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Die mittelalterlichen Befestigungsanlagen 

und

 das geplante Bastionssystem (1610)

aus: Dr. Friedrich Gorissen, Niederrheinischer Städteatlas - 1. Heft, S. 46 ff, Kleve 1952

Brücktor
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Mitteltor
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Wassertor
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Brücktor

Infos

Mitteltor

Infos

Pieter Jan van Liender (Utrecht 1727 - 1779): Der nördliche Teil des Ostflügels der Burg mit dem Wassertor (Ausschnitt), 1752, Federzeichnung in Grau, 185 x 245 mm, Kleve Museum Kurhaus
 

Pulverturm

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  Unbekannter Stecher nach Hendrik Feltman, 1653: Am Wasser (von links) der Pulverturm mit der Holzbrücke, die Wassermühle, das Wassertor und das Weyersche Haus. Kupferstich, 4 Platten, zusammen 408 x 2162 mm, Kleve Museum Kurhaus  

DIE FESTUNG

DIE STADTBEFESTIGUNG 


ERSTE UMWALLUNG. Es gibt keinen Grund, zu bezweifeln, dass die erste Stadtmauer noch dem 13. Jh. angehört. Sie wird zwar zuerst im Heberegister von 1318 (buten die mure van Cleve), sodann urkundlich 1323 zuerst genannt (extra muros penes fossnta civitatis), doch handelt es sich in diesem Falle zugleich um eine der frühesten Urkunden topographischen Inhaltes. Die Mauer beginnt an der äußeren Burgmauer. Die Lage des Tores am oberen Ende der
Großen Straße ist so gewählt, dass das Bündel der von der Burg, von der Pfarrkirche und aus dem Hag kommenden Straßen sich hart vor dem Tore vereinigt. Die Schlucht zwischen Heideberg und Burgberg wird an der engsten Stelle gesperrt. Die Mauer erklimmt steilrecht den Hang, folgt dann der oberen Böschungskante. Die Führung der Heideberger Mauer bis zum Kavarinertor ergibt sich aus den (an anderer Stelle) geschilderten Gründen. Gegen das Wasser liegt die Stadt offen; hier gilt der Altrhein als sicherer Schutz. Mitteltor, Heideberger- und Kavarinertor gehören demselben Bautypus an und erweisen sich auch dadurch gegenüber dem Hagschen Tor von 1341 als ältere Anlage. Der ursprüngliche Name des Mitteltores ist nicht überliefert. Die beiden anderen Tore haben stets diese Namen (1407: porta Heyberch; 1361: porta Lombardorum; 1399: porta Kavarinse port). Der Eckturm östlich des Hasenberges wird noch 1534 genannt; sonst werden mit Namen erwähnt der Raventoern (1652 abgerissen) südlich des Heideberger Tores, Schollenrondeel (1369: propugnaculum dictum rondeel) und das Bollwerk Netelenhorst auf dem linken Ufer des Altrheines.

II. VORSTADTWALL. Mit der Auslegung der Vorstadt um die Wende des 13. Jhs. ist der einfache Wallgraben (buitenste oder uiterste grave) angelegt worden. Die Vorstadtbrücke (1324: pons primus; 1418: cleyne brugghe) ist durch ein bescheidenes Torgebäude von der Art der Vortore geschützt (Abbildung im Bedburschen Zehntatlas, 1605).

III. HAGSCHE UMWALLUNG. Sie wird gleich nach 1341 auf Grund der am 31. Dezember 1340 vom Grafen dem Kollegiatstift gegenüber eingegangenen Verpflichtung angelegt. Die Mauer wird am Rabenturm an die alte Stadtmauer angeschlossen und im flachen Bogen über die Talsenke der Stechbahn und den Buckel des Kamps geführt; südl. der Stiftsfreiheit ist sie wegen der damals schon weit nach Süden ausgreifenden Bebauung etwas ausgebeult. Auf der Höhe des Kermisdalhanges wird ihre Linienführung durch die schon vorhandenen festen Häuser an der Ostseite des Ossacks bestimmt. Sie schließt östlich der äußeren Burgpforte an den Torturm der Burg an. Das Hagsche Tor wird bereits 1345 (Porta in den Hage) genannt. Auch die Türme gehören derselben Zeit an; so wird das Bollwerk an der Nassauer Straße am 22. Februar 1353 dem Claes Taybert mit der Verpflichtung zur Öffnung ausgetan.

IV. POSTERNE. 1430 wird die posterne onder der borchmueren ind onder der stat mueren zuerst genannt. Sie steht wohl im zeitlichen Zusammenhang mit dem gedeckten Mauerweg und Turm östlich des Burgberges zwischen Ringmauer und Altrhein. Die Anlage verdankt ihre Entstehung den Erfahrungen des Jahres 1368, als es sich in den Auseinandersetzungen um das Erbe der verwaisten Grafschaft zeigte, dass die Burgbesatzung ganz in der Hand der Stadt war. Graf Adolf I. (1368-1394) hat sogleich nach seinem Siege, der maßgeblich der Stadt verdankt wurde, mit dem Bau eines neuen, von der Stadt im Ernstfalle unabhängigen Burgausganges an der Wasserseite begonnen. Schon 1371 wird die hier über den Altrhein führende Brücke als nije brugge erwähnt.

V. RHEINMAUER UND BRÜCKTOR. Gegen den Altrhein ist die Stadt zunächst offen gewesen. Eine gute Stückbeschreibung des Lehensgutes op gen Schild von 1352 schließt die Existenz einer Mauer auf dem Ufer des Altrheines aus (tusschen den auden Rhijne ende der straten). Auch heißt der auf dem rechten Ufer gelegene Stadtteil stets ultra pontem oder over der brugge, während doch die Gärten im Hag, auf dem Heideberg und vorne im Spik durchweg extra portam. . . buyten der poerten liegen. Erst die Anlage des Spoykanals und die damit verbundene Schiffbarmachung des Altrheines macht den Bau einer Stadtmauer auf dem linken Ufer nötig. Sie muss noch zu Anfang des 15. Jhs. erbaut worden sein und heißt, nach dem Archivvermerk einer Hand des 15. Jhs. zu einer Urkunde von 1374 murus Reni, d. i. Rheinmauer. Dieser Zeit gehört natürlich auch das Brücktor an, dessen bauliche Übereinstimmung mit dem Brücktor an der Wassermühle überraschend ist. Diese Anlage setzt eine Brücke voraus, welche näher als die spätere Steinbrücke an das Gasthaus heranreichte.

VI. VORMAUER. Im Jahre 1446 setzt man vor diese erste Rheinmauer mitten ins Wasser hinein eine zweite tusschen der brugh poirten ind der moelen ten Bleke. Sie steht nicht mehr mit dem Tore, sondern mit der Brustwehr der steinernen Brücke in Verbindung. Der vierkantige Turm südlich des Brücktores heißt im 17. Jh. Weyersturm, ein Turmhaus an der Mauerecke östlich des Wassertores im 18. Jh. der Spieker. Danach nennt man noch zu Beginn des 19. Jhs. die untere Wasserstraße vor dem Tore auf dem Spieker. Im gleichen Jahre 1446 verpflichtet sich die Stadt, oick die butenste muer an der Kauwersijnscher poirten off dairumbtrynt zu verstärken. Möglicherweise ist die Vormauer zwischen Brücktor und Netelenhorst eben vor 1446 fertig geworden, da ja ihre Weiterführung südlich des Tores zur Wassermühle hin bereits geplant war, als die Stadt die Verpflichtung zum Weiterbau einging. Die Vormauer entlang der Altstadtumwallung, welche aber nach den Abbildungen des 16. und frühen 17. Jhs. sich auch längs der Hagschen Umwallung fortsetzt, wird, da sie 1446 so baufällig ist, dass sie ondervaeren werden muss, erheblich älter sein. Einen Anhaltspunkt für die Datierung bieten verschiedene Nachrichten über das Endstück dieser Mauer, das beim Palantsturm die Hauptmauer verlässt und geradewegs zum Altrhein hinabgeht und hier, wo unten am Wasser ein turmbewehrtes Pförtchen den Fußweg nach Bedbur durchlässt, stets Quermauer heißt (1404: werssmuyr); diese Nachrichten reichen bis 1370 zurück und lassen die Vormauer demnach wenig jünger, wenn nicht sogar gleichzeitig mit der Hagschen Umwallung sein. Die Vormauer schließt am Brücktor, wie gesagt, an die Brustwehr der Alten Brücke, sonst aber überall an das Vortor an. Den dritten Befestigungsring bilden mit den Gräben, die auf der Höhe trocken sind, die Erdwälle; wo sie die aus den Toren führenden Steinstraßen passieren, stehen die Schlagbäume (1528: buyten der heyberscher poirten bij den (veersten) slachboem) oder Hecken (1501: buyten der Cauwersijnscher porten bij den Spijxschen heycke).

VII. BOLLWERKE UND BASTEIEN. Von den halbmondförmigen Bollwerken, wie sie um die Wende des 15. Jhs. üblich sind, findet sich ein einziges am Heidebergertor und zwar an der talwärtigen (Süd-)Seite der Torgasse; es wird 1502 vollendet. - Noch der 2. Hälfte des 16. Jhs. gehören die Basteien des Burgberges an, namentlich die große Bastei seitlich der Neuen Pforte und die andere oben am Bleichenberg von 1568. In den Befestigungsplan der Stadt, der 1610 angefertigt wurde und welcher der Karte (...) zu Grunde liegt, sind nachträglich eine Reihe von Bastionen sowie eine Zitadelle vor dem Brücktor eingezeichnet worden; es scheint, als ob sich Kurbrandenburg unmittelbar nach der Erwerbung Kleves (1609) mit dem Gedanken getragen hat, die Stadt zur Festung zu machen, ohne dass indessen etwas daraus geworden ist.

DIE ENTFESTIGUNG. Bereits am Ausgang des 16. Jhs. genügen die städtischen Festungsanlagen nicht mehr den Forderungen der Zeit. Der Achtzigjährige Krieg, namentlich die Eroberung der Stadt durch die Spanier (1635), haben sie stark getroffen. In den nächsten Jahren fällt die Entscheidung über das zukünftige Schicksal der Stadt durch den Entschluss der brandenburgischen Regierung, das Ende des Krieges hinter den schützenden Festungswällen von Emmerich abzuwarten (1637). Zwar wird die Mauer in den nächsten Jahren hier und da notdürftig geflickt, zugegebenermaßen aber mehr zum Schutz gegen Marodeure und Zolldefraudanten als gegen reguläre Truppen. Noch vor dem Frieden von Münster beginnt die Stadt, ihre Gräben und Wälle zu parzellieren und zu verpachten, die Mauer zur Bebauung freizugeben. Das gilt auch von den Türmen, von denen die Stadt nur je einen an der Mühlenstraße und an der Heideberger Mauer als Dienstwohnung für den Kuhhirten und den Nachtwächter zurückbehält. Weiterhin fallen bis zur Mitte des 18. Jhs. sämtliche Vortore bis auf jenes vor dem Brücktore, welches ja den Zutritt zur Brückenvorstadt sperrt. Die Tore selbst werden alle Ende der zwanziger Jahre des 19. Jhs. niedergelegt, da dies eine der Bedingungen ist, unter denen Bezirksregierung und Staat die neuen Landstraßen durch die Stadt zu führen versprechen. Die Mauer ist bis zu dieser Zeit - wenn auch nur gegen Zolldefraudanten - immer wieder unterhalten und geflickt worden. Erst nach 1840 verliert sie diese Zweckbestimmung. Dann fallen zunächst die freistehenden, seit der Jahrhundertwende mit dem Abbruch der Mauerwohnungen auch die angebauten Mauerstücke.

zuletzt bearbeit am 10.12.2004