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Hatte
der Einsatz für eine preußische verfassungsgebende Versammlung
überhaupt einen Sinn? Ob diese Wahl für uns Rheinländer die
letzte Preußenwahl gewesen ist, muß die nahe Zukunft lehren. Schon
im November hatte man davon gesprochen, Frankreich wolle während
der - möglichst langen - Besatzungszeit unter der rheinischen
Bevölkerung eine großzügige Propaganda entfalten, um sie zum
Anschluß an Frankreich zu bewegen. Bei allen politischen
Kundgebungen stand darum stets die Anhänglichkeit ans Deutsche
Reich im Mittelpunkt.
Anfang
April kamen auch mögliche Grenzkorrekturen gegen die Niederlande
zur Sprache. Die Assoziierten, so erfuhr man aus der Daily
Mail, werden, wenn Holland darum ersucht, innerhalb eines
Jahres nach Unterzeichnung des Friedens den Völkerbund
auffordern, eine Kommission für die Verbesserung der holländisch-deutschen
Grenze an der Emsmündung ernennen. Deutschland muß dann auf alle
Rechte über Kleve, Mörs, Geldern, Kempen, Rees und Borken
verzichten. Die Holländer zeigten kein Interesse.
Nur
wenige Tage nach der Preußenwahl, am 1. Februar, tagte im
Hansasaale des Rathauses zu Köln unter dem Vorsitze des kölner
Oberbürgermeisters Adenauer,
der die Einladung zu der Versammlung hatte ergehen lassen, eine
Versammlung von Abgeordneten der deutschen und preußischen
Nationalversammlung und von Oberbürgermeistern aus den besetzten
rheinischen Gebieten. In
einem einstimmig angenommenen Beschluss protestierten sie zwar
gegen die geäußerten Annektionsabsichten; aber: da die
Teilung Preußens ernstlich erwogen wird, übertragen wir dem von
uns gewählten Ausschuß die weitere Bearbeitung der Pläne auf
Errichtung einer Westdeutschen Republik im Verbande des Deutschen
Reiches. Die Kölnische Volkszeitung berichtet dazu: "Vielleicht
sind die Länder am Rhein bald dazu berufen, die Brücke zu bilden
zwischen Westen und Osten."
Die
Stadtverordneten-Wahlen wurden am Sonntag, den 14. Dezember 1919
abgehalten. Auch hier siegte die Zentrumspartei mit deutlichem
Abstand und der absoluten Mehrheit von 60,5 %; sie erlang damit 19
von 30 Sitzen. Mehr als die Hälfte der insgesamt 30 Mitglieder
des neuen Stadtrates hatte noch kein kommunales Amt bekleidet.
Erstmals in der Geschichte der Stadt Kleve waren auch Frauen gewählt
worden: Käte Janssen, Susanne Lensing, Meta Obhaus und Josephine
Rouenhoff. Der Rat - durch Wegzug, Mandatsniederlegung und Tod um
mehr als ein Drittel in seiner Zusammensetzung verändert - blieb
bis zum 22. Mai 1924 im Amt.
Die
Weimarer
Republik
Besonders
schmerzlich empfand man die belgische
Besatzung (Passwortgeschützter
Bereich)
und betrieb passiven Widerstand. An zwei Todesopfer
aus jener Zeit erinnert ein Denkmal bei Haus Schmitthausen.
Im
Januar 1923 rückten französische und belgische Truppen wegen
angeblicher
"vorsätzlicher
Verfehlungen Deutschlands bei den Reparationslieferungen"
von ihren Brückenköpfen Duisburg und Düsseldorf aus in das
gesamte Ruhrgebiet vor. Ihr Ziel war es, Lieferungen von Kohle und
Stahl von der Ruhr zum Westen zu sichern. Sie stießen auf etwas völlig
Unvermutetes: Die passive Resistenz. Die Schifffahrt, der Bergbau
und die Arbeiter an den Hochöfen waren die ersten, die sich
weigerten, den Anordnungen der französischen und belgischen
Stellen Folge zu leisten, und alsbald war, obwohl namhafte Persönlichkeiten
aus Verwaltung und Wirtschaft verhaftet wurden, eine Einheitsfront
des passiven Widerstandes auf breitester Ebene gebildet. Erst im
September 1923 wurde der passive Widerstand wegen der
katastrophalen Wirtschaftslage im Revier abgebrochen. Die Kosten
der passiven Resistenz sowie die von den Siegermächten
geforderten Reparationsleistungen hatten die Geldentwertung in
schwindelerregende Höhe getrieben. Die Inflation,
die bereits während des Krieges eingesetzt hatte, erreichte im
Herbst 1923 ihren Höhepunkt. Wer seinen Rückhalt in Geld und
Ersparnisse gesucht hatte, verarmte. Sachwerte dagegen stiegen ins
Unermessliche. Für einen Dollar zahlten die Banken 8 Billionen
Mark. Erst mit der Einführung der Rentenmark, am 15. November,
wurde wieder die Grundlage für eine wirtschaftliche Ordnung
gelegt.
Der
tägliche Umgang mit der Hyperinflation
war auch für die Bürger Kleves nur schwer zu bewältigen. Heute
kaum vorstellbar: Auch Städte und Gemeinden druckten Papiergeld,
Gutscheine und Notgeld
(Passwortgeschützter
Bereich),
die eine Art Währung darstellten.
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| Klever
Notgeld: oben 1. Serie, unten 2. Serie |
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Der
Wirtschaftskrise folgte nach der Währungsreform
und der Verabschiedung des Dawes-Plans
1924 eine Phase des Aufschwungs. Ausländische
Kredite und Investitionen
ermöglichten die Einführung modernster Technologien. Technischer
Fortschritt und Rationalisierung des Arbeitsprozesses waren die
Schlüsselbegriffe für internationale Wettbewerbsfähigkeit. Es
kam zu einer Vielzahl von Unternehmenszusammenschlüssen. Ein
typisches Beispiel am Niederrhein bot die Margarineindustrie: Die
beiden größten Unternehmen dieser Branche, Jurgens & Prinzen
in Goch und Van den Bergh in Kleve - die allein im Klever Raum über
2.000 Mitarbeiter beschäftigten - schlossen sich im Sommer 1929
in Berlin zur "Union
Deutsche Lebensmittelwerke"
zusammen. Ihr gehörten in Deutschland 25 Margarinefabriken an,
namentlich am Niederrhein sowie in Hamburg, Oldenburg, Mannheim,
in Süddeutschland und in Berlin.
Mit
einer Produktion von mehr als fünf Millionen Paar Schuhen hatte
die Schuhindustrie des Kreise Kleve 1930 einen Anteil von rund
acht Prozent an der gesamten deutschen Lederschuhfabrikation.
Allein die größte Schuhfabrik Gustav
Hoffmann in Kleve (Elefanten-Marke),
erbrachte eine Tagesproduktion von 17.000 Paar Schuhen. Zwischen
den beiden Weltkriegen beschäftigte die niederrheinische
Schuhindustrie 4.000 Arbeitskräften, fast ausschließlich Männer.
Die
Phase des konjunkturellen Aufschwungs endete 1929/30 abrupt mit
dem Beginn der Weltwirtschaftskrise.
Der Abzug amerikanischer Kredite - nach dem dramatischen
Kurseinbruch vom 25. Oktober 1929 an der New Yorker Wall Street -
auf denen der Aufschwung seit 1924 beruhte, führte überall im
Deutschen Reich zu Firmenzusammenbrüchen. Die
Massenarbeitslosigkeit führte zu Resignation und Verzweiflung
vieler Millionen Menschen. Damit war der Nährboden für die
Ausbreitung des Nationalsozialismus geschaffen und 1933 war es
auch hier mit der Demokratie vorerst vorbei. Die Nazis traten die
Herrschaft an und besetzten die entscheidenden Stellen mit ihren
Parteigenossen. |