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EMMERICH. Ums Wetter müssen wir uns heute keinen Kopf machen. Ehrlich! Da sorgt schon einer im Himmel
dafür, der den lieben Gott ausnahmsweise nicht in Dinslaken treffen wird, sondern in
Emmerich. Genau genommen auf der Rheinpromenade, wo ihm zu Ehren etwas Einmaliges geschieht: ein Baum aus Bronze,
ein wahres Kunstobjekt, wird ab heute den Niederrhein um eine Attraktion reicher machen. Auf der großzügig neu gestalteten Flanierzone reckt sich die metallene Hanns-Dieter-Hüsch-Weide empor, die auf
originelle Weise das Andenken in diesen wunderbaren Schelmen des Niederrheins bewahrt.
Das alles hat die Stadt, die Region, haben die nach Zigtausend zählenden Verehrer des Dichters der niederen Landschaft Hein Driessen zu
verdanken. Der Emmericher Maler und Freund von Hanns Dieter Hüsch hat mit der ihm
eigenen Energie und seinem ansteckenden Optimismus die Geschichte dieses bizarren Baums zu einem glücklichen Ende gebracht: „Ich hab ihn Hans Dieter geschenkt im Namen aller Niederrheiner."
Hein, dieser
Ur-Niederrheiner, der vor lauter Ideen eigentlich kaum in den Schlaf
kommen könnte, lächelt verschmitzt. Er zitiert seinen Freund mit einem von dessen unvergessenen Wortgespinsten, als der nämlich nicht wusste, ob zuerst die Wirklichkeit oder die Fantasie da waren:
„Dat muss ich demnächst mal den lieben Gott fragen, wenn wer uns wieder in
Dinslaken treffen." Heute findet diese Begegnung in Emmerich statt. Da ist sich der 74-jährige Hein ganz sicher.
Der Baum musste weg
Der Baum hat eine wunderbare Geschichte. Der liebenswerte Kerl Driessen ist Denker und Dichter dieser Begebenheit. Und das kam so. Auf der Suche nach Motiven in seiner niederrheinischen Heimat radelte der Maler mal wieder durch die Hetter so vor sich hin. Die Hetter ist ein kraftvolles Naturschutzgebiet im
Millinger Bruch, 720 Hektar groß, zwischen Emmerich und Rees gelegen. Da sah der Hein diesen Baum, der gut und gerne seine Wurzeln 100 Jahre in die fruchtbare Erde des Bruchs gekrallt hatte. Jetzt jedoch ohne Leben war, abgestorben, aber von einer faszinierenden Schönheit. „Ein Naturkunstwerk", erkannte der Künstler Driessen und bat den Kopf schüttelnden Bauern, ihm diese gewachsene Rarität von seiner Wiese zu überlassen.
Hein bekam die Weide, die eigentlich gar keine Weide ist. Denn, so stellte nach ihrer Beton-Verwurzelung auf der Promenade vor Heins Galerie ein richtiger Baumdoktor fest, ist die Weide eine Esche (Fraximus exelcior). Wieder dieses Lausbuben-Lachen von Driessen, der erneut den lieben Gott ins Spiel bringt: „Der kam vorbei und sah, dass die Weide zusammenzufallen
drohte. Da sagte er: Du bist so schön, ich verwandel' dich in eine Esche." Eschen, muss man wissen, sind viel widerstandsfähiger als niederrheinische Weiden.
Der Hüsch-Baum stand dann 15 Jahre auf der Promenade, geschmückt mit einem von Driessen geschnitzten Porträt.
Hüsch hat sie oft besucht vor seinem Tod am 6. Dezember 2005. Dann kamen die Bagger, weil die Ufermeile vor Hochwasser geschützt werden soll. Hüschs Baum, der aussieht wie eine Weide, musste weg. Und da hatte Driessen wieder eine Idee. In Bronze soll der gegossen werden für die Ewigkeit. Aber das liebe Geld?! Woher nehmen, wenn nicht stehlen.
Driessen wäre nicht Driessen, wenn er nicht nach einer feinen Lösung suchen würde. Sponsoren müssen her. Also schrieb er Briefe, gut 400 an der Zahl. Der damalige NRW-Ministerpräsident Peer
Steinbrück war der erste, der ins Portemonnaie griff. Viele, etwa 100 taten es ihm gleich. Auch Nachfolger Rüttgers, auch Finanzminister Linssen, auch Staatssekretärin Barbara
Hendricks, auch NRZ-Herausgeber Heinrich Meyer und Hertha Schieck. Die ist schon 91 Jahre alt und freut sich auf den Baum.
Die holländische Gießerei von Gerrit Stijlaart in Tiel zwischen Nimwegen und Rotterdam besitzt die Fähigkeiten, die Driessen suchte. Der Baum
wurde in die Niederlande transportiert, dort in Silikon geformt, dann eine Negativform in Ton hergestellt und schließlich in fünf Teilen mit Bronze ausgegossen.
Der Humor verband die Freunde
Stück für Stück wurde bezahlt, weil der Maler Euro für Euro zusammensammeln musste. Schließlich waren die benötigten 19000 Euro auf dem von der Stadtverwaltung
betreutem Konto beieinander. Aber was ist mit der Mehrwertsteuer, Minher? Emmerichs Stadtverwaltung sprang ein. Hein und
Hüsch waren gerettet.
Übrigens lässt bei Stijlaart auch die künstlerisch werkelnde Oranje-Königin Beatrix gießen. Driessens Kommentar: „Für Hanns Dieter die richtige Werkstatt." Aus seinen herzlichen Nachreden auf diesen schrulligen, kritischen, bissigen, sanften, in seiner Art einzigartigen Literaten klingt eine tiefe Freundschaft. Die beiden Männer verbanden auch der gemeinsame Humor und die Arbeit. Bücher machten sie gemeinsam,
Hüsch schrieb, Hein zeichnete. Das Letzte mit dem heiteren Titel „Mein Traum vom Niederrhein" wurde ein Verkaufsschlager. Für den Erhalt der Hetter fielen allein 160000 Euro ab.
Hüsch soll das letzte Wort haben, sind es doch die letzten Worte aus diesem heiteren Buch:
„Und dann war ich schon bald zu Haus, und dann versammeln sich alle Jahre und Tage in meinem Kopf, der Duft des Niederrheins steigt mir in die Nase und bringt mich um den Schlaf. Und immer von neuem kommen die Lieder und Träume, die Erinnerung und die Fantasie und das plötzliche Ende von allem am Niederrhein." Tach zusammen. (NRZ)
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