Heinz Todtmann

"Grosses Werk für kleine Füße - 50 Jahre Gustav Hoffmann Kleve",

Düsseldorf 1958, Seite 31ff

Der Gründer: Gustav Hoffmann

Der Gründer

"Die Geschichte eines Unternehmens, sein inneres Werden und Wachsen ist erschöpfend ebenso wenig darzustellen wie das Leben eines Menschen. Alles lebendige, echte Werden und Wachsen ist geheimnisvoll-verborgen und unsichtbar; was sich aufzeigen lässt, ist immer nur das "Fertige", das "Gewordene"; ... das Sichtbar-Bleibende ist am Ende immer nur das "Werk", das immer noch deutlich das Gesicht seines Schöpfers trägt. Weitblick, Organisationstalent, Schaffensfreude und Können zeigt die Fabrikanlage, die Gustav Hoffmann aus eigenem, persönlichem Schauen heraus geschaffen hat; sie wurde oft von urteilsfähigen Fachleuten als vorbildlich, ja als besteingerichtete gerühmt; dabei ist sie nicht in einem, sondern in etwa zehn Bauabschnitten entstanden, wirkt aber so einheitlich, dass man die Nähte nicht sieht."

Mit diesen Worten beginnt die Chronik des großen Werkes. Sie ist von einem heute 75jährigen Manne geschrieben,  der dem Gründer in familiärer Verbundenheit und seinerzeit auch als engster Mitarbeiter nahegestanden hat - von Heinrich Hoffmann, dem jüngeren Bruder. Es wäre also nur begreiflich, wenn das Bild, das er entwarf, mit einer der Genauigkeit nicht immer zuträglichen liebevollen Subjektivität gezeichnet wäre. Das ist aber nicht der Fall. Wer heute unbefangen den Spuren Gustav Hoffmanns nachgeht, wird die Schilderung der Chronik bestätigt finden.

Man braucht nur einige Stunden mit älteren Schüsterkes zusammenzusitzen, die ihn noch als den Chef miterlebt haben. Sie sind, wir wissen es, mit den Männern, die jetzt den Betrieb leiten, uneingeschränkt einverstanden. Es ist also nicht die Unzufriedenheit mit dem Heute, die der Gestalt von gestern einen Glorienschein gibt. Es ist die Kraft einer Persönlichkeit, die in ihrem Kreis auch Jahrzehnte später noch nachwirkt.

Der Gründer hat sein kleines Reich ziemlich autokratisch regiert. Nur ein Wille war maßgebend, und das war seiner. „Da musste ein Schornstein umgelegt werden", erinnert sich der Kraftfahrer O., seit 37 Jahren im Betrieb. „Ein mächtiges Ding, 40 Meter hoch. Wir hatten schon eine ganze Weile daran gearbeitet. Plötzlich kam der Chef dazu -, wie immer mit seinen beiden Dackeln und mit der Zigarre. Und wie immer dauerte es ihm viel zu lange. Ein paar Drahtseile wurden um den Schornstein gelegt, ein schwerbeladener Lastwagen davor gespannt, ruck-zuck -, der Schornstein kippte. Beinahe wäre er nach der falschen Seite gefallen." Oder: "Wir waren dabei, eine Mauer abzubrechen. Es war gar nicht so einfach. "Was, nicht einfach? Ein Kinderspiel!" rief der Chef. Er riss oben einen Ziegel raus, unten einen Ziegel raus, stemmte sich mit den Schultern dagegen -, die Mauer fiel."

Er war eine Persönlichkeit voller Kraft und Dynamik, und alle ließen sich von diesem motorischen Mann mitreißen. Wo er dazukam und persönlich eingriff, liefen alle Räder doppelt schnell. Die Kontinuität im Ablauf des Betriebes, die in der modernen Fabrikation ausschlaggebend ist, erfordert heute andere Methoden.

Mit den Schüsterkes von Kleve ist Gustav Hoffmann von klein auf vertraut. Das väterliche Geschäft in der Großen Straße in Kleve bietet ihnen das Leder und den Schuhmacherbedarf für ihre kleine Heimproduktion, auch Fahrräder und Nähmaschinen. Aber wer von den armen Schluffenschustern kann schon eine Nähmaschine erschwingen! Es reicht ja nicht einmal für das Notwendigste, die Schulden werden monatelang nicht bezahlt. Fleisch, das Pfund zu 40 Pfennig, gibt es nur zu Ostern und Pfingsten - , Weihnachten kann man es sich nicht leisten, oder man muss auf den Kuchen verzichten.

Der kleine Gustav kennt diese Nöte. Die Kinder der Schüsterkes sind seine Spielgefährten -, aber meist sind sie zu müde nach der Arbeit von fünf Uhr morgens bis zum Abend. Im Winter haben sie manchmal etwas mehr freie Zeit -, wenn die Dunkelheit in die Stube kriecht und sie die Naht am Schluffen nicht mehr sehen können. Licht wird nicht gemacht. Kerzen kosten Geld. "Wenn eine Nadel verlorenging, gab`s Prügel", erzählt Meister C. in der Erinnerung an seine Jugend. "Die Nadel kostete zwei Pfennige. Wir waren siebzehn Kinder zu Hause. Wenn da jedes eine Nadel verloren hätte..."

Das Schüsterke - Denkmal erinnert an die Tradition der Lederverarbeitung in Kleve. Übrigens: Hin und wieder spukt es!

Den sieben Hoffmann-Kindern geht es besser. Das väterliche Geschäft beliefert nicht nur die ewig verschuldeten Heimschuster, sondern auch die vielen Schuhfabriken in und um Kleve und wirft genug ab für einen bescheidenen Wohlstand. Gustav, der Älteste, und sein Bruder Heinrich können das humanistische Gymnasium besuchen. Gustav geht mit dem „Einjährigen" als Lehrling in eine Brackweder Lederfabrik. Denn Leder und Schuhe -, das soll sein Beruf werden, das hat er sich längst vorgenommen. Er dient sein Jahr bei dem „Bataljönchen" ab, das in Kleve garnisoniert ist, und arbeitet dann weiter im Geschäft des Vaters.

Mit 24 macht er sich selbständig. Ein unternehmungslustiger Berliner, Fritz Pannier, fünf Jahre älter als er, wird sein Kompagnon und zugleich sein Schwager. Den Start ermöglicht Vater Hofmann, der die ganze Konkursmasse einer Schuhfabrik - Rohwaren, Maschinen, Leisten, Modelle - aufkauft und den Jungen zur Verfügung stellt.

Die Fabrik, die Gustav Hoffmann und sein Schwager eröffneten, war eine Kinderschuhfabrik. So etwas gab es damals nur in Kleve. In den Fabriken an anderen Plätzen wurden Kinderschuhe nur nebenbei gemacht -, es waren Erwachsenenschuhe nach der damaligen Mode, nur eben entsprechend kleiner, aber ebenso spitz. „Man konnte", schreibt der Chronist, „später nicht mehr begreifen, wie darin ein Kinderfuß Platz finden sollte. Durch das Beobachten des Kinderfußes an den eigenen Kindern wurden Pannier & Hoffmann dazu gebracht, ... einen breiten, dem damaligen Geschmack völlig unbekannten Schuh zu bringen, der, auch einbällig, dem Kinderfuß jede Entwicklungsmöglichkeit ließ."

Das Wort "einbällig" muss sich der Laie erst erklären lassen. Es kennzeichnet die Machart, die für uns heute ganz selbstverständlich ist: der Schuh, auf nur einen Ballen gearbeitet, kann nur rechts oder links getragen werden. Bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts gab es das nicht - , man kannte nur zweibällige Schuhe, die man ganz nach Belieben auf dem linken oder auf dem rechten Fuße trug. 

Hier zeigt sich zu ersten Male Hoffmann, der Pionier. Er beobachtet, er entwickelt, er verbessert -, und es ist ihm zunächst ganz gleichgültig, ob sich das sofort bezahlt macht. Schon in seinen Anfängen wird der Mann von später sichtbar. Als er sich 1908, nach zwölfjähriger Zusammenarbeit, vom Schwager Pannier trennt, wird alles sehr großzügig geregelt. Der gemeinsame Grundbesitz zum Beispiel wird durchs Los verteilt, was später unbequeme Umtausch- und Austauschverkäufe notwendig macht.

Gustav Hoffmann ist gerade 36 geworden, als er ganz sein eigener Herr wird. Er hat Erfahrungen gesammelt, er hat Lehrgeld bezahlt, er weiß jetzt, wie man es machen muss, um zu Erfolgen zu kommen. Und er ist fest entschlossen, zu Erfolgen zu kommen. Die Basis ist stabil. In der Eröffnungsbilanz stehen Immobilien mit 147.000 Mark, die Fabrikeinrichtung mit 60.000 Mark zu Buch. Sonstige Schulden sind nicht vorhanden, das Vermögen beträgt 238.000 Mark. Die Belegschaft zählt 300 Köpfe. Als die Frage auftaucht, ob dringend notwendige neue Maschinen gemietet oder für 26.000 Mark gekauft werden sollen, entscheidet sich Gustav Hoffmann für den Kauf. Er will nicht nur zu Erfolgen kommen, er will auch unabhängig sein. Das eine schien ihm nicht erreichbar ohne das andere.  

Es glückt ihm beides. Der erste Weltkrieg hat die Firma belastet, aber sie erholt sich schnell. 1919 zählt der Betrieb 650 Köpfe, 1923 schon rund 1000. Es wird neuer Haus- und Grundbesitz erworben, noch 1918 für rund 200.000 Mark, 1919 für rund 360.000 Mark, 1920 für eine halbe Million. Das Hotel Maywald gehört dazu, das angesehenste und repräsentativste Haus am Niederrhein.

Aber er tut mehr. Als, wie überall in Deutschland, auch in Kleve die Arbeiter mit Millionen in der Lohntüte nach Hause gehen müssen, die schon beim nächsten Krämerladen entwertet sind, stemmt sich Hoffmann entschlossen dagegen. „Diesem unhaltbaren Zustand", so schreibt die Chronik, „machte dann die Firma im September/Oktober 1923 ein energisches Ende, indem sie die Konsumanstalt einrichtete. Schon vorher hatte sie bei ihrer anerkannten Fürsorge für ihre Leute gelegentlich Lebensmittel verteilt, indem sie für Frühkartoffeln sorgte, Fett verteilte usw. Diese Hilfe wurde jetzt planmäßig ausgebaut. Mit der Arbeiterschaft wurde das Abkommen getroffen: es werden wieder die Geldlöhne der Vorkriegszeit gezahlt; diese werden jedem Arbeiter in einem Kontobuch gutgeschrieben, in dem die Käufe in der Konsumanstalt als Entnahme auch eingetragen werden; die Konsumanstalt liefert die wichtigsten Lebensmittel zu den Goldmarktpreisen der Vorkriegszeit; vor der Löhnung ist anzugeben, welcher Betrag in Papiermark gewünscht wird. Die Firma war hingegangen und hatte in Holland große Mengen Schmalz, Speck, Reis, Büchsenfleisch 50- bis 100zentnerweise eingekauft und sorgte für Mehl und Erbsen."

Das Auf und Ab, das der Geldumstellung folgte, ist bekannt. 1925 war die Lage so katastrophal, dass der ganzen Belegschaft gekündigt werden musste. 1926 war die Firma schon wieder obenauf. Auch jetzt sorgt Hoffmann zuerst für seine Leute: eine moderne Fabrikküche wird gebaut, ein Speisesaal dazu, der 1.000 Personen fasst. Die Schüsterkes bekommen ein Mittagessen mit täglich 100 Gramm Fleisch für 50 Pfennig. Für mitgebrachtes Essen ist ein Wärmeschrank da. Es hat nicht viele Unternehmen in Deutschland gegeben, die es zu jener Zeit für angebracht hielten, vor allem eine Betriebsküche zu bauen.

Die Wirtschaft blühte wieder. Man hielt es für einen Dauerzustand. Aber es war eine Scheinblüte. Die Wirtschaft blühte -, und übernahm sich. Hoffmann fuhr nach Amerika, in das Mutterland der mechanischen Schuhfabrikation. Er kam mit neuen Eindrücken und mit einer Fülle von Ideen zurück. "Er war", so schreibt die Chronik, "ein Vorwärtsdränger; für ihn gab es keinen Stillstand und erst recht keinen Rückschritt." Aber als die Wirtschaftsblüte im Frost der großen Krise erstarb, musste der Vorwärtsdränger sich dem Stillstand, dem Rückschritt unterwerfen. Die Kreditquelle, die noch eben so reichlich geflossen war, versiegte. Die Preise für Häute und Felle, die von Auktion zu Auktion gestiegen waren, fielen auf einmal ins Bodenlose. Die Lagerbestände, die in die Millionen gingen, waren von heute auf morgen nur noch Bruchteile dessen wert, was sie gekostet hatten. Der Einzelhandel wurde schwach und schwächer. Das Dubiosenkonto der Firma Hoffmann, das 1926 nur rund 20.000 Mark betragen hatte, belief sich 1930 bis 1932 in jedem Jahr auf Summen zwischen 150.000 und 180.000 Mark. Dann kam der schwerste Schlag: die Banken riefen ihre Kredite ab.

Das Unternehmen, im Kern gesund, nur im eisigen Klima der Weltwirtschaftskrise vorübergehend zu scheinbar tödlicher Bewegungslosigkeit erstarrt, konnte gerettet werden. Die Firma wurde in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, deren Aktien maßgebende Lieferanten übernahmen -, der Fortbestand des angesehenen Hauses war gesichert. Auch Gustav Hoffmann blieb dem Unternehmen nach wie vor eng verbunden. Aber seine Gesundheit hatte in den vorangegangenen schweren Jahren sehr gelitten -, es war ihm nicht mehr möglich, noch so tätig zu sein wie früher. Um so mehr befriedigte es ihn, dass er erleben konnte, wie das Unternehmen, das er gegründet und zur Höhe geführt hatte, weiterblühte. Es erfülle ihn, so sagte er, mit Wärme und Zuversicht, sein Lebenswerk in sicheren und unternehmensfreudigen Händen zu wissen.

Das Leben, das Gustav Hofmann gelebt hatte, war ein Leben aus dem Vollen gewesen -, in der Leistung wie im Genuss, ein Leben voller Saft und Kraft. Noch wenige Tage vor seinem Tode hatte er in einer arbeitsreichen Sitzung mit den Vertretern des Werkes gelacht und gescherzt und sie mit seiner Dynamik beflügelt. An einem Februartage des Jahres 1935 beendete ein Herzschlag sein Dasein. Als unter der Anteilnahme der ganzen Stadt seine Schüsterkes ihn zu Grabe geleiteten, schien er noch einmal gegenwärtig zu sein in der ganzen echten Großartigkeit seines Wesens.

Das Werk der Getreuen

Sie haben immer gern gesungen, die Schüsterkes von Kleve. Auch in Zeiten, in denen es ihnen nicht rosig erging, da kein Brot im Hause und kein Groschen im Kasten war. Sie sangen in der guten alten Zeit, als sie am Montag blaumachen konnten. Sie sangen, wenn sie mit Kind und Kegel in den Reichswald zogen und wenn dann, je weiter der Tag vorschritt, die Stimmung immer feuchter und fröhlicher wurde. "De Rollmops an de Fläss Schabau, die stunde doon dornääwe." Ohne die Flasche Schnaps war ihr Leben nicht zu denken. Sie sangen auch, als der blaue Montag längst der Arbeitsdisziplin des Fabrikbetriebes zum Opfer gefallen war. Das Schüsterkes-Lied war und ist auch heute die lokale "Nationalhymne".

Ohne Schüsterkes kann Kleef niet lewe,

ohne Schüsterkes kömmt Kleef niet ütt.

Wännt et Schusters es niet mehr gewe,

dann es ons Heimat et Moojste kwitt.

Alalalaiti! Alalalaiti!

Kleefse Schüsterkes

löste gern nen Drop.

Alalalaiti! Alalalaiti!

Wej sin feine Kerls

ok met de Schlop.

Elefanten-Logo 1928

Doch es kam die Zeit, wo sie nicht mehr sangen. „Als erste deutsche Landschaft", so berichtet die Chronik dieser Tage, „erlebte der äußerte Nordwestzipfel des linken Niederrheins im Kampf auf eigenem Boden die wahre Furie des modernen Krieges. Der 17. September 1944 brachte sie ins Klever Land. Während vorher Bombenabwürfe und Bordwaffenbeschuß Tod, Schrecken und Vernichtung in schauerlich wachsendem Maße zur Auswirkung brachten, begann nun das eigentliche Kriegsgeschehen im Bodenkampf durch Landung von alliierten Luftlandetruppen. Das war der Auftakt zu einem ungeahnten Inferno . . ."

Bis zum Juni des Kriegsjahres 1944 hatte der Betrieb noch fleißig und ziemlich ungestört produziert. Die ständige Beanspruchung durch Luftschutzwachen war schon zur Gewohnheit geworden. Man hatte sich eingerichtet, so gut es ging. Das Leben, die Sicherheit der Lieben daheim war nicht in unmittelbarer Gefahr. Die Arbeit und das Beieinandersein in der großen Werksfamilie hatten über alle Schwierigkeiten des Kriegszustandes hinweggeholfen.

Aber dann kam die Invasion der Alliierten in der Normandie. Das Ereignis warf seine Schatten voraus. Die Situation in Kleve wurde kritisch. Die Evakuierung, schon seit Monaten erwogen, stand nun dicht bevor. Auch das Problem, wie und wohin Material und Maschinen verlagert werden könnten, wurde akut.

Bis sich im September die Ereignisse überstürzten. Die Einflüge der feindlichen Geschwader verstärken sich von Tag zu Tag. Die Produktion wird jetzt oft für viele Stunden unterbrochen, weil der elektrische Strom ausfällt oder weil die gesamte Belegschaft im Schutzkeller hockt. 

Die Erinnerung an diese Zeit ist im Werk noch heute so lebendig, als sei dies alles erst vor wenigen Wochen geschehen. Und immer wieder kommen die Gespräche zu diesem Punkt. Am 17. September führen die Alliierten ihre große Luftlandeaktion im holländisch-deutschen Grenzgebiet rund um Arnheim durch. Ein Teil der Truppen landet bei Wyler. Kleve wird Frontgebiet. Am 26. September erfolgt der erste schwere Bombenangriff auf die Unterstadt. Er fordert 150 Todesopfer. Sofort beginnt die Zwangsevakuierung der nicht berufstätigen Bevölkerung. Zum Glück, muss man sagen. Denn als der furchtbare 7. Oktober kommt, an dem Kleve durch zwei konzentrierte Großangriffe von 200 Flugzeugen binnen zwanzig Minuten in ein einziges Trümmerfeld verwandelt wird, ist dank der Evakuierung wenigstens die Zahl der Opfer nicht so groß. Alalalaiti! Alalalaiti! Hatte man das wirklich einmal vergnügt und unbeschwert singen können? Kleve liegt in Trümmern, die Menschen sind tot, die noch Lebenden sind verstreut. Auf Omnibussen und Lastwagen hat man sie davongefahren, erst über den Rhein und nach Wesel, von dort ostwärts, ins Magdeburgische. Ein Einwohner, der Tagebuch geführt hat, schließt seine Aufzeichnungen mit den erschütternden Sätzen: „Möge Gott uns allen gnädig sein und uns helfen, die Last und die Not der Zeit zu tragen. Ich sehe sie noch immer vor mir, die Frauen und die Kinder, die mit ein paar Bündelchen auf die Lastkraftwagen kletterten und aus der Heimat fuhren in eine ungewisse Zukunft. Möchten wir uns doch alle in der so geliebten Heimat recht bald nach dieser Verbannung gesund wiedersehen!"

Mit der Stadt ist auch das Werk getroffen. Acht Volltreffer haben im Shedbau, im Kesselhaus und in den Garagen erheblichen Schaden angerichtet. Trotzdem hätte der Betrieb als solcher mit einiger Einschränkung weiterarbeiten können -, aber die Ereignisse machen ja jede geordnete Produktion unmöglich. Die Werkskeller sind Zufluchtsort, nicht nur für die Belegschaft und ihre Angehörigen. „Bei Hoffmann ist man sicher", das ist die Parole in Kleve, und viele Fremde flüchten sich dorthin, vor allem Frauen und Kinder. Es dauert Tage, bis durch Einsatz von werkseigenen Fahrzeugen der Abtransport der Hilflosen durchgeführt ist.

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Im Betrieb selbst ist in diesen Schreckenstagen kein einziger auch nur verletzt worden. Aber einige Mitarbeiter liegen tot in ihren Wohnungen, unter ihnen der Prokurist Wolters, den seine Freunde erst nach zwei Wochen aus den Trümmern seines für besonders stabil gehaltenen Hauses bergen können. Man hat sie noch heute nicht vergessen, die Kameraden, mit denen man einst gearbeitet und gefeiert hat in enger Gemeinsamkeit.

Die Produktion des Klever Betriebes ist in diesen Oktobertagen endgültig zum Stillstand gekommen. Es gibt keinen Strom mehr, es gibt oft kein Wasser. Aus den in der Stadt verbliebenen Werksangehörigen werden Arbeitsgruppen gebildet, die Vorräte und Maschinen sicherstellen. Etwa 150  bis 200 Mann führen das wertvolle Gut zuerst nach Dinslaken, dann per Waggon, zu Schiff und per LKW nach Süddeutschland, wo der Hoffmann-Betrieb in Heidelberg und ein Ersatzbetrieb in Weinheim mit den geretteten Schätzen aus Kleve aufgefüllt werden. Aber auch das Klever Werk wurde betriebsfähig gehalten. Man hätte jederzeit mit einem Drittel der Kapazität weiterproduzieren können. Direktor T. und ein Kommando von 50 Mann hatten, oft genug unter Lebensgefahr, dafür gesorgt, dass das Verlagerungsgut auf den Weg gebracht wurde, dass die verbliebenen Maschinen gesichert, dass die Fabrikgebäude und die Werkswohnungen wenigstens notdürftig hergerichtet werden konnten. "Es war eine Irrsinnszeit", erinnert sich Direktor T. "Unter dem Beschuss von Jagdbombern verladen wir den halben Klever Betrieb in vierzig Güterwaggons, drei Rheinkähne und unsere Lastwagen und transportieren ihn zu Wasser und zu Lande nach Süden. Die LKW fahren mit Holzgas, der Treibstoff wird unterwegs im Walde gesägt. Zeitweilig produzieren wir in einem Notbetrieb in Weinheim an der Bergstraße. Eine feste Arbeitszeit gab es bei uns überhaupt nicht mehr - das kostbarste Geschenk, das wir damals einem unserer Männer machen konnten, der den 50. Geburtstag und das 35jährige Jubiläum zugleich feierte, war ein freier Sonntag!"

Sie lassen sich nicht entmutigen, sie sind nicht kleinzukriegen, die Schüsterkes von Hoffmann. Inmitten von Tod und Zerstörung denken sie an den Zusammenhalt, an die Rettung und Aufrechterhaltung ihres Werkes und daran, wie sie trotz aller Not wieder produzieren können. Im Dezember 1944 schreibt der erste Mann des Werkes, der zu dieser Zeit in Heidelberg und Weinheim den Betrieb aufrechtzuerhalten sucht, in sein Tagebuch: „Sofern die weiteren kriegerischen Handlungen es zulassen, hoffe ich, dass wir wenigstens in Heidelberg unter Anlehnung an Weinheim eine Produktion von etwa 6000 Paar täglich betreiben können. Die Überführung der Vorräte und Maschinen, die Sammlung der Gefolgschaft und der Ausbau und insbesondere die Wiedereinrichtung der Produktionsstätten bringen natürlich bei allen kriegsbedingten Einschränkungen unsagbar viel Mühe mit sich, und neu auftretende Hindernisse schieben immer wieder die festgesetzten Termine hinaus. Immerhin sind wir so weit, dass wir in einigen Tagen unsere Straßenschuhproduktion in Heidelberg verdoppeln, in weiteren vierzehn Tagen verdreifachen, in weiteren acht Tagen vervierfachen zu können glauben. Unser Zweigwerk Dinslaken, das als Stepperei ja nur im Verband mit Kleve arbeiten konnte, haben wir inzwischen gleichfalls geräumt. Die Hälfte der Dinslakener Gefolgschaft ist unserer Aufforderung gefolgt und findet geschlossenen Einsatz in Weinheim, wo wir für die Gesamtfertigung Zuschneiderei, Stanzerei, Bodenvorbereitung und für einen Teil der Fertigung die Stepperei betreiben werden. In den nächsten Tagen werden die letzten kaufmännischen Angestellten, die bisher in Kleve und Dinslaken mit der Räumung beschäftigt waren, hier eintreffen, so dass langsam auch die seit Mitte September im großen und ganzen ruhende Buchhaltung wieder in Fluss kommen kann. Ich bin gespannt darauf, welches Ergebnis demnächst Vor- und Nachkalkulation vorweisen werden."

Alalalaiti! Früher, wenn die Schüsterkes ihr Lied sangen, hatten sie den Sinn der dritten Strophe nie so recht bedacht. Jetzt, inmitten der Katastrophen, geht er ihnen auf:

Doröm welle wej tesamehalde,

welle ömmer Frind en Findin sin,

wie et vör ons hielden ock die Alde,

dorop schött noch mar en Teffke in!

Alalalaiti! ...

Letztes Elefanten-Logo

Vor mir liegen Aufzeichnungen aus diesen Tagen, geschrieben mit der Hand oder getippt auf Schreibmaschinen, deren Typen schadhaft geworden, deren Farbbänder ausgeblaßt waren. Das Papier ist verfleckt und zerknittert, es hat die gleiche Odyssee mitgemacht und die gleiche Not gelitten wie die Menschen und Maschinen des Werkes in dieser furchtbaren Zeit. Einige dieser Notizen sind in Kleve geschrieben, einige in Heidelberg, einige in Weinheim. Ich lasse sie hier folgen, genauso, wie sie damals geschrieben wurden unretuschiert. Man müsste sie nebeneinander statt hintereinander abdrucken und lesen, die Ereignisse sind ja ineinander verzahnt.

BERICHT AUS KLEVE

"Kleve wird im Februar 1945 überrollt. Das stillgelegte Werk wird jetzt im Zuge der Kampfhandlungen so stark zerstört, dass es zu mehr als 85 Prozent produktionsunfähig ist. Der Teilbetrieb Dinslaken sogar zu 100 Prozent zerstört. Wieder tote Werksangehörige im Stadtgebiet verstreut. Alle Verbindung mit Heidelberg/Weinheim unterbrochen. Es dauerte längere Zeit, bis sich das erste Leben wieder rührt. Kein Material, fast keine Maschinen. Aber eines findet sich ein, unsere Arbeiter, unsere Arbeiterinnen. Viele kommen aus dem Nachbarort Bedburg, wo große Teile der Bevölkerung der ganzen Umgebung von englischem Militär interniert worden waren. Die Not in Kleve ist nicht geringer. Kaum Nahrungsmittel, kaum eine Wohnungsmöglichkeit, aber Werkstreue und unverdrossener Arbeitswillen. Und es beginnt der neue Aufbau. Irgendwie gelingt es, zunächst klein und bescheiden, aus Heidelberg und Weinheim Maschinen, Motoren, Material und Schuhwerk (dies nicht nur für Bekleidungszwecke, sondern als wertvollstes Tauschmittel für dringend Notwendiges) heranzuschaffen.

Und es beginnt, und das Werk wächst. Damit erwacht die Stadt Kleve zu neuem Leben. Denn als sich erst wieder herumspricht, dass die Schüsterkes wieder arbeiten, ist das Signal zu einer allgemeinen Rückkehr und dem Neuaufbau der Stadt gegeben."

BERICHT AUS HEIDELBERG

„Heidelberg wird die große Zuflucht unserer Leute. Das Werk wird vor eine große und schwierige Aufgabe gestellt, als die Klever Flüchtlinge in Massen sich dort einfinden und untergebracht und versorgt werden müssen. Aber es gelingt. Und mit viel gutem Willen wird versucht, trotz der beschränkten Räume Arbeits- und Produktionsmöglichkeiten zu schaffen. Wir bemühen uns auch, mit den verstreuten Werksangehörigen Verbindung aufzunehmen, die ja zum Teil bis ins Magdeburgische evakuiert worden sind. Eines Tages erklingt zum Erstaunen der Einwohner in Stendal in der Altmark die Nationalhymne der Klever Schuster-, vor einem kleinen Hotel, in dem Frauen und Kinder aus Kleve einquartiert sind. "Aber mit dem Singen hat es damals nicht so recht geklappt", erzählt der Buchhalter Gr., "wir haben alle heulen müssen!"

In der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag 1945 wird Heidelberg amerikanisch. Aber unerschüttert stehen die im Betrieb untergebrachten Schüsterkes schon zwei Tage nach dem Zusammenbruch an ihren Arbeitsplätzen und sind am "werken". Mit der Hand - wie die alten Schuster -, denn es ist kein Strom da. Es kommt nicht viel dabei heraus, wirtschaftlich gesehen. Aber es war wohl die erste Betriebsstätte, die zu diesem Zeitpunkt überhaupt arbeitete. Es war schon "neues Beginnen". Und im Zuge des Wiederaufbaues in Kleve findet heute dieser, morgen jener den Weg zurück. Sie gehen alle gern in die alte Heimat, so gute Freunde sie auch hier zurücklassen und so angenehme und freundliche Erinnerungen sie von hier mit zurücknehmen."

BERICHT AUS WEINHEIM

"Weinheim an der Bergstraße nimmt die Menge des Materials und der Maschinen auf, die das Werk Heidelberg weder zweckmäßig verwenden noch überhaupt unterbringen kann. Waggons rollen dort an. Die Rheinkähne, die mittlerweile in dem Mannheimer Hafen ankommen und Vorräte und Maschinen aus Kleve bringen, müssen unter großen Schwierigkeiten bei tägliche Jabo-Angriffen entladen, das Gut muss nach Weinheim überführt werden, wo es, auf viele Lagerplätze verteilt, untergebracht wird. Auch hier hat man Wege gefunden, eine Klever Arbeitsgruppe mit ihren Angehörigen unterzubringen und zu versorgen. Die in einem Werksnotquartier zusammengehaltenen Dinslakener Steppereimädchen fangen mit Erfolg an zu arbeiten. Die dort hergestellten Schäfte werden zunächst in Heidelberg montiert. Dann beginnt man in Weinheim eine komplette Schuhfertigung zu organisieren, da das Heidelberger Werk zusätzliche Produktionsaufgaben aus räumlichen Gründen nicht erfüllen kann. Und so sehr das Auffangen der Klever Flüchtlinge zunächst Schwierigkeiten bereitet, so sehr zeigt sich dann in der weiteren Entwicklung die positive Seite. Weinheim wird durch Krieg und Zusammenbruch ein Platz der Schuhfabrikation.

Aber nach der großen Pause wird, sobald es geht, die abgerissene Verbindung mit dem Klever Werk wieder geknüpft. Und mit LKW-Transporten, und so bald es ging mit Waggons, fließen Maschinen und Material, die überstürzt hierher gebracht worden waren, zweckmäßig und sinnvoll wieder zurück, um den zielbewussten Aufbau des Klever Werkes zu ermöglichen."  

Der Werbefilm: Schuh-Rennen — Elefanten-Schuhe

Mein Dank für den Link-Hinweis vom 22.01.2009 geht an Herrn Ludwig Seerden aus Kleve.

UND WIEDER IN KLEVE . . .

Es wurde nicht mehr geschossen, es brannte nicht mehr, die Schuster von Hoffmann fuhren durch das Land und suchten ihre Familien zusammen, um sie wieder nach Hause zu bringen. Die Heimat und das Heim waren zerstört, aber es war die Heimat und es war das Heim. Und das Werk lebte noch. Und das Werk arbeitete schon wieder.

Aber was man sonst in der Heimat vorfand, hätte auch die Aufbaufreudigsten entmutigen können. Nicht nur Bomben und Feuer hatten das Werk und die Wohnungen verwüstet. Vieles war im Siegesrausch sinnlos zerstört, vieles war von Unbefugten beschlagnahmt worden. Der kleine Trupp der Hoffmann-Leute, der zu schützen und zu bewahren suchte, was der Krieg nicht vernichtet hatte, war noch oft in Lebensgefahr, als der letzte Schuß längst verhallt war. Wer wollte es wagen, nach der Berechtigung zu fragen, wenn Unbekannte in der Uniform der Sieger mit Forderungen auftraten? Direktor T. führte ohne Rücksicht auf persönliche Sicherheit einen verbissenen Kampf um jede Maschine, jedes Werkzeug - und rettet vieles, was schon verloren zu sein schien.

Wie gesagt: sie sprechen heute noch von dieser Zeit. Und dem Zuhörer wird klar, warum bei aller Uniformität und Sachlichkeit des modernen Betriebslebens in diesem Werk das persönliche Verhältnis zwischen Leitung und Belegschaft, die kameradschaftliche Verbundenheit von jedem zu jedem das beherrschende Element ist.

Die Gegenwart ist wieder freundlich. Aber den Zusammenhalt, der ihr das Fundament gibt, haben die Schüsterkes von Hoffmann in der furchtbaren Vergangenheit gefunden. Sie singen wieder. Außer ihrer Klever "Nationalhymne" singen sie jetzt auch ein neues Lied, das einer aus ihrer Mitte gedichtet hat. Es hat sechs Strophen. Am liebsten und am lautesten singen sie die fünfte:

Wej häve sent den gujen Titt

Vööl Johre afgeschreewe.

De Wäld soag Freud`en Not en Stritt.

Et Senge es gebleewe. 

Werkswohnungen, die nach dem Krieg neu errichtet wurden.

zuletzt bearbeitet am 23.01.2009