschaft" zur Förderung der Landeskultur. Er galt als Mäzen der Theaterkunst. Ihm ist es zu verdanken, dass Goethe sich des Johanna Sebus-Stoffes annahm.

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Rheinbundmedaille

Der Rheinbund war im Wesentlichen ein Militärbündnis, seine Mitglieder waren verpflichtet, Frankreich hohe Militärkontingente zu stellen. Sie erfuhren dafür im Gegenzug Rangerhöhungen - Baden, Hessen-Darmstadt, Herzogtum Kleve und Herzogtum Berg zu Großherzogtümern, Württemberg und Bayern zu Königreichen - und teilweise beträchtliche Gebietserweiterungen durch die Mediatisierung weltlicher und die Säkularisation geistlicher Reichsstände.

Das Gebiet des heutigen Bundeslandes NRW in der napoleonischen Zeit: 1811

Seine Aufgaben übernahm 1811 Edme-Charles Gruat. In den acht Monaten, die Gruat in Kleve verbrachte, hieß es, er habe "Anspruch auf die größte Dankbarkeit aller Bewohner der Stadt Kleve erworben, weil er sich mit unermüdlichen Eifer des Wohles und der Verschönerung der Stadt angenommen habe, vor allem durch die Wiederherstellung des Tiergartens, des Gesundbrunnens, der Schleuse und des Moritzgrabens."

Allerdings: Die Arrondissementsverwaltung war kein Ersatz für die früheren hohen preußischen Landesbehörden. Auch die Justizverwaltung wurde auf die Bedürfnisse des Arrondissements beschränkt. Die Bedeutung von Kleve sank auf das Niveau einer Provinzstadt.

Neben dem französischen Verwaltungssystem wurden nach der Justizreform auch die übersichtliche, moderne Gerichtsverfassung sowie Napoleons Code civil, Handelsgesetzbuch, Strafgesetzbuch und die neuen Prozessordnungen eingeführt, die bis zum Jahre 1900 in Kraft blieben, in einigen Besonderheiten aber heute noch fortbestehen, wie zum Beispiel dem linksrheinischen "Nur-Notariat". 

Die französischen Machthaber veränderten durch die Säkularisation auch die jahrhundertealte Organisation der Kirche. In Kleve wurde am 1. März 1804 in einer gesetzlichen Regelung festgelegt, dass die seit 1341 mit der Stiftskirche vereinigten Kirchen der Region aus dem alten Verband zu entlassen sind. Sie wurden daher wieder selbstständige Pfarren oder gerieten in neue Abhängigkeiten. 

Kleves vorübergehender Wohlstand in Preußen war durch die Ansammlung der hohen Landesbehörden und seinem Fremdenverkehr begründet. Durch den Wegzug der Behörden im Jahre 1794 hatte die Stadt empfindlich gelitten; der Fremdenverkehr, der wegen der Kriegsereignisse jahrelang völlig danieder lag, konnte sich nur langsam erholen. Dennoch nach den kurzen Wirren der Besetzung erlebte die niederrheinische Bevölkerung, die seit mehr als 200 Jahre wehrlos fremden Kriegsvölkern ausgesetzt gewesen war, während eines Zeitraumes von fast 20 Jahren eine verhältnismäßig glückliche Zeit, in der das europäische Kriegsgeschehen sie wenig berührte. Ein Aufstand gegen die neuen Herrscher fand daher in Kleve nicht statt. In der Nachbarstadt Wesel jedoch wurden die Schill´schen Offiziere, die im Jahre 1809 gegen Napoleons Truppen fochten, als Deserteure hingerichtet. 

Da die vergangene Feudalherrschaft ein Nationalgefühl im eigentlichen Sinne nicht hatte aufkommen lassen, berührte es kaum, dass als Amtssprache das Französische eingeführt wurde; war doch auch die preußische Behördensprache der Bevölkerung mit ihrer niederdeutschen Landessprache fremd geblieben.

Obgleich Frankreich nur die Rheingrenze als Ziel seine Wünsche proklamiert hatte, ließ Napoleon sich im Jahre 1805 von Preußen auch die rechtsrheinischen Teile des Herzogtums Kleve mit der Hauptstadt Wesel abtreten, um sie nach der Besetzung von Berg mit diesem Herzogtum zu dem "Großherzogtum Kleve-Berg" zu vereinigen und den zum kaiserlichen Prinzen erhobenen Marschall Joachim Murat damit zu belehnen. Murat ließ sich 1806 als Großherzog Joachim I. von den Ständen, Beamten und Bürgern in Düsseldorf und Wesel huldigen, nahm aber 1806 bereits wieder "Abschied von seinen Untertanen", um den Königsthron von Neapel zu besteigen. Das Großherzogtum Kleve-Berg übertrug Napoleon im folgenden Jahr formal seinen minderjährigen Neffen Louis-Napoleon, ließ es aber durch französische Behörden und nach französischem Muster verwalten. Nach dem Frieden von Tilsit im Jahre 1807 schlug er auch die Grafschaft Mark, die Preußen neben der Grafschaft Ravensberg als letzter Rest der klevischen Besitzungen verblieben war, dem Großherzogtum zu, während er Ravensberg mit dem neugeschaffenen Königreich Westfalen vereinigte.

Bereits seit dem 10. Januar 1809 häuften sich in den Zeitungen die Meldungen von einer Hochwasserkatastrophe am Rhein. Bei Emmerich war der Deich an drei Stellen gebrochen. Mitte des Monats verschärfte sich die Situation weiter und der Kirchturm von Brienen war von den Wassermassen überflutet und nicht mehr zu sehen. In der Nacht zum 27. Januar 1809 erreichte das Hochwasser einen historischen Höchststand. Die Häuser der (Klever) Vorstadt waren bis zum Dach unter Wasser; in der Unterstadt stand das Wasser im Untergeschoss der Häuser. Die ganze Wasserfläche war, bei klirrender Kälte, bald mit einer Eisschicht bedeckt (eine zeitgenössische Darstellung von Franz Jakob Rousseau sehen Sie hier). 

In diesem Umfeld ist die Heldentat der Johanna Sebus angesiedelt, der Goethe eine Ballade widmete. Die Ballade "zum Andenken der Siebzehnjährigen, Schönen, Guten aus dem Dorfe Brienen, die am 13. Januar 1809 bei dem Eisgang des Rheines und dem großen Bruche des Dammes von Cleverham Hilfe reichend unterging."

Sicher trug diese Ballade mit dazu bei, dass Johanna Sebus ein Denkmal errichtet wurde. Die Grundsteinlegung hatte am 9. Juni 1811 stattgefunden. Es ist auch heute - glücklicherweise - noch zu besichtigen.  Im Jahre 1976 empfahl ein Mitglied des Stadtrats den Abbruch, wenn die Grünanlage am Denkmal nicht besser unterhalten werde. Die Renovierung ist im übrigen zwischenzeitlich erfolgt.

Bemerkenswert an diesem Denkmal ist jedoch, dass es im weiten Umkreis das erste und lange das einzige Denkmal für einen Menschen ist, den nicht Geburt und Erziehung für große Aufgaben vorbereitet haben, sondern der seinen Ruhm einer bürgerlichen Tugend verdankt. Hier wurde wirklich, was Rousseau erträumte. Die Tat eines tapferen einfachen Mädchens, von einem großen deutschen Dichter besungen und von den Inhabern der Staatsgewalt in Stein verewigt - das macht den Rang des Monumentes aus (und nicht die Grünanlagen). 

Im Jahre 1810 stand Napoleon auf dem Gipfel seines Erfolges, war er der Herrscher Europas. Kleve, die geschundene und gebeutelte Stadt hatte den Frieden nötig. 

Durch die inzwischen eingetretene Veränderung Hollands zu einem Königreich und die spätere Vereinigung mit Frankreich wurden viele holländische Familien veranlasst, sich in Kleve niederzulassen. Das gesellige Leben belebte sich deutlich. 

Unter diesen Bedingungen durften auch die schwer beschädigten und vernachlässigten Anlagen - dies unschätzbare Kapital, der auf den Besuch der Fremden angewiesenen Stadt - auf Wiederherstellung und Pflege hoffen. Ein Anfang war mit der Erneuerung des Forstgartens bereits gemacht. Die Anlage des Forstgarten, in unmittelbarer Nähe zum Amphitheater gelegen, wurde 1784 durch den Kammerpräsidenten und späteren Regierungspräsidenten Julius-Ernst von Buggenhagen in Auftrag gegeben. Im Jahre 1806 wurde er nochmals erweitert. Während des Hochwasser von 1809 stand hier das Wasser mit seiner Eisdecke vier Fuß hoch.

Mit der Renovierung des völlig verfallenen Mineralbrunnens - ebenfalls am Amphitheater gelegen - wurde am 26. August 1811 begonnen. 

Auch das Moritzgrab in Berg en Dal wurde wiederhergestellt. 

Es gab auch Pläne zur Wiederherstellung des Amphitheaters und der übrigen Anlagen. Zur Ausführung ist es, da sich der politische Himmel bald wieder bewölkte, nicht mehr gekommen. 

Napoleon und seine Gattin, die Kaiserin Marie-Louise, waren während einer Durchreise im Herbst 1811 in Kleve. Napoleon hielt sich nur zwei Stunden vor dem Posthaus in der Kavarinerstraße auf und fuhr mit frisch angespannten Pferden, ohne aus seinem Wagen gestiegen zu sein, gleich wieder fort. Kleve war halt Provinz!

Ende Oktober 1813 erreichten Gerüchte von der französischen Niederlage bei Leipzig Kleve. Um das von Preußen bedrohte Holland zu schützen, wurden Truppen in der Stadt konzentriert. In der Spitze waren 10 Generäle und 400 Offiziere nebst einfachen Soldaten in der Stadt einquartiert. Darüber hinaus kamen von Zeit zu Zeit auch noch viele französische Oberbeamte aus den verlorenen Provinzen östlich des Rheins als Flüchtlinge in Kleve an.

Der Abmarsch der Franzosen einschließlich allen Beamten, Kassen und Büchern aus Kleve erfolgte am 5. Januar 1814 in aller Stille. 

Diese Stille war mit der Vorhut der ursprünglichen und zukünftigen Herrscher zu Ende!

zuletzt bearbeit am 27.11.2005