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am Niederrhein erzeugt man
Margarine, ohne damit der Schönheit der Stadt zu schaden. Sie
lag einmal am Rhein. Der Fluss hat sich selbst von ihr entfernt,
was unrecht von ihm war. Schon im 11. Jahrhundert mussten die
Klever Bürger einen Kanal bauen, um die Beziehungen zum Rhein
wiederaufzunehmen.
Kleve
hat auch einen holländischen Namen: es heißt Kleef und könnte
eine holländische Stadt sein. Die Einwohner haben runde, blonde
stille Gesichter, ich glaube, sie regen sich nicht gern auf, sie
könnten ganz gut Holländer sein. Wenn man im Baedecker liest,
dass die Holländer des Sommers gern in Kleve weilen, so macht
man sich allerlei keineswegs böse, sondern natürliche Gedanken
und freut sich der guten Beziehungen wenigstens zu einem unserer
Nachbarstaaten sowie des guten Geschmacks der Holländer.
Rings
um Kleve ist die Natur schon holländisch. Die kleinen Hügel
wagen nicht, aufzutreten, die Erde weitet sich flach und grün
und fett und speist den wandernden Blick des Betrachters mit
reichlicher, endloser Horizont-Nahrung. Blühende Obstbäume
sind zwischen die Wiesen gestreut, in kleinen Gärten, vor
kleine, blanke Häuser, und das Sonnenlicht in diesem Lande
leuchtet immer hinter einem dünnen Schleier aus silberner Luft.
Wenn
es einen landschaftlichen Ausdruck für Pazifismus gäbe - hier
ist er. An dieser Grenze kann hoffentlich niemals ein Krieg
ausbrechen. Diese Erde ist für Spaziergänger da, nicht für
Marschierende. Für Spaziergänger, ich meine: langsam, ohne
Ziel Wandernde. Man wird hier nicht müde. Die Rast ist in der
Wanderung eingeschlossen. Das versöhnlich-sanfte Leuchten der
Natur und das zart rosa und weiße Licht der Blüten beruhigen,
machen friedlich, die weiche Erde trägt den Fuß, die
Landschaft kommt den Wanderer entgegen, der Weg bietet sich ihm
dar, die Straße führt ihn selbsttätig. Immer ist über seinem
Haupt der melodische Lärm der unsichtbaren Lerchen wie ein
Baldachin aus Gesang. Die Landschaft ist gut, sanft, freudig und
von Wundern voll, die nicht erschrecken. Es ist eine
pfingstliche Landschaft.
Durch
die Mitte der Stadt, an freundlichen Läden vorbei, die immer
offen sind, führt eine lange, ein wenig krumme Straße. Sie führt
vom Bahnhof in den Tiergarten. Rechts in der Seitenstraße eine
Kirche, links ahnt man nur den großen Platz um die große alte
Kirche und das Schloss, in dessen Umgebung auch am helllichten
Tage ein besonderer Dämmer für Liebende eingerichtet ist. Dort
sah ich ein paar Menschen jener Seligkeit frönen, die man Liebe
nennt. In den Seitenstraßen spielen unzählige Folgen dieser
Seligkeit. Kleve hat mehr als 20.000 Einwohner, davon werden, so
scheint es mir, 4.000 Kinder sein. Sie spielen in den kleinen,
bergigen Gassen, die hinauf, hinunter, steil, sanft, abschüssig
auf Treppen laufen. Es sind verspielte Gassen, und ich wollte,
ich wäre in einer dieser Gassen ein Kind gewesen.
Einen
Schutzmann sieht man nur am Sonntag. Es ist ein freundlicher
Herr, der den starken Verkehr von den Kirchen zum Korso sich
regeln lässt. Denn die Menschen sind fromm in Kleve, sie stehen vor der überfüllten
Kirche und hören mit einem, aber keineswegs halbem Ohr die
Predigt und mit dem anderen schon die Glocken, gewissermaßen
die Rede des Pfarrers und die Antwort des Himmels auf einmal.
Dann wandern die jungen Mädchen in breiten Reihen durch die
Straßen, und die jungen Männer warten an der Straßenecke,
indes die Väter vor den Türen stehen, wie in den Bilderbüchern.
Es ist der echteste Sonntag, den ich je erlebt habe, ein
Sonntag, der fast eine Sensation ist und von dem Glanz einer großstädtischen
Premiere.
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