Rheinische Post vom 1. Juli 2006

Als am Rhein das Mammut lebte

Die Vorfahren von Bär Bruno lebten einst auch in NRW. Und wo sich heute Einkaufsstraßen durch Kleve, Düsseldorf oder Duisburg schlängeln, zogen Vielfraße und Löwen ihre Bahnen. Etliche Jahre zuvor lag die Region gar im Wasser.

von Franz Lechner

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So könnte das Rheinland vor etwa 330 Millionen Jahren ausgesehen haben.

Foto: Westf. Museum für Volkskunde

Wo heute Düsseldorfs City ist, stapften einst die Mammuts lang.

Foto: Ullstein

DÜSSELDORF Einst hatten die Deutschen nicht nur in den Alpen einen Problembären. Auch die Menschen im heutigen Nordrhein-Westfalen hatten Probleme mit Bären. Noch Anfang des 18. Jahrhunderts trieben sich Brunos Vorfahren im Bergischen Land, an Rhein und Ruhr herum. Der letzte Meister Petz wurde hier etwa Mitte des 18. Jahrhunderts erlegt. Artenschutz? Damals noch kein Thema.

Viele wilde Tiere waren früher bei uns im Rheinland heimisch - noch bevor wir es waren. Es ist noch gar nicht so lange her, da stand Düsseldorf unter Wasser, vielmehr das Gebiet, wo heute Düsseldorf liegt. Nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal. Erinnern wird sich niemand mehr daran, es gab nämlich noch keine Menschen in jenem Erdzeitalter, das Experten „Devon" nennen.

„NRW lag damals nicht in Europa, sondern nahe des Äquators"

Rund 400 Millionen Jahren ist es her - erdgeschichtlich betrachtet kein allzu großer Zeitraum - da bildete nicht nur die Region um Düsseldorf, sondern der größte Teil Nordrhein-Westfalens den Grund eines mit Korallenriffen übersäten Flachmeeres. „NRW lag damals nicht in Europa, sondern nahe des Äquators und war Teil des Superkontinents Pangäa." So schildert Detlef Grzegorczyk, Paläontologe vom Westfälischen Museum für Naturkunde, eine Welt, die viele Menschen eher an einen fremden Planeten als an ihr Bundesland erinnern wird. Wer kann sich NRW schon als tropisches Tauchparadies vorstellen? Oder gar als ein wildes Küstenland mit ausgedehnten Waldmooren, üppigen Sumpfwäldern und wilden Wasserläufen. Ein Land, das ganz entfernt dem heutigen Amazonasdelta ähnelt, sagt Grzegorczyk. Nur dass dort keine Libellen mit einer Flügelspannweite von etwa 32 Zentimetern den Luftraum bevölkern.

Wer sich auf eine Reise durch die Erdgeschichte NRWs begibt, der trifft auf vieles, auf zwei Meter lange Tausendfüßer, 20 Zentimeter große Frösche, auf 3,5 Tonnen schwere Tintenfischverwandte oder auf Protosaurus, dem Urahn der Saurier, dessen Leiche vor rund 270 Millionen Jahren vom wüstenartigen Klima Westfalens mumifiziert wurde.

Ein Zeitenbummler muss freilich lange reisen, bis er auf ein Land trifft, das ihn zumindest an den Planeten Erde, wenn auch nicht an seine Heimat erinnert. Mindestens bis in die zweite Hälfte des Pleistozän, das vor etwa 1,8 Millionen Jahren begann und vor rund 12000 Jahren endete. Auf Menschen würde er allerdings auch dann noch nicht treffen. „Neandertaler tauchten in NRW erstmals vor rund 180000 Jahren auf, der moderne Homo sapiens vor etwa 30000 Jahren", erklärt Wighart von Koenigswald, Paläontologe an der Uni Bonn.

Die Landschaft und ihre Tiere wären dem Reisenden allerdings nicht mehr ganz unbekannt. „Ab etwa 500000 Jahren vor unserer Zeit kennzeichnet ein ständiger Wechsel von Eis- und Warmzeiten unser Klima", erklärt der Professor. „In den Eiszeiten war das Land völlig waldfrei, das Klima war trocken, der Boden tiefgefroren und nur die oberste Schicht war eisfrei." Mammuts, Wollnashörner, Riesenhirsche mit ihren gigantischen Geweihen, Moschusochsen, der Vielfraß, Wölfe, Hyänen und Löwen zogen da, wo sich heute die Einkaufsstraßen von Düsseldorf, Duisburg oder Krefeld befinden über endlose, der sibirischen Tundra ähnelnden Graslandschaften.

Während der Warmzeiten kam der Laubwald zurück und das Landschaftsbild unserer Region bekam etwas Vertrautes, fast Heimatliches. Zumindest aus der Luft betrachtet. Aus der Nähe dagegen hätte man den Irrtum rasch bemerkt. „Waldelefanten, mehrere Nashornarten und Auerochsen streiften damals durch die Urwälder, und in den besonders niederschlagsreichen Warmzeiten schwammen im Rhein Flusspferde", berichtet Wissenschaftler Wighart von Koenigswald aus einem unbekannten Land. Einem Land, das unendlich weit entfernt scheint. Dreißig, vierzig Sekunden etwa, wenn man die Geschichte der Erde in 24 Stunden zusammenfasst.

INFO

Ausstellungen in NRW

Das Goldfuß Museum am Paläontologischen Institut der Uni Bonn geht in der Dauerausstellung: "Fossilien - Zeugen vergangener Welten" der Frage nach, woher wir wissen, wie die Dinosaurier und andere ausgestorbene Tiere aussahen bzw. wie sie sich bewegten.

Infotelefon: 0228/73-3103

Das Westfälischen Museum für Naturkunde in Münster zeigt derzeit unter dem Titel "Versteinerte Schätze Westfalens" eine große Sammlung in Nordrhein-Westfalen entdeckter Fossilien. Bis Juli 2007 sind die versteinerten Spuren aus 450 Jahren Erdgeschichte noch zu sehen.

Infotetefon: 0251/591059

zuletzt bearbeit am 02.07.2006