|
"Denken
Sie doch - was kann da nicht alles vorgekommen sein in
einer alten Familie. Vom Rhein - noch dazu. Vom Rhein.
Von der großen Völkermühle. Von der Kelter Europas!
Und jetzt stellen Sie sich doch mal Ihre Ahnenreihe vor
- seit Christi Geburt. Da war ein römischer
Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie 'ne reife
Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein
beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler
in die Familie - das war ein ernster Mensch, der ist
noch vor der Heirat Christ geworden und hat die
katholische Haustradition begründet. - Und dann kam ein
griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär,
ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter,
ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein
Schwarzwälder Flößer, ein wandernder Müllerbursch
vom Elsaß, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar,
ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer
Schauspieler, ein böhmischer Musikant - das hat alles
am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und
Kinder gezeugt - und - und der Goethe, der kam aus dem
selben Topf, und der Beethoven, und der Gutenberg, und
der Matthias Grünewald, und - ach, was, schau im
Lexikon nach. Es waren die Besten, mein Lieber! Die
Besten der Welt! Und warum? Weil sich die Völker dort
vermischt haben. Vermischt - wie die Wasser aus Quellen
und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen,
lebendigen Strom zusammenrinnen."
Aus: Carl
Zuckmayer: Des Teufels General.
(C) Bermann-Fischer Verlag, Stockholm 1946. Alle Rechte
vorbehalten S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main.
|