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Die Schweizer Spende
Ein Besuch weckt Erinnerungen von Heinz Scholten
Zeitschrift des Klevischen Heimat- und Verkehrsvereins e. V., Heft Nr. 2,
Kleve April 1983, Seite 12 ff |

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Ein
Besuch weckt Erinnerungen
Von
links nach rechts:
Fräulein Reuschenbach und Fräulein Schoofs vom Deutschen
Roten Kreuz, Elsbeth Preiswerk und Therese Bühlmann von
der Schweizer Spende vor der Baracke an der Spyckschule im
Winter 46/47. |
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Der
Besuch von Frau Therese Flink-Bühlmann im Schwanenturm und der
Bericht von Hein Alders darüber in der ersten Ausgabe unserer
Zeitschrift haben Erinnerungen an eine Institution wiedererweckt,
deren segensreiches Wirken in Kleve fast schon vergessen schien.
Zahlreiche
Leser unserer Zeitschrift haben sich gemeldet, von der
„Schweizer Spende" erzählt, einige haben auch Frau Flink-Bühlmann
geschrieben. Wir erhielten von ihr einen sehr netten Brief, in dem
sie uns so lebendig, als sei alles gerade geschehen, von ihrer Tätigkeit
in Kleve berichtet: „In einer Fleischkonservenfabrik kochten wir
täglich nahrhafte Suppe, die speziell an Schulkinder verteilt
wurde. Werdende Mütter und Säuglinge erhielten regelmäßig Nährmittel.
In einer Baracke war ein Kinderhort eingerichtet, in einer anderen
wurde angehenden Schneiderinnen und Schuhmachern
Berufsschulunterricht in Theorie und Praxis erteilt und das
Material zur Verfügung gestellt. Abends konnten Mütter die Nähmaschinen
benützen und auch stricken, aus gespendeten Stoffen und Wolle.
Auch
Schuhe und Kleider wurden an Hilfsbedürftige gegeben, die uns von
Fürsorgerinnen zugewiesen wurden. Eine davon hieß meines
Erinnerns Therese Giesen. Ob sie noch lebt? Die
Berufsschullehrerin hieß Eberling; ein Fräulein Reuschenbach war
die ganze Zeit als Sekretärin für uns tätig. Sie könnte Ihnen
vieles berichten, wenn Sie sie ausfindig machen können.
Auch
in Goch waren wir, in kleinerem Umfang, tätig.
Wir
sind im letzten Frühjahr eher zufällig in Ihr lehrreiches Museum
gelangt. Ich wollte eigentlich nur auf den Turm, um mir einen Überblick
über die Stadt zu verschaffen, da ich mich kaum zurechtfand. Ich
hatte ja nur ganze Straßenzüge in Trümmern erlebt, vielfach
noch ohne Namensschilder. Noch schlimmer sah es in Emmerich aus.
Es war der Winter, wo der Rhein wochenlang zugefroren war und wir
noch im März Mühe hatten, nach Goch durchzukommen, wegen des
Schnees. Unter den Baracken war ein Eisfeld und der Wind blies von
allen Seiten durch."
Es
ist der Winter 1946/47, der plötzlich wieder vor unserem Auge
steht, mit seiner strengen Kälte, die den Rhein erstarren ließ,
aber auch mit der Wärme, die uns entgegenkam aus den Herzen der
Schweizer Schwestern und aus den "Kanonenöfen" in
unseren Wohnzimmern.
Von
Januar 1946 bis Juni 1948 war die Schweizer Spende in Kleve tätig,
die Schweizer Caritas noch bis März 1949. Das Kinderheim des
Deutschen Roten Kreuzes im Haus Brienen, unter der Patenschaft der
Schweizer Spende im März 1948 eröffnet, wurde noch bis Ende März
1958 weitergeführt.
In
einer würdigen Feier in der Skala - damals noch in der Turnhalle
der Spyckschule - haben die Klever am 23. Mai 1948 zum
bevorstehenden Abschied den Damen der Schweizer Spende ihren Dank
ausgesprochen. Die Feierstunde war umrahmt von musikalischen
Darbietungen (W. Werres, Klavier, A. Raibmair, B. Baak, Violine,
A. Giers, Violoncello) und Rezitationen (Josef Wirtz, Theater am
Niederrhein).
Landrat
Albers, Bürgermeister Reintjes (Kleve), Bürgermeister Moll
(Goch), Bürgermeister van Aacken (Emmerich) sprachen den Dank des
Kreises und der Gemeinden aus, und Frau Sallermann sprach für das
Deutsche Rote Kreuz.
Dr.
Stapper rief zum Schluß seiner Rede aus: „Es ist uns ein
Schmerz, mit leeren Händen zu danken. Doch die Flamme der Liebe
soll gehütet werden, daß sie nicht verlöschet. |

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Der
folgende Beitrag bringt eine ausführliche Würdigung des
Wirkens der Schweizer Spende. Er wurde vom damaligen
Stadtdirektor Bernhard Baak nach seiner Pensionierung im
Jahre 1954 verfaßt. Herr Baak lebt heute (Anm.: April
1983) im Franziskushaus an der Spyckstraße.
Dank
an die Schweizer Spende und die Schweizer Caritas
Die
Schweizer Spende wurde durch einen Beschluss des Schweizer
Bundesrates im Jahre 1944 ins Leben gerufen, um ein Werk
der Menschlichkeit an den vom Kriege besonders schwer
heimgesuchten Völkern zu vollbringen. Die eidgenössischen
Räte bewilligten einstimmig einen Kredit von 100
Millionen Schweizer Franken und später nochmals 52,5
Millionen Schweizer Franken. Das Schweizer Volk steuerte
in einer Sammlung weitere 50 Millionen Sfr bei, so dass
der Schweizer Spende über 200 Millionen Sfr zur Verfügung
standen. |
| Bernhard
Baak, Stadtdirektor der Stadt Kleve vom 07.06.1946
bis zum 30.04.1954 |
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Als
im Winter 1945/46 die Not des deutschen Volkes einen Grad erreicht
hatte, der eine Katastrophe befürchten ließ, rief der Schweizer
Bundesrat mit seinem >Hungerplan< zu einer Soforthilfe an
einer Million hungernder Kinder in Europa auf, wofür er einen
Betrag von 16 Millionen Sfr bewilligte. Der erste Einsatz dieser
Sonderaktion geschah in Deutschland im Januar 1946 und wurde der
Schweizer Spende übertragen, die schon Erfahrungen in anderen Ländern
gesammelt hatte. Die Schweizer Spende erhielt von der britischen
und der französischen Militärregierung die Erlaubnis, in ihren
Besatzungszonen soziale Zentren mit eigenem Personal einzurichten.
Die amerikanische und die russische Besatzung ließen nur
Warensendungen zu. Der größte Teil der Mittel floß daher in die
britische und französische Besatzungszone. In diesen beiden Zonen
errichtete die Schweizer Spende dreizehn soziale Zentren, die sie
durch schweizerische Hilfsorganisationen betreuen ließ. Die für
die Städte Kleve und Goch auf dem Platz der Unterstadtschule in
Kleve errichtete Niederlassung stand im ersten Jahre unter der
Betreuung des Hilfswerks der Evangelischen Kirchen der Schweiz und
wurde danach, als einziges der 13 Zentren, bis zum Schluß der
Aktion von der Schweizer Spende selbst geleitet.
Die
Gesamtausgabe der 13 sozialen Zentren beläuft sich auf 35
Millionen Sfr. Dazu kommen noch die gewaltigen Warenmengen, die
nicht durch die sozialen Zentren gingen, die Lebensmittel- und
Warensendungen in die amerikanische und sowjetische Zone, die
Schulspeisungen in vielen Städten, die Schülerkantinen für
tuberkulosegefährdete Kinder und unterernährte Lehrlinge, die
Ferienlager, eine Reihe von ganzen Siedlungen - in Emmerich
entstand das >Schweizer Dorf< mit 28 Holzhäusern, die
Notspitäler, die Heilmittelsendungen und die von der Schweizer
Spende finanzierte >Schweizer Bücherspende<, die Bücher im
Werte von 397000 Sfr an zerstörte Büchereien und für die
deutschen Kriegsgefangenen in England lieferten, und vieles andere
mehr.
Einige
Hilfszweige der hiesigen Niederlassung verdienen besonders genannt
zu werden. Die Schweizer Spende gründete und unterhielt den
Kinderhort, dessen Leiterin von der Stadt angestellt und besoldet
wurde. Sie finanzierte auch das vom Deutschen Roten Kreuz im Hause
Brienen eingerichtete Kindererholungsheim, in dem durchschnittlich
40 bis 50 Kinder sechs Wochen lang verpflegt wurden. In der unter
der ehrenamtlichen Leitung der Gewerbeoberlehrerin Fräulein
Eberling stehenden Flick- und Strickstube wurden unter der
Beteiligung der örtlichen caritativen Organisationen in
ehrenamtlicher Mitarbeit vieler hiesiger Frauen und junger Mädchen
die von der Zentrale der Schweizer Spende gelieferten Stoffe
verarbeitet. An den Nähmaschinen in der Nähstube konnten Frauen
und Mütter die ihnen zugeteilten Stoffe verarbeiten. Das war eine
große Wohltat, da nur wenige Nähmaschinen in den hiesigen
Haushaltungen den Krieg überlebt hatten. Die Schweizer Spende
stellte ihre Tätigkeit Ende Juni 1948 ein. Dank ihrer Vermittlung
führte die Schweizer Caritas folgende Zweige bis Ende März 1949
fort: die Näh-, Flick- und Strickstube, den Kinderhort, die
Unterstützung des Kinderheimes Brienen, die Kleiderausgabe und
die Ausgabe von Zusatzverpflegung für kranke Kinder. Leider liegt
über diesen letzten Abschnitt der Hilfe aus der Schweiz kein
abschließender Bericht vor, es sind jedoch auch in diesen Monaten
so bedeutende Leistungen vollbracht worden, daß man den
Gesamtwert der Leistung der Schweizer mit 600000 Schweizer Franken
gewiß nicht überschätzen wird.
Als
die Schweizer Spende Kleve verließ, übergab sie durch einen
Vertrag vom 3. Juli 1948 ihre drei Baracken der Stadt Kleve
geschenkweise zum Eigentum mit der Verpflichtung, sie in
gepflegtem Zustande zu erhalten und der Hilfe für Kinder und
Notleidende und für kulturelle Zwecke zur Verfügung zu stellen.
Die Kindergärten der katholischen Unterstadtpfarre und der
evangelischen Gemeinde erhielten sie als Heim.
Mögen
diese Zeilen dazu beitragen, daß die Schweizer Spende und die
Schweizer Caritas und ihre freundlichen Schwestern, die in der
Zeit der höchsten Not zu uns gekommen sind, um zu helfen, in
Kleve stets unvergessen bleiben! Sie brachten nicht nur materielle
Hilfe, sie gaben überall, wo sie erschienen, dem in der ganzen
Welt verhaßten und verachteten deutschen Volk neue Zuversicht und
den Mut zum Wiederaufbau. Deshalb sollen auch die Namen der
Schweizer Schwestern, die in Kleve tätig gewesen sind, hier
genannt werden:
Marianne
Boehringer, Gertrud Oehler, Ruth Baltensperger, Anna Straub, Pia
Schaffner, Elsbeth Preiswerk, Berta Gasser, Margrit Schlatter,
Therese Bühlmann, Greti Accola, Heidi Graf, Lilli Hug.
Bernhard
Baak
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