|
Die
Stifts- oder Oberkirche.
Neben
den trutzigen Mauern des Stammschlosses
der klevischen Dynasten
erhebt sich in strenger Ruhe das Turmpaar ihrer Grabeskirche, zu
welcher Graf Dietrich IX. am 12. August 1341 den Grundstein legte
(Bild
1). Dieses Datum ist die Geburtsstunde der klevischen Spätgotik,
die in der Stiftskirche zum erstenmal ihren Formsinn und
Raumwillen bekundet. Einzelheiten der Dekoration und Planung, z.
B. Maßwerkformen, Stellung der Nebenapsiden (Bild
2) und
Doppelturmfassade, gehen noch aufs engste mit dem Xantener Dom
zusammen, wo der Baumeister Konrad von Kleve gleichzeitig beschäftigt
war, ohne jedoch das grundsätzlich Neue des Baues in irgendeiner
Weise umzustimmen. Aus der Notwendigkeit einer Materialeinschränkung
erfährt die niederrheinische „Backsteingotik" hier zum
erstenmal ihre Gestaltung, in einer Form, die das Baugerüst aus
Backstein bildet und über dessen einfache Flächen Zierteile aus
Haustein sparsam verteilt. Strenge ist gepaart mit behäbiger
Heiterkeit.
Der
Außenbau
der Stiftskirche, deren Vollendung in den Jahren 1425/26 erfolgte,
zeigt die Umbildung des in Xanten ausgebildeten Kathedralensystems
zu landschaftsgemäßer Form. Die Gliederung der Westtürme,
zwischen denen ein reichverzierter Giebel vermittelt, bilden
tiefe, mit Stabwerk gefüllte Blenden (Bild
2). Die niedrigen
Seitenschiffe überragt das mächtige Satteldach des
Mittelschiffes, an dessen Oberwänden einfache Strebebögen
ansetzen, die an kastenbekrönte Strebepfeiler anschließen.
Das
Innere,
im Gesamten noch zurückhaltender als der Außenbau, zeigt
erstmalig die für die klevische Spätgotik charakteristische
Mischung zwischen Basilika und Hallenkirche (Bild
3). Das
Höhenverhältnis von Mittel- und Seitenschiffen entspricht zwar
dem einer Basilika,
aber es fehlt die von dieser geforderte
eigene Mittelschiffsbeleuchtung. Die Fenster sind zu Blenden
geschlossen und mit großen Maßwerkformen ausgefüllt. Sparsam
ist der bildnerische Schmuck auf die baulichen Einzelheiten
verteilt, die den Gesetzen des formspröden Backsteins
unterliegen. Das Raumganze ist mächtig und in seinen Lichtverhältnissen
unlösbar verbunden mit der Landschaft
Grabmäler.
Die Grabkapelle der klevischen Grafen und Herzöge hat ihre
Bestimmung erst in unseren Tagen erhalten. Ein Teil der Denkmäler
hatte seinen Platz ursprünglich im Chor der Kirche (Bild
3). Die
Tumba Arnolds I. gelangte vom Friedhof in Bedburg nach hier. Das
Grabmal Arnolds I. (1119 — 47) und seiner Gemahlin Ida von
Niederlothringen ist das früheste und auch bedeutendste Werk der
Reihe (Bild
5). Ein architektonischer Rahmen faßt die Grabplatte,
die an den Kanten von hockenden Tier- und Menschengestalten
getragen wird. Unter zwei reichverzierten Giebeln, über denen
Engel Weihrauchfässer schwingen, liegen die fürstlichen
Gestalten, die Köpfe auf Kissen, welche von Engeln gehalten
werden, würdevoll verhalten mit gefalteten Händen. Die Gräfin
ist in einen weiten Mantel gehüllt, dessen mächtige Falten in
einer sanften Kurve ausklingen. Der Graf, mit Waffenschildchen an
den Schultern, trägt über dem Kettenpanzer einen Waffenrock,
Schwert und Schild und stützt die Füße auf den klevischen
Schwan. Das Grab ist um 1320 gearbeitet und läßt in seiner
Gestaltung engste Zusammenhänge mit den Fürstengräbern in
Bielefeld, Kappenberg und Marburg erkennen.
Das
Grab Adolfs I. von Kleve-Mark (1368—94) und seiner Gattin
Margarete von Berg († 1425) muß kurz nach 1410, noch vor dem
Tode der Gräfin, entstanden sein (Bild
6). Läßt schon das Kostümliche
bestimmte Schlüsse zu, so spricht außerdem dafür die außerordentlich
naturnahe Darstellung der Frauengestalt, welche der Nachwelt noch
einen Abglanz ihrer zu Lebzeiten gerühmten Schönheit vermitteln
möchte. Die Toten ruhen unter mächtigen Baldachinen, an deren Rückseite
das klevische und klevisch-bergische Wappen angebracht ist.
Tatkraft und Energie sprechen aus den scharfgeschnittenen Zügen
des Grafen, der über dem Maschenpanzer einen gestickten
Waffenrock trägt; edle Fraulichkeit offenbart das Bild seiner
Gattin, deren Gewandung in langen weichen Falten den schlanken Körper
umgibt. Die Nischen an den Längsseiten des Grabes enthielten
ehemals Darstellungen der 16 Kinder des gräflichen Paares (Bild
7).
Die
Tumba Johanns II. (1481—1521) und der Mechthilde von Hessen (†
1595) birgt größte Kostbarkeiten auf den 16 Messingtafeln des
Untersatzes. Die heraldischen Darstellungen (Bild
9), in welche
hellfarbige Lacke eingearbeitet sind, gehören zu den schönsten
Arbeiten dieser Art. Die Darstellung der Toten in fürstlicher
Zeittracht, mit
etwas unfrohen Gesichtern,
enthält eine Messingtafel (Bild
8), die in eine schwere
Schieferplatte eingelassen ist.
Ähnlich in der
Auffassung ist das Epitaph Johanns I. (1448— 81) und seiner
Gemahlin Elisabeth von Burgund († 1483). Auf einer Bronzeplatte
sind der Herzog und die Herzogin mit ihren Namenspatronen zu Füßen
einer Pietä dargestellt. Den Rahmen der Tafel bilden 16 farbig
gestaltete Wappen. Beide Denkmäler sind Kölner
Herkunft und nach dem Tode
Johanns II. entstanden.
Altäre.
Der
Marienaltar im Südschiff (Bild
10) ist eine der ersten
Arbeiten Heinrich Douwermanns, mit allen Mängeln, aber
auch allen Reizen eines künstlerischen Frühwerks. 1510
begonnen, hat er den Altar selbst nicht zu Ende geführt,
sondern 1513 die Arbeit Jakob Dericks überlassen, der sie
1515 vollendete. Douwermann mußte bei seinem Entwurf ein
Marienbild berücksichtigen, das jetzt unter einem
Baldachin im Mittelfeld steht und in den Kreis kölnischer
Sitzmadonnen aus der ersten Hälfte des 14. Jh. gehört.
Vier große Felder rahmen den Mittelpunkt des Altars. Das
Thema der Predella ist die Wurzel Jesse, deren Äste in
vielfachen Verschlingungen sich um das
Altarganze ranken. Rechts vom Mittelbild die Geburt
Christi, links die Anbetung der Könige. Darüber spätgotische
Baldachine mit musizierenden Engeln. Als oberer Abschluß
die Himmelfahrt Mariens. Umgeben von Engeln, schwebt sie
über dem von Aposteln umstandenen Grabe. Die Gemälde auf
den Flügeln sind mindere Arbeiten aus der zweiten Hälfte
des 16. Jh. Auf dem Altartisch ein Kalvarienberg des
beginnenden 16. Jh. Der
Kreuzaltar im Mittelschiff (um 1540) ist charakteristisch
für die Aufnahme niederländischer Renaissanceelemente
durch die heimische Kunst. Die etwas blutleere Behandlung
der Figuren und der Altaraufbau sind noch in keiner Weise
Träger eines neuen künstlerischen Willens und vermögen
ebensowenig zu befriedigen wie die Flut wahllos
aufgenommener und auf die Bilderrahmung verteilter
Renaissance - Einzelheiten. Unverkennbar ist die freudige
Hingabe des Künstlers an das Fremde, aber ebenso
unverkennbar auch seine persönliche spätestgotische
Haltung, die ein Werk schuf, das, schwankend zwischen zwei
Epochen stehend, den Willen, aber ncht das Vermögen zu
Neuem bekundet. Inhaltlicher Vorwurf der großen
Gruppenbilder ist die Leidensgeschichte Christi, die durch
das Motiv der Wurzel Jesse thematisch vorbereitet wird.
Wand-
und Tafelbilder.
An
der Nordwand des Hauptchors finden sich einige
Darstellungen klevischer Herrscher aus der Zeit um 1450. Links
Graf Johann (1348 - 68) und Graf Dietrich IX. (1309 - 47),
der Gründer der Kirche. Rechts Graf Adolf I. und Herzog
Adolf II. (1394 -1448). In der Grabkapelle das Triptychon
der Familie von Haffen (nach 1535) mit ausgezeichneten Landschaftsdarstellungen
und eine Kopie nach einem Gemälde Barthel Bruyns, auf dem
Herzog Wilhelm vor der Madonna kniet.
Bildhauer-
und Schnitzarbeiten.
Am
bedeutendsten in der nördlichen Vorhalle die Statuetten
von sechs Aposteln (Bild
4), deren Entstehung mit dem
Portal zeitlich zusammengeht. Die prachtvolle
Gewandbehandlung und verhaltene Andeutung des
Körperlichen sind charakteristisch für das Ende des 14.
Jh. Das Vesperbild in der Kriegergedächtniskapelle vom
Anfang des 16. Jh. Im Hauptchor ein Reliquienschrank aus
der zweiten Hälfte des 15. Jh., ein Sakramentshäuschen
des 14. Jh. und ein etwa gleichzeitiger Dreisitz, dessen
filigranhafter Schmuck
qualitativ eine einzige spätere Parallele in dem
Kranenburger Taufbecken hat. Künstlerisch einzigartig ist
für den unteren Niederrhein das Epitaph des Arztes
Balthasar Distelhuysen (†
1502) im Südchor, darstellend den hl. Lukas, wie er die
Madonna malt. Wenn hier auch viel Fremdes zu einem Ganzen
zusammenwirkt, so ist der letzthin entscheidende Faktor
doch der Niederrhein.
|
|
Minoriten-
oder Unterstadtkirche.
Zweischiffige Hallenkirche, errichtet
zwischen 1425—45. Die Anlage, die in manchen Einzelheiten noch
Stilmerkmale einer weitergeschleppten Frühgotik zuerkennen
gibt, ordnet sich durch den weit hinausgeschobenen Hauptchor und
die Nischenbildung an der Nordwand in die Reihe der zweischiffigen
rheinischen
Bettelordenskirchen ein. Raumklarheit
und bauliche Einfachheit kennzeichnen den Baustil der Bettelmönche.
In ihrem Innern bewahrt die Minoritenkirche wirkliche Meisterwerke
niederrheinischer Holzschnitzkunst. Das Chorgestühl,
inschriftlich im Jahre 1474 vollendet, ist in seinem künstlerischen
Wert von gleichen Arbeiten des Niederrheins in Emmerich (St.
Martin, 1486), Kempen (1493) und Kalkar (1508) nicht wieder
erreicht worden. Zwölf Heiligenfiguren,
darunter viele Ordensheilige, schmücken die Stuhlwangen. Zarte
Zurückhaltung im Ausdruck der Köpfe, feinstes Empfinden für
die Linienführung der Gewänder
kennzeichnen die eine Seite der Meisternaturen, deren andere an
den Miserikordien unter den Klappsitzen in drastischen Einfällen
und derb bäuerlichen Witzen ein ausgelassenes Spiel treibt.
Hinter diesem urwüchsigen Humor verbirgt sich
ein großer Ernst, der oft tief in die Mißstände der Zeit
hineinreicht. Der
neue Rahmen des Hauptaltars enthält eine Reihe von
Holzstatuetten, die zu einem alten Altar aus der ersten Hälfte
des 15. Jh. gehören und neben dem spätgotischen Triumphkreuz und
einer Madonna mit Kind (um 1500) den Rest der
gotischen Innenausstattung ausmachen. Größten Reichtum barocker
Ornamentik, aus Pflanzenmotiven entwickelt, zeigt im Feld- und
Rahmenschmuck die Kanzel, ein Werk Nikolaus Alberts vom Jahre
1698. Die Anbetung der Könige an der Ostwand des Seitenschiffes
malte 1656 der Rubensschüler Erasmus Quellinus (1607—78).
|