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Mir
war es ganz entfallen, dass ich einmal ein vielfacher Millionär
gewesen war. Und jetzt, 1976, kramte ich bei schlechtem Wetter
so zum Zeitvertreib in alten Kästen und Schachteln herum, deren
Inhalt ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Da kamen neben
uralten Fotos und längst vergessenen, inhaltlich überholten
Briefen eine Anzahl Geldscheine aus der Inflationszeit nach dem
ersten Weltkriege zum Vorschein, nämlich:
drei
Reichsbanknoten zu je 20.000 Mark (Ausgabedatum: 20. 2.1923),
eine Reichsbanknote über 50.000 Mark (Ausgabedatum:
19.11.1922),
ein Geldschein des Kreises Kleve über 5
Millionen (v. 23.
8.1923),
ein Geldschein des Kreises Kleve über 50
Millionen (v.
15.9.1923).
Allen
Zeitgenossen, die die Zeit um 1923 nicht bewusst miterlebt
haben, die heute also jünger als 60/65 Jahre sind, wird das
vorstehend Gesagte als ganz üble Renommiererei erscheinen; denn
dass jemand Geld im Werte von vielen Millionen vergisst und
vergammeln lässt, erscheint doch ausgeschlossen. Wer die Zeit
damals nicht bewusst mitgemacht hat, kann sich gar nicht
vorstellen, welche Schwierigkeiten und Ungeheuerlichkeiten uns
Verlierer des ersten Weltkrieges damals bedrückt haben. Wir
hatten ja doch damals nicht bloß unter der feindlichen
(belgischen) Besatzung zu leiden, sondern mussten eine
Geldentwertung über uns ergehen lassen, die jedes glaubhafte Maß
weit überstieg. Das Alles führte zu Ergebnissen und
Geschehnissen, die dem heutigen jüngeren Zeitgenossen einfach
unglaubwürdig erscheinen müssen.
Wie
sich schon aus den Angaben über die Herausgeber der obigen
Noten ergibt, waren neben der Reichsbank auch sonstige Behörden
(wie z. B. Kreise und Städte) und sogar bestimmte
Privatunternehmen befugt, Geldscheine herzustellen und in
Verkehr zu bringen. So erinnere ich mich, dass ich u. a. mit
derartigen Geldscheinen der Firma Gustav Hoffmann in Kleve
Zahlungen geleistet habe.
Man
kann sich vorstellen, dass bei Geldscheinen so verschiedener
Herkunft und Art bald ein allgemeines Durcheinander entstand,
und dass bei Geldinstituten - sowohl bei den Privatbanken, wie
auch z. B. bei den Sparkassen - die Übersicht nur allzu leicht
verloren ging, schon allein aus dem Gründe, daß die Spalten
der Kassenbücher für Zahlen mit so vielen Nullen überhaupt
nicht ausreichten. Als Folge dieser Schwierigkeiten fielen (wie
damals erzählt wurde) manche Kassenleiter (angeblich auch der
der Stadtsparkasse in Kleve) einer neuartigen Krankheit, der
volkstümlich sogenannten »Nullophobie«, zum Opfer.
Der
Wert des Geldes wechselte sprunghaft von Tag zu Tag. Täglich um
die Mittagszeit wurde der sogenannte »Multiplikator«, d. h.
der jeweilige Börsenkurs der Mark, bekanntgegeben. Ich war
damals Mitglied des Landgerichts in Kleve. Wir bekamen unser
Gehalt nicht vierteljährlich oder monatlich, sondern täglich
ausbezahlt. Das hatte zur Folge, dass unsere Frauen sich täglich
etwa ab 11 Uhr vor der Schwanenburg, dem Sitze der Behörde,
einfanden, sich das eben an die Männer gezahlte Gehalt aushändigen
ließen und sich sofort damit in die Stadt stürzten, um es nach
Möglichkeit noch vor Bekanntgabe des neuen Multiplikators
auszugeben. Denn wenn sie erst nachmittags einkauften, liefen
sie Gefahr, für das gleiche Geld nur noch einen Teil der Ware -
manchmal nur die Hälfte - zu bekommen.
Wie
rasch die Entwertung der Mark zeitweilig vor sich ging, erhellt
z. B. folgende Tatsache; Der Neudruck von Geldnoten wurde einige
Male von dem Verfall der Währung überholt, so dass die
neugedruckten schon wertlos geworden waren, bevor sie überhaupt
zur Ausgabe gelangt waren. Sie wurden deshalb gar nicht erst in
Verkehr gebracht, sondern mit den neuerdings zutreffenden
Wertangaben überdruckt und dann in den Verkehr gegeben. So
ergab sich die unglaubliche Tatsache, dass sich auf ein und
demselben Geldschein zwei verschiedene Wertangaben befanden.
Zu
all derartigen Schwierigkeiten »finanzieller« Art kamen hinzu
die Behinderungen und Bedrückungen durch die Besatzungsbehörden.
Diese suchten aus den von ihnen besetzten Gebieten möglichst
viele Werte zu ziehen und nahmen deshalb z. B. die Reichsbahn in
Verwaltung, um sich daraus bezahlt zu machen. Wer da von
deutschen Behörden nicht spurte, wurde rücksichtslos
eingesperrt.
Die
deutschen Zentralbehörden suchten diesem Vorgehen der
Besatzungsmächte u. a. dadurch entgegenzuarbeiten, dass sie den
Bewohnern der besetzten Gebiete »passiven Widerstand«
anempfahlen. Wir wurden dadurch u. a. dazu verpflichtet, die
Eisenbahn nicht mehr zu benutzen. Das führte nicht nur für die
Geschäftswelt, sondern auch für die Gerichte zu erheblichen
Schwierigkeiten und Geschäftsbehinderungen. Das möge durch
nachstehende Angaben erläutert werden:
Weil
- wegen des passiven Widerstandes - die Bewohner der Außenbezirke
des Landgerichtes nicht nach Kleve kommen konnten, musste sich
die Strafkammer wohl oder übel dazu entschließen, zu den auswärtigen
Amtsgerichten zu fahren und dort Sitzung abzuhalten. So fuhren
wir denn auch für eine ganze Woche nach Moers. Wir erhielten
einen gewaltigen Vorschuss und fuhren mit dicken Brieftaschen
gen Moers. Die Eisenbahn durften wir nicht benutzen und fuhren
deshalb zunächst mit einem sogen. »Pilgeromnibus« Trab Trab
nach Kevelaer. Unter Benutzung von Straßenbahnen und
Nebenstrecken waren wir schließlich abends 1/2 11 im »Königlichen
Hof« in Moers, wo wir uns für die ganze Woche einquartieren
wollten. Um den erhaltenen Vorschuss nicht verfallen zu lassen,
wollten wir den Hotelpreis für die ganze Woche sofort bezahlen.
Wegen der Unsicherheit des Geldwertes weigerte sich der Gastwirt
zunächst, die Vorauszahlung anzunehmen. Schließlich war er
doch einverstanden, weil wir ihm vorhielten, dass er unsere
Zahlungen doch gleich am anderen Morgen durch Einkauf von Waren
»wertbeständig« anlegen könne. Bis zum Ende der Woche sank
der Wert der Mark so stark, dass am letzten Tage ein Mittagessen
allein mehr kostete, als wir an Unterkunft und Verpflegung für
die ganze Woche bezahlt hatten.
Anfang
Juni 1923 musste ich auf Anraten meines Hausarztes meine beiden
Kinder (2 und 4 Jahre alt) wegen Skrufulose noch Rothenfelde im
Teutoburger Wald bringen. Zur Begleitung und Hilfe fuhr eine
etwa 17 Jahre alte Nichte mit. Zunächst machte es schon
erhebliche Mühe, von der Besatzungsbehörde einen Pass für die
Überschreitung des Rheines (der Grenze des Besatzungsgebietes)
zu bekommen. Wegen des passiven Widerstandes fuhren wir zunächst
mit einem von Verwandten zur Verfügung gestellten Pferdewagen
nach Goch. Dort stiegen wir in die holländische Boxteler Bahn,
die dem Einfluss der Besatzungsbehörde nicht unterstand, und
fuhren nach Wesel. Von dort kamen wir dann unbehelligt nach
Rothenfelde, wo ich die Kinder in einem Kinderheim unterbrachte.
Großzügig zahlte ich dort für die erste Zeit einen Vorschuss
von 500 000 Mark. Doch mit des Geschickes Mächten ... Meine
Nichte bekam einen Nierensteinanfall, so dass wir einen Arzt
zuziehen und eine Nacht länger als vorgesehen in R. bleiben
mussten. Meine Barmittel schrumpften dadurch so zusammen, dass
ich die Inhaberin des Kinderheimes bitten musste, mir von dem
gestern bezahlten Vorschuss 300 000 Mark zurückzuzahlen. Beim
Umsteigen in Osnabrück wiederholte sich der Nierensteinanfall,
so dass wieder ein Arzt in Anspruch genommen und wieder eine
Nacht im Hotel zugesetzt werden musste. Meine Geldmittel
reichten dann gerade noch zur Weiterreise bis Wesel. Dort war
Matthaeus am Letzten. Um so freudiger begrüßte ich im
Bahnhofswartesaal einen Jugendfreund, von dem ich Hilfe in
meinen Geldnöten erhoffte. Der erklärte mir jedoch, dass er
auch kein Geld mehr habe und nicht recht wisse, wie er nach
Kleve kommen solle. Wir legten unsere kümmerlichen Groschen
zusammen und konnten so wenigstens die Fahrt bis Emmerich
finanzieren. Aber wie sollten wir dort über den Rhein und dann
nach Kleve kommen? Die Rheinbrücke bestand ja damals noch
nicht. Der Fährmann ließ sich beschwätzen und gab sich mit
dem halben Fahrpreis zufrieden. Der Straßenbahnschaffner hatte
ein gutes Herz und nahm uns gegen unser Versprechen alsbaldiger
Zahlung umsonst mit nach Kleve.
Ähnlich
wie uns erging es vielen Ferienreisenden, die wegen des
gallopierenden Verfalls der Mark ihre Urlaubsreisen Hals über
Kopf abbrechen und heimkehren mussten. Auch einer meiner
Schwestern gelang mit ihrem Mann die Rückreise aus dem
Schwarzwald nur dadurch, dass sie sich die Rückfahrtkosten vom
Roten Kreuz erbettelte.
Eine
in Thüringen wohnhafte Schwester meiner Frau erkrankte schwer.
Deshalb sollte meine Schwiegermutter, die in meinem Haushalte
lebte, zur Hilfe und Krankenpflege nach Thüringen kommen.
Vorsichtshalber erkundigte ich mich vorher nach dem Preise der
Fahrt. Der war so hoch, dass ich ihn auf Anhieb nicht aufbringen
konnte. Ich wandte mich deshalb telegraphisch an den Schwager in
Thüringen. Bis aber das von ihm telegraphisch übersandte Geld
eintraf, war der Fahrpreis schon wieder so gestiegen, dass das
Geld wieder nicht ausreichte. Auch die von einem anderen
Schwager telegraphisch erbetene Hilfe kam zu spät. Die Affäre
endete mit einem Telegramm des Thüringer Schwagers: »Schwiegermutter
dableiben. Hab' kein Geld mehr.« Die Mark verfiel eben so
rapid, dass
drei Schwiegersöhne den Fahrpreis so schnell nicht aufbringen
konnten.
Eine
ganz üble Erscheinung der damaligen Zeit war es auch, dass man
die Schuldner ihre in vollwertiger Mark entstandenen Schulden in
entwertetem Geld zurückzahlten. Zum Beispiel hatten wir
Geschwister beim Tode unseres Vaters (1903) das wertvolle
Elternhaus an einen Kaufmann verkauft. Der Kaufpreis wurde zu
Gunsten meiner ältesten Schwester als Hypothek eingetragen.
Diese Hypothek zahlte der Kaufmann 1923 in völlig entwertetem
Geld zurück. Für das zurückerhaltene Geld konnte meine
Schwester gerade noch ein Paar Schuhabsätze bezahlen. Einige
Tage später traf ich den Kaufmann auf der Straße. Unter
anderem meinte er, es seien doch verrückte Zeiten: Die
Notariatsgebühr für die Löschung der Hypothek sei höher
gewesen als das ganze zurückgezahlte Kapital. Als ich ihm
darauf erwiderte, dass er daran sehen könne, wie sehr er meine
Schwester betrogen habe (ich gebrauchte einen viel drastischeren
Ausdruck, der sich hier im Heimatkalender nicht gut ausnähme),
sah er midi verständnislos an und meinte (im Sinne eines damals
ergangenen, viel umstrittenen Reichsgerichtsurteils): Mark sei
doch gleich Mark.
Ich
selbst bekam von einem Landwirt ebenfalls das hypothekarisch
gesicherte Kapital zurück, für das er vor Jahren seinen Hof
gekauft hatte. Als ich ihm vorhielt, dass es doch unrecht sei,
die Hypothek mit völlig entwertetem Geld zurückzuzahlen,
berief er sich auf das schon erwähnte Reichsgerichtsurteil. Ich
legte ihm nahe, seinen Pastor doch mal zu befragen, was er über
die Sache denke. Da meinte er seelenruhig: »Door hat den Pastor
nex met te duhn« und er bestand auf Rücknahme des Geldes.
Ich
könnte noch manche (heute unglaubhaften) Geschichten aus jener
Zeit erzählen, wie zum Beispiel eine ganze Kaufmannsfamilie,
einschließlich des fast neunzigjährigen Urahns, um den
Familientisch saß und die aus besonderem Anlass angefallenen
Millionen säuberlich nach Herkunft, Art und Wert sortierte und
bündelte, oder wie ein paar Schwestern des Antonius-Hospitals
zusehen mussten, wie die von ihnen abgelieferten, sorgfältig
sortierten und gebündelten Millionen nach deren Verbuchung
einfach in den Ofen der Zentralheizung gesteckt wurden, - aber
das würde den Rahmen dieser Plauderei sprengen. |