12000 Jahre Niederrhein - 800 Jahre Kleve

Regierungsbezirk Cleve

 

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Nur wenige Stunden zuvor hatten die Franzosen die Stadt Kleve verlassen, da meldete sich beim Bürgermeister am 5. Januar 1814 ein alliierter Offizier mit Namen Lyon, Hauptmann in einem englischen Husarenregiment: Die Stadt soll Quartier und Verpflegung bereitstellen für 6.000 Kosaken, die am nächsten Tag einrücken würden. In den nächsten Tagen kamen zwar noch nicht die Kosaken, wohl aber der Hauptmann Lyon mit seinen Begleitern und ging, nachdem auf Kosten der Stadt tüchtig gezecht worden war, mit diesen wieder nach Emmerich. Dieses Kommen und Gehen wiederholte jener Lyon mehrmals, bis die Stadt einen Schlussstrich zog. 

Die ersten 1.000 Kosaken marschierten schließlich am 8. Januar in Kleve ein. Für die Versorgung hatte die Stadt aufzukommen. Das Amt des geflüchteten Unterpräfekten wurde vom Bürgermeister Christian Friedrich von der Mosel (Passwortgeschützter Bereich) übernommen, der am 14. Januar an den Amtskollegen in Appeldorn schrieb: 

"Das Elend ist in Kleve bereits auf einen sehr hohen Grad gestiegen, und außer den gewöhnlichen täglichen Bedürfnissen der Lebensmittel werden Gegenstände des Luxus von mir (durch die Kosaken) gefordert, die ich auch hier in der Stadt requirieren muss, und die zum Teil gar nicht zu bekommen sind. Alle Handwerker arbeiten für die Kosaken ohne Bezahlung. Alle Kaufleute liefern die verschiedenen Artikel ihrer Läden ohne Aussicht auf Bezahlung." 

Doch nicht nur die Kosaken hausten in den "befreiten" Gebieten, auch die preußischen Befreier stellten Forderungen. So z. B. Major von Reiche, der die vollständige Neueinkleidung seines 800 Kopf starken Reiterbataillons verlangte.  Es gibt viele weitere Klagen über die Willkür der Preußen. Ein Engländer, der den vorrückenden Truppen nachreiste, ist Zeuge: 

"Am anderen Tage fand ich mich auf meiner Wanderung im Herzogtum Kleve und beeilte mich, die Hauptstadt gleichen Namens zu sehen. Der König von Preußen ist hier Herzog und hat das Land mit seinen Truppen besetzt. Es macht einen völlig ruinösen Eindruck. Man muss die Soldaten bei der Mahlzeit gesehen haben; den armen abgerissenen Bauern, der ihnen auf dem Hof aufwartet; dann begreift man die zwingenden Gründe warum die Bewohner der Garnisonstädte einem sagen, dass sie lieber zwanzig Engländer als einen einzigen Preußen füttern wollen. Wie gerechtfertigt auch die Ressentiments der Preußen sein mögen, hier sind sie nicht am Platze. Ihr Terrorsystem bewirkt, dass jede Stadt, worin sie längeren Aufenthalt nehmen, ruiniert wird." 

Die Situation bessert sich erst im Frühjahr. Johan-August Sack, ein Sohn der Stadt Kleve, übernimmt die Verwaltung der von den alliierten Truppen besetzten Gebiete am Niederrhein und beginnt mit der Neuordnung der rückeroberten Territorien. Er wendet sich am 10. März 1814 mit einem Aufruf an das Volk: 

"Durch das Vertrauen der hohen verbündeten Mächte zum General-Gouverneur vom Niederrhein berufen, habe ich meine Stelle als Zivil-Gouverneur des Landes zwischen Elbe und Oder verlassen und bin hierher, in mein erstes Vaterland, geeilt, dem ich meine Geburt, meine erste Bildung und meine frühere Wirksamkeit verdanke."

Dennoch die Frage der zukünftigen Staatsangehörigkeit blieb offen: Man rechnete damit, dass der König von Sachsen, der sein Land an Preußen abtreten werde, auf dem linken Rheinufer entschädigt werde. Erst seit Ende Februar 1815 macht man sich in Kleve endgültig mit der preußischen Zukunft vertraut. Obwohl: in Kleve fühlte man nicht preußisch; man fühlte - erstmals, und bevor das Wort wieder politisch anrüchig wurde - deutsch. 

Am 11. März wird bekannt, dass Napoleon bei Toulon gelandet sei und schnell voranschreite. Der Aufruf des Königs von Preußen "An die Einwohner der mit der preußischen Monarchie vereinigten Rheinländer" ist am 5. April zu Wien erlassen. Die tatsächliche "Besitznahme des nunmehrigen Großherzogtums Nieder-Rhein so wie der Herzogtümer Kleve, Berg, Geldern, des Fürstentums Mörs und der Grafschaften Essen und Werden" erfolgt am 15. April durch Gneisenau und Sack zu Aachen.

Nach der Siegesfeier der Alliierten auf den Champs Élysés am 31. März 1815 waren die gekrönten Häupter noch viele Wochen in Paris geblieben. Auf der Heimreise im Juni durchquerten der Zar von Rußland, Alexander I. Pawlowitsch und der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm IV. unabhängig voneinander Kleve.

Der Wiener Kongress (18.9.1814 - 9.6.1815) ordnete auch die Grenzen im Westen neu. Dabei wurden in den Verhandlungen die Grenzen zwischen Deutschland und den Niederlanden grundsätzlich neu, und teilweise erheblich vom früheren Status abweichend, festgelegt. Weit mehr als die Hälfte des preußischen Oberquartiers Geldern ging an die Niederländer, denn die Westgrenze Preußens am Niederrhein erhielt nunmehr ihren Verlauf "am rechten Maasufer, doch überall wenigstens 800 rheinländische Ruhten von ihm entfernt". Das war ein Sicherheitsabstand, der der damaligen Reichweite eines "Kanonenschusses" entsprach. 

Damit war das Gebiet des späteren Kreises Geldern preußisch; aber die Grenzziehung, die das ehemalige Preußische Oberquartier in nord-südlicher Richtung durchschnitt, schied nun Menschen voneinander, die geschichtlich, sprachlich und volkstumsmäßig gleich waren. Es dauerte noch drei Jahre, bis der konkrete Grenzverlauf ausgehandelt, im Gelände vermessen und abgepfählt war.

Ebenso wurde im Norden des ehemaligen Herzogtums Kleve die Grenze neu geordnet, wobei hier immerhin ein gewisser Austausch klevischer gegen geldrische Gebiete stattfand.

Unter Berücksichtigung dieser Grenzveränderung wurde am 22. April 1816, fußend auf den alten preußischen Gebieten am Niederrhein, der  Regierungsbezirk Kleve eingerichtet, dessen Verwaltungsaufgaben weit über die der früheren Kriegs- und Domänenkammer hinausging. 

Dieser Regierungsbezirk war neben den Bezirken Düsseldorf und Köln Bestandteil der Provinz Kleve-Jülich-Berg mit der Hauptstadt Köln. 

Die alte Residenz wurde damit nicht nur wiederum Regierungssitz, sondern erhielt als Landeshauptstadt auch das neue Oberlandesgericht, das jedoch bereits im Jahre 1819 aus organisatorischen Gründen verlegt wurde. An seiner Stelle trat das Landgericht, das noch heute seinen Sitz auf der Schwanenburg hat und mit seinen sieben Amtsgerichtsbezirken Kleve, Goch, Emmerich, Geldern, Xanten, Rheinberg und Moers nach der Auflösung des Regierungsbezirks Cleve im Jahre 1822 den letzten Traditionsträger (Passwortgeschützter Bereich) der früher auf der Schwanenburg residierenden Landeshoheit darstellt.

Unmittelbar und persönlich waren die Regierungsbeamten in Kleve an der Verbesserung der katastrophalen Schulverhältnisse interessiert. Die Beamten der alten preußischen Behörden hatten ihre Söhne auf das Reformierte Gymnasium geschickt. Diese Schule war, nachdem es einige Jahre ohne die nötigen öffentlichen Zuschüsse hatte dahin vegetieren müssen, im Jahre 1803 schließlich eingegangen. Erst am 21. April 1817 - nahezu eine Generation später - erhielt Kleve wieder ein Gymnasium. So war für die Söhne der "gebildeten Stände" gesorgt. Die Töchter waren noch lange auf Privatschulen angewiesen. 

Legt man für den niederrheinischen Regierungsbezirk - unter Außerachtlassung des Kreises Kempen - die heutigen Verwaltungsgrenzen zugrunde, dann war das Gebiet des jetzigen Kreises Kleve, mit 88.500 Einwohnern, mit Abstand der bevölkerungsstärkste Teilraum der Region. Hier lebte mehr als die Hälfte der Bevölkerung des Niederrheins. Im heutigen Kreisgebiet Wesel wohnten 60.400 Einwohner. Dagegen hatte das Gebiet der heutigen Stadt Duisburg nur eine Bevölkerung von 20.200 Menschen.

Die "Lebensdauer" des Regierungsbezirks Kleve war allerdings nur kurz bemessen. Bereits 1822, bei der ersten Verwaltungsreform Preußens, wurde dieser klevisch-geldrisch-moersische Regierungsbezirk wieder aufgelöst (Passwortgeschützter Bereich) und die Regierung von Kleve mit der in Düsseldorf zusammengelegt. Vorhang zu. Der Traum von einer schöneren Zukunft war ausgeträumt. "Und so wanderten mehr als hundert Familien von Kleve wieder weg, wo ihr Dasein den Bürger sein Fortkommen erleichtert und die Gewerbetreibenden in Tätigkeit erhalten hatte." Das Geld, das diese Familien jährlich in Umlauf gebracht hatten, wurde auf 100.000 Taler geschätzt; der Stadt von etwa 7.000 Einwohnern fehlte fortan der Lohn für jährliche 500.000 Arbeitstage. "Jetzt sehen wir wieder große Gebäude verödet und ganze Reihen von Häusern mit Verkauf- und Vermietungszetteln behangen, die kein Mensch mehr berücksichtigt; Häuser- und Stubenmiete sind zur Hälfte gesunken, und geschickte Handwerker bitten vergebens um Arbeit. ... Kleve, die frühere Hauptstadt eines der ansehnlichsten Herzogtümer Teutschlands, dann die dritte Hauptstadt eines mächtigen Königreichs, sank jetzt zur gewöhnlichen Kreisstadt herab."

Am Beginn eines neues Zeitalters - der Industrialisierung - war dieser Zusammenschluss für Kleve besonders folgenreich. Düsseldorf entwickelte sich zur Schreibstube des Reviers, Kleve wurde Grenzstadt und setzte die Erwartungen weniger in die industrielle Entwicklung, sondern vor allem in den Fremdenverkehr. Was blieb der Stadt auch anders übrig: Strategisch ist aus preußischer Sicht der Rhein die Grenze, ist das linksrheinische Land ein Glacis, worin man nichts investiert, das einem zum Rhein aufmarschierenden Feind Vorteil bringen könnte. 

zuletzt bearbeit am 02.12.2005