"...
Überhaupt sind wir hier an der Grenze der Niederlande wieder in sagen- und
märchenreiches Gebiet eingetreten, zu welchem Zweck als passende Illustration
sich die flache Rheingegend hier bei Cleve noch einmal zu stattlichen
Höhenzügen erhoben hat, die mit reizenden Anlagen, Gärten und Villen,
hübsche Spaziergänge bildend, die Stadt umgeben und sich bis zu dem alten,
prächtigen Reichswalde hinziehen, dessen mächtige Bäume, riesige Eichen und
Buchen nicht nur den Spaziergängern Schatten geben, sondern auch heute noch
das Andenken an die anmuthige Sage von Otto dem Schütz bergen.
Doch
unwillkürlich erhebt sich unser Blick zu jenem mächtigen Bauwerke, das die
Stadt überragt, dem Schwanenthurm. Und in Gedanken lauschen wir dem Flüstern
des Windes und dem Knarren des Schwanes, der ihm als Wetterfahne dient, um
hier an der Grenze des deutschen Landes noch eine der Schönsten von all den
Sagen zu hören, die wie eine anmuthige Girlande dem Laufe des Rheines folgen:
die Sage des Ritters Lohengrin, wie sie uns Wolfgang Müller von Königswinter
so einfach und schön erzählt.
Cleve
ist eine hübsche, freundliche Stadt, die ihrer Ruhe und Wohlfeilheit wegen
gerne von Solchen aufgesucht wird, die ein müh- und arbeitsvolles Leben
hinter sich haben und sind es von Fremden, Die Cleve besuchen, besonders
Holländer, welche an den reizenden Hügeln um Cleve mit ihren schattigen
Wäldern und hübschen Thälern, Schönheiten der Natur suchen und finden, die
ihnen die Einförmigkeit ihres flachen Landes nicht zu bieten vermag.
Das
Rheindelta breitet sich jetzt unabsehbar vor unsern Blicken aus, während wir
bei Emmerich, der freundlichen Rheinstadt, wo sich der Einfluß holländischen
Wesens schon ganz besonders geltend macht, vorüberdampfen. Die Fähre mit
ihren durch Ketten verbundenen Kähnen fluthet in behaglicher Langsamkeit von
einem Ufer zum anderen und während wir am Ufer zahlreiche Schiffe sehen,
deren Flaggen die holländischen Landesfarben zeigen, hören wir vom alten
grauen Thurm der Münsterkirche lustiges Glockenspiel wie ein fröhliches
Willkommen der Niederlande.
Doch
wollen wir hier, an der äußersten Grenze des deutschen Vaterlandes, wo nur
eine versumpftes Rheinstück - der halbvertrocknete Oude Rhyn, alter Rhein -
schon einen Vorgeschmack gibt, wie mit dem Namen des schönsten deutschen
Flusses verfahren wurde, noch eine Blick zurückwerfen auf die vor unseren
Augen verschwindende Stadt des Schwanenritters, und wenn sie uns der Zeichner
statt im Schmuck der Bäume in einer Schneelandschaft zeigt, so hat er
vielleicht dabei die löbliche Absicht, uns durch dies ernste winterliche Bild
den Abschied von den heimathlichen Rheinufern zu erleichtern...."