12000 Jahre Niederrhein - 800 Jahre Kleve

Zwischen den Kriegen

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09.11.1918

Philipp Scheidemann (SPD) ruft die Republik aus

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07.02.1919

Eduard David (SPD): Ansprache nach seiner Wahl zum Präsidenten der Weimarer Nationalversammlung

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23.06.1919

Reichsministerpräsident Gustav Bauer (SPD) spricht sich in der Nationalversammlung für die Annahme des Versailler Vertrages aus.

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21.08.1919

Ansprache von Reichspräsident Friedrich Ebert nach seiner Vereidigung auf die neue Reichsverfassung

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Mai 1928

Reichsaußenminister Gustav Stresemann: Ansprache für die Deutsche Volkspartei anlässlich der Reichstagswahl am 20. Mai 1928

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17.12.1930

Rundfunkvortrag des preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun (SPD): Der Weg aus der Krise

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05.02.1931

Reichstagssitzung: Ansprache von Joseph Goebbels (NSDAP)

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21.07.1932

Kundgebung der NSDAP in Göttingen anlässlich der Reichstagswahl am 31. Juli 1932 mit einer Ansprache von Adolf Hitler

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Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg gab es kein Kaiserreich mehr. Die nun einsetzende stärkere Betonung der nationalstaatlichen Grenzen beeinträchtige die bisherige Verbundenheit mit den benachbarten Niederlanden. Eine Epoche war zu Ende gegangen.

Am 9. November 1918 kamen mit dem kölner Zug zwei Mitglieder des Soldatenrates. Sie wurden von etwa 60 Soldaten unter Führung des Vizefeldwebels Hartmann in Empfang genommen und zur neuen Kaserne gebracht.

Hartmann erklärte, dass der Soldatenrat die öffentliche Gewalt in Kleve übernommen habe und dass auf Unterstützung seitens der Stadt gerechnet werde. Noch am gleichen Tag machte der Soldatenrat durch einen Aufruf an die Bürger von Kleve und Umgebung die neuen Machtverhältnisse bekannt. Die Bürger wurden zu einer Versammlung eingeladen, die abends um acht Uhr im Gesellenhaus stattfand. Hier wurden aus Arbeitern und Bürgern ein vorläufiger Arbeiterrat gebildet. Die Mitglieder des Soldaten- wie des Arbeiterrates waren mit Hoheitsbefugnissen ausgestattet und trugen weiße, vom Garnisonskommando abgestempelte Armbinden. Als Folge der Versammlung wurde der Verkehr auf den Straßen wieder freigegeben und die Ausfuhr von Lebensmitteln aus dem Kreis verboten. Die Briefzensur wurde aufgehoben und die Pressefreiheit wieder eingeführt.

Einen Tag später berichteten Extrablätter über die schmählichen Waffenstillstandsbedingungen der Gegner an Deutschland. Das Verlangen auf Räumung des linken Rheinufers wurde verständlicherweise besonders eingehend besprochen; und mancher Bürger machte sich Sorgen vor der etwaigen Besetzung unserer Region durch feindliche Truppen. Am 11. November 1918 akzeptierte das Deutsche Reich die Kapitulationsbedingungen der Alliierten.  

Die Stadt richtete sich vorsorglich auf alles mögliche ein und sicherte sich Ende November Dolmetscher für die französische und englische Sprache. Erst seit Dezemberbeginn war es sicher, dass belgische Truppen einziehen würden. Mitte des Monats begann die Besetzung. Statt des Feldgrau, das in den letzten vier Jahren die Straßen belebte, sieht man jetzt das Gelbbraun der belgischen Kriegsuniform mit der eingeknickten Mütze oder dem flachen Stahlhelm. Angeführt wurden die Belgier von General Lemercier, der in der Villa des Fabrikanten Gustav Hoffmann Quartier nahm. Am 19. Dezember 1918 waren in Kleve 100 Offiziere, 1300 Mannschaften mit 400 Pferden hauptsächlich in den Kasernen und zum Teil in der Schwanenburg untergebracht. Weitere 250 Mann mit 15 Offizieren wurden noch erwartet. 

Mit dem Einzug der Besatzungstruppen löste sich der Arbeiter- und Soldatenrat auf.

Politische Neuordnung

Die Anberaumung der auch in der besetzten Zone zugelassenen Wahlen zur Verfassunggebenden deutschen Nationalversammlung (am 19. Januar 1919) und zur Verfassungsgebenden preußischen Landesversammlung (am 26. Januar) hatte nach kurzer Zeit des Abwartens unter den ungewohnten Verhältnissen der militärischen Besatzung eine ungeheure und in diesem Maße bisher ungewohnte Mobilisierung und Politisierung der Bürgerschaft zur Folge.

Die wichtigsten in Kleve ansässigen Parteien zu Beginn des 20ten Jahrhunderts waren:

das Zentrum

Auf bewährten alten Fundamenten fußend, erscheint in verjüngter Gestalt mit neuen Zielen und neuer Rüstung. Christlich und demokratisch sei die Parole. Die Kandidatenliste bürgt für eine treudeutsche, christliche und sozial orientierte und entschieden demokratische Politik. Vorsitzender des Zentrums war Justizrat Fleischhauer. Der  Landrichter Schlüter führt die Agitationskommission.

die Deutsche Demokratische Partei

Wir wollen keinen sozialistischen Staat, sondern wahre Demokratie auf sozialer Grundlage: die freie deutsche Republik in freien deutschen Landen. Unter dem Aufruf las man den Namen von Hans Wahnschaffe, dem Margarinefabrikanten; unterschrieben haben u. a.  auch der Kaufmann Weyl, Inhaber des großen Warenhauses, der Maschinist Georg Berns vom Arbeiterrat, der Fotograf Ewald Steiger und erstmals in der klever Parteigeschichte: sieben Frauen.

die Mehrheitssozialisten (Sozialdemokraten), die Deutsche Volkspartei und die Deutschnationale Partei.

Durch die Ausdehnung des Stimmrechtes auf die Frauen war die Zahl der Stimmberechtigten höher als je zuvor; sie betrug 9.075, die sich auf 6 Stimmbezirke mit je 1171 bis 1782 Stimmberechtigte verteilten. Die hohe Wahlbeteiligung von 90,5 % spiegelt die außerordentliche Politisierung der Bürgerschaft getreu wieder. Die Wahl zur deutschen Nationalversammlung geschah am 19. Januar 1919 und brachte folgendes Ergebnis:

Zentrum

5.442

66,40 %

Sozialdemokraten

1.034

12,60 %

Deutsche Demokratische Partei

891

10,90 %

Deutsche Volkspartei

827

10,10 %

Deutschnationale Partei

1

0,00 %

Summen

8.195

100,00 %

Unmittelbar nach der Bekanntgabe des Wahlergebnisses begann der Wahlkampf für die preußische verfassungsgebende Versammlung, die schon am nächsten Sonntag, den 26. stattfand. Die Wahlbeteiligung hatte etwas nachgelassen. Die Stimmen verteilten sich diesmal wie folgt:

Zentrum

5.307

69,50 %

Sozialdemokraten

749

9,80 %

Deutsche Demokratische Partei

783

10,20 %

Deutsche Volkspartei

793

10,40 %

Deutschnationale Partei

5

0,01 %

Summen

7.637

100,00 %

Hatte der Einsatz für eine preußische verfassungsgebende Versammlung überhaupt einen Sinn? Ob diese Wahl für uns Rheinländer die letzte Preußenwahl gewesen ist, muß die nahe Zukunft lehren. Schon im November hatte man davon gesprochen, Frankreich wolle während der - möglichst langen - Besatzungszeit unter der rheinischen Bevölkerung eine großzügige Propaganda entfalten, um sie zum Anschluß an Frankreich zu bewegen. Bei allen politischen Kundgebungen stand darum stets die Anhänglichkeit ans Deutsche Reich im Mittelpunkt.

Anfang April kamen auch mögliche Grenzkorrekturen gegen die Niederlande zur Sprache. Die Assoziierten, so erfuhr man aus der Daily Mail, werden, wenn Holland darum ersucht, innerhalb eines Jahres nach Unterzeichnung des Friedens den Völkerbund auffordern, eine Kommission für die Verbesserung der holländisch-deutschen Grenze an der Emsmündung ernennen. Deutschland muß dann auf alle Rechte über Kleve, Mörs, Geldern, Kempen, Rees und Borken verzichten. Die Holländer zeigten kein Interesse.

Nur wenige Tage nach der Preußenwahl, am 1. Februar, tagte im Hansasaale des Rathauses zu Köln unter dem Vorsitze des kölner Oberbürgermeisters Adenauer, der die Einladung zu der Versammlung hatte ergehen lassen, eine Versammlung von Abgeordneten der deutschen und preußischen Nationalversammlung und von Oberbürgermeistern aus den besetzten rheinischen Gebieten. In einem einstimmig angenommenen Beschluss protestierten sie zwar gegen die geäußerten Annektionsabsichten; aber: da die Teilung Preußens ernstlich erwogen wird, übertragen wir dem von uns gewählten Ausschuß die weitere Bearbeitung der Pläne auf Errichtung einer Westdeutschen Republik im Verbande des Deutschen Reiches. Die Kölnische Volkszeitung berichtet dazu: "Vielleicht sind die Länder am Rhein bald dazu berufen, die Brücke zu bilden zwischen Westen und Osten."

Die Stadtverordneten-Wahlen wurden am Sonntag, den 14. Dezember 1919 abgehalten. Auch hier siegte die Zentrumspartei mit deutlichem Abstand und der absoluten Mehrheit von 60,5 %; sie erlang damit 19 von 30 Sitzen. Mehr als die Hälfte der insgesamt 30 Mitglieder des neuen Stadtrates hatte noch kein kommunales Amt bekleidet. Erstmals in der Geschichte der Stadt Kleve waren auch Frauen gewählt worden: Käte Janssen, Susanne Lensing, Meta Obhaus und Josephine Rouenhoff. Der Rat - durch Wegzug, Mandatsniederlegung und Tod um mehr als ein Drittel in seiner Zusammensetzung verändert - blieb bis zum 22. Mai 1924 im Amt.

Die Weimarer Republik

Besonders schmerzlich empfand man die belgische Besatzung (Passwortgeschützter Bereich) und betrieb passiven Widerstand. An zwei Todesopfer aus jener Zeit erinnert ein Denkmal bei Haus Schmitthausen.

Im Januar 1923 rückten französische und belgische Truppen wegen angeblicher "vorsätzlicher Verfehlungen Deutschlands bei den Reparationslieferungen" von ihren Brückenköpfen Duisburg und Düsseldorf aus in das gesamte Ruhrgebiet vor. Ihr Ziel war es, Lieferungen von Kohle und Stahl von der Ruhr zum Westen zu sichern. Sie stießen auf etwas völlig Unvermutetes: Die passive Resistenz. Die Schifffahrt, der Bergbau und die Arbeiter an den Hochöfen waren die ersten, die sich weigerten, den Anordnungen der französischen und belgischen Stellen Folge zu leisten, und alsbald war, obwohl namhafte Persönlichkeiten aus Verwaltung und Wirtschaft verhaftet wurden, eine Einheitsfront des passiven Widerstandes auf breitester Ebene gebildet. Erst im September 1923 wurde der passive Widerstand wegen der katastrophalen Wirtschaftslage im Revier abgebrochen. Die Kosten der passiven Resistenz sowie die von den Siegermächten geforderten Reparationsleistungen hatten die Geldentwertung in schwindelerregende Höhe getrieben. Die Inflation, die bereits während des Krieges eingesetzt hatte, erreichte im Herbst 1923 ihren Höhepunkt. Wer seinen Rückhalt in Geld und Ersparnisse gesucht hatte, verarmte. Sachwerte dagegen stiegen ins Unermessliche. Für einen Dollar zahlten die Banken 8 Billionen Mark. Erst mit der Einführung der Rentenmark, am 15. November, wurde wieder die Grundlage für eine wirtschaftliche Ordnung gelegt.  

Der tägliche Umgang mit der Hyperinflation war auch für die Bürger Kleves nur schwer zu bewältigen. Heute kaum vorstellbar: Auch Städte und Gemeinden druckten Papiergeld, Gutscheine und Notgeld (Passwortgeschützter Bereich), die eine Art Währung darstellten.

Klever Notgeld: oben 1. Serie, unten 2. Serie

Der Wirtschaftskrise folgte nach der Währungsreform und der Verabschiedung des Dawes-Plans 1924 eine Phase des Aufschwungs. Ausländische Kredite und Investitionen ermöglichten die Einführung modernster Technologien. Technischer Fortschritt und Rationalisierung des Arbeitsprozesses waren die Schlüsselbegriffe für internationale Wettbewerbsfähigkeit. Es kam zu einer Vielzahl von Unternehmenszusammenschlüssen. Ein typisches Beispiel am Niederrhein bot die Margarineindustrie: Die beiden größten Unternehmen dieser Branche, Jurgens & Prinzen in Goch und Van den Bergh in Kleve - die allein im Klever Raum über 2.000 Mitarbeiter beschäftigten - schlossen sich im Sommer 1929 in Berlin zur "Union Deutsche Lebensmittelwerke" zusammen. Ihr gehörten in Deutschland 25 Margarinefabriken an, namentlich am Niederrhein sowie in Hamburg, Oldenburg, Mannheim, in Süddeutschland und in Berlin.

Mit einer Produktion von mehr als fünf Millionen Paar Schuhen hatte die Schuhindustrie des Kreise Kleve 1930 einen Anteil von rund acht Prozent an der gesamten deutschen Lederschuhfabrikation. Allein die größte Schuhfabrik Gustav Hoffmann in Kleve (Elefanten-Marke), erbrachte eine Tagesproduktion von 17.000 Paar Schuhen. Zwischen den beiden Weltkriegen beschäftigte die niederrheinische Schuhindustrie 4.000 Arbeitskräften, fast ausschließlich Männer.

Die Phase des konjunkturellen Aufschwungs endete 1929/30 abrupt mit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise. Der Abzug amerikanischer Kredite - nach dem dramatischen Kurseinbruch vom 25. Oktober 1929 an der New Yorker Wall Street - auf denen der Aufschwung seit 1924 beruhte, führte überall im Deutschen Reich zu Firmenzusammenbrüchen. Die Massenarbeitslosigkeit führte zu Resignation und Verzweiflung vieler Millionen Menschen. Damit war der Nährboden für die Ausbreitung des Nationalsozialismus geschaffen und 1933 war es auch hier mit der Demokratie vorerst vorbei. Die Nazis traten die Herrschaft an und besetzten die entscheidenden Stellen mit ihren Parteigenossen.

zuletzt bearbeitet am 13.11.2008