Heinrich Sack

Anno Domini 1923

Erinnerungen eines ehemaligen Multimillionärs

Kalender für das Klever Land - Auf das Jahr 1977, Kleve 1976, S. 106 ff

Mir war es ganz entfallen, dass ich einmal ein vielfacher Millionär gewesen war. Und jetzt, 1976, kramte ich bei schlechtem Wetter so zum Zeitvertreib in alten Kästen und Schachteln herum, deren Inhalt ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Da kamen neben uralten Fotos und längst vergessenen, inhaltlich überholten Briefen eine Anzahl Geldscheine aus der Inflationszeit nach dem ersten Weltkriege zum Vorschein, nämlich:

drei Reichsbanknoten zu je 20.000 Mark (Ausgabedatum: 20. 2.1923),
eine Reichsbanknote über 50.000 Mark (Ausgabedatum: 19.11.1922),
ein Geldschein des Kreises Kleve über
5 Millionen (v. 23. 8.1923),
ein Geldschein des Kreises Kleve über
50 Millionen (v. 15.9.1923).

Allen Zeitgenossen, die die Zeit um 1923 nicht bewusst miterlebt haben, die heute also jünger als 60/65 Jahre sind, wird das vorstehend Gesagte als ganz üble Renommiererei erscheinen; denn dass jemand Geld im Werte von vielen Millionen vergisst und vergammeln lässt, erscheint doch ausgeschlossen. Wer die Zeit damals nicht bewusst mitgemacht hat, kann sich gar nicht vorstellen, welche Schwierigkeiten und Ungeheuerlichkeiten uns Verlierer des ersten Weltkrieges damals bedrückt haben. Wir hatten ja doch damals nicht bloß unter der feindlichen (belgischen) Besatzung zu leiden, sondern mussten eine Geldentwertung über uns ergehen lassen, die jedes glaubhafte Maß weit überstieg. Das Alles führte zu Ergebnissen und Geschehnissen, die dem heutigen jüngeren Zeitgenossen einfach unglaubwürdig erscheinen müssen. 

Wie sich schon aus den Angaben über die Herausgeber der obigen Noten ergibt, waren neben der Reichsbank auch sonstige Behörden (wie z. B. Kreise und Städte) und sogar bestimmte Privatunternehmen befugt, Geldscheine herzustellen und in Verkehr zu bringen. So erinnere ich mich, dass ich u. a. mit derartigen Geldscheinen der Firma Gustav Hoffmann in Kleve Zahlungen geleistet habe. 

Man kann sich vorstellen, dass bei Geldscheinen so verschiedener Herkunft und Art bald ein allgemeines Durcheinander entstand, und dass bei Geldinstituten - sowohl bei den Privatbanken, wie auch z. B. bei den Sparkassen - die Übersicht nur allzu leicht verloren ging, schon allein aus dem Gründe, daß die Spalten der Kassenbücher für Zahlen mit so vielen Nullen überhaupt nicht ausreichten. Als Folge dieser Schwierigkeiten fielen (wie damals erzählt wurde) manche Kassenleiter (angeblich auch der der Stadtsparkasse in Kleve) einer neuartigen Krankheit, der volkstümlich sogenannten »Nullophobie«, zum Opfer. 

Der Wert des Geldes wechselte sprunghaft von Tag zu Tag. Täglich um die Mittagszeit wurde der sogenannte »Multiplikator«, d. h. der jeweilige Börsenkurs der Mark, bekanntgegeben. Ich war damals Mitglied des Landgerichts in Kleve. Wir bekamen unser Gehalt nicht vierteljährlich oder monatlich, sondern täglich ausbezahlt. Das hatte zur Folge, dass unsere Frauen sich täglich etwa ab 11 Uhr vor der Schwanenburg, dem Sitze der Behörde, einfanden, sich das eben an die Männer gezahlte Gehalt aushändigen ließen und sich sofort damit in die Stadt stürzten, um es nach Möglichkeit noch vor Bekanntgabe des neuen Multiplikators auszugeben. Denn wenn sie erst nachmittags einkauften, liefen sie Gefahr, für das gleiche Geld nur noch einen Teil der Ware - manchmal nur die Hälfte - zu bekommen. 

Wie rasch die Entwertung der Mark zeitweilig vor sich ging, erhellt z. B. folgende Tatsache; Der Neudruck von Geldnoten wurde einige Male von dem Verfall der Währung überholt, so dass die neugedruckten schon wertlos geworden waren, bevor sie überhaupt zur Ausgabe gelangt waren. Sie wurden deshalb gar nicht erst in Verkehr gebracht, sondern mit den neuerdings zutreffenden Wertangaben überdruckt und dann in den Verkehr gegeben. So ergab sich die unglaubliche Tatsache, dass sich auf ein und demselben Geldschein zwei verschiedene Wertangaben befanden. 

Zu all derartigen Schwierigkeiten »finanzieller« Art kamen hinzu die Behinderungen und Bedrückungen durch die Besatzungsbehörden. Diese suchten aus den von ihnen besetzten Gebieten möglichst viele Werte zu ziehen und nahmen deshalb z. B. die Reichsbahn in Verwaltung, um sich daraus bezahlt zu machen. Wer da von deutschen Behörden nicht spurte, wurde rücksichtslos eingesperrt.

Die deutschen Zentralbehörden suchten diesem Vorgehen der Besatzungsmächte u. a. dadurch entgegenzuarbeiten, dass sie den Bewohnern der besetzten Gebiete »passiven Widerstand« anempfahlen. Wir wurden dadurch u. a. dazu verpflichtet, die Eisenbahn nicht mehr zu benutzen. Das führte nicht nur für die Geschäftswelt, sondern auch für die Gerichte zu erheblichen Schwierigkeiten und Geschäftsbehinderungen. Das möge durch nachstehende Angaben erläutert werden: 

Weil - wegen des passiven Widerstandes - die Bewohner der Außenbezirke des Landgerichtes nicht nach Kleve kommen konnten, musste sich die Strafkammer wohl oder übel dazu entschließen, zu den auswärtigen Amtsgerichten zu fahren und dort Sitzung abzuhalten. So fuhren wir denn auch für eine ganze Woche nach Moers. Wir erhielten einen gewaltigen Vorschuss und fuhren mit dicken Brieftaschen gen Moers. Die Eisenbahn durften wir nicht benutzen und fuhren deshalb zunächst mit einem sogen. »Pilgeromnibus« Trab Trab nach Kevelaer. Unter Benutzung von Straßenbahnen und Nebenstrecken waren wir schließlich abends 1/2 11 im »Königlichen Hof« in Moers, wo wir uns für die ganze Woche einquartieren wollten. Um den erhaltenen Vorschuss nicht verfallen zu lassen, wollten wir den Hotelpreis für die ganze Woche sofort bezahlen. Wegen der Unsicherheit des Geldwertes weigerte sich der Gastwirt zunächst, die Vorauszahlung anzunehmen. Schließlich war er doch einverstanden, weil wir ihm vorhielten, dass er unsere Zahlungen doch gleich am anderen Morgen durch Einkauf von Waren »wertbeständig« anlegen könne. Bis zum Ende der Woche sank der Wert der Mark so stark, dass am letzten Tage ein Mittagessen allein mehr kostete, als wir an Unterkunft und Verpflegung für die ganze Woche bezahlt hatten.

Anfang Juni 1923 musste ich auf Anraten meines Hausarztes meine beiden Kinder (2 und 4 Jahre alt) wegen Skrufulose noch Rothenfelde im Teutoburger Wald bringen. Zur Begleitung und Hilfe fuhr eine etwa 17 Jahre alte Nichte mit. Zunächst machte es schon erhebliche Mühe, von der Besatzungsbehörde einen Pass für die Überschreitung des Rheines (der Grenze des Besatzungsgebietes) zu bekommen. Wegen des passiven Widerstandes fuhren wir zunächst mit einem von Verwandten zur Verfügung gestellten Pferdewagen nach Goch. Dort stiegen wir in die holländische Boxteler Bahn, die dem Einfluss der Besatzungsbehörde nicht unterstand, und fuhren nach Wesel. Von dort kamen wir dann unbehelligt nach Rothenfelde, wo ich die Kinder in einem Kinderheim unterbrachte. Großzügig zahlte ich dort für die erste Zeit einen Vorschuss von 500 000 Mark. Doch mit des Geschickes Mächten ... Meine Nichte bekam einen Nierensteinanfall, so dass wir einen Arzt zuziehen und eine Nacht länger als vorgesehen in R. bleiben mussten. Meine Barmittel schrumpften dadurch so zusammen, dass ich die Inhaberin des Kinderheimes bitten musste, mir von dem gestern bezahlten Vorschuss 300 000 Mark zurückzuzahlen. Beim Umsteigen in Osnabrück wiederholte sich der Nierensteinanfall, so dass wieder ein Arzt in Anspruch genommen und wieder eine Nacht im Hotel zugesetzt werden musste. Meine Geldmittel reichten dann gerade noch zur Weiterreise bis Wesel. Dort war Matthaeus am Letzten. Um so freudiger begrüßte ich im Bahnhofswartesaal einen Jugendfreund, von dem ich Hilfe in meinen Geldnöten erhoffte. Der erklärte mir jedoch, dass er auch kein Geld mehr habe und nicht recht wisse, wie er nach Kleve kommen solle. Wir legten unsere kümmerlichen Groschen zusammen und konnten so wenigstens die Fahrt bis Emmerich finanzieren. Aber wie sollten wir dort über den Rhein und dann nach Kleve kommen? Die Rheinbrücke bestand ja damals noch nicht. Der Fährmann ließ sich beschwätzen und gab sich mit dem halben Fahrpreis zufrieden. Der Straßenbahnschaffner hatte ein gutes Herz und nahm uns gegen unser Versprechen alsbaldiger Zahlung umsonst mit nach Kleve.

Ähnlich wie uns erging es vielen Ferienreisenden, die wegen des gallopierenden Verfalls der Mark ihre Urlaubsreisen Hals über Kopf abbrechen und heimkehren mussten. Auch einer meiner Schwestern gelang mit ihrem Mann die Rückreise aus dem Schwarzwald nur dadurch, dass sie sich die Rückfahrtkosten vom Roten Kreuz erbettelte. 

Eine in Thüringen wohnhafte Schwester meiner Frau erkrankte schwer. Deshalb sollte meine Schwiegermutter, die in meinem Haushalte lebte, zur Hilfe und Krankenpflege nach Thüringen kommen. Vorsichtshalber erkundigte ich mich vorher nach dem Preise der Fahrt. Der war so hoch, dass ich ihn auf Anhieb nicht aufbringen konnte. Ich wandte mich deshalb telegraphisch an den Schwager in Thüringen. Bis aber das von ihm telegraphisch übersandte Geld eintraf, war der Fahrpreis schon wieder so gestiegen, dass das Geld wieder nicht ausreichte. Auch die von einem anderen Schwager telegraphisch erbetene Hilfe kam zu spät. Die Affäre endete mit einem Telegramm des Thüringer Schwagers: »Schwiegermutter dableiben. Hab' kein Geld mehr.« Die Mark verfiel eben so rapid, dass
drei Schwiegersöhne den Fahrpreis so schnell nicht aufbringen konnten. 

Eine ganz üble Erscheinung der damaligen Zeit war es auch, dass man die Schuldner ihre in vollwertiger Mark entstandenen Schulden in entwertetem Geld zurückzahlten. Zum Beispiel hatten wir Geschwister beim Tode unseres Vaters (1903) das wertvolle Elternhaus an einen Kaufmann verkauft. Der Kaufpreis wurde zu Gunsten meiner ältesten Schwester als Hypothek eingetragen. Diese Hypothek zahlte der Kaufmann 1923 in völlig entwertetem Geld zurück. Für das zurückerhaltene Geld konnte meine Schwester gerade noch ein Paar Schuhabsätze bezahlen. Einige Tage später traf ich den Kaufmann auf der Straße. Unter anderem meinte er, es seien doch verrückte Zeiten: Die Notariatsgebühr für die Löschung der Hypothek sei höher gewesen als das ganze zurückgezahlte Kapital. Als ich ihm darauf erwiderte, dass er daran sehen könne, wie sehr er meine Schwester betrogen habe (ich gebrauchte einen viel drastischeren Ausdruck, der sich hier im Heimatkalender nicht gut ausnähme), sah er midi verständnislos an und meinte (im Sinne eines damals ergangenen, viel umstrittenen Reichsgerichtsurteils): Mark sei doch gleich Mark.

Ich selbst bekam von einem Landwirt ebenfalls das hypothekarisch gesicherte Kapital zurück, für das er vor Jahren seinen Hof gekauft hatte. Als ich ihm vorhielt, dass es doch unrecht sei, die Hypothek mit völlig entwertetem Geld zurückzuzahlen, berief er sich auf das schon erwähnte Reichsgerichtsurteil. Ich legte ihm nahe, seinen Pastor doch mal zu befragen, was er über die Sache denke. Da meinte er seelenruhig: »Door hat den Pastor nex met te duhn« und er bestand auf Rücknahme des Geldes. 

Ich könnte noch manche (heute unglaubhaften) Geschichten aus jener Zeit erzählen, wie zum Beispiel eine ganze Kaufmannsfamilie, einschließlich des fast neunzigjährigen Urahns, um den Familientisch saß und die aus besonderem Anlass angefallenen Millionen säuberlich nach Herkunft, Art und Wert sortierte und bündelte, oder wie ein paar Schwestern des Antonius-Hospitals zusehen mussten, wie die von ihnen abgelieferten, sorgfältig sortierten und gebündelten Millionen nach deren Verbuchung einfach in den Ofen der Zentralheizung gesteckt wurden, - aber das würde den Rahmen dieser Plauderei sprengen.

zuletzt bearbeit am 18.12.2005