Heike Waldor - Schäfer

 

Alles runderneuert

Vor 25 Jahren wurden die Kreise Wesel und Kleve aus der Taufe gehoben (Passwortgeschützter Bereich)

 

NRZ ("Wir am Niederrhein") vom 11.08.2000

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Lockere Runde, die Klever Kreisspitze 1975 (v. l.): Hans-Wilhelm Schneider, Rudolf Kersting, Werner Valhaus und Reinhard Gilleßen.

 

Freudentränen hat keiner geweint, damals. Aufgeregt waren die Väter und Mütter, natürlich. Unsicher und auch ein bisschen ängstlich vor der neuen Verantwortung. Das ist immer so, auf Neugeborenenstationen. Aber so richtig aus vollem Herzen gefreut hat sich niemand, damals, vor 25 Jahren, als die Kreise Wesel und Kleve geboren wurden. Vielleicht lag es daran, dass der Ort der Niederkunft kein schöner war. Ein Rathaus, ein Verwaltungsgebäude. Und auch die Entstehungsgeschichte war keine romantische. Geplant und durchgeführt wurde der Akt am Reißbrett. Na ja.

Inzwischen sind die beiden niederrheinischen Geschwister aus dem Gröbsten raus, haben alle Kinderkrankheiten und pubertären Verstrickungen überstanden. So im Großen und Ganzen.

„Auch ungeliebte Kinder werden groß und wachsen einem ans Herz. Dem einen mehr, dem anderen weniger", sagt die Landrätin des Kreises Wesel, Birgit Amend-Glantschnig. Die steckte bei der kommunalen Neugliederung 1975, der Geburtsstunde der Kreise, beinahe selbst noch in den Kinderschuhen. Kollege Rudolf Kersting, heute Landrat im Kreis Kleve, damals Kreisdirektor, hat die Wehen noch mitbekommen. „Ein schmerzhafter Prozess war das schon", sagt er heute. „Aber es hat sich auch gelohnt."

Dabei wäre beinahe alles anders gekommen. Es war ein engagierter Duisburger MdL, ein Politiker namens Franz-Josef Antwerpes, der einen großen Niederrheinkreis mit dem Zentrum Wesel anstrebte. Ein Kreis Kleve stand gar nicht auf der Tagesordnung. Die Moerser sollten Duisburger werden, der südliche Teil des Kreises Kleve wäre an Viersen, Kempen und Krefeld geraten. 

Nun, es kam anders. Die alten Kreise Kleve und Geldern verbrüderten sich und mauerten. Einstimmig, erinnert sich Rudolf Kersting heute gerne, beschlossen die beiden Kreistage in Geldern und Kleve: Wir tun uns zusammen. Wir sind ein Kreis. Dass Teile von Rees plötzlich Kreis Kleve waren, fanden die weselorientierten Reeser hingegen gar nicht gut.

Schwer gerungen wurde im Kreis Wesel. Die drei Altkreise Rees, Dinslaken und Moers verschwanden von der Bildfläche. Moers war bitter enttäuscht, verlor seinen Hauptstadt-Status an das, viel kleinere Wesel. Rheinhausen, Walsum, Homberg, Rumein, Rheurdt hatten ihren Platz nicht mehr im neuen Kreis Wesel. Das hat weh getan. Und tut's heute noch. Die alte Rivalität ist, allem Kirchturmsdenken überwinden zum Trotz, nie versiegt. Jüngstes Beispiel: Das Gerangel um den Sitz der neuen Kreisleitstelle für das Rettungswesen. Geschichte wiederholt sich. Die Leitstelle kommt nach Wesel.

Nicht alle eingekreisten Kommunen waren also glücklich, damals, 1975. Nicht alle sind es heute. „Wir haben am Niederrhein nun mal nicht das Paradies geschaffen", sagt Franz-Josef Antwerpes. „Aber wir haben den Kompromiss gefunden. Eine optimale Lösung war nicht realisierbar."

Nun, in den zweieinhalb Jahrzehnten sind die Kreise Kleve und Wesel gewachsen. Nicht zusammen, aber in sich. Rudolf Kersting: „Unsere größte Leistung war, dass wir in unseren 16 Kommunen all die über viele Jahre gewachsenen Strukturen bündeln und zusammenführen konnten. Der Kreis Wesel mit 13 Kommunen hat es da aufgrund seines Industrie- und Strukturwandels sicherlich wesentlich schwerer gehabt."

So unterschiedlich die beiden Geburtstagskinder sich auch entwickelt haben, die Ziele sind die gleichen: die Region wirtschaftlich international konkurrenzfähig zu machen. „Da gehört ein ziviler Flughafen Weeze-Laarbruch ebenso dazu wie der Bau einer neuen Rheinbrücke in Wesel", sagt Landrätin Amend-Glantschnig. Und da gehört das gemeinsame Vermarkten der Region Niederrhein ebenso dazu wie gemeinsame Antworten auf niederländische Offensiven

Dieses Jahr heißt es: Geburtstag feiern. Nun sind Familienfeste nicht jedermanns Sache. Der Kreis Wesel begeht sein 25-Jähriges brav und solide im Kreishaus. Mit Schautafeln („Vertrauen ist gut, Kontrolle muss sein - Sichere Arzneimittel für alle"), Ausstellungen („Tierschutz und Lebensmittelüberwachung - früher und heute") und u.a. einem Aktionstag der Kreispolizeibehörde: „25 Jahre Sicherheit für die Bürger/innen", 10. September.

Der Kreis Kleve geht aus sich heraus. Irgendjemand kam auf die Idee, die 2. KulTOURtage in den Dienst der kreisrunden Sache zu stellen. Und das heißt: Riesenfete am 26. und 27. August, überall im Kreis. Mit Geschichtsfesten der Heimatvereine, Oldie-Ausstellungen, Musik und Shows und einem großen Feuerwerk zum Abschluss.

Das kann man dann vielleicht sogar in Wesel sehen.

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Rudolf Kersting

Der erste Oberkreisdirektor Horst Griese (l.) 

und Landrat Werner Röhrich 

stechen mit dem Spaten.

Birgit Amend-Glantschnig

zuletzt bearbeit am 01.01.2006