12000 Jahre Niederrhein - 800 Jahre Kleve

Gründerjahre

 

ca. 1900

Das Aufziehen der Schlosswache in Berlin. Hörbild.

2:18 Min.

986 kb

25.02.1901

Ansprache über die Größe des Deutschen Reiches

3:07 Min.

1.096 kb

1905

Arthur Graf von Posadowsky - Wehner, stellvertr. Reichskanzler: Ansprache im Deutschen Reichstag über die geistige Erneuerung der bürgerlichen Gesellschaft

1:46 Min.

652 kb

(28.06.1914)

Graf Erbach - Fürstenau: Augenzeugenbericht über das Attentat von Sarajewo (Aufnahme: 1954)

2:13 Min.

943 kb

(01.08.1914)

Die Mobilmachung am 1. August 1914. Hörbild (ca. 1915)

5:19 Min.

2.176 kb

06.08.1914

Aufruf von Kaiser Wilhelm II. an das deutsche Volk

2:34 Min.

1.041 kb

August 1916

Lujo Brentano: Aufruf zur Einigkeit des deutschen Volkes

2:20 Min.

1.004 kb

27.02.1917

Theobald von Bethmann - Hollweg, Reichskanzler: Erklärung im Deutschen Reichstag

2:03 Min.

911 kb

15.05.1917

Philipp Scheidemann, SPD: Ausschnitt aus der sog. Friedensrede im Deutschen Reichstag

4:10 Min.

1.826 kb

17.10.1917

Paul von Hindenburg, Generalfeldmarschall: Ansprache zur Lage Deutschlands im vierten Kriegsjahr

1:17 Min.

562 kb

(Frühjahr 1918)

Wilhelm Groener, Reichsverkehrsminister: Über die militärische Lage im Frühjahr 1918 (Aufnahme: 17.05.1922)

3:21 Min.

1.459 kb

09.11.1918

Franz Büchel, Mitglied des Berliner Arbeiterrates: Erinnerung an die Ausrufung der Republik (1968 aufgezeichnet)

3:56 Min.

1.542 kb

Die Gründerjahre (auch Gründerzeit) waren schon im 19. Jahrhundert ein gebräuchlicher Begriff für den Zeitraum von 1871 (Ende des Deutsch-Französischen Krieges) bis zum so genannten "Gründerkrach" 1873. Allerdings reichte ihre Wirkung sogar bis hin zum 1. Weltkrieg.

Durch die französischen Kriegsentschädigungszahlungen, die Abtretung des Elsass und Lothringens an das Deutsche Kaiserreich sowie die wirtschaftlichen Maßnahmen infolge der Reichsgründung erlebte die Konjunktur im Deutschen Reich einen enormen Aufschwung: Industrie, Handel und Banken florierten. Die Zeit war geprägt von einem regelrechten "Baufieber".  

Die Voraussetzungen an diesem Boom teilhaben zu können, waren für Kleve inzwischen gestiegen. Denn die Infrastruktur - Schienennetz, Kanalanbindung zum Rhein, neuangelegter Hafen, Ausbau des Straßennetzes - war mittlerweile vorhanden. 

Die Bürgermeister Broekmanns und sein Nachfolger Dr. Heinrich Wulff haben dabei aktiv die Stadt in die "neue Zeit" geführt. 

Die Eisenbahn und der Kurbetrieb

Allerdings brachte speziell die Eisenbahn der Stadt Kleve nicht nur Vorteile. Sie eröffnete nämlich den Niederländern, die bisher die Klever Kureinrichtungen in Anspruch genommen hatten, neue Reiseziele und leitete somit den endgültigen Niedergang des Kurbetriebes ein. Dies hätte durch mehr Entschlussfreudigkeit bei der Anlage des Wasserwerks und des Kanalsystems - von dem das Kurbad durch den hohen Wasserverbrauch überdurchschnittlich profitierte hätte - möglicherweise noch verhindert oder zumindest verzögert werden können. Der Betrieb des Wasserwerks wurde am 1. Januar 1878 aufgenommen - fünf Jahre nach der ersten Aufforderung durch Dr. Wilhelm Arntz, dem Unternehmer der Kaltwasserheilanstalt; fünf entscheidende Jahre für das Schicksal der Anstalt im Tiergarten. Dr. Arntz war am 31. Dezember 1884 - finanziell ruiniert - gestorben. Das Unternehmen war durch den Baron von Steengracht vor dem Zusammenbruch bewahrt worden. 

Unter der Direktion von Herrn Dr. Bergmann, ehemaliger Assistenzarzt bei Pfarrer Kneipp kommt es am 1. März 1892 zu einer Renaissance des Kurbetriebs und zwar als Kneipp`sche Kuranstalt. Dieses Angebot wird angenommen: Tausende von Kneipp-Kurgästen waren im vorigen Jahr (1892) hier und auch in diesem Jahr scheinen viele zu kommen. Am 11. September 1893 besuchte der Pfarrer Kneipp die Stadt und empfahl die Anstalt des Herrn Dr. Bergmann. Und trotzdem: Der Kurbetrieb erreichte nicht mehr den Glanz der Vergangenheit und musste schließlich mit dem ersten Weltkrieg ganz eingestellt werden. Dennoch: Die Einflüsse der Klever Kurtradition wirken auch heute noch nach. 

Dennoch war der Anschluss an das Bahnnetz eine wesentliche Voraussetzung für die künftige industrielle Entwicklung. Diese setzte um die Jahrhundertwende ein. Zwar hatte es schon früher industrielle Produktionsformen in Kleve gegeben, die jedoch vergleichsweise bescheiden waren. Um 1900 kam es dann aber zur Gründung mehrerer zukunftsträchtigen Fabriken, so zum Beispiel der Margarinefabrik Van den Bergh (in dem damals selbständigen Ortsteil Kellen) und der Kinderschuhfabrik Gustav Hoffmann.

Zukunftsweisende Industrie

Es war kein Zufall, dass gerade eine Margarine- und eine Schuhfabrik zu den bedeutendsten neuen Betrieben gehörten. Neben vielen anderen Gesichtspunkten, die bei der Standortwahl entscheidend waren, spielte damals auch die traditionelle Rinderzucht im Klever Land eine Rolle. Die Milch wurde für die Margarineherstellung benötigt, und das Rindsleder diente der Schuhproduktion.

Die Zahl der Beschäftigten in der Industrie stieg sprunghaft an. So begann etwa die Firma Van den Bergh 1888 mit 14 Arbeitern. Im Jahre 1900 beschäftigte sie dann bereits 90 kaufmännische und 500 gewerbliche Mitarbeiter. Dies gelang unter der zupackenden Leitung von Johannes Manger - der bald auch im politischen und gesellschaftlichen Leben der Stadt eine bedeutende Rolle spielte und während der Amtszeit des Bürgermeisters Aloys Broekmann der eigentliche Motor des städtischen Lebens war - und unter dem Schutz des durch Zölle vor ausländischer Konkurrenz abgeschirmten deutschen Marktes.

17.12.2010_kleve_bensdorp_turm.JPG

1.459,94 KB

Turm der Bensdorp-Fabrik.

Foto: Rainer Hoymann, 17.12.2010

Im 20. Jahrhundert gesellten sich noch die Kakaofabrik (1903) und die Biskuitfabrik Holland "XOX" (1910) dazu.

Strom, Abwasser -  und die Stadt dehnt sich aus

Der wirtschaftliche Aufschwung infolge der Industrialisierung schlug sich unter anderem auch in der städtebaulichen Entwicklung nieder. Neue Wohngebiete wurden errichtet. Am 10. Juli 1902 gründeten 34 Firmen und Bürger die gemeinnützige Wohnungs-Gesellschaft und schufen damit Wohnraum insbesondere für Arbeiterfamilien. Darüber hinaus begann man 1900 mit dem Bau von Abwasserkanälen, und 1911 wurde Kleve an das elektrische Stromnetz angeschlossen. All das schuf die Voraussetzungen dafür, dass die Stadt allmählich den neuen Lebensanforderungen angepasst werden konnte.

1501.jpg
233.58 KB

Am 1. Oktober 1898 war es der aus den Nähten platzenden Kreisstadt gelungen, zu Lasten der umliegenden Gemeinden neuen Entwicklungsraum zu erwerben. An diesem Tag wuchs das Gemeindegebiet von 179 auf 644 ha, die Einwohnerzahl von 11.200 auf etwa 14.000.

Das Verkehrsnetz: Die Stadt verändert ihr Gesicht.

Die Industrialisierung um 1900 hatte also weitreichende Folgen. Besonders wichtig war, dass sie gerade im richtigen Augenblick einsetzte, und dadurch der Stadt zwei große Vorteile brachte. Erstens bot sie einen wirtschaftlichen Ausgleich für den nachlassenden Kurbetrieb, der mit Ende des Ersten Weltkriegs schließlich ganz eingestellt wurde. Zweitens führte sie zu der Errichtung von neuen Arbeitsplätzen, die unter anderem denjenigen Menschen zugute kamen, die in den kommenden Jahrzehnten durch die Änderung der landwirtschaftlichen Betriebsstrukturen nach neuen beruflichen Möglichkeiten Ausschau halten mussten.

Die dynamische Entwicklung stellte erneut Herausforderungen an das Verkehrsnetz: Im Jahr 1890 griff man auf Pläne aus den vierziger Jahren zurück und plante eine Eisenbahnverbindung von Emmerich über Kleve nach Moers. Die Bahnverbindung zwischen Emmerich und Kleve scheiterte an der Weigerung der Regierung, so dass nach einer Alternative Ausschau gehalten wurde. Die "Sächsischen Akkumulatorenwerke" mit ihren schienengebundenen Automobilwagen boten sich als Lösung an. Alles schien auf schönste geregelt, da machte die dresdner Firma Pleite. Der Landeshauptmann reagierte mit erstaunlicher Eile und teilte mit, nach diesem Konkurs werde das Kleinbahnprojekt Kleve - Emmerich seinerseits als erledigt betrachtet und die Akten desselben geschlossen. Bereits Ende April 1902 wirft man die Frage auf: Wie wäre es mit einer Automobilverbindung Kleve - Emmerich? Diese Idee fiel auf fruchtbaren Boden und am 9. Juni 1905 nahm die neugegründete Firma "Automobilfahrt Emmerich - Kleve G. m. b. H." den Linienverkehr auf. Sechs Jahre lang, von 1905 bis 1911 wurde der Verkehr mit Emmerich auf diese Weise bewältigt. Dann erst wurde der Omnibus durch die Straßenbahn abgelöst.

Bereits 1904 konnte ein anderes Verkehrsprojekt realisiert werden. Die Bahnlinie von Kleve nach Duisburg wurde freigegeben. Man benötigte damals 2 Stunden und 41 Minuten bis zur Revierstadt. 

Der Personenverkehr hatte sich allein am Bahnhof Kleve von 71.425 im Jahre 1888 in nur sieben Jahren bis 1895 auf 146.988 mehr als verdoppelt; noch stärker war der Güterverkehr gestiegen: von 34.531 Tonnen im Jahre 1888 auf 108.601 Tonnen im Jahre 1897 - und das auf einer eingleisigen Strecke. Um weiteres Wachstum zu ermöglichen wurde in 1907 das Schienennetz zweigleisig ausgebaut.

Nun galt es ein weiteres Wachstumshemmnis zu beseitigen: Alle Projekte für eine brauchbare Verkehrsverbindung der Stadt mit Emmerich endeten am Rhein. Eine Brücke musste die Dampffähre ablösen. Die nächsten stehenden Brücken sind die Rheinbrücke bei Wesel und die Waalbrücke bei Nimwegen, dies bedeutete, dass das 9 km entfernte Emmerich nur auf dem 85,5 km weiten Weg über Goch - Wesel oder auf der etwas kürzeren Strecke über Nimwegen - Arnheim - Zevenaar erreichbar war. Die Kosten für den Brückenbau wurde 1906 auf etwa 3 Millionen taxiert. Die Klever Straßenbahngesellschaft in Verbindung mit der AEG aus Berlin sollten die Trasse einschließlich Brücke gemeinschaftlich umsetzen. Die Energie für den Betrieb der Kleinbahnverbindung würde das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk (RWE) liefern, dass in Kleve ab 1911 die Stromversorgung sicherstellte. Die Straßenbahn wurde verwirklicht, die Brückenpläne fielen jedoch spätestens dem 1. Weltkrieg zum Opfer.

 

Die Eigendynamik der Gründerzeit verwandelte die Stadt. Kalte rationale Technik des 20. Jahrhunderts verdrängte die Kultur und Gemütslage des 19. Jahrhunderts. Kleve verliert Teile seine gepriesene Schönheit. Man reißt die schönsten Häuser nieder, ohne zu fragen: was kommt an diese Stelle. So sind in der letzten Zeit sehr viele Bauten und landschaftliche Schönheiten der Vernichtung anheimgegeben worden. Man denke nur an den wunderbaren Abschluß der Lindenallee gegenüber der Nassauer Allee! Und warum fiel dies echt niederrheinische Haus mit seinen vorgelagerten Bäumen? Nur damit eine Straßenbahngesellschaft keine "S-Schleife" einzubauen brauchte. ... Dem Vernehmen nach beabsichtigt die Stadtverwaltung (im Jahr 1913), den Eisernen Mann aus seinem alten Bereiche heraus zu reißen und ihm einen Ruhesitz im Prinz-Moritz-Park einzuräumen. Als geborener Klever kann ich nicht umhin, dies als eine Ungeheuerlichkeit anzusehen, da seit Urgroßvaterszeiten die Kanone dort gestanden hat und die ganze Gegend um sie herum nach ihr "Am Eisernen Mann" geheißen wird. Soll das auf einmal anders werden, nur um der "Elektrischen" Platz zu machen? 

Das Kaufhaus Weyl (heute: Kaufhof) mit der geplanten Straßenbahn (1912).

Das Kaufhaus Weyl (heute: Kaufhof) mit der geplanten Straßenbahn (1912).

In der Großen Straße wurde ein großes Warenhaus geschaffen, ohne zu bedenken, daß diese kolossale Hausteinfassade das ganze Straßenbild zerstören würde. Die Nachbarhäuschen stecken jetzt ihren zerfetzten Giebel gegen den Himmel. Die eigentliche Baumasse ist durch das Warenhaus totgeschlagen worden. An der einen Seite bemüht sich auch ein schlankes Häuschen mit verfehltem Dach zu imponieren, ohne zu bedenken, daß der Reklamegiebel des Warenhauses ihm die Faust in den Nacken legt.

Schwanenturm.jpg Diese Ansichtskarte - von Rob Mulder am 2.1.2012 zur Verfügung gestellt - zeigt den "Kaiser - Wilhelm - Platz" um 1900. Im Jahr 1909 wird das Denkmal des Klever Sagenhelden Lohengrin vom Kleinen Markt hierhin versetzt. Ganz links das "Hotel Verweyen". Das linke Torhäuschen daneben diente als Eingang zur Gartenwirtschaft. Rechts der Gasthof "De Poort van Kleef", wie der Bäckermeister und Restaurateur Franz Dyckmans um die Jahrhundertwende das Anwesen am Eingang der Stadt nennt. 
626,33 KB
Der selbe Platz ca. 25 Jahre später (um 1925) auf einer weiteren Ansichtskarte.

Der Fortschritt verlangt seinen Tribut! Das änderte auch das 1882 nach vielen hin und her errichtete Lohengrin-Denkmal (Passwortgeschützter Bereich) am Kleiner Markt nicht mehr. Am 20. März 1894 wurde in Kleve das erste Auto gesehen: Das in schnellem Tempo auf seinen Gummirädern geräuschlos dahin eilende unbespannte Gefährt erregte natürlich die allgemeine Aufmerksamkeit unserer Mitbürger. Der Wagen, welcher kräftig, dabei doch zierlich gebaut ist, enthält unter einem abschlagbaren Verdeck Platz für 3 Personen. Die krafterzeugende 2 1/2 (!) Pferdekräfte starke Maschine wurde vom Sitz aus bedient ... . Wie uns der Leiter des Fuhrwerks mitteilte, legt der Wagen durchschnittlich per Stunde 25 km ... zurück,  jedoch kann die Fahrgeschwindigkeit noch weiterhin gesteigert werden. Die Kraftübertragung von der Maschine auf die Räder des Wagens erfolgt ... durch Ketten.... Bereits ein gutes Jahrzehnt später - 1906 - gibt es die ersten Klagen: Sie (die Automobile) dürfen durch ihren Staub und Gestank die Straßen verpesten, die Häuser und die Kleider ihrer Mitmenschen beschmutzen und deren Gesundheit gefährden; sie dürfen uns unsere Promenaden verderben und damit auch einer Stadt wie Kleve, die auf ihre Promenade den größten Wert legen muß, großen Schaden zufügen, indem sie die Spaziergänger von denselben verscheuchen. An schönen verkehrsreichen Sonn- und Feiertagen, wenn zahlreiche Fremden unserem schönen Kleve zuströmen und alles gern einen Spaziergang macht, kann man das genugsam beobachten. Recht drastisch zeigte sich das z. B. an den diesjährigen schönen Ostertagen im Tiergarten, wo die jeden Augenblick vorbeisausenden Automobile zahlreiche Spaziergänger tatsächlich zum Umkehren und zum Aufsuchen stiller Wege veranlaßten. 

Der Spoykanal - II. Teil

Anfangs erfreute sich dieser klever Anschluss an den Rhein hoher Beliebtheit. Doch die fehlende Akzeptanz der Industrie, insbesondere der Margarinefabriken, die die Eisenbahn präferierten, führten zu einem deutlichen Rückgang der Schleusendurchfahrten. In 1860 waren es noch 790 Bewegungen, zur Jahrhundertwende lag diese Zahl nur noch bei ca. 300! 

In 1901 wurde der Grund treffend beschrieben: So sind wir heute dazu gekommen, daß der Kanal an 112 Tagen im Jahre nicht genügend Wasserstand hat, um die für seine Verhältnisse berechneten Schiffe von 300 bis 400 Tonnen über den Drempel der jetzigen Schleuse in den Kanal zu führen. Kostspielige und zeitraubende Leichterungen sind an der Tagesordnung, um die Frachten bis Kleve bringen zu können. ... Abhülfe läßt sich auf verschiedene Arten schaffen. Er kommt zu dem Schlusse, daß die Anlage einer Kammerschleuse in der Mitte zwischen Keeken und Düffelward (Vossegat) und die Vertiefung des alten Rheins auf einer Strecke von 300 m die beste und zweckmäßigste Lösung der Frage sein würde.

Doch wieder einmal war die preußische Regierung, diesmal in Form der Rheinschifffahrtskommission, nur zu Flickwerk bereit. Weder entschied man sich zu Gunsten einer Schleuse am Vossegat, die für eine zuverlässige Wasserhaltung nötig war, noch befürwortete man eine andere Variante: Einen Rheinhafen am Spyck und Fortführung des Kanals von Brienen durch den Hellenstrang zum Hafen. Die Stadt Kleve, so berichtete die "Kölnische Zeitung" am 23. Oktober 1906, hat sich in dem Bestreben, Gewerbe und Handel ihres Platzes tatkräftig zu fördern und in richtiger Erkenntnis der vorhandenen Verkehrsbedürfnisse zur Tragung erheblicher Opfer beim Ausbau des Spoykanals entschlossen und sich bereit erklärt, die vom Staat geforderte Garantie für die Verzinsung und Tilgung der entstehenden Kosten zu übernehmen und einen Teil des Spoykanals, der zur Anlage eines Industriehafens dienen soll, selbst auszubauen. Weiter hat die Stadt die Schaffung von Lager- und Zollschuppen sowie die Herstellung einer Hafenanschlußbahn geplant. Die Tragfähigkeit des Unternehmens blieb jedoch auf Schiffe bis zu 600 t Tragfähigkeit beschränkt. Es dauerte noch drei Jahre bis der Ausbau beendet und die neue Schleuse in Brienen eingeweiht werden konnte.

Das Telefon

Warten müssen hat man in Kleve gelernt. Das erste deutsche Ortsfernsprechnetz wurde im Januar 1881 im elsässischen Mülhausen eröffnet und bald darauf, am 1. April, mit 94 Teilnehmern in der Reichshauptstadt eingeführt.

Am 30. November 1893 wurde durch Herstellung einer besonderen Anlage zur dauernden Verbindung der Cornelischen Besitzungen Prinzenhof und Badhotel mit der Heilanstalt von Dr. Bergmann der Anfang gemacht. Das eigentliche Ortsfernsprechnetz hingegen konnte erst am 1. August 1896 mit 31 Teilnehmern eingeweiht werden.

Allerdings zu Teilnehmern anderer Ortsnetze gab es noch keine Verbindung. Dies änderte sich erst am 16. Januar 1907 als die Fernsprechlinie Kleve-Krefeld dem Verkehr übergeben wurde. In Kleve spürte man täglich mehr, dass man sich auf dem letzten Zweiglein des letzten Astes am reichsdeutschen Verkehrsbaum befand statt am Hauptverkehrsstrang Europas. Mit den uns am nächsten liegenden Orten Emmerich, Rees, Wesel ist, abgesehen davon daß man nicht selten stundenlang auf eine Verbindung warten muß, wegen der Länge der Leitung mit ihren vielen Umschaltungen eine Verständigung nur selten möglich. Und ebenso können für die Telefonbesitzer Kleves die Städte im rheinisch-westfälischen Kohlenrevier, obschon allerdings für die meisten Geschäftsleute die wichtigsten Plätze, kaum erst nach stundenlangen Warten zu haben ist.

Zwar konnte man bereits im Februar 1899 eine Verbindung mit Antwerpen, Brüssel, Lüttich und Verviers herstellen, ab noch im Mai 1906 klagte man, daß man nach wie vor eine Stunde und länger warten muß, um aus Emmerich mit Kleve sprechen zu können. Plätze, die 9 Kilometer auseinander liegen, erhalten telefonischen Anschluß, der in zahllosen Fällen unverständlich ist - und das nach einem so großen Zeitverlust, der den Wert der an sich so segensreichen Einrichtung vielfach illusorisch macht. Damals zählte das klever Ortsnetz bereits 200 Teilnehmer. 

Ende der Malerei - das Kino kommt

Nach dem Tod von Barend Cornelius Koekkoek im Jahre 1862 übernahm Johann Bernard Klombeck (Passwortgeschützter Bereich) noch ein Vierteljahrhundert die Tradition der Klever Malschule. Der Ertrag seiner Tätigkeit schaffte ihm, der im Jahre 1863 ein durchschnittliches Einkommen von 883 Taler (etwa 25.000 Euro) hatte, großbürgerliche Wohlhabenheit. In den siebziger und achtziger Jahren wurde es immer stiller um Klombeck. Die Schüler Koekkoeks hatten Kleve verlassen. Die Qualität der hiesigen Kunstszene wurde bescheidener. Außerdem wurde seine Kunst zu einem Relikt vergangener Zeiten. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts war das Foto gewünscht, wenn die Realität abgebildet werden sollte. Daher suchte die Malerei neue Ausdrucksformen: Der Naturalismus und Impressionismus kam auf und die Kunst, die in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts so viel Begeisterung ausgelöst hatte, war längst nicht mehr gefragt. Als er am 28. November 1893 starb war dies auch das Ende der Koekkoekschule.

Zwei Jahre später zeigen die Brüder Lumière die ersten bewegten Bilder vor einem pariser Publikum. Das Kino war geboren! Aber auch diese Entwicklung erreichte Kleve nur mit großer Verzögerung: Johannes Wehnes richtete im November 1910 das erste ortsfeste Kino ein. Das "Clever Theater lebender Photographien" im Hause Große Straße Nr. 4 (gegenüber der Reichsbankfiliale) überlebte nur bis April 1912. Doch zugleich traten zwei Nachfolger auf den Plan. Zwei neue Lichtbildtheater, so erfuhr man bereits am 26. April, soll Kleve in kürzester Zeit erhalten. So ist man seit einigen Wochen mit dem inneren Umbau des Hauses Hagsche Straße Nr. 32 (später 55, am Hagschen Tor) beschäftigt. Das Lichtspielhaus soll mit allem Komfort modernster Kinoeinrichtung ausgestattet werden. Doch nicht am Hagschen Tor, sondern an der Wasserstraße im Adlersaal - an der Geburtsstätte des klever Filmtheaters - wurde am 14. Mail 1912 das "Lohengrin-Theater" eröffnet und bot 1000 Personen Sitzgelegenheit. Am 13. Juli sollte dann auch die "Lichtspiele G.m.b.H." ihr Kino an der Herzogbrücke eröffnen.

Die Lichtspiele G.m.b.H. an der Herzogbrücke. Sie sehen das III. Bataillon IR 56 auf dem Marsch zum Bahnhof, am 6. August 1914. Der Erste Weltkrieg hatte begonnen.

Die Lichtspiele G.m.b.H. an der Herzogbrücke. Sie sehen das III. Bataillon IR 56 auf dem Marsch zum Bahnhof, am 6. August 1914. Der Erste Weltkrieg hatte begonnen.

Es lebe der Sport ...

Die Ideen von Turnvater Jahn fielen auch in Kleve - mit der gewohnten zeitlichen Verzögerung - auf fruchtbaren Boden. Am 6. September 1863 wurde der militärnahe "Turn-Verein zu Cleve" gegründet. 

Bald nach der Gründung der ersten Margarinefabriken blühten weitere Vereine auf. Unter dem Namen "Turnclub Merkur", so heißt es im Januar 1897, hat sich seit einiger Zeit am hiesigen Platze aus jungen Kaufleuten und Beamten ein Verein gebildet, welcher an wöchentlich 2 Abenden in der Turnhalle des hiesigen Gymnasiums 9 Uhr beginnend, seinen lobenswerten Bestrebungen unter sachkundiger Leitung obliegt. 

Der Fußball fand erst nach der Jahrhundertwende Eingang. Und wieder war es eine Gruppe von Kaufleuten aus der Margarineindustrie - die "Butterfritzen" - die den ersten Fußballverein gründete, den "Verein für Bewegungsspiele von 1903". Im Oktober 1904 hatte die Mitgliederzahl ein halbes Hundert bereits überschritten, zweifelsohne ein Zeichen dafür, daß den Bestrebungen des Klubs in immer weiteren Kreisen das regste Interesse entgegengebracht wird. Der Antrag des Vorstands auf Beitritt des V.f.B. v. 1903 zum Rheinisch-Westfälischen Spielverbande, wodurch der Verein gleichfalls Mitglied des großen "Deutschen Fußball-Bundes" wird, gelangte nach längerer bewegter Debatte ... zur Annahme. Der Fußball schickte sich an zum Volkssport zu werden. Großen Auftrieb gab die Austragung der Westdeutschen Meisterschaft auf dem neuen Platz am 5. April 1908 und der im August 1910 an gleicher Stelle stattfindende Fußball-Länderkampf Deutschland - Holland.

Zur Erinnerung an das Fussball-Wettspiel der "Ersten Mannschaft" Verein für Bewegungsspiele von 1903 Cleve gegen Fussball-Klub "Preussen Crefeld". Resultat 7:1. Cleve, den 13. Mai 1906 - Verlag L. A. Knipping, Cleve

Auf dem Fußballplatz des "VfB 03 Cleve" in der Nähe der Triftstraße und im Bereich der später neu erbauten Krohnestraße gelegen, hat am 16. August 1910 ein Fußball-Länderspiel zwischen der deutschen Fußballnationalmannschaft und der aus Holland stattgefunden. Die meisten der holländischen Zuschauer waren mit dem Fahrrad angereist und kamen aus Nimwegen. Der "Fußball-Länder-Wettkampf", so lautete damals die offizielle Bezeichnung für dieses Spiel der beiden Nationalmannschaften, endete vor 6.000 (andere Quellen: 10.000) Zuschauern mit einem 2:1 Sieg der Gäste.

01.jpg
95.45 KB
02.jpg
65.98 KB

Unser Blick geht hier von der Schwanenburg aus in den Königsgarten.

In den Häusern am oberen rechten Bildrand wohnten damals die Familien Ernst Schulz und Bernhard Hoymann und im nächstgelegenen Doppelhaus, hier etwas vom Schornstein der Badeanstalt verdeckt, die Kinder der Witwe August Gietmann. Daneben folgen die Gebäude der beiden Fuhrunternehmen von Heinrich Schöning und Karl Schürmann. Der Sohn von Karl Schürmann, der Vizewachtmeister Peter Schürmann brachte nach Beendigung des Ersten Weltkrieges von der Front im Westen auch gleich seinen braunen Wallach, der ihm jahrelang in vorderster Linie treu gedient hatte, mit in seine Heimat. Von nun an zog Moritz die schwer mit Kohlen beladene lange Schlagkarre von der Bahnhofsrampe aus die steilen Straßen der Hügelstadt empor. Über seine Futterkrippe im Königsgarten hing eine in einen Kranz eingelassene Tafel mit der Aufschrift "Moritz, geb. 1908, aktives Artilleriepferd der reitenden Batterie des Feldartillerie-Regiments No. 7 von 1912 bis 1918".

Als Folge der Errichtung der Badeanstalt ließen Neugründungen von Schwimmvereinen nicht lange auf sich warten. So entstand damals auch der heute noch bestehende "Clever Schwimmverein 1910 e. V." dessen damaliger Vorsitzender der Landesbauamtssekretär Karl Grabemann war. Vorsitzende vom ebenfalls neu gegründeten "Damenschwimmverein Cleve" war die die Frau von Wilhelm Startz sen. von der Nassauerallee.

Gleichzeitig mit der Errichtung des Stadtbades hatte sich der Bauunternehmer Franz Kleindorp am Kermisdahlufer gleich nebenan, hier rechts im Bild zu erkennen, ein neues Wohnhaus gebaut. Auch dieses Haus wurde im letzten Krieg zerstört.

Diese Ansichtskarte aus dem Jahre 1910 zeigt uns die neue Badeanstalt vom Kermisdahl her gesehen und das Motorboot "Beatrix", hier einmal ohne Sonnendach, vor der ebenfalls neu errichteten Anlagestelle.

Die Gründung des "Schwimmverein Cleve 1909" wurde erst möglich nachdem Kleve an Stelle der alten, abgebrochenen Gasfabrik eine neue Badeanstalt errichtete. Die Eröffnung geschah am 22. Dezember 1908. Dadurch wurde ein jahrzehntelanger Missstand beendet, denn für gut zahlende Kurgäste gab es seit dem 18. Jh. die Heilbäder im Tiergarten, seit 1846 das luxuriöse Friedrich-Wihelms-Bad, später die Kaltwasser-Heilanstalt im Kurhaus und das Kneippbad, für die breite Masse der Bürgerschaft bestand nicht eine einzige Anstalt. Daher behalf man sich anfangs mit einem Freibad am Kermisdahl (1838 bis 1841), später am Spoykanal (1847 bis 1907). Selbstverständlich hat es wohl schon immer "unorganisiertes" Schwimmvergnügen in den Teichen und Flussläufen der Niederung gegeben.

Der Kaiser kommt 

Das klever Land ist der älteste Besitzteil der preußischen Monarchie im Westen; in wenigen Jahren feiern wir das 300jährige Jubiläum der Zugehörigkeit Kleve`s zur Krone Preußen, denn am 4. April 1609 ließen die Preußen zum Zeichen ihrer Besitznahme kurzerhand ihr Wappen an die Schwanenburg annageln (Passwortgeschützter Bereich)

Die Dreihundertjahrfeier in 1909 wurde von einem Festausschuss, der unter dem Vorsitz des Landrat Eich tagte, seit 1905 vorbereitet. Beschlossen wurde: Das Fest wird in Kleve gefeiert; es wird ein Denkmal errichtet und an dem Festtage enthüllt; es sollen Festspiele oder lebende Bilder veranstaltet werden; das Denkmal soll ein Hohenzollernbrunnen sein, dessen figürlicher Schmuck einem Gedanken Ausdruck verleiht, der in direkter oder symbolischer Beziehung zu der Vereinigung des Herzogtums Kleve mit der Krone Preußen steht.

Das Denkmal wurde auf dem Kleinen Markt errichtet und daher musste das Lohengrin-Denkmal (Passwortgeschützter Bereich) weichen, das seinerseits bereits das Johann-Sigismund-Denkmal verdrängt hatte. Das Johann-Sigismund-Denkmal stand am Schlossberg. Seit der Zerstörung Kleves im 2. Weltkrieg gilt das Denkmal als verschollen. Ein ähnliches Schicksal erlitt das Lohengrin-Denkmal. Es stand bis zum letzten Krieg am Brücktor. Heutzutage erinnert der von Prof. Seemann gestaltet "Elsa-Brunnen" am Fischmarkt an den Schwanenritter.

Ein weiterer Versuch die Schwanenburg  wiederherzustellen (die letzten intensiven Bemühungen hat der Bürgermeister Ondereyck 1845 vergeblich eingeleitet) wurde im Vorfeld des Kaiserbesuchs unternommen. Trotz starken Engagements von Direktor Manger - Leiter der Magarinewerke - konnten die ehrgeizigen Vorstellungen nicht realisiert werden. Die Verhältnisse liegen ungünstig. Die Burg ist fiskalischer Besitz. Benutzt wird sie vom Landgericht, das unter dem Justizministerium, und von der Gefängnisverwaltung, die unter dem Ministerium des Inneren steht. Endlich ist der Schloßberg der Königlichen Forstverwaltung und damit dem Landwirtschaftsministerium  unterstellt; und das Kultusministerium ist als vorgesetzte Behörde des Provinzial- und Landeskonservators an der Erhaltung des Bauwerks als Denkmal interessiert. Vier Ministerien also! Wo so viele einig werden sollen, ist es schwer, bald großes für die Burg zu erreichen. Immerhin: Für bauliche Besserungen wurden Mittel - man spricht von einer Summe von 40.000 Mk. - bereit gestellt.

02.jpg
26.14 KB

03.jpg
23.13 KB
04.jpg
25.42 KB
05.jpg
22.44 KB
06.jpg
22.55 KB
07.jpg
23.46 KB
08.jpg
15.95 KB
09.jpg
17.54 KB
10.jpg
23.04 KB
11.jpg
25.79 KB
12.jpg
19.53 KB
13.jpg
27.71 KB
14.jpg
20.22 KB
15.jpg
30.20 KB

16.jpg
49.10 KB

Der Kaiser besichtigt im inneren Burghof der Schwanenburg die Grabtumba der Ida von Brabant und des Grafen Arnold von Kleve

17.jpg
63.53 KB

Enthüllung des Hohenzollerndenkmals

01.jpg
78.81 KB
 
Ansichtskarte aus dem Jahr 1909

Die Vorbereitungen waren abgeschlossen, die Stadt herausgeputzt: Das Kaiserpaar konnte kommen. Am 9. August 1909 um 11 Uhr fuhr der Sonderzug ein. Bei schönem Wetter wurde das Amphitheater besichtigt. Anschließend setzte sich der Zug der kaiserlichen Kutschen über die Tiergartenstraße, Kavariner-, Große und Hagsche Straße hinauf, schwenkte vor dem Hagschen Tor links in die Kapitelstraße ein und hielt bei der Stiftskirche. Auf ein Zeichen des Kaisers fiel die von 8 Mitgliedern der hiesigen Freiw. Feuerwehr gehaltene Hülle des neuen Denkmals, während ein Salut von 101 Schuß der auf dem Schloßberg aufgestellten Batterie des Cleveschen Feldartillerie-Regiments ... die Kunde donnernd in die Weite trug.

Bevor der Kaiser den Festplatz verließ, nahm er den Parademarsch der Ehrenkompanie ab. Alsdann begaben sich die Majestäten und die zum Empfang befohlenen Gäste in die durch einen Laubengang mit dem Festplatz verbundene Stiftskirche, an deren Eingang der Bischof von Münster, zu dessen Bistum Kleve gehört, das Kaiserpaar mit der Geistlichkeit erwartete. Im Verein mit Herrn Dechanten Sprenger und Konservator Prof. Dr. Clemen führt er die Majestäten zur Besichtigung der Grabdenkmäler des Grafen Adolf von der Mark und Margareta von Berg wie auch des Herzogs Johann II. in die Pfarrkirche. Mit lebhaftem Interesse nahmen die kaiserlichen Gäste alles in Augenschein. Nach huldvoller Verabschiedung wurde der Weg (durch die Goldstraße und die Reitbahn) an der reichgeschmückten, im Innern in einem Lichtermeer strahlenden jüdischen Synagoge vorbei, zum Schloß fortgesetzt. In der Schwanenburg rief der Kaiser voller Begeisterung emphatisch aus: "Meine Burg". In dem alten Schlosse seiner Vorfahren, in dem zwei Söhne des Großen Kurfürsten geboren sind und an das sich die Sage vom Schwanenritter knüpft,... fand die Besichtigung weiterer Grabmäler statt. 

Beim Abgang äußerte sich der Kaiser bezüglich des im Schlosse befindlichen Gefängnisses dahin, daß dieses unbedingt aus dem Schlosse verlegt werden müsse. Nach dem Verlassen des Schloßhofes bot sich dem Kaiserpaare vom Schloßplatz aus eine herrliche Aussicht auf die Ebene dar. Sichtlich hochbefriedigt bestiegen darauf kurz vor ein Uhr die hohen Gäste die auf dem Schloßberg bereitstehenden Wagen zur Rückfahrt durch die Alleen und die Stadt. 

Die Bürger der Stadt fühlten sich sicherlich an diesem Tag an die große Geschichte der Stadt erinnert. Man war auch stolz ein Deutscher zu sein. Und dieses Gefühl begleitete die Menschen freudig (!) in den Ersten Weltkrieg - nur fünf Jahre nach dem Kaiserbesuch!

Seit dem 25. Juli 1914 stand Kleve im Zeichen der Erwartung der kommenden großen Ereignisse.  Drei Tage später las man: Die Würfel sind gefallen! Aber man fragte sich auch, ob es lediglich bei einer Strafexpedition der Monarchie nach Serbien sein Bewenden haben wird, oder ob über ganz Europa die Kriegsfurie einherschreiten wird. Man hoffte, daß die russischen Staatsmänner in letzter Stunde doch noch starke Bedenken bekommen haben, die Fackel des Weltenbrandes zu entzünden. So ist zur Stunde noch alles ungewiß, doch kann jede Minute die Entscheidung bringen. Vielleicht stehen wir am Anfang einer neuen weltgeschichtlichen Epoche, einer gewaltigen Umwälzung im alten Europa. Wenn jetzt der Weltkrieg losbrechen sollte, weiß niemand, welche Zukunft seinem Volk und Staat beschieden sein wird. Wir Deutschen haben aber dennoch keinen Grund zur Unruhe oder gar Mutlosigkeit. Ab dem 1. August war auch Mut von Nöten. Deutschland erklärte Russland den Krieg!

Am Niederrhein spürte man jetzt wieder, dass man Grenzland war. Der Verkehr von Kraftfahrzeugen nach Holland war nur über Straelen-Venlo gestattet. Alle sonstigen Fahrzeuge, Fahrräder so wie Fußgänger dürfen die deutsch-holländische Grenze in beiden Richtungen nur auf den Straßen ... Elten-Zevenaar, Kleve-Nimwegen, Straelen-Venlo überschreiten. 

Am 5. August wurde Belgiens Neutralität durch den Einmarsch deutscher Truppen verletzt. 

Donnerstag, den 6. August war es so weit: Das in Kleve liegende III. Bataillon des IR 56 zog die Stechbahn und Große Straße herab zum Bahnhof. ... Die Hauptleute zu Fuß, die Mannschaften sangen patriotische Marschlieder; es waren durchgehends junge, bartlose, aber sehnig, gebräunte Gestalten, nicht übergroß. Viele Krieger verabschiedeten sich im Vorbeimarsch von Bekannten; aus dem Publikum, welches die Straßenseiten dicht besetzt hielt, Zurufe und Hüteschwenken.

Am Samstag, den 4. September nachmittags kam der erste Verwundetentransport hier an. Es handelte sich meist um leichter verwundete Krieger, die mit Bein-, Schulterschüssen und Streifkopfschüssen davongekommen waren. Die Tapferen wußten viel von den Scheußlichkeiten der Belgier zu erzählen. Sie wurden in das Hospital (55), in die Stiftung (34) und in die zum Lazarett umgewandelte neue Kaserne geschafft.

Nur vier Tage zuvor - am 31. August 1914 - war bereits die erste Todesmeldung in Kleve eingetroffen. Der aktive Garde-Infanterie-Leutnant Herbert Aries soll nach einer hier eingegangenen Depesche auf dem Felde der Ehre gefallen sein. Die Zeitschrift "Volksfreund" eröffnete am Sedanstag 1914 (2. September) seine "Ehrentafel der im Felde gefallenen Kämpfer des Kreises Cleve au dem Kriegsjahr 1914". Sie wurde von Tag zu Tag länger. Am 24. Oktober war die ganze lange Spalte gefüllt und es musste schon die zweite Spalte belegt werden. Anfang November konnte man absehen, wann alle Spalten einer Seite gefüllt sein würden und änderte das System. Nun wurde jeder Gefallene nur noch einmal genannt. 

Um für ernste und würdige Siegesfeiern den passenden Rahmen zu schaffen, beschloss die Stadt die Aufstellung des "Eisernen Mannes".

01.jpg
81.65 KB

Seit dem Jahre 1877 hatte am Fischmarkt das Denkmal "Otto der Schütz" gestanden. Nachdem es entfernt worden war, wurde hier mitten im Ersten Weltkrieg der sogenannte "Eiserne Mann" aufgestellt. Am Tage der Einweihung schlug der Bürgermeister von Kleve Dr. Heinrich Wulff den ersten Nagel in die hölzerne Figur ein. Damit war auf Beschluss der Stadtverordnetenversammlung eine Spende von 3.000 Mark für die Kriegsopfer verbunden. Es folgten dann Nagelungen die mit Beträgen zwischen 300 und 1.000 Mark verbunden waren. Im ganzen hat die Nagelung des Eisernen Mannes damals etwa 73.000 Mark eingebracht.

". Der Bildhauer Brüx hat der Stadt einen Granatenwerfer zum Geschenk angeboten. Es handelt sich dabei um eine 2,30 m (nach Fertigstellung: 2,60 m) hohe Figur, einen eine Granate werfenden Soldaten darstellend. Die Figur werde vor Weihnachten fertig und könne dann am Sonntag vor Weihnachten wohl zur Benagelung aufgestellt werden. Der Erlös der Nagelung kommt den Angehörigen Gefallener der Stadt Kleve zugute. Die Einweihung fand dann allerdings erst an Kaisers-Geburtstag, den 27. Januar 1916 statt. Der Namen "Eiserner Mann" wurde von Dr. Pick durchgesetzt. Andere Vorschläge lauteten "Clever Grenadier", "Clever Held" oder auch "Clever Jong". Die Statue wurde am Fischmarkt aufgestellt, dafür musste das Denkmal "Otto der Schütz" weichen. Den ersten Nagel schlug der Bürgermeister ein. Bis zum 23. Juli 1916 wurde auf diese Art 52.000 Mark gesammelt. Mit zunehmender Kriegsmüdigkeit wurde es stiller um den "Eisernen Mann". Bei der Kaiser-Geburtstagsfeier von 1918 macht er nicht mehr mit. Das Volk war nicht mehr zu mobilisieren. Am 11. November 1918 wurde die Kapitulation unterschrieben. Das Kaiserreich war damit Geschichte. Kurz bevor im Dezember 1918 die belgischen Besatzungstruppen einrückten, wurde die Statue entfernt und im Feuerwehrdepot des Rathauses untergebracht. Nach dem Abzug der Belgier im Jahre 1925 stellt man die Figur vor dem Heimatmuseum im Treppenaufgang des Spiegelturms der Schwanenburg auf.

Im Ersten Weltkrieg starben insgesamt fast zehn Millionen Menschen, über 20 Millionen wurden verwundet.

zuletzt bearbeit am 10.01.2012