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Heinz
Kühnen
Fast
zwei Jahrhunderte lang bestimmte der Tabak das Leben am
Niederrhein
Rheinische
Post vom 02.06.2001
"Rauchen
gefährdet die Gesundheit". Auf jeder Zigarettenschachtel ist
es zu lesen. Und gerade erst am Welt-Nichtraucher-Tag wurde es
noch einmal klar gemacht. Am Niederrhein wecken solche Tage aber
auch Erinnerungen an Zeiten, in denen der Tabak
mehr war als nur ein „Genussmittel". Fast zwei Jahrhunderte
lang brachte er der Region Lohn und Brot. |
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Der
Niederrhein in alten Tagen: Tabakfelder, wohin das Auge
reichte. |
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Gutes
Leben schweres Kraut
Weißblauer
Qualm - in Schwaden quoll er durch die Stube. Echter
niederrheinischer Tabak, das war schon „ein schweres
Kraut". Und doch: Beinahe zwei Jahrhunderte lang lebte fast
die ganze Region von der Pflanze, ihrer Verarbeitung und Mischung
mit ausländischen Nicotinica, die das „Niederrhein-Kraut"
dann doch noch zum „Genuss" machte. Auf riesigen Feldern
und selbst in den kleinsten Gärten wurde bis Mitte des 20.
Jahrhunderts das Nachtschattengewächs gehegt und gepflegt - nur
selten im „Vollerwerb", meist als Zubrot. Fabrikanten übernahmen
die Verarbeitung - gaben zwischen Kleve, Emmerich, Orsoy und
Duisburg Hunderten von Menschen Arbeit. Keine hochbezahlte, aber
es reichte. |

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Billige
Arbeitskräfte
Der
Niederrheiner war genügsam in einer Zeit, in der er sonst schwer
ans tägliche Brot gekommen wäre. Das Geschäft mit dem Tabak,
dessen Anbau in kleinen Mengen schon 1654 vor den Toren Kleves und
1720 in Emmerich nachgewiesen ist und dem die Weseler bereits 1695
eine Pfeifenbäcker-Zunft verdankten, blühte Mitte und Ende des
18. Jahrhunderts richtig auf. Damals waren durch die Konzentration
der bis dahin führenden Tuchindustrie (Handwebereien) auf wenige
Fabrikstandorte Hunderte von Menschen beschäftigungslos geworden.
Billige Arbeitskräfte, dazu sandige lehmige Böden, sie waren es,
die der neuen Industrie Nahrung gaben. Außerdem der Rhein als
Transportweg für ausländische Tabake und die Holländer, die
wegen der hohen Zölle seit 1818 Filialen auf preußischem Boden
gegründet hatten. Nicht mehr nur Tagelöhner und arme Familien
huldigtem dem von Columbus eingeschleppten Kraut. 1859 wurden
allein in Rees 596 Morgen Land zum Anbau verwendet, in Kleve gar
676. Hier hatte sich Wissel als Zentrum herausgeschält. 1000
Einwohner -1000 Zentner Tabak lautete lange Zeit die Faustformel.
Zwischen 1903 und 1920 waren es sogar 213 Zentner, die je (!) 75
Mark erbrachten. Geld, das dem Ort Wohlstand bescherte.
Und
wer nicht anbaute, der drehte, mischte oder hackte: 1908 zählte
der niederrheinische Cigarrenfabrikantenverband fast 3761
Mitarbeiter in 113 Schnupf-, Pfeifen- und Zigarrentabak
Verarbeitungsstätten. Einschließlich der Familienangehörigen
waren damit 11707 Menschen in der Region (ohne Duisburg) direkt
oder indirekt abhängig von der Fabrikation. Mertens (Kleve),
Heydemann (Emmerich), Ketels und Hagemann, Tendering, Bierhaus (Orsoy),
besonders aber Oldenkott (einschließlich der Pfeifenfabrikation)
und Dobbelmann in Rees waren die Arbeitgeber schlechthin. In
Duisburg kamen Carstanjen und vor allem Böninger hinzu. Ein
Handelshaus, das 1833 schon ein Sechstel der gesamten preußischen
Rohtabakeinfuhr abwickelte und später sogar mit einer eigenen
Flotte unterwegs war. 248 Beschäftigte im Jahr 1853: Eine Menge für
die damalige Kleinstadt |
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Das
Ende |
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Durch
die Kriegs- und Besatzungszeiten kamen nur die Großen. Und das
(relativ gesehen) auch nicht mehr lange. Zwar erlebte vor allem
die Pfeifentabakproduktion in den 1960er Jahren noch mal einen
Nachfrageschub. Doch mangelnde Investitionsmöglichkeiten, hohe
Betriebskosten (samt besserer Verdienstmöglichkeiten in der
Industrie), veränderte Vertriebsstrukturen, der Preisverfall
durch ausländische Tabake und die Zigarette (!) bereiteten dem
Niederrhein-Tabak ein Ende. 1960 gab in Wissel der letzte
Tabakbauer auf, 1974 wurde in Rees die letzte Pfeife gedreht. |
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An
den Verkaufstagen war „Kirmes"
Schwarze Finger
zwischen
Bohnen |
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Noch
jedes Jahr ein paar Pflanzen: Für Josef Giltjes (90) eine
Erinnerung an die Wisseler Tabakzeiten, als sich das
Ehepaar Arntz (oben - ovales Bild) inmitten der
Nachtschattengewächse abbilden ließ (um 1900). |
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Ein
paar Pflänzchen pflegt Josef Giltjes noch Jahr für Jahr.
„Erinnerungen", sagt der 90-jährige Wisseler. „Früher,
wenn ich morgens mit der Fiets zur Arbeit fuhr, da gab's rundum
nichts anderes als Tabak - und rundherum zum Schutz gegen
Unwetter hohe Bohnenstangen." Jedes Haus, jede Familie
hatte ein Feld, das mehrfach umgegraben werden musste. Im Mai
wurden die Samen in Milch gelegt und in Mistbeeten angezogen.
Schafsmist bevorzugt: Das wurde öffentlich empfohlen, weil
menschlicher Dung oder der von Rindern dem Tabak einen „etwas
schwereren Geschmack" gaben.
Arbeitsintensiv |
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Dieser
Duft! Helma Hubbertz demonstriert ihn samstags und
sonntags (15 - 17 Uhr) im Tabak-Zimmer des Wisseler
Stiftsmuseum. |
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Anfang
Juni wurden die Pflänzchen (rotblühende Virginia oder Havanna
zum Beispiel) in genauem Abstand aufs Feld gesetzt: „Zwischen
45 und 55 Zentimeter - je nach Sorte", erinnert sich
Giltjes-Nachbar Hermann Peerenboom. Dafür wurden eigens Kordeln
mit Lappen gespannt. Mehrfach ging es in den nächsten beiden
Monaten ins Feld: Spitzen abbrechen (da mit nichts blüht),
Unkraut hacken, Erde anhäufeln, schließlich ernten. Erst die
guten unteren Blätter (Sandgut), später Mittel- und Bestgut.
Entlang der Mittelrippe wurden die Blätter aufge schnitten und
dann auf Spillen in Scheunen oder Söllern getrocknet. Im
November war Zahltag. „Kirmes", wie Peerenboom sagt. Dann
wurden alle Blätter zusammengetragen und abtransportiert. Geld
gab's, Schulden wurden beglichen - und auf den Reibach wurde
getrunken. Das war nicht immer so. Jahrzehntelang machten
Zwischenhändler den Schnitt. 1885 gründeten die Bauern deshalb
in Bislich den „niederrheinischen Tabakverein". Aber erst
als sie sich auch noch in Genossenschaften zusammentaten und
gemeinsam große Mengen Tabak anlieferten, wurde die Sache
lukrativ - ohne die Provision für den Händler. „Die Wisseler
hatten schwarze Finger", sagt Giltjes. Das Kennzeichen
aller, denen es gut ging, weil sie mit dem klebrigen Tabak
hantierten. |
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Verkauf
in Gaststätten
Die
Blätter landeten später in den Fabriken, wurden vier bis sechs
Wochen lang in Büscheln gestapelt (fermentiert), erneut
getrocknet, sortiert und (vermischt mit zum Beispiel Rübenkraut,
Kaffee und Rum) zu Kautabak verarbeitet, zu Pfeifentabak
geschnitten oder mit „Übersee-Tabak" zu Zigarren
gedreht. In Handarbeit von 7 bis 17 Uhr mit einer Stunde Pause.
Erst dann ging's an die Auslieferung - zu Fuß. Ziel: die Gaststätten
in der Umgebung. |
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Später
wurden die Blätter im "Rotor" bearbeitet.
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Der
Tabak war (und ist) auch für den Fiskus eine lohnende
Sache. Monopol, Steuern, Zölle: Der Staat kassiert mit -
vom Anbau bis zur Banderole um die fertige Zigarre. Tabak
schuf auf diese Weise ebenfalls nicht wenige Arbeitsplätze.
Bei schlechten Ernten gab's allerdings Befreiungen. So im
Jahr 1865, als ein Unwetter mit Hagel großen Schaden
anrichtete. Da wurden zum Beispiel in Marienbaum 22, in
Vynen 43, in Obermörmter 35 Bauern von der Steuerpflicht
befreit.
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Am
„unteren Niederrhein" war Rees das Zentrum der
Tabakverarbeitung. Noch 1950 zählte Wilhelm Hermann Kersten
in seiner Oldenkott Firma 500 Beschäftigte. In der
Pfeifenfabrik wurden bis zu 60 verschiedene Pfeifen
(Bruyere) angefertigt. Als die „aktive Zigarette"
aufkam, versuchte die Firma, mit der Marke Crest dagegen zu
halten. Auf der schwarzen Packung ein Totenkopf mit einer
roten Rose im Mund. Der Spruch daneben: „Wer Crest raucht,
braucht nicht zu haschen." 1957 eine ungeheure
Provokation. Nach einer Strafandrohung (400000 Mark) wurde
Crest wieder vom Markt genommen. 1958 kam dann Gika -
schwarze Packung, Frauenmund, rote Rose: „Erinnern Sie
sich an meinen Bruder?" Aber auch das half nichts gegen
Orienta & Co. Als dann noch das Pfeifenrauchen aus der
Mode kam, war auch in Rees Schluss.
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Die
Orsoyer Fabrik Ketels & Hagemann leistete bereits beim
Fabrik-Neubau 1913 Vorbildliches: Über das Kesselhaus
wurden Zentralheizung und Strom gleich mitgeliefert, es gab
getrennte Umkleide- und Aufenthaltsräume und sogar einen Wärmeschrank
für Henkelmänner.
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Ausgaben:
1540 Franken; Ertrag: 2356 Franken. So rechneten die Behörden
die Erträge pro Hektar einmal vor. Allerdings musste die
ganze Familie mitarbeiten. Auszug aus dem „Handbuch des
Tabak-Bauers" (1812) über den „Gebrauch" von
Kindern: „4 bis 5 Tage, nachdem die Blätter gesammelt
sind, spalten Kinder von acht bis 15 Jahren die Ribben mit
einem Messer. Wenn man 11 bis 12 Kinder täglich ansetzt, so
kann man in fünf Tagen alle Blätter, die man von einem
Hektar gesammelt hat, spalten."
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Begehrter
Wissel-Tabak. Zu Zeiten Napoleons galt er in Frankreich, wie
Chronisten berichten, als „den ersten van het franschen
Keyser-Reyk". In Paris hieß es 1875 „veritable tabac
de Wissel."
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