|
KREIS
KLEVE. Für Kleve hatte er nur wenig Zeit. Noch nicht einmal aus
seiner Kutsche wollte Napoleon Bonaparte aussteigen, um auch nur
einen Fuß auf den Boden der alten Herzogstadt zu setzen. Zu viele
Termine und zu viele Fronten bedrängten den Feldherrn. Zwei Stunden
verharrte der französische Kaiser am 31. Oktober 1811 vor dem
Klever Posthaus und ließ sich von der Bevölkerung mit Vivatrufen
feiern, ehe er weiter eilte. Für die offiziellen Empfänge der
Stadt, für die Glückwünsche und Lobeslieder, ließ er seine Frau
Marie Louise da.
Eine
herzliche Zuneigung drückt sich wohl anders aus. Und auch der
Klever Johann Arnold Kopstadt, eine der wenigen authentischen
Quellen der Zeit, beobachtete das Treiben an dem Herbsttag im Jahre
1811 - von seinem Haus auf der Kavarinerstraße aus - äußerst
skeptisch. „In der That fand auch bei dieser Erscheinung des
hohen Kaiserpaares das Vivatrufen des Clevers durchgehend nur dann
eigentlich statt, wenn die Beamten den Ton dazu gaben, sonst ließ
er den Zug still vor seinen Augen vorüber ziehen, ohne frohen
Enthusiasmus zu zeigen. So wenig schien man hier von dem großen
Glück überzeugt, unter
Napoleons Scepter zu wohnen!"
Fast
20 Jahre lang lebten die Klever unter dem Regiment des
französischen Potentaten, gehörte das Arrondissement Kleve von
1794 bis 1814 zum französischen Reich. Für die Geschichte nur eine
kurze Periode, in der sich allerdings viel verändert hat. Fast alle
Lebensbereiche - wurden durch die Franzosen auf den Kopf gestellt:
die öffentliche Verwaltung, die Kirchen, das Rechtssystem - selbst
die Zeitrechnung. Im Herbst 1806, vor 200 Jahren, versetzte Napoleon
dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation seinen Todesstoß und
zog in Berlin ein.
So
grausamer Schlachten wie bei Jena und Auerstedt im Herbst 1806 hat
es am Niederrhein nicht bedurft. „Viel Widerstand hat es nicht
gegeben. Die Preußen waren geflüchtet und die Franzosen konnten
bis in die Niederlande durchmarschieren", erzählt Kleves
Archivar Bert Thissen. Größere Auseinandersetzungen gab es im
Westen nicht, obwohl die Franzosen fast zwei Jahre benötigten, um
die linksrheinischen Gebiete vollständig zu erobern. Die ersten
Truppen marschierten schon im Winter 1792 in Gennep, Goch und
Kevelaer ein, wurden aber von den Preußen zurückgedrängt. Erst im
Oktober 1794 gelang es Napoleons Truppen unter General Lefèbvre
Goch, Geldern und Kleve einzunehmen. Ein Jahr später wurde im „Frieden
von Basel" der Rhein als Grenze Frankreichs akzeptiert.
Napoleon
besuchte zwei Mal den Niederrhein: 1804 und 1811. Der erste Besuch
führte ihn nach Venlo und Geldern, wo er auf Schloss Haag weilte
und sich die Gärten anschaute. Sieben Jahre später fuhr er dann
über Nimwegen und Kranenburg Richtung Kleve, um wenig später nach
Kalkar und Xanten zu reisen, wo er übernachtete.
Napoleon
und der Niederrhein - eine gespaltene Geschichte. War der Kaiser in
den Augen der Klever ein Tyrann oder ein Befreier? „Ich denke,
dass man dies differenziert betrachten muss. Es ist nicht so, dass
die Franzosen von Beginn an als Besatzer gesehen wurden. Unter den
Fortschrittlichen wurden sie sehr begrüßt. Der Feudalismus wurde
abgeschafft, die Verwaltung neu geordnet, auch die Katholiken
begrüßten die Revolutionstruppen", so Bert Thissen. Die
Menschen in Kalkar-Grieth seien „sehr französisch gesinnt"
gewesen. Der Chronist Wilhelm Boden notierte: „Wenn der Pastor
in der Kirche sagte: Napoleon, dann sind alle auf die Knie gefallen.
Den konnten die Leute gut leiden. Der wurde verehrt wie ein Gott.
Als sie preußisch wurden hier in Grieth, sprangen sie vor Wut so
hoch. Napoleon hat die Straße von Köln gebaut und den Hönnepeler
Deich bis in die Krone gepflastert. Das ist ein guter Mann gewesen."
Erst
im Verlauf der Zeit wurde die Revolution immer blutiger. Als
Napoleon sich 1804 zum Kaiser krönen ließ, entwickelte sich
Frankreich immer mehr zum Feindbild. „Nicht zuletzt auch aus
dem gestiegenen deutschen Nationalismus", erklärt Thissen.
Wer
zur Oberschicht gehörte, der hatte schon früh den linken
Niederrhein verlassen und flüchtete nach Wesel. Jörg Becker
berichtet von 90 Klever Familien: „Fast die gesamte
Oberschicht, die seit Jahrzehnten das geistige Leben der Stadt
bestimmt hatte, war fortgezogen, jedes zehnte Haus der bis dahin
5300 Einwohner zählenden Stadt stand leer."
Öffentliche
Zustimmung
Den
französischen Machthabern war viel an einer öffentlichen
Zustimmung gelegen. Im Mai 1802 wurden die Rheinländer aufgerufen,
über die Frage zu entscheiden: „Soll Napoleon Bonaparte
lebenslänglich Consul seyn oder nicht?" Ein erhaltenes
Dokument aus Straelen belegt 45 Ja-Stimmen und zwei Nein-Stimmen. Es
spiegelt damit das ungefähre Gesamtergebnis dieses Referendums
wieder. Allerdings: „Die Eindeutigkeit des Ergebnisses und die
extrem hohe Wahlbeteiligung lassen auf Druck von offizieller Seite
schließen", so Jörg Becker.
Napoleon
zu Ehren wurden neue Feiertage eingeführt und Ersatzheilige
geschaffen. Zu einem wirklichen Festtag scheint sich der Geburtstag
des Sohnes von Napoleon entwickelt zu haben. Am 20. März 1811
sollen die Schützen und Gilden in Goch die Geburt mit
Salutschüssen gefeiert haben. Und zur neuen Nationalheldin wurde
Johanna Sebus erhoben. Ihr Denkmal in Wardhausen geht auf den
Entwurf von Dominique Vivant-Denons zurück. Johanna Sebus wurde als
besonders tugendhaftes Mädchen mit einer Rose mit goldenen
Blättern ausgezeichnet. Die Inschrift des Denkmals ist in deutscher
und französischer Sprache verfasst.
|