Christof Siemes (dem Autor des Romans "Wunder von Bern", erschienen beim Verlag Kiepenheuer & Witsch)

Kleine Theorie einer Gegend, in der nichts ernst genommen wird

Dat is doch alles Quatsch

Was gibt's denn da zu lachen? Der Niederrhein. Landschaft kann man das ja nicht mehr nennen, eher Gegend. Ist halt da. Verstümmeltes Flachland, plattgemacht von den kilometerdicken Eispackungen des Pleistozäns, von zahllosen Rübenbauerngenerationen entstellt, von Rheinbrauns Kohlebaggern endgültig zerfressen. Hat keinen richtigen Anfang unten im Süden, da muss man sich was denken eine Linie von Aachen zum Rhein. Nördlich davon, dat isset. Oder so. Aufhören tut et aber auch nich richtich, läppert so weg bei Zyfllich und Schenkenschanz und Emmerich nach Holland rüber. Endlos trostlos fünfzig bis siebzig Tage Nebel im Jahr, wejen dem feuchten Boden. Sogar die Bäume sind hier Krüppel: Kopfweiden; in jungen Jahren schlägt man ihnen die Spitze weg, und auch danach immer wieder, damit auf der Narbe neue, biegsame Ruten wachsen. Die Geköpften wurzeln melancholisch in der Nebelsuppe. Und das soll lustig sein?

Muss wohl. Jedenfalls gibt es neben dem Neandertaler, der ja ein Mettmanner ist, einige Ureinwohner dieser Unkulturlandschaft, die Erkleckliches zur allgemeinen Erheiterung der restlichen Menschheit beigetragen haben. Heinrich Heine. Die Fun-Punker von den Toten Hosen. Joseph Beuys natürlich, dessen verschmitzter Hasenkult samt Erdtelephon nirgends anders gedeihen konnte als auf den fruchtbarkeitsstrotzenden Äckern bei Rindern, das wiederum in der Nähe von Kleve liegt.

Am Niederrhein haben immer alle recht

Obwohl... Womit wir zum Lieblingswort des Niederrheiners und anderen syntaktischen Rückzugsmanövern kämen, die den Kern seines Witzweltverständnisses bilden. Denn eigentlich will er alles dann doch nicht so gemeint haben. Obwohl "Mit einem Niederrheiner können Sie ja keinen Streit kriegen", sagt Hanns Dieter Hüsch, der, obwohl schon früh nach Mainz und später nach Köln emigriert, so etwas wie der Chefideologe des Niederrheins geworden ist. "Keine Dramen, bitte, keine Dramen." Denn letztlich ist doch alles, was wir hier unten auf unserer Erdkrume treiben, ziemlich albern. Also alles bloß nicht zu ernst nehmen, nix abschließend behaupten. Kann ja morgen schon wieder anders sein. Und so sollte, wer einmal im Leben immer recht haben will. an den Niederrhein fahren. Hier ehrt man noch den größten Phantasten durch freundlich-verhaltene Zustimmung. Jaaa, wenn de dat so siehst, hasse auch wieder recht.

Das ist kein Opportunismus, sondern bauchgesteuerte Dialektik. Denn umgekehrt ist der Niederrheiner zunächst auch ein geborener Widersprecher. Wenigstens sprachlich will er ein Aufständischer sein, getreu dem Geiste seiner Vorfahren um den Vogelfreien Mathias Weber, den "Fetzer", der mit seiner Bande auf der Bönninghardt hauste, einem Hügelrücken nördlich von Kamp-Lintfort. Keine Behauptung, erst recht kein Edikt von oben einfach hinnehmen. Natürlich auch keinen Aufstand machen, keine Dramen, bitte, das gilt. Aber man wird doch wohl was sagen dürfen. Deshalb sagt der Niederrheiner prophylaktisch immer schon mal: "Dat is doch alles Quatsch, wat du da sachs."

Quatsch, noch so ein Urwort, niederrheinisch. Wie das zu seinem grenzenlosen Einverständnis mit allem und jedermann passt? Tja, das ist eben die Dialektik. Und die ist bekanntlich eine Witzwurzel, überall auf der Welt. Aber hier ist sie flächendeckend. Im Nein das Ja. Damit es später nicht heißt: Hättse mal wat jesacht.

Ihre künstlerisch wertvollste Ausformung erfährt diese Denkfigur in der rheinischen Gegenfrage. Wie isset? - Wie sollet schon sein?! - Aber wie war et denn? Wie sollet schon jewesen sein?! Die Gegenfrage wird im aggressiven Tonfall gestellt und geht davon aus, dass, wer zuerst fragt, unrecht hat: Ich hab' keine Ahnung, und du bist schuld. Aber auch von dort findet der Niederrheiner, Friedensstifter durch und durch, in einer furchtlosen Wendung zurück zur Harmonie. So ungefähr jedenfalls. Obwohl "Also die Chinesen", sagt Hüsch, "halten ja Genauigkeit für eine Form der Unhöflichkeit. Das trifft auch auf uns Niederrheiner zu."

Das hat Gründe. Der Niederrhein war immer Grenzland, Durchzugsland. Hier hatte jeder mal was zu kamellen, Römer, Franken. Spanier, Holländer, Franzosen, Preußen. Deshalb haben diejenigen, über deren Köpfe da hinwegregiert und -gefochten wurde, aus der Not eine Lebensphilosophie gemacht: das Beste sich aneignen, den Rest aussitzen. Von den Franzosen 'n bisken Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit (fragen Sie da nur mal den Düsseldorfer Heine nach!) und sprachliches Laisser-faire (so sagt man, adieu im Sinn, tschööö und nicht tschüs). Und von den Preußen die Disziplin, um bei all dem Hin und Her nicht den Überblick zu verlieren. Jedenfalls wurde der Niederrheiner zum Kosmopoliten, ohne sich von der Stelle bewegen zu müssen. Schon im 1. Jahrhundert hat man in Neuss Reis aus Indien und Feigen gegessen! Bis zu den Knöcheln im Schlamm, aber in der Nase den Geruch der weiten Welt.

Und im Kopf ein Sammelsurium, eine profunde Halbbildung. Der Niederrheiner, noch so ein Hüsch-Satz, weiß nichts, kann aber alles erklären. Die bescheidene Auskunft: "Das weiß ich nicht" kommt im Wortschatz des Niederrheiners nicht vor. Lieber vermutet er, bis er sich über einen Abgrund von Nichtwissen geredet hat und den Absturz nur durch die dialektische Volte verhindert: oder so ungefähr jedenfalls.

Das Wesen des Niederrheinischen ist die Kunst der reinen Vermutung, seine sprachliche Form ein hemmungslos assoziierendes Schwadronieren. Der Satzbau ist wie die Gegend: weit und ungegliedert. Punkt und Komma sind selten, Redundanzen nicht. Von Omma ihr neues Korsett zu den bedrohten Völkern des Hindukusch in nur einem Halbsatz - das kann hier jeder, und zwar mehrmals hintereinander.

Stets treibt den Niederrheiner der Horror taciti um, die Furcht vor dem nicht Erwähnten. So beginnt er seine Erzählungen meist mit dem Unwichtigsten, um sich endlos steigern zu können. Seine Mitmenschen sind ihm dabei mit der abgeschwächten Form der Gegenfrage gerne behilflich, und so mäandriert er durch endlose Verwandtschaftsketten und Krankheitsgeschichten: Dem Maria, also du weiß ja, die Frau von dem Peter sein Schwäjerin aus Uevekoven, also der isset ja nich jut. - Wie, nich jut!? - Ja, die is in Erkelenz im Krankenhaus. Wie, Erkelenz. Krankenhaus!? Ja, die hat Krebs. - Wie, Krebs!? Ja, ich weiß auch nich.

Das Gerede ist wie das Land: grenzenlos

Des Lebens Essenz, Essen und Sterben und dazwischen krank sein - dazu hat der Niederrheiner immer was sagen. Nicht zur Haute cuisine natürlich: das Hauptnahrungsmittel seiner Vorfahren hieß Papp und dürfte auch so geschmeckt haben. Und ein Schnellesser ist er auch, was wiederum letzte dialektische Wendung für heute - unmittelbar mit seiner Redelust zusammenhängt: Hier spart er gegenüber dem herkömmlichen Deutschen täglich siebzig Minuten ein, die er dann, so sagen zumindest Nordrhein-Westfalens Statistiker, für "soziale Kontakte" verwendet. Dahinter verbirgt sich so etwas wie der niederrheinische Beerdigungskaffee, wo bei Rosinenweißbrot mit Käse über nasse Rippenfellentzündungen geredet wird, bis selbst Freund Hein die Lust am Sterben vergeht. So lebt er hin, der Niederrheiner, vollgefuttert und wortgewaltig wie die Allerheiligenlitanei. Currywurst eleison.

Und das alles soll lustig sein? - Wie, das soll lustig sein?!

Aus dem ZEITmagazin Nr. 6 vom 2. Februar 1996 (gekürzt).

zuletzt bearbeit am 06.02.2004