Klaus van Briel

Menschentrauben vor den Glastüren

Am Eröffnungstag wurde das Haus wegen Überfüllung geschlossen. Geschäftsführer Wetzels denkt an Erweiterung.

18.01.2002

01.jpg
55.30 KB

02.jpg
119.34 KB

22. Oktober 1958: Der Kaufhof in Kleve eröffnet wieder. Hunderte Frauen und Männer warten auf Einlass. Kurz nach der Eröffnung muss Gebäude immer wieder von der Polizei geschlossen werden - wegen Überfüllung. Die Polizei hatte an diesem Tag alle Hände voll zu tun.

Dicht gedrängt stehen hunderte Klever am 22. Oktober 1958 vor den Türen des neugebauten Kaufhofs und warten auf die langersehnte Neueröffnung des Warenhauses. Die Polizei muss die Menschentrauben davor bewahren, die Eingangsglastüren einzudrücken. Die Freude über die Eröffnung des nach dem Krieg wieder hergestellten Kaufhofs war riesig - die Neugierde mindestens genauso groß. Gleich drei Mal muss das Haus an diesem Tag geschlossen werden - das Gebäude ist überfüllt.

"Der Wiederaufbau des Kaufhofs mit der besonderen Glasfassade des Architekten Professor Wunderlichs sorgte sicher in Kleve für eine Aufbruchstimmung", sagt rückblickend Geschäftsführer Herbert Wetzels. Mit der modernen Architektur des Kaufhofs wurde den Klevern klar, dass "hier etwas Neues entsteht", so Wetzels. Die Rolltreppen gaben dem Haus etwas großstädtisches Flair. Mittlerweile gibt es Überlegungen, die Fassade unter Denkmalschutz stellen zu lassen.

An der Stelle des Kaufhofs stand bereits seit 1912 in Kleve das Warenhaus der Gebrüder Weyl. Zum Kaufhof wurde das Haus erst im Jahr 1929, als der Sohn des Kaufhof-Gründers Leonhard Tietz, Alfred Leonhard-Tietz, das Haus in Kleve übernimmt. Von den Nationalsozialisten enteignet, emigrierte die jüdische Familie Tietz später ins Ausland.

In Kleve ging während der Kriegsjahre der Betrieb zwar weiter. Mit dem Bombenangriff am 7. Oktober 1944 wird das Kaufhaus allerdings komplett zerstört. Es dauert 14 Jahre bis 1958 im Herzen der Innenstadt eine Großbaustelle entsteht: der neue Kaufhof - ein "Vollsortimentshaus" mit drei Verkaufsetagen wird wieder aufgebaut. Völlig neu in der Kleve war der Selbstbedienungsmarkt für Lebensmittel im Untergeschoss. Ein Novum auch für den Kaufhof-Konzern, denn Kleve war erst das zweite Haus, in dem eine solche Selbstbedienungsabteilung eingerichtet wurde. Eine Attraktion war auch der "Erfrischungsraum mit 150 Sitzplätzen". "Damals haben wir im Kaufhof über 300 Menschen beschäftigt. Der Kunde wurde im Haus individuell bedient", sagt Wetzels, "allein in der Strumpfabteilung hatten wir fünf Beschäftigte". Heute arbeiten etwa 80 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Kaufhof. "Punktuell kann man darüber reden, ob man mehr Mitarbeiter einsetzen sollte - aber aus Kostengründen ist dies nur begrenzt möglich", sagt Wetzels. Die Kunden wollten heute selbst aussuchen, eine Vorwahl treffen, so Wetzels. "Man schaut natürlich manchmal ein bisschen wehmütig auf die alte Zeit zurück, aber vieles ist heute einfach nicht mehr zu finanzieren", sagt der Geschäftsführer. Ein schweres Geschäft, in Zeiten, wo steigende Steuern, verteuerte Miete und die private Altersvorsorge immer stärker das Portemonnaie der Kunden belasten. "Das ist die berühmte Mark, die eben nur einmal ausgegeben werden kann", so Wetzels, der dennoch in seiner Klever Filiale "deutlich schwarze Zahlen schreibt". Jedes Jahr kaufen in Kleve 600.000 Kunden im Kaufhof ein - über eine Million Teile gehen hier über die Verkaufstheken.

Grundlegend wurde das Sortiment des Kaufhofs 1986 umgestellt - von nun an richtete der Kaufhof sich auf Textil- und Sportbekleidung aus und nannte sich "Kaufhof Mode & Sport". Eine zusätzliche, vierte Etage kam hinzu und erweiterte die Gesamtfläche auf über 5.000 Quadratmeter - zwei Jahre später kam Herbert Wetzels nach Kleve. Am heutigen Samstag feiert er sein zwölfjähriges Dienstjubiläum. "Es macht mir bis heute einen irrsinnigen Spaß, hier in Kleve zu arbeiten," sagt er. Sehr schnell habe er sich mit den Menschen, der Stadt und seinen Mitarbeitern im Hause identifiziert.

Bei der Firmenleitung habe er sich immer wieder für eine grundlegende Modernisierung des Hauses ausgesprochen - im November 1998 war es dann soweit. Fünf Millionen Mark wurden damals in das Haus investiert - neue Geschäftsfelder kamen hinzu. Eine Parfümerie, Bücher, Schreibwaren und Kurzwaren fanden Einzug. Markenshops von Esprit, S. Oliver, Gerry Weber und Adidas wurden eingerichtet. Die Verkaufsfläche wurde noch einmal um 250 Quadratmeter erweitert. "Ziel war es, die Attraktivität zu steigern und die Verweildauer der Kunden im Haus zu verlängern - um so Arbeitsplätze zu sichern", so Wetzels.

Die Planungen für die "Neue Mitte" begrüßt Wetzels und stellt klar, dass "ich froh über alles bin, was die Innenstadt stärkt". Die Betonung liege bei Innenstadt, ergänzt er. Der Blick in die Zukunft ist für Herbert Wetzels unternehmerische Pflicht. In Kleve, so Wetzels, sei die Welt weitestgehend in Ordnung. Der Standort ist gesichert, das Haus schreibt schwarze Zahlen. Und so denkt der Kaufhof-Geschäftsführer sogar über eine erneute Vergrößerung nach. Eine Aufstockung des Gebäudes sei zwar nicht angedacht, aber eine Erweiterung auf dem Kaufhofgelände. Sollte die Vergrößerung 800 Quadratmeter nicht übersteigen, so würde er sich für einen Ausbau des bisherigen Sortiments einsetzen. Könnte die Kaufhoferweiterung aber umfangreicher realisiert werden, dann möchte er neue Sortimentbereiche, wie beispielsweise Haushaltswaren, in das Programm aufnehmen.

zuletzt bearbeit am 18.12.2005