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KLEVE
Man spricht wieder von Joseph Beuys. Im Hamburger Bahnhof zu Berlin
weckt derzeit die Ausstellung „Beuys. Die Revolution sind
wir" Erinnerungen an eine utopisch gestimmte Zeit, das
Düsseldorfer K 20 wird sich im Quadriennale-Jahr 2010 mit einer
eigenen Sicht anschließen - und im selben Jahr soll sich das
einstige Klever Atelier von Joseph Beuys (1921-1986) wieder fast im
Urzustand darbieten.
Erst
Kurbetrieb, dann
Schuhfabrik, dann
Atelier
Der
Um- und Rückbau der Arbeitsräume im ehemaligen Kurhaus-Komplex,
der heute das Museum Kurhaus beherbergt, soll knapp drei Millionen
Euro kosten. Das Land NRW trägt die Hälfte davon, der Förderkreis
des Museums will bis zu 500000 Euro beisteuern, und für den Rest
kommt die 49000 Einwohner zählende Stadt Kleve auf. Architekt ist
Walter Nikkeis, der bereits 1997 das Kurhaus in ein Museum
verwandelte. Sein jüngster Entwurf sieht nicht nur - eine
Wiederherstellung des Ateliers vor, sondern auch einen darüber
gelegenen Neubau mit einem Saal, der die Sammlung mittelalterlicher
Skulptur des Museums aufnehmen soll, sowie Räume für Gemälde und
ein Graphikkabinett. Das Museum Kurhaus, das unter der Leitung von
Guido de Werd immer wieder auch überregional durch bemerkenswerte
Ausstellungen zur Gegenwartskunst von sich reden macht, wird dadurch
erheblich aufgewertet.
Anhand
alter schwarzweißer Fotografien des Klevers Fritz Getlinger
(1911-1998) kann man nachempfinden, wie Beuys zwischen 1957 und 1964
im rechten Teil des Kurhauses seiner Arbeit nachging. Der Kurbetrieb
des 19. Jahrhunderts lag lange zurück, und auch die anschließende
Nutzung des Gebäudes als Schuhfabrik war bereits Geschichte. Beuys
hatte in dem Gebäude einen idealen Ort der Arbeit und des Rückzugs
von der Welt gefunden. Später, seit den achtziger Jahren, diente
das vormalige Atelier als Büroraum. Jetzt wird die Uhr
architektonisch zurückgestellt.
In
Kleve entstanden vor allem das monumentale Eichenkreuz und das Tor
für das „Ehrenmal der Gefallenen des Zweiten Weltkriegs" im
Alten Kirchturm in Meerbusch-Büderich - der größte öffentliche
Auftrag, den Beuys damals ausführte. 1959 wurde das Ehrenmal
übergeben, ein Jahr zuvor war Beuys' Vater in Kleve gestorben. Sein
damaliger Widerwille gegen den Empfang von Besuchern im Atelier war
wohl auch auf diesen Verlust zurückzuführen. „Ich will ja nichts
verkaufen", so empörte er sich über entsprechende Anfragen.
Wie
das Ehrenmal stammt aus dem Klever Atelier auch die Schranktür des
Ensembles „Ich möchte meine Berge wiedersehen", das heute
dem Van Abbemuseum in Eindhoven gehört. Als Beuys sein Atelier 1964
aufgab, ließ er durch einen Lkw das gesamte Inventar abholen und in
sein neues Domizil nach
Düsseldorf-Oberkassel verfrachten. Danach verlieren sich die Spuren
mancher Gegenstände.
An
das frühe Atelier soll von 2010 an eine Dokumentation am
authentischen Ort erinnern: Videos zu Beuys, dazu kleine Skulpturen
und eine Auswahl an Druckgraphik - insgesamt eine Dauerschau, die
nicht nur dem frühen, sondern dem gesamten Beuys gelten soll.
Museums-Chef
Guido de Werd hofft, eines Tages auch eine Leihgabe nach Kleve
zurückholen zu können, die dort bereits lange zu sehen war: die
„Straßenbahnhaltestelle", eine Installation, die Beuys
für den deutschen Pavillon der 37.
Biennale von Venedig 1976 geschaffen hatte. Das Environment befindet
sich in seiner Erstfassung im Kröller-Müller-Museum Otterlo; eine
zweite Version ist Bestandteil der Sammlung Marx in Berlin.
Die
„Straßenbahnhaltestelle" besteht aus einer rostigen
Straßenbahnschiene und vier daneben liegenden, ebenfalls rostigen,
scharfkantigen Rohren sowie einer Kanone mit einem gusseisernen
Kopf, der einen starren, leidenden Gesichtsausdruck aufweist. Beuys
hatte in seiner Klever Kindheit oft an einer Straßenbahnhaltestelle
warten müssen, neben der sich ein verfallenes Denkmal des
klevischen Statthalters Prinz Johann Mauritz von Nassau von 1660
befand. Als Erwachsener stellte Beuys fest, dass Nassau sich mehrere
dieser Denkmäler als Mahnung an einen 80-jährigen Krieg um Kleve
hatte errichten lassen. Alle Denkmäler bestanden aus Waffen,
Munitionstöpfen und Kanonenkugeln.
Mehr
als bisher wird Beuys also in der Stadt, in der er aufwuchs,
spürbar sein. Wer über Beuys spricht, wird nicht mehr nur über
die Sammlungen in seiner Geburtsstadt Krefeld, in Darmstadt,
Düsseldorf, München und Berlin, sondern häufiger auch wieder
über Kleve sprechen, wo alles begann.
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Als
seine Werke noch billig waren |
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| Einer
der größten Künstler des 20. Jahrhunderts: Joseph
Beuys. foto: keystone |
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Anna
Klapheck (1899-1986), einst Professorin für Kunstgeschichte
an der Düsseldorfer Akademie und langjährige Mitarbeiterin
unserer Zeitung, schildert, wie das Düsseldorfer
Galeristen-Ehepaar Schmela erstmals zu Beuys nach Kleve
aufbrach: „,Das interessiert mich', sagte Galerist Schmela
spontan, nachdem er die Objekte von Beuys gesehen hatte.
Doch Beuys ließ sich bitten. Ehepaar Schmela und Tochter
Ulrike machten sich auf den Weg nach Kleve, wo Beuys nun
wieder wohnte. Beuys,
der gern kocht, empfing sie, wie Monika Schmela erzählt,
mit deftigen Schweinefüßchen. Dann pilgerte man die lange
Allee hinaus zum Alten Kurhaus, wo Beuys sein Atelier hatte.
Aquarelle, Zeichnungen, Objekte, eine verwesende Ratte im
Karton, abgetane Dinge, verwandelt in Schweigen und
Geheimnis. Sinnbilder für Leben und Tod. Ein paar Tage
später brachte Beuys dann doch ein paar Blätter in die
Galerie. Sie waren schwer zu verkaufen. Billig." |
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