Rainer Hoymann

Der Narrenorden

Vor 625 Jahren wurde am 12. November 1381 die „geselscap van den gecken“ in Kleve gegründet.

Der klevische Hanswurst nach einer Abbildung aus dem Buch „Der Narren – Orden zu Cleve ...“ von Carl Petrasch und Johann Wilhelm Brewer war der Orden, den jedes Mitglied entweder als Silberabzeichen oder direkt auf dem Kleid gestickt, tragen musste. „Dessen Kappe und Rock, von roth und Silber[1] gewürfelt, und mit gelben Schellen behangen, die Strümpfe gelb, die Schuhe aber schwarz und mit krummen Spitzen versehen sind, woran auch goldne Schellen hangen. In den Händen trägt er eine Schüssel mit Früchten vor sich.“[2]

"Wy alle diegeene die onse segele aen desen brief gehangen hebben maken kont allen luden end bekennen, dat wy mit gueden voergekaeren raede onss selffs end omb sonderlynge gunst end vruntschap, die mallich van ons tot den anderen heeft end nu vortme die gensliken hebben sal, onder ons eyne geselscap gemaket hebben end der auerkomen syn, die men heiten sal die geselscap van den gecken, in forme end manieren as hiernae gescreuen steit. Is to weten dat yderman van ons gesellen draegen sal eynen geck van siluer gemact off anter gesticket op syne cleide, soe wie oer des best genuget; end soe wie van ons des geckes dagelix nyet endroege, den sal end mach die ander van ons gesellen, soe ducke als hie dat siet, peinden voer drie alde grote tornoise, welke drie grote tornoise hie dorch got armen luden geuen sal. End voert soelen wy gesellen allegader jaerlix eyne geselscap end eynen hoeff hebben, daer wy alle sementlich soelen komen end vergaderen, als toe Cleue, end alle jaer den anderen sondach nae sente Michielsdach end nyemant van ons sal uter herberghe scheiden noch uter stat ryden, sie enhebben dan yrsten gegalden end wael betaelt syn aandeel van der teringe, die oen geboert to gelden van den hoeue; end nyemant van ons ensal achter blyuen, hy enkeme op den hoeff om einges dings of saiken willen end beneme oen rechte kenliche lyfsnoet, sonder alleyne diegeyne, die buten Iands weirren sess dachuaert van synre wonynghen. End were oeck saeke dat yemant van ons gesellen die ander gesellen vyant were, die gesellen van ons an beyden syden mit allen oeren helperen soelen gevredet syn van den vrydage voer den hoeue,   als  die   sonne   opgeit   end durende end werende theynt des  vrydages noe  den hoeue,  als die sonne  ondergeit.   Ende voert  soelen  wy  alle jaer op den hoeue kiesen onder ons gesellen eynen koninc van onsen geselscap mit sess raetluden, wilcke koninc mit den raetluden saten end ordiniren sal alle saiken van der gesellscap end sonderlingen den hoeff des ander jaers daernae te versien bestellen end saten sal, end alle saiken die men tot den hoeue behandende is weruen end begaederen sal, end bescheidelike rekenynge daeraff doen sal, van wilken kost des hoeff die ridder end knechte gelyc gelden soelen, end die heren eyn derdedeel meer dan die ridder end knechte, end ein greue eyn derdedeel meer dan die heren. Ende des dinxtages des morgens vroe bynnen den hoeue soelen wy gesellen onder ons allen toe Cleue in onser vrouwen kercken begaen alle diegeene, die van onser geselscap gestoruen weren, end dan sal mallich van ons syn offer brengen. Voert onse geselscap sal dueren XII jaer  langh   date des brieffs naeyn volgende. Ind mallich van ons allen heeft den andern geloeft in guden truwen end gesekert in gerechter eidstat alle saiken, soe woe die bouen bescreuen staen, vast, stede end onuerbrekelick te doen, halden .... in orkonde onser zegele aen desen brieff gehangen.

Gegeuen int jaer ons heren Dusent driehondert tachtentich eyn, op sente Kuniberts dach.“[3]

„Alle, die wir den gegenwärtigen Brief mit unseren Siegeln versehen haben, tun hiermit kund und zu wissen, dass wir nach reifer Überlegung, mit eigenem freien Willen und aus besonderer Neigung und Freundschaft, die wir gegenseitig unter uns hegen und stets hegen werden, eine Gesellschaft unter uns gestiftet haben und übereingekommen sind, diese den Narrenverein zu nennen, und zwar ihrer Form und ihrem Wesen nach, wie hier unten beschrieben steht. Jedes unserer Mitglieder soll einen Hanswurst von Silber auf seinem Kleide befestigt tragen, so wie es ihm am besten dünkt, und wenn einer von uns solches nicht täglich tun wird, so soll ihn derjenige, welcher ihn ohne dieses Attribut unseres Ordens antrifft, in eine Strafe von drei turonesischen[4] guten Groschen nehmen, welche aus Liebe zu Gott armen Leuten gegeben werden sollen. Alle Jahre werden wir eine Zusammenkunft feiern und einen Hof haben, wo wir uns hinverfügen und uns am 2. Sonntage nach Michels Tag[5] zu Cleve jährlich zusammentreffen. Keiner darf sich von dort entfernen, ohne zuvor seinen schuldigen Beitrag bezahlt zu haben, und keiner von uns darf (seine Gründe oder Geschäfte seien noch so erheblich, wie sie wollen) nicht wegbleiben, es sei dann, daß er wegen einer wirklichen Unpässlichkeit zurück gehalten werde, oder dass er sich außerhalb Landes und zwar sechs Tagreisen von seinem Wohnort befindet. Wenn es sich zuträgt, dass ein Mitglied mit dem Andern in Feindschaft lebt, so sollen beide die Ursache ihrer Feindschaft vergessen, von dem Freitag vor der Versammlung mit Sonnen-Aufgang an, bis zu dem Freitag nach der Versammlung mit Sonnen-Untergang. Wir werden jährlich zu dieser Versammlung aus unserer Mitte einen König und sechs Räthe wählen. Der König mit seinen Räthen soll alle Geschäfte und Berathungen der Gesellschaft bestimmen und ordnen, er soll vorzüglich den Hofstaat für das künftige Jahr anordnen, er soll für Alles sorgen was der Hof bedarf und davon Rechnung ablegen. Zur Bestreitung der Ausgaben sollen die Ritter und Schild-Waffenträger gleichmäßig beitragen, jedoch die Freiherren ein Drittheil mehr als diese, und eine Graf ein Drittheil mehr als die Freiherren. Am Dienstag Morgen während den Hof-Zeremonien gehen die Mitglieder in die Liebfrauen-Kirche[6] zu Cleve um dort das Gedächtnis derjenigen unserer Gesellschaft zu feiern, welche gestorben sind und ein jeder von uns wird dort sein Opfer bringen. Unser Verein soll von dem Datum dieser Urkunde an, zwölf nacheinander folgende Jahre dauern. Ein jeder von uns hat den Andern im guten Glauben und anstatt einem feierlichen Eide versprochen, Alles dasjenige, was oben gesagt worden, fest und unwiederruflich zu halten. Zu dessen Beglaubigung haben wir diese Urkunde mit unseren Siegeln versehen.

Gegeben im Jahre unseres Herrn 1381 am Tage des heiligen Cuniberts[7].“[8]

Die Gründungsurkunde des klevischen Geckenordens liegt im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf unter der Signatur Kleve-Mark, Urkunden 625. Wolf-Rüdiger Schleidgen hat sie in seiner Publikation „Kleve-Mark Urkunden 1368–1394 Regesten des Bestandes Kleve-Mark Urkunden im Nordrhein-Westfälischen Hauptstaatsarchiv in Düsseldorf, Siegburg 1986“ verzeichnet[9]. Seiner Beschreibung nach ist der Text bis auf wenige Reste zerstört.[10] Bereits Baron van Spaen erwähnt 1808 zur Aufbewahrung der Urkunde: „Men verzekerde algemeen, dat het oorspronkelijke stuk in eene ijzere kist op de Regeering bewaard werdt; dus mijne verwondering groot was, het zelve onder veele oude prullen midden in een zee van stof en vuiligheid te ontdekken“[11]. Die vorliegende Textstudie basiert daher auf historischen Abschriften und Veröffentlichungen. Dazu gehören:

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Eine Abschrift aus dem 17. Jahrhundert mit Nachzeichnung von 36 Siegeln, die an der Urkunde gehangen haben, sowie einer Erläuterung zur Urkunde mit Zeichnung des Abzeichens[12];

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Wernheri Teschenmacheri ab Elverfeldt, annales Cliviae, Juliae, Montium, Marcae, Westphalie, Geldriae et Zutphanie ... codice diplomatico atque indice locupletissimo illustravit J. C. Dithmarus, Frankfurt und Leipzig 1721;

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Julius Ernst von Buggenhagen, Nachrichten über die zu Cleve gesammelten theils römischen theils vaterländischen Alterthümer und andere daselbst vorhandenen, Berlin 1795;

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Baron W. A. van Spaen, Proeven van Historie en Oudheidkunde, Kleve 1808;

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Carl Petrasch und Johann Wilhelm Brewer, Der Narren-Orden zu Cleve, dessen Entstehen, die Namen der sämmtlichen Stifter desselben, und die Abbildung des von Ihnen getragenen Ehrenzeichens, Köln 1827 und

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Theodor Josef Lacomblet (Hrsg.), Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins, Bd. 3, Düsseldorf 1853.

§     

Gründungsurkunde der klevischen Gesellschaft (Ausschnitt).[13]

Die Urkunde ist auf „Pergament, 21 Zoll lang, 5 Zoll breit und enthält zwölf geschriebene Linien (Zeilen). Eine größere Menge Streifen oder Bänder von Pergament hangen an derselben herunter, wiewohl nur 36 Siegel von eben so vielen Mitgliedern ... daran befestigt sind. Die anderen sind leer und für die Siegel der neuen Mitglieder bestimmt, welche in die Gesellschaft sich wollen aufnehmen lassen[14]. In der ersten Reihe befinden sich 21 Siegel, in der zweiten 13 und in der dritten 2. Auf jeder Streife, die ein Siegel hat, ist der Name des Mitgliedes geschrieben. ... Das einzige Siegel des Grafen von Cleve ist von rothem und die anderen von grünem Wachs. ... Die Mitglieder haben bei der Besiegelung keinen Rang beobachtet; denn der Graf von Cleve hat als der Elfte gesiegelt, da doch der ehrenvollste Platz der Erste zur Rechten war.“[15]

Die nachfolgende Auflistung gibt die Reihenfolge, die sich aus der Aufstellung von Petrasch und Brewer aus dem Jahr 1827 ergibt, wieder. Die Wappen und die Namen in der ersten Zeile wurden der Aufzeichnung von Teschenmacher entnommen, die ein gutes Jahrhundert zuvor erstellt wurde. Hellgrau schattiert ist die Namensbezeichnung, die Petrasch und Brewer überliefert haben. Gelb unterlegt ist die 1853 von Lacomblet vorgenommene Bezeichnung. Die Abweichungen können auf Fehler beim Abschreiben zurückzuführen sein. Möglich ist auch, dass es mehrere Originalurkunden gegeben hat.[16]

Bei den gerahmten Wappen sind die Siegel noch vorhanden.[17]

Erste obere Reihe:

1. 2. 3.

4.

5.

6.

Wilhelm van Loel Henrich van Oesde H. Dierck van Eyll Gerit van Ossenbruck Die Heren van Megen Van Ameyde
Wilhelm van Loel Henrich van Oesde Dierk van Eyll Gerard van Ossenbroech Van Megen Van Ameyde
Wilhelm van Loel Hendrik v. Oefde Dirk van Eyll Gerrit v. Ossenbroeck Megen Hameyde
7. 8. 9. 10. 11. 12.

Arent Snoeck

Aelff van Wylaecken Jan van Hetterscheide Willem van Vorst Adolph Greve zu Cleve Unbekannt
Arent Snoeck Alef van Wylaecken

Jan van Hetterscheide

Wilhelm van Voorst

Adolph Graf zu Cleve Otto van Herven
Arnt Snoeck Aloff v. Wylak Johan v. Hetterscheide Walter v. Voorst Greue v. Cleue Otto v. Heruen
13. 14. 15. 16. 17. 18.
Unleserlich   Reynolt van Reys   Jan van Bronchorst Unleserlich   Unleserlich   Een Greve von Meurs
Reinold von Rees   

Jan van Bronchorst

Graf von Meurs
Reinald v. Reys    Johan v. Bronchorst Meurse
19. 20. 21.
Unleserlich Herbert van Lewen   Wallrave van Benthem  
Herbert van Lewen   Walram van Benthem
Herberen v. Lewen   Walrauen v. Benthem  

Zweite Reihe:

22. 23. 24. 25. 26. 27.
H. Willem van Roede   H. Rutgert van Dorinck   Evert van Oeste   Heinrich van Depenbroeck   Unleserlich   Jung Berent van Ingenhave  
Wilhelm van Roede   Rutger van Dornick   Eberhard van Oesde Henrich van Diepenbroeck   Bernard van Ingenhave, der jüngere  
Willem die Roede   Rutgere v. Dornick   Euert v. Oefde   Diepenbroek Jonge Bernt v. Ingenhaue  
28. 29. 30. 31.[18]   32. 33.
Van Bellinchaven  

H. van Grutterswijck

Otto van Hall

H. Heinrich van Byland   Jan van Bylant   Otto van Bylant  
Van Bellinchave   Van Gotterswyck   Otto van Halt   Heinrich van Bylant  

Otto van Bylant

Otto van Bylant  
Bellinchaue   Goterswick   Otto v. Halt   Hendrik v. Bylant   Otte v. Bylant   Sweder v. Schulenborg  

Zweite (links) und dritte Reihe (rechts):

34. 35. 36.
Seno von Sculenberg   Ernest van Stoerney   Willem Heer van Abconde  
Seno von Schulenburg   Ernest van Steenre   Wilhelm van Abconde  
Johann van Bylant   Ernst van Steenre   v. Abcoude  

Bei den unleserlichen Namen sollte es sich um folgende Personen handeln:

Her Evert van Ulst   Van Holtmolen   Jan van Kuekenhem   Van Buderick   Een Greve van Meurs  
Eberhard von Ulft   Hr. Holtmolen   Hr. Johann von Kuckelsheim   Hr. N. von Buderich   Graf von Meurs  

Ende des Rittertums

Der Narrenorden wurde in einer Phase des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit gegründet. Die Zeit von 1300 bis zum Ende des 15. Jahrhunderts stellte eine Umbruchphase dar: Altes brach zusammen; Neues drängte an die Oberfläche, fand aber noch keine feste Gestalt.

„Mitglied der Clevischen Geckengesellschaft“

Karl Friedrich Flögel: Geschichte des Groteskekomischen ein Beitrag zur Geschichte der Menschheit. Liegnitz und Leipzig, Siegert, 1788 (posthum als Fortsetzung und Ergänzung der 'Geschichte der komischen Literatur' erschienenen).

Die hochmittelalterliche Einheit Mitteleuropas war mit dem Untergang der Staufer 1268 nur noch eine blasse Erinnerung. Der letzte (erfolglose), siebte Kreuzzug endete 1270. Deutschland war in eine Vielzahl kleinerer geistlicher und weltlicher Herrschaftsgebiete zerfallen, die einander befehdeten. Die Welt des Lehnswesens versank. Der Ritterstand verlor mit dem Niedergang des Reiches seine Lebensaufgabe, damit seine Daseinsberechtigung und stand im Begriff zu verarmen. Von Götz von Berlichingen[19] weiß man, dass Fehden oft aus purer Not geführt wurden, weil einfach das tägliche Überleben gesichert werden musste. Seine Rechtfertigung: „Glaubt mir, ihr könntet es nicht ohne Tränen ansehen, wie die jungen Junker tagtäglich um Brot und Kleider kämpfen und sich Galgen und Rad aussetzen, um Not und Hunger zu verscheuchen. Sie halten es für ihr gutes Recht, dem Nachbarn Fehdebriefe zu schicken, und was sie dann treiben, dünkt sie noch recht und ehrenwert. Sie sind nicht blutdürstig. ... Nein, sie wollen gar nicht hoch hinaus. Sie wollen nur ihr tägliches Brot.“[20] Nach einem Bericht des Drosten von Meppen über einen Raubzug des Grafen Otto von Tecklenburg im Jahr 1365 geht hervor, dass dieser u. a. aus Dahlem 24 Kühe und 1005 Schafe, aus Haselünne 92 Kühe und 80 Pferde und aus Holte 111 Kühe, 50 Schweine, 15 Pferde und sonstige Wertsachen gestohlen hat, wobei in Holte auch zwei Bauern erschlagen wurden.

Der Bedeutungsrückgang des Rittertums geht einher mit der Verbesserung der Waffentechnik. Um das Jahr 1200 kam eine Wunderwaffe auf, mit der man noch sicherer schießen konnte: Die Armbrust. Die Bolzen durchschlugen aus näherer Entfernung einen Helm oder Panzer. Im Jahr 1346 unterliegen die französischen Ritter bei Crécy den englischen Langbogenschützen. Hier werden auch erstmals in einer größeren Schlacht Kanonen erwähnt (die aber keinerlei Einfluss auf den Verlauf der Schlacht haben, sondern lediglich die Pferde der französischen Ritter für eine Weile erschrecken). Der große Umsturz in Bewaffnung, Kriegsführung und Burgenbau begann jedoch Mitte des 13. Jahrhunderts, als die Kenntnis über das Schießpulver nach Europa gelangte. Die Erfindung der Feuerwaffe um 1400 leitete das endgültige Ende des Rittertums ein.

Andererseits erstarkte das Bürgertum seit Gründung der Städte, die im Klevischen zu Beginn des 13. Jahrhunderts einsetzte[21]. Die Zentren der Gelehrsamkeit verlagerten sich in den größeren Städten Europas von den Klöstern zu den Universitäten[22]. Die Hanse, ursprünglich die allgemeine Bezeichnung für die Vereinigungen deutscher Kaufleute mit dem Ziel, ihre wirtschaftlichen Interessen besonders im Ausland besser vertreten zu können,  war ab 1356 ein Städtebund, der in Nordeuropa nicht nur auf wirtschaftlichem, sondern auch auf politischen und kulturellen Gebiet zu einem wichtigen Faktor wurde. Rückschläge - wie z. B. die 1348 bis 1350 wütende große Pestepidemie und Hungersnöte - bremsten den Prozess, ohne ihn jedoch umzukehren.

War Adolfs Narrenorden ein strategischer Schachzug?

Lacomblet stellte die These auf[23], dass die „geselscap van den gecken“ von Graf Adolf gegründet worden ist, um einem Bündnis zwischen Ritterschaft und städtischen Vertretern zuvorzukommen. Diese Städte- und Ritterschafts-Verbündungen waren zahlreich; und ihr öffentlicher Zweck musste dem Landesherrn bedenklich erscheinen. „Wenige Monate vor dem Entstehen der Cleveschen Gesellschaft hatten sich die drei Erzbischöfe am Rhein und die beiden Pfalzgrafen geeinigt, in keinen Städte- oder Gesellschaften-Bund eintreten, noch den Eintritt in solche ihrer Mannen und Unterthanen gestattet zu wollen, weil sie dieselben dem Reichsoberhaupte und ihrer eigenen Kur-Würde für gefährlich hielten. ... Es begreift sich daher, dass die sobald nachher sich bildende Gecken-Gesellschaft dem Scheine politischer Absichten unter dem Gewande argloser Ergötzlichkeit entgehen wollte.“[24]

Adolf von der Mark übernahm, nachdem die männliche Linie der Klever Grafen mit dem Tod von Johann II. ausgestorben war, als Sohn der ältesten Tochter Dietrichs IX. die Nachfolge. Dabei verzichtete er auf sein kirchliches Amt. Er war Bischof von Münster und seit 1363 Erzbischof von Köln. Die Heirat mit Margarete von Berg brachte den einträgliche Zoll von Kaiserswerth als Mitgift ein. Da beide Brüder Adolfs kinderlos starben, wurde die Grafschaft Mark noch während seiner Regierungszeit mit Kleve vereinigt. Er erbaute das Kastell in Kranenburg und erwarb Teile der Stadt Xanten. Gegen Ende seines Lebens kam es zu einem Streit mit dem Erzbistum Köln um den Besitz der Burg Linn bei Krefeld (1388). Adolf wurde von Reeser Fischern aufgegriffen und in dieser damals noch kölnischen Stadt gefangen gehalten. Ein Heer unter Führung seiner Brüder befreite den Grafen. 1392 kam es zu einem Vertrag, in dem Köln Linn behält und Kleve die Stadt Rees mit dem Amt Aspel zugeschlagen bekommt. Um dieselbe Zeit wird ein Landfriedensbund zwischen den Bischöfen von Köln, Münster und Paderborn, der Städte Münster und Soest und dem Graf Adolf von Kleve geschlossen.  

Graf Adolf I. aus dem Hause Kleve-Mark (1368 – 1394) links und sein Sohn Herzog Adolf I. (1394 Graf Adolf II., 1417 Erhebung in den Herzogstand, † 1448) rechts. Das Bild ist eine Kopie aus dem 17. Jahrhundert nach den Wandmalereien im Chor der Stiftskirche zu Kleve, vor 1426 (?), Holz,  104 x 81 cm, vermutlich aus dem Rathaus stammend, Kleve, Museum Kurhaus.  

Im späten Mittelalter gab es eine Vielzahl von Ritterorden. Die Ritterorden, wie z. B. Templer-, Malteser- oder Johanniterorden, sind zunächst aus den Kreuzzügen hervorgegangene Ordensgemeinschaften, die ursprünglich zum Schutz, Geleit und Pflege der Pilger ins Heilige Land gegründet wurden. Bernhard von Clairvaux bezeichnete sie als "Ritter neuen Typs", da sie die Kampfkraft des dekadenten Ritterstandes mit der Disziplin und der Enthaltsamkeit der Mönchsorden verbanden. Während die einzelnen Mitglieder der Armut verpflichtet blieben, wurden die Orden durch Erbschaften, Schenkungen und Eroberung zu den reichsten Organisationen ihrer Zeit. Die geringe finanzielle Ausstattung und die Befristung auf zwölf Jahre signalisierten eine völlig andere Intention bei der Gründung der Narrengesellschaft.

„Den eigentlichen Zweck dieser Verbindung (der „geselscap van den gecken“) und die Umstände, welche dazu Veranlaßung gegeben, sind unmöglich auszumitteln. Der Inhalt der Urkunde läßt keine andere Tendenz als die des Scherzes und die des Vergnügens vermuthen, weil von Streitigkeiten und wechselseitigen Vertheidigungen gar keine Erwähnung darin geschieht, wie man es sonst wohl bei andern Verbindungen zu jener Zeit findet. ... In Berücksichtigung der Jahreszeit kann man auch glauben, daß das Vergnügen der Jagd diese Gesellschaft beschäftigt habe. Was den Grafen von Cleve bewogen haben mag, diese Verbrüderung einen Narrenverein zu nennen, ist bis jetzt ein unauflösbares Räthsel ... .“[25] Haben dem Grafen möglicherweise die an vielen Plätzen, insbesondere in Frankreich, gehaltenen Narrenfeste inspiriert?

Der Hofnarr des Mittelalters sollte seinem Herrn nicht belustigen, sondern ihn als ernste Figur ständig daran erinnern, dass er vergänglich ist und sterben muss. Im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit waren es zunehmend Menschen, die sich nur dumm stellten oder über besonderes künstlerisches oder humoristisches Talent verfügten, die als Unterhalter engagiert wurden. Narren fanden sich sowohl im ritterlichen Gesinde, als auch an Fürstenhöfen. Für die dort tätigen Hofnarren galt die Narrenfreiheit, die es ihnen ermöglichte, ungestraft Kritik an den bestehenden Verhältnissen zu üben[26]. Auch die Parodie von Adeligen war den Hofnarren erlaubt.

Auch heutzutage ziehen die Narren in der Karnevalszeit Vorteile aus der Verkleidung - sie können sich hinter der Maske verbergen. So ist es möglich, ohne Sanktionen Kritik an Autoritäten zu üben. In den Zeiten des Karnevals ist es möglich, Fremde zu küssen, Prominente oder Honoratioren zu duzen und zu kritisieren.

 

Für die Mitglieder des Narrenordens, die auf Zeremoniell und steife Förmlichkeit verzichteten und in brüderlicher Freundschaft einander zugetan waren, galten gleiche Rechte und Pflichten. Die Aufhebung der Rangordnung findet sich auch in den Siegelreihen der Narrenurkunde wieder, denn erst an 11. Stelle taucht das Siegel des Grafen Adolf I. auf[27]. Diese Platzierung ist auch die „magische“ Zahl des Karnevals: Hoppeditz erwacht am 11.11. eines Jahres um 11.11 Uhr. Elferräte stellen die Führung des Karnevalvereins dar, und die Veranstaltungen beginnen in der Regel 11 Minuten nach der vollen Stunde.

Der 12. November 1381, das Datum der Gründungsurkunde, liegt zu Beginn der närrischen Session und ist ein weiterer Hinweis auf die Vorbildfunktion der „geselscap van den gecken“ für den heutigen Karneval.

Auch der Narrenorden – der klevische Hanswurst – ist ein Attribut, das noch heute zum festen Bestandteil des Karnevals gehört. Der Orden signalisiert Zusammengehörigkeit. Die uniformartige Kleidung der Mitglieder und Garden heutiger Faschingsgesellschaften erinnert oft an die französischen Besatzungstruppen im Rheinland. Die Dekoration mit einer Unzahl an Faschingsorden sollte ursprünglich die Geltungssucht mancher Persönlichkeit des öffentlichen Lebens persiflieren. Im Laufe der Zeit wandelte sich jedoch die Bedeutung der Narrenorden vom Juxartikel zu Erinnerungs-, Dankes- und Ehrenzeichen sowie Vereinsabzeichen.

Eine de facto-Anerkennung der Urkunde als „Muster“-Satzung für einen Karnevalsverein erfuhr der Text 1820 durch die preußische Regierung, die dem närrischen Treiben auf den Straßen Kölns Einhalt gebieten wollte: sie nahm die Gründungsurkunde des Klever Ritterordens als Präzedenzfall – und entschied, dass nur mit Satzung ausgestattete Vereine sich karnevalistisch betätigen dürfen.[28] Tatsächlich finden sich viele Attribute einer Satzung, die in abgewandelter Form auch bei heutigen (Karnevals-)Vereinen Anwendung findet, in der Narrenurkunde:

z. B.

  •  

werden die Organe des Vereins genannt („einen König und sechs Räthe“),  

  •  

die Amtsdauer des Vorstands ist festgelegt („er soll vorzüglich den Hofstaat für das künftige Jahr anordnen“),  

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auch fehlt die Höhe der jährlich zu entrichtenden Beiträge nicht („zur Bestreitung der Ausgaben sollen die Ritter und Schild-Waffenträger gleichmäßig beitragen, jedoch die Freiherren ein Drittheil mehr als diese, und ein Graf ein Drittheil mehr als die Freiherrn“),  

  •  

und auch die Auflösung der Gesellschaft ist definiert („unser Verein soll von dem Datum dieser Urkunde an, zwölf nacheinander folgende Jahre dauern“).  

      

Nicht in dieses Raster hingegen passt der Zeitpunkt der jährlichen Treffen: „Alle Jahre werden wir ... einen Hof haben ... am 2. Sonntage nach Michels Tag (Mitte Oktober)“.[29] Dies ist ein Ansatzpunkt für Kritiker: „Der frühere Düsseldorfer Stadtarchivar Prof. Hugo Weidenhaupt lässt hier närrische Schlussfolgerungen nicht gelten. ... Die Gesellschaft (sei) vermutlich eine Rittervereinigung gewesen, ein friedlicher Zusammenschluss, der Arme unterstützt und sich dem Gedächtnis der Verstorbenen gewidmet habe; außerdem falle der St.-Michaelis-Tag auf den 29. September und der Zeitpunkt der Treffen mithin aus dem Rahmen der Karnevalszeit. Weidenhaupt räumt allerdings ein, dass die "geselscap“ in der Literatur recht unterschiedlich beurteilt werde.

Ferdinand L. von Biedenfeld, der eine wichtige Auflistung der Ritterorden verfasste, kommt zu folgendem Schluss: „(Die „geselscap van den gecken“) hatte offenbar den Zweck nicht nur der Sittenbesserung seiner Genossen, sondern auch der Geiselung mancher Thorheiten der Zeit und eines lebenvollen geistreichen Genusses geselliger Freuden, indem die Mahle und Lustbarkeiten durch Witz und Scherz gewürzt wurden, wobei jedes Mitglied seine eigene Lustspielrolle nach Vermögen durchführte.“[30]

Vor allem niederländische Historiker sehen in ihr eine "aristokratische Spottvereinigung", eine Parodie auf die Ritterorden. Der erste Leiter des Düsseldorfer Staatsarchivs, Theodor Joseph Lacomblet, mutmaßte 1853 sogar, dass die Ritterrunde sich nur nach außen den Anschein "argloser Ergötzlichkeit" gegeben, in Wirklichkeit aber vielleicht politische Ziele verfolgt habe und ihr "Vereinsabzeichen" nur eine Tarnung gewesen sei. Sein Nachfolger Waldemar Harleß wiederum sprach von einer "Vereinigung der Ritterbürtigen des Landes", die nichts weiter als den Besitzstand habe konsolidieren und sichern wollen.[31] Baron W. A. van Spaen stellte fest, dass unter den Mitgliedern des Narrenordens auffallend viele sind, die in einem angespannten Verhältnis zum Bischof Florenz von Wevelinghoven (1379 – 1393) und zu Wilhelm, dem Sohn des Wilhelm von Jülich (ab 1383 bis 1402 Herzog von Geldern), standen.[32]

Die Herren von Ameide (van Ameyde), van Abcoude (Wilhelm van Abconde) und van Voorst (Wilhelm van Voorst), sowie Ernst van Steenre (Ernest van Steenre) hatten versucht, den vom Papst Urban VI. in Utrecht als Bischof eingesetzten Florenz von Wevelinghoven zu bekämpfen. Sie veranlassten, dass der Gegenpapst Klemens VII. Reinald van Vianen zum legitimen Bischof von Utrecht ernannte. Der Versuch scheiterte, und die Gelderschen Edlen mussten Schutz beim Grafen von Kleve suchen.

Willem de Roede (Wilhelm van Roede), Evert van Ulft (Eberhard von Ulft), Herberen van Leuwen (Herbert van Lewen), Otto van Herwen (Otto van Herven), Reynald van Rees (Reinold van Rees), Walram van Benthem (Walram van Benthem), Simon van Schuilenburg (Seno von Schulenburg) hatten sich während des geldernschen Erbfolgekrieges (1371 – 1379) auf die Seite der sogenannten Hekeren gestellt. Das Bemühen der Hekeren, Mathilde, Tochter Rainalds II. und Witwe des Grafen Johann I. von Kleve, zur Regierung zur verhelfen, missglückte, so dass diese Edelleute ebenfalls den Schutz Adolfs von Kleve benötigten. [33]

In beiden Fällen hatte der Klever Graf den Schutzsuchenden – auch aus eigenem Machtinteresse – die benötigte Hilfe nicht versagt. Eine offene Provokation der Nachbarn konnte sich durch einen dem Spaß verpflichteten Narrenorden vermeiden lassen.

Die Gesellschaft war von Beginn an auf eine zwölfjährige Laufzeit ausgelegt. Die Zahl „zwölf“ wird sicherlich nicht willkürlich gewählt worden sein. Im Christentum ist die Zwölf neben der Sieben die Heilige Zahl der Begegnung von Gott (Drei: Trinität = Dreieinigkeit aus Vater, Sohn und Heiligem Geist) multipliziert mit der Zahl der Welt  (Vier: 4 Himmelsrichtungen, 4 Jahreszeiten, 4 "Elemente").

Zwölf ist die u. a. die Anzahl

  • der Monate,

  • der Tierkreiszeichen,

  • der Stunden des (Sonnen)Tages bzw. der Nacht,

  • der Stämme Israels,

  • der Apostel,

  • der Asen ...

An der Tafelrunde des König Artus blieb der zwölfte Sitz leer. Dieser Platz war dem Ritter vorbehalten, dessen Bestimmung es sein sollte, den Heiligen Gral zu finden.

 

Fakt ist, dass nach Ablauf der zwölf Jahre im Jahre 1393 eine freundschaftliche und fröhliche Vereinigung „zwischen dem Erzbischofe von Köln, den Bischöfen von Münster und Paderborn, Adolph, dem Grafen von Cleve, dessen älteren Sohn Adolph, seinem Bruder Diederich von der Mark, Herrn von Dinslaken, Friedrich Graf von Meurs, Reinhard Herrn von Falkenburg, Gottfried von Loos und Heinsberg, Herrn von Dalenbrock und mehreren Andern gestiftet; die Tendenz war die Erhaltung der öffentlichen Ruhe. Diese zur Ehre der heiligen Jungfrau gestiftete Verbindung führte den Namen Rosenkranz-Orden; jedes Mitglied konnte seine Freunde in denselben aufnehmen lassen, und machte sich verbindlich, stets einen Rosenkranz von Gold oder Silber um den Hals zu tragen. Es ist zu bemerken, daß dieser Verein nach Verlauf der 12 Jahre entstanden ist, wovon in dem Narrenorden zu Cleve erwähnt wird[34]. Erwiesen ist es, daß Graf Adolph die Dekoration des Narrenordens abgelegt und dafür die des Rosenkranzes angenommen hat.“[35]

   

„Noch im Jahre 1792 fand man bey Ausräumung eines kleinen Kellers unter dem Schlosse, ein Stück Gesimms von schwarzem, Marmor-artigen Stein, woran ein völliger Narrenkopf zu sehen ist; auch siehet man an dem Schnitzwerk des Gebälkes im jetzigen Antiquitaeten-Saal, einen dergleichen.“[36]

Handelt es sich tatsächlich um einen Narrenkopf, wie Buggenhagen vermutet, und soll er an den Narrenorden erinnern?  

Der Narrenkopf fand einen neuen Platz oberhalb des Portals zum Schwanenturm.

Der Narrenkopf, wie Buggenhagen ihn zeichnete.  

 

Sollte mit dieser Rittervereinigung die Nachfolge von Adolf I. auf seinen gleichnamigen Sohn und späteren Herzog Adolf I vorbereitet werden? Am 7.9.1394 trat der 21jährige Adolf nach dem Tod seines Vaters die Herrschaft in der Grafschaft Kleve an. Adolf führte Kleve in wenigen Jahren in die vordere Reihe der Reichsfürstentümer. In der Schlacht bei Kleverhamm am 7.6.1397 besiegte er den Herzog Wilhelm I. von Berg und Reinald von Jülich. 1398 erbte er die Grafschaft Mark. Über die Mitgliedschaft im Rosenkranz-Orden mag er sich die Unterstützung oder zumindest Neutralität von Freunden erarbeitet haben. Das Prinzip „Echte Fründe stonn zesamme“ (kölsch für "Echte Freunde stehen zusammen"), beim Narrenorden erfolgreich erprobt, wird auch beim Rosenkranz-Orden funktioniert haben. Die „geselscap van den gecken“ könnte ein Paradebeispiel für den „Klüngel“ sein, der heute noch ein bestens bewährtes Rezept zum Durchsetzung von Interessen darstellt.

 

Adolfs Narrenorden war ein strategischer Schachzug!

 

Die Einrichtung eines Narrenorden war ein geschickter Schachzug des Grafen Adolf. Er war ein weitsichtiger Landesherr, der in einer schwierigen Umbruchphase sein Territorium nach außen erweitern und nach innen festigen konnte. Unter dem Schutz der Narrenfreiheit ließ sich ein Beraterstab, eine Art mittelalterlicher „Business Club“, mit verdienten Rittern besetzt, bilden. Damit sicherte er sich deren Solidarität und verschaffte dem an Bedeutung verlierenden Stand eine neue Reputation.

 

Der Narrenbrunnen von Anette Mürdter, Winterbach  

Auf dem historischen Versammlungsplatz der Klever Gecken-Gesellschaft erinnert die Anzahl der Köpfe des Narrenbrunnens an den einstigen "Kopf" der Gesellschaft, bestehend aus einem König und sechs Ratsleuten. Die einheitliche Säulenhöhe verdeutlicht die Gemeinsamkeit der beteiligten Mitglieder. Dagegen verweisen die unterschiedlich hoch angebrachten Köpfe auf einen möglichen Stand der Mitglieder in der Gesellschaftsordnung. Beim Umgehen, bzw. Begehen der Anlage entsteht ein Spiel von Überlagerungen, Verschwinden und Auftauchen der Stelen und Köpfe, was analog zum Karnevalstreiben steht: Verwandeln, Verhüllen, Verstecken.

 

Die zwölfjährige Befristung der Gesellschaft verhinderte, dass Adolf einen nachhaltigen Machtverlust durch eine Art „Magna Charta Libertatum“[37] befürchten musste. Das Prinzip wurde beim Rosenkranz-Orden auf regional ausgedehnter Ebene übernommen und erfüllte seinen Zweck auch dort. Der Rahmen konnte wechseln[38], mit ihm ließ sich durch Zeremonien und äußere Würdezeichen eine besondere Atmosphäre und ehrenvoller Glanz beigeben und die Tätigkeit des Ordens verherrlichen, indem man ihn mit vergangenem Ruhm und idealistischen Zielsetzungen assoziierte, deren Honorigkeit und hochstehende Moral außer Frage stand.[39]

Etliche Attribute der Narrenurkunde scheinen tatsächlich in den Alltag des karnevalistischen Treibens integriert worden zu sein. So erfüllte die „geselscap van den gecken“ nicht nur einen politischen, sondern auch einen kulturellen Aspekt.

„Europas Narren sin in Kleef geborre“[40] ?

Biedenfeld weist darauf hin, dass „dieser Verein (die „geselscap van den gecken“) viele Nachahmer, wovon wir nur nennen wollen: die Narrenmutter zu Dijon (La mére folle oder L’Infanterie Dijonnoise); die Gesellschaft der Hörnerträger zu Evreux und Rouen (Societas Conardorum); das Königreich Basoche zu Paris; die Babinische Republik in Polen; das Regiment der Calotte etc. (hatte). Bei allen scheint sich löblicher Gebrauch mit der Zeit in anstössigen Missbrauch verwandelt und den Untergang herbeigeführt zu haben.[41]

Das Narrentreiben ist natürlich keine Erfindung der Rheinländer. Schon aus dem alten Babylon (etwa 3000 v. Chr.) wird über Feste berichtet, bei denen sich die Menschen verkleideten und in ausgelassenem Treiben alle Dinge auf den Kopf stellten. Für den Karneval, das bunte Treiben am Rhein, muss man wohl die Römer verantwortlich machen. Die Römer feierten die Saturnalien im Dezember und die Lupercalien im Frühjahr. Saturnalien und Lupercalien verschmolzen zu einem Fest, dem Karneval.[42]

Im Rheinland vermischten sich die römischen Bräuche mit germanischen Kulten, die als Fruchtbarkeitsriten sehr beliebt waren. Der rheinische Karneval nahm ebenso wie die süddeutsche Fasnet seinen Ausgang von Winteraustreibungs- und Fruchtbarkeitsriten, die sich hier in römischer, keltischer und germanischer Prägung mischen.

Seit dem Mittelalter hat es im Rheinland viele verschiedene Formen des Feierns gegeben: Bettelgänge von Kindern, Nachbarschaftsfeste, Maskenbälle und Umzüge von Handwerksgesellen. Ursprünglich wurde Karneval im Rheinischen auch nur an den letzten Tagen vor Beginn der vorösterlichen Fastenzeit gefeiert: "Man spricht heute noch von den drei Tollen Tagen".

Seit 1900 hat sich der Karneval deutlich ausgeweitet. Die heutige Art, Karneval zu feiern, ist im 19. Jahrhundert entstanden. In dieser Zeit entwickeln sich die heute bekannten närrischen Traditionen wie Rosenmontagszug, Saalkarneval und Vereine.

Europas Narren sind also nicht in Kleve geboren, doch zumindest haben sie in Kleve mit dem Narrenbrunnen eine weitere Gedenkstätte gefunden, die an eine nunmehr 625jährige Tradition erinnert!

Ihr Narren dort und hier überall
Ich heiße euch willkommen
Ihr könnt es drehen, wie ihr wollt
Ihr habt jetzt Konkurrenz bekommen

 

Now sin in Kleef, wie jeder wett
De Schüsterkes hors üttgestörwe
Now kömmt bestemmt ne Gäck an säd
Dat Bältermänner niet mehr spejen dörwe

 

Wej Kleffse, dat es ja bekännt
Wej dün ons schwor met Postamänte
Ek denk dorbej an Elsas Kont
Die kreeg teörs ja ok gen Komplemänte

 

Dröm asteblief
Wat söll dat ssaneke an kümme
Gefellt ow hier manch Köppke niet
Denkt ömmer droan: So es et Läwe
Jede Gäck süjt anders ütt

 

An ok denn dooje Krieger dor
Dej ons in Kleef doch ok bewiese
Eer denn sin Röst gefonden häd
Wie döck moss denn verhüüse

 

Europas Narren sin in Kleef geboore
Tösse Kerk an Elsa an de Schwoan
Now sin sej tröck nor sovööl Johre
Ek find, dat sej hier prima stohn.

An över onse Kurfürst op sin Pärd
Düt manche Kwenkelierert schriewe:
De Kerl, de mott dor onder weg
Denn dörv dor gorniet bliewe

 

Dröm lot ons lache över die Figure
Die hier, en bettje schuks an scheef
Op ons an op ons Städtje luure
An lachend ruupe: Kleef bliewt Kleef.
[43]  

Bloß met den Bältermann, de Stevels op de Röck
Was Kleef van Anfang tefreje
Dat denn dor onder anne Bröck
Sin groote Böög düt speje

 

[1] Die Stadtfarben Kleves.

[2] Julius Ernst von Buggenhagen: Nachrichten über die zu Cleve gesammelten theils römischen theils vaterländischen Alterthümer und andere daselbst vorhandenen. Berlin 1795, Nachdruck Kleve 1977, S. 22.

[3] Theodor Josef Lacomblet (Hrsg.): Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins, Bd. 3. Düsseldorf 1853, S. 755.

[4] „Ein Turnosegroschen wog im 14. Jahrhundert etwa 3,9 bis 4 Gramm und bestand aus Silber („gute“ Groschen sollten einen Feinsilbergehalt von rund 920/1000 aufweisen). Ein Groschen galt 24 Pfennige oder 2 Schillinge. Zum Vergleich: Um 1320 erhielt ein Steinmetz- oder Zimmergeselle in Regensburg im Winter 2 Pfennige und im Sommer 4 Pfennige pro Tag. Für einen Pfennig konnte er etwa 6 Halbe Bier kaufen. Um 1400 erhielt ein Maurermeister pro Tag 10 Regensburger Pfennige, ein Erdarbeiter 3 Pfennige.“ Ich danke Frau Aila de la Rive   für die Erläuterung.

[5] 29. September: Fest der Erzengel Michael, Gabriel und Raphael.

[6] Am 12. August 1341 legte Graf Dietrich IX. den Grundstein für den Bau der Stiftskirche St. Mariae Himmelfahrt. Am  14. September 1356 wurde der neue Chorraum geweiht. Der letzte Bauabschnitt konnte 1426 abgeschlossen werden. Der Neubau ersetzte die im 12. Jahrhundert erstmals erwähnte und dem Evangelisten Johannes geweihte Kirche. Die Johanneskirche wurde von den Praemonstratensermönchen des Stiftes Bedburg betreut. Dieser aus Frankreich stammende Orden verehrte Maria als „Notre Dame“, als „Unsere Liebe Frau“. 

[7] Der Tag zur Ehren des Bischofs und Heiligen Kunibertus (Cunibertus, Gumpertus) ist der 12. November.

[8] Carl Petrasch und Johann Wilhelm Brewer: Der Narren-Orden zu Cleve, dessen Entstehen, die Namen der sämmtlichen Stifter desselben, und die Abbildung des von Ihnen getragenen Ehrenzeichens. Köln 1827, S. 5 ff. Teschenmacher, a. a. O., hat das Jahr 1380 angegeben.

[9] Laut Petrasch und Brewer, a. a. O., S. 2 befand sich die Urkunde zunächst „im Klevischen Archiv, welches erst nach Münster und demnächst erweislich nach Magdeburg transportirt worden ist“.

[10] Auskunft des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen, Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, vom 30. März 2004.

[11] Baron W. A. van Spaen, Proeven van Historie en Oudheidkunde. Kleve 1808, S. 25.

[12] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Handschrift A III 12.

[13] Die Abbildung wurde dem Aufsatz „Der Rheinische Karneval – Seine historischen Wurzeln“ von Anton Tripp, veröffentlicht im Kalender für das Klever Land auf das Jahr 1980, Kleve 1979, S. 116, entnommen.

[14] W.-R. Schleidgen: Kleve – Mark Urkunden 1368 – 1394 Regesten ... . Siegburg 1986: Der Autor führt an, dass ursprünglich 65 Siegel an der Urkunde angehangen haben könnten. Dass bereits in der Abschrift aus dem 17. Jahrhundert lediglich von 36 Siegeln die Rede ist und auch die nachfolgenden Publikationen keine andere Zahl nennen, kann auf den schlechten Zustand der Narrenurkunde drei Jahrhunderte nach ihrer Ausfertigung zurückzuführen sein.

[15] Petrasch und Brewer 1827, Seite 2.

[16] Diese Annahme wurde von Petrasch und Brewer 1827 auf Seite 4 geäußert: „Wahrscheinlich ist auch mehr als ein Original vorhanden gewesen, was man zu muthmaßen versucht wird, da die Siegeln in verschiedenen Schriftstellern anders geordnet sind, als auf der Urkunde, die wir in Händen hatten. Allein wir sind doch in der Angabe dieser Idee nicht mit uns einig.“ Damit schließen sich die beiden Autoren der von Baron W. A. van Spaen in seinem Buch „Proeven van Historie en Oudheidkunde“, Kleve 1808, S. 26 getätigten Vermutung an.

[17] Schleidgen 1986. Heute sind noch 15 Siegel vorhanden, von denen eines nicht zu identifizieren ist.

[18] Teschenmacher hat sich wahrscheinlich der Abschrift aus dem 17. Jahrhundert - Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Handschrift A III 12 – bedient. Seine Aufstellung ist nahezu identisch  mit der von Petrasch und Brewer und weicht nur in zwei Punkten ab: Der Name Jan van Bylant wird in der Abschrift zweimal unter den Nummern 9 und 33 aufgeführt. Das unter der Nr. 9 dargestellte Wappen wird bei Teschenmacher für Otto van Hall verwendet.

[19] Gottfried "Götz" von Berlichingen, "mit der eisernen Hand", (* um 1480; † 23. Juli 1563) war ein schwäbischer Reichsritter. Sein Leben war bestimmt durch zahlreiche Fehden. Zu seiner Zeit flackerte das Rittertum ein letztes Mal auf. Noch nicht an den allgemeinen Landfrieden gewöhnt und eifersüchtig auf den Reichtum der Städte und Kaufleute, versuchten viele Ritter wirklich geglaubtes oder fingiertes Recht mit Waffengewalt durchzusetzen, um Lösegeld und Beute zu erlangen - seltener zum Schutz Unterdrückter.

[20] Doris Marszk, Anke Pieper: Ritter wohnten in kargen WGs. In: Welt am Sonntag, Nr. 26 vom 27. Juni 2004, S. 57.

[21] Näheres hierzu findet sich im Aufsatz von Klaus Flink, „Die klevischen Herzöge und ihre Städte (1394 – 1592), abgedruckt im Katalog „Land im Mittelpunkt der Mächte“, Kleve 1984, Seite 74 ff.

[22] Neugründungen: z. B. Lissabon 1290, Prag 1348, Krakau 1364, Heidelberg 1386.

[23] Theodor Josef Lacomblet (Hrsg.), Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins, Bd. 3. Düsseldorf 1853, S. 755 (Fußnote Nr. 3).

[24] ebenda

[25] Petrasch und Brewer 1827, Seite 8 ff.                                                         

[26] Ein schönes Beispiel für die „Narrenfreiheit“ ist aus dem Jahr 1340 überliefert: Bei Sluis (Sluys) kommt es zur Seeschlacht zwischen Engländern und Franzosen. Trotz Überlegenheit der Franzosen verlieren diese die Schlacht mit hohen Verlusten. Zunächst wagt es niemand, Philipp den Schlachtausgang zu berichten, nur sein Hofnarr soll gerufen haben: Oh, diese englischen Feiglinge! Was für Feiglinge die Engländer doch sind! – Sie sind nicht über Bord gesprungen wie unsere tapferen Landsleute! Es heißt, die Fische hätten soviel französisches Blut getrunken, dass sie französisch gesprochen hätten, hätte Gott ihnen die Gabe der Rede verliehen.

[27] Der Wahlspruch auf dem Klever Siegel soll lauten: "Ey, Lustig, Fröhlich“ (WDR, http://www.wdr.de/themen/freizeit/brauchtum/karneval_2003/... , 12. Juli 2004). Da dies in den historischen Quellen nicht erwähnt wird und das Siegel nicht mehr vorhanden ist, bleibt die Richtigkeit dieser Angabe jedoch fraglich. Die Anfangsbuchstaben des Wahlspruchs bilden das Wort E L F.

[28] Jan Jessen: „Ein Narr, wer Schlechtes dabei denkt“. In: NRZ vom 5. Juni 1999.

[29] Petrasch und Brewer 1827, Seite 5 ff.

[30] Ferdinand L. von Biedenfeld: Geschichte und Verfassung aller geistlichen und weltlichen, erloschenen und blühenden Ritterorden. Weimar 1841, Bd. 1, S. 109 ff.

[31] Alfons Houben. Hrsg. Comitee Düsseldorfer Carneval: 3 x Düsseldorf Helau. Die Geschichte des Düsseldorfer Karnevals. Meerbusch 1999.

[32] Baron W. A. van Spaen, Kleve 1808, S. 46: „Wanneer men dit aantal misnoegde Stichtsche en Geldersche Edelen, die het Gezelschap der Gekken mede sloten in aanmerking neemt, zou dan de gisfing angepast voorkomen, dat dit verbond alleen opgericht werdt, die Heeren bijstand tegens Bisschop Floris van Wevelingshoven en tegens Willem Zoon van Gulich te doen geworden?“.

[33] Baron W. A. van Spaen, Kleve 1808, S. 37 ff. Die Schreibweise der Namen wurde ebenfalls übernommen, die Namensbezeichnung nach Petrasch und Brewer wurde in Klammern gesetzt. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Hinweis des Autors, dass Kleve als Refugium für Verfolgte galt: „Men ziet hier uit, dat Cleve ten allen tijde tot een schuilplaats aan misnoegde of vervolgde Nederlanders strekte.“

[34] Nach Baron W. A. van Spaen, Kleve 1808, S. 35, der sich in der Fußnote auf M. S. Hoenselaer und G. van der Schueren Ms. Beruft, „sloot Adolph, Graaf van Cleve met Frederik van Sarwerden, Aartsbisshop van Keulen, Wenceslaus, Hertog van Brabant, en Willem, Hertog van Gelre en Gulich, beneffens mit de Steden Aken en Keulen in 1392 en verbond, den Roskam genoemd, dat dienen zou tot bevestiging der Landvrede.“

[35] Petrasch und Brewer 1827, Seite 11.

[36] Julius Ernst von Buggenhagen 1795. 26 ff.

[37] Die englische Adelsopposition verpflichtete 1215 den englischen König, auf den Rat der adeligen Barone zu hören. Seit dem Hoftag von 1254 wurden zunächst Vertreter des niederen Adels hinzugezogen. Als später auch noch Vertreter der Grafschaftsritter und je zwei Bürger jeder Stadt hinzutraten, erweiterte sich der ursprüngliche Adelsrat zu einem Gremium, in dem alle Stände vertreten waren. Im 14. Jahrhundert tagten Adel und Geistlichkeit getrennt von den zahlreichen Vertretern der Grafschaften. So entstanden die beiden Häuser, das House of Lords (Oberhaus) und das House of Commons (Unterhaus).

[38] Dies konnte zuweilen skurrile Formen annehmen, so gründete König Alfons XI von Kastilien 1330 einen Ritterorden, dessen Mitglieder sich zum Verzicht auf Knoblauch und Zwiebeln verpflichten mussten. Wer nach Knoblauch roch, musste sich für einen Monat dem Hofe fernhalten.

[39] Maurice Keen: Das Rittertum. Düsseldorf 2002, S. 289 ff.

[40] Paul Dirmeier: Gedicht anlässlich der Einweihung des Narrenbrunnens am 10. November 2001.

[41] Ferdinand L. von Biedenfeld 1841, S. 110.

[42] Diese Einschätzung wird in der aktuellen Geschichtsbetrachtung nicht mehr generell akzeptiert. Die erste Erwähnung eines Karnevalsumzugs wird bereits für das Jahr 1341 in Köln erwähnt und für den 5. Mai desselben Jahres ist im Eidbuch des Rates der Stadt Köln zu finden: „Ever sal der rait zu vastavendde zu geinre geseltschaf volleyst geven van der steede gude“, was soviel bedeutet, dass der Rat der Stadt sich verpflichtet, zu Fastabend aus der Stadtkasse kein Geld mehr zur Verfügung zu stellen.

[43] Paul Dirmeier, 10. November 2001.

zuletzt bearbeitet am 01.02.2009