Joseph Roth, Ende der zwanziger Jahre

Frankfurter Zeitung vom 31. Mai 1925:

 

Joseph Roth - 

In Kleve ...

... am Niederrhein erzeugt man Margarine, ohne damit der Schönheit der Stadt zu schaden. Sie lag einmal am Rhein. Der Fluss hat sich selbst von ihr entfernt, was unrecht von ihm war. Schon im 11. Jahrhundert mussten die Klever Bürger einen Kanal bauen, um die Beziehungen zum Rhein wiederaufzunehmen.

Kleve hat auch einen holländischen Namen: es heißt Kleef und könnte eine holländische Stadt sein. Die Einwohner haben runde, blonde stille Gesichter, ich glaube, sie regen sich nicht gern auf, sie könnten ganz gut Holländer sein. Wenn man im Baedecker liest, dass die Holländer des Sommers gern in Kleve weilen, so macht man sich allerlei keineswegs böse, sondern natürliche Gedanken und freut sich der guten Beziehungen wenigstens zu einem unserer Nachbarstaaten sowie des guten Geschmacks der Holländer.

Rings um Kleve ist die Natur schon holländisch. Die kleinen Hügel wagen nicht, aufzutreten, die Erde weitet sich flach und grün und fett und speist den wandernden Blick des Betrachters mit reichlicher, endloser Horizont-Nahrung. Blühende Obstbäume sind zwischen die Wiesen gestreut, in kleinen Gärten, vor kleine, blanke Häuser, und das Sonnenlicht in diesem Lande leuchtet immer hinter einem dünnen Schleier aus silberner Luft.

Wenn es einen landschaftlichen Ausdruck für Pazifismus gäbe - hier ist er. An dieser Grenze kann hoffentlich niemals ein Krieg ausbrechen. Diese Erde ist für Spaziergänger da, nicht für Marschierende. Für Spaziergänger, ich meine: langsam, ohne Ziel Wandernde. Man wird hier nicht müde. Die Rast ist in der Wanderung eingeschlossen. Das versöhnlich-sanfte Leuchten der Natur und das zart rosa und weiße Licht der Blüten beruhigen, machen friedlich, die weiche Erde trägt den Fuß, die Landschaft kommt den Wanderer entgegen, der Weg bietet sich ihm dar, die Straße führt ihn selbsttätig. Immer ist über seinem Haupt der melodische Lärm der unsichtbaren Lerchen wie ein Baldachin aus Gesang. Die Landschaft ist gut, sanft, freudig und von Wundern voll, die nicht erschrecken. Es ist eine pfingstliche Landschaft.

Durch die Mitte der Stadt, an freundlichen Läden vorbei, die immer offen sind, führt eine lange, ein wenig krumme Straße. Sie führt vom Bahnhof in den Tiergarten. Rechts in der Seitenstraße eine Kirche, links ahnt man nur den großen Platz um die große alte Kirche und das Schloss, in dessen Umgebung auch am helllichten Tage ein besonderer Dämmer für Liebende eingerichtet ist. Dort sah ich ein paar Menschen jener Seligkeit frönen, die man Liebe nennt. In den Seitenstraßen spielen unzählige Folgen dieser Seligkeit. Kleve hat mehr als 20.000 Einwohner, davon werden, so scheint es mir, 4.000 Kinder sein. Sie spielen in den kleinen, bergigen Gassen, die hinauf, hinunter, steil, sanft, abschüssig auf Treppen laufen. Es sind verspielte Gassen, und ich wollte, ich wäre in einer dieser Gassen ein Kind gewesen.

Einen Schutzmann sieht man nur am Sonntag. Es ist ein freundlicher Herr, der den starken Verkehr von den Kirchen zum Korso sich regeln lässt. Denn die Menschen sind fromm in Kleve, sie stehen vor der überfüllten Kirche und hören mit einem, aber keineswegs halbem Ohr die Predigt und mit dem anderen schon die Glocken, gewissermaßen die Rede des Pfarrers und die Antwort des Himmels auf einmal. Dann wandern die jungen Mädchen in breiten Reihen durch die Straßen, und die jungen Männer warten an der Straßenecke, indes die Väter vor den Türen stehen, wie in den Bilderbüchern. Es ist der echteste Sonntag, den ich je erlebt habe, ein Sonntag, der fast eine Sensation ist und von dem Glanz einer großstädtischen Premiere.

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zuletzt bearbeit am 11.10.2004