RHEINISCHER VEREIN FÜR DENKMALPFLEGE UND HEIMATSCHUTZ, DÜSSELDORF

KLEVE - KIRCHLICHE BAUTEN
DRUCK UND VERLAG L.SCHWANN • DÜSSELDORF

Rhein. Kunststätten Reihe XIV: Der linke Niederrhein • Nr. 18

01.jpg
28.99 KB

03.jpg
36.88 KB

04.jpg
25.83 KB

05.jpg
19.85 KB

06.jpg
62.20 KB

1. Kleve. 

Blick vom Schwanenturm auf die Stiftskirche. 

Bildarchiv Schwann.

2. Kleve. 

Westfassade der Stiftskirche. 

Aus den Kunstdenkmälern der Rheinprovinz.

3. Kleve.  

Grundriß der Stiftskirche im 18. Jahrhundert. 

Bildarchiv der Rhein. Denkmalpflege.

4. Kleve. 

Stiftskirche, Apostel an der nördlichen Vorhalle.

 Aus den Kunstdenkm. der Rheinprov..

5. Kleve. 

Stiftskirche, Grabmal Arnolds I.. 

Bildarchiv d. Rhein. Denkmalpflege.

07.jpg
14.77 KB

 

08.jpg
35.05 KB

09.jpg
53.12 KB

10.jpg
56.75 KB

02.jpg
48.56 KB

6. Kleve.  

Stiftskirche, Seitenfiguren von der Tumba Adolfs I..

 Bildarchiv der Rhein. Denkmalpflege.

7. Kleve. 

Stiftskirche, Grabmal Adolfs I.. 

Aus den Kunstdenkm. der Rheinprov..

8. Kleve. 

Platte vom Grabe Johanns II.. 

Aus den Kunstdenkm. der Rheinprov..

9. Kleve. 

Wappen von der Wandung des Grabes Johanns II..

 Bildarchiv der Rhein. Denkmalpflege.

10. Kleve. 

Stiftskirche. Heinrich Douwermann, Marienaltar. 

Bildarchiv der Rhein. Denkmalpflege.

Die Stifts- oder Oberkirche.

Neben den trutzigen Mauern des Stammschlosses der klevischen Dynasten erhebt sich in strenger Ruhe das Turmpaar ihrer Grabeskirche, zu welcher Graf Dietrich IX. am 12. August 1341 den Grundstein legte (Bild 1). Dieses Datum ist die Geburtsstunde der klevischen Spätgotik, die in der Stiftskirche zum erstenmal ihren Formsinn und Raumwillen bekundet. Einzelheiten der Dekoration und Planung, z. B. Maßwerkformen, Stellung der Nebenapsiden (Bild 2) und Doppelturmfassade, gehen noch aufs engste mit dem Xantener Dom zusammen, wo der Baumeister Konrad von Kleve gleichzeitig beschäftigt war, ohne jedoch das grundsätzlich Neue des Baues in irgendeiner Weise umzustimmen. Aus der Notwendigkeit einer Materialeinschränkung erfährt die niederrheinische „Backsteingotik" hier zum erstenmal ihre Gestaltung, in einer Form, die das Baugerüst aus Backstein bildet und über dessen einfache Flächen Zierteile aus Haustein sparsam verteilt. Strenge ist gepaart mit behäbiger Heiterkeit.

 

Der Außenbau der Stiftskirche, deren Vollendung in den Jahren 1425/26 erfolgte, zeigt die Umbildung des in Xanten ausgebildeten Kathedralensystems zu landschaftsgemäßer Form. Die Gliederung der Westtürme, zwischen denen ein reichverzierter Giebel vermittelt, bilden tiefe, mit Stabwerk gefüllte Blenden (Bild 2). Die niedrigen Seitenschiffe überragt das mächtige Satteldach des Mittelschiffes, an dessen Oberwänden einfache Strebebögen ansetzen, die an kastenbekrönte Strebepfeiler anschließen.

 

Das Innere, im Gesamten noch zurückhaltender als der Außenbau, zeigt erstmalig die für die klevische Spätgotik charakteristische Mischung zwischen Basilika und Hallenkirche (Bild 3). Das Höhenverhältnis von Mittel- und Seitenschiffen entspricht zwar dem einer Basilika, aber es fehlt die von dieser geforderte eigene Mittelschiffsbeleuchtung. Die Fenster sind zu Blenden geschlossen und mit großen Maßwerkformen ausgefüllt. Sparsam ist der bildnerische Schmuck auf die baulichen Einzelheiten verteilt, die den Gesetzen des formspröden Backsteins unterliegen. Das Raumganze ist mächtig und in seinen Lichtverhältnissen unlösbar verbunden mit der Landschaft

 

Grabmäler.  

Die Grabkapelle der klevischen Grafen und Herzöge hat ihre Bestimmung erst in unseren Tagen erhalten. Ein Teil der Denkmäler hatte seinen Platz ursprünglich im Chor der Kirche (Bild 3). Die Tumba Arnolds I. gelangte vom Friedhof in Bedburg nach hier. Das Grabmal Arnolds I. (1119 — 47) und seiner Gemahlin Ida von Niederlothringen ist das früheste und auch bedeutendste Werk der Reihe (Bild 5). Ein architektonischer Rahmen faßt die Grabplatte, die an den Kanten von hockenden Tier- und Menschengestalten getragen wird. Unter zwei reichverzierten Giebeln, über denen Engel Weihrauchfässer schwingen, liegen die fürstlichen Gestalten, die Köpfe auf Kissen, welche von Engeln gehalten werden, würdevoll verhalten mit gefalteten Händen. Die Gräfin ist in einen weiten Mantel gehüllt, dessen mächtige Falten in einer sanften Kurve ausklingen. Der Graf, mit Waffenschildchen an den Schultern, trägt über dem Kettenpanzer einen Waffenrock, Schwert und Schild und stützt die Füße auf den klevischen Schwan. Das Grab ist um 1320 gearbeitet und läßt in seiner Gestaltung engste Zusammenhänge mit den Fürstengräbern in Bielefeld, Kappenberg und Marburg erkennen. 

Das Grab Adolfs I. von Kleve-Mark (1368—94) und seiner Gattin Margarete von Berg († 1425) muß kurz nach 1410, noch vor dem Tode der Gräfin, entstanden sein (Bild 6). Läßt schon das Kostümliche bestimmte Schlüsse zu, so spricht außerdem dafür die außerordentlich naturnahe Darstellung der Frauengestalt, welche der Nachwelt noch einen Abglanz ihrer zu Lebzeiten gerühmten Schönheit vermitteln möchte. Die Toten ruhen unter mächtigen Baldachinen, an deren Rückseite das klevische und klevisch-bergische Wappen angebracht ist. Tatkraft und Energie sprechen aus den scharfgeschnittenen Zügen des Grafen, der über dem Maschenpanzer einen gestickten Waffenrock trägt; edle Fraulichkeit offenbart das Bild seiner Gattin, deren Gewandung in langen weichen Falten den schlanken Körper umgibt. Die Nischen an den Längsseiten des Grabes enthielten ehemals Darstellungen der 16 Kinder des gräflichen Paares (Bild 7). 

Die Tumba Johanns II. (1481—1521) und der Mechthilde von Hessen († 1595) birgt größte Kostbarkeiten auf den 16 Messingtafeln des Untersatzes. Die heraldischen Darstellungen (Bild 9), in welche hellfarbige Lacke eingearbeitet sind, gehören zu den schönsten Arbeiten dieser Art. Die Darstellung der Toten in fürstlicher Zeittracht, mit etwas unfrohen Gesichtern, enthält eine Messingtafel (Bild 8), die in eine schwere Schieferplatte eingelassen ist. 

Ähnlich in der Auffassung ist das Epitaph Johanns I. (1448— 81) und seiner Gemahlin Elisabeth von Burgund († 1483). Auf einer Bronzeplatte sind der Herzog und die Herzogin mit ihren Namenspatronen zu Füßen einer Pietä dargestellt. Den Rahmen der Tafel bilden 16 farbig gestaltete Wappen. Beide Denkmäler sind Kölner Herkunft und nach dem Tode Johanns II. entstanden.

 

Altäre.

Der Marienaltar im Südschiff (Bild 10) ist eine der ersten Arbeiten Heinrich Douwermanns, mit allen Mängeln, aber auch allen Reizen eines künstlerischen Frühwerks. 1510 begonnen, hat er den Altar selbst nicht zu Ende geführt, sondern 1513 die Arbeit Jakob Dericks überlassen, der sie 1515 vollendete. Douwermann mußte bei seinem Entwurf ein Marienbild berücksichtigen, das jetzt unter einem Baldachin im Mittelfeld steht und in den Kreis kölnischer Sitzmadonnen aus der ersten Hälfte des 14. Jh. gehört. Vier große Felder rahmen den Mittelpunkt des Altars. Das Thema der Predella ist die Wurzel Jesse, deren Äste in vielfachen Verschlingungen sich um das Altarganze ranken. Rechts vom Mittelbild die Geburt Christi, links die Anbetung der Könige. Darüber spätgotische Baldachine mit musizierenden Engeln. Als oberer Abschluß die Himmelfahrt Mariens. Umgeben von Engeln, schwebt sie über dem von Aposteln umstandenen Grabe. Die Gemälde auf den Flügeln sind mindere Arbeiten aus der zweiten Hälfte des 16. Jh. Auf dem Altartisch ein Kalvarienberg des beginnenden 16. Jh. Der Kreuzaltar im Mittelschiff (um 1540) ist charakteristisch für die Aufnahme niederländischer Renaissanceelemente durch die heimische Kunst. Die etwas blutleere Behandlung der Figuren und der Altaraufbau sind noch in keiner Weise Träger eines neuen künstlerischen Willens und vermögen ebensowenig zu befriedigen wie die Flut wahllos aufgenommener und auf die Bilderrahmung verteilter Renaissance - Einzelheiten. Unverkennbar ist die freudige Hingabe des Künstlers an das Fremde, aber ebenso unverkennbar auch seine persönliche spätestgotische Haltung, die ein Werk schuf, das, schwankend zwischen zwei Epochen stehend, den Willen, aber ncht das Vermögen zu Neuem bekundet. Inhaltlicher Vorwurf der großen Gruppenbilder ist die Leidensgeschichte Christi, die durch das Motiv der Wurzel Jesse thematisch vorbereitet wird.

 

Wand- und Tafelbilder.

An der Nordwand des Hauptchors finden sich einige Darstellungen klevischer Herrscher aus der Zeit um 1450. Links Graf Johann (1348 - 68) und Graf Dietrich IX. (1309 - 47), der Gründer der Kirche. Rechts Graf Adolf I. und Herzog Adolf II. (1394 -1448). In der Grabkapelle das Triptychon der Familie von Haffen (nach 1535) mit ausgezeichneten Landschaftsdarstellungen und eine Kopie nach einem Gemälde Barthel Bruyns, auf dem Herzog Wilhelm vor der Madonna kniet.

 

Bildhauer- und Schnitzarbeiten.

Am bedeutendsten in der nördlichen Vorhalle die Statuetten von sechs Aposteln (Bild 4), deren Entstehung mit dem Portal zeitlich zusammengeht. Die prachtvolle Gewandbehandlung und verhaltene Andeutung des Körperlichen sind charakteristisch für das Ende des 14. Jh. Das Vesperbild in der Kriegergedächtniskapelle vom Anfang des 16. Jh. Im Hauptchor ein Reliquienschrank aus der zweiten Hälfte des 15. Jh., ein Sakramentshäuschen des 14. Jh. und ein etwa gleichzeitiger Dreisitz, dessen filigranhafter Schmuck qualitativ eine einzige spätere Parallele in dem Kranenburger Taufbecken hat. Künstlerisch einzigartig ist für den unteren Niederrhein das Epitaph des Arztes Balthasar Distelhuysen ( 1502) im Südchor, darstellend den hl. Lukas, wie er die Madonna malt. Wenn hier auch viel Fremdes zu einem Ganzen zusammenwirkt, so ist der letzthin entscheidende Faktor doch der Niederrhein.

 

Minoriten- oder Unterstadtkirche.  

Zweischiffige Hallenkirche, errichtet zwischen 1425—45. Die Anlage, die in manchen Einzelheiten noch Stilmerkmale einer weitergeschleppten Frühgotik zuerkennen gibt, ordnet sich durch den weit hinausgeschobenen Hauptchor und die Nischenbildung an der Nordwand in die Reihe der zweischiffigen rheinischen Bettelordenskirchen ein. Raumklarheit und bauliche Einfachheit kennzeichnen den Baustil der Bettelmönche. In ihrem Innern bewahrt die Minoritenkirche wirkliche Meisterwerke niederrheinischer Holzschnitzkunst. Das Chorgestühl, inschriftlich im Jahre 1474 vollendet, ist in seinem künstlerischen Wert von gleichen Arbeiten des Niederrheins in Emmerich (St. Martin, 1486), Kempen (1493) und Kalkar (1508) nicht wieder erreicht worden. Zwölf Heiligenfiguren, darunter viele Ordensheilige, schmücken die Stuhlwangen. Zarte Zurückhaltung im Ausdruck der Köpfe, feinstes Empfinden für die Linienführung der Gewänder kennzeichnen die eine Seite der Meisternaturen, deren andere an den Miserikordien unter den Klappsitzen in drastischen Einfällen und derb bäuerlichen Witzen ein ausgelassenes Spiel treibt. Hinter diesem urwüchsigen Humor verbirgt sich ein großer Ernst, der oft tief in die Mißstände der Zeit hineinreicht. Der neue Rahmen des Hauptaltars enthält eine Reihe von Holzstatuetten, die zu einem alten Altar aus der ersten Hälfte des 15. Jh. gehören und neben dem spätgotischen Triumphkreuz und einer Madonna mit Kind (um 1500) den Rest der gotischen Innenausstattung ausmachen. Größten Reichtum barocker Ornamentik, aus Pflanzenmotiven entwickelt, zeigt im Feld- und Rahmenschmuck die Kanzel, ein Werk Nikolaus Alberts vom Jahre 1698. Die Anbetung der Könige an der Ostwand des Seitenschiffes malte 1656 der Rubensschüler Erasmus Quellinus (1607—78).

 

Große evangelische Kirche (1677). 

Die Gliederung der Fassade läßt einen engen Zusammenhang der Baugedanken mit den nördlichen Niederlanden erkennen. Eine nüchtern wirkende, schmuckfeindliche Einfachheit entspricht ebenso der baukünstlerischen Situation des 17. Jh. am Niederrhein wie auch den kultischen Absichten.

 

Kleine evangelische Kirche (1619/20). 

Einschiffiger, in seiner äußeren Materialfarbigkeit nicht schmuckloser Backsteinbau.

 

HEINRICH M. SCHWARZ, Rom 1940

 

Schrifttum: P. Clemen, Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz 1/4, S. 92 f. Derselbe, Bildnisse der Grafen und Herzöge von Kleve. Neujahrsgabe der Vereinigung von Freunden des Kunsthist. Instituts in Bonn. Weihnachten 1929. Bonn 1929. E. Renard, Einrichtung einer Grabkapelle der klevischen Grafen und Herzöge in der Stiftskirche, in: Jahrb. d. Rhein. Denkmalpflege 1, 1925, S. 42 f. P. van de Locht, Die Geschichte der Unterstadtkirche und des Minoritenklosters in Kleve. Kleve 1923. A. Kamphausen, Die niederrhein. Plastik im 16. Jahrh.. Düsseldorf 1931. H. M. Schwarz, Die Spätgotik im klevischen Raum. Phil. Diss. Bonn 1936 (ungedr.). Derselbe, Die kirchliche Baukunst der Spätgotik im klevischen Raum. Bonn 1938.

Geschäftsstelle des Rhein. Heimatbundes (Rhein. Verein für Denkmalpflege u. Heimatschutz, Düsseldorf), Ständehaus, Fernruf 1 02 19, gibt kostenlos Auskunft über die bisherigen Veröffentlichungen und Bestrebungen des Vereins,

zuletzt bearbeit am 03.06.2005