12000 Jahre Niederrhein - 800 Jahre Kleve

National-

sozialismus 

 

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1933 war es auch in Kleve mit der Demokratie vorbei. 

Dass so viele Unterlagen über die nationalsozialistische Zeit von 1933 bis 1945 am Ende des Zweiten Weltkrieges aus dem Stadtarchiv entfernt wurden, mag als Indiz dafür herhalten, welch großes Unrecht während dieser Zeit auch in Kleve geschehen war und dem Gedächtnis entzogen werden sollte. 

Ausschaltung der politischen Gegner

Nur einen Tag nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Berlin am 30. Januar 1933 demonstrierte die Klever KPD. Gegen Ende der Veranstaltung kam es zu einer Schlägerei zwischen Nazis und Kommunisten, die von der Polizei beendet werden musste. Diese Ereignisse wiederholten sich, denn noch vor den Gemeindewahlen am 12. März wollte die NSDAP zeigen, wer jetzt die Macht in der Stadt besaß. 

Die SPD hatte am 23. Februar den ehemaligen Minister Hilferding als Redner für eine Versammlung eingeladen. Die Nazis versuchten dies durch eine Flugblatt-Aktionen (gegen den "negroiden Juden Hilferding"), einen Stadtumzug und - als diese Maßnahmen nicht halfen - eine Prügelei zu verhindern. Die Veranstalter Karl van Dawen und Theodor Strohmenger wurden festgenommen, mussten jedoch, da der Richter die Verhaftung nicht bestätigen wollte, wieder freigelassen werden. Karl van Dawen emigrierte - nach einer weiteren politisch bedingten Haft - nach Holland. Er wurde 1941 in Amsterdam wieder ergriffen und ins KZ Buchenwald transportiert, wo er nach dreimonatiger Haft starb. 

Der Terror wurde durch die SA und die SS betrieben. Insgesamt 38 Mitglieder der KPD wurden vom 28. Februar bis Anfang April 1933 in der Stadt Kleve in "Schutzhaft".  SA-Trupps durchsuchten die Wohnungen der SPD-Mitglieder Wilhelm P., Johann S., Wilhelm V. und Otto Schmidt, verhafteten diese und schleppten sie in den Keller des Cafe Paris auf der Emmericher Straße/Ecke Brienerstraße. Dort wurden sie vom SS-Sturmtruppenführer Karl Ludwig und von SA-Leuten vom Sturm 4/25 schwer misshandelt. Wer von den gefangenen KPD-Leuten im Gefängnis in der Krohnestraße in die Hände der dort eingestellten SA-Hilfspolizei oder des Polizeimeisters Franz Peters fiel, dem stand ein ähnliches Schicksal bevor. "Von morgens bis abends drang das Stöhnen und Schreien der Misshandelten durch die Hallen des Gefängnisses" (aus der Beweisaufnahme des Krohnestraße-Prozesses, RP 14.02.1948).

Um jedoch in Kleve an die "Macht" zu kommen, musste man nicht vorrangig die Linken aus dem Felde schlagen. Die eigentlichen Gegner waren das Zentrum, die diese Partei stützenden kirchlichen Vereine und die bestehende Stadtverwaltung. 

Das zeigte sich bei den Wahlen im Frühjahr 1933. Bei den Reichstagswahlen am 5. März erreichte die Wahlbeteiligung der Klever Bürger 88,9 %. Die NSDAP bekam 27,5 %, das Zentrum 50,6% der Stimmen. Trotz der Terrormaßnahmen erhielt die SPD noch 6,6 % und die KPD 8,6 %. Der nationalsozialistische Druck setzte nunmehr auch gegen das Zentrum ein, zumal das Ergebnis der Klever Kommunalwahl am 12. März das Ergebnis bestätigte. Kleve war damit eine von den wenigen Mittelstädten in Preußen, in denen das Zentrum noch über mehr als 50 % der Stimmen verfügte.

Bei diesen Mehrheitsverhältnissen im Rat war eine Machtergreifung auf legalem Wege unmöglich. Die NSDAP suchte daher andere Wege um die Stadt in die Hand zu bekommen. 

Unmittelbar nach der Kommunalwahl, am 18. März 1933, beantragte der lokale NS-Parteiführer Görlich beim Landrat die Suspendierung des Bürgermeisters mit der Begründung, er habe die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Dies gelang zwar nicht sofort, aber am 19. Mai 1933 war Bürgermeister Steppkes suspendiert und ab Januar 1934 pensioniert. Ebenfalls aus dem Dienst entfernt wurden der Erste Beigeordnete Baak, der Direktor der Stadtwerke, der Stadtbaurat und der Verwaltungsdirektor der Stadtverwaltung. Etwa ein Zehntel der städtischen Beamten hat demnach aus politischen Gründen seinen Arbeitsplatz verloren. Görlich wurde kommissarisch zum Bürgermeister ernannt. 

Die Position des Zentrums wurde zusätzlich durch die deutschen Bischöfe geschwächt, die sich für eine Mitarbeit der Katholiken im neuen Staat und in den nationalsozialistischen Verbänden aussprachen. Daraufhin traten in Kleve vier Stadtverordnete des Zentrums zur NSDAP über. Damit konnten die Nazis über 14 von 27 Sitzen verfügen. Im Mai legte der Ratsherr Otto Schmidt von der SPD sein Mandat nieder. Görlich entschied: Die Zahl der Stadtverordneten wird auf 26 herabgesetzt, einen anderen Vertreter darf die SPD nicht benennen.  Der Bürgermeister hatte sein Ziel damit erreicht.: Die Nationalsozialisten verfügten über die Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung. 

Am 5. Juli löst sich das Zentrum auf. In Kleve wurden die ausscheidenden Zentrumsvertreter durch Nazis ersetzt. Nach der Auflösung des Zentrums und der Zerschlagung der Linksparteien suchten viele Klever um Aufnahme bei der NSDAP nach. Das bedeutete aber für die meisten wohl kaum, dass sie sich mit den ideologischen Lehren des Nationalsozialismus identifizierten. Die Klever Begeisterung wahrte stets bestimmte Grenzen. Anders verhielt es sich bei der Einschätzung von Adolf Hitler. Ihn hielten sie für den großen nationalen Führer, den Mann aus dem Volke, den genialen Urheber der außenpolitischen und wirtschaftlichen Erfolge. An der bereits 1933 erfolgten Umbenennung der Hagsche Straße in Adolf-Hitler-Straße und der Ernennung des Führers zum Ehrenbürger störten sich (anfangs) wohl nur wenige. 

Die Gleichschaltung der Vereine folgte. Die Vorgehensweise war immer gleich: Bei den Jahreshauptversammlungen stellte der bisherige Vorsitzende oder Vorstand sein Amt zur Verfügung und verzichtete zu Gunsten von Parteigenossen auf eine weitere Kandidatur.

Die Einführung der Preußischen Gemeindeordnung am 1. Dezember 1933 bedeutete das endgültige Ende der Bürgervertretung und die Einführung des Führerprinzips in der Verwaltung.

Die nationalsozialistischen Bürgermeister und das Ehrenmal

Im selben Monat wurde auch der Bürgermeister Görlich von seinen Pflichten entbunden. Er wollte in der Innenstadt ein Kriegerdenkmal errichten und griff damit einen Gedanken aus den zwanziger Jahren auf. Er forderte alle Betriebe und Vereine auf, für die gute Sache zu spenden. Die städtischen Beamten mussten sich einen Gehaltsabzug zugunsten des Ehrenmals gefallen lassen. Den Bogen überspannte er, indem er Firmen, die in Kleve geschäftlich tätig sein wollten, Spenden abpresste. Sein Nachfolger wurde der Referendar Karl Puff.

Puff war bereits seit Mai 1929 SA-Mitglied - zuletzt Obersturmführer - und seit Dezember 1929 Mitglied der Partei. Er galt als enger Freund des zuständigen Gauleiters Terboven. Sein erfolgloses Ringen mit seiner Muttersprache gab viel Anlass zu Gelächter. Eine Probe aus dem Schreiben, mit der er die Herausgabe der Dienstwohnung von seinem Vorgänger verlangte: "Sie werden verstehen, daß ich nicht in der Lage bin, die Möglichkeit Tatsache werden zu lassen, daß am 1. April die Wohnung nicht geräumt werden kann". Noch stärker belastete die Neigung zum Alkohol seine Stellung.

Unter Puff wurde das Ehrenmal Wirklichkeit. Am 22.10.1934 wurde im Kreuzungsbereich von Stechbahn und Ringstraße der Festplatz eingeweiht, der von der NSDAP zur Selbstdarstellung genutzt wurde (erstes Foto, zweites Foto (Passwortgeschützter Bereich)). Bei der Einweihungsfeier kam es zu einem Fauxpas (Passwortgeschützter Bereich). Das Denkmal, von Mataré erschaffen, stieß bei den Machthabern und bei großen Teilen der Bevölkerung auf wenig Sympathie. Dennoch dauerte es bis Mai 1938 als in einer Nacht- und Nebelaktion der "Gefallene Krieger" auf Anordnung von Puffs' Amtsnachfolgers demontiert wurde. Heute findet sich das Denkmal auf dem Vorplatz der Stiftskirche. Das Ehrenmal hingegen wurde nach dem Krieg abgebaut. Die Steine bilden die Befestigungsmauer der Gruftstraße.  

Im April 1936 wurde die Stadt Kleve vom Bürgermeister Puff durch seinen "freiwilligen Rücktritt" erlöst. Zuvor hatten einige Klever anonym seine gesammelten Untaten dem Innenminister gemeldet.  

Kurt Ebel, ein solider Verwaltungsfachmann, wurde der dritte nationalsozialistische Bürgermeister in Kleve. Er war überzeugter Nationalsozialist, Träger des "Goldenen Parteiabzeichens". Wie nur ganz wenige seiner Zunft meldete er sich bei Kriegsausbruch freiwillig zur Wehrmacht. Die kommissarische Leitung der Stadt übernahm während Ebels Abwesenheit der Griethausener Amtsbürgermeister Otto Marx.

Kirche und Jugendarbeit

Anfangs setzte die Regierung des "Tausendjährigen Reiches" auf eine Zusammenarbeit mit der Kirche und stieß dabei auch auf offene Ohren. Das ändert sich bereits 1934 als der grundlegende Konflikt zwischen dem Totalitätsanspruch des Nationalsozialismus und dem Eigenrecht der Kirche in das Bewusstsein der Klever Gläubigen auftrat. Beispielsweise wurden die Beamten genötigt, ihre Kinder aus den kirchlichen Jugendverbänden abzumelden oder den katholischen Jugendführern und Seelsorgern wurde alle geselligen und sportlichen Aktivitäten verboten. Die einzelnen Jugendführer gaben nicht kampflos auf, sondern setzten mit beträchtlichem Mut ihre nun illegal gewordene Arbeit fort:

Matthias Mertens, 1932 - 1935 Kaplan in Materborn, später in Oberhausen-Sterkrade, 1934 Hausdurchsuchung und Verhör durch die Gestapo, 1935 Gerichtsverfahren, 1941 Schutzhaft, 1942 KZ Dachau.

Kaplan Hetterix, Betreuer der Sturmschar, 1937 Hausdurchsuchung.

Willi Leisner, Bezirksjungscharführer,1937 Hausdurchsuchung.

Karl Leisner, von 1934 bis 1936 Diözesanjugendführer, 1937 Hausdurchsuchung, 1938 Vernehmung durch die Gestapo, 1939 KZ Sachsenhausen, später KZ Dachau.

Kaplan Bausch, Jugendseelsorger, 1938 Gerichtsverfahren vor einem Sondergericht in Düsseldorf.

Willi Bodden, Bezirksleiter des Jungmännerverbande, wurde 1934 verhaftet, weil er im Verdacht stand, ein "Hetzlied" gegen die NSDAP am Arbeitsplatz bei der Firma Hoffmann verfasst bzw. verbreitet zu haben, und verbüßte eine mehrmonatige Gefängnisstrafe.

Jan van Rooy, Nachfolger Boddens als Bezirksleiter des Jungmännerverbandes. Mehrfach bei der Gestapo verhört aufgrund der von ihm verfassten Rundbriefe an die Verbandsmitglieder. Ende Oktober 1937 Vernehmung bei der Gestapo und Hausdurchsuchung im Zusammenhang mit einer ortsübergreifenden Aktion gegen den Jungmännerverband.

Kaplan Renneberg, Kellen, 1940 Überwachung seiner Jugendarbeit durch die Gestapo.

...

Bis zum Beginn des Krieges 1939 war es der Partei gelungen, die öffentliche Arbeit der Kirchen auf wesentlichen Gebieten einzuengen und dies setzte sich während der Kriegsjahre fort. 

Das Tagebuch von Pastor Bullmann, Ehrendechant in Kellen, gehört zu den wenigen Quellen, die aus kirchlicher Sicht einen Einblick in das Alltagsleben in Kleve während des Nationalsozialismus erlauben.

Die Verfolgung der Klever Juden

Es steht fest, dass während des Dritten Reiches auch die Juden in Kleve (Passwortgeschützter Bereich) diskriminiert und drangsaliert wurden. Auch hier wurde im November 1938 die Synagoge niedergebrannt (Reichskristallnacht: »Befehl ausgeführt« , Eine Zeugin erzählt). Auch von hier aus wurden die Juden schließlich in die Massenvernichtungslager abtransportiert, sofern es ihnen vorher nicht gelang, sich diesem Schicksal durch Flucht zu entziehen. Von rund 150 (andere Quellen sprechen von 200) Juden, die zu Beginn des Dritten Reiches in Kleve zu Hause waren, sind damals etwa 50 im Rahmen des offiziellen Mord-Programms umgekommen (»Wo sind sie denn geblieben?« - Jugenderinnerungen an Klever Juden). Damit verlor die Stadt eine Glaubensgruppe, die seit mindestens 450 Jahren in Kleve (Passwortgeschützter Bereich) ansässig gewesen war. Der jüdische Friedhof an der Ernst-Goldschmidt-Straße gibt Zeugnis von dieser Epoche. An den Synagogenplatz hingegen erinnerte bis zum Jahr 2001 nur eine große - versteckt angebrachte - Bronzeplatte.

Die Juden zählten meist zu den Kaufleuten, Metzgern und Gastwirten. Daneben gab es einige Angestellte im Handel und in der Industrie, eine Handvoll jüdischer Akademiker, Ärzte und Juristen in der Stadt. Die jüdischen Geschäftsleute betrieben vorrangig Textilhandel und an zweiter Stelle Viehhandel. 

Eine Reihe von Textilgeschäften zog sich die Große Straße und die Hagsche Straße hinauf. Angefangen vom Kaufhaus Weyl, dem größten Kaufhaus in Kleve, das die Familie Weyl 1929 an die Firma Hermann Tietz verkauft hatte, lagen dort: "Carl Meyer Spezialhaus für elegante Herrenmoden und Pelzwaren" (Große Str. 35), der "Bazar S. Mildenberg", ein Haushalts-, Luxus-Galanteriewaren- und Spielwarengeschäft (Nr.47), daneben Rosenbergs "Herren- und Knabenbekleidung" (Nr.49). Es folgte Ludwig Hertz' Spezialgeschäft für Herrenmoden "Prince of Wales" (Nr.70) und Siegfried Cosmanns "Modehaus für sämtliche Bedarfsartikel" (Nr.90). Dazwischen befand sich noch der "Hosenmayer", das Geschäft von Julius und Albert Mayer. Ging man über den Fischmarkt weiter hinauf, so folgte auf der linken Seite das große "Manufaktur-, Konfektions- und Ausstattungsgeschäft" von Emil Leffmann (Nr.9-11), der noch ein zweites Geschäft auf der Kirchstraße und ein weiteres in Emmerich besaß. Dazu kam auf der Hagschen Straße das Herrenbekleidungsgeschäft der Gebrüder Spatz. Hermann Gonsenheimers "Manufakturwaren, Herren- und Damenkonfektion" nahm das Eckhaus von Großer und Kavariner-Straße ein. Suchers Textilwarengeschäft auf der Herzogstraße und Siegfried Rosenthal mit seinem Geschäft "Herren- und Knabenbekleidung" (Kirchstraße 29) runden die Liste der jüdischen Textilhandlungen ab.

Im Viehhandel galt Bernhard Gonsenheimer (Kavarinerstr-42) als führend, aber auch die Familien Baum (Wasserstr. 4) und Cohen (Hagsche Str.28), Franken (Tiergartenstr.14), Kiefer (Hafenstraße 30) und Rosenkrantz (Drususstr. 4) waren im Viehhandel tätig.

Großes Ansehen in der Stadt genossen der Gynäkologe Dr. Walther Jakob und der praktische Arzt Dr. Ernst Spier. Der ebenfalls bekannte und beliebte Tierarzt Dr. Max Wolff (Emmericher Str.28) konnte noch sein 50jähriges Praxisjubiläum in Kleve feiern, ehe er 1939 in die Emigration gehen musste. Der Rechtsanwalt Kurt Levi Neuwahl und Dr. Walther Gerhard Haas, damals Referendar am Landgericht in Kleve, waren die einzigen jüdischen Juristen in der Stadt.

Die jüdische Bevölkerung war zwar nicht voll integriert aber toleriert in Kleve. Viele jüdische Bürger konnten auf einen Einsatz im Ersten Weltkrieg verweisen. Siegfried Cosman, ein wohlhabender Textilkaufmann (sein Geschäft sehen Sie links auf dem Foto (Passwortgeschützter Bereich)), wandelte während des Weltkrieges eines seiner Häuser in ein Soldatenheim um, wo er persönlich für verwundete Soldaten sorgte. Er betreute die Aufstellung des "Eisernen Mannes" am Fischmarkt und organisierte die Sammlung "Gold gab ich für Eisen", zur finanziellen Unterstützung des Krieges. Neben dem Bürgermeister Wulff wurde er 1918 in den "Arbeiterrat" gewählt.

Das Leben der jüdischen Bevölkerung änderte sich schlagartig mit dem Regierungsantritt der Nazis am 30. Januar 1933. In den folgenden zehn Jahren wurde in Kleve aus einer angesehenen und wohlhabenden Bevölkerungsgruppe eine verarmte, sozial verachtete, rechtlose Minderheit, von der schließlich ungefähr 50 Menschen von Staats wegen ermordet wurden.

Bereits im März 1933 ordnete die örtliche Parteiführung die Schließung einer Reihe jüdischer Geschäfte an. Zwar wurde dies - aufgrund lebhafter Proteste - wieder schnell rückgängig gemacht, aber ab dem 1. April standen SA-Posten vor den jüdischen Geschäften auf der Großen Straße und der Hagschen Straße. "Deutsche kauft nicht bei Juden", forderten sie auf ihren Transparenten. "Es dauerte daher nicht lange, und keiner wagte mehr bei uns zu kaufen", beschrieb der Textilkaufmann Max Gonsenheimer die geschäftliche Situation. Eine ganze Reihe von jüdischen Geschäften musste 1933/34 aufgeben; so auch Max Gonsenheimer: Er verpachtete das Geschäft zunächst, hatte es dann aber im Zuge der "Arisierung" 1939 der Familie Doherr zu übergeben. 1938 bestand mit dem Textilhaus Emil Leffmann nur noch ein einziges jüdisches Geschäft in Kleve.

Die Ärzte Dr. Jacob und Dr. Spier verloren am 22. April 1933 die Zulassung zu den Kassen und mussten sich auf die Behandlung von Privatpatienten beschränken. Aus Existenznot emigrierten beide 1937.

Auswanderung war bei vielen Klever Juden die Lösung. Ihre relativer Wohlstand, ihre Sprachkenntnisse, die Nähe der niederländischen Grenze unterstützten diese Vorhaben.

Den Klever Bürgern hätte die bedrängte Lage ihrer jüdischen Mitbürger schon 1933 deutlich werden müssen. Im April behängte die SA den jungen Juden Max Gonsenheimer und ein "arisches" Mädchen mit Schildern, auf denen ihre "rasseschänderischen" Beziehungen angeprangert wurden und trieb sie die Große Straße hinunter. Es fehlte nicht an Zuschauern! Zwei Jahre später wurde auch der Klever Rabbiner Mannheimer wegen "rasseschänderischer Beziehungen" zu einer Hausangestellten angeklagt. Der Klever Rechtsanwalt Franz van de Loo, Vater des späteren Bürgermeisters Richard van de Loo, verteidigte den Angeklagten und bewies dessen Unschuld. Zum Dank bezeichneten ihn die Nazis als "schwarzen Hund" und "Judenanwalt".  Vor seiner Praxistür wurde eine als Rabbiner gekleidete Puppe mit dem Schild "Als Verteidiger jüdischer Rassenschänder empfiehlt sich Franz van de Loo" aufgestellt. Im Klever Karnevalsumzug von 1936 machte sich eine Gruppe über die jüdischen Mitbürger lustig (Passwortgeschützter Bereich). Zivilcourage blieb - wie überall in Deutschland - die mutige Ausnahme! 

Der Judenprogrom vom 10. November 1938 leitete dann auch in Kleve die letzte Phase der Verfolgung, den unverhüllten Terror ein. Die Zerstörung der Synagoge und des einzig verbliebenen jüdischen Geschäftes von Emil Leffmann war alleinige Kommandosache der Klever SS. Sonstige Klever Bürger - mit Ausnahme den SS-Angehörigen selbst und einer HJ-Einheit - waren nicht beteiligt. 

Dieses Verbrechen führte zu einer zweiten Auswanderungswelle. Von 52 der rund 200 Juden aus Kleve lässt sich ihre rechtzeitige Emigration aus den Quellen belegen. Überall waren die jüdischen Familien bedacht ihre Kinder als erste in Sicherheit zu bringen. Nur wenige Kinder und Jugendliche, die vierjährige Hannelore Leffmann, die 13jährige Elisabeth Günther, sowie Werner und Alice Meyer mit 16 Jahren wurden mit ihren Eltern in ein Vernichtungslager deportiert; die meisten Opfer waren Ältere. Wer von den Juden jetzt noch aus Kleve herauskam, ging meist mittellos ins Ausland und fand nun auch in den sonst toleranten Niederlanden nur noch mit Mühe einen Platz. Auch die Vermögen der verbleibenden Juden wurden "sichergestellt"; die Eigentümer verloren die Verfügung darüber.  Zu den "Erben"  zählte auch die Stadt Kleve, die sich das Haus des Rabbiners neben der Synagoge und das Haus von Leffmann aneignete. 

Der letzte Akt der Verfolgung, die Ermordung der noch in der Stadt verbliebenen Juden, wurde 1941 mit der Verpflichtung, sichtbar auf der linken Brustseite ihrer Kleidung den gelben Judenstern zu tragen, eingeleitet. Inzwischen hatte man ihnen die Kleiderkarten gesperrt, sie erhielten keine Milch, keine Rauchwaren und keine Obst- und Süßigkeiten-Zuteilungen mehr. Juden durften keine Bücher oder Zeitungen kaufen, weder Badeanstalten, noch Fernsprecher oder Straßenbahnen benutzen, die Cafés und Gaststätten nicht mehr betreten. Aus ihren Wohnungen hatte die SS schon alle Elektrogeräte, Schreibmaschinen, Teppiche herausgeholt. Schließlich begann die Klever SS auch mit der "Arisierung" ihrer Wohnhäuser.

Ab Oktober 1941 erhielten die einzelnen Familien den Befehl, ihre Wohnungen zu räumen und in das "Judenhaus", das ehemalige Hotel Clever Hof, Klosterstraße 1, einzuziehen. Jeder durfte ein Bett, einen Stuhl, einen Schrank und einen Koffer mit Wäsche aus seiner Wohnung mitnehmen. Dort lebten sie in drangvoller Enge, in Hunger und psychischem Elend. Von dort wurden sie in vier Transportgruppen, die der Klever SD zusammenstellte, in die Vernichtungslager deportiert. Der Staat kassierte von jedem Betroffenen noch 50,00 RM als "Reisekosten" ein.

Eine Liste der im Holocaust umgekommenen Mitbürger finden Sie hier.

Euthanasie

Weitgehend ungeklärt sind noch die Verbrechen, die in der Landesklinik Bedburg-Hau ("Irrenanstalt") vorgekommen sind. Der Mantel des Schweigens wurde erstmals im Sommer 2002 ein wenig gelüftet.

Widerstand

Ein Lichtblick für den heutigen Betrachter der damaligen Ereignisse ist, dass immerhin so mancher Klever einen klaren Kopf behielt und zumindest stillschweigend Abstand von dem Terrorregime wahrte. Nur eine kleine Minderheit leistete aktiven Widerstand, und einige setzten dabei sogar ihr Leben ein. In diesem Zusammenhang seien etwa die Namen des Konsulatsbeamten Wilhelm Frede und des Philosophie-Professors Johannes Maria Verweyen genannt.

Ein stiller Beobachter, der Fotograf Otto Weber, hat - teilweise heimlich - das Leben in Kleve während der Nazi-Zeit in seinen Fotografien dokumentiert. Die Negative überstanden die Vernichtung der Stadt. Die Abzüge ergeben "Ein Photoalbum des gewöhnlichen Faschismus" (Passwortgeschützter Bereich)

Die Vernichtung Kleves

Der Zweite Weltkrieg kündigte sich in Kleve bereits im August 1939 an. Die Arbeiten am Westwall - der Verteidigungslinie entlang der deutschen Westgrenze von Kleve bis zur Schweizer Grenze - wurden intensiviert und dies führte zu einer Vielzahl von Einquartierungen.

Wenige Tage vor Kriegsausbruch, am 28. / 29. August 1939, erklärte die Heeresleitung Kleve zum Operationsgebiet. Ein Dreivierteljahr später - am 5. Mai 1940 - setzten sich die deutschen Truppen in Richtung Holland in Bewegung. Der Bürgermeister Ebel sah es so: "Einen wahrhaft geschichtlichen Tag für die Stadt stellte der 10. Mai 1940 dar, als in der Frühe die gewaltigen Kräfte unserer Luftwaffe über die Stadt dahinbrausten und die Wehrmacht zum Angriff auf Holland antrat, um die verhängnisvolle Bedrohung der Heimat abzuwenden". Nach dem raschen Sieg im Westen begannen für die Stadt ruhige Kriegsjahre.

13. Mai 1940: Die erste Bombe fällt auf Kleve

Tatort Geschichte: Am 10.05.1940 marschieren die deutschen Truppen in die Niederlande ein. Am 13. Mai 1940, heute vor 72 Jahren, fällt die erste Bombe in Kieve in der Sackstraße (Foto) und fordert sechs Todesopfer und sieben Verwundete. „Es dürfte sich hierbei um einen der ersten alliierten Bombenangriffen auf Deutschland - wenn nicht den ersten überhaupt - gehandelt haben", so Stadtarchivar Bert Thissen. 

Foto: Stadtarchiv Kleve / Text: Klever Wochenblatt, 13.05.2012

Das änderte sich schlagartig mit der erfolgreichen Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 in der Normandie. Die Nordarmee der Alliierten unter dem britischen Feldmarschall Montgomery rückte auf das nahe Nimwegen zu. 

Um den Vormarsch aufzuhalten, sollte um Kleve durch die verbliebenen Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren, ukrainischen Fremdarbeitern und HJ-Jungen ein Gräben- und Bunkersystem sowie breite Panzergräben gebaut werden. An den Sinn dieser Maßnahme glaubten wohl nur wenige, zumal die geschlagenen deutschen Truppen des Westheers in heilloser Flucht durch die Stadt in Richtung Wesel zogen. 

Am 17. September 1944 landeten die Amerikaner bei Wyler und Zyfflich. Die SA- und NSDAP-Führer, so erzählt man sich, wechselten die Uniformen gegen Zivilkleidung und sind mit den vorhandenen Fahrzeugen geflohen. 

Während der Oberkommandierende Eisenhower ein langsames Vorrücken auf "breiter Front" bis zum Rhein plante, vertrat Montgomery die Ansicht, die alliierten Armeen sollten mit einem "massiven Keil" die schwache deutsche Front in Belgien und Holland durchstoßen und über Nimwegen und Arnheim mit schnellen Panzertruppen noch vor dem Winter bis nach Münster gelangen. Die wichtigste Voraussetzung für ein solches Vorhaben war der Besitz intakter Brücken über die Maas, den Maas-Waal-Kanal, die Waal und den Niederrhein bei Arnheim. Der Sicherung dieser strategisch wichtigen Brücken diente die Luftlandeoperation vom 17. September, bei der eine englische Luftlandedivision die Brücke von Arnheim, zwei amerikanische Divisionen von Eindhoven aus die Maasbrücken und in Nimwegen die beiden Waalbrücken sichern sollten. Während die beiden letzteren ihr Ziel erreichten, traf die englische Luftlandedivision bei Arnheim aber auf so starke deutsche Gegenwehr, dass der Versuch, einen Brückenkopf jenseits des Rheins zu bilden, unter hohen Verlusten wieder aufgegeben werden musste.

Diese Niederlage führte zu einer Umstellung von Montgomerys Operationsplan: Nun wollte er den entscheidenden Vorstoß aus dem Brückenkopf Nimwegen nach Südosten auf die Weseler Brücke führen und hier den Übergang über den Rhein erzwingen. Die Stadt und der Raum Kleve wurden damit zum Ort der Entscheidungsschlacht.

Um jeden Widerstand von vornherein zu brechen wurde die Stadt mehrfach aus der Luft bombardiert. Die ersten Angriffe erfolgten am 23., 24. und 26. September. Dabei wurden der Bahnhof, die Unterstadtkirche und das Hospital zerstört.  Die folgenden zwei großen Luftangriffen - am 7. Oktober 1944 und am 7. Februar 1945 - jedoch vernichteten Kleve fast völlig.

Nach dieser schlimmsten Epoche für die Stadt Kleve und ihrer Bürger standen keine zweihundert Häuser mehr unversehrt. Zwei Angriffswellen genügten, um die 700jährige Stadt innerhalb von 30 Minuten zu zerstören und etwa 800 bis 1000 Einwohner zu töten. Durch eine frühere Evakuierung - sie erfolgte erst am 10. Oktober 1944 - wären die menschlichen Verluste wahrscheinlich niedriger ausgefallen! Die gesamte Stadt war zu einer einzigen Ruinenlandschaft geworden, alle ihre Kirchen zerstört, ihre Häuser zerbombt, ihre Straßen durch tiefe Krater unbegehbar geworden. Der Tagesbefehl vom 7. Februar 1945 - "Cleve has to be obliterated" - war Wirklichkeit geworden. 

Am 8. Februar wurde Kleve auch noch in Bodenkämpfe einbezogen. Als nach stundenlangem Trommelfeuer die schottischen und englischen Truppenverbände von Nimwegen nach Süden vorstießen, verirrte sich die 129. schottische Brigade: Statt Richtung Bedburg-Hau zu marschieren, bog sie mit ihren Panzern in die Stadt ab und stand unvermutet an der Königsallee. Deutsche Fallschirmjäger leisteten den Schotten in den Trümmern noch erbitterte Gegenwehr. Erst am späten Nachmittag des regennassen dunklen 11. Februar 1945, des Karnevalssonntags, erlosch überall der letzte Widerstand in dem chaotischen Trümmerhaufen der Stadt. Kleve war gefallen. Der Krieg und die Nazi-Herrschaft war für die Stadt beendet. 

Drei Wochen später war er nach einer verheerenden Panzerschlacht im Raum Bedburg-Hau/Keppeln/Uedem auch für das gesamte Niederrheingebiet zu Ende. Doch seine Bilanz war schrecklich. Ungezählte deutsche Soldaten hatte die Heeresführung für diese aussichtslose Verteidigungsschlacht geopfert, 53.000 von ihnen gingen in die Gefangenschaft. Auch 15.600 Engländer und Kanadier waren gefallen.  Der große britische Ehrenfriedhof (pdf-Datei, 170kb) im Reichswald und der deutsche Ehrenfriedhof auf der Donsbrügger Heide erinnern an diesen Wahnsinn.

zuletzt bearbeitet am 13.05.2012