Rainer
Hoymann
Der
Narrenorden
Vor 625 Jahren wurde am 12. November 1381 die „geselscap van den gecken“ in Kleve gegründet.
"Wy
alle diegeene die onse segele aen desen brief gehangen hebben maken kont
allen luden end bekennen, dat wy mit gueden voergekaeren raede onss
selffs end omb sonderlynge gunst end vruntschap, die mallich van ons tot
den anderen heeft end nu vortme die gensliken hebben sal, onder ons eyne
geselscap gemaket hebben end der auerkomen syn, die men heiten sal die
geselscap van den gecken, in forme end manieren as hiernae gescreuen
steit. Is to weten dat yderman van ons gesellen draegen sal eynen geck
van siluer gemact off anter gesticket op syne cleide, soe wie oer des
best genuget; end soe wie van ons des geckes dagelix nyet endroege, den
sal end mach die ander van ons gesellen, soe ducke als hie dat siet,
peinden voer drie alde grote tornoise, welke drie grote tornoise hie
dorch got armen luden geuen sal. End voert soelen wy gesellen allegader
jaerlix eyne geselscap end eynen hoeff hebben, daer wy alle sementlich
soelen komen end vergaderen, als toe Cleue, end alle jaer den anderen
sondach nae sente Michielsdach end nyemant van ons sal uter herberghe
scheiden noch uter stat ryden, sie enhebben dan yrsten gegalden end wael
betaelt syn aandeel van der teringe, die oen geboert to gelden van den
hoeue; end nyemant van ons ensal achter blyuen, hy enkeme op den hoeff
om einges dings of saiken willen end beneme oen rechte kenliche lyfsnoet,
sonder alleyne diegeyne, die buten Iands weirren sess dachuaert van
synre wonynghen. End were oeck saeke dat yemant van ons gesellen die
ander gesellen vyant were, die gesellen van ons an beyden syden mit
allen oeren helperen soelen gevredet syn van den vrydage voer den hoeue,
als die
sonne opgeit
end durende end werende theynt des
vrydages noe den hoeue, als
die sonne ondergeit.
Ende voert soelen
wy alle jaer op den
hoeue kiesen onder ons gesellen eynen koninc van onsen geselscap mit
sess raetluden, wilcke koninc mit den raetluden saten end ordiniren sal
alle saiken van der gesellscap end sonderlingen den hoeff des ander
jaers daernae te versien bestellen end saten sal, end alle saiken die
men tot den hoeue behandende is weruen end begaederen sal, end
bescheidelike rekenynge daeraff doen sal, van wilken kost des hoeff die
ridder end knechte gelyc gelden soelen, end die heren eyn derdedeel meer
dan die ridder end knechte, end ein greue eyn derdedeel meer dan die
heren. Ende des dinxtages des morgens vroe bynnen den hoeue soelen wy
gesellen onder ons allen toe Cleue in onser vrouwen kercken begaen alle
diegeene, die van onser geselscap gestoruen weren, end dan sal mallich
van ons syn offer brengen. Voert onse geselscap sal dueren XII jaer
langh date des
brieffs naeyn volgende. Ind mallich van ons allen heeft den andern
geloeft in guden truwen end gesekert in gerechter eidstat alle saiken,
soe woe die bouen bescreuen staen, vast, stede end onuerbrekelick te
doen, halden .... in orkonde onser zegele aen desen brieff gehangen. Gegeuen
int jaer ons heren Dusent driehondert tachtentich eyn, op sente
Kuniberts dach.“[3] „Alle,
die wir den gegenwärtigen Brief mit unseren Siegeln versehen haben, tun
hiermit kund und zu wissen, dass wir nach reifer Überlegung, mit
eigenem freien Willen und aus besonderer Neigung und Freundschaft, die
wir gegenseitig unter uns hegen und stets hegen werden, eine
Gesellschaft unter uns gestiftet haben und übereingekommen sind, diese
den Narrenverein zu nennen, und zwar ihrer Form und ihrem Wesen nach,
wie hier unten beschrieben steht. Jedes unserer Mitglieder soll einen
Hanswurst von Silber auf seinem Kleide befestigt tragen, so wie es ihm
am besten dünkt, und wenn einer von uns solches nicht täglich tun
wird, so soll ihn derjenige, welcher ihn ohne dieses Attribut unseres
Ordens antrifft, in eine Strafe von drei turonesischen[4]
guten Groschen nehmen, welche aus Liebe zu Gott armen Leuten gegeben
werden sollen. Alle Jahre werden wir eine Zusammenkunft feiern und einen
Hof haben, wo wir uns hinverfügen und uns am 2. Sonntage nach Michels
Tag[5]
zu Cleve jährlich zusammentreffen. Keiner darf sich von dort entfernen,
ohne zuvor seinen schuldigen Beitrag bezahlt zu haben, und keiner von
uns darf (seine Gründe oder Geschäfte seien noch so erheblich, wie sie
wollen) nicht wegbleiben, es sei dann, daß er wegen einer wirklichen
Unpässlichkeit zurück gehalten werde, oder dass er sich außerhalb
Landes und zwar sechs Tagreisen von seinem Wohnort befindet. Wenn es
sich zuträgt, dass ein Mitglied mit dem Andern in Feindschaft lebt, so
sollen beide die Ursache ihrer Feindschaft vergessen, von dem Freitag
vor der Versammlung mit Sonnen-Aufgang an, bis zu dem Freitag nach der
Versammlung mit Sonnen-Untergang. Wir werden jährlich zu dieser
Versammlung aus unserer Mitte einen König und sechs Räthe wählen. Der
König mit seinen Räthen soll alle Geschäfte und Berathungen der
Gesellschaft bestimmen und ordnen, er soll vorzüglich den Hofstaat für
das künftige Jahr anordnen, er soll für Alles sorgen was der Hof
bedarf und davon Rechnung ablegen. Zur Bestreitung der Ausgaben sollen
die Ritter und Schild-Waffenträger gleichmäßig beitragen, jedoch die
Freiherren ein Drittheil mehr als diese, und eine Graf ein Drittheil
mehr als die Freiherren. Am Dienstag Morgen während den Hof-Zeremonien
gehen die Mitglieder in die Liebfrauen-Kirche[6]
zu Cleve um dort das Gedächtnis derjenigen unserer Gesellschaft zu
feiern, welche gestorben sind und ein jeder von uns wird dort sein Opfer
bringen. Unser Verein soll von dem Datum dieser Urkunde an, zwölf
nacheinander folgende Jahre dauern. Ein jeder von uns hat den Andern im
guten Glauben und anstatt einem feierlichen Eide versprochen, Alles
dasjenige, was oben gesagt worden, fest und unwiederruflich zu halten.
Zu dessen Beglaubigung haben wir diese Urkunde mit unseren Siegeln
versehen. Gegeben
im Jahre unseres Herrn 1381 am Tage des heiligen Cuniberts[7].“[8] Die Gründungsurkunde des klevischen Geckenordens liegt im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf unter der Signatur Kleve-Mark, Urkunden 625. Wolf-Rüdiger Schleidgen hat sie in seiner Publikation „Kleve-Mark Urkunden 1368–1394 Regesten des Bestandes Kleve-Mark Urkunden im Nordrhein-Westfälischen Hauptstaatsarchiv in Düsseldorf, Siegburg 1986“ verzeichnet[9]. Seiner Beschreibung nach ist der Text bis auf wenige Reste zerstört.[10] Bereits Baron van Spaen erwähnt 1808 zur Aufbewahrung der Urkunde: „Men verzekerde algemeen, dat het oorspronkelijke stuk in eene ijzere kist op de Regeering bewaard werdt; dus mijne verwondering groot was, het zelve onder veele oude prullen midden in een zee van stof en vuiligheid te ontdekken“[11]. Die vorliegende Textstudie basiert daher auf historischen Abschriften und Veröffentlichungen. Dazu gehören:
§
Die
Urkunde ist auf „Pergament, 21 Zoll lang, 5 Zoll breit und enthält zwölf
geschriebene Linien (Zeilen). Eine größere Menge Streifen oder Bänder
von Pergament hangen an derselben herunter, wiewohl nur 36 Siegel von
eben so vielen Mitgliedern ... daran befestigt sind. Die anderen sind
leer und für die Siegel der neuen Mitglieder bestimmt, welche in die
Gesellschaft sich wollen aufnehmen lassen[14].
In der ersten Reihe befinden sich 21 Siegel, in der zweiten 13 und in
der dritten 2. Auf jeder Streife, die ein Siegel hat, ist der Name des
Mitgliedes geschrieben. ... Das einzige Siegel des Grafen von Cleve ist
von rothem und die anderen von grünem Wachs. ... Die Mitglieder haben
bei der Besiegelung keinen Rang beobachtet; denn der Graf von Cleve hat
als der Elfte gesiegelt, da doch der ehrenvollste Platz der Erste zur
Rechten war.“[15] Die
nachfolgende Auflistung gibt die Reihenfolge, die sich aus der
Aufstellung von Petrasch und Brewer aus dem Jahr 1827 ergibt, wieder.
Die Wappen und die Namen in der ersten Zeile wurden der Aufzeichnung von
Teschenmacher entnommen, die ein gutes Jahrhundert zuvor erstellt wurde.
Hellgrau schattiert ist die Namensbezeichnung, die Petrasch und Brewer
überliefert haben. Gelb unterlegt ist die 1853 von Lacomblet
vorgenommene Bezeichnung. Die Abweichungen können auf Fehler beim
Abschreiben zurückzuführen sein. Möglich ist auch, dass es mehrere
Originalurkunden gegeben hat.[16] Bei
den gerahmten Wappen sind die Siegel noch vorhanden.[17] Erste obere Reihe:
Zweite Reihe:
Zweite
(links) und dritte Reihe (rechts):
Bei
den unleserlichen Namen sollte es sich um folgende Personen handeln:
Ende des Rittertums Der Narrenorden wurde in einer Phase des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit gegründet. Die Zeit von 1300 bis zum Ende des 15. Jahrhunderts stellte eine Umbruchphase dar: Altes brach zusammen; Neues drängte an die Oberfläche, fand aber noch keine feste Gestalt.
Die
hochmittelalterliche Einheit Mitteleuropas war mit dem Untergang der
Staufer 1268 nur noch eine blasse Erinnerung. Der letzte (erfolglose),
siebte Kreuzzug endete 1270. Deutschland war in eine Vielzahl kleinerer
geistlicher und weltlicher Herrschaftsgebiete zerfallen, die einander
befehdeten. Die Welt des Lehnswesens versank. Der Ritterstand verlor mit
dem Niedergang des Reiches seine Lebensaufgabe, damit seine
Daseinsberechtigung und stand im Begriff zu verarmen. Von Götz von
Berlichingen[19]
weiß man, dass Fehden oft aus purer Not geführt wurden, weil einfach
das tägliche Überleben gesichert werden musste. Seine Rechtfertigung:
„Glaubt mir, ihr könntet es nicht ohne Tränen ansehen, wie die
jungen Junker tagtäglich um Brot und Kleider kämpfen und sich Galgen
und Rad aussetzen, um Not und Hunger zu verscheuchen. Sie halten es für
ihr gutes Recht, dem Nachbarn Fehdebriefe zu schicken, und was sie dann
treiben, dünkt sie noch recht und ehrenwert. Sie sind nicht blutdürstig.
... Nein, sie wollen gar nicht hoch hinaus. Sie wollen nur ihr tägliches
Brot.“[20]
Nach einem Bericht des Drosten von Meppen über einen Raubzug des Grafen
Otto von Tecklenburg im Jahr 1365 geht hervor, dass dieser u. a. aus
Dahlem 24 Kühe und 1005 Schafe, aus Haselünne 92 Kühe und 80 Pferde
und aus Holte 111 Kühe, 50 Schweine, 15 Pferde und sonstige Wertsachen
gestohlen hat, wobei in Holte auch zwei Bauern erschlagen wurden. Der
Bedeutungsrückgang des Rittertums geht einher mit der Verbesserung der
Waffentechnik. Um das Jahr 1200 kam eine Wunderwaffe auf, mit der man
noch sicherer schießen konnte: Die Armbrust. Die Bolzen durchschlugen
aus näherer Entfernung einen Helm oder Panzer. Im Jahr 1346 unterliegen
die französischen Ritter bei Crécy den englischen Langbogenschützen.
Hier werden auch erstmals in einer größeren Schlacht Kanonen erwähnt
(die aber keinerlei Einfluss auf den Verlauf der Schlacht haben, sondern
lediglich die Pferde der französischen Ritter für eine Weile
erschrecken). Der große Umsturz in Bewaffnung, Kriegsführung und
Burgenbau begann jedoch Mitte des 13. Jahrhunderts, als die Kenntnis über
das Schießpulver nach Europa gelangte. Die Erfindung der Feuerwaffe um
1400 leitete das endgültige Ende des Rittertums ein. Andererseits
erstarkte das Bürgertum seit Gründung der Städte, die im Klevischen
zu Beginn des 13. Jahrhunderts einsetzte[21].
Die Zentren der Gelehrsamkeit verlagerten sich in den größeren Städten
Europas von den Klöstern zu den Universitäten[22].
Die Hanse, ursprünglich die allgemeine Bezeichnung für die
Vereinigungen deutscher Kaufleute mit dem Ziel, ihre wirtschaftlichen
Interessen besonders im Ausland besser vertreten zu können,
war ab 1356 ein Städtebund, der in Nordeuropa nicht nur auf
wirtschaftlichem, sondern auch auf politischen und kulturellen Gebiet zu
einem wichtigen Faktor wurde. Rückschläge - wie z. B. die 1348 bis
1350 wütende große Pestepidemie und Hungersnöte - bremsten den
Prozess, ohne ihn jedoch umzukehren. War Adolfs Narrenorden ein strategischer Schachzug? Lacomblet
stellte die These auf[23],
dass die „geselscap van den gecken“ von Graf Adolf gegründet worden
ist, um einem Bündnis zwischen Ritterschaft und städtischen Vertretern
zuvorzukommen. Diese Städte- und Ritterschafts-Verbündungen waren
zahlreich; und ihr öffentlicher Zweck musste dem Landesherrn bedenklich
erscheinen. „Wenige Monate vor dem Entstehen der Cleveschen
Gesellschaft hatten sich die drei Erzbischöfe am Rhein und die beiden
Pfalzgrafen geeinigt, in keinen Städte- oder Gesellschaften-Bund
eintreten, noch den Eintritt in solche ihrer Mannen und Unterthanen
gestattet zu wollen, weil sie dieselben dem Reichsoberhaupte und ihrer
eigenen Kur-Würde für gefährlich hielten. ... Es begreift sich daher,
dass die sobald nachher sich bildende Gecken-Gesellschaft dem Scheine
politischer Absichten unter dem Gewande argloser Ergötzlichkeit
entgehen wollte.“[24]
Im
späten Mittelalter gab es eine Vielzahl von Ritterorden. Die
Ritterorden, wie z. B. Templer-, Malteser- oder Johanniterorden, sind
zunächst aus den Kreuzzügen hervorgegangene Ordensgemeinschaften, die
ursprünglich zum Schutz, Geleit und Pflege der Pilger ins Heilige Land
gegründet wurden. Bernhard von Clairvaux bezeichnete sie als
"Ritter neuen Typs", da sie die Kampfkraft des dekadenten
Ritterstandes mit der Disziplin und der Enthaltsamkeit der Mönchsorden
verbanden. Während die einzelnen Mitglieder der Armut verpflichtet
blieben, wurden die Orden durch Erbschaften, Schenkungen und Eroberung
zu den reichsten Organisationen ihrer Zeit. Die geringe finanzielle
Ausstattung und die Befristung auf zwölf Jahre signalisierten eine völlig
andere Intention bei der Gründung der Narrengesellschaft „Den
eigentlichen Zweck dieser Verbindung (der „geselscap van den gecken“)
und die Umstände, welche dazu Veranlaßung gegeben, sind unmöglich
auszumitteln. Der Inhalt der Urkunde läßt keine andere Tendenz als die
des Scherzes und die des Vergnügens vermuthen, weil von Streitigkeiten
und wechselseitigen Vertheidigungen gar keine Erwähnung darin
geschieht, wie man es sonst wohl bei andern Verbindungen zu jener Zeit
findet. ... In Berücksichtigung der Jahreszeit kann man auch glauben,
daß das Vergnügen der Jagd diese Gesellschaft beschäftigt habe. Was
den Grafen von Cleve bewogen haben mag, diese Verbrüderung einen
Narrenverein zu nennen, ist bis jetzt ein unauflösbares Räthsel ...
.“[25] Haben dem Grafen möglicherweise
die an vielen Plätzen, insbesondere in Frankreich, gehaltenen
Narrenfeste inspiriert? Der
Hofnarr des Mittelalters sollte seinem Herrn nicht belustigen, sondern
ihn als ernste Figur ständig daran erinnern, dass er vergänglich ist
und sterben muss. Im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit
waren es zunehmend Menschen, die sich nur dumm stellten oder über
besonderes künstlerisches oder humoristisches Talent verfügten, die
als Unterhalter engagiert wurden. Narren fanden sich sowohl im
ritterlichen Gesinde, als auch an Fürstenhöfen. Für die dort tätigen
Hofnarren galt die Narrenfreiheit, die es ihnen ermöglichte, ungestraft
Kritik an den bestehenden Verhältnissen zu üben[26].
Auch die Parodie von Adeligen war den Hofnarren erlaubt. Auch
heutzutage ziehen die Narren in der Karnevalszeit Vorteile aus der
Verkleidung - sie können sich hinter der Maske verbergen. So ist es möglich,
ohne Sanktionen Kritik an Autoritäten zu üben. In den Zeiten des
Karnevals ist es möglich, Fremde zu küssen, Prominente oder
Honoratioren zu duzen und zu kritisieren. Für
die Mitglieder des Narrenordens, die auf Zeremoniell und steife Förmlichkeit
verzichteten und in brüderlicher Freundschaft einander zugetan waren,
galten gleiche Rechte und Pflichten. Die Aufhebung der Rangordnung
findet sich auch in den Siegelreihen der Narrenurkunde wieder, denn erst
an 11. Stelle taucht das Siegel des Grafen Adolf I. auf[27]. Diese Platzierung ist
auch die „magische“ Zahl des Karnevals: Hoppeditz erwacht am 11.11.
eines Jahres um 11.11 Uhr. Elferräte stellen die Führung des
Karnevalvereins dar, und die Veranstaltungen beginnen in der Regel 11
Minuten nach der vollen Stunde. Der
12. November 1381, das Datum der Gründungsurkunde, liegt zu Beginn der
närrischen Session und ist ein weiterer Hinweis auf die Vorbildfunktion
der „geselscap van den gecken“ für den heutigen Karneval. Auch
der Narrenorden – der klevische Hanswurst – ist ein Attribut, das
noch heute zum festen Bestandteil des Karnevals gehört. Der Orden
signalisiert Zusammengehörigkeit. Die uniformartige Kleidung der
Mitglieder und Garden heutiger Faschingsgesellschaften erinnert oft an
die französischen Besatzungstruppen im Rheinland. Die Dekoration mit
einer Unzahl an Faschingsorden sollte ursprünglich die Geltungssucht
mancher Persönlichkeit des öffentlichen Lebens persiflieren. Im Laufe
der Zeit wandelte sich jedoch die Bedeutung der Narrenorden vom
Juxartikel zu Erinnerungs-, Dankes- und Ehrenzeichen sowie
Vereinsabzeichen. Eine
de facto-Anerkennung der Urkunde als „Muster“-Satzung für einen
Karnevalsverein erfuhr der Text 1820 durch die preußische Regierung,
die dem närrischen Treiben auf den Straßen Kölns Einhalt gebieten
wollte: sie nahm die Gründungsurkunde des Klever Ritterordens als Präzedenzfall
– und entschied, dass nur mit Satzung ausgestattete Vereine sich
karnevalistisch betätigen dürfen.[28]
Tatsächlich finden sich viele Attribute einer Satzung, die in
abgewandelter Form auch bei heutigen (Karnevals-)Vereinen Anwendung
findet, in der Narrenurkunde: z. B.
Nicht
in dieses Raster hingegen passt der Zeitpunkt der jährlichen Treffen:
„Alle Jahre werden wir ... einen Hof haben ... am 2. Sonntage nach Michels Tag (Mitte Oktober)“.[29]
Dies ist ein Ansatzpunkt für Kritiker: „Der frühere Düsseldorfer
Stadtarchivar Prof. Hugo Weidenhaupt lässt hier närrische
Schlussfolgerungen nicht gelten. ... Die Gesellschaft (sei) vermutlich
eine Rittervereinigung gewesen, ein friedlicher Zusammenschluss, der
Arme unterstützt und sich dem Gedächtnis der Verstorbenen gewidmet
habe; außerdem falle der St.-Michaelis-Tag auf den 29. September und
der Zeitpunkt der Treffen mithin aus dem Rahmen der Karnevalszeit.
Weidenhaupt räumt allerdings ein, dass die "geselscap“ in der
Literatur recht unterschiedlich beurteilt werde. Ferdinand
L. von Biedenfeld, der eine wichtige Auflistung der Ritterorden
verfasste, kommt zu folgendem Schluss: „(Die „geselscap van den
gecken“) hatte offenbar den Zweck nicht nur der Sittenbesserung seiner
Genossen, sondern auch der Geiselung mancher Thorheiten der Zeit und
eines lebenvollen geistreichen Genusses geselliger Freuden, indem die
Mahle und Lustbarkeiten durch Witz und Scherz gewürzt wurden, wobei
jedes Mitglied seine eigene Lustspielrolle nach Vermögen durchführte.“[30] Vor
allem niederländische Historiker sehen in ihr eine
"aristokratische Spottvereinigung", eine Parodie auf die
Ritterorden. Der erste Leiter des Düsseldorfer Staatsarchivs, Theodor
Joseph Lacomblet, mutmaßte 1853 sogar, dass die Ritterrunde sich nur
nach außen den Anschein "argloser Ergötzlichkeit" gegeben,
in Wirklichkeit aber vielleicht politische Ziele verfolgt habe und ihr
"Vereinsabzeichen" nur eine Tarnung gewesen sei. Sein
Nachfolger Waldemar Harleß wiederum sprach von einer "Vereinigung
der Ritterbürtigen des Landes", die nichts weiter als den
Besitzstand habe konsolidieren und sichern wollen.[31]
Baron W. A. van Spaen stellte fest, dass unter den Mitgliedern des
Narrenordens auffallend viele sind, die in einem angespannten Verhältnis
zum Bischof Florenz von Wevelinghoven (1379 – 1393) und zu Wilhelm,
dem Sohn des Wilhelm von Jülich (ab 1383 bis 1402 Herzog von Geldern),
standen.[32]
Die
Herren von Ameide (van Ameyde), van Abcoude (Wilhelm van
Abconde) und van Voorst (Wilhelm van Voorst), sowie Ernst van
Steenre (Ernest van Steenre) hatten versucht, den vom Papst Urban
VI. in Utrecht als Bischof eingesetzten Florenz von Wevelinghoven zu bekämpfen.
Sie veranlassten, dass der Gegenpapst Klemens VII. Reinald van Vianen
zum legitimen Bischof von Utrecht ernannte. Der Versuch scheiterte, und
die Gelderschen Edlen mussten Schutz beim Grafen von Kleve suchen. Willem
de Roede (Wilhelm van Roede), Evert van Ulft (Eberhard von
Ulft), Herberen van Leuwen (Herbert van Lewen), Otto van
Herwen (Otto van Herven), Reynald van Rees (Reinold van Rees),
Walram van Benthem (Walram van Benthem), Simon van Schuilenburg (Seno
von Schulenburg) hatten sich während des geldernschen
Erbfolgekrieges (1371 – 1379) auf die Seite der sogenannten Hekeren
gestellt. Das Bemühen der Hekeren, Mathilde, Tochter Rainalds II. und
Witwe des Grafen Johann I. von Kleve, zur Regierung zur verhelfen,
missglückte, so dass diese Edelleute ebenfalls den Schutz Adolfs von
Kleve benötigten. [33]
In
beiden Fällen hatte der Klever Graf den Schutzsuchenden – auch aus
eigenem Machtinteresse – die benötigte Hilfe nicht versagt. Eine
offene Provokation der Nachbarn konnte sich durch einen dem Spaß
verpflichteten Narrenorden vermeiden lassen. Die
Gesellschaft war von Beginn an auf eine zwölfjährige Laufzeit
ausgelegt. Die Zahl „zwölf“ wird sicherlich nicht willkürlich gewählt
worden sein. Im Christentum ist die Zwölf neben der Sieben die Heilige
Zahl der Begegnung von Gott (Drei: Trinität = Dreieinigkeit aus Vater,
Sohn und Heiligem Geist) multipliziert mit der Zahl der Welt
(Vier: 4 Himmelsrichtungen, 4 Jahreszeiten, 4
"Elemente"). Zwölf
ist die u. a. die Anzahl
An
der Tafelrunde des König Artus blieb der zwölfte Sitz leer. Dieser
Platz war dem Ritter vorbehalten, dessen Bestimmung es sein sollte, den
Heiligen Gral zu finden. Fakt
ist, dass nach Ablauf der zwölf Jahre im Jahre 1393 eine
freundschaftliche und fröhliche Vereinigung „zwischen dem Erzbischofe
von Köln, den Bischöfen von Münster und Paderborn, Adolph, dem Grafen
von Cleve, dessen älteren Sohn Adolph, seinem Bruder Diederich von der
Mark, Herrn von Dinslaken, Friedrich Graf von Meurs, Reinhard Herrn von
Falkenburg, Gottfried von Loos und Heinsberg, Herrn von Dalenbrock und
mehreren Andern gestiftet; die Tendenz war die Erhaltung der öffentlichen
Ruhe. Diese zur Ehre der heiligen Jungfrau gestiftete Verbindung führte
den Namen Rosenkranz-Orden; jedes Mitglied konnte seine Freunde in
denselben aufnehmen lassen, und machte sich verbindlich, stets einen
Rosenkranz von Gold oder Silber um den Hals zu tragen. Es ist zu
bemerken, daß dieser Verein nach Verlauf der 12 Jahre entstanden ist,
wovon in dem Narrenorden zu Cleve erwähnt wird[34].
Erwiesen ist es, daß Graf Adolph die Dekoration des Narrenordens
abgelegt und dafür die des Rosenkranzes angenommen hat.“[35]
Sollte
mit dieser Rittervereinigung die Nachfolge von Adolf I. auf seinen
gleichnamigen Sohn und späteren Herzog Adolf I vorbereitet werden? Am
7.9.1394 trat der 21jährige Adolf nach dem Tod seines Vaters die
Herrschaft in der Grafschaft Kleve an. Adolf führte Kleve in wenigen
Jahren in die vordere Reihe der Reichsfürstentümer. In der Schlacht
bei Kleverhamm am 7.6.1397 besiegte er den Herzog Wilhelm I. von Berg
und Reinald von Jülich. 1398 erbte er die Grafschaft Mark. Über die
Mitgliedschaft im Rosenkranz-Orden mag er sich die Unterstützung oder
zumindest Neutralität von Freunden erarbeitet haben. Das Prinzip
„Echte Fründe stonn zesamme“ (kölsch für "Echte Freunde
stehen zusammen"), beim Narrenorden erfolgreich erprobt, wird auch
beim Rosenkranz-Orden funktioniert haben. Die „geselscap van den
gecken“ könnte ein Paradebeispiel für den „Klüngel“ sein, der
heute noch ein bestens bewährtes Rezept zum Durchsetzung von Interessen
darstellt. Adolfs
Narrenorden war ein strategischer Schachzug! Die Einrichtung eines Narrenorden war ein geschickter Schachzug des Grafen Adolf. Er war ein weitsichtiger Landesherr, der in einer schwierigen Umbruchphase sein Territorium nach außen erweitern und nach innen festigen konnte. Unter dem Schutz der Narrenfreiheit ließ sich ein Beraterstab, eine Art mittelalterlicher „Business Club“, mit verdienten Rittern besetzt, bilden. Damit sicherte er sich deren Solidarität und verschaffte dem an Bedeutung verlierenden Stand eine neue Reputation.
Die
zwölfjährige Befristung der Gesellschaft verhinderte, dass Adolf einen
nachhaltigen Machtverlust durch eine Art „Magna Charta Libertatum“[37]
befürchten musste. Das Prinzip wurde beim Rosenkranz-Orden auf regional
ausgedehnter Ebene übernommen und erfüllte seinen Zweck auch dort. Der
Rahmen konnte wechseln[38],
mit ihm ließ sich durch Zeremonien und äußere Würdezeichen eine
besondere Atmosphäre und ehrenvoller Glanz beigeben und die Tätigkeit
des Ordens verherrlichen, indem man ihn mit vergangenem Ruhm und
idealistischen Zielsetzungen assoziierte, deren Honorigkeit und
hochstehende Moral außer Frage stand.[39] Etliche
Attribute der Narrenurkunde scheinen tatsächlich in den Alltag des
karnevalistischen Treibens integriert worden zu sein. So erfüllte die
„geselscap van den gecken“ nicht nur einen politischen, sondern auch
einen kulturellen Aspekt. „Europas Narren sin in Kleef geborre“[40]
? Biedenfeld
weist darauf hin, dass „dieser Verein (die „geselscap van den gecken“)
viele Nachahmer, wovon wir nur nennen wollen: die Narrenmutter zu Dijon
(La mére folle oder L’Infanterie Dijonnoise); die Gesellschaft der Hörnerträger
zu Evreux und Rouen (Societas Conardorum); das Königreich Basoche zu
Paris; die Babinische Republik in Polen; das Regiment der Calotte etc.
(hatte). Bei allen scheint sich löblicher Gebrauch mit der Zeit in anstössigen
Missbrauch verwandelt und den Untergang herbeigeführt zu haben.[41]“ Das
Narrentreiben ist natürlich keine Erfindung der Rheinländer. Schon aus
dem alten Babylon (etwa 3000 v. Chr.) wird über Feste berichtet, bei
denen sich die Menschen verkleideten und in ausgelassenem Treiben alle
Dinge auf den Kopf stellten. Für den Karneval, das bunte Treiben am
Rhein, muss man wohl die Römer verantwortlich machen. Die Römer
feierten die Saturnalien im Dezember und die Lupercalien im Frühjahr.
Saturnalien und Lupercalien verschmolzen zu einem Fest, dem Karneval.[42] Im Rheinland
vermischten sich die römischen Bräuche mit germanischen Kulten, die
als Fruchtbarkeitsriten sehr beliebt waren. Der rheinische Karneval nahm
ebenso wie die süddeutsche Fasnet seinen Ausgang von
Winteraustreibungs- und Fruchtbarkeitsriten, die sich hier in römischer,
keltischer und germanischer Prägung mischen. Seit dem
Mittelalter hat es im Rheinland viele verschiedene Formen des Feierns
gegeben: Bettelgänge von Kindern, Nachbarschaftsfeste, Maskenbälle und
Umzüge von Handwerksgesellen. Ursprünglich wurde Karneval im
Rheinischen auch nur an den letzten Tagen vor Beginn der vorösterlichen
Fastenzeit gefeiert: "Man spricht heute noch von den drei Tollen
Tagen". Seit 1900
hat sich der Karneval deutlich ausgeweitet. Die heutige Art, Karneval zu
feiern, ist im 19. Jahrhundert entstanden. In dieser Zeit entwickeln
sich die heute bekannten närrischen Traditionen wie Rosenmontagszug,
Saalkarneval und Vereine. Europas Narren sind also nicht in Kleve geboren, doch zumindest haben sie in Kleve mit dem Narrenbrunnen eine weitere Gedenkstätte gefunden, die an eine nunmehr 625jährige Tradition erinnert!
[1] Die Stadtfarben Kleves. [2] Julius Ernst von Buggenhagen: Nachrichten über die zu Cleve gesammelten theils römischen theils vaterländischen Alterthümer und andere daselbst vorhandenen. Berlin 1795, Nachdruck Kleve 1977, S. 22. [3] Theodor Josef Lacomblet (Hrsg.): Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins, Bd. 3. Düsseldorf 1853, S. 755. [4] „Ein Turnosegroschen wog im 14. Jahrhundert etwa 3,9 bis 4 Gramm und bestand aus Silber („gute“ Groschen sollten einen Feinsilbergehalt von rund 920/1000 aufweisen). Ein Groschen galt 24 Pfennige oder 2 Schillinge. Zum Vergleich: Um 1320 erhielt ein Steinmetz- oder Zimmergeselle in Regensburg im Winter 2 Pfennige und im Sommer 4 Pfennige pro Tag. Für einen Pfennig konnte er etwa 6 Halbe Bier kaufen. Um 1400 erhielt ein Maurermeister pro Tag 10 Regensburger Pfennige, ein Erdarbeiter 3 Pfennige.“ Ich danke Frau Aila de la Rive für die Erläuterung. [5] 29. September: Fest der Erzengel Michael, Gabriel und Raphael. [6] Am 12. August 1341 legte Graf Dietrich IX. den Grundstein für den Bau der Stiftskirche St. Mariae Himmelfahrt. Am 14. September 1356 wurde der neue Chorraum geweiht. Der letzte Bauabschnitt konnte 1426 abgeschlossen werden. Der Neubau ersetzte die im 12. Jahrhundert erstmals erwähnte und dem Evangelisten Johannes geweihte Kirche. Die Johanneskirche wurde von den Praemonstratensermönchen des Stiftes Bedburg betreut. Dieser aus Frankreich stammende Orden verehrte Maria als „Notre Dame“, als „Unsere Liebe Frau“. [7] Der Tag zur Ehren des Bischofs und Heiligen Kunibertus (Cunibertus, Gumpertus) ist der 12. November. [8] Carl Petrasch und Johann Wilhelm Brewer: Der Narren-Orden zu Cleve, dessen Entstehen, die Namen der sämmtlichen Stifter desselben, und die Abbildung des von Ihnen getragenen Ehrenzeichens. Köln 1827, S. 5 ff. Teschenmacher, a. a. O., hat das Jahr 1380 angegeben. [9] Laut Petrasch und Brewer, a. a. O., S. 2 befand sich die Urkunde zunächst „im Klevischen Archiv, welches erst nach Münster und demnächst erweislich nach Magdeburg transportirt worden ist“. [10] Auskunft des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen, Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, vom 30. März 2004. [11] Baron W. A. van Spaen, Proeven van Historie en Oudheidkunde. Kleve 1808, S. 25. [12] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Handschrift A III 12. [13] Die Abbildung wurde dem Aufsatz „Der Rheinische Karneval – Seine historischen Wurzeln“ von Anton Tripp, veröffentlicht im Kalender für das Klever Land auf das Jahr 1980, Kleve 1979, S. 116, entnommen. [14] W.-R. Schleidgen: Kleve – Mark Urkunden 1368 – 1394 Regesten ... . Siegburg 1986: Der Autor führt an, dass ursprünglich 65 Siegel an der Urkunde angehangen haben könnten. Dass bereits in der Abschrift aus dem 17. Jahrhundert lediglich von 36 Siegeln die Rede ist und auch die nachfolgenden Publikationen keine andere Zahl nennen, kann auf den schlechten Zustand der Narrenurkunde drei Jahrhunderte nach ihrer Ausfertigung zurückzuführen sein. [15] Petrasch und Brewer 1827, Seite 2. [16] Diese Annahme wurde von Petrasch und Brewer 1827 auf Seite 4 geäußert: „Wahrscheinlich ist auch mehr als ein Original vorhanden gewesen, was man zu muthmaßen versucht wird, da die Siegeln in verschiedenen Schriftstellern anders geordnet sind, als auf der Urkunde, die wir in Händen hatten. Allein wir sind doch in der Angabe dieser Idee nicht mit uns einig.“ Damit schließen sich die beiden Autoren der von Baron W. A. van Spaen in seinem Buch „Proeven van Historie en Oudheidkunde“, Kleve 1808, S. 26 getätigten Vermutung an. [17] Schleidgen 1986. Heute sind noch 15 Siegel vorhanden, von denen eines nicht zu identifizieren ist. [18] Teschenmacher hat sich wahrscheinlich der Abschrift aus dem 17. Jahrhundert - Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Handschrift A III 12 – bedient. Seine Aufstellung ist nahezu identisch mit der von Petrasch und Brewer und weicht nur in zwei Punkten ab: Der Name Jan van Bylant wird in der Abschrift zweimal unter den Nummern 9 und 33 aufgeführt. Das unter der Nr. 9 dargestellte Wappen wird bei Teschenmacher für Otto van Hall verwendet. [19] Gottfried "Götz" von Berlichingen, "mit der eisernen Hand", (* um 1480; † 23. Juli 1563) war ein schwäbischer Reichsritter. Sein Leben war bestimmt durch zahlreiche Fehden. Zu seiner Zeit flackerte das Rittertum ein letztes Mal auf. Noch nicht an den allgemeinen Landfrieden gewöhnt und eifersüchtig auf den Reichtum der Städte und Kaufleute, versuchten viele Ritter wirklich geglaubtes oder fingiertes Recht mit Waffengewalt durchzusetzen, um Lösegeld und Beute zu erlangen - seltener zum Schutz Unterdrückter. [20] Doris Marszk, Anke Pieper: Ritter wohnten in kargen WGs. In: Welt am Sonntag, Nr. 26 vom 27. Juni 2004, S. 57. [21] Näheres hierzu findet sich im Aufsatz von Klaus Flink, „Die klevischen Herzöge und ihre Städte (1394 – 1592), abgedruckt im Katalog „Land im Mittelpunkt der Mächte“, Kleve 1984, Seite 74 ff. [22] Neugründungen: z. B. Lissabon 1290, Prag 1348, Krakau 1364, Heidelberg 1386. [23] Theodor Josef Lacomblet (Hrsg.), Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins, Bd. 3. Düsseldorf 1853, S. 755 (Fußnote Nr. 3). [24] ebenda [25] Petrasch und Brewer 1827, Seite 8 ff. [26] Ein schönes Beispiel für die „Narrenfreiheit“ ist aus dem Jahr 1340 überliefert: Bei Sluis (Sluys) kommt es zur Seeschlacht zwischen Engländern und Franzosen. Trotz Überlegenheit der Franzosen verlieren diese die Schlacht mit hohen Verlusten. Zunächst wagt es niemand, Philipp den Schlachtausgang zu berichten, nur sein Hofnarr soll gerufen haben: Oh, diese englischen Feiglinge! Was für Feiglinge die Engländer doch sind! – Sie sind nicht über Bord gesprungen wie unsere tapferen Landsleute! Es heißt, die Fische hätten soviel französisches Blut getrunken, dass sie französisch gesprochen hätten, hätte Gott ihnen die Gabe der Rede verliehen. [27] Der Wahlspruch auf dem Klever Siegel soll lauten: "Ey, Lustig, Fröhlich“ (WDR, http://www.wdr.de/themen/freizeit/brauchtum/karneval_2003/... , 12. Juli 2004). Da dies in den historischen Quellen nicht erwähnt wird und das Siegel nicht mehr vorhanden ist, bleibt die Richtigkeit dieser Angabe jedoch fraglich. Die Anfangsbuchstaben des Wahlspruchs bilden das Wort E L F. [28] Jan Jessen: „Ein Narr, wer Schlechtes dabei denkt“. In: NRZ vom 5. Juni 1999. [29] Petrasch und Brewer 1827, Seite 5 ff. [30] Ferdinand L. von Biedenfeld: Geschichte und Verfassung aller geistlichen und weltlichen, erloschenen und blühenden Ritterorden. Weimar 1841, Bd. 1, S. 109 ff. [31] Alfons Houben. Hrsg. Comitee Düsseldorfer Carneval: 3 x Düsseldorf Helau. Die Geschichte des Düsseldorfer Karnevals. Meerbusch 1999. [32] Baron W. A. van Spaen, Kleve 1808, S. 46: „Wanneer men dit aantal misnoegde Stichtsche en Geldersche Edelen, die het Gezelschap der Gekken mede sloten in aanmerking neemt, zou dan de gisfing angepast voorkomen, dat dit verbond alleen opgericht werdt, die Heeren bijstand tegens Bisschop Floris van Wevelingshoven en tegens Willem Zoon van Gulich te doen geworden?“. [33] Baron W. A. van Spaen, Kleve 1808, S. 37 ff. Die Schreibweise der Namen wurde ebenfalls übernommen, die Namensbezeichnung nach Petrasch und Brewer wurde in Klammern gesetzt. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Hinweis des Autors, dass Kleve als Refugium für Verfolgte galt: „Men ziet hier uit, dat Cleve ten allen tijde tot een schuilplaats aan misnoegde of vervolgde Nederlanders strekte.“ [34] Nach Baron W. A. van Spaen, Kleve 1808, S. 35, der sich in der Fußnote auf M. S. Hoenselaer und G. van der Schueren Ms. Beruft, „sloot Adolph, Graaf van Cleve met Frederik van Sarwerden, Aartsbisshop van Keulen, Wenceslaus, Hertog van Brabant, en Willem, Hertog van Gelre en Gulich, beneffens mit de Steden Aken en Keulen in 1392 en verbond, den Roskam genoemd, dat dienen zou tot bevestiging der Landvrede.“ [35] Petrasch und Brewer 1827, Seite 11. [36] Julius Ernst von Buggenhagen 1795. 26 ff. [37] Die englische Adelsopposition verpflichtete 1215 den englischen König, auf den Rat der adeligen Barone zu hören. Seit dem Hoftag von 1254 wurden zunächst Vertreter des niederen Adels hinzugezogen. Als später auch noch Vertreter der Grafschaftsritter und je zwei Bürger jeder Stadt hinzutraten, erweiterte sich der ursprüngliche Adelsrat zu einem Gremium, in dem alle Stände vertreten waren. Im 14. Jahrhundert tagten Adel und Geistlichkeit getrennt von den zahlreichen Vertretern der Grafschaften. So entstanden die beiden Häuser, das House of Lords (Oberhaus) und das House of Commons (Unterhaus). [38] Dies konnte zuweilen skurrile Formen annehmen, so gründete König Alfons XI von Kastilien 1330 einen Ritterorden, dessen Mitglieder sich zum Verzicht auf Knoblauch und Zwiebeln verpflichten mussten. Wer nach Knoblauch roch, musste sich für einen Monat dem Hofe fernhalten. [39] Maurice Keen: Das Rittertum. Düsseldorf 2002, S. 289 ff. [40] Paul Dirmeier: Gedicht anlässlich der Einweihung des Narrenbrunnens am 10. November 2001. [41] Ferdinand L. von Biedenfeld 1841, S. 110. [42] Diese Einschätzung wird in der aktuellen Geschichtsbetrachtung nicht mehr generell akzeptiert. Die erste Erwähnung eines Karnevalsumzugs wird bereits für das Jahr 1341 in Köln erwähnt und für den 5. Mai desselben Jahres ist im Eidbuch des Rates der Stadt Köln zu finden: „Ever sal der rait zu vastavendde zu geinre geseltschaf volleyst geven van der steede gude“, was soviel bedeutet, dass der Rat der Stadt sich verpflichtet, zu Fastabend aus der Stadtkasse kein Geld mehr zur Verfügung zu stellen. [43] Paul Dirmeier, 10. November 2001. |
zuletzt bearbeitet am 01.02.2009