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1933
war es auch in Kleve mit der Demokratie vorbei.
Dass
so viele Unterlagen über die nationalsozialistische Zeit von
1933 bis 1945 am Ende des Zweiten Weltkrieges aus dem
Stadtarchiv entfernt wurden, mag als Indiz dafür herhalten,
welch großes Unrecht während dieser Zeit auch in Kleve
geschehen war und dem Gedächtnis entzogen werden sollte.
Ausschaltung
der politischen Gegner
Nur
einen Tag nach der Machtergreifung
der Nationalsozialisten in Berlin am 30. Januar 1933
demonstrierte die Klever KPD. Gegen Ende der Veranstaltung kam
es zu einer Schlägerei zwischen Nazis und Kommunisten, die von
der Polizei beendet werden musste. Diese Ereignisse wiederholten
sich, denn noch vor den Gemeindewahlen am 12. März wollte die
NSDAP zeigen, wer jetzt die Macht in der Stadt besaß.
Die
SPD hatte am 23. Februar den ehemaligen Minister Hilferding als
Redner für eine Versammlung eingeladen. Die Nazis versuchten
dies durch eine Flugblatt-Aktionen (gegen den "negroiden
Juden Hilferding"), einen Stadtumzug und - als diese Maßnahmen
nicht halfen - eine Prügelei zu verhindern. Die Veranstalter
Karl van Dawen und Theodor Strohmenger wurden festgenommen,
mussten jedoch, da der Richter die Verhaftung nicht bestätigen
wollte, wieder freigelassen werden. Karl van Dawen emigrierte -
nach einer weiteren politisch bedingten Haft - nach Holland. Er
wurde 1941 in Amsterdam wieder ergriffen und ins KZ Buchenwald
transportiert, wo er nach dreimonatiger Haft starb.
Der
Terror
wurde durch die SA und die SS betrieben. Insgesamt 38
Mitglieder der KPD wurden vom 28. Februar bis Anfang April 1933
in der Stadt Kleve in "Schutzhaft". SA-Trupps
durchsuchten die Wohnungen der SPD-Mitglieder Wilhelm P., Johann
S., Wilhelm V. und Otto Schmidt, verhafteten diese und
schleppten sie in den Keller des Cafe Paris auf der Emmericher
Straße/Ecke Brienerstraße. Dort wurden sie vom
SS-Sturmtruppenführer Karl Ludwig und von SA-Leuten vom Sturm
4/25 schwer misshandelt. Wer von den gefangenen KPD-Leuten im
Gefängnis in der Krohnestraße in die Hände der dort
eingestellten SA-Hilfspolizei oder des Polizeimeisters Franz
Peters fiel, dem stand ein ähnliches Schicksal bevor. "Von
morgens bis abends drang das Stöhnen und Schreien der
Misshandelten durch die Hallen des Gefängnisses" (aus der
Beweisaufnahme des Krohnestraße-Prozesses, RP 14.02.1948).
Um
jedoch in Kleve an die "Macht" zu kommen, musste man
nicht vorrangig die Linken aus dem Felde schlagen. Die
eigentlichen Gegner waren das Zentrum, die diese Partei stützenden
kirchlichen Vereine und die bestehende Stadtverwaltung.
Das
zeigte sich bei den Wahlen im Frühjahr 1933. Bei den
Reichstagswahlen am 5. März erreichte die Wahlbeteiligung der
Klever Bürger 88,9 %. Die NSDAP bekam 27,5 %, das Zentrum 50,6%
der Stimmen. Trotz der Terrormaßnahmen erhielt die SPD noch 6,6
% und die KPD 8,6 %. Der nationalsozialistische Druck setzte
nunmehr auch gegen das Zentrum ein, zumal das Ergebnis der
Klever Kommunalwahl am 12. März das Ergebnis bestätigte. Kleve
war damit eine von den wenigen Mittelstädten in Preußen, in
denen das Zentrum noch über mehr als 50 % der Stimmen verfügte.
Bei
diesen Mehrheitsverhältnissen im Rat war eine Machtergreifung
auf legalem Wege unmöglich. Die NSDAP suchte daher andere Wege
um die Stadt in die Hand zu bekommen.
Unmittelbar
nach der Kommunalwahl, am 18. März 1933, beantragte der lokale
NS-Parteiführer Görlich beim Landrat die Suspendierung des Bürgermeisters
mit der Begründung, er habe die Zeichen der Zeit nicht
verstanden. Dies gelang zwar nicht sofort, aber am 19. Mai 1933
war Bürgermeister Steppkes suspendiert und ab Januar 1934
pensioniert. Ebenfalls aus dem Dienst entfernt wurden der Erste
Beigeordnete Baak, der Direktor der Stadtwerke, der Stadtbaurat
und der Verwaltungsdirektor der Stadtverwaltung. Etwa ein
Zehntel der städtischen Beamten hat demnach aus politischen Gründen
seinen Arbeitsplatz verloren. Görlich wurde kommissarisch zum Bürgermeister
ernannt.
Die
Position des Zentrums wurde zusätzlich durch die deutschen
Bischöfe geschwächt, die sich für eine Mitarbeit der
Katholiken im neuen Staat und in den nationalsozialistischen
Verbänden aussprachen. Daraufhin traten in Kleve vier
Stadtverordnete des Zentrums zur NSDAP über. Damit konnten die
Nazis über 14 von 27 Sitzen verfügen. Im Mai legte der
Ratsherr Otto Schmidt von der SPD sein Mandat nieder. Görlich
entschied: Die Zahl der Stadtverordneten wird auf 26
herabgesetzt, einen anderen Vertreter darf die SPD nicht
benennen. Der Bürgermeister hatte sein Ziel damit
erreicht.: Die Nationalsozialisten verfügten über die Mehrheit
in der Stadtverordnetenversammlung.
Am
5. Juli löst sich das Zentrum
auf. In Kleve wurden die ausscheidenden Zentrumsvertreter durch
Nazis ersetzt. Nach der Auflösung des Zentrums und der
Zerschlagung der Linksparteien suchten viele Klever um Aufnahme
bei der NSDAP nach. Das bedeutete aber für die meisten wohl
kaum, dass sie sich mit den ideologischen Lehren des
Nationalsozialismus identifizierten. Die Klever Begeisterung
wahrte stets bestimmte Grenzen. Anders verhielt es sich bei der
Einschätzung von Adolf Hitler. Ihn hielten sie für den großen
nationalen Führer, den Mann aus dem Volke, den genialen Urheber
der außenpolitischen und wirtschaftlichen Erfolge. An der
bereits 1933 erfolgten Umbenennung der Hagsche Straße in
Adolf-Hitler-Straße und der Ernennung des Führers zum Ehrenbürger
störten sich (anfangs) wohl nur wenige.
Die
Gleichschaltung der Vereine folgte. Die Vorgehensweise war immer
gleich: Bei den Jahreshauptversammlungen stellte der bisherige
Vorsitzende oder Vorstand sein Amt zur Verfügung und
verzichtete zu Gunsten von Parteigenossen auf eine weitere
Kandidatur.
Die
Einführung der Preußischen Gemeindeordnung am 1. Dezember 1933
bedeutete das endgültige Ende der Bürgervertretung und die
Einführung des Führerprinzips in der Verwaltung.
Die
nationalsozialistischen Bürgermeister und das Ehrenmal
Im
selben Monat wurde auch der Bürgermeister Görlich von seinen
Pflichten entbunden. Er wollte in der Innenstadt ein
Kriegerdenkmal errichten und griff damit einen Gedanken aus den
zwanziger Jahren auf. Er forderte alle Betriebe und Vereine auf,
für die gute Sache zu spenden. Die städtischen Beamten mussten
sich einen Gehaltsabzug zugunsten des Ehrenmals gefallen lassen.
Den Bogen überspannte er, indem er Firmen, die in Kleve geschäftlich
tätig sein wollten, Spenden abpresste. Sein Nachfolger wurde
der Referendar Karl Puff.
Puff
war bereits seit Mai 1929 SA-Mitglied - zuletzt Obersturmführer
- und seit Dezember 1929 Mitglied der Partei. Er galt als enger
Freund des zuständigen Gauleiters Terboven. Sein erfolgloses
Ringen mit seiner Muttersprache gab viel Anlass zu Gelächter.
Eine Probe aus dem Schreiben, mit der er die Herausgabe der
Dienstwohnung von seinem Vorgänger verlangte: "Sie
werden verstehen, daß ich nicht in der Lage bin, die Möglichkeit
Tatsache werden zu lassen, daß am 1. April die Wohnung nicht
geräumt werden kann". Noch stärker belastete die
Neigung zum Alkohol seine Stellung.
Unter
Puff wurde das Ehrenmal Wirklichkeit. Am 22.10.1934 wurde im
Kreuzungsbereich von Stechbahn und Ringstraße der Festplatz
eingeweiht, der von der NSDAP zur Selbstdarstellung genutzt
wurde (erstes Foto,
zweites Foto
(Passwortgeschützter
Bereich)).
Bei der Einweihungsfeier kam es zu einem Fauxpas
(Passwortgeschützter
Bereich).
Das Denkmal, von Mataré
erschaffen, stieß bei den Machthabern und bei großen Teilen
der Bevölkerung auf wenig Sympathie. Dennoch dauerte es bis Mai
1938 als in einer Nacht- und Nebelaktion der "Gefallene
Krieger" auf Anordnung von Puffs' Amtsnachfolgers
demontiert wurde. Heute findet sich das Denkmal auf dem Vorplatz
der Stiftskirche. Das Ehrenmal hingegen wurde nach dem Krieg
abgebaut. Die Steine bilden die Befestigungsmauer der Gruftstraße.
Im
April 1936 wurde die Stadt Kleve vom Bürgermeister Puff durch
seinen "freiwilligen Rücktritt" erlöst. Zuvor hatten
einige Klever anonym seine gesammelten Untaten dem Innenminister
gemeldet.
Kurt
Ebel, ein solider Verwaltungsfachmann, wurde der dritte
nationalsozialistische Bürgermeister in Kleve. Er war überzeugter
Nationalsozialist, Träger des "Goldenen
Parteiabzeichens". Wie nur ganz wenige seiner Zunft meldete
er sich bei Kriegsausbruch freiwillig zur Wehrmacht. Die
kommissarische Leitung der Stadt übernahm während Ebels
Abwesenheit der Griethausener Amtsbürgermeister Otto Marx.
Kirche
und Jugendarbeit
Anfangs
setzte die Regierung des "Tausendjährigen Reiches"
auf eine Zusammenarbeit mit der Kirche und stieß dabei auch auf
offene Ohren. Das ändert sich bereits 1934 als der grundlegende
Konflikt zwischen dem Totalitätsanspruch des
Nationalsozialismus und dem Eigenrecht der Kirche in das
Bewusstsein der Klever Gläubigen auftrat. Beispielsweise wurden
die Beamten genötigt, ihre Kinder aus den kirchlichen
Jugendverbänden abzumelden oder den katholischen Jugendführern
und Seelsorgern wurde alle geselligen und sportlichen Aktivitäten
verboten. Die einzelnen Jugendführer gaben nicht kampflos auf,
sondern setzten mit beträchtlichem Mut ihre nun illegal
gewordene Arbeit fort:
Matthias
Mertens, 1932 - 1935
Kaplan in Materborn, später in Oberhausen-Sterkrade, 1934
Hausdurchsuchung und Verhör durch die Gestapo, 1935
Gerichtsverfahren, 1941 Schutzhaft, 1942 KZ Dachau.
Kaplan
Hetterix, Betreuer der
Sturmschar, 1937 Hausdurchsuchung.
Willi
Leisner,
Bezirksjungscharführer,1937 Hausdurchsuchung.
Karl
Leisner, von 1934 bis 1936 Diözesanjugendführer, 1937
Hausdurchsuchung, 1938 Vernehmung durch die Gestapo, 1939 KZ
Sachsenhausen, später KZ Dachau.
Kaplan
Bausch,
Jugendseelsorger, 1938 Gerichtsverfahren vor einem Sondergericht
in Düsseldorf.
Willi
Bodden, Bezirksleiter
des Jungmännerverbande, wurde 1934 verhaftet, weil er im
Verdacht stand, ein "Hetzlied" gegen die NSDAP am
Arbeitsplatz bei der Firma Hoffmann verfasst bzw. verbreitet zu
haben, und verbüßte eine mehrmonatige Gefängnisstrafe.
Jan
van Rooy, Nachfolger
Boddens als Bezirksleiter des Jungmännerverbandes. Mehrfach bei
der Gestapo verhört aufgrund der von ihm verfassten Rundbriefe
an die Verbandsmitglieder. Ende Oktober 1937 Vernehmung bei der
Gestapo und Hausdurchsuchung im Zusammenhang mit einer ortsübergreifenden
Aktion gegen den Jungmännerverband.
Kaplan
Renneberg, Kellen, 1940
Überwachung seiner Jugendarbeit durch die Gestapo.
...
Bis
zum Beginn des Krieges 1939 war es der Partei gelungen, die öffentliche
Arbeit der Kirchen auf wesentlichen Gebieten einzuengen und dies
setzte sich während der Kriegsjahre fort.
Das
Tagebuch
von Pastor Bullmann, Ehrendechant in Kellen, gehört zu den
wenigen Quellen, die aus kirchlicher Sicht einen Einblick in das
Alltagsleben in Kleve während des Nationalsozialismus erlauben.
Die
Verfolgung der Klever Juden
Es
steht fest, dass während des Dritten Reiches auch die Juden
in Kleve (Passwortgeschützter
Bereich) diskriminiert und drangsaliert wurden. Auch hier
wurde im November 1938 die Synagoge niedergebrannt
(Reichskristallnacht: »Befehl
ausgeführt« , Eine
Zeugin erzählt). Auch von hier aus wurden die Juden schließlich
in die Massenvernichtungslager abtransportiert, sofern es ihnen
vorher nicht gelang, sich diesem Schicksal durch Flucht zu
entziehen. Von rund 150 (andere Quellen sprechen von 200) Juden,
die zu Beginn des Dritten Reiches in Kleve zu Hause waren, sind
damals etwa 50 im Rahmen des offiziellen Mord-Programms
umgekommen (»Wo
sind sie denn geblieben?« - Jugenderinnerungen an Klever Juden).
Damit verlor die Stadt eine Glaubensgruppe, die seit mindestens
450 Jahren in Kleve (Passwortgeschützter
Bereich) ansässig gewesen war. Der jüdische
Friedhof an der Ernst-Goldschmidt-Straße gibt Zeugnis von
dieser Epoche. An den Synagogenplatz
hingegen erinnerte bis zum Jahr 2001 nur eine große - versteckt
angebrachte - Bronzeplatte.
Die
Juden zählten meist zu den Kaufleuten, Metzgern und Gastwirten.
Daneben gab es einige Angestellte im Handel und in der
Industrie, eine Handvoll jüdischer Akademiker, Ärzte und
Juristen in der Stadt. Die jüdischen Geschäftsleute betrieben
vorrangig Textilhandel und an zweiter Stelle Viehhandel.
Eine
Reihe von Textilgeschäften zog sich die Große Straße und die
Hagsche Straße hinauf. Angefangen vom Kaufhaus Weyl, dem größten
Kaufhaus in Kleve, das die Familie Weyl 1929 an die Firma
Hermann Tietz verkauft hatte, lagen dort: "Carl Meyer
Spezialhaus für elegante Herrenmoden und Pelzwaren" (Große
Str. 35), der "Bazar S. Mildenberg", ein Haushalts-,
Luxus-Galanteriewaren- und Spielwarengeschäft (Nr.47), daneben
Rosenbergs "Herren- und Knabenbekleidung" (Nr.49). Es
folgte Ludwig Hertz' Spezialgeschäft für Herrenmoden
"Prince of Wales" (Nr.70) und Siegfried Cosmanns
"Modehaus für sämtliche Bedarfsartikel" (Nr.90).
Dazwischen befand sich noch der "Hosenmayer", das
Geschäft von Julius und Albert Mayer. Ging man über den
Fischmarkt weiter hinauf, so folgte auf der linken Seite das große
"Manufaktur-, Konfektions- und Ausstattungsgeschäft"
von Emil Leffmann (Nr.9-11), der noch ein zweites Geschäft auf
der Kirchstraße und ein weiteres in Emmerich besaß. Dazu kam
auf der Hagschen Straße das Herrenbekleidungsgeschäft der Gebrüder
Spatz. Hermann Gonsenheimers "Manufakturwaren, Herren- und
Damenkonfektion" nahm das Eckhaus von Großer und
Kavariner-Straße ein. Suchers Textilwarengeschäft auf der
Herzogstraße und Siegfried Rosenthal mit seinem Geschäft
"Herren- und Knabenbekleidung" (Kirchstraße 29)
runden die Liste der jüdischen Textilhandlungen ab.
Im
Viehhandel galt Bernhard Gonsenheimer (Kavarinerstr-42) als führend,
aber auch die Familien Baum (Wasserstr. 4) und Cohen (Hagsche
Str.28), Franken (Tiergartenstr.14), Kiefer (Hafenstraße 30)
und Rosenkrantz (Drususstr. 4) waren im Viehhandel tätig.
Großes
Ansehen in der Stadt genossen der Gynäkologe
Dr. Walther Jakob und der praktische Arzt Dr. Ernst Spier. Der
ebenfalls bekannte und beliebte Tierarzt Dr. Max Wolff
(Emmericher Str.28) konnte noch sein 50jähriges Praxisjubiläum
in Kleve feiern, ehe er 1939 in die Emigration gehen musste. Der
Rechtsanwalt Kurt Levi Neuwahl und Dr. Walther Gerhard Haas,
damals Referendar am Landgericht in Kleve, waren die einzigen jüdischen
Juristen in der Stadt.
Die
jüdische Bevölkerung war zwar nicht voll integriert aber
toleriert in Kleve. Viele jüdische Bürger konnten auf einen
Einsatz im Ersten Weltkrieg verweisen. Siegfried Cosman, ein
wohlhabender Textilkaufmann (sein
Geschäft sehen Sie links auf dem Foto (Passwortgeschützter
Bereich)), wandelte während
des Weltkrieges eines seiner Häuser in ein Soldatenheim um, wo
er persönlich für verwundete Soldaten sorgte. Er betreute die
Aufstellung des "Eisernen
Mannes" am Fischmarkt und organisierte die Sammlung
"Gold gab ich für Eisen", zur finanziellen Unterstützung
des Krieges. Neben dem Bürgermeister Wulff wurde er 1918 in den
"Arbeiterrat"
gewählt.
Das
Leben der jüdischen Bevölkerung änderte sich schlagartig mit
dem Regierungsantritt der Nazis am 30. Januar 1933. In den
folgenden zehn Jahren wurde in Kleve aus einer angesehenen und
wohlhabenden Bevölkerungsgruppe eine verarmte, sozial
verachtete, rechtlose Minderheit, von der schließlich ungefähr
50 Menschen von Staats wegen ermordet wurden.
Bereits
im März 1933 ordnete die örtliche Parteiführung die Schließung
einer Reihe jüdischer Geschäfte an. Zwar wurde dies -
aufgrund lebhafter Proteste - wieder schnell rückgängig
gemacht, aber ab dem 1. April standen SA-Posten vor den jüdischen
Geschäften auf der Großen Straße und der Hagschen Straße.
"Deutsche kauft nicht bei Juden", forderten sie auf
ihren Transparenten. "Es dauerte daher nicht lange, und
keiner wagte mehr bei uns zu kaufen", beschrieb der
Textilkaufmann Max Gonsenheimer die geschäftliche Situation.
Eine ganze Reihe von jüdischen Geschäften musste 1933/34
aufgeben; so auch Max Gonsenheimer: Er verpachtete das Geschäft
zunächst, hatte es dann aber im Zuge der "Arisierung"
1939 der Familie Doherr zu übergeben. 1938 bestand mit dem
Textilhaus Emil Leffmann nur noch ein einziges jüdisches Geschäft
in Kleve.
Die
Ärzte Dr. Jacob und Dr. Spier verloren am 22. April 1933 die
Zulassung zu den Kassen und mussten sich auf die Behandlung von
Privatpatienten beschränken. Aus Existenznot emigrierten beide
1937.
Auswanderung
war bei vielen Klever Juden die Lösung. Ihre relativer
Wohlstand, ihre Sprachkenntnisse, die Nähe der niederländischen
Grenze unterstützten diese Vorhaben.
Den
Klever Bürgern hätte die bedrängte Lage ihrer jüdischen Mitbürger
schon 1933 deutlich werden müssen. Im April behängte die SA
den jungen Juden Max Gonsenheimer und ein "arisches" Mädchen
mit Schildern, auf denen ihre "rasseschänderischen"
Beziehungen angeprangert wurden und trieb sie die Große Straße
hinunter. Es fehlte nicht an Zuschauern! Zwei Jahre später
wurde auch der Klever Rabbiner Mannheimer wegen "rasseschänderischer
Beziehungen" zu einer Hausangestellten angeklagt. Der
Klever Rechtsanwalt Franz van de Loo, Vater des späteren Bürgermeisters
Richard van de Loo, verteidigte den Angeklagten und bewies
dessen Unschuld. Zum Dank bezeichneten ihn die Nazis als
"schwarzen Hund" und "Judenanwalt".
Vor seiner Praxistür wurde eine als Rabbiner gekleidete Puppe
mit dem Schild "Als Verteidiger jüdischer Rassenschänder
empfiehlt sich Franz van de Loo" aufgestellt. Im Klever
Karnevalsumzug von 1936 machte sich eine Gruppe über die jüdischen
Mitbürger lustig (Passwortgeschützter
Bereich). Zivilcourage blieb - wie überall in
Deutschland - die mutige Ausnahme!
Der
Judenprogrom
vom 10. November 1938 leitete dann auch in Kleve die letzte
Phase der Verfolgung, den unverhüllten Terror ein. Die Zerstörung
der Synagoge und des einzig verbliebenen jüdischen Geschäftes
von Emil Leffmann war alleinige Kommandosache der Klever SS.
Sonstige Klever Bürger - mit Ausnahme den SS-Angehörigen
selbst und einer HJ-Einheit - waren nicht beteiligt.
Dieses
Verbrechen führte zu einer zweiten Auswanderungswelle. Von 52
der rund 200 Juden aus Kleve lässt sich ihre rechtzeitige
Emigration aus den Quellen belegen. Überall waren die jüdischen
Familien bedacht ihre Kinder als erste in Sicherheit zu bringen.
Nur wenige Kinder und Jugendliche, die vierjährige Hannelore
Leffmann, die 13jährige Elisabeth Günther, sowie Werner und
Alice Meyer mit 16 Jahren wurden mit ihren Eltern in ein
Vernichtungslager deportiert; die meisten Opfer waren Ältere.
Wer von den Juden jetzt noch aus Kleve herauskam, ging meist
mittellos ins Ausland und fand nun auch in den sonst toleranten
Niederlanden nur noch mit Mühe einen Platz. Auch die Vermögen
der verbleibenden Juden wurden "sichergestellt"; die
Eigentümer verloren die Verfügung darüber. Zu den
"Erben" zählte auch die Stadt Kleve, die sich
das Haus des Rabbiners neben der Synagoge und das Haus von
Leffmann aneignete.
Der
letzte Akt der Verfolgung, die Ermordung der noch in der Stadt
verbliebenen Juden, wurde 1941 mit der Verpflichtung, sichtbar
auf der linken Brustseite ihrer Kleidung den gelben Judenstern
zu tragen, eingeleitet. Inzwischen hatte man ihnen die
Kleiderkarten gesperrt, sie erhielten keine Milch, keine
Rauchwaren und keine Obst- und Süßigkeiten-Zuteilungen mehr.
Juden durften keine Bücher oder Zeitungen kaufen, weder
Badeanstalten, noch Fernsprecher oder Straßenbahnen benutzen,
die Cafés und Gaststätten nicht mehr betreten. Aus ihren
Wohnungen hatte die SS schon alle Elektrogeräte,
Schreibmaschinen, Teppiche herausgeholt. Schließlich begann die
Klever SS auch mit der "Arisierung" ihrer Wohnhäuser.
Ab
Oktober 1941 erhielten die einzelnen Familien den Befehl, ihre
Wohnungen zu räumen und in das "Judenhaus", das
ehemalige Hotel Clever Hof, Klosterstraße 1, einzuziehen. Jeder
durfte ein Bett, einen Stuhl, einen Schrank und einen Koffer mit
Wäsche aus seiner Wohnung mitnehmen. Dort lebten sie in
drangvoller Enge, in Hunger und psychischem Elend. Von dort
wurden sie in vier Transportgruppen, die der Klever SD
zusammenstellte, in die Vernichtungslager
deportiert. Der Staat kassierte von jedem Betroffenen noch 50,00
RM als "Reisekosten" ein.
Eine
Liste der im Holocaust umgekommenen Mitbürger finden Sie hier.
Euthanasie
Weitgehend
ungeklärt sind noch die Verbrechen,
die in der Landesklinik Bedburg-Hau ("Irrenanstalt")
vorgekommen sind. Der Mantel des Schweigens wurde erstmals im
Sommer 2002 ein wenig gelüftet.
Widerstand
Ein
Lichtblick für den heutigen Betrachter der damaligen Ereignisse
ist, dass immerhin so mancher Klever einen klaren Kopf behielt
und zumindest stillschweigend Abstand von dem Terrorregime
wahrte. Nur eine kleine Minderheit leistete aktiven Widerstand,
und einige setzten dabei sogar ihr Leben ein. In diesem
Zusammenhang seien etwa die Namen des Konsulatsbeamten Wilhelm
Frede und des Philosophie-Professors
Johannes
Maria Verweyen genannt.
Ein
stiller Beobachter, der Fotograf Otto Weber, hat - teilweise
heimlich - das Leben in Kleve während der Nazi-Zeit in seinen
Fotografien dokumentiert. Die Negative überstanden die
Vernichtung der Stadt. Die Abzüge ergeben "Ein
Photoalbum des gewöhnlichen Faschismus"
(Passwortgeschützter
Bereich).
Die
Vernichtung Kleves
Der
Zweite Weltkrieg kündigte sich in Kleve bereits im August 1939
an. Die Arbeiten am Westwall - der Verteidigungslinie entlang
der deutschen Westgrenze von Kleve bis zur Schweizer Grenze -
wurden intensiviert und dies führte zu einer Vielzahl von
Einquartierungen.
Wenige
Tage vor Kriegsausbruch, am 28. / 29. August 1939, erklärte die
Heeresleitung Kleve zum Operationsgebiet. Ein Dreivierteljahr später
- am 5. Mai 1940 - setzten sich die deutschen Truppen in
Richtung Holland in Bewegung. Der Bürgermeister Ebel sah es so:
"Einen wahrhaft geschichtlichen Tag für die Stadt stellte
der 10. Mai 1940 dar, als in der Frühe die gewaltigen Kräfte
unserer Luftwaffe über die Stadt dahinbrausten und die
Wehrmacht zum Angriff
auf Holland antrat, um die verhängnisvolle Bedrohung der
Heimat abzuwenden". Nach dem raschen Sieg im Westen
begannen für die Stadt ruhige Kriegsjahre.
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13.
Mai 1940: Die erste Bombe fällt auf Kleve
Tatort
Geschichte: Am 10.05.1940 marschieren die deutschen
Truppen in die Niederlande ein. Am 13. Mai 1940, heute
vor 72 Jahren, fällt die erste
Bombe in Kieve in der Sackstraße (Foto) und fordert
sechs Todesopfer und sieben Verwundete. „Es dürfte
sich hierbei um einen der ersten alliierten
Bombenangriffen auf Deutschland - wenn nicht den ersten
überhaupt - gehandelt haben", so Stadtarchivar
Bert Thissen.
Foto:
Stadtarchiv Kleve / Text: Klever Wochenblatt, 13.05.2012 |
Das
änderte sich schlagartig mit der erfolgreichen Landung
der Alliierten am 6. Juni 1944 in der Normandie. Die
Nordarmee der Alliierten unter dem britischen Feldmarschall
Montgomery rückte auf das nahe Nimwegen zu.
Um
den Vormarsch aufzuhalten, sollte um Kleve durch die
verbliebenen Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren, ukrainischen
Fremdarbeitern und HJ-Jungen ein Gräben- und Bunkersystem sowie
breite Panzergräben gebaut werden. An den Sinn dieser Maßnahme
glaubten wohl nur wenige, zumal die geschlagenen deutschen
Truppen des Westheers in heilloser Flucht durch die Stadt in
Richtung Wesel zogen.
Am
17. September 1944 landeten die Amerikaner bei Wyler und
Zyfflich. Die SA- und NSDAP-Führer, so erzählt man sich,
wechselten die Uniformen gegen Zivilkleidung und sind mit den
vorhandenen Fahrzeugen geflohen.
Während
der Oberkommandierende Eisenhower ein langsames Vorrücken auf
"breiter Front" bis zum Rhein plante, vertrat
Montgomery die Ansicht, die alliierten Armeen sollten mit einem
"massiven Keil" die schwache deutsche Front in Belgien
und Holland durchstoßen und über Nimwegen und Arnheim mit
schnellen Panzertruppen noch vor dem Winter bis nach Münster
gelangen. Die wichtigste Voraussetzung für ein solches Vorhaben
war der Besitz intakter Brücken über die Maas, den
Maas-Waal-Kanal, die Waal und den Niederrhein bei Arnheim. Der
Sicherung dieser strategisch wichtigen Brücken diente die
Luftlandeoperation vom 17. September, bei der eine englische
Luftlandedivision die Brücke von Arnheim, zwei amerikanische
Divisionen von Eindhoven aus die Maasbrücken und in Nimwegen
die beiden Waalbrücken sichern sollten. Während die beiden
letzteren ihr Ziel erreichten, traf die englische
Luftlandedivision bei Arnheim aber auf so starke deutsche
Gegenwehr, dass der Versuch, einen Brückenkopf jenseits des
Rheins zu bilden, unter hohen Verlusten wieder aufgegeben werden
musste. |