Clemens Reinders

Sie starben keinen Heldentod

NRZ vom 20.04.2001

 

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Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war die Geschichte vom Heldentod der Schill´schen Offiziere, die im Jahre 1809 gegen Napoleons Truppen fochten und die später in der Festungsstadt Wesel ihr Leben lassen mussten, so etwas wie ein Lehrstück für die deutsche Jugend. In Schullesebüchern konnten sich Mädchen und Jungen mit der Tragödie der "Opfer zu Wesel" vertraut machen. Und wer in der Region kannte nicht das imposante Schill-Denkmal in den Weseler Lippewiesen? Es steht noch heute an dem Platz, an dem die sterblichen Überreste der elf Freiheitskämpfer in der Erde ruhen. "Sie starben als Preußen und Helden", steht auf der Rückseite des von Carl Friedrich Schinkel entworfenen und in Berlin aus französischen Kanonen gegossenen Bronze-Denkmals. Damals, im Frühjahr 1809, befinden sich weite Teile Europas in der Hand Napoleons. Preußen hat große Teile seines Territoriums an Frankreich verloren. Nun, wo Kaiser Napoleon auf dem Gipfel seiner Macht steht, beginnt sich Widerstand zu regen, vor allem im Volke selbst. In Tirol, in Böhmen und eben in Preußen. Dort ist es der Freikorpsführer Major Ferdinand von Schill, der am 28. April 1809 den Aufstand wagt. Doch zu dem erhofften Volksaufstand kommt es nicht. Bereits wenige Tage nach dem Beginn seines Feldzugs erhält Schill den Befehl des preußischen Königs zur Rückkehr. Das Schill´sche Korps aber widersetzt sich der königlichen Anordnung. Und verzettelt sich in planlosen kleineren Unternehmungen. In den ersten Märztagen muss der Kommandeur zur Kenntnis nehmen, dass sein Vorhaben gescheitert ist. Der König von Preußen, Friedrich Wilhelm III., schimpft Schill einen Deserteur, verurteilt sein Gehabe aufs Schärfste.

Doch Schill und seine Offiziere, die ihm aus freien Stücken folgen, planen die Fortsetzung des "kleinen Krieges" im norddeutschen Raum. Der König von Westfalen, ein Bruder Napoleons, hat inzwischen zur Jagd auf die Deserteure aufgerufen. Und ein Kopfgeld von 10.000 Franken ausgesetzt. Der Gesuchte zieht nach Stralsund, richtet sich in der Festung zur Verteidigung ein. Schnell stehen die Franzosen mit einem 5.000-Mann starken Heer vor den Mauern. Greifen im Morgengrauen an. Am Nachmittag ist der Kampf entschieden. Etwa 400 preußische Freiheitskämpfer fallen in Stralsund, 543 Soldaten gehen in Gefangenschaft, vielen winkt die Galeere. Schill selbst fällt im Straßenkampf um Stralsund am Mittag des 31. Mai, er wird von holländischen Jägern vom Pferd geschossen. Elf Offiziere des Schill-Korps erreichen nach einer langen Odyssee durch Deutschland und Frankreich etwa Mitte August 1809 die Stadt Wesel am Rhein, die seit 1806 französische Festung ist. In den Kasematten des Haupttorgebäudes werden sie hier unter Arrest gesetzt. Ein französisches Kriegsgericht verurteilt die Männer am 16. September 1809 wegen "Straßenräuberei" zum Tod durch Erschießen. Noch am gleichen Tage wird das Urteil auf den Lippewiesen vor den Wällen von Wesel vollstreckt.

"Gegen ein Uhr mittags setzte sich der Zug der Verurteilten unter dumpfem Trommelwirbel von der Zitadelle aus in Bewegung zum Richtplatz", schrieb der Weseler Chronist Felix Richard 1959 in seinem Gedenkbuch. Vor den Todesschüssen sollen sie, wie ein Augenzeuge erwähnt, ihre Hüte in die Luft werfend gerufen haben: "Es lebe der König von Preußen!" Dann brechen zehn der Offiziere im Feuer von 66 Musketen zusammen. Nur noch einer steht aufrecht da, Albert von Wedell, bloß sein Arm ist getroffen. Mit entblößter Brust stellt er sich dem Exekutionskommando erneut, deutet auf sein Herz, schreit den französischen Kanonieren entgegen "Zielt besser!" Dann, in einer zweiten Gewehrsalve, fällt auch er, während die Weseler ihre "Augen mit Schaudern von dieser furchtbaren Scene abwenden". 

Die Gräber der Schill-Offiziere in Wesel werden bald zu einer Art "nationalen Wallfahrtsstätte", wie der Weseler Divisionspfarrer zur 100-Jahrfeier formuliert. Ab 1909 finden jährliche Schill-Feiern der Schulen auf der Schill-Wiese statt. Die Verherrlichung des Schill´schen Freiheitskampfes erlebt nach der deutschen Reichsgründung 1871 "chauvinistische Höhepunkte". "Märtyrer" seien sie, heißt es in der "Beschwörung nationaler, antifranzösischer Gefühle". Im Dritten Reich gewinnt das zum Heldentod stilisierte Schicksal seinen fragwürdigsten Vorbildcharakter.

Heute ist ein Großteil des patriotischen Geistes vom Denkmal gewichen. Erinnerungen an ein Stück deutsch-französischer Geschichte und eine menschliche Tragödie überwiegen.

 

zuletzt bearbeit am 25.11.2005