12000 Jahre Niederrhein - 800 Jahre Kleve

Industrialisierung

 

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Ansicht der Margarinefabrik Van den Bergh aus dem Jahr 1925

Mit der Industrialisierung wurde ein neues Zeitalter eingeleitet. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts setzte in Großbritannien durch Neuerungen in der Textilbranche sowie im Bergbau und Hüttenwesen die „industrielle Revolution” ein. Sie griff mit dem beginnenden 19. Jahrhundert auf die Staaten des Kontinents über und veränderte bis zum Ende des Jahrhunderts das Gesicht Europas und der Welt. Einhergehend mit dem technischen Fortschritt bildete sich innerhalb der Staaten ein starkes Bürgertum heraus, das die Monarchien bekämpfte und zum Träger der nationalstaatlichen Idee des 19. Jahrhunderts wurde. Der südliche Niederrhein wurde zu einem Zentrum dieser Entwicklung innerhalb Deutschland. Eindrucksvoll lässt sich dies an der Entwicklung der Einwohnerzahl der Stadt Duisburg ablesen. 1816 zählte Duisburg wenig mehr als 20.000 Menschen, gut ein Jahrhundert später waren es bereits über 500.000!

Eine Fülle von Tatsachen deuteten den Beginn einer neuen Zeit an:

  • Als Symbol für die neue technische Entwicklung war 1830 in Ruhrort, auf der im Jahr 1828 errichteten Werft von Jacobi, Haniel und Huyssen, das erste in Deutschland gebaute Dampfschiff, die "Stadt Mainz", vom Stapel gelaufen.

  • Am 31. März 1831 wurde in Mainz die Rheinschifffahrtsakte niedergelegt. Sie sollte den Untertanen der Rheinuferstaaten die freie Ein- und Ausfahrt ins Meer und damit die rechtliche Grundlage für eine große, sich weit entfaltende Rheinschifffahrt schaffen. 

  • Am 1. Januar 1834 trat der Deutsche Zollverein in Kraft, der den inneren deutschen Markt frei erschloss und eine großräumige wirtschaftliche Entfaltung einleitete.

  • Neben den "alten" Energiequellen, Wind und Wasser sowie die menschliche und tierische Muskelkraft, war die Energie der ersten stationären Dampfmaschinen getreten.

  • 1837 gelang es dem Ruhrorter Unternehmer Franz Haniel, auf einer Zeche nördlich von Essen bei wasserhaltigem Gebirge die Mergelschicht mit einem Förderschacht zu durchstoßen und damit dem Steinkohlenbergbau den Weg in die großindustrielle Produktion zu weisen.

  • Zugleich gewannen am Ende dieses Jahrzehnts, nach der Eröffnung der ersten deutschen Eisenbahn in Süddeutschland, umfangreiche rheinische Eisenbahnpläne feste Gestalt.

In Kleve hoffte man Teil dieser Entwicklung werden zu können: "...mehr als je geeignet, um Fabrikherrn und andere Bewohner aufzunehmen, die sich ihren Wohnort wählen können und eine freundliche Umgebung dem Geräusch einer großen Stadt vorziehen. Denn Erstere würden jetzt wohlfeil Gebäude kaufen oder mieten und Arbeiter finden können; die Anderen geräumig, schön und wohlfeil wohnen und selbst bei einem mittelmäßigen Auskommen sich manche Annehmlichkeit und Bequemlichkeit des Lebens zu verschaffen im Stande sein. ... Kleve hat eine große Heerstraße; und von dieser führt eine schöne Kunststraße zum Rheine. Ein Kanal, der die Stadt mit dem Rhein verbindet, würde den Fabriken, überhaupt dem Handel, wesentliche Vorteile darbieten. ... Diese und mehrere andere Vorzüge dürften wohl manche Fabrikherren, die in teueren und durch die Natur weniger begünstigten Orten leben, auffordern, ihre Fabriken nach Kleve zu verlegen ... (Stadtwerbung aus dem Sommer 1823).

Die Regierung - inzwischen in Düsseldorf ansässig - hatte jedoch andere, realistischere Pläne, für Kleve: Fremdenverkehr! Am 6. April 1822 genehmigte der König die Pläne zur Wiederherstellung des Tiergartens. Der Hofgärtner Maximilian-Franz Weyhe, "der Schöpfer herrlicher Anlagen zu Düsseldorf, ist auch hier beschäftigt, den großen Park von Kleve zu verschönern (Passwortgeschützter Bereich)." Trotz enger finanzieller Grenzen standen die Arbeiten auf hohem Niveau, so dass der Fremdenverkehr deutlich aufblühte. Die vorhandenen Gasthäuser reichten bald nicht mehr aus und es entstanden neue Hotels und Ausflugslokale. Quantität und Qualität der in den seit 1824 veröffentlichten Fremdenlisten genannten Besucher lassen keinen Zweifel, dass der Tourismus in den zwanziger und dreißiger Jahren der bedeutendste Wirtschaftsfaktor der Stadt gewesen ist. 

Das findet auch seinen literarischen Niederschlag in Reiseführern und in einer Fülle von Berichten verwöhnter und kunstsinniger Reisenden, die kürzere oder längere Zeit in Kleve verbracht haben.

Kleve war auf dem besten Weg wieder ein attraktiver Badeort zu werden und zog in den Sommermonaten insbesondere immer mehr niederländische Besucher an. Die Niederländer fanden (und finden) in Kleve eine ähnliche Lebensweise vor, die Sprache wird im allgemeinen verstanden und die Stadt liegt vor der Haustür. Am 6. Juni 1846 wird das Kurhaus "Friedrich-Wilhelms-Bad" (Passwortgeschützter Bereich) eröffnet. Dies war dem Bürgermeister Ondereyck zu verdanken, der 1842 - zum 100jährigen Jubiläum der Brunnenkuren - die Wiederherstellung der eisenhaltigen Mineral-Quelle im Tiergarten bei Kleve nächst dem ehemaligen Amphitheater bei der königlichen Regierung zu Düsseldorf anregte. 1845 lud Ondereyck auf der eben wiederhergestellten Burg Stolzenfels das Königspaar nach Kleve ein. Das Herrscherpaar folgte der Einladung prompt. Beim Besuch konnte sich der König vom Fortschritt der Arbeiten am Tiergarten überzeugen und den Bau des Lohengrin-Denkmals bei der Schwanenburg anstoßen. Die vom König versprochene Wiederherstellung des Amphitheaters fiel indessen dem preußischen Geiz zum Opfer. 

Auch Künstler werden von der wiedererwachten Schönheit der Region angelockt. In Kleve waren es holländische Landschaftsmaler. In den 30er Jahren entschloss sich der jungverheiratete Maler Barend Cornelis Koekkoek seinen Wohnsitz von Holland nach Kleve zu verlegen. Er sammelte einen Kreis von Malerfreunden um sich: u. a. Johann Bernhard Klombeck (1815 -1893, aus Kleve) (Passwortgeschützter Bereich) , Willem Bodeman (1806 - 1880, aus Amsterdam), Felix Bovie (1812 - 1880, aus Brüssel), Alexander-Joseph Daiwaille (1818 - 1888, aus Amsterdam). Die Maler waren ein Geschenk des Himmels für die hart um ihre Existenz kämpfende Stadt. Die Werke der Klever Maler ziehen auch heute noch viele kunstinteressierte Gäste an den Niederrhein.

Schönheit stillt den Hunger nicht. Der Gegensatz zwischen armen und reichen Einwohnern war Mitte des 19ten Jahrhunderts sehr groß. Auf der einen Seite Holländer, die in den Kolonien reich geworden waren und sich in der Steueroase Kleve zu niedrigen Sätzen in prächtige Villen einmieteten, auf der anderen Seite Gesellen und Handlanger, die bei täglicher Arbeit gerade so viel verdienten, dass sie sich und ihre Familie vor dem Hungertod bewahren konnten. Es war ein Teufelskreis. Um die verarmte Stadt wenigstens teilweise für den verlorenengegangenen Regierungssitz zu entschädigen, war Hilfe zur teilweisen Wiederherstellung der öffentlichen Anlagen zugebilligt worden. Diese Anlagen zogen Fremde zu kürzeren oder längeren Aufenthalt in die Stadt, was zum Wohlstand einiger Gastwirte und Kaufleute beitrug. Aber die Fremden - die keine Einkommensteuer erbringen mussten - waren gleichzeitig daran interessiert, den Lohn für die in Anspruch genommenen Dienstleistungen, so niedrig wie möglich zu halten.  Wären aber die Löhne kräftig erhöht und die Fremden zur Einkommensteuer herangezogen worden, hätte die Stadt auch sie verloren. Es hätte dann nicht nur eine blutarme Arbeiterschaft, es hätte dann auch noch einen verarmten Mittelstand gegeben. 

Den Kampf gegen die Verarmung führten auch die Bauern. Der Gutsherr Reymer schuf mit seiner Tochter Maria die Grundlage für einen neuen Wirtschaftszweig am Niederrhein: Die Käseproduktion.

Der Fischfang sicherte in den am Rhein liegenden Orten - wie Griethausen und Grieth - ein bescheidenes Einkommen. 

Der Tabakanbau war ein weiterer bedeutender Zweig der klevischen Landwirtschaft. Die Weiterverarbeitung in Tabak- und Zigarrenfabriken erfolgte in bis zu drei Betrieben, die in bzw. am Stadtrand von Kleve angesiedelt waren.

Arbeitsplätze brachte auch eine "Holländische Chocoladen-Fabrik", die seit Ende 1862 C. Fr. Fanssen betrieb.

Obwohl die blühende Rindviehzucht des Kreises die Häute für eine beachtliche Lohgerberei in Kleve liefert, so ist von einer Lederindustrie noch lange nichts zu sehen.

Trotzdem: Für viele Niederrheiner war die Auswanderung nach Amerika die einzige Möglichkeit Not und Elend hinter sich zu lassen. Sie siedelten sich, wie Don Fehlings, seinerseits Nachfahre niederrheinischer Auswanderer, feststellt, häufig in der Umgebung des Missouri Flusses westlich der Stadt St. Louis an (sein Bericht in engl. Sprache).

Durch erhebliche Spenden gelang es den Klever Bürgern Baur, Ysermans und Fritzen im Jahr 1845 das Antonius-Hospital im ehemaligen Minoritenkloster einzurichten. Am 19. September zeigen diese an, daß das Antonius-Hospital unter der Leitung der barmherziger Schwestern zur Aufnahme von Kranken nunmehr völlig eingerichtet ist, und laden alle, besonders diejenigen, welche zur Einrichtung durch Gaben der Liebe beigetragen haben ein, dasselbe in den nächsten Tagen nachmittags von zwei bis fünf Uhr in Augenschein nehmen zu wollen. Die Anstalt wurde von einem Kuratorium geleitet, dem neben den Gründern der Arzt Dr. Wihelm Arntz, der Kaufmann Johan van Rossum und das Fräulein von Hövell - Tochter des Barons von Hövell, Eigentümer vom Schloss Gnadenthal - angehörten. 

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Ansicht aus dem Jahr 1904

Der Eindruck, des hier durch Bürgersinn geleisteten, muss in der Stadt überwältigend gewesen sein. So stifteten B. C. Koekkoek und die Maler des Malervereins zwölf Gemälde für eine Verlosung; 1851 stifteten sie erneut sechzehn Bilder. Das Antonius-Hospital übernimmt 1852 die Aufgaben der städtische Krankenanstalt: ... finden alle in Kleve und den Nachbargemeinden Hau, Materborn und Donsbrüggen erkrankte, dürftige Personen ... unentgeltliche Aufnahme; mit der Gemeinde Kleve und dem Vorstande der hiesigen Handwerker-Gesellen- und Fabrikarbeiter-Unterstützungskasse bestehen außerdem besondere Verträge in Betreff der Aufnahme der von diesem dem Kuratorium zu überweisenden Kranken und der dafür zu gewährenden Entschädigung.

Zwischen 1845 und 1847 verschärften sich in West- und Mitteleuropa die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Getreidepreise stiegen, eine Kartoffelkrankheit verknappte das Hauptnahrungsmittel der Armen, die Arbeitslosigkeit stieg und Kredite wurden teuer. Diese Notlage ließ die Gegner der Regierung anwachsen.  Der liberale Gedanke verbreitete sich und eine politische Umwälzung stand in Europa bevor. Auch vor Kleve machte diese Entwicklung nicht halt.

Aufgeschreckt durch die pariser Februarrevolution hatte der Bundestag am 3. März 1848 beschlossen: Jedem deutschen Bundesstaat wird freigestellt, die Zensur aufzuheben und Preßfreiheit einzuführen. Am 21. erfolgte ein Aufruf des Königs "An mein Volk und an die Deutsche Nation": "Deutschland ist von innerer Gärung ergriffen und kann durch äußere Gefahr von mehr als einer Seite bedroht werden. Rettung aus dieser doppelten dringenden Gefahr kann nur aus der innigsten Vereinigung der deutschen Fürsten und Völker unter einer Leitung hervorgehen. Ich übernehme heute diese Leitung für die Tage der Gefahr. - Ich habe heute die alten deutschen Farben angenommen und mich und mein Volk unter das ehrwürdige Banner des deutschen Reichs gestellt. Preußen geht fortan in Deutschland auf." Durch eine Order desselben Tages erhielt die Armee den Befehl, neben der preußischen die deutsche Kokarde anzustecken. Kleve, unter der Zensur nur stummer Zeuge der pariser und dann der berliner Geschehnisse, gewann an diesem ersten Frühlingstag die Sprache wieder.

Wenn man von Zielen der "März-Revolution" sprechen kann - besser spricht man vom gemeinsamen Nenner unterschiedlicher politischer Vorstellungen -  dann gehörte erstrangig dazu die Einheit des Deutschen Volkes. Das hatte auch der König von Preußen begriffen, als er - der Kapitulation zuvorkommend - feierlich erklärte: Preußen geht in Deutschland auf. Am 27. März beschloss der Rat: Der Stadtrat Dr. Arntz wurde committiert, um in Frankfurt der Versammlung deutscher Volksvertreter teilzunehmen und die Stadt Kleve zu vertreten, und daß ihm zur Legitimation ein Auszug des gegenwärtigen Protokolls erteilt werden solle. Wilhelm Arntz reiste sofort nach Frankfurt ab. Über die in Frankfurt gefassten Beschlüsse erstattete er am 14.April öffentlich Bericht: Die in den Tagen des 31. März und 1., 2. und 3. April in Frankfurt versammelten Männer hatten sich zur nächsten Aufgabe gestellt, eine ganz Deutschland gleichmäßig vertretende konstituierende National-Versammlung ins Leben zu rufen und erkannten sehr wohl, daß dieser einzig und allein die politische und soziale Wiedergeburt Deutschlands zu überlassen sei. Sie griffen daher derselben in ihren Beschlüssen nicht vor, hielten es aber für ihre Pflicht, schon jetzt die allgemeinen Grundzüge der Aufgabe der konstituierenden National-Versammlung zu bezeichnen. In diesem Sinne, so Wilhelm Arntz, habe ich mit 60 anderen Männern jener Versammlung in der letzten Sitzung einen Antrag gestellt, mit welchem die Versammlung sich grundsätzlich einverstanden erklärte, und in welchem folgende Grundrechte der deutschen Nation als das geringste Maß der Volksfreiheit aufgestellt sind:

  • Gleichstellung der politischen Rechte ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses und Unabhängigkeit der Kirche vom Staate;

  • volle Preßfreiheit;

  • volles Assoziationsrecht;

  • unbeschränktes Petitionsrecht;

  • gerechte Verteilung der Steuerpflicht nach Steuerkraft;

  • Gleichheit der Wehrpflicht und des Wehrrechtes;

  • freie Gemeindeverfassung und gleiche Berechtigung aller Bürger zu Gemeinde- und Staats-Ämtern;

  • unbedingtes Auswanderungsrecht;

  • allgemeines deutsches Staatsbürgerrecht;

  • Lehr- und Lernfreiheit;

  • Schutz der persönlichen Freiheit und des Eigentums;

  • Sicherstellung gegen Justizverweigerung;

  • Unabhängigkeit der Justiz mit einem obersten Bundesgericht;

  • Öffentlichkeit und Mündlichkeit der Rechtspflege;

  • Schwurgerichte in Strafsachen, namentlich in politischen und Preßvergehen;

  • staatliche Beförderung volkstümlicher Anstalten zur Hebung und Erleichterung in arbeitenden Klassen.

Man spürt, wie sehr das liberale Bürgertum der Stadt Kleve auf der Höhe seine Zeit war.

 

Aegidius Rudolf Nikolaus Arntz, Abgeordneter für Kleve zur Nationalversammlung in der Paulskirche 1848, später Universitätsprofessor in Brüssel.
Die erste freie und gleiche - aber indirekte - Wahl zur Nationalversammlung fand in Kleve Ende April 1848 statt. Die Klever konnten ihren demokratischen Kandidaten Aegidius Arntz, den Bruder von Wilhelm Arntz, mühelos durchbringen. Sie hatten damit einen glänzenden Politiker nach Berlin entsandt, einen Mann, der Zögernde mitzureißen und den Gegnern Respekt abzunötigen verstand. Aegidius Arntz (1812 - 1884) war 1830 vom klever Gymnasium nach München gegangen und hatte sich dort der Burschenschaft Germania angeschlossen. Nach der Unterdrückung der Burschenschaft war er nach Jena, Bonn, Heidelberg und wieder nach Bonn gegangen. 1834 wird er steckbrieflich gesucht: Der des Verbrechens des Hochverrats beschuldigte Landgerichtsauskultator Aegidius Arntz aus Kleve hat sich der gegen ihn eingeleiteten Kriminaluntersuchung und dem verfügten Anhörtransport durch seine Entweichung entzogen und sich mutmaßlich nach Holland und Belgien begeben. Der zu 15 Jahren Festungshaft Verurteilte genießt in Brüssel die Freiheit und wird dort 1838 ordentlicher Professor der Rechtswissenschaft. Im "Exil" entwickelte er seine politischen Grundsätze und leitet daraus seine Forderungen ab:
  • Gleichheit vor dem Gesetz und Gleichheit der politischen Rechte für alle Preußen, ohne Unterschied des Standes oder der Religion;

  • Sicherung der persönlichen Freiheit durch genaue Festsetzung der Bedingungen, unter denen eine Verhaftung vorgenommen werden kann;

  • Unverletzlichkeit des Hausrechts;

  • Unbedingte Rede- und Pressefreiheit;

  • Unbeschränkte Freiheit, sich zu jedem Zwecke zu versammeln und bleibende Vereine zu bilden;

  • Unabhängigkeit der Kirche vom Staate, freie Ausübung aller Religionen in dem weitesten Sinne des Wortes;

  • freies Auswanderungsrecht. 

Seine Vorschläge zur Bildung und Kontrolle der Regierung sind heute noch von höchster Aktualität. 

Doch die Aufbruchstimmung der "März-Revolution" währte nicht lange. 

Der König Friedrich Wilhelm IV. setzte am 2. November ein offen reaktionäres Ministerium ein, vertagt die Berliner Vereinbarerversammlung und verhängte am 12. November über Berlin den Belagerungszustand. Bereits am 9. November wandte sich Aegidius Arntz an seine Mitbürger: Das Vaterland ist in Gefahr! Gegen den am 2. d. M. einstimmig ausgesprochenen Willen der Versammlung ist heute das Ministerium Brandenburg ernannt worden und hat seine Wirksamkeit mit einem Staatsstreich begonnen. Protestaktionen wie Steuerverweigerung zugunsten des Parlamentes scheitern. Die Auflösung des Parlamentes und die gleichzeitig oktroyierte Verfassung markieren den Sieg der Reaktion in Preußen. 

Der Entschluss des Königs sich der deutschen Krone zu versagen, die Auflösung des Landtages und die sichere Erwartung der Wiederkehr des alten despotischen Regimes, führten in den rheinischen Großstädten zu Unruhen, die jedoch keine Änderung herbeiführen können. 

Die Neuwahlen zum Landtag von Mai 1849, diesmal - um jeden demokratischen Widerstand von vorneherein auszuschalten - nach dem die Mittel- und Unterschicht benachteiligenden Dreiklassensystem, dazu in offener mündlicher Stimmabgabe - begünstigten so offensichtlich und unverhüllt die Oberschicht und die Behörden, dass die Demokraten sich gänzlich der Stimme enthielten. Arntz, der wusste, dass die Demokratie in Preußen einstweilen keine Chance habe, ging nach Brüssel zurück.

Nach 1850 erstarkt das Bürgertum und drängt nach politischer Einheit (Deutsche Geschichte von 1849 - 1871). Otto von Bismarck (1815 - 1898) betrieb nach seiner Ernennung zum preußischen Ministerpräsidenten am 24.09.1862 die Herstellung der Einheit Deutschlands unter preußischer Führung von oben. Seine außenpolitischen Erfolge - Krieg gegen Dänemark (1864) und Österreich (1866) - ließen die Stimmen der Opposition zunehmend verstummen.

Als im Herbst 1864 Friede mit Dänemark geschlossen wurde, war auch die neue klever Kaserne fertig gestellt. Sie wurde am 2. Dezember von dem aus Schleswig zurückkehrenden Jägerbataillon bezogen.

Diese Ansicht, im Jahre 1908 von dem Kaufmann Fritz Nathan aufgelegt, zeigt uns die neue "56er Kaserne" an der Brabanterstraße mit den damals dort kasernierten Soldaten. Das 3. Bataillon des in Kleve stationierten Westf. Inft. Regts. Vogel von Falkenstein No. 56 verließ am 7. August 1914 die Stadt und zog gegen Frankreich in den Krieg.

Als die deutsche Führung im Jahre 1917 einen Einfall alliierter Truppen über Holland befürchtete, war die Stadt plötzlich wieder voller Soldaten. Rund dreitausend sollen es gewesen sein, die im Reichswald auch Befestigungen anlegten und Schützengräben aushoben. Fragmente dieser Grenzbefestigungen sind heute im Reichswald bei Grafwegen und anderswo noch vorhanden. Auch die vielen unterschiedlichen Feldpoststempel aus jener Zeit erinnern uns heute noch daran.

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Alte Kaserne

Als das Westfälische Jäger-Bataillon No. 7 gegen Ende des Jahres 1864 aus dem Kriege in Schleswig-Holstein nach Kleve heimkehrt, war die von der Stadt gebaute Kaserne hier auf dem Heideberg gerade für ihren Einzug fertig geworden. Nach sechsjähriger Kasernierung des Jäger-Bataillons in Kleve zog anschließend das III. Bataillon No. 56 des 7.  Westf. Inft. Regts. Vogel von Falkenstein in diese Kaserne ein. Während die eine Hälfte des Bataillons sich im Jahre 1902 in die neu erbaute Kaserne an der Brabanterstraße umquartierte, verblieb die andere Hälfte der Soldaten hier in der alten Kaserne.

Gerade achtzig Jahre alt geworden war sie , die "Alte Kaserne", bei der Zerstörung der Stadt im Jahre 1944 und so erinnert uns heute auf dem Heideberg auch gar nichts mehr an die "Alte 56er Kaserne".

Mit der siegreich verlaufenden Schlacht bei Königgrätz im Juli 1866 kam auch in Kleve ein nationales Hochgefühlt auf. Die katholische Unterschicht und der Mittelstand, woraus sich das Gros der Reservisten und Landwehrmänner rekrutierte, haben unter dem Eindruck der mit ihrer Beteiligung erfolgten Siege spontan ihren eigenen preußischen Nationalstolz entwickelt. 

Neue patriotische Hochstimmung - nach anfänglicher Beklemmung brachten die Siege der preußischen Armee im Frankreichfeldzug seit dem Sommer 1870. Die allgemeine Begeisterung, die sich in Folge der errungenen Siege von Weißenburg und Wörth in hiesiger Stadt kundgab, sind wir kaum imstande zu beschreiben. Gleich beim ersten Bekanntwerden des siegreichen Vorgehens unserer Armee am 5. August wurden die Fahnen ausgestreckt. Die Begeisterung wurde wachgehalten durch weitere Siegesnachrichten von Wörth und Saarbrücken am Samstagabend (6. August). Doch der Begeisterung folgten die Todesanzeigen: Am 9. August waren von dem Bataillon, das Kleve verlassen hatte, vier Offiziere gefallen, 130 Mannschaften tot oder verwundet. Mit den Nachrichten von den Gefallenen kamen die Lazarettzüge. 

Mehr als in den Städten waren die jungen Leute auf dem platten Land im Misstrauen gegen die preußische Uniform herangewachsen und hatten sich vor den Werbern der preußischen Armee meist in die holländischen Großstädte geflüchtet. Dass die Zeitungsnachrichten genügt hatten, diese alte Tradition wieder aufleben zu lassen, zeigt die am 31. August veröffentlichte Liste mit 58 dienstpflichtigen Reservisten und Wehrleuten des Kreise Kleve, die sich nicht gestellt hatten; nur sechs davon waren aus der Stadt Kleve. 

Die gewonnene Schlacht bei Sedan am 2.9.1871 leitet den Sieg Deutschlands über Frankreich und damit die nationale Einheit ein. An die gestorbenen Soldaten aus dem Kreis Kleve erinnert eine marmorne Gedenktafel am "Kupfernen Knopf". Dieser Obelisk im Tiergarten hieß ursprünglich "Goldener Knopf", weil er einstmals durch einen etwa 10 Fuß hohen Obelisken mit einer vergoldeten Kugel darauf markiert war. In 1853 wurde ein bereits in 1822 entwickelter Plan zur Überarbeitung des Obelisken wieder aufgegriffen und im Frühjahr 1856 vollendet. 

Kleve, Amphitheater - Obelisk

Foto (Ansichtskarte): Annegret Gossens, 1994 

für die Freunde des Städtischen Museums Haus Koekkoek e.V.

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Verkehrsnetz

Die Stadt benötigte dringend zusätzliche Arbeitsplätze außerhalb des Fremdenverkehrs. Um dieses Ziel zu erreichen war es erforderlich die Anbindung Kleves an das im Neuaufbau befindliche Verkehrsnetz zu gestalten.

Die Straßen

Die Residenzstadt des 18. Jahrhunderts war im Knotenpunkt bedeutender Poststraßen gelegen, die von Kleve über die Alte Bahn einerseits nach Nimwegen, andererseits über Xanten nach Wesel und Köln, und über den Postdeich nach Arnheim führten. 

Die französische Regierung hatte ein neues Verkehrsnetz entworfen, das aber unvollendet liegen geblieben war. So war z. B. die Route Départementale No. 2 von Neuss nach Kleve (die heutige B9) kaum über einen kurzen Stumpf hinaus gediehen. Die Umsetzung des Streckenabschnitts in Kleve - vom Weißen Tor bis nach Goch - wurde erst 1838 vollendet, 25 Jahre nach Beginn der Planung - ein Hemmschuh für die wirtschaftliche Entwicklung: damals und heute!.

Der Wasserweg

Inzwischen gab es längst attraktivere Verkehrsmittel als die Post- oder Mietkutsche: die Dampfschifffahrt kam auf. Im Herbst 1828 wird die Linien-Dampfschifffahrt auf dem Rhein aufgenommen. Von Emmerich fährt man dreimal wöchentlich nach Köln, zweimal nach Nimwegen, einmal nach Rotterdam. Die Dampfschifffahrt hatte den Rhein in den dreißiger Jahren zur bedeutendsten Verkehrsstraße gemacht, deren Leistungsfähigkeit die der mühsam vorangetriebenen Landstraßen weit übertraf. Es musste versucht werden, die Stadt an diesem Verkehrsstrang direkt anzubinden.

Die Kammerschleuse des Spoykanals war bei der Hochwasserkatastrophe des 13. Januar 1809 zerstört worden. Seitdem war sie nur noch als Flutschleuse zur Regelung der Vorflut zu gebrauchen. Obwohl 1836 die grundsätzliche Zustimmung der Regierung zur Wiederherstellung der Wasserstraße erzielt werden konnte, zogen sich die Arbeiten bis 1847 hin. Am 25. August 1847 konnte endlich die Schifffahrt auf dem Kanal aufgenommen werden und Kleve hatte wieder eine direkte Anbindung an den Rhein. Der Kanal wurde anfangs rege genutzt:

Jahr

Schiffe, 

die durch 

die Schleuse

kamen

1848

596

1849

507

1850

819

1851

805

1852

870

1853

823

An der Nordecke der Altstadt hatte die Stadt Kleve in den Jahren 1846/47 einen Hafen angelegt. Hier konnte nun ein neues Industriegebiet entstehen. Am 24. Juni 1855 wurde der Linienverkehr mittels Dampfschiff nach Arnheim aufgenommen. Die Fahrt war nicht billig - in der ersten Klasse 20 1/2, in der zweiten 12 1/2 Silbergroschen. Am 2. Dezember 1862 - kurz vor der Eröffnung der Eisenbahn - wurde der Linienverkehr der Kleve - Arnhemer Dampfschifffahrt eingestellt.

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Der Klever Hafen 1895

(weitere Aufnahmen).

Der Schienenweg

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Auf einer zweigleisigen Strecke, wie hier bei Xanten, kam es gelegentlich zu einem Wettrennen der "Dampfrösser"

Entwicklung des Eisenbahnnetzes in Mitteleuropa bis 1866

Die ersten Bemühungen Kleve an das Bahnnetz anzuschließen gab es bereits 1816. Ondereyck, Kleves großer Bürgermeister, der auch die Wiederbelebung des Fremdenverkehrs maßgeblich förderte, hatte in den vierziger Jahren das Projekt einer linksrheinischen Eisenbahn machtvoll vorangetrieben. Doch strategische Überlegungen und die Auswirkungen der März-Revolution im Jahre 1848 verzögerten die Entwicklung.  Mittlerweile - 1851 - war Ondereyck Oberbürgermeister von Krefeld und in dieser Eigenschaft strebte er zur Ergänzung der rechtsrheinischen Verbindung eine linksrheinische Eisenbahnlinie "Köln - Neuss - Krefeld - Geldern - Kleve - Nimwegen" an. Am 5. Dezember 1855 stimmte der Kaiser dem Vorhaben endgültig zu. Die baupolizeiliche Abnahme der Teilstrecke "Krefeld - Kleve" erfolgte am 3. März 1863 und zwei Tage später wurde der ordentliche Verkehr aufgenommen. Je vier Züge verkehrten von nun an täglich in beiden Richtungen; sie benötigten für die Strecke "Kleve - Köln" genau dreieinhalbe Stunden, bis Geldern eine Stunde, bis Krefeld eine Stunde fünfzig Minuten.

Der Klever Bahnhof war bereits im Herbst 1862 fertig gestellt worden. 

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Der 1862 erbaute Bahnhof, eins der wenigen Gebäude in Kleve, die den Krieg unversehrt überstanden haben. Die breite Freitreppe mit dem geschmiedeten Geländer wurde nach dem Krieg, als man den Eingang tieferlegte, abgerissen.

"Auf der Stecke von Cöln abwärts fährt kein Mensch mehr mit Dampfboote", schrieb die betagte Amalia Henriette zur Lippe-Biesterfeld auf Schloss Prinzenhof am 25. Mai 1869. ... "Deine Reise würde ich dir raten von Cöln aus mit der Eisenbahn zu machen, dann bist du in drei Stunden hier, während die Fahrt auf dem Rhein beinah einen ganzen Tag raubt und von Emmerich aus noch eine gute Stunde bis hierher zu fahren ist. Auch ist die Ueberfahrt auf dieses Ufer höchst unangenehm."

Eisenbahnbrücke bei Griethausen.

Am 1. Mai 1865 wurde der Verkehr auf der Strecke "Kleve - Zevenaar (NL)" aufgenommen. Dies wurde durch die neue Eisenbahnbrücke über den Altrhein bei Griethausen möglich.

An diesem Tage war der linke Niederrhein zum ersten Mal an ein direktes Eisenbahnnetz "Amsterdam - Köln" angeschlossen. Dreiviertel Stunde dauerte die Fahrt von Kleve nach Zevenaar, die ganze Reise nach Amsterdam einschließlich der Zollabfertigung vier Stunden. Drei Zugpaare täglich besorgten den Reisedienst.

Schneller entstand die Linie "Kleve - Nimwegen". Die "Nijmeegsche Spoorweg-Maatschappij", aktiv geworden durch die Vollendung der linksrheinischen Bahn, vergab die Erdarbeiten für den niederländischen Teil am 13. Januar 1865; die Rheinische Eisenbahn erteilte ihre Aufträge zum 11. Februar. Am 8. August des selben Jahres fand bereits die polizeiliche Abnahme der Eisenbahnstrecke "Kleve - Nimwegen" statt. Für Nimwegen bedeutete dies den Anbruch des Eisenbahnzeitalters, muss man doch daran erinnern, dass man von Nimwegen nur über Kleve und Elten nach Amsterdam reisen konnte. Daran erinnert in Nimwegen noch heute ein Denkmal. Und daher fühlte man sich in Kleve fast als Nabel der Welt. 

Alle drei Stecken "Kleve - Köln", "Kleve - Zevenaar" und "Kleve - Nimwegen" waren eingleisig; erst in den Jahren 1906/09 wurde die Strecke "Kleve - Kempen", in den Jahren 1911/13 auch die nach Nimwegen, zweigleisig ausgebaut.

Eine genaue Übersicht über die Entwicklung der Eisenbahnen am Niederrhein bis zum Ersten Weltkrieg finden Sie hier! (Passwortgeschützter Bereich)

Eisenbahndenkmal in Nimwegen. Das Denkmal erinnert an die Eröffnung der Eisenbahnlinie Kleve-Nimwegen im Jahre 1865. Es macht deutlich, welche Bedeutung dieser inzwischen stillgelegten Bahnverbindung einst beigemessen wurde.

zuletzt bearbeit am 11.12.2005