Als Voltaires
Lebensgefährtin, Madame du Châtelet, im September 1749 verstorben war,
gelang es Friedrich dem Großen, Voltaire zu einer weiteren Reise an den Hof
von Berlin zu überreden.
Am 8. Juni 1750 richtete
Voltaire von Paris aus einen Brief an den Clevischen Kanzler und Präsidenten
der Kammer von Raesfeld1, den er in Moyland kennengelernt hatte,
indem er sein Eintreffen in Kleve für Anfang Juli in Aussicht stellte.
Ende Juni 1750 kommt Voltaire
in Kleve an. Als Staatsgast des Königs nimmt er Wohnung in der Schwanenburg,
die ihm von seinen früheren Besuchen bereits vertraut war. Die Schwanenburg
bot sich - auch, wenn ein Teil des Mobiliars 1740 auf Weisung des Königs vor
seiner Zusammenkunft mit Voltaire nach Schloss Moyland gebracht worden war -
noch in ihrer vollen Ausdehnung
und Schönheit dar. "Ich habe mich also einige Tage in dem
Schloss dieser Prinzessin aufgehalten, die Madame
de la Fayette so berühmt gemacht
hat. Doch man kennt hierorts nicht das galante Abenteuer dieser
bemerkenswerten Frau und des Herzogs von Nemours. Hier ist nicht, das schwör
ich Euch das Land der Romane und Amouren. Das ist schade, denn das Land
scheint geschaffen zu sein für solche Prinzessinnen von Kleve."2
Voltaire`s Gesundheitszustand
war durch die Strapazen der Reise angeschlagen. Auch musste er in Kleve
feststellen, dass für seine Weiterreise nach Berlin noch keine Vorkehrungen
getroffen waren. Er nutzte diesen Umstand: "Euer Majestät Untertan bin
ich, aber auch sein Kranker. Ich mache der Brunnengöttin dieses schönen
ruhigen Ortes den Hof und trinke aus ihrer Quelle in vollen Zügen."
Dr. Johann Heinrich Schütte
hatte 1742 im Tiergarten damit begonnen, die von ihm gefasste eisen- und
vitriolhaltige Mineralquelle als Heilmittel in Anwendung zu bringen. Voltaire,
wohl auf Empfehlung durch Johann P. von Raesfeld und nach Untersuchung durch
Dr. Schütte, begann mit einer Trinkkur. "Das Wasser indessen ist ebenso
gut wie dasjenige von Spaa und Forges, und man kann die kleinen Eisenatome an
keinem schöneren Ort herunterschlürfen."
Da seine Abreise sich weiter
hinauszögerte fand Voltaire die Zeit und Muße, die Schönheiten der von
Mauritz von Nassau geschaffenen Alleen und Gartenanlagen kennenzulernen.
"Die natürlichen Reize dieses sehr schönen Orts, die sich aus seiner
Lage ergeben, sind durch kunstvoll Anlagen noch erhöht worden. Die Fernsicht
ist dem Ausblick, den man in Meudon3 hat überlegen. Das Gelände
ist bepflanzt wie die Champs Elysées und der Bois de Boulogne. ... Ungeachtet
der Schönheit von Kleve`s Lage, ungeachtet der Römerstraße, und trotz des
Turms4, von dem man sagt, er sei von Julius Cäsar oder zum
wenigsten von Germanicus errichtet worden, trotz der Inschriften einer 26ten
Legion, die hier im Winterquartier war, trotz der schönen Alleen, die von
Mauritz von Nassau gepflanzt sind, trotz seines großen eisernen Grabmals und
schließlich trotz des ausgezeichneten Mineralwassers, das erst vor kurzer
Zeit hier entdeckt worden ist, gibt es keinen Nennenswerten Besucherzustrom in
Kleve." Als ortskundiger Begleiter stand Voltaire möglicherweise Dr.
Schütte zur Verfügung, der auch in anderen Fällen seine Brunnengäste zu
den Sehenswürdigkeiten von Kleve und seiner Umgebung geführt hat.
Vieles spricht auch dafür,
dass Voltaire den verlängerten Aufenthalt in Kleve auch dazu benutzt hat
Schenkenschanz und Tolhuis zu besichtigen, um örtliche Studien zu seiner
Schilderung des Rheinübergangs Ludwig des Vierzehnten in dem großen
Geschichtswerk "Le siècle de Louis XIV" zu machen.
Nach dem 14. Juli waren die
Vorbereitungen abgeschlossen und Voltaire fühlte sich kräftig genug die
Reise fortzusetzen: "Der Befehl des Königs für die Relais-Stationen ist
endlich angekommen. Damit endet mein Zauber bei der Prinzessin von Kleve, und
ich breche auf nach Berlin."
Schenkenschanz im
Geschichtswerk "Jahrhundert Ludwigs des Vierzehnten"
Durch dieses Werk wurde
Voltaire der Begründer der modernen Universalgeschichtsschreibung.
Seine Absicht war es, mit
einer realistischen Darstellung der historischen Begebenheiten eine neue
Konzeption der Geschichtsschreibung zu verwirklichen.
Daher nutzte Voltaire seinen
3. Besuch in Kleve im Jahr 1750 für eine Besichtigung von Schenkenschanz. Im
zehnten Kapitel des zweibändigen Werkes wird unter dem Titel "Eroberung
Hollands" der Rheinübergang Ludwigs XIV bei Schenkenschanz am 12. Juni
1672 beschrieben.
Dieser Rheinübergang war von
den Zeitgenossen Ludwigs als eine Heldentat gefeiert worden. Bossuet
(Kanzelredner) hatte sie "das Wunder des Jahrhunderts" genannt.
Boileau (Hofpoet) verherrlichte die Tat, indem er sie mit dem
Rheinübergang von Caesar verglich.
Mit diesen Übertreibungen
räumte Voltaire bewusst und in völliger Respektlosigkeit auf:
"In der Tat hatte der
König die Absicht, den Strom auf einer Brücke zu überqueren, die mit Hilfe
der kleinen von Martinet erfundenen Pontons gebaut werden sollte. Da machten
einige Leute aus dem Lande den Prinzen von Condé darauf aufmerksam, dass die
jahreszeitlich bedingte Trockenheit in der Nähe eines alten Turms in einem
Rheinarm eine Furt gebildet habe; der Turm, der als Zollstelle diene und den
man Tollhuis, Haus des Zolls, nenne, beherberge nur siebzehn Soldaten. Der
König ließ die Furt durch den Grafen de Guiche untersuchen. Es waren in der
Mitte dieses Rheinarms nach dem, was Pellisson als Augenzeuge in seinem
Briefen sagt und was mir die Einwohner des Landes bestätigt haben, nur
ungefähr zwanzig Schritte zu durchschwimmen. Dieser Abstand bedeutete gar
nichts, weil mit einer Front von mehreren Pferden die Strömung unterbrochen
wurde, die ohnehin nicht stark war.
Der Aufmarsch am Ufer bot
keine Schwierigkeiten. Auf der anderen Seite des Wassers standen nur 4-500
Reiter und zwei schwache Infanterie-Regimenter ohne Geschütz, die von der
französischen Artillerie in der Flanke beschossen wurden. Während das
Gefolge des Königs und die beiden Reiter-Eskadronen in Stärke von etwa
15.000 Mann ohne Risiko hinüberritten, folgte ihnen seitlich der Prinz von
Condé in einem kupfernen Ponton."
Mit seiner Formulierung
"Die berühmte Schenkenschanz, von der Boileau spricht, ist ein
ehemaliger Landedelsitz, der sich zur Zeit des Herzogs Alba verteidigen
konnte", überspannte Voltaire allerdings den Bogen. So bedeutungslos war
die Schenkenschanz im Jahre 1672 nicht, als dass sie den Franzosen keinen
Widerstand hätte leisten können.
Ein gutes Beispiel für seine
kritische Distanz und Bewertung der Geschichte - und den dafür erforderlichen
Mut - findet sich im folgenden Zitat:
"Es hätte keine
Gefallenen gegeben an diesem Tag ohne die Unvernunft des jungen Herzogs von
Longueville.5 Man sagt, dass er mit weinumnebelten Kopf seine
Pistole auf die kniend um ihr Leben bittenden Feinde abfeuerte und ihnen
zuschrie "Keine Gnade für diese Kanaille". Er tötete mit diesem
Schuss einen ihrer Offiziere. Die verzweifelte holländische Infanterie griff
im Augenblick zu den Waffen und feuerte eine Salve ab, die den Herzog von
Longueville tödlich traf. Ein Kavalleriehauptmann, namens Ossembroek, der
nicht mit den anderen geflohen war, eilte zum Prinzen von Condé, der vom
Flusse kommend gerade sein Pferd besteigt, und hält ihm seine Pistole an den
Kopf. Durch eine Bewegung lenkt der Prinz den Schuss ab, der ihm das
Handgelenk zerschmettert."
Voltaire`s Klevische
Philosophen-Kolonie
"Ich
hätte gewünscht, dass mein Bett in Kleve stünde."
Am 21. Juni 1766 schrieb
Voltaire Friedrich den Großen, dass er die Absicht habe, seine Wohnsitz in
Ferney aufzugeben und ins Kleverland zu ziehen, um dort eine Philosophische
Akademie zu gründen. Friedrich steht diesem Gedanken positiv gegenüber:
"Ihr sprecht von einer Kolonie von Philosophen, die sich in Kleve
niederlassen wollen ... . Dieses Asyl steht Euch zu jeder Zeit offen. Ihr
könnt von der Schweiz nach Kleve ohne Anstrengung reisen, wenn Ihr Euch in
Basel einschifft. Ihr könnt diese Reise in vierzehn Tagen zurücklegen, fast
ohne Euer Bett zu verlassen."
Voltaire beabsichtigte
ursprünglich Schloss Moyland zum Sitz dieser "Kolonie" zu wählen,
dies musste ihm jedoch der König verweigern: "Ich sehe, dass Euch die
Gründung der kleinen Kolonie am Herzen liegt, von der Ihr mir gesprochen
habt. Ihr bringt mich in Verlegenheit, wenn ich auf gewisse Punkte antworten
soll. Dieses Haus Moyland nahe bei Kleve, von dem Ihr sprecht, ist durch die
Franzosen ruiniert, und soweit ich mich entsinne, ist es jemandem übereignet
worden, der sich verpflichtet hat, es zu seiner Benutzung wieder herzustellen
(gemeint ist Adrian Baron van Steengracht (1729-1773))."
Am 24. Oktober 1766 empfiehlt
Friedrich Kleve als alternativen Standort: "Das steht der Errichtung
Eurer Kolonie nicht entgegen; und ich glaube, das einfachste Mittel wäre,
dass diese Leute jemanden nach Kleve schickten um zu sehen, was ihnen passend
erscheint und worüber ich zu ihren Gunsten disponieren kann."
Doch die Standortfrage hatte
sich schnell erledigt, denn weder Diderot noch d`Alembert waren dazu bereit,
der Einladung Voltaires zu folgen. Mit seinem Schreiben vom 30. Oktober 1769
gab Voltaire das Scheitern seines Vorhaben zu: "Ich danke Euer Majestät
ergebenst für diesen kleine Vorwurf: ich gestehe ihr, dass ich so verärgert
und beschämt war über den geringen Erfolg der Übersiedlung nach Kleve, dass
ich seit dieser Zeit nicht gewagt habe, Euer Majestät irgendeine meiner Ideen
zu unterbreiten. Wenn ich daran denke, dass ein Tor und Schwachkopf wie Sankt
Ignatius ein Dutzend Proselyten gefunden hat, die ihm gefolgt sind, und dass
ich nicht drei Philosophen habe finden können, bin ich versucht zu glauben,
dass die Vernunft zu nichts gut ist. ... Im übrigen bin ich, Sire, seit einem
Jahr in meinem Bett; ich hätte gewünscht, dass mein Bett in Kleve
stünde."