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Bis
weit ins 20. Jahrhundert hinein war die Geschichte vom Heldentod
der Schill´schen Offiziere, die im Jahre 1809 gegen Napoleons
Truppen fochten und die später in der Festungsstadt Wesel ihr
Leben lassen mussten, so etwas wie ein Lehrstück für die
deutsche Jugend. In Schullesebüchern konnten sich Mädchen und
Jungen mit der Tragödie der "Opfer zu Wesel" vertraut
machen. Und wer in der Region kannte nicht das imposante
Schill-Denkmal in den Weseler Lippewiesen? Es steht noch heute an
dem Platz, an dem die sterblichen Überreste der elf Freiheitskämpfer
in der Erde ruhen. "Sie starben als Preußen und
Helden", steht auf der Rückseite des von Carl Friedrich
Schinkel entworfenen und in Berlin aus französischen Kanonen
gegossenen Bronze-Denkmals. Damals, im Frühjahr 1809, befinden
sich weite Teile Europas in der Hand Napoleons. Preußen hat große
Teile seines Territoriums an Frankreich verloren. Nun, wo Kaiser
Napoleon auf dem Gipfel seiner Macht steht, beginnt sich
Widerstand zu regen, vor allem im Volke selbst. In Tirol, in Böhmen
und eben in Preußen. Dort ist es der Freikorpsführer Major
Ferdinand von Schill, der am 28. April 1809 den Aufstand wagt.
Doch zu dem erhofften Volksaufstand kommt es nicht. Bereits wenige
Tage nach dem Beginn seines Feldzugs erhält Schill den Befehl des
preußischen Königs zur Rückkehr. Das Schill´sche Korps aber
widersetzt sich der königlichen Anordnung. Und verzettelt sich in
planlosen kleineren Unternehmungen. In den ersten Märztagen muss
der Kommandeur zur Kenntnis nehmen, dass sein Vorhaben gescheitert
ist. Der König von Preußen, Friedrich Wilhelm III., schimpft
Schill einen Deserteur, verurteilt sein Gehabe aufs Schärfste.
Doch
Schill und seine Offiziere, die ihm aus freien Stücken folgen,
planen die Fortsetzung des "kleinen Krieges" im
norddeutschen Raum. Der König von Westfalen, ein Bruder
Napoleons, hat inzwischen zur Jagd auf die Deserteure aufgerufen.
Und ein Kopfgeld von 10.000 Franken ausgesetzt. Der Gesuchte zieht
nach Stralsund, richtet sich in der Festung zur Verteidigung ein.
Schnell stehen die Franzosen mit einem 5.000-Mann starken Heer vor
den Mauern. Greifen im Morgengrauen an. Am Nachmittag ist der
Kampf entschieden. Etwa 400 preußische Freiheitskämpfer fallen
in Stralsund, 543 Soldaten gehen in Gefangenschaft, vielen winkt
die Galeere. Schill selbst fällt im Straßenkampf um Stralsund am
Mittag des 31. Mai, er wird von holländischen Jägern vom Pferd
geschossen. Elf Offiziere des Schill-Korps erreichen nach einer
langen Odyssee durch Deutschland und Frankreich etwa Mitte August
1809 die Stadt Wesel am Rhein, die seit 1806 französische Festung
ist. In den Kasematten des Haupttorgebäudes werden sie hier unter
Arrest gesetzt. Ein französisches Kriegsgericht verurteilt die Männer
am 16. September 1809 wegen "Straßenräuberei" zum Tod
durch Erschießen. Noch am gleichen Tage wird das Urteil auf den
Lippewiesen vor den Wällen von Wesel vollstreckt.
"Gegen
ein Uhr mittags setzte sich der Zug der Verurteilten unter dumpfem
Trommelwirbel von der Zitadelle aus in Bewegung zum
Richtplatz", schrieb der Weseler Chronist Felix Richard 1959
in seinem Gedenkbuch. Vor den Todesschüssen sollen sie, wie ein
Augenzeuge erwähnt, ihre Hüte in die Luft werfend gerufen haben:
"Es lebe der König von Preußen!" Dann brechen zehn der
Offiziere im Feuer von 66 Musketen zusammen. Nur noch einer steht
aufrecht da, Albert von Wedell, bloß sein Arm ist getroffen. Mit
entblößter Brust stellt er sich dem Exekutionskommando erneut,
deutet auf sein Herz, schreit den französischen Kanonieren
entgegen "Zielt besser!" Dann, in einer zweiten
Gewehrsalve, fällt auch er, während die Weseler ihre "Augen
mit Schaudern von dieser furchtbaren Scene abwenden".
Die
Gräber der Schill-Offiziere in Wesel werden bald zu einer Art
"nationalen Wallfahrtsstätte", wie der Weseler
Divisionspfarrer zur 100-Jahrfeier formuliert. Ab 1909 finden jährliche
Schill-Feiern der Schulen auf der Schill-Wiese statt. Die
Verherrlichung des Schill´schen Freiheitskampfes erlebt nach der
deutschen Reichsgründung 1871 "chauvinistische Höhepunkte".
"Märtyrer" seien sie, heißt es in der "Beschwörung
nationaler, antifranzösischer Gefühle". Im Dritten Reich
gewinnt das zum Heldentod stilisierte Schicksal seinen fragwürdigsten
Vorbildcharakter.
Heute
ist ein Großteil des patriotischen Geistes vom Denkmal gewichen.
Erinnerungen an ein Stück deutsch-französischer Geschichte und
eine menschliche Tragödie überwiegen.
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