Nee,
nee, an den Niederrhein, da musse schon viel Gemüt mitbringen.
Wie sach ich immer: Internationales Gemüt, denn speziell der
Niederrheiner stammt ja von allen Menschen ab. Dat hab ich schon
mal in Kleve vor Jahren in einem Vortrag gesacht.
Also
gut: Die Schönheit des Niederrheins, mein ich immer, dat is nich
sone Angelegenheit, so wie man sacht, Gott is die Frau schön. Das
geht tiefer. Dat krisse fast gar nich raus, warum dat so is. Auf
den ersten Blick schon gar nicht. Muss ja auch nicht sein, sach
ich immer, dat wär ja ne langweilige Schönheit. Nein, der
Niederrhein will angeguckt werden. Und dann beginnt die große
Liebe. Dat is dat Geheimnis des Niederrheins. Un wer einmal am
Niederrhein war, der kommt wieder.
Da
jagen sich die Rätsel: Warum is hier nix los un doch alles los.
Un wo anders is alles los, un gar nix los. Der Niederrhein, denk
ich immer, macht einem nix vor. Da gibbet keine kalkulierte
Romantik, sondern eine Musik aus Vergessen und Erinnern, un da
draus entsteht das Gefühl am Ende der Welt, am Ende aller Tage zu
sein. Und aus dem Altrhein bei Xanten tauchen prustend alle
Vorfahren auf, als hätten sie sich verschwommen. Wer Phantasie
studieren möchte, der sollte ein paar Semester an den Niederrhein
kommen und dann als Lohengrin wieder in die große Welt fahren.
Burgen gibt´s. Schlösser gibt´s und Wasserschlösser, Windmühlen
und Wassermühlen, Kirchturmspitzen, Fähren und Inseln, Kunst im
Schloss Moyland, Karneval in Keppeln, und komm mir nun keiner, und
sach, er sei nicht genannt worden.
Der
Niederrheiner ist überhaupt zu allem unfähig. Er weiß nix, kann
aber alles erklären. Umgekehrt: Wenn man ihm etwas erklärt,
versteht er nichts, sagt aber dauernd: Is doch logisch. Und wenn
er keinen Ausweg mehr weiß, steigert er sich in eine ungeheure
Assoziationskette hinein. Er kann zum Beispiel in wenigen Sätzen
von Stefan Askenase, dem berüchtigten Chopinspieler, auf die
Narkoseschwester Gertrud kommen.
In
Homberg am Niederrhein, da sagt man nämlich nicht: "Nimm
Platz", sondern da sagt man: "Geh sitzen". Dat is
zwar krummes Deutsch, geh ma auf de Bank sitzen, aber sowat von
gemütstief, kriegen se später nie wieder, nie.
Wenn
ich mir heute ein Jugendbildnis von Joseph Beuys anseh, das mit
dem weißen Hemd und dem offenen Kragen, wo er so vor sich
hinblickt, das ist das niederrheinische Auge, das bis in die
letzten Winkel der Welt sieht.
Die
meisten Niederrheiner sind ja auch durch de Bank schwermütig.
Also nicht durch de Bank, obwohl manche sind auch durch de Bank
schwermütig.
Wir
sind unsere eigenen Philosophen. Und wenn der Rheinländer auf die
Frage "Wie isset?" "Gut" sagt, dann sagt der
Niederrheiner: "Wie sollet sein?" Ja, aus uns krisse so
schnell nix raus.
Das
ist ja der Choral des Niederrheiners: Wat willze machen. An sonem
Tag biss einfach aufgeschmissen, und dann ist der Niederrheiner
auch noch aggressiv gehemmt.
Wenn
der Niederrheiner mal ausnahmsweise etwas weiß, dann weiß er dat
aber auch ganz fest bis an sein Lebensende, bis in alle Ewigkeit.
Auch wenn et gar nich stimmt. Un meistens stimmt et nich.
Die
einen haben et und die anderen müssen et erfinden. Ich sag, Herr
Pastor, wat am Niederrhein nich alles schon erfunden worden is in
der Hinsicht, nur um sich über Wasser zu halten, da müssten Sie
drei mal am Tag predigen, um dat alles unterzubringen.
Da
gibbet am Niederrhein Hunderte von. Alles Verrückte, die keiner
Fliege was zuleide tun. Höchstens sich selbst.
Sagte
ich später zu meiner Frau: Warum ich da in aller Ruhe sitzen
wollte und immer "ja natürlich" gesagt habe und die
Welt über mich ergehen ließ. Scheusal, sagte meine Frau. Ja natürlich,
sagte ich. Der Niederrheiner ist eben der Mongole unter den Rheinländern.
Der
Niederrheiner braucht ja eigentlich nur sich, mehr muss dat gar
nicht sein, weil de so viel mit sich selbst zu tun hat, von
morgens bis abends. Da kommt der auf dem flachen Land gar nicht zu
Ruhe, weil de ewig am bosseln un am prakesieren un am rennen is,
aus de Küch innet Krankenhaus, dann auf en Kirchhof und dann
wieder zurück inne Küch.
Ein
Schluri, weil ich hab de Kopp zu voll. So sagt man auf Niederrömisch.
So haben die alten Römer früher am Niederrhein gesprochen.
Er
möchte unauffindbar sein, sagt er immer, damit er seine völlig
Ruhe hätte. Davon hätte er schon als Kind geträumt, am unteren
Niederrhein möchte er unauffindbar sein. Hat er an der Theke von
Hein Lindemann allen verkündet: unauffindbar. Da hamwer alle ganz
bedöppelt ausgesehn.
Also
dann Gruß zu Haus un Tach zusammen Hanns Dieter Hüsch,
Zitat-Auswahl von Karen Kliem aus: "Zugabe" (Köln
2003), "Mein Traum vom Niederrhein" (Duisburg 1996),
"Und sie bewegt mich doch" (Mainz 1985).