DIE FRANZOSEN AM UNTEREN NIEDERRHEIN

Mit dem Vertrag von Luneville 1798 wurde der linke Niederrhein in die französische Republik eingegliedert und ohne Rücksicht auf historische Grenzen in Verwaltungsbezirke eingeteilt. Kleve gehörte demnach zum Departement de la Roer mit dem Hauptsitz in Aachen, welches in fünf Arrondissements unterteilt war. Das Arrondissement Kleve war in acht Kantone aufgeteilt, in dem 101384 Menschen wohnten. Durch die Franzosen wurde die Grundsteuer eingeführt und die allgemeine Schulpflicht. Die Grundschulen unterstanden fortan dem Staat und nicht mehr der Kirchengemeinde. Infolge der Französischen Revolution wurde auch die Ehe säkularisiert. Seit 1798 müssen Ehen am linken Niederrhein von einem Beauftragten des Staates geschlossen werden. Die kirchliche Trauung verlief parallel dazu. Auch wurden erstmals staatliche Geburts-, Tauf-, Heirats- und Sterberegister geführt.

Erst mit der französischen Revolution endete in vielen Bereichen des täglichen Lebens das Mittelalter. So wurden 1798 neue Siegel für die Behörden eingeführt, die die lange Tradition der mittelalterlichen Siegel von Gerichten, Vertretern, Richtern und Schöffen ablösten. 1801 wurde das gesamte Justizwesen umgebildet. So wurden Gerichte erster Instanz in Kleve, Köln, Krefeld und Aachen eingerichtet. Im Notariatswesen hat sich bis heute der Grundsatz der Trennung zwischen streitigen von der freiwilligen Gerichtsbarkeit gehalten. Notare wurden vom Staat ernannt und bekamen feste Amtsbezirke. Es gibt eine strikte Abgrenzung zum Advokaten.

Die Industrie und der Handel wurden staatlich gefördert. Dies mündete 1804 in der Errichtung der Industrie- und Gewerbekammer.

Die größten Umbrüche gab es wohl für die katholische Kirche. 1803 wurden Kirche und Staat strikt getrennt, mit der Folge, dass es fortan keine geistlichen Fürstentümer mehr gab und die katholische Kirche ihren gesamten weltlichen Kirchenbesitz verlor. Alle Klöster und Stifte wurden aufgelöst. Die Wallfahrt in Kevelaer wurde verboten. Französische Soldaten zogen plündernd und zerstörend durch Kevelaer. Das Gnadenbild versteckte man bis 1801 in der Pfarrkirche. Erst 1806 wurden die Prozessionen wieder erlaubt. (AG)

General Francois Joseph Lefebvre besetzte 1794 den linken Niederrhein.

Franz Jakob Rousseau (Bonn 1757 - 1826 Kleve): Amphitheater nach der Zerstörung (durch französische Revolutionstruppen), um 1800, Leinwand, 45,5 x 62 cm, Den Haag, Privatsammlung

NRZ vom 29. Dezember 2006

Napoleon und der Niederrhein

GESCHICHTE. Vor 200 Jahren besiegte der Feldherr das Deutsche Reich und hinterließ am Niederrhein tiefe Spuren.

ANDREAS GEBBINK

KREIS KLEVE. Für Kleve hatte er nur wenig Zeit. Noch nicht einmal aus seiner Kutsche wollte Napoleon Bonaparte aussteigen, um auch nur einen Fuß auf den Boden der alten Herzogstadt zu setzen. Zu viele Termine und zu viele Fronten bedrängten den Feldherrn. Zwei Stunden verharrte der französische Kaiser am 31. Oktober 1811 vor dem Klever Posthaus und ließ sich von der Bevölkerung mit Vivatrufen feiern, ehe er weiter eilte. Für die offiziellen Empfänge der Stadt, für die Glückwünsche und Lobeslieder, ließ er seine Frau Marie Louise da.

Eine herzliche Zuneigung drückt sich wohl anders aus. Und auch der Klever Johann Arnold Kopstadt, eine der wenigen authentischen Quellen der Zeit, beobachtete das Treiben an dem Herbsttag im Jahre 1811 - von seinem Haus auf der Kavarinerstraße aus - äußerst skeptisch. „In der That fand auch bei dieser Erscheinung des hohen Kaiserpaares das Vivatrufen des Clevers durchgehend nur dann eigentlich statt, wenn die Beamten den Ton dazu gaben, sonst ließ er den Zug still vor seinen Augen vorüber ziehen, ohne frohen Enthusiasmus zu zeigen. So wenig schien man hier von dem großen Glück überzeugt, unter Napoleons Scepter zu wohnen!"

Fast 20 Jahre lang lebten die Klever unter dem Regiment des französischen Potentaten, gehörte das Arrondissement Kleve von 1794 bis 1814 zum französischen Reich. Für die Geschichte nur eine kurze Periode, in der sich allerdings viel verändert hat. Fast alle Lebensbereiche - wurden durch die Franzosen auf den Kopf gestellt: die öffentliche Verwaltung, die Kirchen, das Rechtssystem - selbst die Zeitrechnung. Im Herbst 1806, vor 200 Jahren, versetzte Napoleon dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation seinen Todesstoß und zog in Berlin ein.

So grausamer Schlachten wie bei Jena und Auerstedt im Herbst 1806 hat es am Niederrhein nicht bedurft. „Viel Widerstand hat es nicht gegeben. Die Preußen waren geflüchtet und die Franzosen konnten bis in die Niederlande durchmarschieren", erzählt Kleves Archivar Bert Thissen. Größere Auseinandersetzungen gab es im Westen nicht, obwohl die Franzosen fast zwei Jahre benötigten, um die linksrheinischen Gebiete vollständig zu erobern. Die ersten Truppen marschierten schon im Winter 1792 in Gennep, Goch und Kevelaer ein, wurden aber von den Preußen zurückgedrängt. Erst im Oktober 1794 gelang es Napoleons Truppen unter General Lefèbvre Goch, Geldern und Kleve einzunehmen. Ein Jahr später wurde im „Frieden von Basel" der Rhein als Grenze Frankreichs akzeptiert.

Napoleon besuchte zwei Mal den Niederrhein: 1804 und 1811. Der erste Besuch führte ihn nach Venlo und Geldern, wo er auf Schloss Haag weilte und sich die Gärten anschaute. Sieben Jahre später fuhr er dann über Nimwegen und Kranenburg Richtung Kleve, um wenig später nach Kalkar und Xanten zu reisen, wo er übernachtete.

Napoleon und der Niederrhein - eine gespaltene Geschichte. War der Kaiser in den Augen der Klever ein Tyrann oder ein Befreier? „Ich denke, dass man dies differenziert betrachten muss. Es ist nicht so, dass die Franzosen von Beginn an als Besatzer gesehen wurden. Unter den Fortschrittlichen wurden sie sehr begrüßt. Der Feudalismus wurde abgeschafft, die Verwaltung neu geordnet, auch die Katholiken begrüßten die Revolutionstruppen", so Bert Thissen. Die Menschen in Kalkar-Grieth seien „sehr französisch gesinnt" gewesen. Der Chronist Wilhelm Boden notierte: „Wenn der Pastor in der Kirche sagte: Napoleon, dann sind alle auf die Knie gefallen. Den konnten die Leute gut leiden. Der wurde verehrt wie ein Gott. Als sie preußisch wurden hier in Grieth, sprangen sie vor Wut so hoch. Napoleon hat die Straße von Köln gebaut und den Hönnepeler Deich bis in die Krone gepflastert. Das ist ein guter Mann gewesen."

Erst im Verlauf der Zeit wurde die Revolution immer blutiger. Als Napoleon sich 1804 zum Kaiser krönen ließ, entwickelte sich Frankreich immer mehr zum Feindbild. „Nicht zuletzt auch aus dem gestiegenen deutschen Nationalismus", erklärt Thissen.

Wer zur Oberschicht gehörte, der hatte schon früh den linken Niederrhein verlassen und flüchtete nach Wesel. Jörg Becker berichtet von 90 Klever Familien: „Fast die gesamte Oberschicht, die seit Jahrzehnten das geistige Leben der Stadt bestimmt hatte, war fortgezogen, jedes zehnte Haus der bis dahin 5300 Einwohner zählenden Stadt stand leer."

Öffentliche Zustimmung

Den französischen Machthabern war viel an einer öffentlichen Zustimmung gelegen. Im Mai 1802 wurden die Rheinländer aufgerufen, über die Frage zu entscheiden: „Soll Napoleon Bonaparte lebenslänglich Consul seyn oder nicht?" Ein erhaltenes Dokument aus Straelen belegt 45 Ja-Stimmen und zwei Nein-Stimmen. Es spiegelt damit das ungefähre Gesamtergebnis dieses Referendums wieder. Allerdings: „Die Eindeutigkeit des Ergebnisses und die extrem hohe Wahlbeteiligung lassen auf Druck von offizieller Seite schließen", so Jörg Becker.

Napoleon zu Ehren wurden neue Feiertage eingeführt und Ersatzheilige geschaffen. Zu einem wirklichen Festtag scheint sich der Geburtstag des Sohnes von Napoleon entwickelt zu haben. Am 20. März 1811 sollen die Schützen und Gilden in Goch die Geburt mit Salutschüssen gefeiert haben. Und zur neuen Nationalheldin wurde Johanna Sebus erhoben. Ihr Denkmal in Wardhausen geht auf den Entwurf von Dominique Vivant-Denons zurück. Johanna Sebus wurde als besonders tugendhaftes Mädchen mit einer Rose mit goldenen Blättern ausgezeichnet. Die Inschrift des Denkmals ist in deutscher und französischer Sprache verfasst.

zuletzt bearbeit am 29.12.2006