|
Heinz
Todtmann
"Grosses
Werk für kleine Füße - 50 Jahre Gustav Hoffmann Kleve",
Düsseldorf
1958, Seite 31ff |
|

|
|
Der Gründer:
Gustav Hoffmann |
|
|
Der
Gründer
"Die
Geschichte eines Unternehmens, sein inneres Werden und Wachsen
ist erschöpfend ebenso wenig darzustellen wie das Leben eines
Menschen. Alles lebendige, echte Werden und Wachsen ist
geheimnisvoll-verborgen und unsichtbar; was sich aufzeigen lässt,
ist immer nur das "Fertige", das
"Gewordene"; ... das Sichtbar-Bleibende ist am Ende
immer nur das "Werk", das immer noch deutlich das
Gesicht seines Schöpfers trägt. Weitblick,
Organisationstalent, Schaffensfreude und Können zeigt die
Fabrikanlage, die Gustav Hoffmann aus eigenem, persönlichem
Schauen heraus geschaffen hat; sie wurde oft von urteilsfähigen
Fachleuten als vorbildlich, ja als besteingerichtete gerühmt;
dabei ist sie nicht in einem, sondern in etwa zehn
Bauabschnitten entstanden, wirkt aber so einheitlich, dass man
die Nähte nicht sieht."
Mit
diesen Worten beginnt die Chronik des großen Werkes. Sie ist
von einem heute 75jährigen Manne geschrieben, der dem
Gründer in familiärer Verbundenheit und seinerzeit auch als
engster Mitarbeiter nahegestanden hat - von Heinrich Hoffmann,
dem jüngeren Bruder. Es wäre also nur begreiflich, wenn das
Bild, das er entwarf, mit einer der Genauigkeit nicht immer
zuträglichen liebevollen Subjektivität gezeichnet wäre. Das
ist aber nicht der Fall. Wer heute unbefangen den
Spuren Gustav Hoffmanns nachgeht, wird die Schilderung der
Chronik bestätigt finden.
Man
braucht nur einige Stunden mit älteren Schüsterkes
zusammenzusitzen, die ihn noch als den Chef miterlebt haben.
Sie sind, wir wissen es, mit den Männern, die jetzt den
Betrieb leiten, uneingeschränkt einverstanden. Es ist also
nicht die Unzufriedenheit mit dem Heute, die der Gestalt von
gestern einen Glorienschein gibt. Es ist die Kraft einer Persönlichkeit,
die in ihrem Kreis auch Jahrzehnte später noch nachwirkt.
Der
Gründer hat sein kleines Reich ziemlich autokratisch regiert.
Nur ein Wille war maßgebend, und das war seiner. „Da musste
ein Schornstein umgelegt werden", erinnert sich der
Kraftfahrer O., seit 37 Jahren im Betrieb. „Ein mächtiges
Ding, 40 Meter hoch. Wir hatten schon eine ganze Weile daran
gearbeitet. Plötzlich kam der Chef dazu -, wie immer mit
seinen beiden Dackeln und mit der Zigarre. Und wie immer
dauerte es ihm viel zu lange. Ein paar Drahtseile wurden um
den Schornstein gelegt, ein schwerbeladener Lastwagen davor
gespannt, ruck-zuck -, der Schornstein kippte. Beinahe wäre
er nach der falschen Seite gefallen." Oder: "Wir
waren dabei, eine Mauer abzubrechen.
Es war gar nicht so einfach. "Was, nicht einfach? Ein
Kinderspiel!" rief der Chef. Er riss oben einen Ziegel
raus, unten einen Ziegel raus, stemmte sich mit den Schultern
dagegen -, die Mauer fiel."
Er
war eine Persönlichkeit voller Kraft und Dynamik, und alle
ließen sich von diesem motorischen Mann mitreißen. Wo er
dazukam und persönlich eingriff, liefen alle Räder doppelt
schnell. Die Kontinuität im Ablauf des Betriebes, die in der
modernen Fabrikation ausschlaggebend ist, erfordert heute
andere Methoden. |
|
Mit
den Schüsterkes von Kleve ist Gustav Hoffmann von klein auf
vertraut. Das väterliche Geschäft in der Großen Straße in
Kleve bietet ihnen das Leder und den Schuhmacherbedarf für
ihre kleine Heimproduktion, auch Fahrräder und Nähmaschinen.
Aber wer von den armen Schluffenschustern kann schon eine Nähmaschine
erschwingen! Es reicht ja nicht einmal für das Notwendigste,
die Schulden werden monatelang nicht bezahlt. Fleisch, das
Pfund zu 40 Pfennig, gibt es nur zu Ostern und Pfingsten - ,
Weihnachten kann man es sich nicht leisten, oder man muss auf
den Kuchen verzichten.
Der
kleine Gustav kennt diese Nöte. Die Kinder der Schüsterkes
sind seine Spielgefährten -, aber meist sind sie zu müde
nach der Arbeit von fünf Uhr morgens bis zum Abend. Im Winter
haben sie manchmal etwas mehr freie Zeit -, wenn die
Dunkelheit in die Stube kriecht und sie die Naht am Schluffen
nicht mehr sehen können. Licht wird nicht gemacht. Kerzen
kosten Geld. "Wenn eine Nadel verlorenging, gab`s Prügel",
erzählt Meister C. in der Erinnerung an seine Jugend.
"Die Nadel kostete zwei Pfennige. Wir waren siebzehn
Kinder zu Hause. Wenn da jedes eine Nadel verloren hätte..." |
|

|
| Das
Schüsterke - Denkmal erinnert an die Tradition der
Lederverarbeitung in Kleve. Übrigens: Hin und wieder
spukt es! |
|
|
Den
sieben Hoffmann-Kindern geht es besser. Das väterliche Geschäft
beliefert nicht nur die ewig verschuldeten Heimschuster,
sondern auch die vielen Schuhfabriken in und um Kleve und
wirft genug ab für einen bescheidenen Wohlstand. Gustav, der
Älteste, und sein Bruder Heinrich können das humanistische
Gymnasium besuchen. Gustav geht mit dem „Einjährigen"
als Lehrling in eine Brackweder Lederfabrik. Denn Leder und
Schuhe -, das soll sein Beruf werden, das hat er sich längst
vorgenommen. Er dient sein Jahr bei dem „Bataljönchen"
ab, das in Kleve garnisoniert ist, und arbeitet dann weiter im
Geschäft des Vaters.
Mit
24 macht er sich selbständig. Ein unternehmungslustiger
Berliner, Fritz Pannier, fünf Jahre älter als er, wird sein
Kompagnon und zugleich sein Schwager. Den Start ermöglicht
Vater Hofmann, der die ganze Konkursmasse einer Schuhfabrik -
Rohwaren, Maschinen, Leisten, Modelle - aufkauft und den
Jungen zur Verfügung stellt.
Die
Fabrik, die Gustav Hoffmann und sein Schwager eröffneten, war
eine Kinderschuhfabrik. So etwas gab es damals nur in Kleve.
In den Fabriken an anderen Plätzen wurden Kinderschuhe nur
nebenbei gemacht -, es waren Erwachsenenschuhe nach der
damaligen Mode, nur eben entsprechend kleiner, aber ebenso
spitz. „Man konnte", schreibt der Chronist, „später
nicht mehr begreifen, wie darin ein Kinderfuß Platz finden
sollte. Durch das Beobachten des Kinderfußes an den eigenen
Kindern wurden
Pannier & Hoffmann dazu gebracht, ... einen breiten, dem
damaligen Geschmack völlig unbekannten Schuh zu bringen, der,
auch einbällig, dem Kinderfuß jede Entwicklungsmöglichkeit
ließ."
Das
Wort "einbällig" muss sich der Laie erst erklären
lassen. Es kennzeichnet die Machart, die für uns heute ganz
selbstverständlich ist: der Schuh, auf nur einen Ballen
gearbeitet, kann nur rechts oder links getragen werden. Bis
zum Ende des vorigen Jahrhunderts gab es das nicht - , man
kannte nur zweibällige Schuhe, die man ganz nach Belieben auf
dem linken oder auf dem rechten Fuße trug.
Hier
zeigt sich zu ersten Male Hoffmann, der Pionier. Er
beobachtet, er entwickelt, er verbessert -, und es ist ihm zunächst
ganz gleichgültig, ob sich das sofort bezahlt macht. Schon in
seinen Anfängen wird der Mann von später sichtbar. Als er
sich 1908, nach zwölfjähriger Zusammenarbeit, vom Schwager
Pannier trennt, wird alles sehr großzügig geregelt. Der
gemeinsame Grundbesitz zum Beispiel wird durchs Los verteilt,
was später unbequeme Umtausch- und Austauschverkäufe
notwendig macht.
Gustav
Hoffmann ist gerade 36 geworden, als er ganz sein eigener Herr
wird. Er hat Erfahrungen gesammelt, er hat Lehrgeld bezahlt,
er weiß jetzt, wie man es machen muss, um zu Erfolgen zu
kommen. Und er ist fest entschlossen, zu Erfolgen zu kommen.
Die Basis ist stabil. In der Eröffnungsbilanz stehen
Immobilien mit 147.000 Mark, die Fabrikeinrichtung mit 60.000
Mark zu Buch. Sonstige Schulden sind nicht vorhanden, das Vermögen
beträgt 238.000 Mark. Die Belegschaft zählt 300 Köpfe. Als
die Frage auftaucht, ob dringend notwendige neue Maschinen
gemietet oder für 26.000 Mark gekauft werden sollen,
entscheidet sich Gustav Hoffmann für den Kauf. Er will nicht
nur zu Erfolgen kommen, er will auch unabhängig sein. Das
eine schien ihm nicht erreichbar ohne das andere.
Es
glückt ihm beides. Der erste Weltkrieg hat die Firma
belastet, aber sie erholt sich schnell. 1919 zählt der
Betrieb 650 Köpfe, 1923 schon rund 1000. Es wird neuer Haus-
und Grundbesitz erworben, noch 1918 für rund 200.000 Mark,
1919 für rund 360.000 Mark, 1920 für eine halbe Million. Das
Hotel Maywald gehört dazu, das angesehenste und repräsentativste
Haus am Niederrhein.
Aber
er tut mehr. Als, wie überall in Deutschland, auch in Kleve
die Arbeiter mit Millionen in der Lohntüte nach Hause gehen müssen,
die schon beim nächsten Krämerladen entwertet sind, stemmt
sich Hoffmann entschlossen dagegen. „Diesem unhaltbaren
Zustand", so schreibt die Chronik, „machte dann die
Firma im September/Oktober 1923 ein energisches Ende, indem
sie die Konsumanstalt einrichtete. Schon vorher hatte sie bei
ihrer anerkannten Fürsorge für ihre Leute gelegentlich
Lebensmittel verteilt, indem sie für Frühkartoffeln sorgte,
Fett verteilte usw. Diese Hilfe wurde jetzt planmäßig
ausgebaut. Mit der Arbeiterschaft wurde das Abkommen
getroffen: es werden wieder die Geldlöhne der Vorkriegszeit
gezahlt; diese werden jedem Arbeiter in einem Kontobuch
gutgeschrieben, in dem die Käufe in der Konsumanstalt als
Entnahme auch eingetragen werden; die Konsumanstalt liefert
die wichtigsten Lebensmittel zu den Goldmarktpreisen der
Vorkriegszeit; vor der Löhnung ist anzugeben, welcher Betrag
in Papiermark gewünscht wird. Die Firma war hingegangen und
hatte in Holland große Mengen Schmalz, Speck, Reis, Büchsenfleisch
50- bis 100zentnerweise eingekauft und sorgte für Mehl und
Erbsen."
Das
Auf und Ab, das der Geldumstellung folgte, ist bekannt. 1925
war die Lage so katastrophal, dass der ganzen Belegschaft gekündigt
werden musste. 1926 war die Firma schon wieder obenauf. Auch
jetzt sorgt Hoffmann zuerst für seine Leute: eine moderne
Fabrikküche wird gebaut, ein Speisesaal dazu, der 1.000
Personen fasst. Die Schüsterkes bekommen ein Mittagessen mit
täglich 100 Gramm Fleisch für 50 Pfennig. Für mitgebrachtes
Essen ist ein Wärmeschrank da. Es hat nicht viele Unternehmen
in Deutschland gegeben, die es zu jener Zeit für angebracht
hielten, vor allem eine Betriebsküche zu bauen.
Die
Wirtschaft blühte wieder. Man hielt es für einen
Dauerzustand. Aber es war eine Scheinblüte. Die Wirtschaft blühte
-, und übernahm sich. Hoffmann fuhr nach Amerika, in das
Mutterland der mechanischen Schuhfabrikation. Er kam mit neuen
Eindrücken und mit einer Fülle von Ideen zurück. "Er
war", so schreibt die Chronik, "ein Vorwärtsdränger;
für ihn gab es keinen Stillstand und erst recht keinen Rückschritt."
Aber als die Wirtschaftsblüte im Frost der großen Krise
erstarb, musste der Vorwärtsdränger sich dem Stillstand, dem
Rückschritt unterwerfen. Die Kreditquelle, die noch eben so
reichlich geflossen war, versiegte. Die Preise für Häute und
Felle, die von Auktion zu Auktion gestiegen waren, fielen auf
einmal ins Bodenlose. Die Lagerbestände, die in die Millionen
gingen, waren von heute auf morgen nur noch Bruchteile dessen
wert, was sie gekostet hatten. Der Einzelhandel wurde schwach
und schwächer. Das Dubiosenkonto der Firma Hoffmann, das
1926 nur rund 20.000 Mark betragen hatte, belief sich 1930 bis
1932 in jedem Jahr auf Summen zwischen 150.000 und 180.000
Mark. Dann kam der schwerste Schlag: die Banken riefen ihre
Kredite ab.
Das
Unternehmen, im Kern gesund, nur im eisigen Klima der
Weltwirtschaftskrise vorübergehend zu scheinbar tödlicher
Bewegungslosigkeit erstarrt, konnte gerettet werden. Die Firma
wurde in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, deren Aktien maßgebende
Lieferanten übernahmen -, der Fortbestand des angesehenen
Hauses war gesichert. Auch Gustav Hoffmann blieb dem
Unternehmen nach wie vor eng verbunden. Aber seine Gesundheit
hatte in den vorangegangenen schweren Jahren sehr gelitten -,
es war ihm nicht mehr möglich, noch so tätig zu sein wie früher.
Um so mehr befriedigte es ihn, dass er erleben konnte, wie das
Unternehmen, das er gegründet und zur Höhe geführt hatte,
weiterblühte. Es erfülle ihn, so sagte er, mit Wärme und
Zuversicht, sein Lebenswerk in sicheren und
unternehmensfreudigen Händen zu wissen.
Das
Leben, das Gustav Hofmann gelebt hatte, war ein Leben aus dem
Vollen gewesen -, in der Leistung wie im Genuss, ein Leben
voller Saft und Kraft. Noch wenige Tage vor seinem Tode hatte
er in einer arbeitsreichen Sitzung mit den Vertretern des
Werkes gelacht und gescherzt und sie mit seiner Dynamik beflügelt.
An einem Februartage des Jahres 1935 beendete ein Herzschlag
sein Dasein. Als unter der Anteilnahme der ganzen Stadt seine
Schüsterkes ihn zu Grabe geleiteten, schien er noch einmal
gegenwärtig zu sein in der ganzen echten Großartigkeit
seines Wesens.
Das
Werk der Getreuen
Sie
haben immer gern gesungen, die Schüsterkes von Kleve. Auch in
Zeiten, in denen es ihnen nicht rosig erging, da kein Brot im
Hause und kein Groschen im Kasten war. Sie sangen in der guten
alten Zeit, als sie am Montag blaumachen konnten. Sie sangen,
wenn sie mit Kind und Kegel in den Reichswald zogen und wenn
dann, je weiter der Tag vorschritt, die Stimmung immer
feuchter und fröhlicher wurde. "De Rollmops an de Fläss
Schabau, die stunde doon dornääwe." Ohne die Flasche
Schnaps war ihr Leben nicht zu denken. Sie sangen auch, als
der blaue Montag längst der Arbeitsdisziplin des
Fabrikbetriebes zum Opfer gefallen war. Das Schüsterkes-Lied
war und ist auch heute die lokale "Nationalhymne". |
|
Ohne
Schüsterkes kann Kleef niet lewe,
ohne
Schüsterkes kömmt Kleef niet ütt.
Wännt
et Schusters es niet mehr gewe,
dann
es ons Heimat et Moojste kwitt.
Alalalaiti!
Alalalaiti!
Kleefse
Schüsterkes
löste
gern nen Drop.
Alalalaiti!
Alalalaiti!
Wej
sin feine Kerls
ok
met de Schlop. |
|

|
| Elefanten-Logo
1928 |
|
|
Doch
es kam die Zeit, wo sie nicht mehr sangen. „Als erste
deutsche Landschaft", so berichtet die Chronik dieser
Tage,
„erlebte der äußerte Nordwestzipfel des linken
Niederrheins im Kampf auf eigenem Boden die wahre Furie des
modernen Krieges. Der 17. September 1944 brachte sie ins
Klever Land. Während vorher Bombenabwürfe und
Bordwaffenbeschuß Tod, Schrecken und Vernichtung in
schauerlich wachsendem Maße zur Auswirkung brachten, begann
nun das eigentliche Kriegsgeschehen im Bodenkampf durch
Landung von alliierten Luftlandetruppen. Das war der Auftakt
zu einem ungeahnten Inferno . . ."
Bis
zum Juni des Kriegsjahres 1944 hatte der Betrieb noch fleißig
und ziemlich ungestört produziert. Die ständige
Beanspruchung durch Luftschutzwachen war schon zur Gewohnheit
geworden. Man hatte sich eingerichtet, so gut es ging. Das
Leben, die Sicherheit der Lieben daheim war nicht in
unmittelbarer Gefahr. Die Arbeit und das Beieinandersein in
der großen Werksfamilie hatten über alle Schwierigkeiten des
Kriegszustandes hinweggeholfen.
Aber
dann kam die Invasion der Alliierten in der Normandie. Das
Ereignis warf seine Schatten voraus. Die Situation in Kleve
wurde kritisch. Die Evakuierung, schon seit Monaten erwogen,
stand nun dicht bevor. Auch das Problem, wie und wohin
Material und Maschinen verlagert werden könnten, wurde akut.
Bis
sich im September die Ereignisse überstürzten. Die Einflüge
der feindlichen Geschwader verstärken sich von Tag zu Tag.
Die Produktion wird jetzt oft für viele Stunden unterbrochen,
weil der elektrische Strom ausfällt oder weil die gesamte
Belegschaft im Schutzkeller hockt.
Die
Erinnerung an diese Zeit ist im Werk noch heute so lebendig,
als sei dies alles erst vor wenigen Wochen geschehen. Und
immer wieder kommen die Gespräche zu diesem Punkt. Am 17.
September führen die Alliierten ihre große Luftlandeaktion
im holländisch-deutschen Grenzgebiet rund um Arnheim durch.
Ein Teil der Truppen landet bei Wyler. Kleve wird Frontgebiet.
Am 26. September erfolgt der erste schwere Bombenangriff auf
die Unterstadt. Er fordert 150 Todesopfer. Sofort beginnt die
Zwangsevakuierung der nicht berufstätigen Bevölkerung. Zum
Glück, muss man sagen. Denn als der furchtbare 7. Oktober
kommt, an dem Kleve durch zwei konzentrierte Großangriffe von
200 Flugzeugen binnen zwanzig Minuten in ein einziges Trümmerfeld
verwandelt wird, ist dank der Evakuierung wenigstens die Zahl
der Opfer nicht so groß. Alalalaiti! Alalalaiti! Hatte man
das wirklich einmal vergnügt und unbeschwert singen können?
Kleve liegt in Trümmern, die Menschen sind tot, die noch
Lebenden sind verstreut. Auf Omnibussen und Lastwagen hat man
sie davongefahren, erst über den Rhein und nach Wesel, von
dort ostwärts, ins Magdeburgische. Ein Einwohner, der
Tagebuch geführt hat, schließt seine Aufzeichnungen mit den
erschütternden Sätzen: „Möge Gott uns allen gnädig sein
und uns helfen, die Last und die Not der Zeit zu tragen. Ich
sehe sie noch immer vor mir, die Frauen und die Kinder, die
mit ein paar Bündelchen auf die Lastkraftwagen kletterten und
aus der Heimat fuhren in eine ungewisse Zukunft. Möchten wir
uns doch alle in der so geliebten Heimat recht bald nach
dieser Verbannung gesund wiedersehen!"
Mit
der Stadt ist auch das Werk getroffen. Acht Volltreffer haben
im Shedbau, im Kesselhaus und in den Garagen erheblichen
Schaden angerichtet. Trotzdem hätte der Betrieb als solcher
mit einiger Einschränkung weiterarbeiten können -, aber die
Ereignisse machen ja jede geordnete Produktion unmöglich. Die
Werkskeller sind Zufluchtsort, nicht nur für die Belegschaft
und ihre Angehörigen. „Bei Hoffmann ist man sicher",
das ist die Parole in Kleve, und viele Fremde flüchten sich
dorthin, vor allem Frauen und Kinder. Es dauert Tage, bis
durch Einsatz von werkseigenen Fahrzeugen der Abtransport der
Hilflosen durchgeführt ist. |

87.74 KB |

79.91 KB |

58.53 KB |
|
|
Im
Betrieb selbst ist in diesen Schreckenstagen kein einziger
auch nur verletzt worden. Aber einige Mitarbeiter liegen tot
in ihren Wohnungen, unter ihnen der Prokurist Wolters, den
seine Freunde erst nach zwei Wochen aus den Trümmern seines für
besonders stabil gehaltenen Hauses bergen können. Man hat sie
noch heute nicht vergessen, die Kameraden, mit denen man einst
gearbeitet und gefeiert hat in enger Gemeinsamkeit.
Die
Produktion des Klever Betriebes ist in diesen Oktobertagen
endgültig zum Stillstand gekommen. Es gibt keinen Strom mehr,
es gibt oft kein Wasser. Aus den in der Stadt verbliebenen
Werksangehörigen werden Arbeitsgruppen gebildet, die Vorräte
und Maschinen sicherstellen. Etwa 150 bis 200 Mann führen
das wertvolle Gut zuerst nach Dinslaken, dann per Waggon, zu
Schiff und per LKW nach Süddeutschland, wo der
Hoffmann-Betrieb in Heidelberg und ein Ersatzbetrieb in
Weinheim mit den geretteten Schätzen aus Kleve aufgefüllt
werden. Aber auch das Klever Werk wurde betriebsfähig
gehalten. Man hätte jederzeit mit einem Drittel der Kapazität
weiterproduzieren können. Direktor T. und ein Kommando von 50
Mann hatten, oft genug unter Lebensgefahr, dafür gesorgt,
dass das Verlagerungsgut auf den Weg gebracht wurde, dass die
verbliebenen Maschinen gesichert, dass die Fabrikgebäude und
die Werkswohnungen wenigstens notdürftig hergerichtet werden
konnten. "Es war eine Irrsinnszeit", erinnert sich
Direktor T. "Unter dem Beschuss von Jagdbombern verladen
wir den halben Klever Betrieb in vierzig Güterwaggons, drei
Rheinkähne und unsere Lastwagen und transportieren ihn zu
Wasser und zu Lande nach Süden. Die LKW fahren mit Holzgas,
der Treibstoff wird unterwegs im Walde gesägt. Zeitweilig
produzieren wir in einem Notbetrieb in Weinheim an der
Bergstraße. Eine feste Arbeitszeit gab es bei uns überhaupt
nicht mehr - das kostbarste Geschenk, das wir damals einem
unserer Männer machen konnten, der den 50. Geburtstag und das
35jährige Jubiläum zugleich feierte, war ein freier
Sonntag!"
Sie
lassen sich nicht entmutigen, sie sind nicht kleinzukriegen,
die Schüsterkes von Hoffmann. Inmitten von Tod und Zerstörung
denken sie an den Zusammenhalt, an die Rettung und
Aufrechterhaltung ihres Werkes und daran, wie sie trotz aller
Not wieder produzieren können. Im Dezember 1944 schreibt der
erste Mann des Werkes, der zu dieser Zeit in Heidelberg und
Weinheim den Betrieb aufrechtzuerhalten sucht, in sein
Tagebuch: „Sofern die weiteren kriegerischen Handlungen es
zulassen, hoffe ich, dass wir wenigstens in Heidelberg unter
Anlehnung an Weinheim eine Produktion von etwa 6000 Paar täglich
betreiben können. Die Überführung der Vorräte und
Maschinen, die Sammlung der Gefolgschaft und der Ausbau und
insbesondere die Wiedereinrichtung der Produktionsstätten
bringen natürlich bei allen kriegsbedingten Einschränkungen
unsagbar viel Mühe mit sich, und neu auftretende Hindernisse
schieben immer wieder die festgesetzten Termine hinaus.
Immerhin sind wir so weit, dass wir in einigen Tagen unsere
Straßenschuhproduktion in Heidelberg verdoppeln, in weiteren
vierzehn Tagen verdreifachen, in weiteren acht Tagen
vervierfachen zu können glauben. Unser Zweigwerk Dinslaken,
das als Stepperei ja nur im Verband mit Kleve arbeiten konnte,
haben wir inzwischen gleichfalls geräumt. Die Hälfte der
Dinslakener Gefolgschaft ist unserer Aufforderung gefolgt und
findet geschlossenen Einsatz in Weinheim, wo wir für die
Gesamtfertigung Zuschneiderei, Stanzerei, Bodenvorbereitung
und für einen Teil der Fertigung die Stepperei betreiben
werden. In den nächsten Tagen werden die letzten kaufmännischen
Angestellten, die bisher in Kleve und Dinslaken mit der Räumung
beschäftigt waren, hier eintreffen, so dass langsam auch die
seit Mitte September im großen und ganzen ruhende Buchhaltung
wieder in Fluss kommen kann. Ich bin gespannt darauf, welches
Ergebnis demnächst Vor- und Nachkalkulation vorweisen
werden."
Alalalaiti!
Früher, wenn die Schüsterkes ihr Lied sangen, hatten sie den
Sinn der dritten Strophe nie so recht bedacht. Jetzt, inmitten
der Katastrophen, geht er ihnen auf: |
|
Doröm
welle wej tesamehalde,
welle
ömmer Frind en Findin sin,
wie
et vör ons hielden ock die Alde,
dorop
schött noch mar en Teffke in!
Alalalaiti!
... |
|

|
| Letztes
Elefanten-Logo |
|
|
Vor
mir liegen Aufzeichnungen aus diesen Tagen, geschrieben mit
der Hand oder getippt auf Schreibmaschinen, deren Typen
schadhaft geworden, deren Farbbänder ausgeblaßt waren. Das
Papier ist verfleckt und zerknittert, es hat die gleiche
Odyssee mitgemacht und die gleiche Not gelitten wie die
Menschen und Maschinen des Werkes in dieser furchtbaren Zeit.
Einige dieser Notizen sind in Kleve geschrieben, einige in
Heidelberg, einige in Weinheim. Ich lasse sie hier folgen,
genauso, wie sie damals geschrieben wurden unretuschiert. Man
müsste sie nebeneinander statt hintereinander abdrucken und
lesen, die Ereignisse sind ja ineinander verzahnt.
BERICHT
AUS KLEVE
"Kleve
wird im Februar 1945 überrollt. Das stillgelegte Werk wird
jetzt im Zuge der Kampfhandlungen so stark zerstört, dass es
zu mehr als 85 Prozent produktionsunfähig ist. Der
Teilbetrieb Dinslaken sogar zu 100 Prozent zerstört. Wieder
tote Werksangehörige im Stadtgebiet verstreut. Alle
Verbindung mit Heidelberg/Weinheim unterbrochen. Es dauerte längere
Zeit, bis sich das erste Leben wieder rührt. Kein Material,
fast keine Maschinen. Aber eines findet sich ein, unsere
Arbeiter, unsere Arbeiterinnen. Viele kommen aus dem
Nachbarort Bedburg, wo große Teile der Bevölkerung der
ganzen Umgebung von englischem Militär interniert worden
waren. Die Not in Kleve ist nicht geringer. Kaum
Nahrungsmittel, kaum eine Wohnungsmöglichkeit, aber
Werkstreue und unverdrossener Arbeitswillen. Und es beginnt
der neue Aufbau. Irgendwie gelingt es, zunächst klein und
bescheiden, aus Heidelberg und Weinheim Maschinen, Motoren,
Material und Schuhwerk (dies nicht nur für Bekleidungszwecke,
sondern als wertvollstes Tauschmittel für dringend
Notwendiges) heranzuschaffen.
Und
es beginnt, und das Werk wächst. Damit erwacht die Stadt
Kleve zu neuem Leben. Denn als sich erst wieder herumspricht,
dass die Schüsterkes wieder arbeiten, ist das Signal zu einer
allgemeinen Rückkehr und dem Neuaufbau der Stadt
gegeben."
BERICHT
AUS HEIDELBERG
„Heidelberg
wird die große Zuflucht unserer Leute. Das Werk wird vor eine
große und schwierige Aufgabe gestellt, als die Klever Flüchtlinge
in Massen sich dort einfinden und untergebracht und versorgt
werden müssen. Aber es gelingt. Und mit viel gutem Willen
wird versucht, trotz der beschränkten Räume Arbeits- und
Produktionsmöglichkeiten zu schaffen. Wir bemühen uns auch,
mit den verstreuten Werksangehörigen Verbindung aufzunehmen,
die ja zum Teil bis ins Magdeburgische evakuiert worden sind.
Eines Tages erklingt zum Erstaunen der Einwohner in Stendal in
der Altmark die Nationalhymne der Klever Schuster-, vor einem
kleinen Hotel, in dem Frauen und Kinder aus Kleve einquartiert
sind. "Aber mit dem Singen hat es damals nicht so recht
geklappt", erzählt der Buchhalter Gr., "wir haben
alle heulen müssen!"
In
der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag 1945 wird
Heidelberg amerikanisch. Aber unerschüttert stehen die im
Betrieb untergebrachten Schüsterkes schon zwei Tage nach dem
Zusammenbruch an ihren Arbeitsplätzen und sind am
"werken". Mit der Hand - wie die alten Schuster -,
denn es ist kein Strom da. Es kommt nicht viel dabei heraus,
wirtschaftlich gesehen. Aber es war wohl die erste Betriebsstätte,
die zu diesem Zeitpunkt überhaupt arbeitete. Es war schon
"neues Beginnen". Und im Zuge des Wiederaufbaues in
Kleve findet heute dieser, morgen jener den Weg zurück. Sie
gehen alle gern in die alte Heimat, so gute Freunde sie auch
hier zurücklassen und so angenehme und freundliche
Erinnerungen sie von hier mit zurücknehmen."
BERICHT
AUS WEINHEIM
"Weinheim
an der Bergstraße nimmt die Menge des Materials und der
Maschinen auf, die das Werk Heidelberg weder zweckmäßig
verwenden noch überhaupt unterbringen kann. Waggons rollen
dort an. Die Rheinkähne, die mittlerweile in dem Mannheimer
Hafen ankommen und Vorräte und Maschinen aus Kleve bringen, müssen
unter großen Schwierigkeiten bei tägliche Jabo-Angriffen
entladen, das Gut muss nach Weinheim überführt werden, wo
es, auf viele Lagerplätze verteilt, untergebracht wird. Auch
hier hat man Wege gefunden, eine Klever Arbeitsgruppe mit
ihren Angehörigen unterzubringen und zu versorgen. Die in
einem Werksnotquartier zusammengehaltenen Dinslakener
Steppereimädchen fangen mit Erfolg an zu arbeiten. Die dort
hergestellten Schäfte werden zunächst in Heidelberg
montiert. Dann beginnt man in Weinheim eine komplette
Schuhfertigung zu organisieren, da das Heidelberger Werk zusätzliche
Produktionsaufgaben aus räumlichen Gründen nicht erfüllen
kann. Und so sehr das Auffangen der Klever Flüchtlinge zunächst
Schwierigkeiten bereitet, so sehr zeigt sich dann in der
weiteren Entwicklung die positive Seite. Weinheim wird durch
Krieg und Zusammenbruch ein Platz der Schuhfabrikation.
Aber
nach der großen Pause wird, sobald es geht, die abgerissene
Verbindung mit dem Klever Werk wieder geknüpft. Und mit
LKW-Transporten, und so bald es ging mit Waggons, fließen
Maschinen und Material, die überstürzt hierher gebracht
worden waren, zweckmäßig und sinnvoll wieder zurück, um den
zielbewussten Aufbau des Klever Werkes zu ermöglichen."
UND
WIEDER IN KLEVE . . .
Es
wurde nicht mehr geschossen, es brannte nicht mehr, die
Schuster von Hoffmann fuhren durch das Land und suchten ihre
Familien zusammen, um sie wieder nach Hause zu bringen. Die
Heimat und das Heim waren zerstört, aber es war die Heimat
und es war das Heim. Und das Werk lebte noch. Und das Werk
arbeitete schon wieder.
Aber
was man sonst in der Heimat vorfand, hätte auch die
Aufbaufreudigsten entmutigen können. Nicht nur Bomben und
Feuer hatten das Werk und die Wohnungen verwüstet. Vieles war
im Siegesrausch sinnlos zerstört, vieles war von Unbefugten
beschlagnahmt worden. Der kleine Trupp der Hoffmann-Leute, der
zu schützen und zu bewahren suchte, was der Krieg nicht
vernichtet hatte, war noch oft in Lebensgefahr, als der letzte
Schuß längst verhallt war. Wer wollte es wagen, nach der
Berechtigung zu fragen, wenn Unbekannte in der Uniform der
Sieger mit Forderungen auftraten? Direktor T. führte ohne Rücksicht
auf persönliche Sicherheit einen verbissenen Kampf um jede
Maschine, jedes Werkzeug - und rettet vieles, was schon
verloren zu sein schien.
Wie
gesagt: sie sprechen heute noch von dieser Zeit. Und dem Zuhörer
wird klar, warum bei aller Uniformität und Sachlichkeit des
modernen Betriebslebens in diesem Werk das persönliche Verhältnis
zwischen Leitung und Belegschaft, die kameradschaftliche
Verbundenheit von jedem zu jedem das beherrschende Element
ist.
Die
Gegenwart ist wieder freundlich.
Aber den Zusammenhalt, der ihr das Fundament gibt, haben die
Schüsterkes von Hoffmann in der furchtbaren Vergangenheit
gefunden. Sie singen wieder. Außer ihrer Klever
"Nationalhymne" singen sie jetzt auch ein neues
Lied, das einer aus ihrer Mitte gedichtet hat. Es hat sechs
Strophen. Am liebsten und am lautesten singen sie die fünfte: |
|
Wej
häve sent den gujen Titt
Vööl
Johre afgeschreewe.
De
Wäld soag Freud`en Not en Stritt.
Et
Senge es gebleewe. |
 |
| Werkswohnungen,
die nach dem Krieg neu errichtet wurden. |
|
|