Kreisweit - Rheinische Post, April 2009

Die Stärken der Region stärken

Die neue Hochschule Rhein-Waal wird die Landschaft im Kreis Kleve verändern und der Wirtschaft neue Impulse bringen. Bereits im September beginnt der Lehrbetrieb.

VON RAIMUND SPER

Die neue Hochschule hat die Internetseite

www.hochschule-rhein-waal.de

Kontakt ist über

info@hochschule-rhein-waal.de

möglich.

Noch ist das ehemalige Alltours-Gebäude eine Baustelle. Aber schon bald wird dort die Verwaltung der Hochschule einziehen und ab September der Lehrbetrieb beginnen.

Noch ist es nicht augenfällig, aber die Landschaft im Kreis Kleve ist gerade dabei, sich gewaltig zu verändern. Gemeint ist hier die Bildungslandschaft. Durch die Entscheidung des Innovationsministeriums NRW im November 2008, am Standort Kleve eine Hochschule mit Nebenstelle in Kamp-Lintfort zu etablieren, wird sich die Bildungslandschaft am Niederrhein aber schon sehr bald auch sichtbar verändern. Das erste Gebäude im Kreis Kleve ist bereits jetzt zu sehen: Gerade wird das ehemalige Alltours-Haus an der Landwehr 4-6 zum Sitz der neuen Hochschule Rhein-Waal umgebaut. Etwa 1100 Quadratmeter stehen dort für den Stab der Verwaltung und für den Beginn des Lehrbetriebs zur Verfügung. Allerdings ist das Alltours-Haus nur als Provisorium vorgesehen. Wahrscheinlich schon Ende dieses Jahres sollen unter der Regie des Kreises Kleve die Bauarbeiten für ein eigenes, neues Hochschulgebäude in Modulbauweise neben dem alten Getreidespeicher am Spoykanal in der Kreisstadt Kleve beginnen; ein attraktiver Standort für einen Campus in Zentrums- und Bahnhofsnähe. Die Stadt stellt dafür die geeigneten Flächen zur Verfügung. Aus Sicht zukünftiger Studierender ist neben der fachlichen und wissenschaftlichen Attraktivität bei der Standortwahl einer Hochschule auch auf eine gute Erreichbarkeit, urbane Lebensmöglichkeiten, Campusqualität, Sportstätten und Freizeitmöglichkeiten zu achten. Der Kreis Kleve ist davon überzeugt, dass die Kreisstadt hierfür die Voraussetzungen bietet. Der Kreis Kleve beteiligt sich an den Investitionskosten mit bis zu 30 Millionen Euro. Aufgrund der modularen Bauweise wird angestrebt, auf eine europäische Ausschreibung zu verzichten, so dass die Baumaßnahmen der regionalen Bauwirtschaft zugute kommen.

Neben den wissenschaftlichen Einrichtungen im engeren Sinne werden für die Hochschule die notwendigen Struktureinrichtungen wie Medienzentrum (Bibliothek, Kommunikationstechnik), Mensa, Einrichtungen für studentisches Wohnen und familienfreundliche Organisation geschaffen.

Bis zu 5000 Studenten

Die Hochschule Rhein-Waal wird junge Menschen an den Niederrhein ziehen und andererseits Schulabgängern in der Region die Möglichkeit geben, direkt vor der Haustür zu studieren und damit zu Hause wohnen bleiben zu können. Die Hochschule ist für 2500 raumbezogene Studienplätzen geplant. Die Zahl der Studierenden hat dann den Faktor 1,5 bis 2, es könnten also schon bald bis zu 5000 Studenten an der neuen Hochschule tummeln. Damit würde die Hochschule Rhein-Waal bis zu 120 Professoren in ihren Diensten haben. „Das Engagement für die neue Hochschule Rhein-Waal im Kreis Kleve ist groß", sagt der Allgemeine Vertreter des Landrates, Wilfried Suerick. „Diese Einrichtung wird von den Verantwortlichen in Politik, Verwaltung und Wirtschaft , als sehr positiv für den gesamten Kreis gesehen. Bei diesem Thema ziehen alle Beteiligten an einem Strang." Man verspreche sich von der Hochschulansiedlung einen wirtschaftlichen Schub für die gesamte Region und die Ansiedlung weiterer Gewerbebetriebe. Aber auch andere Aspekte sind in diesem Zusammenhang von Bedeutung. So bemüht sich beispielsweise die Stadt Emmerich am Rhein darum, den einstigen Halt des ICE nunmehr für die studentischen Pendler zu bekommen. Dadurch wäre die Region bahntechnisch auch insgesamt wieder besser angebunden. „Das Leitmotiv des Kreises Kleve für die Errichtung der Hochschule ist "Stärken der Region stärken", so Suerick. „Und wir können hier in der Tat einige Stärken vorweisen, wie z.B. die mittelständische Wirtschaftsstruktur und das Dienstleistungsgewerbe, aber auch Unternehmen mit internationaler Marktausrichtung." Die Gründungsbeauftragten haben im Februar ihre Arbeit aufgenommen. Prof. Dr. Marie-Louise Klotz, jetzt Dekanin des Fachbereichs Textil- und Bekleidungstechnik an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach, wird die künftige Präsidentin der Hochschule Rhein-Waal werden. Dr. Martin Goch soll künftig Vizepräsident und zuständig für die Bereiche Wirtschaft und Personalverwaltung an der neuen Hochschule sein. Zunächst werden für die Hochschule Rhein-Waal Gründungsdekane gesucht und dann die Details wie etwa Vorlesungspläne zu den drei Studiengängen, mit denen im September 2009 gestartet werden soll, ausgearbeitet. Danach wird dann offensiv geworben, auch jenseits der Landesgrenze. „Schon jetzt liegen viele Bewerbungen von wissenschaftlichem Personal sowie Anfragen von Studenten vor," sagt Wilfried Suerick. „Darüber hinaus ist die gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft Kleve derzeit dabei, geeignete Unterkünfte für Lehrkörper, Personal und Studenten zu entwickeln." Am 1. Mai tritt das Hochschulausbaugesetz in Kraft. Dann gehts mit voller Kraft an die Realisierung aller Notwendigkeiten, die für den Start des Studienbetriebs an der Hochschule Rhein-Waal zum Start des Wintersemesters [erforderlich sind.]

Etwa 1100 Quadratmeter Fläche stehen der neuen Hochschule Rhein-Waal im einstigen Alltours-Haus zur Verfügung.

Gutes Potential in der Region 

(spr) Der Kreis Kleve hat in 16 Städten und Gemeinden etwa 308000 Einwohner. Die Bevölkerungszahl der 18- bis 30-Jährigen, also derjenigen, die ein Interesse an einer wohnortnahen Ausbildung im tertiären Bereich haben könnten, lag Anfang 2007 bei gut 40000, In den Schulen des Kreises - davon elf Gymnasien, eine Gesamtschule, zwei berufsbildende Schulen und zwei Berufskollegs - waren am 15. Oktober 2007 insgesamt 32281 Schüler registriert. Im Jahr 2007 haben davon 1754 Schüler eine Fachhochschul- oder allgemeine Hochschulzugangsberechtigung erhalten, im Jahr 2008 waren es 1835 Schüler. Hinzu kommt das Potenzial von jenseits der Landesgrenze. Die dort benachbarten Universitäten und Fachhochschulen (Nimwegen, Arnheim, Venlo) betreiben direkte Werbung um Studierende aus der Bundesrepublik. Deshalb sollte es umgekehrt für die Hochschule Rhein-Waal Kreis Kleve wichtig sein, sich ihrerseits auch dort um Studierende zu bemühen.

Zunächst zwei Einstiegsfächer

VON RAIMUND SPER

Neben dem markanten alten Speicher am Spoykanal soll der Neubau der Hochschule Rhein-Waal realisiert werden.

An der neu gegründeten „Hochschule Rhein-Waal für Lehre und Forschung" soll es Studienangebote aus den Bereichen Naturwissenschaften, Informatik und Technik, Wirtschaftswissenschaften und Gesellschaftswissenschaften geben. Doch den Anfang im Wintersemester 2009/2010 bilden zwei Einstiegsfächer: Bio-Wellness-Engineering und International Business and Social Sciences. „Bio-Wellness-Engineering beschäftigt sich aus naturwissenschaftlich - technischer Perspektive mit den in diesem boomenden Bereich verwendeten Verfahren, Methoden, Geräten und Substanzen", erläutert die Gründungsbeauftragte Prof. Dr. Marie-Louise Klotz. „Der englischsprachige Studiengang International Business and Social Sciences, ein Studiengang mit wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Inhalten, soll die Studierenden insbesondere zum Einsatz im Ausland befähigen. Das Einstiegsfach E-Government wird in Kamp-Lintfort angeboten, wo mit dem Rechenzentrum auch die passende Infrastruktur gegeben ist. Dieses Fach beschäftigt sich mit datenverarbeitungs- und netzbasierten Leistungen der Verwaltungen, sowohl auf nationaler als etwa auch auf europäischer Ebene. Der Bedarf nach einschlägigausgebildeten Spezialisten der öffentlichen Verwaltung in diesem Bereich kann gegenwärtig nicht annähernd gedeckt werden. Das ist aber auch in der Wirtschaft ein ganz großes Thema." Die Hochschule Rhein-Waal konzentriert sich zunächst auf das Angebot von Bachelor-Studiengängen. Hinzu kommen weiterbildende Master-Studiengänge insbesondere für diejenigen Absolventen, die bereits einige Jahre Berufserfahrung sammeln konnten. Das Studium folgt deshalb neben klassischen Vollzeit-Studiengängen in starkem Maße dem Prinzip der dualen Hochschulausbildung: Die Studierenden sind an der Hochschule immatrikuliert und gleichzeitig in einem Ausbildungsverhältnis mit einem regionalen Unternehmen oder auch einem öffentlichen Arbeitgeber engagiert. Daher betrifft die neue Hochschule auch ganz direkt ortsansässige Unternehmen.

Die regionale Wirtschaft ist sehr an einer Zusammenarbeit mit der Hochschule Rhein-Waal interessiert. Sie soll sich bald auch in Unternehmensneugründungen in Kooperation zwischen Hochschule und Wirtschaft niederschlagen und die Produktentwicklung und Produktion vorantreiben („Von der Idee zum Produkt").

Der Name der neuen niederrheinischen Alma Mater ist „Hochschule Rhein-Waal - University of Applied Sciences". „Applied" steht hier für praktische und praxisnahe Wissenschaften. Prof. Klotz: „Die Inhalte der Studiengänge orientieren sich auch am Profil der Firmen in der Region." Ein weiterer Schwerpunkt der Hochschule wird der Bereich der Weiterbildung sein, der dem lebenslangen Lernen gewidmet sein soll. Auch hier wird die neue Hochschule eng mit der Wirtschaft der Region zusammenarbeiten.

Einhellige und aktive Unterstützung

Das große Engagement von Landrat Wolfgang Spreen bei der politischen Durchsetzung der neuen Hochschule Rhein-Waal hat allerseits großen Beifall gefunden. Wir sprachen mit dem Landrat über die Situation nach dem „Zuschlag".

Wolfgang Spreen, Landrat des Kreises Kleve, am Spoykanal in Kleve, vor dem Gelände, auf dem die Hochschule Rhein - Waal entstehen soll.

Die Einrichtung einer Hochschule im Kreis ist seit Jahrzehnten das von Politik und Wirtschaft angestrebte Ziel. Warum kommt es erst jetzt zu dessen Realisierung?

Landrat Spreen: Die Landesregierung von NRW, vertreten durch das Innovationsministerium, hatte erstmalig einen Wettbewerb zur Neugründung und zum Ausbau bestehender Fachhochschulen ausgelobt. Mit einer überzeugenden Konzeption haben wir uns diesem Wettbewerb gestellt und waren erfolgreich. Für diesen Erfolg war sicherlich mit ausschlaggebend, dass wir bei der inhaltlichen und standortbezogenen Ausrichtung unserer Bewerbung die Unterstützung aller 16 Bürgermeister unserer Kreiskommunen hatten. Hierfür bin ich unseren Kommunen, die zum Teil hierfür ihre eigenen und durchaus nachvollziehbaren Interessen zurückgestellt haben, sehr dankbar. Von mitentscheidender Bedeutung für den Zuschlag zur Neugründung einer Hochschule mit Hauptstandort im Kreis Kleve war aber auch, dass wir bereits in die Bewerbung die einhellige und aktive Unterstützung aus der regionalen Wirtschaft einbringen konnten.

Sie werden allgemein sehr dafür gelobt, wie Sie sich für die Etablierung einer neuen Hochschule Rhein-Waal am Niederrhein eingesetzt haben. Was waren dabei die größten Hürden?

Zum Zeitpunkt der Bewerbungsabgabe hatte der Kreis Kleve nicht wirklich große Hoffnungen auf den Zuschlag zur Hochschulneugründung, zumal in der Vergangenheit unsere diesbezüglichen Initiativen vergeblich waren und wir oft enttäuscht wurden. Erschwerend kam für uns hinzu, dass die Wettbewerbsausschreibungen vorgaben, dass bis zu 50 Prozent der neuen Studienplätze in die Regionen fließen sollten, die vom Rückzug des Steinkohlebergbaus betroffen sind, was für den Kreis Kleve nicht zutrifft. Aber wir haben die Entscheidungsträger in der Jury und beim Land NRW davon überzeugen können, dass auch der Kreis Kleve seit vielen Jahren einem enormen Strukturwandel unterliegt und diesen bisher ohne jegliche staatliche Unterstützung bewältigen muss. Und wir haben mit Erfolg vermitteln können, dass wir diese Hochschule dringend benötigen und ganz einfach auch mal „dran" sind!

Wie stark ist das Interesse der Wirtschaft im Kreis an der neuen Hochschule Rhein-Waal? Gibt es konkrete Zusagen für das Engagement von Unternehmen.

Wie bereits erwähnt, waren von Anfang an das Interesse und die Unterstützung der hiesigen Unternehmen gegeben. Dies dokumentierten die Zusagen für über 100 zusätzliche Ausbildungsplätze für die duale Hochschulausbildung, die Zusagen von mindestens 20 Unternehmen zur Übernahme von mehr als 30 Stipendien und die Bereitschaft, Stiftungsprofessuren einzurichten bzw. deren Einrichtung zu unterstützen. Und in allen Bereichen ist die Tendenz weiterhin steigend. Auch in den Medien ist immer wieder zum Ausdruck gekommen, dass die hiesige Wirtschaft die Gründung der Hochschule am Standort Kreis Kleve sehr begrüßt und hohe Erwartungen insbesondere in Bezug auf die Gewinnung von qualifiziertem Nachwuchs wie z.B. Ingenieuren hat. Ich strebe deshalb an, dass wir kurzfristig mit konkreten Informationen zum Start der Hochschule und zu den Studiengängen unsere diesbezüglichen Gespräche mit den Unternehmen fortsetzen. Außerdem wollen wir das Hochschulgebäude in der kürzestmöglichen Zeit errichten, um der neuen Hochschule ein attraktives Zuhause" zu bieten. Als positiver Nebeneffekt wird damit der Wirtschaft auch in unserer Region ein zusätzliches „Konjunkturprogramm" ermöglicht.

Welche nationalen und internationalen Beziehungen (Technologietransfer) zwischen der Klever Hochschule und anderen akademischen Einrichtungen erwarten Sie?

Im Grunde freue ich mich, dass ich das derzeit nicht annähernd abschließend erkennen kann. Es werden jetzt schon zahlreiche Kontakte mit niederländischen, aber auch mit anderen Partnern gesucht, die wir zu gegebener Zeit natürlich vertiefen werden. Die Tatsache, dass einer der ersten Studiengänge in englischer Sprache angeboten wird, verdeutlicht jedoch die internationale Ausrichtung der Hochschule, nicht nur in Richtung Niederlande. Für die hiesige Wirtschaft und Region ist diese Tatsache ein bedeutender Mehrwert. Darüber hinaus erwarte ich, dass die dadurch gewonnene Internationaität sich nicht nur auf die Studierenden und die Hochschule, sondern auch auf die in unserer Region international operierenden Unternehmen auswirkt.

Das Gespräch führte Raimund Sper

Der Landrat macht sich ein Bild von dem Stand der Umbauarbeiten im ehemaligen Alltours-Gebäude.

zuletzt bearbeitet am 03.04.2009