Jan Jessen

Kleves Tür und Tor zum alten Vater Rhein.

In Brienen sorgen Rudolf Schotten und Jonas Bülow dafür, dass die Schwanenstadt noch per Schiff angesteuert werden kann.

NRZ v. 02.06.2001

Wüst sah`s in Brienen Anfang des letzten Jahrhunderts aus: Zwischen 1907 und 1908 wurde die heutige Schleuse gebaut. 1933 wurde sie um eineinhalb Meter erhöht.

BRIENEN. „Diese Anlage wird hoffentlich der Stadt Kleve Antrieb und Mittel bieten, Gewerbetätigkeit zu entwickeln und Handel an sich zu ziehen." Sagte 1836 ein Minister. Und meinte den Spoykanal samt der Kammerschleuse in Brienen. Heute ist die Schifffahrt nur noch von geringer Bedeutung für die Schwanenstadt. Die Schleuse aber immer noch in Betrieb.

Sie wird benötigt, um den Höhenunterschied zwischen dem Pegelstand des Spoykanals und des Rheins auszugleichen. Und funktioniert wie eh und je nach dem gleichen Prinzip: Ein Schiff fährt in die Schleusenkammer ein, dabei ist das untere Schleusentor geschlossen. Dann wird auch das Tor, durch das das Schiff eingefahren ist, dicht gemacht. Das Wasser wird aus der Schleusenkammer abgeleitet das untere Tor öffnet sich und das Schiff kann weiterfahren. Umgekehrt funktioniert's ähnlich - dann muss allerdings das Wasser in die knapp 80 Meter lange Kammer geleitet werden.

Früher bedurfte es etlicher Arbeiter, die schweren, großen Eisentore per Hand zu öffnen und zu schließen, die sich am Ein- und Ausgang der Schleusenkammer befinden. Die Technik macht's möglich: Heute erledigen gerade mal zwei Mann diesen Job: Rudolf Scholten (43) und Jonas Bülow (23). Die Zeiten als „Belgische Spitzen", Holzflöße und Segelschiffe en masse, Richtung Kleve und zurück fuhren, sind aber lange vorbei: „Wir schleusen pro Tag etwa fünf Schiffe", erzählt Scholten. An Bord dieser Schiffe: Güter der Margarine-Union und Rhenania. Dazu kommen Sport- und Passagierschiffe.

Die Schleuse hat eine wechselvolle Geschichte

Der „Schichtleiter an Schleuse", so die korrekte Berufsbezeichnung Rudolf Scholten's, weiß einiges zur Geschichte seines Arbeitsplatzes zu erzählen: „Die erste Schleuse hat hier Moritz von Nassau 1656 bis 1658 bauen lassen." Die hielt aber nicht lange: Schon 1661 wurde sie vom Hochwasser zerstört. 1688 bis 1693 bauten sich die Klever dann etwas Stabileres - eine Steinschleuse. Die fiel den Fluten von 1809 zum Opfer. Genauso wie das legendäre Bauernmädchen Johanna Sebus, deren Denkmal in der Nähe der heutigen Schleuse steht. Die wiederum stammt  aus den Jahren 1907/08 und ersetzte damals das Bauwerk, das der Staat Preußen nach der Hochwasserkatastrophe errichten ließ.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs wäre sie beinahe menschlicher Dummheit geopfert worden: Als sich die Wehrmacht auf dem Rückzug befand, hielt sie es für nötig, Deiche, Brücken und Schleusen zu sprengen, um die Alliierten am Vormarsch zu hindern. Erfolglos, wie man heute weiß. Das Bauwerk zeigte sich allerdings recht widerspenstig: Lediglich oberhalb des Wasserspiegels richteten die angebrachten Sprengladungen Zerstörungen an. Unter Wasser explodierten die Minen nicht. Dem heute 81-jährigen Wilhelm van Koeverden wurde die zweifelhafte Ehre zuteil, die gefährlichen Überbleibsel zu entschärfen und auszubauen.

Am 10. Januar 1949 konnte schließlich die neue Brücke eingeweiht werden - eine Hubbrücke, die komplett in die Höhe verschoben wird, wenn ein Schiff die Schleuse passiert. Das letzte große Segelschiff sei am 4. Dezember 1964 durch die Kammer gefahren, erzählt Scholten.

Bei Hochwasser sind die Schotten dicht

Jetzt könnte man ja denken, dass Scholten und Bülow einen ruhigen Job haben. Bei gerade mal fünfmal pro Tag die Tür auf und zu machen. Von wegen. Denn sie haben auch andere Aufgaben: „Wir kassieren bei den Schiffern Gebühren, messen den Pegelstand des Rheins und sorgen dafür, dass der Spoykanal nicht zu voll läuft."

Letzteres ist besonders wichtig: In die Spoy läuft Wasser aus einem Einzugsbereich von 67 Quadratkilometern Fläche. Wenn's regnet, wird der kleine Kanal schnell voll: Und wenn Scholten und Bülow das Wasser nicht ablassen würden, würden die Anwohner nasse Füße kriegen. Wenn's richtig dicke kommt, springt das Pumpwerk des Deichverbandes ein. Bei Hochwasser über 5,40 Meter Pegelstand in Emmerich schließen Bülow und Scholten zusätzlich zu den rheinwärts gelegenen kleinen Stemmtoren die großen Hochwassertore (das große, Richtung Kleve gelegene Tor nennt sich Schiebetor). Ab 8,10 Meter dürfen keine Schiffe mehr passieren. „Und ab 9,30 Meter müssen wir Dammbalken aus Stahl installieren." Zuletzt ist das 1998 passiert. Übrigens: unter einem Meter Pegelstand („das passiert im Sommer öfter„") bleiben die Tore in Brienen auch geschlossen. Damit der Spoykanal nicht leer läuft.

Rudolf Scholten ist der Chef in Brienen - per Knopfdruck öffnet er die gewaltigen, rheinwärts gelegenen Stemmtore. (Foto: Heinz Holzbach)

zuletzt bearbeit am 11.12.2005