Sehr feminin formte Beuys sein Selbstporträt - und doch zeigt es den damals 26-Jährigen bis ins Detail, so Eva Beuys. RP-Foto: Gottfried Evers

RP-THEMA vom 12.05.2001:

Heute wäre Joseph Beuys 80 Jahre alt

Kleve war seine Heimat


KREIS KLEVE (RP). Geboren wurde er in Krefeld - sein Elternhaus, seine Heimat aber war in Kleve. Noch lange war Beuys mit der Stadt und dem Land verbunden, viele auch bedeutende seiner Werke sind wie die Straßenbahnhaltestelle von Klever und damit natürlich auch von Beuys`scher Geschichte geprägt. Ein ganz frühes Selbstporträt aus dem Jahr 1947 ist jetzt ans Klever Museum gekommen und schließt den Kreis zur Heimat.

Ein toller Coup für die Region

KLEVE (RP). Es ist ein Coup für das Museum Kurhaus Kleve. Es ist mehr als Coup für das Museum: Die Stadt, die Region hat mit der Beuys-Büste aus dem Jahre 1947ein ganz frühes Werk des weltberühmten Künstlers bekommen, ein Werk, das zum "Muss" für alle Beuys-Freaks werden könnte.

Es ist aber ein besonderer Coup, dass es de Werd, Bürgermeister Joseph Joeken und dem Klever Freundeskreis unter Ulrike Sack gelungen ist, das herrliche Werk just zum 80. Geburtstag in Kleve der Bürgerschaft vorstellen zu können. Denn hier schließt sich fast ein Kreis, der seinen Ausgangspunkt in Kleve hat: Als die Skulptur entstand, war Beuys auf dem Sprung von Kleve nach Düsseldorf, wechselte seinen Lehrer von Enseling nach Matare.

Doch noch war der junge Künstler in Kleve verhaftet (wie er auch später immer wieder in seine Heimat zurück kam und sich gar oftmals als gebürtiger Klever - sein Geburtsort ist ja Krefeld - bezeichnete). Später richtete Beuys im alten Kurhaus (gleich neben der Wandelhalle) sein Atelier ein.

Bis ins letzte Detail

Das Porträt zeigt den jungen Bildhauer - auch wenn es sehr feminin ist. "Das ist der junge Beuys, bis ins letzte Detail", sagt Witwe Eva Beuys. Es zeigt, dass sich Beuys früh mit dem Selbstporträt beschäftigt hat, es zeigt seine Bewunderung für Lehmbruck - und doch ist es ein "großes Werk" eines großen Künstlers, wie de Werd sagte.

Ein Werk, das einer besonderen Betrachtung bedarf, das sie auch bekommen wird, versprach de Werd. Immer wieder wollte Beuys auf den Kopf zurückgreifen, plante, ihn zur Installation in Venedig zu stellen als Gegenüber des schreienden Clooths. Doch erst die Klever Präsentation führte die Straßenbahnhaltestelle und den frühen Beuys-Kopf wieder zusammen. Von da an war für die Klever klar, dass der posthum gemachte Bronzeguss des Kopfes hier in die Heimat von Joseph Beuys musste, dass sich hier wieder der Kreis schließen sollte, der an der Schnittstelle zwischen Kleve und Düsseldorfer Akademie begann.

von Matthias Grass

Scheiterte mit seinem Versuch, ein Beuys-Werk für die Stadt zu bekommen: Dr. Schröer. RP-Foto: Gottfried Evers

Schloss Gnadenthal, die Heimat von Anacharsis Clooths, hatte es Beuys angetan. RP-Fotograf Gottfried Evers porträtierte ihn in der Umgebung des Schlosses.

KREIS KLEVE (RP). Nicht die erste Begegnung mit Beuys, aber das Aha-Erlebnis: Wie bei vielen kam es plötzlich, unerwartet. Beuys war schon Jahre tot, Kassel lud zur Dokumenta ein, auf der Bruce Naumanns Video-Installation schrie, Ameisen über die Decke krabbelten und Kosuth in der Galerie die Werke der Meister mit schwarzen und weißen Tüchern verhängt hatte: Der Text auf den Tüchern triumphierte über das Bild.

Filz, Fett und Tataren

Dann ging`s die Treppe `runter und plötzlich war es da. Groß, alles andere übertreffend, genial: Das Rudel. Jene Beuys-Installation, die wie kaum eine andere den Mythos von Filz, von Fett, von Tataren und Schamanen versinnbildlicht. Wie eine Hundehorde springen Schlitten aus einem alten VW-Bus, formieren sich zum Zug. Jeder trägt eine Filzrolle, eine Lampe.

Quasi ein Überlebenspaket in Fett und Filz. Einer dieser Schlitten, eines dieser "Überlebenspakete" (später als Auflage erschienen) ist in Moyland, hängt leider (sorry!, liebe Moyländer) viel zu hoch, man sieht ihn kaum. Filz, Fett, Tataren. Auch wenn Beuys` Mythos jüngst ins Wanken geriet, auch wenn die Wissenschaft das, was jetzt bestätigt scheint, schon lange vermutete: Der Mythos vom rettenden Filz, vom wärmenden Fett, vom Tatarenvolk ist ein Mythos und wird auch ein solcher bleiben.

Ob er nun wahr ist oder nicht - die Geschichte ist wunderbar, sie ist schlüssig und sie scheint von Beuys selbst gewollt und erschließt große Teile seines Werkes. Und das wird sie auch weiter machen - selbst wenn sie nur eine Geschichte in der Fantasie des Künstlers ist.

Mythos hin, Mythos her - die großen Werke von Joseph Beuys blieben der Heimat des Bildhauers verwehrt. Oder muss man sagen: Sie wollte keins? Und als sie wollte, waren sie zu teuer? So wie die Straßenbahnhaltestelle, die ja eigentlich wie für Kleve gemacht ist. Versuche des damaligen Klever Stadtdirektors Hanns-Hermann Schröer, einen "echten Beuys" in die Fußgängerzone zu holen, scheiterten am heftigen Widerstand des Klever Rates. Vorbei.

Vorbei? Eigentlich nicht. Denn gerade Joseph Beuys hat mit seinem Werk die Museumswelt der Region völlig verändert. Museum Schloss Moyland wäre ohne Beuys nicht denkbar. Auch wenn es eben kein Beuys-Museum ist. Byars und Chillida hätte man nicht gesehen am Niederrhein. Und Merz oder bald Giacometti auch nicht, denn das Kurhaus als letztes Glied in der langen traditionellen Kette der Klever Museen von den Herzögen über Moritz, bis zu Koekkoek darf sich in Beuys` Lichte sonnen. Es hat nicht nur Matare, sondern auch wichtige Werke des Meisters selbst. Und das erste Atelier des Künstlers im Kurhaus, dort, wo Fritz Getlinger ihn fotografierte.

Alle profitieren

Letztlich profitieren im Klever Land doch noch alle vom Ruhm des Schamanen - ob sie ihn nun mögen oder nicht. Auch wenn seiner Heimat eine der großen Installationen verwehrt blieb. Doch das, was hier ist in Moyland und Kleve, das kann sich durchaus sehen lassen.

von Matthias Grass

zuletzt bearbeitet am 19.12.2010