Rheinische Post von Donnerstag, 30. Oktober 2008

Beuys-Atelier wird Museum

Für fast drei Millionen Euro werden das Land NRW und die Stadt Kleve die einstigen Arbeitsräume des Künstlers in Kleve herrichten und das angrenzende Museum Kurhaus erweitern. Im Jahr 2010 werden im Atelier Werke des Künstlers und ein Dokumentationszentrum Platz finden.

VON BERTRAM MÜLLER

INFO

Der Künstler

Joseph Beuys, 1921 in Krefeld geboren, 1986 in Düsseldorf gestorben, gilt als einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts.

In seinem umfangreichen Werk setzte er sich mit Fragen des Humanismus, der Sozialphilosophie und der Anthroposophie auseinander. Dies führte zu seiner Definition eines „erweiterten Kunstbegriffs".

Beuys lehrte als Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie.

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1958 von Fritz Getlinger fotografiert: das Atelier von Joseph Beuys im einstigen Klever Kurhaus; rechts das Eichenkreuz für das Büdericher Ehrenmal.

KLEVE Man spricht wieder von Joseph Beuys. Im Hamburger Bahnhof zu Berlin weckt derzeit die Ausstellung „Beuys. Die Revolution sind wir" Erinnerungen an eine utopisch gestimmte Zeit, das Düsseldorfer K 20 wird sich im Quadriennale-Jahr 2010 mit einer eigenen Sicht anschließen - und im selben Jahr soll sich das einstige Klever Atelier von Joseph Beuys (1921-1986) wieder fast im Urzustand darbieten.

Erst Kurbetrieb, dann Schuhfabrik, dann Atelier

Der Um- und Rückbau der Arbeitsräume im ehemaligen Kurhaus-Komplex, der heute das Museum Kurhaus beherbergt, soll knapp drei Millionen Euro kosten. Das Land NRW trägt die Hälfte davon, der Förderkreis des Museums will bis zu 500000 Euro beisteuern, und für den Rest kommt die 49000 Einwohner zählende Stadt Kleve auf. Architekt ist Walter Nikkeis, der bereits 1997 das Kurhaus in ein Museum verwandelte. Sein jüngster Entwurf sieht nicht nur - eine Wiederherstellung des Ateliers vor, sondern auch einen darüber gelegenen Neubau mit einem Saal, der die Sammlung mittelalterlicher Skulptur des Museums aufnehmen soll, sowie Räume für Gemälde und ein Graphikkabinett. Das Museum Kurhaus, das unter der Leitung von Guido de Werd immer wieder auch überregional durch bemerkenswerte Ausstellungen zur Gegenwartskunst von sich reden macht, wird dadurch erheblich aufgewertet.

Anhand alter schwarzweißer Fotografien des Klevers Fritz Getlinger (1911-1998) kann man nachempfinden, wie Beuys zwischen 1957 und 1964 im rechten Teil des Kurhauses seiner Arbeit nachging. Der Kurbetrieb des 19. Jahrhunderts lag lange zurück, und auch die anschließende Nutzung des Gebäudes als Schuhfabrik war bereits Geschichte. Beuys hatte in dem Gebäude einen idealen Ort der Arbeit und des Rückzugs von der Welt gefunden. Später, seit den achtziger Jahren, diente das vormalige Atelier als Büroraum. Jetzt wird die Uhr architektonisch zurückgestellt.

In Kleve entstanden vor allem das monumentale Eichenkreuz und das Tor für das „Ehrenmal der Gefallenen des Zweiten Weltkriegs" im Alten Kirchturm in Meerbusch-Büderich - der größte öffentliche Auftrag, den Beuys damals ausführte. 1959 wurde das Ehrenmal übergeben, ein Jahr zuvor war Beuys' Vater in Kleve gestorben. Sein damaliger Widerwille gegen den Empfang von Besuchern im Atelier war wohl auch auf diesen Verlust zurückzuführen. „Ich will ja nichts verkaufen", so empörte er sich über entsprechende Anfragen.

Wie das Ehrenmal stammt aus dem Klever Atelier auch die Schranktür des Ensembles „Ich möchte meine Berge wiedersehen", das heute dem Van Abbemuseum in Eindhoven gehört. Als Beuys sein Atelier 1964 aufgab, ließ er durch einen Lkw das gesamte Inventar abholen und in sein neues Domizil nach Düsseldorf-Oberkassel verfrachten. Danach verlieren sich die Spuren mancher Gegenstände.

An das frühe Atelier soll von 2010 an eine Dokumentation am authentischen Ort erinnern: Videos zu Beuys, dazu kleine Skulpturen und eine Auswahl an Druckgraphik - insgesamt eine Dauerschau, die nicht nur dem frühen, sondern dem gesamten Beuys gelten soll.

Museums-Chef Guido de Werd hofft, eines Tages auch eine Leihgabe nach Kleve zurückholen zu können, die dort bereits lange zu sehen war: die „Straßenbahnhaltestelle", eine Installation, die Beuys für den deutschen Pavillon der 37. Biennale von Venedig 1976 geschaffen hatte. Das Environment befindet sich in seiner Erstfassung im Kröller-Müller-Museum Otterlo; eine zweite Version ist Bestandteil der Sammlung Marx in Berlin.

Die „Straßenbahnhaltestelle" besteht aus einer rostigen Straßenbahnschiene und vier daneben liegenden, ebenfalls rostigen, scharfkantigen Rohren sowie einer Kanone mit einem gusseisernen Kopf, der einen starren, leidenden Gesichtsausdruck aufweist. Beuys hatte in seiner Klever Kindheit oft an einer Straßenbahnhaltestelle warten müssen, neben der sich ein verfallenes Denkmal des klevischen Statthalters Prinz Johann Mauritz von Nassau von 1660 befand. Als Erwachsener stellte Beuys fest, dass Nassau sich mehrere dieser Denkmäler als Mahnung an einen 80-jährigen Krieg um Kleve hatte errichten lassen. Alle Denkmäler bestanden aus Waffen, Munitionstöpfen und Kanonenkugeln.

Mehr als bisher wird Beuys also in der Stadt, in der er aufwuchs, spürbar sein. Wer über Beuys spricht, wird nicht mehr nur über die Sammlungen in seiner Geburtsstadt Krefeld, in Darmstadt, Düsseldorf, München und Berlin, sondern häufiger auch wieder über Kleve sprechen, wo alles begann.

Als seine Werke noch billig waren

Einer der größten Künstler des 20. Jahrhunderts: Joseph Beuys. foto: keystone

Anna Klapheck (1899-1986), einst Professorin für Kunstgeschichte an der Düsseldorfer Akademie und langjährige Mitarbeiterin unserer Zeitung, schildert, wie das Düsseldorfer Galeristen-Ehepaar Schmela erstmals zu Beuys nach Kleve aufbrach: „,Das interessiert mich', sagte Galerist Schmela spontan, nachdem er die Objekte von Beuys gesehen hatte. Doch Beuys ließ sich bitten. Ehepaar Schmela und Tochter Ulrike machten sich auf den Weg nach Kleve, wo Beuys nun wieder wohnte. Beuys, der gern kocht, empfing sie, wie Monika Schmela erzählt, mit deftigen Schweinefüßchen. Dann pilgerte man die lange Allee hinaus zum Alten Kurhaus, wo Beuys sein Atelier hatte. Aquarelle, Zeichnungen, Objekte, eine verwesende Ratte im Karton, abgetane Dinge, verwandelt in Schweigen und Geheimnis. Sinnbilder für Leben und Tod. Ein paar Tage später brachte Beuys dann doch ein paar Blätter in die Galerie. Sie waren schwer zu verkaufen. Billig."

zuletzt bearbeitet am 30.10.2008