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Im
Anfange des zweiten Weltkrieges hatte die Stadt Kleve verhältnismäßig
wenig gelitten. Wohl wurde sie nachts häufig von feindlichen
Flugzeuggeschwadern auf deren Weg ins Ruhrrevier überflogen, so
dass man manche Nacht im Keller zubringen musste, aber
wesentlicher Allgemeinschaden entstand selten. Das Leben ging in
den ersten Kriegsjahren ziemlich ungestört weiter wie im
Frieden, sogar noch, als die Kampffront nur wenige Kilometer
entfernt stand. Das änderte sich aber wesentlich gegen
August/September 1944: Die Fliegerangriffe auf die Stadt häuften
sich und richteten wesentlich mehr Personen- und Sachschaden an.
Wie viele Andere brachte ich deshalb meine Familie »aufs Land«,
zu einer befreundeten Familie in Keppeln. Ich selbst musste
wegen meines Dienstes in Kleve bleiben. Weil es mir aber allein
im Hause gruselte, zog ich mit dem nötigsten Bettzeug zu
Bekannten auf der »Adolfslust«, wo wir gemeinsam im
ausgebauten Luftschutzkeller die Nächte verbrachten.
Und
dann kam der 7. Oktober 1944. Während des Mittagessens hörten
wir ein merkwürdiges, ungewöhnliches Schießen, das uns zu der
Annahme brachte, dass die feindliche Frontartillerie sich auf
Kleve einschösse. Wir hielten es deshalb für richtig, den
Luftschutzkeller aufzusuchen. Dort fanden sich schließlich ein:
der Hauseigentümer mit einem Schwager, eine
Sprechstundenhelferin, Frl. R. mit ihrer Mutter und das Hausmädchen
mit einer Schwester. Nach und nach kamen noch einige Nachbarn
hinzu, die sich aber in einem Nebenkeller aufhielten. Kaum waren
wir unten und hatten uns auf die dort stehenden Betten und
Liegen gesetzt, da fiel schon die erste Bombe. Das »patentierte«
Luftschutzfenster flog mit Läden und Rahmen in unseren Raum;
die Tür zum Flur und die vom Flur nach draußen krachten mit
lautem Knall auf. Und dann folgte Bombe auf Bombe. Bei jeder
durchfuhr ein Sturmwind von Dreck und Staub den Raum. Wir saßen
schweigend und gespannt auf unseren Betten, neben mir die alte
Frau R., die sich bei jedem Einschlag stöhnend an mich
klammerte. Die beiden Mädchen hatten sich unter die Betten
verkrochen und wimmerten schlimmer als der Haushund, der bei
ihnen lag.
Am
Hause, in dessen Keller wir saßen, befand sich ein Anbau mit Bügelzimmer
und ähnlichen Nebenräumen. Dieser Anbau wurde von einer Bombe
gestreift, die dann unmittelbar außen neben unserem Keller
krepierte. Wir hörten oben Steine kollern und Staub und Kalk
rieseln. Da meinte die neben mir sitzende Frau R., ich hätte ja
keine Haare auf dem Kopf. Ich fragte sie, weshalb ihr das Sorge
mache. Da meinte sie, wenn nun das Haus einfiele, hätte ich ja
keinen Schutz für mein Haupt. Um sie zu beruhigen, nahm ich von
dem Bett, auf dem wir saßen, eine Schlafdecke und zog sie über
uns Beide, so dass wir darunter saßen wie in einem Zelt. Das
beruhigte sie anscheinend. Trotzdem habe ich ihr dauernd
beruhigend zugeredet wie einem jungen Pferd, das scheut, indem
ich immer wieder versicherte, dass die Bombenwerferei bald aufhören
werde, weil die Flugzeuge gar nicht so viele Bomben schleppen könnten.
Damals wussten wir ja noch nicht, dass, wie später festgestellt
wurde, an diesem Tage 335 Flugzeuge 1730 Tonnen Bomben auf das
wehrlose Kleve abwarfen.
Die
Erschütterung unseres Kellers war so gewaltig, dass ich annahm,
das Haus werde einstürzen und uns unter sich begraben.
Instinktiv nahm ich den Kopf in beide Hände, hielt mir die
Ohren zu und überlegte, wie es hier unten in den nächsten
Augenblicken wohl aussehen werde. Zu meiner Überraschung blieb
bei uns unten alles beim Alten. In unserer Angst und Not fingen
wir aber an, gemeinsam zu beten, und ich glaube, dass ich das »Maria,
breit den Mantel aus« nie so inständig gebetet habe wie
damals. Not lehrt beten.
Plötzlich
fiel mir ein, dass ich meinen Mantel und meinen Hut an der
Flurgarderobe hatte hängen lassen, und dass mir die (nach den
Zeitumständen) so wertvollen Sachen bei einem etwaigen
Hauseinsturz verloren gehen würden. Da bin ich noch während
des Bombardements nach oben gerannt und habe die Sachen geholt.
Aber wie sah es oben im Hause aus! Die meisten Türen standen
offen, ein Teil von ihnen hing aus den Gehängen. Bilder und
Spiegel waren von den Wänden gefallen. Überall lag ein
unglaublicher Dreck und Staub.
Selbst
die längste halbe Stunde, die einem vorkommt wie eine Ewigkeit,
geht schließlich vorüber: Der Bombenwurf ließ langsam nach
und hörte schließlich auf. Man hörte Flugzeuge noch brummen,
aber dann trat eine unglaubhafte Stille ein. Erleichtert atmeten
wir auf: Wir lebten noch und hatten die Gefahr heil überstanden.
Wir fassten wieder Mut und sahen uns lächelnd an. Und dann die
Neugier, wie es draußen wohl aussehen werde. Fräulein R., die
Sprechstundenhelferin, hatte trotz aller Angst und Not ihren
Humor nicht verloren: Sie fühlte jedem Beteiligten den Puls,
bevor sie ihn nach draußen ließ. Ich bekam eine besondere
Anerkennung, weil mein Puls (angeblich) nicht anormal schlug.
Obwohl
keine Bombe das Haus selbst getroffen hatte, sah es dort
erschreckend aus. Und erst draußen!! Wir zählten auf unserem
Grundstück 18 (!) tiefe Bombentrichter. In all der Verwüstung
war merkwürdigerweise die Autogarage mit zwei Autos unbeschädigt
geblieben. Sogar ein daran abgestelltes Fahrrad war heil, so
dass ich den Eigentümer zu seinem Dusel beglückwünscht habe.
Als ich allerdings am folgenden Tage mein Bettzeug holen wollte,
war die Garage verschwunden: Eine Bombe mit Zeitzünder hatte
nachträglich das Unheil angerichtet, und wir hatten keine
Ahnung gehabt, dass unter uns das Uhrwerk schon tickte, das die
Bombe zur Explosion bringen sollte.
Im
Garten war ein unbeschreibliches Durcheinander. Bei 18 Bomben
kein Wunder! Auf dem Rasen vor dem Hause hatte eine riesige
Buche mit gewaltigem Stamm gestanden. Ich hatte noch am Abend
vorher dem Eigentümer den Vorschlag gemacht, unter dieser Buche
einen Splittergraben anzulegen, in dem wir vermutlich sicherer wären
als in dem (evtl. einsturzbedrohten) Luftschutzkeller. Was wäre
aus uns geworden, wenn wir bei dem Angriff unter dieser Buche
gesessen hätten! Eine Bombe war genau unter dieser Buche
eingeschlagen, und wir wären in Atome aufgelöst worden. Jetzt
waren die mehr als armdicken Wurzeln abgerissen, die Buche war
hochgehoben und lag mit den Wurzeln nach oben auf ihrem Astwerk.
Mich
drängte es nach unserem Hause; ich konnte aber das Grundstück
wegen der umliegenden Bäume und Trümmer nicht sofort
verlassen. Das große schmiedeeiserne Tor war viele Meter weit
weggeflogen, die gemauerten Torpfeiler lagen in dem tiefen
Trichter. Ich sah aber den Spielfreund eines meiner Söhne auf
der Straße und rief ihm zu, mal nachzusehen, ob unser Haus noch
stehe. Er lief weg und kam wenige Augenblicke später mit der
wenig tröstlichen Nachricht zurück: »So-n bisken steht noch«.
Als
ich dann glücklich einen Ausweg zur Straße gefunden hatte und
zu unserem Haus laufen wollte, wurde ich aus dem Keller des
Hauses F. angerufen. Das (einstöckige) Haus war
zusammengefallen; das Kellergeschoss stand noch. An einem beschädigten
Kellerfenster erschien ein Frauenkopf und bat mich, doch zu
helfen: Die Frau F. sei lebend unter den Haustrümmern
eingeklemmt. Weil das Fenster durch Eisenstäbe gesichert war,
ließ ich mir eine Axt reichen, mit deren stumpfem Ende ich den
Eisenstab aus dem Mauerwerk schlug. Auf allen Vieren kroch ich
dann durch das Fenster und über den im Keller lagernden Koks
und fand so Zugang zu der Frau F. Diese hatte sich in ihrer
Angst in den Innersten Winkel unter die Kellertreppe geflüchtet.
Das Haus war dann eingestürzt und ein etwa 1,5 m hoher
Betonklotz war auf die Füße der auf einem Stuhl sitzenden Frau
F. gefallen, so dass diese, die im übrigen völlig unverletzt
und bei Besinnung war, nur den Oberkörper bewegen konnte. Sie
bat mich inständig, sie zu befreien und zu retten. Aber
einerseits hatte ich keinerlei Handwerkszeug, andererseits befürchtete
ich, dass bei Entfernung des Klotzes die auf ihm ruhenden Haustrümmer
in den Keller nachrutschen und uns alle begraben würden. Ich
versprach der Frau F., Hilfe zu holen, und kroch wieder über
den Koks nach draußen. In diesem Augenblicke kam der
Oberstaatsanwalt v. R. und ein Begleiter - Beide im Stahlhelm -
angelaufen. Ich erklärte ihm, wie es mit der Frau F. stehe.
Beide sind wir dann wieder zu ihr gekrochen. Auch v. R. überzeugte
sich, dass wir ohne Hilfe, insbesondere auch ohne Abstützbalken
und -bretter nichts machen könnten, und versprachen der
trostlosen Frau, ihr Hilfe von dem im Gymnasium untergebrachten
Militär zu schicken. So ist denn die Frau F. auch gerettet und
ins Krankenhaus gebracht worden, wo sie aber nach einigen Tagen
gestorben ist. Die furchtbaren Aufregungen waren für ihr schon
vorher schwer leidendes Herz zu groß gewesen.
Endlich
fand ich dann Zeit, zu unserem Hause zu laufen. Der Anblick dort
war erschütternd: Wie mit dem Messer durchschnitten, stand die
eine Hälfte noch, während die andere am Boden lag. In der
stehenden Hälfte konnte man in die Räume sehen, so dass man z.
B. im Badezimmer noch die Badewanne und einen Handtuchhalter, in
der Mansarde noch ein Kindergitterbettchen stehen sah. Ein
Volltreffer war in den Keller gefallen: Ein alter Schrank, in
dem wir unsere Sommergarderobe untergebracht hatten, war völlig
zersplittert, die Garderobe bis zur Unbrauchbarkeit zerrissen
und zerfetzt. Eine Kiste, in der wir unser gutes Porzellan und
sonstige Wertsachen hatten sichern wollen, war nur dadurch
gerettet, dass ein T-Träger sich quer darüber gelegt und so
den Schutt des Hauses abgehalten hatte. Ein Kuriosum in all den
Trümmern: An der Wand hing noch eine Petroleumlampe unversehrt;
selbst der Glaszylinder hatte keinen Schaden genommen. - Oben
auf dem Schutt des Hauses lag unser Christbaumständer mit der
Inschrift: »Fröhliche Weihnachten«. Ich hätte heulen mögen
bei dem Gedanken, wo wir wohl die nächsten Weihnachten feiern würden.
An
unserem Hause war also im Augenblick nichts zu machen. Ich lief
deshalb zum Nachbarhaus, einem Doppelhaus, in dessen einer Hälfte
die Familie D. wohnte, bestehend aus den Eltern und drei
Kindern. Ich hatte die Frau D. noch mittags bei der Milchausgabe
getroffen und hatte ihr dringend geraten, wie meine Frau »auf's
Land« zu gehen. Sie meinte aber, ihr Mann wolle nicht von Kleve
fort, weil es ihm auf dem Lande zu primitiv sei. Und jetzt, kaum
zwei Stunden später, lag das ganze Haus bis auf einen kleinen
Anbau völlig am Boden. Wie ich durch die zertrümmerten Fenster
des Anbaus sehen konnte, war die Familie beim Mittagessen überrascht
worden und in den Keller gelaufen. Das Mittagessen und Geschirr
stand noch auf dem Tisch, einige Stühle waren umgefallen. Sonst
war das Zimmer ganz unbeschädigt. Ich versuchte, in den Keller
zu gelangen. Vergebens. Ich habe laut gerufen, habe mit einem Stück
Eisen auf einen Heizkörper geschlagen und laut um irgendein
Lebenszeichen gebeten, aber nichts regte sich. -- Einen Tag später
wurde durch ein Aufräumungskommando (Kriegsgefangene unter Führung
eines deutschen Unteroffiziers) nach der Familie gegraben. Es
wurde festgestellt, dass ein Volltreffer in den Keller
geschlagen war und die ganze Familie getötet hatte. Der
Kommandoführer fragte mich, ob ich die Familie gekannt hätte,
und bat mich, die Leichen zu identifizieren. Aber da war nichts
zu identifizieren: Man hatte in einer Waschbütte eine Anzahl
Leichenteile gesammelt, darunter Frauenbeine mit Strümpfen und
Schuhen, von denen ich nicht angeben konnte, ob sie der Frau
oder der Tochter gehörten. Viel mehr hatte man von den fünf
Personen nicht gefunden. Als ich wieder einen Tag später einer
Bekannten dabei half, ihre Möbel aus ihrem bombengeschädigten
Hause zu bergen, kam ein Herr - wahrscheinlich ein Verwandter
der Familie D. - zu mir und fragte, ob ich wüsste, wohin die
Familie D. geflüchtet sei. Er nahm also an, dass die Familie
noch lebe und sich auswärts gerettet habe. Was sollte ich da
dem ahnungslosen Manne antworten?! Ich fragte ihn, ob er sich
das Haus mal angesehen habe. Jawohl, erwiderte er, das sehe ja fürchterlich
aus. Und dann ging ihm ein Licht auf, und ich musste ihm auf
seine Frage bestätigen, dass sie im Hause gewesen seien und
umgekommen wären. Entsetzt fragte er: »Alle?« Als ich
bejahend nickte, ging er, völlig gebrochen, ohne Gruß und
Abschied zu seinem Auto und fuhr weg. Heute muss man sich
wundern, wie völlig abgestumpft man damals war. All dieses
furchtbare Unglück und entsetzliche Erleben ging fast spurlos
an einem vorüber. Man regte sich, wenn einem eine Waschbütte
mit Leichenteilen gut Bekannter gezeigt wurde, oder wenn man
sah, wie die toten Nachbarn ausgebuddelt wurden, nicht
sonderlich auf, sondern ging ohne übergroße Erschütterung an
seine Arbeit. So alltäglich war einem das Unglück und Elend
geworden. Auch dass man selbst sein ganzes Hab und Gut mit einem
Schlag verloren hatte, beeindruckte einen im Augenblick nicht
allzu sehr: Man war froh, dass man sich und seine Familie
gerettet wusste, war aber gegen Leid und Unglück abgestumpft.
Das war nicht Gleichgültigkeit oder Gefühllosigkeit, sondern
die Folge davon, dass man so viel Leid und Unglück seelisch
einfach nicht verkraften konnte. Sonst hätte man darüber den
Verstand verlieren können.
An
jenem 7. Oktober lief ich hilfesuchend vom Trümmergrundstück
D. zum nächsten Grundstück der Familie E. Aber auch dort lag
das Haus am Boden. In dem Augenblick, als ich dort ankam,
brachte man eine Bahre aus dem Keller und trug, wie ich auf
Fragen erfuhr, die verletzte Frau E. fort. Ihr Mann und eine
Tochter waren tot. Auch hier war also nichts zu wollen. Ebenso
wenig auf dem folgenden Grundstück einer anderen Familie E.,
von der die Eltern tot geblieben und nur die beiden Töchter
gerettet waren.
Ich
musste einsehen, dass ich im Augenblick nirgends helfen oder
Hilfe finden könne. So entschied ich mich, zu meiner Familie,
die sich sicher Sorge machen werde, nach Keppeln zu gehen. Mein
Fahrrad lag unter den Trümmern unseres Hauses, ebenso die Räder
meiner Söhne (von denen übrigens eines später auf dem Dache
eines Nebenhauses gefunden wurde). Ich machte mich also zu Fuß
auf den Weg.
Am
Gymnasium sah es furchtbar aus: Das Gebäude war stark beschädigt.
Man trug Tote und Verwundete heraus und legte sie auf den Rasen
jenseits der Straße. Es herrschte große Aufregung, weil die »Jabos«
(Jagdbomber) immer noch die Stadt überflogen, und weil deshalb
alle Welt befürchtete, dass die Bombenwerferei wiederholt
werde. Eine Frau von schätzungsweise 40 Jahren kam angerannt
mit fliegenden Haaren und zerrissener Kleidung und schrie nach
einem Sanitäter. Als ich ihr nahe legte, zu dem Sanitätsbunker
an der alten Landwirtschaftsschule zu gehen, fuhr sie mich hart
an: dort sei sie schon gewesen, der Bunker sei völlig zerstört.
Auf meinem Weiterweg sah ich dann überall Elend und Trümmer.
Der Schwanenturm war bis auf den ersten Umgang verschwunden. An
der Stiftskirche fehlte der Nordturm (der Südturm flog erst während
der Nacht infolge einer Bombe mit Verzögerung in die Luft). Der
Moritzpark lag wüst durcheinander; der Musikpavillon war
ineinander gehauen. Das Hotel Maywald brannte lichterloh, ohne
dass sich jemand darum kümmerte. Nebenan das Haus einer
Verwandten war ebenfalls völlig zerstört und begrub unter sich
meine Verwandte und eine Anzahl Flüchtlinge aus der
Nachbarschaft.
Müde
und tief erschüttert kam ich in Keppeln an, wo ich von meiner
Familie mit jubelnder Freude empfangen wurde.
Einige
Tage später drängte es mich, auf dem Friedhof an der
Lindenallee nachzusehen, wie die Gräber meiner Eltern und Großeltern
den Angriff überstanden hätten. Der Friedhof bot das Bild übelster
Zerstörung: Verwüstete Gräber, umgeworfene Grabsteine,
entwurzelte Bäume. Der große Kalvarienberg in der Mitte war
von seinem Sockel gefallen und lag zertrümmert am Boden. An der
Stelle des Grabes meiner Großeltern väterlicherseits war ein
tiefer Bombentrichter. Die Ruhestätte der Großeltern mütterlicherseits
war stark beschädigt. An der Stelle meines Elterngrabes war
ebenfalls ein tiefer Bombentrichter. Das Grabmal lag zerbrochen
etwa 20 m entfernt auf einem Wege. In der Tiefe des Trichters
lag ein Menschenschädel. Der Vater? Die Mutter? Da mir ein
Spaten fehlte, habe ich den Schädel mit den Händen
beigebuddelt.
Was
blieb einem gegenüber so viel Elend und Zerstörung zu tun übrig?
Man konnte nur für die Vielen, die selbst im Grabe keine Ruhe
gefunden hatten, und die Hunderte, die in der Stadt ihr Leben
gelassen hatten, beten und dem Herrgott danken, dass man selbst
mit seiner Familie das Grauen heil überstanden hatte. |